V. Der Hunsrück nebst dem Nahe-, Saar- und Moseltal.
Der Hunsrück.
Der Hunsrück ist ein geographisch scharf abgegrenztes Gebiet. Im Osten trennt ihn die etwa 200 m tiefe Rheinfurche von dem Taunus, im Norden zieht die Mosel eine fast ebenso tiefe Furche als Scheidelinie gegen die Eifel, im Westen bezeichnet der bedeutendste Zufluß der Mosel, die wasserreiche Saar, die Grenze, und nur im Süden ist die Abgrenzung des Gebietes nicht so scharf. Im Südosten bildet die Nahe als ein kleinerer Fluß schon eine viel weniger deutlich ausgeprägte Grenzlinie, und im Südwesten geht der Hunsrück unmerklich in das hügelige Gelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges über. Schwieriger ist es, den Hunsrück auch als eine geologische Einheit abzugrenzen. Mit dem Taunus stimmt er in seinem inneren Bau so überein, daß der eine als die Fortsetzung des anderen betrachtet werden muß und die nachfolgenden geologischen Bemerkungen auch für jenen gelten können. Der von den Geologen mit Vorliebe für den Hunsrück gebrauchte Name „Linksrheinischer Taunus“ drückt die Zusammengehörigkeit der beiden Gebiete deutlich aus. Die Rheinfurche ist nichts weiter als ein großartiger Durchschnitt durch die Taunusfalte des Rheinischen Schiefergebirges, und einen zweiten Durchschnitt schuf fern im Westen, wo diese Erdfalte noch nicht völlig verflacht ist, die Saar. Erst eine kleine Strecke westlich von dieser Talfurche tauchen die Schichten des Hunsrück unter die lothringische Trias unter. Im Norden kommt der Moselfurche in geologischer Hinsicht eine ganz andere Bedeutung zu als der Rheinfurche. Sie trennt die Taunus-Hunsrückfalte von dem ebenfalls nordöstlich gerichteten Faltensystem der Eifel. In der Moselsenkung fanden auch nach der Aufrichtung jener Faltengebirge noch neue Erdbildungen statt. Das Buntsandsteinmeer und in noch jüngerer Zeit das Jurameer griffen von Westen in dieselbe hinein und ließen wenigstens im westlichen Teile ihre Bildungen entstehen. Im Osten aber, in der Verlängerung der Moselfurche, brach das Senkungsfeld des Neuwieder Beckens ein, das die vier großen Schollen des Rheinischen Schiefergebirges, Taunus, Hunsrück, Eifel und Westerwald, auf der Ecke, wo sie zusammenstoßen würden, deutlicher voneinander trennte, als es Flußtäler vermögen. Im Süden bezeichnet die Diskordanz (= ungleiche Lagerung) der karbonischen Schichten des Saarbrückener Steinkohlengebirges und des Rotliegenden, die die Faltenbewegung des Hunsrück nicht mehr zeigen, also erst nach dieser entstanden sind, dessen Grenze. Im Gebiet des Rotliegenden fanden, in der Nahegegend, die vulkanischen Ausbrüche des schwärzlichen Melaphyr- und des rötlichen Porphyrgesteins statt.
Abb. 87. Kirn und die Kyrburg. (Zu [Seite 94].)
Der Hunsrück, Entstehung und Namen.
Über die Herkunft des Namens Hunsrück ist viel herumgestritten worden, und noch immer scheinen die Geister nicht einig zu sein. Drei Deutungen streiten miteinander. An „Hundesrücken“ zu denken, legte der Klang des Wortes nahe. Die Namengebung wäre dann verwandt mit der des „Katzenbuckel“ im südlichen Odenwald. Aber gerade jene Deutung wurde viel bekämpft und ihr die Ableitung von „Hünenrücken“ = hoher Rücken entgegengestellt, bis neuerdings Gymnasialdirektor Back im „Hochwald- und Hunsrückführer“ wieder für die zuerst genannte Ableitung eingetreten ist. Er stützt sich hierbei auf das Vorkommen eines alten Gaunamens, der „Hundesrucha“ hieß. „Dieser Gau umfaßte,“ so schrieb Back, „den höchsten Teil der Hochfläche in der nordöstlichen Hälfte unseres Gebirgslandes. Dieser bildet aber einen von Nordosten nach Südwesten ziehenden Rücken, der nach beiden Enden hin — im Hochwald und in der Halfter Heide — sich erhebt, in der Mitte mäßig eingesenkt ist. Darin liegt die Erklärung des Namens, indem das Eigentümliche des Hunderückens die in der Mitte etwas eingesenkte Gestalt ist.“ Diese Beweisführung erscheint wohl begründet. Dennoch vermag sie nicht alle Zweifel zu beseitigen. Es kommt darauf an, ob nicht schon der alte Gauname „Hundesrucha“ eine fehlerhafte Übertragung eines noch älteren Namens ist, da doch das Bild des eingesenkten Hunderückens ein etwas eigentümliches ist. In jüngster Zeit ist eine andere Deutung versucht worden, die davon ausgeht, daß das Wort „hun“ die Bedeutung von schwarzes, dunkel hätte, Hunsrück also „dunkler Rücken“ heißen würde. Wichtiger als der Streit um die Herkunft des Namens ist die Tatsache, daß er früher nur einen kleinen Teil des oben umgrenzten Gebietes bezeichnete, und daß man heute im Lande selbst unter Hunsrück nur die Hochflächen versteht, die dem eigentlichen Gebirgszuge nach Norden zur Mosel hin vorgelagert sind, daß dieser selbst aber in seinen einzelnen Abschnitten und Parallelketten ganz andere Namen führt. Es steigt der Moselaner, der Coblenzer, der Bopparder hinauf zum Hunsrück, aber der Bewohner des Nahetals wandert zum Soon-, zum Hoch- und Idarwalde, und vom Hunsrück spricht er nicht.
Abb. 88. Schloß Dhaun. (Zu [Seite 94].)
Abb. 89. Oberstein. (Zu [Seite 94].)
Abb. 90. Saarburg. (Zu [Seite 100].)
Abb. 91. Die Klause bei Saarburg. (Zu [Seite 100].)
Der Hunsrück.
Schon aus dem Gebrauch verschiedener Namen für das vom Geographen zu einer Einheit erhobene Gebiet können wir folgern, daß dessen Oberflächenbild ein wechselndes ist, daß es völlig verschiedene Landschaften in sich schließt. Wir müssen unterscheiden zwischen waldgeschmückten Bergrücken, die hoch das Land überragen, und zwischen einförmigen, schwachwelligen Hochflächen, die sich südlich und nördlich von diesen ausdehnen, schmäler im Süden, breiter im Norden. Es sind also die nämlichen Gegensätze wie beim Taunus vorhanden. Zwischen den beiden Gebieten bestehen nur die Unterschiede, daß letzterem bloß im Norden eine breite Hochfläche vorgelagert ist, nicht aber im Süden, ferner, daß die Taunuskette höher ist. Landschaftlich kommen diese Unterschiede sehr zur Wirkung. Wir finden am Südfuße des Hunsrück, wegen der dort vorgelagerten Hochfläche, kaum einen solch günstigen Standpunkt, wie ihn die Gegend von Frankfurt für die Betrachtung des Taunus, um die fortlaufende Linie der unmittelbar aus dem Tieflande aufsteigenden Höhenkette klar überschauen und verfolgen zu können, darbietet. Wir müssen ferngelegene Erhebungen, wie den Donnersberg in der Pfalz, aufsuchen, um ein übersichtliches Gesamtbild zu erhalten. Fänden wir aber auch in der Nähe einen geeigneten Standpunkt, so würde das Bild unseren Erwartungen doch wenig entsprechen, weniger weil die Höhe der Bergzüge des Hunsrück, die doch immerhin durchschnittlich 700 m beträgt, nicht bedeutend genug wäre, als vielmehr, weil keine so geschlossene Kette wie die des Taunus vor uns läge. Die Bergzüge des Hunsrück sind mehrfach unterbrochen und laufen streckenweise nebeneinander her. Am Rhein steigt zunächst, als unmittelbare Fortsetzung des Taunus, der Soonwald auf. Es folgt, durch eine ziemlich tiefe Senke getrennt und mehr nach Nordwesten verschoben, aber in gleicher Richtung von Nordosten nach Südwesten verlaufend, der Idarwald, in dem der Idarkopf die Höhe von 745 m erreicht. Mit ihm hängt der Rücken des Hochwaldes unmittelbar zusammen. Er ist die bedeutendste Erhebung des Hunsrück und steigt im Erbeskopf, dem höchsten Punkt der Rheinprovinz, zu 816 m an. Das vierte und letzte, in der Nähe der Saar gelegene Glied des hohen Hunsrück ist der Errwald. Außerdem sind noch mehrere Parallelzüge vorhanden. Die Hochflächen des Hunsrück, die schmälere im Süden und die breitere im Norden, liegen durchschnittlich 400–500 m hoch. Sie senken sich etwas zur Mosel und Nahe hin.
Abb. 92. Trier, vom Petersberg gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 101].)
Abb. 93. Hauptmarkt, St. Gangolfskirche und Rotes Haus in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 101].)
Entstehung des Hunsrück.
Als ein stark abgetragenes Gebirge, das nur noch in seinen Grundresten stehen geblieben ist, hat der Hunsrück gleich dem Taunus heute ein ganz anderes Oberflächenbild als früher. Mit seiner Höhe büßte er auch seine Farbenpracht ein. Die Längsachse der Auffaltung lag auch bei ihm südlich von dem jetzigen Hauptzuge des Gebirges. Aber die ältesten Gesteine des Hunsrück, kristallinische Sericite und Phyllite, die bei der Aufwölbung aus tieferem Erdinnern hervortraten, wurden als die weicheren stärker abgetragen. Sie bilden eine schmale Zone im südlichen Hunsrück. Über ihr genaues Alter streitet man sich ebenso wie über das der alten Gesteinsschichten, die am Südrande des Taunus auftreten. Ein Teil der Geologen hält wenigstens die Sericite für cambrisch, während Lossen diese, sowie auch die Phyllite des Hunsrück als metamorphosierte, d. h. kristallinisch umgewandelte Unterdevongesteine ansieht. Die härteren Taunusquarzite, die als das nächstfolgende jüngere Gestein bei der Auffaltung seitwärts in eine Nebenzone gedrängt worden waren, widerstanden der Verwitterung und den zerstörenden Kräften des Wassers besser und wurden allmählich Hauptgebirgswall. Die noch jüngeren Schichten, Hunsrückschiefer und Koblenzschichten, die noch mehr seitwärts gedrückt worden waren, wurden als weichere Gesteine stärker und zugleich sehr gleichmäßig abgetragen. So entstand im Norden, wo diese Gesteinsschichten eine breite Zone einnehmen, während sie im Süden fehlen, eine weite, schwachwellige Hochfläche, der eigentliche Hunsrück.
Abb. 94. Die Porta nigra in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 102].)
Abb. 95. Der Kaiserpalast in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 102].)
Abb. 96. Der Dom und die Liebfrauenkirche in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 102] u. [104].)
Hunsrück-Landschaft.
Große Formenschönheit entfaltet das Gebirge auf seiner Oberfläche nirgendwo. Auch die höher hervorragenden Quarzitrücken sind einförmig gestaltet. Sie steigen sanft an und bilden langgezogene Gewölbe. Schwache Erhöhungen deuten die Hauptgipfel an, von deren oberster Spitze sich nirgendwo eine Aussicht auf formenreiche Landschaften öffnet. Auch fehlt der Blick hinab auf eine kulturreiche Ebene, wie ihn z. B. im Riesengebirge die Schneekoppe, wie ihn auch die Höhe des Taunus nach Süden hin bietet. Nur kleine Siedelungen liegen über die wellige Hochfläche zerstreut. Sie sind entweder an die sanft ansteigenden Bergabhänge gelehnt, so daß man sie in den Mulden des Landes kaum zu finden weiß, oder sie liegen freier auf hervorragenden Punkten, von denen hier und da ein fernes Kirchlein zu uns herüber winkt. In unserer nächsten Nähe, auf dem breiten Quarzrücken selbst, sehen wir nichts als Wald. Durch herrlichen Hochwald stiegen wir ja in dreistündigem Marsche empor, und im Schatten riesiger Buchen und Eichen hielten wir Rast. Das ist noch echt deutsche Waldespracht, wie wir sie nur noch in wenigen Teilen des Vaterlandes finden, ein Bild, wie es vor zwei Jahrtausenden die Vorfahren schauten, die noch den Auerochs jagten. Auch heute winkt noch im Hunsrück des Weidmanns Heil. Als die herrlichsten Forsten, als die besten Jagdgründe Rheinlands, gelten die schönen Waldbestände des Hochwalds, und leidenschaftliche Jäger scheuen weite Reisen nicht, um in dieser Waldesherrlichkeit Hirsch und Reh, Wildschwein und Fuchs jagen zu können.
Ringwälle. Land und Volk.
In vorhistorischer Zeit dienten einige der waldigen Höhen des Hunsrück den Bewohnern bei feindlichen Einfällen als Zufluchtsstätten. Vielleicht waren solche Berge, deren Scheitel mit mächtigen Ringwällen umgeben wurde, zugleich auch Kultusstätten. Der bekannteste Ringwall und einer der größten in den Rheinlanden ist der von Otzenhausen, im Volksmunde einfach der „Ring“ genannt. Er ist meist 25 bis 30 m hoch, oben noch 5 bis 8 m breit und umzieht in ovaler Form in fast 2 km Länge die Spitze des Berges. Im Inneren des so umschlossenen Schutzgebietes liegt eine Quelle; denn Wasser durfte in dem befestigten Berglager nicht fehlen.
Abb. 97. Innenansicht des Trierer Domes mit Hochaltar.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 102].)
Während der Quarzitboden wohl ein guter Waldboden ist, eignet er sich für den Getreidebau weniger, weil er zu wenig Tongehalt hat und daher zu sandig ist. So hatte man keine Veranlassung, die herrlichen Forsten, mit denen die Granitrücken geschmückt sind, auszuroden. Auf den weiten Hochflächen, besonders des nördlichen Hunsrück, hatte der Ackerbau Raum genug, sich auszubreiten. Dort bildet der weit verbreitete Hunsrückschiefer einen recht guten Ackerboden, und wäre die Höhenlage nicht so bedeutend und das Klima milder, so würde der Bauer des Hunsrück nicht bloß sein bescheidenes Auskommen finden. So aber bleibt sein Leben ein steter Kampf, der rührigen Fleiß und ein sparsames Wirtschaften verlangt. Die Natur des Landes ist der beste Tugendlehrer. Als ein arbeitsames, fleißiges und genügsames Völkchen werden die Bewohner des Hunsrück überall geschildert. Sie sind von alemannischer Abstammung, wie Rottmann an der Sprache nachgewiesen. Diese ist ein ähnlicher Dialekt, wie er auch im Rheintal von Bingen bis Coblenz, im Nahetal und Moseltal gesprochen wird, wenn dort auch manche Änderungen durch stärkere Völkermischung stattgefunden haben. Eine von den Eigentümlichkeiten des Hunsrücker Dialekts, von dem uns das hübsche Frühlingslied von P. J. Rottmann eine Probe geben soll, ist das Übergehen von d und t in r, wenn diese Laute zwischen Vokalen stehen, z. B. jerer statt jeder.
Frühlingslied.
Watt sin euch dehr Brierer,
Watt sin euch so froh;
Der Winder is danre,
Det Friehjohr es doh.
Eraaser, dehr Bue,
Verloost auer Huhl!
Watt weerd et ähm wierer
Im Freie so wuhl.
Im Haus hinn’gern Uwe,
Do iß nit uhs Blatz,
So drauß in dem Acker,
Do liht eur Schatz.
Der Bauer muß schaffe!
Sei nosert nit faul;
Et fliegt köh Dauwe
Gebrote in’t Maul.
Lang schloofe det Moorjets,
Datt brängt ähm köh Glick.
Wo frieher eraußer,
Wo größer det Stick.
Et steht in der Biewel,
Wie jerer aog wöäs,
Det Brot se verdiene
Mit Aarwet und Schwäs.
Dann schmeckt ähm det Esse,
Dann schmeckt ähm der Schloof,
So schmeckt et köhn Kienig,
So schmeckt et köhn Groaf.
Darum lustig an’t Wirke,
Uhs Herrgott will’t hohn.
Dem fleißige Bauer,
Dem gibt er sei Lohn.
Simmern. Castellaun. Stromberg.
Die Römer hatten über den Hunsrück eine Heerstraße angelegt, die von Bingen über den sogenannten stumpfen Turm, an dem eine Ansiedlung namens Belginum lag, nach Neumagen an der Mosel und von dort nach Trier führte. Im Mittelalter war das Städtchen Simmern, wo eine Zeitlang ein Fürst residierte, der geistige Mittelpunkt des Hunsrück. Schon 1532 bestand dort eine Druckerei, die uns ein berühmtes Werk, das mit vielen Holzschnitten geschmückte Turnierbuch von Georg Rüxner, hinterlassen hat. Das nordwestlich von Simmern in dem fruchtbarsten Teile des Hunsrück gelegene Städtchen Castellaun, dessen Name jedenfalls auf römischen Ursprung hinweist, besaß gleich Simmern eine Burg, die die Franzosen im Jahre 1689 auf ihrem Raubzuge zerstörten. Im südlichen Hunsrück ist Stromberg ein Ort, geschmückt mit den Ruinen zweier Burgen, der einen Besuch reichlich lohnt. Devonischer Kalk tritt daselbst auf, der zum Betrieb von Kalksteinbrüchen anregte. Von dort wandern wir nach Sponheim, dem Stammsitze des bekannten Geschlechts der Grafen von Sponheim, die auch die Abtei Sponheim gründeten. In dieser herrschte nicht immer strenge Klosterzucht. Aber einen berühmten Abt des Klosters, von dessen Gebäuden nichts mehr erhalten ist, während ein fester Turm der Burg mit seinen 3 m dicken Mauern den Stürmen der Zeit noch Trotz bietet, nennt die Geschichte, Trithemius, benannt nach seinem Heimatorte Trittenheim an der Mosel, wo er 1462 geboren wurde. Er stellte die Klosterzucht wieder her und ragte unter seinen Zeitgenossen durch seine Gelehrsamkeit hervor. Seine berühmte Bibliothek wird noch heute in Heidelberg, wohin sie 1611 kam, aufbewahrt.
Kreuznach.
Von Sponheim ist nur noch ein Sprung bis Kreuznach (24000 Einw.) ([Abb. 80]), der gastlichen Stadt am Naheflusse, die alljährlich von mehr als 6000 Kurgästen, die vom Gebrauch der vortrefflichen Solbäder Heilung erhoffen, besucht wird. Dort wollen wir eine Rundwanderung um den Hunsrück beginnen, dessen Rheinseite wir früher schon kennen lernten. Sie wird uns durch das Tal der lieblichen Nahe, die uns mit schelmischem Blick den Saft der Rebe, den gefährlichen Nahewein, reicht, hinführen zur Saar, die ernsteres Leben an ihren Ufern schaut und nur dort, wo die ältere Schwester Mosella die Hand ihr reicht, Rebenschmuck trägt. Und von dort, vom altersgrauen Trier an, begleiten uns fast fortwährend rebengeschmückte Berge, bis wir dem Vater Rhein seine stolzeste Tochter zuführen können.
Abb. 98. Portal der Liebfrauenkirche in Trier.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 104].)
Kreuznach führt seinen Ursprung auf eine keltische Ansiedlung zurück. Aber ob die Kelten diesen Ort, wie Hessel meint, schon Crucinacum nannten, erscheint doch sehr zweifelhaft, da sie hierzu ja hätten Latein lernen müssen. Auch daß die Römer, die diesen Namen verstanden, nach ihnen kommen würden, konnten sie nicht gut wissen. Diese bauten, das ist gewiß, in Kreuznach ein Kastell. Noch stehen in der Nähe der Eisenbahnbrücke Reste der Umfassungsmauer, die das Volk die Heidenmauer oder die „heiße Mauer“ nennt. Auch ist in den Feldern die Vierecksform des römischen Kastells noch an einer Erhöhung des Erdbodens deutlich zu erkennen. Nachdem dasselbe von den Alemannen und später, nach seiner Wiederherstellung, von den Franken zerstört worden war, wurde auf seinen Resten ein fränkischer Königshof, eine Pfalz, die den Namen Osterburg führte, errichtet. Die Normannen haben diese, sowie die in ihren Mauern errichtete älteste Kirche Kreuznachs, die Kilianskirche, so zerstört, daß sie spurlos verschwanden. Weiter südlich von der alten Heidenmauer entstand das jetzige Kreuznach. Seinen Namen soll es nach einem Kreuze führen, das ein christlicher Glaubensbote auf einer Nahe-Insel aus Stein errichtete, und das den hochgeschwollenen Fluten der Nahe stand hielt, während neben ihm die Fischerhütten von ihnen fortgerissen wurden. Die große Nahe-Insel ist die wichtigste Örtlichkeit des neueren Kreuznach. Spielt sich doch auf ihr das Badeleben ab. Auf der Südspitze der Insel, die gewöhnlich Bade-Insel oder Badewörth genannt wird, entspringt aus Porphyrfels die brom- und jodhaltige Elisabethquelle. Eine lange Wandelhalle führt zum Kurhaus hin, neben dem das vortrefflich eingerichtete Badehaus und das große Inhalatorium, ein Doppelgradierhaus mit Zwischengang, liegen. Einen sehr malerischen Anblick bietet die alte, auf den Pfeilern mit merkwürdigen Häuserbauten besetzte Nahebrücke ([Abb. 81]) dar, die über das untere Ende des Badewörths geführt ist und die Altstadt mit der auf dem linken Ufer gelegenen Neustadt verbindet.
Abb. 99. Die Martyrung der Christen. Deckengemälde in der Paulinuskirche zu Trier.
Nach einer Photographie von Schaar & Dahle in Trier. (Zu [Seite 104].)
Abb. 100. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 105].)
Der Kauzenberg. Wanderungen um Kreuznach.
Für die Nahewanderung aufwärts, von Kreuznach nach Münster a. Stein, empfiehlt man uns drei Wege, und die Schönheit eines jeden wird uns so sehr gepriesen, daß wir allen dreien folgen möchten. Der eine führt hinan zum Kauzenberg (150 m, [Abb. 81]), an dessen Südabhange der beste, der feurigste Nahewein wächst, der weltberühmte Kauzenberger. Oben liegen die Trümmer eines 1689 von den Franzosen zerstörten Schlosses, das den Grafen von Sponheim gehörte. Der Berg wird daher auch Schloßberg genannt. Schöne Parkanlagen schmücken denselben. Von dort führt die Wanderung über die waldige Haardt (Waldberg) zu der steil aus dem Nahetal aufsteigenden Porphyrwand des Rotenfels. Eine herrliche Aussicht auf das zu unseren Füßen liegende Münster a. Stein, auf die breitgewölbte Bergkuppe der Gans (323 m), auf den wie ein Felsturm steil aus der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein (235 m, [Abb. 82]) und auf die eine vorspringende Bergkuppe schmückende Ebernburg öffnet sich am Schlusse dieser Wanderung unseren Blicken. Zu den nämlichen schönen Punkten, die jeder aufsucht, der das Nahetal besucht, führen die beiden anderen Wanderwege hin. Der eine steigt auf dem rechten Naheufer zum Kuhberg hinan, von dessen Tempelchen wir zum Niederwald, zur Rochuskapelle und auf Schloß Johannesberg fern im Rheintal hinschauen können, und weiter zu der noch höheren Gans, wo wir inmitten der nämlichen Herrlichkeiten wie auf dem Rotenfels stehen, zugleich aber eine umfassende Fernsicht nicht bloß zum Rheintal, sondern auch zum Hunsrück und nach Südwesten zum fernen Donnersberg genießen. Und nun der dritte Wanderweg! Er führt nicht über Berge, sondern unten durchs Tal, dessen ganze Anmut und Schönheit entfaltend. Am südlichen Ende des Badviertels von Kreuznach empfängt uns die schöne Salinenstraße, wenn wir es nicht vorziehen, zunächst eine Strecke auf schattigem Promenadenweg am Flusse entlang zu wandern. Die teils reben-, teils waldgeschmückten Berge, auf der einen Seite die Haardt, auf der anderen der Kuhberg, begleiten uns. Wir erreichen die Saline Karlshalle und nach Überschreiten des Flusses die Saline Theodorshalle, mit der zugleich ein Kurhaus verbunden ist. Die beiden Salinen gehörten früher dem Großherzog von Hessen, sind aber jetzt Eigentum der Stadt Kreuznach. Gewaltig ragen die hohen Gradierwerke vor uns auf. Das Wasser der Salzquellen, die im Nahetale, zum Teil sogar im Bette des Flusses, heraussprudeln, hat nur einen geringen Salzgehalt von etwa 1%. Ehe es auf die Siedepfannen geleitet wird, muß es deshalb oftmals, und zwar siebenmal, denn die beiden Gradierwerke der Karls- und Theodorshalle bestehen aus je sieben Abteilungen, den Weg über die Dornenhecken machen. Durch eine einfache Pumpeinrichtung wird es in die Höhe gehoben und durch Rinnen, die beim weiteren Verzweigen immer enger werden, so verteilt, daß es fast tropfenweise auf die Dornen gelangt. Beim langsamen Herabträufeln findet eine starke Verdunstung statt. Wenn das Wasser siebenmal den Weg gemacht hat, besitzt es einen Salzgehalt von 7 bis 8%. Auf den großen Siedepfannen, die seitwärts von den Gradierwerken in einem Gebäude aufgestellt sind, wird es weiter eingedampft, bis das Salz sich an der Oberfläche in Kristallen, die sich beim Niedersinken vergrößern, ausscheidet. Schließlich bleibt die Mutterlauge, eine bräunliche Flüssigkeit, die auch noch andere, leichter lösliche Salze enthält und besonders für die Badekuren wertvoll ist, übrig.
Abb. 101. Die Marienburg.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 106].)
Münster a. Stein. Rheingrafenstein.
Nach zwanzig Minuten haben wir von der Theodorshalle ab, nach einer einstündigen Wanderung von Kreuznach ab den freundlichen Kurort Münster a. Stein ([Abb. 83]) erreicht. Dort stehen wir in der Mitte zwischen den vier Berggestalten, die wir schon kennen lernten, zwischen der breiten Porphyrkuppe der Gans, den steil aufsteigenden Porphyrwänden des Rotenfels und des Rheingrafenstein, und der zierlichen Bergkuppe, die stolz die Ebernburg ([Abb. 84]) trägt. Und wohin wir auch schauen mögen, empor zu diesen Höhen, deren rötliches Gestein oder grünes Waldkleid sowohl im eigenen Wechsel als auch im Wechsel der Sonnenbeleuchtung so verschiedenartige und reiche Farbentöne hervorbringen, überall erscheinen vor unserem Geiste die Bilder und Gestalten der Geschichte, und die Sage, der Geschichte sinniges Schwesterlein, möchte jedes Wort mitplaudern und miterzählen in ihrer eigenen Art. Auf dem so jäh und so trotzig aus dem Bett der Nahe aufsteigenden Rheingrafenstein hausten einst die Rheingrafen. Sie wurden so genannt, weil sie zu Karls des Großen Zeiten, als das fränkische Reich in Gaue eingeteilt wurde, den Rheingau, der von Mainz bis Lorch reichte, erhalten hatten. Sie verloren später diesen Besitz, und ihre Burg Rheinberg fiel in Trümmer. Da siedelten sie nach Schloß Stein über, das auf einem gewaltigen, über 400 Fuß hohen Stein, der unweit Kreuznach senkrecht aus dem Naheflusse aufsteigt, lag, und seitdem hieß dieser Fels Rheingrafenstein. Später beerbten die Rheingrafen die Wildgrafen, die Nachkommen der Rheingaugrafen, und sie wurden dadurch Herren von mehreren Burgen und vielen Dörfern an der Nahe. So konnten sie auf ihrem Felsenneste, das die Sage durch den Teufel erbauen läßt, ein lustiges Leben führen. Im Umkreise, im Banne von Norheim, Treisen und Hüsselsheim wuchsen gar herrliche Weine. Einst saßen die Rheingrafen auf ihrem Schlosse beim Wein, und viele andere Ritter waren in ihrer Runde. Da sagte der Rheingraf, indem er einen riesigen Humpen aus Glas, der die Form eines Stiefels hatte, emporhob: „Wer diesen Stiefel, ihr Herren, auf einen Zug leert, dem gehört Dorf Hüsselsheim.“ In der Runde befand sich aber ein sehr trunkfester Ritter, Boos von Waldeck: „Gebt mir Brief und Siegel, Herr Rheingraf!“ rief er. Das geschah. Da nahm der Ritter den Stiefel und trank ihn in einem gewaltigen Zuge leer. Dann fiel er, noch die Worte herausstoßend: „Ich tat’s für Weib und Kinder!“ sterbend hin. Nach einem anderen Wortlaut der Sage, der ein wirkliches Begebnis zugrunde liegen soll, hätte Boos sich ganz vergnüglich umgeschaut und dann gesagt: „Gebt Ihr mir noch das Dörflein Roxheim dazu, so leer’ ich den Stiefel zum zweitenmal.“ Ein solch trunkfester Kumpan sei er gewesen.
Abb. 102. Bernkastel, Burg Landshut und Cues.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 106].)
Ebernburg. Oberstein. Die Achatindustrie.
Eine Fülle von Begebenheiten weckt die Ebernburg ([Abb. 84]) in unserm Geiste. Zwei Männer von kühnem Geiste, ein Mann des Schwertes und ein Mann der Feder, grüßen uns beim Aufstieg zur Ruine, Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten, deren Denkmal ([Abb. 85]) auf halber Höhe des Berges steht. Ulrich von Hutten scheint in feuriger Rede auf Sickingen einzustürmen, der, entflammt von der Rede Sinn, zum Schwert greift. Der ganze Geist der Reformation mit ihrem geistigen Ringen und ihren bitteren Kämpfen wird in uns wach. Welche politischen Zustände, welche Ohnmacht der kaiserlichen Gewalt! Ein einzelner Ritter vermag Städten und Fürsten den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Kaiser Maximilian spricht des Reiches Acht über Franz von Sickingen, der mit Götz von Berlichingen und anderen im Bunde ist, aus, aber bald muß er sich mit dem mächtigen Manne wieder versöhnen. In den Religionsstreitigkeiten stellte Franz von Sickingen sich auf die Seite Luthers. Hutten wurde sein Berater, die Triebfeder kühner Taten. Aber der Versuch, den mächtigen Nachbarn, den Erzbischof von Trier, der von Köln Hilfe erhielt, zu bezwingen, wurde Sickingens Verderben. Nach der vergeblichen Belagerung von Trier wurde er selbst in Landshut belagert. Von einer feindlichen Kugel ward er tödlich verwundet. So starb der Mann, dessen Kühnheit jeder, ob Freund oder Feind, bewundern muß.
Nachdem wir noch die 1¼ Stunde entfernte Altenbaumburg ([Abb. 86]) besucht haben, scheiden wir von Münster a. Stein, das ebenfalls bedeutende Solquellen hat, und wo ebenfalls alljährlich zahlreiche Kurgäste Heilung suchen, angelockt wohl auch von der Schönheit der Landschaft. Noch viele landschaftlich schöne Punkte oder geschichtlich bemerkenswerte Orte besitzt das Nahetal, wie Sobernheim und Kirn ([Abb. 87] u. [88]). Wir können überall nicht weilen und halten erst wieder in Oberstein ([Abb. 89]) Rast. Ein Wunderbau ist die dortige Felsenkirche. Die Sage erzählt, daß ein Ritter sie erbauen ließ zur Sühne für den Mord seines Bruders, den er dort von der Felswand hinabgestoßen hatte. Noch mehr ist Oberstein durch seine schönen Achatwaren bekannt. Es teilt diesen Ruhm mit dem in der Nähe im Tale des Idarbaches gelegenen Städtchen Idar; ja die ganze Gegend, ein großer Teil des Birkenfelder Ländchens, kann Anspruch auf ihn machen. Wir befinden uns in dem Gebiet der eigenartigen Achatindustrie. Wer kennt nicht die schönen, buntstreifigen Steine, aus denen allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Ohrringe, Broschen, Vorstecknadeln, Ringe, Manschettenknöpfe, Knöpfe auf Spazierstöcke, Briefbeschwerer usw., verfertigt werden! In eine goldähnliche Masse, Obersteiner Gold genannt, werden die Steine gefaßt. Die Sachen schillern in den schönsten Farben. Als Andenken und Geschenke von der Reise werden sie gern gekauft. Aber viele, die sich mit ihnen schmücken, ahnen nicht, wie viel Mühe und Not einer beschwerlichen Arbeit mit ihnen verknüpft sind. Wir können diese sehen in den zahlreichen Schleifkotten, die im Tale des Idarbaches liegen, in denen die Steine zerschnitten und dann von Arbeitern, die langgestreckt auf dem Boden liegen, geschliffen werden. Wir erkennen sie auch aus den bleichen Gesichtern der durch die mühselige und ungesunde Arbeit Abgehärmten. Dieses Bild und dann die glänzende Ausstellung der fertig abgelieferten Achatwaren in der Gewerbehalle zu Idar: es sind die immer und überall wiederkehrenden Gegensätze des Lebens. Früher wurden die Achatsteine in der Gegend selbst aus dem schwärzlichen Melaphyrgestein, in dem sie sich in Hohlräumen durch Ausscheiden von Kieselsäure gebildet hatten, gebrochen. Seitdem aus anderen Ländern, besonders aus Afrika und Südamerika, schönere Steine zu mäßigen Preisen bezogen werden können, ist der Betrieb der einheimischen Achatgruben fast ganz eingestellt worden. Eine wichtige Erfindung für die Achatindustrie war das künstliche Färben der Steine. Seit dem Jahre 1830 wird diese Kunst geübt, doch soll sie schon den Alten bekannt gewesen sein. Sie beruht auf der verschiedenen Porosität des Steins. Durch Behandlung mit Honigwasser und Kochen in Salzsäure können einzelne Streifen schwarz, mit Kupfervitriol und Ammoniak blau, mit Eisenchlorid und Schwefelzyankalium rot gefärbt werden.
Abb. 103. Blick auf Traben-Trarbach und die Gräfinburg an der Mosel. (Zu [Seite 106].)
Abb. 104. Carden an der Mosel.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 108].)
St. Johann. Saarbrücken. Spicherer Höhen.
Wir nehmen Abschied von dem freundlich in dem Nebentälchen gebetteten Städtchen Idar. In Oberstein werfen wir noch einen Blick auf die beiden Burgruinen, die die senkrecht aufstrebenden Melaphyrfelsen malerisch krönen, und noch eine Felsennelke, die in Büscheln die Felswände schmückt, stecken wir uns ins Knopfloch. Dann müssen wir scheiden von diesem Glanzpunkte des Nahetales. Schnell führt uns die Eisenbahn über das Hügelgelände des Saarbrückener Steinkohlengebirges und vorbei an Neunkirchen mit seinen rußigen Häusern, wo qualmende Schlote die großen Fabrikanlagen des Freiherrn von Stumm verraten, nach den beiden Schwesterstädten St. Johann (25000 Einw.) und Saarbrücken (28000 Einw.). Es ist ein ungleiches Geschwisterpaar, das in der fernen Südecke der Rheinprovinz an den Saarufern erblüht ist. Saarbrücken, bis 1793 Residenz der Fürsten von Nassau-Saarbrücken, ist eine alte Stadt und von etwas hügeligen Straßen durchzogen. St. Johann breitet sich als eine vollständig neuzeitliche Stadt, die ihren Aufschwung der Eisenbahn verdankt, mit seinen prächtigen Geschäftsstraßen in der Ebene aus. Durch eine Brücke sind die beiden Städte miteinander verbunden. Der Fremde sucht in Saarbrücken an erster Stelle die Stätten, die durch den deutsch-französischen Krieg vom Jahre 1870/71 denkwürdig geworden sind. Er betrachtet die Gemälde, mit denen Kaiser Wilhelm I. den Rathaussaal ausschmücken ließ — es war dies der kaiserliche Dank für die aufopfernde Pflege der ersten Verwundeten des Krieges durch die Bürger der Stadt —, er wandert auf den kleinen Kirchhof im Ehrental, wo die an den Wunden Gestorbenen, Deutsche und Franzosen, zur letzten Ruhe gebettet wurden, von Grab zu Grab, und der staubigen Landstraße folgt er zu dem früheren Wirtshaus „Zur goldenen Bremme“, wo der erste Franzose gefangen genommen wurde, um dann den mühseligen Aufstieg zu den Spicherer Höhen zu machen und dort oben die zahlreichen Denkmäler der Gefallenen zu besuchen. Eine blutgetränkte Stätte, geweiht durch den Heldentod von Tausenden von deutschen Kriegern! Das Abendrot leuchtet über die stillen Gräber hin, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne decken auch das weite deutsche Land, das zu unseren Füßen liegt, zur Ruhe, zur Ruhe des Friedens, der aus dem Herzensblut der Tapferen uns erwuchs, zusammen mit des Vaterlandes Kraft und Stärke.
Abb. 105. Cochem, von der Kapelle gesehen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 106].)
Abb. 106. Zell an der Mosel. (Zu [Seite 106].)
Abb. 107. Die Ehrenburg bei Brodenbach.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 108].)
Das Steinkohlengebirge. Neunkirchen.
Das Steinkohlengebirge an der Saar lagerte sich nicht in einer tiefen Senke ab. Im Norden der Hunsrück und im Süden ein anderer hoher Gebirgswall, der aber jetzt verschwunden ist, faßten die Senke ein und führten ihr durch die Gewässer den Gebirgsschutt zu. Die Geologen behaupten, daß die Senke wohl 5000 m tief war. Ein neues Gebirge entstand in ihr. In den Buchten des tiefen Meeresbeckens entfaltete sich ein üppiges Pflanzenleben, und von diesem wurden die reichen Kohlenschätze, die heute der Mensch ausbeutet, mit unter die neu sich bildenden Erdschichten gebettet. Über ein Gebiet von etwa 100 km Länge und 30 km Breite reichen die Kohlenflöze des Saarbrückener Steinkohlengebirges. Vier Milliarden Tonnen sollen die Kohlenvorräte, die da aufgespeichert wurden, betragen. Es entwickelte sich ein bedeutender Kohlenbergbau, dessen Hauptgebiet zwischen Neunkirchen und der Saar liegt. Die meisten der im Betrieb befindlichen Kohlengruben sind Eigentum des preußischen Staates. Das Kohlenvorkommen rief eine hohe Blüte der Eisenindustrie, die ihre Eisenerze aus Lothringen und Luxemburg beziehen kann, hervor. Außer Neunkirchen wurden besonders Malstatt-Burbach (40000 Einw.) und Völklingen Hauptsitze dieser Industrie.
Abb. 108. Beilstein. (Zu [Seite 108].)
Abb. 109. Burg Cochem.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 109].)
Abb. 110. Zeltingen.
Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin. (Zu [Seite 110].)
Saarwanderung.
Die Fahrt durch das Saartal von St. Johann nach Trier führt uns zuerst durch das fabrikreiche Bild der zuletzt genannten Orte. Dann entfaltet das Tal seine liebliche Anmut. Mit fruchtbaren Äckern und Wiesen ist es freundlich geschmückt. Waldige Höhen begleiten uns zu beiden Seiten. Wir grüßen die alte Festung Saarlouis (800 Einw.) und das Ackerbaustädtchen Merzig (7500 Einw.), das in breiterer Talmulde, umgeben von einem Kranze von Obstpflanzungen, die das Tal und die ansteigenden Höhen beschatten, umgeben ist. Enger wird dann das Tal und höher werden die Berge. Denn zwischen Merzig und Saarburg hat die Saar den Durchbruch durch den harten Quarzitrücken des Hunsrück erzwingen müssen. Die Landstraße muß in Serpentinen die Berge hinauf- und herunterklettern, und für den Eisenbahnreisenden verschwindet plötzlich das heitere Grün der Landschaft bei der Einfahrt in einen dunkeln Tunnel. Wir erreichen das verborgen in waldigem Talgrunde liegende, durch die große Steingutfabrik von Villeroi & Boch aber weltbekannte Mettlach, und weiter geht’s nach Saarburg, der Perle des Saartales. Wir steigen empor zur steilen Felswand der Klause ([Abb. 91]), wo der blinde König Johann von Böhmen sein stilles Grab gefunden hat, und bald grüßen uns die Rebenberge, die sich um das alte Städtchen Saarburg gruppieren. An die Stelle des Quarzits ist der Schieferfels getreten. Ernst schauen die Reste der alten Saarburg ([Abb. 90]), deren erster Bau schon aus dem zehnten Jahrhundert stammt, hinüber zu den Rebenhöhen, die im warmen Sonnenlichte glänzen, und hinab in das wonnige Tal, wo in Schlangenbiegungen die Saar durch grüne Wiesenauen zieht. Nur der untere Teil des Städtchens Saarburg spiegelt sich in dem Flusse, der obere jedoch erhebt sich zur luftigen Bergeshöhe. In der Unterstadt lenkt plötzlich ein tosendes Geräusch unsere Schritte, und bald stehen wir vor dem wildstürzenden, schäumenden Wasserfall des Leukbaches. Auf dem Wege von Saarburg nach Trier treffen wir, dem Flußlauf folgend, die besten Weinbergslagen der Saar an, so den Scharzhofberg und den Wiltinger Berg. Eine bekannte Marke ist auch der „Wawerner Herrenberger“.
Einst hatte die Saar, welche bei Conz in die Mosel mündet, auf ihrer untersten Strecke einen ganz anderen Lauf. Sie machte mehrere große Biegungen, die sie später abzuschneiden vermochte. Zuerst zog sie unterhalb Saarburg auf der rechten Seite eine Schleife. Dann bog sie noch weiter nach Westen aus, und zuletzt beschrieb sie einen sehr großen Bogen, über Oberemmel und Niedermennig, wieder nach Osten. Sie mündete aber ungefähr an der nämlichen Stelle wie heute.
Trier.
Es öffnen sich nun die Berge, und der helle Spiegel der Mosel blitzt vor uns auf. Mosella fließt, wo sie zuerst uns grüßt, nachdem sie schon weit gewandert durchs lothringische Land, in ziemlich breitem Tal. Ostwärts erbreitet sich dieses noch mehr, und nach kurzer Strecke hat es sich zu einem lieblichen Talkessel gestaltet, der von sanften, sonnigen Abhängen umschlossen ist. Das ist die Stelle, wo die Römer in ihrer südlichen Heimat zu weilen glaubten, wo sie an die sonnigen Gefilde Italiens erinnert wurden und sich im alten Trier (fast 50000 Einw., [Abb. 92]), dessen Türme bald im Bilde der anmutigen Landschaft auftauchen, ein zweites Rom — so darf man fast sagen — schufen.
Eine Inschrift, die am Roten Hause ([Abb. 93]), dem früheren Versammlungshause der Ratsherrn, das sich am Hauptmarkt von Trier erhebt, angebracht ist, sagt:
„Ante Romam Treveris stetit annis MCCC.“
„Vor Rom stand Trier 1300 Jahre.“
Abb. 111. Bertrich. (Zu [Seite 110].)
Triers Vergangenheit.
Es ist nur die mittelalterliche Sage von der Gründung Triers durch Trebeta, den Sohn des assyrischen Königs Ninus, die dieser Inschrift zugrunde liegt. Über das wirkliche Alter der Stadt weiß man nichts. Sicher ist nur, daß sich an ihrer Stelle schon eine größere keltische Niederlassung, der Hauptort der gallischen Treverer, befand, als Cäsar im Jahre 56 v. Chr. auch diesen Volksstamm unterwarf, der damals bereits zu einer höheren Kultur als die germanischen Stämme gelangt war. Die Gründung der römischen Colonia Augusta Treverorum fällt wahrscheinlich erst in die Zeit des Kaisers Augustus. Ihre Lage machte sie zu einem wichtigen militärischen Stützpunkte. Weit genug von der germanischen Grenze entfernt, um vor plötzlichen Überfällen gesichert zu sein, lag sie wieder nahe genug, um ein Heer bereit halten zu können. Die Kolonie war zugleich ein wichtiger Verkehrsmittelpunkt, in welchem das westöstlich verlaufende Moseltal von der südnördlich gerichteten Verkehrslinie des Saar- und Kylltales durchschnitten wird, und Fruchtbarkeit zeichnete die umliegenden Gebiete wie noch heute aus. Sie mußte besonders in den Zeiten als Wohnsitz bevorzugt werden, in denen die Germanen ihre verheerenden Einfälle in das römische Gebiet begannen. „In Trier und im Mosellande konnte man damals, wie Boos schreibt, eines so selten gewordenen Glückes genießen. Die heitere, rebenumsäumte Tallandschaft stimmt noch heute jedes Gemüt fröhlich. Sie erweckt das Gefühl des Behagens und der Wohlfahrt, das über den Weinländern in der Luft zu schweben scheint (Goethe). Der Südländer vergaß, daß er im unfreundlichen Norden weilte, und die ruhige Schönheit der Gegend gab der Dichtung des Ausonius einen höheren Schwung.“
Als die Germanen im dritten Jahrhundert plündernd das Moseltal durchzogen, bedrohten sie auch Trier. Ja es schien, als wenn damals schon die Römerherrschaft am Rhein ihrem Ansturm völlig erliegen müßte. Diokletian, dem Wiederhersteller des römischen Staates, gelang es aber, die Gefahr abzuwenden, indem er seinem Mitkaiser Maximinian die Verwaltung des Westens übertrug. Constantius Chlorus und Constantin der Große setzten dessen Werk fort. Um das linksrheinische Land gegen die Angriffe der Germanen besser zu schützen, wurden Burgen gebaut und die Städte stärker befestigt. Das Material für die Befestigungen nahm man, wie Boos schreibt, wo man es nur bekommen konnte. Selbst die Grabsteine früherer Geschlechter wurden als Quadern benutzt, besonders für die Fundamente. Sie enthalten die herrlichsten, instruktivsten Darstellungen aus dem häuslichen Leben der Bewohner des Mosellandes für das zweite Jahrhundert. Auch Trier, das im Jahre 286 zur Residenz der in Gallien residierenden Cäsaren oder Kaiser erhoben wurde, erhielt eine neue Befestigung und die Stadt wurde bedeutend erweitert. Sie dehnte sich jetzt von der Porta Nigra ([Abb. 94]), dem mächtigen Torbau, der schon aus einer früheren Zeit stammte, bis zur heutigen Vorstadt St. Matthias aus. Die feste Brücke, die noch heute auf römischen Pfeilern ruht, lag damals genau gegenüber der Mitte der Stadt. Die sie fortsetzende Hauptstraße halbierte das römische Trier und führte an den bedeutendsten Gebäuden, den Thermen von St. Barbara, dem Kaiserpalast ([Abb. 95]), dem Amphitheater und unweit der Basilika vorbei. Wie Trier sich zu einer glänzenden Residenzstadt entfaltete, so schmückte sich die Umgegend mit prächtigen römischen Villen. Von den Berglehnen und aus dem Grün der Moselufer schimmerten diese, und Menschen wohnten in ihnen, die den Lebensgenuß durch die Kunst zu veredeln verstanden. Ein schöner Mosaikboden in einer römischen Villa wurde z. B. bei dem Orte Nennig, der an der Eisenbahnlinie von Trier nach Diedenhofen liegt, aufgedeckt. Er ist 10 m breit und 15 m lang und zeigt in der Mitte die große Darstellung eines Gladiatorenkampfes, während den Rand kleinere Medaillonbilder schmücken. Ein berühmtes Denkmal aus der Römerzeit ist auch die Igeler Säule, ein 23 m hoher und unten 5 m breiter, als Grabdenkmal errichteter Sandsteinbau, dessen Flächen mit häuslichen und mythologischen Szenen geschmückt sind.
Abb. 112. Andernach.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 113].)
Trier.
Schon zur Römerzeit fand das Christentum in Trier Eingang und daselbst einen festen Stützpunkt. Erster Bischof von Trier wurde Agricius von Antiochien im Jahre 328. Später wurde das Bistum in ein Erzbistum verwandelt. Die Trierer Erzbischöfe waren vielfach zugleich sehr wehrhafte Herren. Die Erneuerung des jetzigen Bistums erfolgte im Jahre 1802. Das mittelalterliche christliche Trier hat uns ebenso wie das römische heidnische bedeutende Bauwerke hinterlassen. Besonders die Kirchen der Stadt ragen als Kunstwerke hervor. Zum Teil sind sie aus römischen Bauten hervorgegangen, so der Dom ([Abb. 96] u. [97]) und die Basilika. Der römische Bau, aus dem der Dom entstand, stammte wahrscheinlich aus der Zeit Valentinians I. (364 bis 375). Er hatte eine quadratische Form und füllte die ganze Breite des jetzigen Gebäudes aus. Von den vier mächtigen Granitsäulen, die sein Inneres trugen, liegt eine in ihrer ungetümen Gestalt vor dem Eingange des Doms. Der Bau wurde nach den Zerstörungen, welche die Franken und nach ihnen die Normannen anrichteten, erneuert, bei der zweiten Renovierung durch den Erzbischof Poppo (1016 bis 1047) zugleich um ein Drittel verlängert und mit einer Apsis versehen. Der Erzbischof Hillin (1152 bis 1169) fügte noch die zweite östliche Apsis hinzu. Im dreizehnten Jahrhundert erhielten die Schiffe Kreuzgewölbe. Zuletzt, im siebzehnten Jahrhundert, wurde noch die kreisrunde, mit einer Kuppel überwölbte Schatzkammer angebaut. Was die verschiedenen Bauperioden geschaffen haben, bis wohin der ältere Bau reichte und wo eine jüngere Zeit mit ihrer Tätigkeit einsetzte, ist schon an dem Baustoff zu erkennen. Am römischen Bau wurden roter Sandstein und Ziegel, am Popponischen dagegen Kalkstein und Ziegel verwandt. An Pracht steht zwar der Trierer Dom hinter den anderen großen rheinischen Domen zurück. Aber das hohe Alter gibt ihm eine besondere Weihe, sowohl für den Gläubigen als auch für den Kunstfreund.
Abb. 113. Remagen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 115].)
Vom Dom lenken wir unsere Schritte zu der unmittelbar an ihn stoßenden Liebfrauenkirche ([Abb. 96] u. [98]). Mit einem freudigen Erstaunen richten wir im Innern den Blick in die Höhe, empor zu den zwölf schlanken Säulen, die das Innere tragen. Es ist ein Rundbau, der von einem Kreuzgewölbe durchschnitten ist. Man wird wohl selten einen Bau finden, in dem eine solche Harmonie, ein solches Ebenmaß der Formen herrscht, wie in dieser Trierer Liebfrauenkirche, die für das schönste Bauwerk der Frühgotik gilt. Von den übrigen Kirchen Triers verdienen noch die Basilika, von der wir schon sagten, daß sie gleich dem Dom aus römischer Zeit stammt, vermutlich aus der Zeit Constantins des Großen (306 bis 337), sowie die mit schönen Deckengemälden ([Abb. 99]) geschmückte St. Paulinuskirche und die St. Matthiaskirche, von denen die eine nördlich, die andere südlich von der Stadt liegt, unser Interesse. Nachdem wir noch dem reichhaltigen Provinzialmuseum, das besonders reich an römischen Fundstücken ist, einen Besuch abgestattet haben, scheiden wir von Trier, wo so herrlicher Wein uns labte, um auch anderen schönen Punkten im Moseltal einen flüchtigen Wandergruß zu bringen.
Das Moseltal.
Es fehlt der Raum, um das Moseltal, das so viele herrliche Schönheiten entfaltet, in gleicher Ausführlichkeit wie das Rheintal zu behandeln. Wir müssen uns darauf beschränken, die Eigenart dieses größten Nebentales gegenüber dem Haupt-, dem Rheintale, zu zeigen und zu begründen. Übereinstimmend ist der reiche Rebenschmuck der Bergwände, die ebenfalls aus schiefrigem Gestein bestehen; gleich ist auch die große Zahl der Burgen, die malerisch die Berge krönen; sehr ähnlich ferner das Bild der Ortschaften, die an den Fluß sich betten, und deren schiefergraue Dächer im Sonnenschein hell aufblitzen. Und doch wie verschieden ist das Gesamtbild! Weniger großartig ist das Moseltal, wie auch sein Fluß sich mit dem stolzen Rheinstrom nicht messen kann. Aber ein reicherer Wechsel des landschaftlichen Bildes ist ihm eigen. Schon die viel zahlreicheren Biegungen, die die Mosel macht, bewirken dies; denn bei jeder Biegung öffnet sich dem Auge ein neues, oft völlig anderes Bild, während sich im Rheintal jeder Blick ins Endlose verlängert. Am wenigsten ist die unterste Strecke des rheinischen Mosellaufs, von Cochem ab, durch Biegungen gegliedert, am reichsten das mittlere Drittel zwischen Bernkastel und Cochem. Dort macht der Fluß vielstundenlange Umwege, um fast zur nämlichen Stelle zurückzukehren. Am meisten nähert er sich selbst wieder nach der großen Schleife von Zell an der Stelle, wo die auf hohem Felskamm gelegene Marienburg ([Abb. 100]) zur Betrachtung des eigenartigen Landschaftsbildes mit einem doppelten Flußlaufe einladet.
Abb. 114. Die Apollinariskirche in Remagen. (Zu [Seite 117].)
Die Marienburg. Von Bernkastel bis Cochem.
Wir verlassen in Bullay das Moselschiff und steigen auf steilem Pfad zwischen Weinbergen hinan. Rückwärts schauend, erblicken wir tief unter uns den Fluß, der sich in Schlangenbiegungen hinter den Bergen verliert, und grüßen das Schifflein, das langsam die Welle durchfurcht. Bald haben wir die Gebäude der Marienburg ([Abb. 101]) erreicht. Es sind die Ruinen eines sagenhaften Schlosses, an dessen Stelle 1146 ein Frauenkloster gegründet wurde. Das malerische Chor der damals erbauten Kirche ist noch ziemlich gut erhalten. Wir wandeln zwischen den Trümmern und durchschreiten den in Gartenanlagen umgewandelten Burg- oder Klosterhof. Auf der andern Seite der Marienburg bleiben wir überrascht stehen. Auch dort zu unsern Füßen ein großer Flußlauf, die Mosel!
„Oftmals bewunderst du selbst im Stromlauf die eigene Rückkehr“
so sang schon der römische Dichter Ausonius, der auch die Mosel und den Hunsrück bereiste. Im Burggarten lassen wir uns nieder und erquicken uns am kühlen Wein. So sitzen wir lange. Aber immer wieder lockt es uns, hinauszutreten und die herrliche Landschaft, das Doppelbild, auf der einen Seite das Bild der Eifelhöhen, auf der andern das der Hunsrückberge, zu betrachten, bis das Schifflein kommt, das wir vorher verließen. Dann springen wir hurtig hinunter und setzen in Pünderich die Fahrt fort.
Abb. 115. Altenahr. (Zu [Seite 118].)
Daß auch in wirtschaftlicher Hinsicht das Moseltal durch die großen Biegungen mehr gegliedert wird, erkennen wir an dem Aufblühen zahlreicher Städtchen und Flecken, z. B. von Bernkastel (4500 Einw.) ([Abb. 102]), Traben-Trarbach (5500 Einw.) ([Abb. 103]), Zell ([Abb. 106]) und Cochem ([Abb. 105]), die sämtlich auf der mittleren Moselstrecke liegen, während zwischen Cochem bis Coblenz kaum noch ein Ort von der Bedeutung dieser Städtchen folgt. Auch die obere Strecke, zwischen Trier und Bernkastel, kann sich in dieser Hinsicht nicht mit der mittleren messen. In früherer Zeit hatte dort die Mosel einen andern Lauf. Sie folgte in mehr gerader Richtung einer Senke, die nördlich von dem jetzigen Lauf auch heute noch ausgeprägt ist und als ein ziemlich ebenes Gelände einen Teil der Ansiedelungen an sich zog. Auf dem mittleren Laufdrittel bildeten sich die genannten Städtchen zu natürlichen Mittelpunkten der durch die Talbiegungen voneinander ziemlich abgeschlossenen Landschaften aus. Diese erweitern sich meist noch durch ein kleines Seitental, auf dessen unterste Strecke die nämliche Wirtschaftsweise, vor allem der Weinbau, übertragen werden konnte.
Abb. 116. Neuenahr, von der Thomashöhe gesehen.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 120].)
Mosellandschaft und -orte.
Die zahlreichen Biegungen der Mosel hatten ferner zur Folge, daß, bei der Hauptrichtung des Flusses nach Nordosten, stets nur die wechselnde Talseite mit Reben bepflanzt werden konnte. Auf der andern, mit ihren Abhängen mehr nach Norden gerichteten — bald ist’s die linke, bald die rechte — blieb der Wald bestehen. Meistens sind es Lohhecken, die diese bekleiden. So entsteht ein Wechsel der Belaubung. Auf die kahlen und in sehr gleichmäßigem Grün erscheinenden Weinberge folgen wechselvoller beleuchtete und gefärbte Waldpartien, auf diese wieder Weinberge und so fort: entschieden ein landschaftlicher Vorzug gegenüber dem Rheintal, wo auf weiten Strecken die Rebenanlagen bis zur Ermüdung im Landschaftsbilde immer wiederkehren. Die stärkere Bewaldung hat auch zur Folge, daß die Moselberge gerundeter erscheinen als die Berge des Rheintales, dessen schroffe Formen durch die Weinberge nur wenig gemildert werden.
Abb. 117. Der Rolandsbogen mit Blick auf den Drachenfels. (Zu [Seite 123].)
Unter den Moselorten sind manche, die auf ein hohes Alter zurückschauen können, wie Pfalzel (von Palatiolum), wo Adela, die Tochter des Frankenkönigs Dagobert II., ein Frauenkloster gründete; Riol (von Rigodulum), wo nach dem Bericht des Tacitus der römische Feldherr Cerealis die Treverer besiegte; Neumagen (von Noviomagus), wo in der Nähe der Kirche eine Festung Constantins lag, die der Dichter Ausonius erwähnt:
„Drauf sah ich an des Belgerlandes Grenzen
Die Prachtburg Constantins Neumagen glänzen.“
Burg Cochem.
Enkirch, schon 690 als Villa Ancaracha genannt; Cochem (Cuchuma), das im zehnten Jahrhundert als Reichslehn des Aachener Pfalzgrafen erwähnt wird; Treis (Trisvilla); Carden (Caradona) ([Abb. 104]), wo im vierten Jahrhundert der heilige Kastor in einer Höhle gelebt haben soll u. a. Von den zahlreichen Burgen seien als die schönsten oder in Sage und Geschichte am meisten genannten außer der Marienburg noch erwähnt die Burgen von Cobern, Burg Thurant bei Alken, die in einem engen Seitental gelegene Ehrenburg ([Abb. 107]), die Reichsburg Beilstein ([Abb. 108]), die Festung Montroyal auf dem Trabener Berg, deren Schleifung 1697 durch den Ryswycker Frieden verfügt wurde, und vor allem die turmreiche, in neuer Schönheit wieder hergestellte Burg Cochem ([Abb. 109]). Letztere gehörte von 866 bis 1140 den Pfalzgrafen bei Rhein und war bis 1294 Reichsburg. Die Franzosen zerstörten den herrlichen Bau im Jahre 1689. Lange lag sie in Trümmern, bis der Geheime Kommerzienrat Ravené sie nach alten Plänen und Ansichten 1868 bis 1878 neu aufführen ließ und dadurch dem Moseltal seinen hervorragendsten Schmuck wiedergab. Andere Moselorte sind noch als Weinorte berühmt geworden, wie Graach, Erden, Zeltingen ([Abb. 110]), Lieser, Winningen usw. In einem Seitental der Mosel liegt inmitten einer herrlichen Waldespracht das Bad Bertrich ([Abb. 111]).
Abb. 118. Schloß Drachenburg und Zahnradbahn nach dem Drachenfels.
Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin. (Zu [Seite 123].)