X. Der rheinische Weinbau.
Der rheinische Weinbau.
Unter den Weinen der Erde nehmen die deutschen Weine eine ganz eigenartige Stellung ein, und unter den deutschen zeichnen sich wieder am meisten die Rheinweine, die von Worms bis Bonn wachsen, durch ihre Eigenart aus. Die Weinrebe ist eine Tochter südlicher Länder. Fern in Kolchis’ üppigem Pflanzengarten, an den Südwestgehängen des Kaukasus, rankt sie noch heute wild, bis zu den obersten Zweigen hoher Bäume emporkletternd und Girlanden nach allen Richtungen sendend. Dort bringt sie in wildem Zustande süße und saftreiche, zur Weinbereitung brauchbare Früchte hervor. Nach unserer heutigen Kenntnis können wir nur diese klimatisch so bevorzugte Landschaft als die Heimat des Weinstocks ansehen. Allmählich eroberte die Weinrebe das ganze Mittelmeergebiet und von Italien aus zuletzt nicht bloß das schon kühlere Gallien, sondern auch einen Teil des klimatisch so wenig begünstigten Germanien. Zwei Merkwürdigkeiten, die bei anderen Kulturen bei weitem nicht in solchem Maße beobachtet wurden, traten bei der Ausbreitung des Weinbaus in die Erscheinung. Die Weinrebe blieb nirgendwo ein Kind ihrer alten Heimat, sondern überall, wo sie angepflanzt wurde, paßte sie sich dem neuen Klima an, nahm sie andere, zum Teil wertvollere Eigenschaften an. Dieser Anpassungsfähigkeit der Pflanze und dieser Charakter- und Wertveränderung ihres Produkts verdankten es die jungen Weinbauländer, daß sie mit den alten ernstlich in Wettbewerb treten konnten, ja daß sie ihnen sogar den Rang ablaufen und von ihnen einen Teil des Weltmarktes erobern konnten. Hieraus entsprang die zweite Merkwürdigkeit, daß der Weinbau stets in den jüngsten Weinbauländern die höchste, die führende Stellung einnahm. Durch eine größere Pflege vermochte man sogar eine geringere Gunst des Klimas siegreich zu überwinden. Nach Kleinasien und Griechenland ward Italien, nach Italien Frankreich das erste Weinland, und neben letzterem hat Deutschland, das jüngste Weinbaugebiet in Europa und das nördlichste auf der ganzen Erde, sich eine Stellung erobert, die in bezug auf manche Erzeugnisse unbestritten und unerreicht dasteht.
Für den deutschen Weinbau war es vielleicht gerade ein Glück, daß er nicht mit günstigen klimatischen Verhältnissen rechnen konnte. Diese zwangen zum vorwiegenden Anbau von weißen Trauben; denn die roten Trauben vermögen die kühle und nebeligfeuchte Herbstwitterung viel weniger gut zu ertragen. Die verschiedene Art der in Deutschland also vorherrschenden Weißweinbereitung von der in südlichen Ländern vorwiegenden Rotweinbereitung sicherte dem deutschen Weinbau nicht bloß seine Eigenart, sondern auch mancherlei Vorzüge. Rotwein kann nur durch Maischegärung, das heißt durch Gärung auf den Beerenhülsen geschehen. Diese müssen den roten Farbstoff liefern. Sie scheiden aber zugleich auch andere Stoffe, besonders Gerbstoffe, aus, die dem Traubenaroma schaden. Dem Weißwein dagegen, der durch Mostgärung aus dem ausgepreßten Traubensaft gekeltert wird, bleibt das köstliche Aroma der Traube erhalten, und diesem Umstande verdanken die deutschen Weine ihre unübertroffene Eigenart.
Die geringe klimatische Gunst Deutschlands bedingt es, daß in ihm zur Anpflanzung der Rebe fast nur hügeliges und bergiges Gelände, und zwar nur die der Sonne zugekehrten Abhänge benutzt werden können. Geneigte Bodenflächen werden statt unter einem Winkel von etwa 40 bis 60° unter einem solchen von 90 oder fast 90° von den Sonnenstrahlen getroffen. Besonders das Gebiet des Rheinischen Schiefergebirges besitzt in seinen zahlreichen tief eingeschnittenen Tälern viele günstige Weinbergslagen, die zugleich vor kalten Winden geschützt sind. Nicht weniger ist das schiefrige Gestein, das in dem ganzen Gebiet vorherrschend ist, für die Anpflanzung der Rebe geeignet. Es wird wegen seiner dunkeln Färbung leicht erwärmt und läßt den Regen, dessen Verdunstung neue Kälte erzeugt, schnell ablaufen. Durch eine Überdeckung der Weinberge mit losem Schiefergeröll erreichen die rheinischen Winzer ferner, daß die Wärme dem Boden erhalten bleibt und nicht in kühlen Nächten durch Ausstrahlung verloren geht.
Abb. 188. Rheinische Winzer und Winzerinnen bei der Lese. (Zu [Seite 188].)
Die Lage des rheinischen Weinbaugebietes im Westen Deutschlands, in ziemlicher Nähe des Atlantischen Ozeans, bringt für den Weinbau Vorteile und Nachteile. Ein Vorzug des ozeanischen Klimas ist, daß der Winter in den meisten Jahren ein milder ist, und daß er nicht zu früh eintritt, so daß das junge Holz der Weinstöcke gut ausreifen kann, ferner, daß im Frühjahr der neue Trieb frühzeitig beginnt. Diese letztere Gunst wird allerdings zum Verderben, wenn Spätfröste eintreten, die in manchen Lagen nur zu häufig alle Hoffnungen in einer Nacht zerstören. Gefürchtet sind besonders die Maifröste. Das Volk schreibt sie naiv den drei kalten oder bösen Heiligen Mamertus, Pankratius und Servatius zu, deren kirchliche Festtage am 12., 13. und 14. Mai gefeiert werden, und ist froh, wenn sie vorüber sind. In Wirklichkeit ist das Eintreten der Spätfröste eine Folge der stärkeren Erwärmung der mittel- und südeuropäischen Landstrecken durch die immer höher steigende Sonne. Die stark erwärmte Luft steigt nach oben, und um den luftverdünnten Raum auszufüllen, strömt kalte Luft von Norden herbei, wodurch ein tiefes Sinken der Temperatur eintritt. In engen Tälern, wie im Ahrtale, sucht man die verderblichen Wirkungen der Spätfröste durch eine Räucherwehr abzuwenden.
Eine Ungunst des ozeanischen Klimas Rheinlands für den Weinbau sind die andauernden Regenzeiten, die manche Jahre bringen. Dieselben sind besonders dann schädlich, wenn sie während der Traubenblüte, die sonnig und schnell verlaufen muß, eintreten und diese dann sehr verzögern. Ein Blick auf die Regenkarte lehrt uns jedoch, daß die besten rheinischen Weinbaugebiete, das Moseltal, das obere Rheintal, das Nahetal und der Rheingau, im Regenschatten der Eifel, des Hunsrück und des Taunus liegen.
Abb. 189. Das Abladen und Messen des Weins. (Zu [Seite 188].)
Nach einem warmen Sommer, der rechtes Sonnenglühen gebracht hat, ist noch ein schöner Herbst nötig, damit ein gutes Gewächs entsteht. Nicht zu selten bringt der rheinische Herbst das rechte, nachts kühle, am Tage aber heitere, sonnige Wetter, das die Trauben zur vollen Reife bringt. Dann lacht mit dem Himmel des Winzers Herz, der seine Weinberge nicht mehr betreten darf, aber trotzdem weiß, welche Wunderwirkung dort geheimnisvoll vor sich geht. Auch die Herbstnebel, die besonders im Rheintal morgens über den Weinbergen lagern, weiß der Winzer zu schätzen. Sie rufen die Edelfäule der reifen Trauben hervor, indem sich ein Schimmelpilz, Bortrytis cinerea, bildet, der Säuren und Gerbstoff zerstört und Verbindungen erzeugt, aus denen das wundervolle Bouquet, der Duft des Weines, entsteht.
Vorwiegend drei Traubensorten verdankt der rheinische Weinbau seinen großen Ruf: dem Riesling, der den Anspruch erheben kann, die edelste Traube der Welt zu sein, dem Österreicher, der auch Sylvaner genannt wird, und dem Burgunder. Die beiden erstgenannten Reben liefern den Weißwein, letzterer den Rotwein. Der Riesling gehört zu den harten Sorten, er reift spät und liefert Weine, die sich durch ihr herrliches Bouquet auszeichnen. Der Österreicher reift früher und gibt gute, runde und volle Qualitätsweine, denen aber der Duft der Rieslingsweine abgeht. Die rheinischen Rotweine zeichnen sich durch ein eigenartiges, würziges Aroma aus.
Die Weinlese.
Eine frohe Zeit ist im Herbst die Zeit der Lese. Dann entfaltet sich in den Weinorten Rheinlands ein lustiges Leben und Treiben. Wenn auch unser heutiges Geschlecht mit manchen schönen alten Sitten gebrochen hat, so ist doch die frohe Stimmung dieser Zeit geblieben. Sie kommt besonders dann zur Geltung, wenn die Weinstöcke einen guten Behang haben, und wenn neben einem guten Ertrag — der Winzer redet von einem halben oder dreiviertel Herbst — auch eine gute Qualität zu erwarten ist. Mit solcher Ernte ist der Winzer wohl zufrieden; kennt er doch all die Feinde, die diese hätten vernichten können, die Tücken der Witterung, die Plagen der Insekten und die Pilzkrankheiten. Helle Freude lacht aus seinem Auge, wenn er sieht, wie unter der Kraft der kochenden Sonne in den Beeren der Trauben der Saft anfängt in Wein überzugehen. Er merkt’s an dem Durchsichtigwerden der Beeren. Die Gemeindeväter bestimmen jetzt die Schließung der Weinberge. Selbst der Besitzer darf sie nicht mehr betreten. Während des ganzen Tages geben die Hüter der Weinberge scharf acht.
Endlich sind die Trauben völlig reif. Der Beginn der Lese wird öffentlich bekannt gemacht. Böllerschüsse künden den bedeutungsvollen Tag an, und Glockenklang läutet ihn feierlich ein. So ist es wenigstens noch in vielen Rheinorten.
Mit Jubel im Herzen steigt das Winzervölkchen hinauf in die Weinberge. Die Sonne hat die Herbstnebel zerstreut, und herrlich blickt’s sich hinab in das liebliche Rheintal. Dort unten liegt das Heimatörtchen, so traut gebettet am Ufer des blinkenden Stromes und umgeben von den Gruppen der Obstbäume. Dort das Kirchlein mit dem alten, moosigen Schieferdache! Selbst das eigene Wohnhäuschen ist zu sehen. Bald sind schon die ersten Tragkörbe voll Trauben gepflückt. Die starken Burschen tragen sie hinab. Dort unten hält auf dem Wege ein Ochsengespann. Große Bottiche stehen auf dem Wagen, die die süße Last aufnehmen sollen. Wie flink springen die Burschen die vielen Stufen des Bergpfades hinab! Voll Lust schwenken sie die Mützen, nach oben und nach unten grüßend. Dort oben aber, bei der Lese, sind bald die Mädchen in fröhlicher Stimmung. Das Tal erklingt von frohen Weisen, bis ein Scherzwort alle zum Lachen bringt und den Gesang verstummen macht ([Abb. 188] u. [189]).
Auch in dem Kelterraum der Winzerhäuser herrscht geschäftiges Leben. Die ankommenden Bottiche werden in die Presse geleert. Schon fließt der Traubensaft, der süße Most, heraus. Wie herrlich er schmeckt! Die Oechslesche Wage zeigt ein hohes Mostgewicht an. Das gibt ein Weinchen! so schmunzelt der Alte, der von vielen guten Weinjahren, doch auch von schlechten zu erzählen weiß ([Abb. 190], [191] u. [192]).
Nach etwa acht Tagen fängt der Most an zu gären. Er verliert seinen süßen Geschmack und nimmt einen bitteren an. Zugleich wird seine Farbe milchig trübe. Der erfahrene Winzer weiß schon am Federweißen, wie der Most jetzt heißt, herauszuschmecken, wie der spätere Wein wird. Mit der fortschreitenden Gärung entsteht aus dem Federweißen der junge Wein. Erst nachdem dieser geklärt ist und genug gelagert hat, kommt er in den Handel. Im Frühjahr beginnen die Weinhändler, die Wirte, die Kasinos, ihre Weineinkäufe zu machen, und in manchen Weinorten, wie in Bingen, Mainz, Rüdesheim, Kloster Eberbach, Kreuznach, Trier, Traben-Trarbach, Bernkastel und Coblenz finden dann öffentliche Weinversteigerungen statt. Dann klingen die Taler in des Winzers Tasche, fast noch heller als vorher das Jauchzen in seiner Brust.
Nach Beendigung der Weinlese wurden in früherer Zeit in vielen Weinorten öffentliche Winzerfeste gefeiert. Das einzige Winzerfest, das sich im Rheinland erhalten hat, findet in Winningen, einem blühenden Weinorte an der unteren Mosel, statt. Es wird in allen guten Weinjahren gefeiert. Der Verlauf eines solchen Festes wird folgendermaßen geschildert[E]: „Auch in diesem Jahre ist an der Mosel der Wein gut geraten, und deshalb wird in dieser Woche das Winzerfest ganz der alten Tradition getreu begangen. Es bildet sich die sogenannte ‚Kompanie‘; junge, unbescholtene Leute treten zusammen, bringen die Kosten für das Fest auf und liefern das Fleisch, das während der Festtage verzehrt wird. Die Mädchen bringen den Wein zusammen, und nun beginnt das Fest damit, daß die jungen Leute im schwarzen Anzug, mit Zylinder und weißen Handschuhen, die weißgekleideten, mit Blumen geschmückten Mädchen einzeln mit Musik am Hause abholen. Vor dem Hause jedes einzelnen Mädchens wird ein Ständchen gebracht. Sind alle Paare zusammen, so geht es im Zuge zum Bürgermeister, dann ins Festlokal. Hier wird getanzt und neuer Wein, der heute schon federweiß ist oder, wie man hier sagt, ‚schierpst‘, in großen Mengen getrunken. Abends geht es wieder im Zuge mit Windlichtern in ein anderes Lokal, wo das Abendessen eingenommen wird. Wie vor hundert Jahren besteht das Tischgerät aus Zinn: zinnernen Schüsseln, Tellern und Trinkbechern, die meist mit Denksprüchen geziert sind. Reden und Gesänge würzen das Mahl. Nach dem Essen, zu dem nur wenige fremde Gäste geladen werden, geht es wieder zum Tanzlokale zurück. Das dauert die ganze Woche durch, bis — der Wein alle ist. Hält die Feststimmung an, so wird auch weiter Wein gesammelt. Heuer bilden 48 Paare die ‚Kompanie‘. Tausende von Zuschauern von nah und fern strömen in dem freundlichen Moselorte zusammen.“
Abb. 190. Erste Probe. (Zu [Seite 188].)
Berühmte Weinorte.
Besuchen wir nun die berühmtesten Weinbaustätten Rheinlands auf flüchtiger Wanderung, um all die Weingeister kennen zu lernen, die sich Prinzessin Rebenblüte auf rheinischem Boden als ihren Stab erzog. Auf sonnigem Hang sind diese Geister geboren, als Kobolde hüten sie des Kellers Schätze, und neckend betören sie die frohgestimmten Zecher. Durch sechs sonnige Reiche führt uns Prinzessin Rebenblüte, und in jedem wartet sie unser mit neuem Gefolge. Das erste Reich, das sie uns, wenn wir von Süden kommen, zeigt, ist das schöne Hessenland. Dort ist fast kein Ort, der nicht seine Rebengärten hat. Etwa 270000 hl beträgt der jährliche Weinertrag Rheinhessens. Das Gelände ist von plateauartigem Charakter mit hügeliger Oberfläche, und auf zwei Seiten, nach Osten und Norden, fällt es zum Rhein ab. Die besten Weine wachsen an diesem äußeren Rande, so bei Worms die weltbekannte Marke Liebfrauenmilch, weiter nördlich der Niersteiner, Bodenheimer, Laubenheimer, Oberingelheimer, der Schwarzberger vom Rochusberge und der Schloßberger bei Bingen. Im Innern jenes Weinreichs werden nur kleine Weine gezogen, die im Lande selbst auch wohl Pfälzer genannt werden. Der Anbau von Weißweinen wiegt vor. Die Hauptsorte ist der Österreicher. Für feinstes Gewächs kommt noch der Riesling in Betracht. Der höchste Preis, der bisher für rheinhessische Weine bezahlt wurde, war 13660 Mark für ein Stück von 1200 l 1893er Niersteiner. Einen sehr geschätzten Rotwein baut Oberingelheim, wo schon Karl der Große den Weinbau pflegte.
Abb. 191. Kelter alter Art (vom Jahre 1650). (Zu [Seite 188].)
Rheinweine.
Drüben auf der anderen Rheinseite steht schon Prinzessin Rebenblüte, bereit, uns ihr zweites Sonnenreich zu zeigen. Glänzender ist ihr Stab, und so viele fürstliche Namen werden uns genannt, daß wir nur zögernd der Einladung folgen. „Rheingau“ heißt dieses Rebenreich. Es ist nur klein, soweit es mit Reben bepflanzt ist, noch nicht 2000 ha groß. Selbst bei ergiebigen Jahrgängen beträgt die Ernte nur 70–80000 hl. Im Durchschnitt der Jahre ist sie wohl kaum halb so hoch zu rechnen. Gute Jahrgänge stellen aber durch die Qualität des Weines einen fürstlichen Reichtum dar. Wurden doch für 600 l 1893er Auslese 17570 Mark, für das Stück also 35140 Mark gezahlt. Es war ein halbes Stück Steinberger, das der Kaiserliche Hof im Mai 1896 in Wiesbaden für diesen ungeheuren Preis ersteigerte. Um den ersten Rang unter den Rheingauer Weinen streiten sich Johannisberger und Steinberger. Als das drittedelste Gewächs pflegt man den Rauentaler, als das viertbeste den Marcobrunner zu bezeichnen. Etwa im gleichen Rang mit den dann folgenden Marken Gräfenberger und Schloß Vollradser steht der Rüdesheimer Berg. Auch den Geisenheimer Rotenberg und den Winkler Hasensprung dürfen wir nicht vergessen, und in Wiesbaden schätzt man noch den Neroberger sehr hoch. Nach dem Hochheimer, der weiter östlich wächst, werden von den Engländern alle deutschen Weine „Hock“ genannt. Aßmannshausen baut den besten deutschen Rotwein. Sowohl Weinbau als auch Weinbereitung und Weinpflege sind im Rheingau musterhaft. Große Weingüter geben überall ein gutes Vorbild. Man kann den Rheingau das klassische Anbaugebiet der Rieslingsrebe nennen. Diese entfaltet in dem vorzüglichen Weinbergsboden und in der nebeligen, für die Trauben günstigen Herbstwitterung Eigenschaften wie sonst nirgendwo. Die bei guten Jahrgängen erzielten Rheingauer Auslesen stehen ohnegleichen da in der ganzen Welt. Im Rheingau, und zwar in Hochheim, Schierstein, Eltville, Geisenheim und Rüdesheim, hat auch die deutsche Schaumweinbereitung ihren Hauptsitz genommen.
Naheweine.
Es war zuviel des Herrlichen, das Prinzessin Rebenblüte uns in ihrem schönsten Rebenreiche zeigte. Und wie uns das Herz vor Wonne fast verging, wenn so goldiger Tropfen duftig im Glase perlte, so hauchte des Weines fröhliche Kraft auch den Rheingauern eine sprudelnde, fast übermütige Fröhlichkeit ins Herz. Schwer fällt uns das Scheiden aus dem wonnigen Lande, aus den schmuckvollen Orten. Bei Rüdesheim öffnet sich uns die große Rebenstraße des Rheines. Doch wir lassen den Rhein, den stolzen, fahren und greifen nach dem duftenden Pokal, den uns sein Töchterlein, die Nahe, mit schelmischen Augen reicht; denn gefährlich ist der Nahewein für manchen Zecher. Wir schlürfen den Kauzenberger, Kreuznachs edelsten Wein, und im Zwielicht hinüberschauend nach den gespensterhaften Umrissen des trotzigen Rheingrafenstein, glauben wir den trunkfesten Ritter zu sehen, der mit gewaltigem Stiefeltrunke in einer Wette das ganze Dorf Hüffelsheim gewann. Der Umfang des Weinbaues an der Nahe ist ziemlich bedeutend. Der Kreis Kreuznach mit seinen 55 weinbautreibenden Orten und einer Anbaufläche von 3500 ha, das ist der doppelten des ganzen Rheingaues, hat sogar den bedeutendsten Weinbau im Deutschen Reiche. Der mittlere Gesamtertrag an der Nahe und in den zugehörigen Bezirken wird auf 90–100000 hl geschätzt. Es wird fast nur Weißwein gezogen, und zwar in gemischten Rebensatz, wobei aber der Österreicher vorherrscht. An der unteren Nahe wachsen mehr volle, kräftige und feurige Weine, die den Rheinweinen nahe kommen, an der oberen flüchtige, rassige, lichtfarbige, die den Moselweinen ähneln. Kreuznach ist der Mittelpunkt des Weinbaues und des Weinhandels. Außer dem Kauzenberger sind Roxheimer, Norheimer, Sobernheimer, Langenlonsheimer und Münsterer bekannte Naheweine.
Abb. 192. Hydraulische Kelter (moderner Betrieb). (Zu [Seite 188].)
Mosel-, Rhein- und Ahrweine.
Die Rheinfahrt, zu der uns nun Prinzessin Rebenblüte mit großem Gefolge zur Besichtigung der drei anderen Rebenreiche, des Rhein-, Mosel- und Ahrtals, ladet, ist eine Triumphfahrt, an die alle, die vielen Tausende, die alljährlich sie machen, mit wonnetrunkenen Herzen gerne zurückdenken. Wer in größerer Gesellschaft reist, kann auf dem Dampfer, der vorzügliche Weine an Bord hat, eine lustige und gründliche Weinprobe machen, indem er jedesmal die Weinsorten aus dem Bauche des Schiffes heraufholen läßt, die uns die in Sicht kommenden Weinorte lieferten. Rebenbekränzte Berge überall, wohin das Auge schaut, und stolze Ritterburgen blicken hinab ins Tal, wo in stiller Ruhe die Weindörfchen und Weinstädtchen liegen. Des lieblichen Rotweines von Aßmannshausen gedachten wir schon bei den Rheingauer Weinen. Lorch spendet seinen Bodentaler, das alte Städtchen Bacharach seinen Bacharacher und den weltbekannten Steeger, der in einem Seitentale wächst, und Oberwesel seinen Enghöller. Dann schauen wir hinauf zu Boppards stattlichen Rebengeländen, grüßen die zwischen Ober- und Niederlahnstein einmündende Lahn, deren Uferwände nur bei Runkel etwas Rotwein hervorbringen, und biegen dann bei Coblenz in das weinreiche Moseltal ein. Auf jährlich etwa 200000 hl wird dessen Produktion geschätzt, wobei die Saarweine mitgerechnet sind. Das enge Rheintal bringt zusammen mit dem kurzen Ahrtal wenig mehr als 50000 hl hervor.
Bald begleiten uns an der Mosel wieder Rebenberge zu beiden Seiten, und was sie spenden, wir wollen es nicht verachten, wenn auch manches Tröpflein, besonders an der unteren Mosel, etwas sauer schmeckt. Ein Spaßvogel will uns gar erzählen, der Nachtwächter gebe nachts um zwölf Uhr den Leuten ein Zeichen, und die es hörten, legten sich dann auf die andere Seite, damit der Wein ihnen die Magenwand nicht durchbeiße. Doch in Winningen vergessen wir beim Trank des köstlichen Weines diesen Spott und kosten wir erst an der mittleren Mosel den Zeltinger, den Graacher, den Lieserer, den Erdener, den Piesporter, den Brauneberger, den Josephshöfer, den Ohlingsberger und vor allem den weltberühmten Bernkasteler Doktor, so sind wir voll des Preises und möchten nicht mehr weiter ziehen. Wie das duftet aus dem Glase! Das wundervolle Bouquet der besseren, die ziemlich bedeutende Säure der geringeren Sorten sind die hervorstechendsten Eigenschaften des Moselweines. Noch Lieblicheres wollen die Mosel und ihre beiden Töchter, Ruwer und Saar, uns kredenzen, den Kaseler, der im Ruwertal wächst, Grünhäuser und Kartäuser bei Trier und Scharzhofberger, Wawerner Herrnberger, Bocksteiner, Geisberger und Oberemmeler bei Saarburg sind der reinste Göttertrank, bouquetreich und voll Kraft.
Zurückkehrend zum Rhein, um auch dessen letzte Rebengefilde noch zu besuchen, will uns zuerst der Wein nicht schmecken, bis wir in den Winzervereinen wieder etwas Begeisterung schöpfen. Nur mittlere und geringere Weine werden auf der Strecke von Coblenz bis Bonn gezogen. Neben dem Weißweinbau tritt dort auch der Rotweinbau stark auf. Die Rotweine führen den Namen „Rheinbleicherte“, weil sie in früherer Zeit eine helle Färbung hatten. Der Dattenberger, der bei Linz wächst, dürfte unter ihnen der beste sein. Noch einmal soll uns des Weines ganze Herrlichkeit aufgehen. Des romantischen Ahrtals, dessen Weinpoesie Arndt, Kinkel und andere besungen haben, weltberühmte Weinorte Bodendorf, Heimersheim, Ahrweiler, Walporzheim, Dernau, Rech, Mayschoß und Altenahr laden uns zu Gast, und in den trefflich geleiteten Winzervereinen laben wir uns an dem kräftigen, würzigen Rotwein, Ahrbleichert genannt. Auf dem Drachenfels schlürfen wir dann mit dem Drachenblut den letzten Rest der Weinpoesie Rheinlands. Und auf den Mauertrümmern der Drachenburg sitzen wir und schauen in traumhaftem, seligem Erinnern noch einmal zurück auf diese Wanderung durch die sonnigen Weinreiche des Rheines. Prinzessin Rebenblüte mit ihrem Gefolge aber nimmt Abschied und läßt allein uns weiterziehen nach dem kalten, frostigen Norden.
[E] Frankfurter Zeitung, 1. Dezember 1900.