IX. Die Kölner Bucht und das Bergische Land.
Wer von Bonn aus die Rheinfahrt nach Köln fortsetzt, bemerkt, wie die Höhen, die bis dahin so malerisch die Ufer schmückten, sich immer mehr von diesen entfernen. Zwischen niedrigen, doch nicht völlig flachen Ufern wälzt der Strom, der schon oberhalb Bonn zu einer stattlichen Breite angewachsen war, seine Fluten dahin. Vom obersten Deck des Dampfers können wir über das Land frei hinwegschauen. Eine schöne Ebene, die geographisch gewöhnlich als Kölner Bucht bezeichnet wird, dehnt sich zu beiden Seiten des Stromes aus, begrenzt im Westen und Osten von niedrigen Höhen, die anfangs von ihm etwa 5, weiter nach Norden etwa 10 km entfernt sind.
Von der Fruchtfülle, den wogenden Getreidefluren des Kölner Landes erhalten wir ein besseres Bild, wenn wir die Reise von Bonn nach Köln statt zu Schiff mit der Eisenbahn machen. In unmittelbarer Nähe des Vorgebirges fahren wir vorbei. Ein Kranz von blühenden Ortschaften säumt dessen Fuß, deren Bewohner einen ausgedehnten Gartenbau, Obst-, Gemüse- und Blumenzucht betreiben. Wenn im Frühjahr die Obstblüte beginnt, dann entfaltet dieser östliche Abhang des Vorgebirges, den man den großen Küchengarten von Köln und Bonn nennen könnte, ein Bild seltener Pracht und Anmut. Die sanftgeneigten Abhänge sind mit Tausenden von großen Blütensträußen geschmückt, die bald dichter stehen und zu einem weißen Blütenmeer verschmelzen, an anderen Stellen mehr einzeln sich aus dem jungen Grün herausheben. Das ist die Zeit, wo die Bonner, die Kölner in Scharen besonders nach dem in einer Einbuchtung des Höhenzuges so sonnig gelegenen Alfter strömen, teils um sich an der Blütenpracht zu ergötzen, teils auch — und manche soll das mehr noch locken — um den ersten Spargel zu kosten. Auch das Städtchen Brühl, wo sich ein Kaiserliches Schloß, das 1725 bis 1728 durch den Kölner Kurfürsten Clemens August erbaut wurde, mit großem, schattigem Park befindet, die von schönen Anlagen umgebene Bahnstation Kierberg, sowie die Waldpartien der Kranzmaar und von Königsdorf, westlich von Köln, locken während des ganzen Sommers viele Ausflügler an, die dem Stadtgewühl entfliehen wollen. So bieten sich auch in diesem Teile Rheinlands, den Bewohnern der Ebene, noch manche schöne Punkte, die eines Besuches wert sind, wenn auch der Zauber fehlt, den rebengeschmückte Berge, sagenumwobene alte Burgen und der stete Anblick des von Schiffen belebten Stromes dem engen Rheintal verleihen.
Rheinfahrt von Bonn nach Köln.
Auf der Fahrt mit dem Dampfschiff von Bonn nach Köln zeigt uns das ebene Land nur wenige Merkwürdigkeiten. Gleich nach der Abfahrt wird rechts die Doppelkirche von Schwarzrheindorf ([Abb. 158]) sichtbar, die bei den Kunstkennern besonders wegen ihres reizenden Chorrundganges und ihrer altkölnischen Malereien als ein Baudenkmal von hervorragendem künstlerischen Werte gilt. Sie wurde 1149 bis 1151 als Grabkirche für den Erzbischof Arnold II. von Wied errichtet. Die untere Kirche war für die Gemeinde, die obere für die Nonnen bestimmt. Leider ist die Kirche, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts nur noch als Pferdestall und Scheune zu benutzen war, trotz zweimaliger, gründlicher Restaurierung stark in Verfall geraten, so daß Kunstkenner sich über ihren heutigen Zustand sehr besorgt äußern.
Abb. 175. Der Altenberger Dom. (Zu [Seite 178].)
Etwa eine Stunde unterhalb Bonn erfolgt die Einmündung der Sieg in den Rhein. Wir können die Mündungsstelle, die durch Weidengebüsch verdeckt wird, vom Schiffe aus nicht sehen; aber ein schwärzlicher Streifen in dem grünen Rheinwasser verrät sie am rechten Ufer. Wenig unterhalb der Siegmündung liegt der Ort Mondorf. Die zahlreichen, am Rheinufer zum Trocknen aufgestellten Netze verraten uns schon die Beschäftigung vieler seiner Bewohner. Ohne auffälligen Wechsel der Uferbilder geht die Fahrt weiter, an dem langen Dorfe Hersel, das hinter den Nußbäumen einer Rheininsel hervorlugt, und an dem Fabrikorte Wesseling vorbei. Vor uns, in der Fahrtrichtung, werden die hohen Türme des Kölner Domes immer deutlicher sichtbar. Zuerst erschienen sie über dem rechten Ufer. Plötzlich schauen wir sie zur Linken, dann tauchen sie wieder rechts auf. Wir haben während der Fahrt die Biegungen des Rheines nicht verfolgt und sind fast irre geworden, auf welcher Seite des Stromes eigentlich Köln liege, bis endlich auch das übrige Bild der großen Stadt links vor uns auftaucht. Wie ein Wächter, den frühere Zeiten abzulösen vergaßen, reckt sich am Ufer der hohe Bayenturm heraus, die frühere Zollstelle bezeichnend. Über die neuen Werft- und Hafenanlagen, die von 1892 bis 1898 angelegt wurden, gleitet dann der Blick. Immer großartiger gestaltet sich das Gesamtbild ([Abb. 159]). Links und rechts fassen hohe Gebäudereihen den breiten Strom ein, über den eine niedrige Schiffbrücke und eine hohe Gitterbrücke ([Abb. 160]) hinüberführen nach Deutz, dem früheren Brückenkopf von Köln. Besonders das linksseitige Stadtbild, das eigentliche Köln, fesselt den Blick. Aus dem Häusermeer tauchen zahlreiche Kirchen auf; aber alle überragt riesenhaft der majestätische Dom, so daß selbst die hohe Gitterbrücke mit ihren stolzen Türmen zwerghaft in die Tiefe versinkt. Die feste Rheinbrücke wird zurzeit durch eine breitere, die an der nämlichen Stelle, neben der alten, errichtet wird, ersetzt, und außer ihr ist noch eine zweite feste Brücke, die Südbrücke, im Bau begriffen.
Köln.
Von der Landestelle des Dampfers, neben der stets belebten Schiffbrücke, gelangen wir unmittelbar in das alte Köln, zuerst auf den Heumarkt, auf dem das Denkmal des Königs Friedrich Wilhelm III. steht, dann auf den Altenmarkt, den ein Denkmal des berühmten Reitergenerals Jan von Werth aus dem Dreißigjährigen Krieg, der 1651 starb, in Gestalt eines Monumentalbrunnens schmückt. Wie eine heitere Sage erzählt, soll Jan früher Knecht gewesen und wegen verschmähter Liebe Kriegsmann geworden sein. Er wurde ein Reitergeneral, die Bauersmagd aber saß, als er seinen Einzug in Köln hielt, als Apfelweib am Stadttor. Zwei Figuren am Brunnen, einen kölnischen Bauer und ein kölnisches Mädchen aus jener Zeit darstellend, deuten auf diese Sage hin. Ein plattkölnisches Gedicht, von Kramer verfaßt, aus dem der Leser die Kölner Mundart kennen lernen möge, erzählt sie in folgender Weise:
„Zo Köln em ahlen Kümpchens-Hof
Wunt ens nä Boersmann,
Dä hat en Mäd, de nannt sich Griet,
Nä Knäch, dä nannt sich Jan.
Dat Griet, dat wohr en fresche Mäd,
Grat we vun Milch un Bloot,
Dä Jan, dat wohr nä starke Boorsch,
Dem Griet vun Häzen good.
Ens säht hä: „Sag,“ esu säht hä:
„Sag, Griet, bin ich derr räch?
Nemm mich zom Mann, do bes en Mäd,
Un ich, ich den nä Knäch.“
Do säht it: „Jan, do bes nä Knäch,
Und ich en schöne Mäd:
Ich well nä däft’gen Halfen han
Med Oes un Köh un Päd.“
Un als dä Jan dä Kall gehoot,
Do trock hä en dä Kreeg,
Schlog immer düchtig en dä Feind,
Holf wennen manchen Seeg.
We widder hä no Köllen kom,
Sos hä op stolzem Päd,
Dä Jan dä wohr no Feldmarschall,
Dä große Jan vun Wäht.
We widder en de Poz hä kom,
Sos en der Poz dat Griet,
It sos vör einem Appelkrom,
Wo it Kruschteien briet.
Un als dä Jan dat Griet dät sin,
Leht stell sing Päd hä stonn.
Un größten it un säht zo im:
„Grieht! wer et hät gedonn!“
Un als dat Griet dä Jan dät sin
Su blänkig usgeroß,
Do größt it in un säht zo im:
„Jo! wär et hät gewoßt!“
Ehr kölsche Mädchen, merkt üch dat,
Un sit mer nit so friet,
Gar mäncher hät et leid gedonn,
Dat lehrt vum Jan un Griet.“
Vom Altmarkt nehmen wir den Weg nach Westen zum Rathause ([Abb. 161]), einem interessanten, auf gewaltigem römischen Unterbau ruhenden Bauwerk, an dem besonders die zierliche, im Renaissancestil erbaute Vorhalle und der fünfstöckige Turm, der 1407 bis 1414 mit Strafgeldern der Adelsgeschlechter erbaut wurde, gelobt werden. In der Nähe liegt auch der Gürzenich, der alte Festsaal der Stadt Köln. Er wurde 1441 bis 1452 als „der Herren Tanzhaus“ errichtet. Sein Bau kostete damals 80000 Gulden. Viele große Feste wurden im Laufe der Jahrhunderte in ihm gefeiert. In der Zeit des Niederganges Kölns, im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, geriet er so in Verfall, daß er nur noch als Lagerraum benutzt werden konnte, bis ihn in unserer Zeit die neu aufblühende alte Hansastadt nach gründlicher Wiederherstellung des Inneren 1857 wieder seiner früheren Bestimmung übergab.
Abb. 176. Barmen.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu [Seite 178].)
Köln. Der Dom.
Weiter westwärts wandernd, gelangen wir zur Hochstraße, der Hauptgeschäftsstraße Kölns. Sie ist verhältnismäßig schmal, und um so mehr tritt der lebhafte Verkehr, der sich zu jeder Tageszeit durch sie bewegt und in den Mittags- und Abendstunden fast zu stocken droht, in die Erscheinung. Mancher Fremde hat ein solches Verkehrsbild nie gesehen und ist von ihm überrascht. Wir schließen uns der flutenden Menge an und ziehen an den glänzenden Geschäftsläden vorüber, bis wir auf dem Wallrafsplatz plötzlich gebannt stehen bleiben. Wir stehen fast unmittelbar vor den gewaltigen Domtürmen ([Abb. 162]), die riesenhaft sich recken, zugleich durch ihre reiche und kunstvolle Gliederung überraschend. Nun stehen wir vor dem prächtigen West-, dem Hauptportal: Links und rechts je ein Riesenturm, 156 m hoch. Es fehlen uns völlig die Maßvergleiche, um solche Höhe richtig zu schätzen. Dort der 40 m hohe Uhrturm des Bahnhofes, welch ein Zwerg! Daneben die gewaltige, zu 24 m Höhe sich wölbende Bahnhofshalle, wie tief zur Erde gedrückt! Wir steigen die Stufen hinan, und nun stehen wir im Inneren des Domes ([Abb. 163]). Wie gewaltig sind die Säulen, und doch wie schlank erscheinen sie, mißt das Auge sie mit der Riesenhöhe! In einen Wald von Säulen, einem herrlichen Buchenwalde vergleichbar, schauen wir hinein. Nicht jeder Besucher des Gotteshauses mag das Gefühl, das zum Himmel reißt, in diesem gotischen Stil empfinden. Aber jener Schweizer, der beim Anblick des Kölner Domes das Bild seiner Heimatberge wiedererstehen sah, hat es tief empfunden. „Der Dom ist,“ so schrieb er in seinen Reisebildern[C], „das Märchen vom versteinerten Wald, so wunderbar, daß man davor wie ein Stein stillstehen und ganz tiefsinnig werden könnte ... Wie ein Gebirge erschien mir der Dom, wie ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst. Eine Zacke trägt und stützt die andere, jede will höher als die andere ... alles strebt weltflüchtig empor in die Sonne.“
Abb. 177. Die Schwebebahn in Barmen-Elberfeld.
Nach einer Aufnahme von Gebr. Kremer in Barmen. (Zu [Seite 178].)
Der Kölner Dom.
Der Grundstein zu diesem herrlichen Bauwerke, zu dem die Nationen der Erde hinpilgern, um es staunend zu bewundern, wurde am 14. August 1248 durch den Erzbischof Konrad von Hochstaden gelegt. Erst 632 Jahre später, im Jahre 1880, konnte das Fest seiner Vollendung gefeiert werden. So sind Jahrhunderte an dem unvollendeten Bau, der wie ein Trümmerbild einer vergangenen Glanzzeit Kölns und des deutschen Volkes dastand, ohnmächtig vorübergegangen. Sie hätten nie gewagt, ein solches Bauwerk zu beginnen, und waren darum auch außerstande, es zu vollenden. Als der wirtschaftliche Niedergang der einst so blühenden Hansastadt an seinem Tiefpunkte angelangt, als Deutschlands politische Ohnmacht am größten und der Rhein abgerissen war vom deutschen Lande, da war auch die Herrlichkeit des Kölner Domes am tiefsten gesunken, damals konnte, in der Zeit der Fremdherrschaft, ein französischer Bischof sogar Napoleon den Vorschlag machen, die Steinmasse, die nur noch als Heumagazin diente, doch abtragen zu lassen. Dem deutschen Volke ist diese Schmach erspart geblieben. Als Köln mit dem übrigen Teil der Rheinprovinz unter preußische Herrschaft kam, da brach mit der Zugehörigkeit zu einem großen, gut geleiteten Staatswesen, mit der Entwicklung des Rheinstroms zu einer großen, einheitlichen Verkehrsstraße auch wieder, erst langsam, dann schneller, eine neue Zeit der Blüte an. Mit dem neu erwachenden deutschen Volksgefühl regte sich auch das Gewissen, die großen Aufgaben, die die Väter hinterlassen hatten, wieder aufzunehmen. Mahnend ragte der Domkran, der zum Wahrzeichen der Stadt geworden war, auf, und in den Herzen kunstbegeisterter Männer begann es sich zu regen. Besonders Sulpiz Boisserée weckte den schlafenden Volksgeist, und er hatte das Glück, den König Friedrich Wilhelm III. und mehr noch den damaligen, für die Kunst begeisterten Kronprinzen für seine Pläne zu gewinnen. 1824 begann man mit Restaurationsarbeiten in bescheidenem Umfange. Der Baumeister Zwirner war es, der zuerst mit dem kühnen Gedanken eines völligen Ausbaues in die Öffentlichkeit trat. Seine Begeisterung hallte in den Herzen aller Kölner, aller Rheinländer, aller Deutschen mächtig wider. Ein glücklicher Zufall hatte über dem Kölner Dom gewaltet. 1814 war in Darmstadt der eine, 1816 in Paris der andere Teil des Originalaufrisses der Westfassade mit den Türmen aufgefunden worden, desgleichen im selben Jahre in Paris der Originalgrundriß des südwestlichen Domturmes nebst der östlichen Ansicht. Die Möglichkeit, den stolzen Bau so auszuführen, wie er vom ersten Baumeister, man glaubt vom Meister Gerard von Rile, ersonnen war, stärkte den Mut. Am 4. September 1842 wurde im Beisein des Königs Friedrich Wilhelm IV. feierlichst der Grundstein zum Weiterbau gelegt, für den im ganzen bis 1880 achtzehnundeinhalb Millionen Mark verausgabt wurden. In diesem Jahre konnte endlich am 15. Oktober, in Anwesenheit des Kaisers Wilhelm I. und fast sämtlicher deutscher Fürsten, das Fest der Vollendung gefeiert werden. Es waren zwei Festtage, der Tag der Einweihung und der folgende Tag des Festzuges, weihevoller Stimmung, die wie ein Jugendtraum unauslöschlich im Erinnern ruhen.
Abb. 178. Elberfeld.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu [Seite 179].)
Abb. 179. Die Ruhmeshalle in Barmen.
Nach einer Photographie von W. Disselhoff in Elberfeld. (Zu [Seite 180].)
Der Dom ist ein fünfschiffiges Langhaus, an den sich ein dreischiffiges Querhaus setzt. An die äußeren Seitenschiffe des Langhauses schließt sich ein Halbkreis von sieben Kapellen an, während die inneren Seitenschiffe um den Hochaltar laufen. Der Flächeninhalt des Domes beträgt 6166 qm (des St. Peter in Rom 15160 qm). Im südlichen Turme hängt die aus französischem Geschützmetall gegossene Kaiserglocke, die 500 Zentner wiegt. In der Michaelskapelle bewundern wir das berühmte, dreiteilige Dombild ([Abb. 2]), das die Anbetung der heiligen drei Könige darstellt; es wurde vor 1450 von Stephan Buchener gemalt. Die Reliquien der heiligen drei Könige werden in der reichen Schatzkammer des Domes in einem goldenen Reliquienschrein aufbewahrt. Dieser, ein kostbares Werk romanischer Goldschmiedekunst, das aus der Zeit zwischen 1190 und 1200 stammt, wurde leider 1794 bei der Flucht vor den Franzosen stark beschädigt und 1807 ungeschickt wiederhergestellt.
Der Kölner Dom stellt die höchste Vollendung der Richtung des gotischen Baustils dar, die ihre Entwicklung auf französischem Boden fand und dort besonders in der herrlichen Kirche zu Reims triumphierte. In Deutschland gibt es drei rheinische Dome, die die französische Gotik zum Ausdruck bringen, der Freiburger Dom, dessen Turm der schönste von allen gotischen Türmen ist, der Straßburger Dom, an dem die Baugrundsätze der Gotik einheitlicher durchgeführt sind, und dessen Inneres einen reicheren bildhauerischen Schmuck zeigt, und endlich der Kölner Dom, mit dessen Plan die Gotik unvermittelt in Köln auftritt, da die ein Jahr früher begonnene Kirche St. Kunibert noch keine Züge des Kölner Domes zeigt.
Alt-Köln.
Noch viele herrliche Kirchen besitzt Köln, deren Kunstbedeutung ich hier des Raummangels wegen nicht näher darlegen kann. Ein hervorragender Kunstkenner äußerte sich einmal, daß er sich nicht recht entscheiden könne, ob er in bezug auf kirchliche Baukunst Rom oder Köln den Vorzug geben solle. Das ist ein Urteil, das wohl an die Stelle einer langen Beweisführung treten darf. Als hervorragende Kirchenbauten Kölns seien deshalb bloß noch die 1172 geweihte Kirche Groß-St. Martin, die 1049 von Papst Leo IX. geweihte Kirche St. Maria im Kapitol, die Kirche St. Pantaleon, die an Stelle eines älteren Gotteshauses 964 bis 980, angeblich mit Benutzung von Resten der Konstantinschen Rheinbrücke, erbaut wurde, die sehr interessante Kirche St. Gereon, in deren Krypta man sehr alte Baureste entdeckt hat, und die stattliche, im dreizehnten Jahrhundert erbaute Apostelkirche, die sich am Neumarkt, dem größten Platze Kölns, so prächtig mit ihrem schönen Chorbau erhebt.
Abb. 180. Das Rittershaus-Denkmal in Barmen.
Nach einer Photographie von W. Fülle in Barmen. (Zu [Seite 180].)
Kölns Geschichte.
Das malerische Bild des mittelalterlichen Köln ([Abb. 164]) erstand beim Anblick der schönen Gotteshäuser in unserem Geiste. Viel unbedeutendere Spuren hat dagegen das römische Köln, die stolze Colonia Claudia Augusta Agrippinensis, die mit nur wenigen anderen Kolonien das ius italicum, das römische Recht der Vollbürger besaß, hinterlassen. Im Jahre 38 v. Chr. war Köln gegründet worden, als der deutsche Volksstamm der Ubier vom rechten auf das linke Rheinufer übersiedelte. Der Ort erhielt durch die Errichtung der Ara Ubiorum (Altar der Ubier) eine hohe religiöse Bedeutung. Die Gründung der römischen Kolonie, die eine sogenannte Veteranenkolonie war, erfolgte 51 n. Chr. Wenn auch keine bedeutenden Baureste von jenem römischen Köln mehr vorhanden sind, so haben doch die Ausgrabungen genügenden Aufschluß über dasselbe gegeben. Die römische Stadtmauer lief in etwa rechteckiger Form vom Domplatze über die Burgmauer, die St. Apern- und Gertrudenstraße, den Mauritiussteinweg, die Alte Mauer am Bach, Blaubach, die Hochpforte und die Hochstraße. Sie war in bestimmten Abständen von Türmen nach Art des erhaltenen Römerturmes flankiert und von Toren durchbrochen, von denen die Porta Paphia, deren Reste an der Westseite des Domes festgestellt wurden, wohl das stattlichste war. Es fehlte nicht an monumentalen Bauten, Verwaltungsgebäuden, Termen und Tempeln, wie zahlreiche, im Wallraf-Richartz-Museum aufgestellte Überbleibsel aus dem bildsamen Jurakalkstein beweisen. Ein Jupiter- und ein Merkurtempel sind durch Inschriften bezeugt. Auch ansehnliche Privatbauten waren vorhanden, wie sich aus Resten kunstreicher Mosaiken und Wandmalereien und aus Funden von Zentralheizungen und Badeeinrichtungen ergibt. Eine großartige Wasserleitung führte klares Gebirgswasser aus der Eifel herbei. Der sogenannte Römergang, den man noch heute besichtigen kann, war eine aus Tuffstein sauber ausgeführte Kloake zur Wegführung der Abwässer. Die meisten Privathäuser hat man sich als Fachwerkbauten zu denken. Von römischer Kultur zeugt auch die Art der Götterverehrung und der Ehrung der Toten. An den Hauptstraßen vor den alten Toren sind große Gräberfelder aufgedeckt worden. Dort reihte sich zu beiden Seiten der Straße Grab an Grab. In den beiden ersten Jahrhunderten der römischen Herrschaft wog die Verbrennung, in den beiden letzten die Bestattung vor. Schöne Erbbegräbnisse sind in Weiden und jüngst in Effern aufgedeckt worden. In der Regierungszeit Konstantins des Großen erhielt Köln auch eine feste Rheinbrücke, die später von den Normannen zerstört wurde.
Das römische Köln sank nach vierhundertjähriger Dauer in Trümmer, und ein fränkisches trat an seine Stelle. Die Ausbreitung des Christentums gab diesem sein politisches und, durch die große Zahl der Kirchen, auch sein äußeres Gepräge; auf Handel und Gewerbe aber stützte sich seine Machtstellung. Trotz der steten Streitigkeiten zwischen der Stadt und den Erzbischöfen, die später ihre Residenz nach Brühl und bald nach Bonn verlegten, sowie zwischen den Adelsgeschlechtern und den Zünften blühte Köln immer mehr auf. Es war eins der angesehensten Mitglieder des Hansabundes und machte eine Zeitlang Lübeck den ersten Rang streitig. Dem Umstande, daß sich in ihm die westöstlichen Wege des Landverkehrs mit der Schiffahrtslinie des Stromes kreuzten, verdankte es hauptsächlich sein mächtiges Emporblühen im Mittelalter, einem Umstande, der auch die neue Blüte in unserer Zeit wieder hauptsächlich bedingt.
Der Niedergang Kölns begann mit dem sechzehnten Jahrhundert und wurde vorwiegend durch die Verschiebung der Welthandelswege hervorgerufen. Es war ein tiefes Herabsteigen von der stolzen Höhe des Reichtums und des Ansehens. Es leerte sich die Stadt von Menschen, und ihr äußeres Gepräge wurde ärmlich. Von 150000 sank die Einwohnerzahl auf 40000. Ein Viertel der inneren Stadt war in Weinberge umgewandelt worden. Von dem Weine, der in diesen gezogen wurde, sagt ein Bericht, daß er „weder geeignet zum Verführen (= Verhandeln) noch zum Aufbewahren“ war. Scharen von Bettlern umlagerten den ruinenhaft aufragenden Dom. In den Straßen wuchs lustig das Gras. Das war nicht mehr die Stadt, von der es im Mittelalter hieß:
Coellen eyn kroin,
Boven allen stedden schoin.
Neu-Köln. Kölner Karneval.
Im Vergleich hierzu das glanzvolle Bild des heutigen Köln: Die Wandlung ist fast nicht zu begreifen. Die Einwohnerzahl ist auf über 450000 gestiegen. Überall treten uns die Zeichen einer kraftvollen Entwicklung entgegen. Die Altstadt hat ihr Bild völlig verändert und verändert es täglich noch mehr. Die Stadterweiterung schuf die prächtige Neustadt. Die Ringstraße ([Abb. 165]), auf der das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. ([Abb. 166]) aufgestellt wurde, gehört zu den schönsten Straßenanlagen der Welt. Von anderen Sehenswürdigkeiten Kölns seien noch das Wallraf-Richartz-Museum, wo man unter den Werken der Altkölnischen Malerschule besonders auf das aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammende Bild Madonna im Rosenhag ([Abb. 167]) achten möge, das in Knackfuß’ Deutscher Kunstgeschichte „das lieblichste Werk dieser Zeit“ genannt wird, ferner die alten Torburgen ([Abb. 168]), die ebenfalls Museumszwecken dienen, das Bismarck- und das Moltkedenkmal, das neue Hauptpostgebäude ([Abb. 169]), der Zoologische Garten, die Flora, der Volksgarten und der große Stadtwald zu nennen.
Abb. 181. Rathaus und Jan Wellem-Denkmal in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 182].)
Wir können die Erörterung über Köln nicht gut ohne ein Erinnern an den Kölner Karneval schließen. Lange Zeit hatte dieses alte Volksfest, bei dem der rheinische Frohsinn am ungestümsten hervorbricht, infolge der Ungunst wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse geschlafen. Als anfangs der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Wendung zum Bessern sich fühlbar machte, da erwachte es von neuem, um sich bis heute zu behaupten. Im Jahre 1823 wurde der Kölner Karneval in seiner heutigen Form ins Leben gerufen. Es bildete sich die Große Karnevalsgesellschaft, und die Veranstaltung eines Festzuges am Montag wurde ins Programm aufgenommen. Viele kleinere Karnevalsgesellschaften entstanden noch später und entstehen noch jedes Jahr; aber die „Große“ steht doch im Mittelpunkt des ganzen Festes. Schon mit Neujahr beginnen die karnevalistischen Sitzungen. Es gilt, den größten Menschenfeind, den Griesgram, der sich während des Jahres überall eingenistet hat, im Herzen aufzuspüren und mit den Waffen des Witzes und ulkigen Spottes zu bekämpfen. Die besten Redner werden in „de Bütt“ geschickt. Gelingt ihnen ein treffender Witz über irgendein Ereignis des Jahres oder des Lebens überhaupt, so lohnt tosender Beifall die Rede. Von Mund zu Mund pflanzt sich das neue Schlagwort fort, das bald auf allen Lippen ist, mit dem man jeden Bekannten begrüßt. Im ganzen öffentlichen Leben und ebenso im Familienleben ist zu erkennen, daß Köln unter dem Zeichen des Karnevals steht. Auch der bunte Schaufensterschmuck vieler Geschäfte sagt es uns. Allmählich rückt die Zeit des eigentlichen Karnevals heran. Drei Tage, Sonntag, Montag und Dienstag vor Beginn der Fastenzeit, dauert der Festestrubel. Alle Leute, jung und alt, reich und arm, geben sich einer tollen Freude hin. Schon Donnerstag vorher ist die sogenannte Weiberfastnacht, besonders von den Marktfrauen des Altenmarkt, gefeiert worden. Der große Festzug, der am Montage durch die Stadt zieht, lockt viele Tausende von auswärts an. Auf dem Neumarkt, von wo er ausgeht, und in den Straßen, die er passiert, wogt eine ungeheure Menschenmenge, die in den späteren Tagesstunden einen ohrenbetäubenden Lärm macht. In dem Zuge kehren einzelne, historisch gewordene Gruppen alljährlich wieder, so der Köllsche Boor ([Abb. 170]), Till Eulenspiegel, die Kölner Funken, Alaaf Köln und Prinz Karneval, dessen Wagen sich gewöhnlich durch seine reiche Pracht auszeichnet. Die übrigen Wagen stellen gewöhnlich irgendeinen leitenden Gedanken, die große Idee des Fastnachtszuges dar. Fremde, die zum erstenmal den wilden Fastnachtstrubel sehen, können sich eine solche Volksstimmung anfangs gar nicht erklären. Dieselbe setzt eben rheinischen Frohsinn und einen dem echten Kölner angeborenen Mutterwitz voraus. Am besten hat den Kölner Karneval Goethe begriffen, der dem Großen Rat mit den Verschen antwortete:
Auch dem Weisen fügt behäglich
Sich die Torheit wohl zur Hand,
Und so ist es ganz verträglich,
Wenn er sich mit euch verband ...
Löblich wird ein tolles Streben,
Wenn es kurz ist und mit Sinn;
Heiterkeit zum Erdenleben
Sei dem flücht’gen Rausch Gewinn!
Das Bergische Land.
Wir scheiden von Köln, um noch in dem schönen Bergischen Lande kurze Umschau zu halten. Nicht bloß die Schönheit der Natur und Erinnerungsstätten der Vergangenheiten locken uns dorthin. Fast mehr noch treibt es uns, die Wunderbauten zu schauen, die ein tüchtiges Geschlecht in jüngster Zeit dort errichtet hat.
Unter dem Bergischen Land versteht man das Gebiet, das von der Wupper, die etwa 12 km unterhalb Köln rechts in den Rhein mündet, bewässert wird. Nach Südosten geht dasselbe in das Oberbergische, das seine Bäche zur Sieg sendet, und nach Osten in das Sauerland über. Dieser letztere Name, der soviel als Süderland heißt und wohl von den nördlicher wohnenden Münsterländern stammt, wird in den geographischen Lehrbüchern meist zur Bezeichnung des ganzen Gebietes, das im Süden von der Sieg, im Nordosten und Norden von der Ruhr und im Westen von der Rheinebene umgrenzt wird, gebraucht. Die Bewohner des Bergischen Landes aber spotten über eine Verallgemeinerung des Namens Sauerland und sagen sehr richtig, das Sauerland wäre eine ganz andere Gegend als ihr schönes Bergisches Land. Wer im Wuppergebiet von Sauerland spricht, wird ausgelacht. Ich meine, man müsse sich darüber freuen, daß das Volk den Namen der Heimat hoch hält und nicht in der Eifel, im Hunsrück, im Sauerland wohnen will, selbst wenn es gedruckt so in geographischen Lehrbüchern steht.
Remscheid. Solingen.
Der Name „Bergisches Land“ ist eine wirklich zutreffende Bezeichnung. Der stete Wechsel zwischen Berg und Tal gibt dem Gebiete sein eigenartiges Gepräge. Die zahlreichen Täler und Tälchen sind meist tief, viele schluchtenartig eingeschnitten. Wald, Wiese und Äcker wechseln miteinander ab, und überall liegen Gruppen von Häusern, bald in die Talmulden gebettet, bald die luftige Höhe erkletternd. Aus dem steten Wechsel der Bodenform, des Pflanzenkleides und der reichen Besiedelung entsteht das eigenartige Gesamtbild des Bergischen Landes, das so völlig verschieden ist von den eintönigen und menschenleeren Hochflächen des Hunsrück und der Eifel. Es kehrt überall wieder, gleichviel in welchem Teile wir das Bergische Land durchstreifen, aber niemals wirkt es ermüdend, immer überraschen die Einzelheiten, die Wendungen der Tälchen, die Staffage der Höhen, besonders die malerischen Gruppierungen der zierlichen und freundlichen Häuschen, die meist mit Schiefer gedeckt und auf der Wetterseite auch mit Schiefer bekleidet sind. Für eine der schönsten Aussichten, von manchen für die schönste im ganzen Bergischen Lande wird der Rundblick gehalten, den man von den Anlagen in Remscheid ([Abb. 171]), das in dem von der Wupper auf drei Seiten umflossenen Viereck liegt, genießt: „Nach Norden[D] umgibt uns ein reicher Kranz von Ortschaften. Überall lugen die Häusergruppen und die Kirchtürme aus Berg und Tal, zwischen den dunkleren Waldflecken und den helleren Acker- und Wiesenflächen hervor. Nach Nordosten schauen wir hinab in das Moosbach- und das Wuppertal, die wie dunkle Schluchten erscheinen. Hoch ragt der Bogen der berühmten Kaiser Wilhelm-Brücke bei Müngsten ([Abb. 172]), die mit 170 m Spannung, bei einer Länge von 500 m und einer Höhe von 107 m, sich hoch über die Schlucht des Wuppertales wölbt, der Bahn von Remscheid nach Solingen einen Weg bietend. In der Ferne tauchen die zerstreuten Häusergruppen von Solingen ([Abb. 173]) auf. Über die westlichen und südwestlichen Höhen öffnet sich der Blick auf die Rheinebene. Von Düsseldorf bis Köln, dessen Domtürme deutlich hervortreten, können wir diese überblicken, und fern im Süden tauchen gar die Kuppen des Siebengebirges und der Eifel empor. Nach Osten endlich breitet sich das ausgedehnte, von dem Wasserturm hoch überragte Häuserbild von Remscheid vor uns aus.“
Abb. 182. Städtische Kunsthalle und Bismarck-Denkmal in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 182].)
Remscheid und Solingen.
Die beiden Städte Remscheid (65000 Einw.) und Solingen (50000 Einw.) sind die Hauptsitze der so berühmten Eisen- und Stahlindustrie des Bergischen Landes. In Solingen soll die Kunst, Schwerter zu schmieden, der Überlieferung gemäß, durch den Grafen Adolf IV. von Berg, der sie auf dem zweiten Kreuzzug in Damaskus kennen gelernt hatte, eingebürgert worden sein. Die Grafen von Berg taten viel für die junge Industrie. Graf Adolf Wilhelm verlieh ihr viele Vorrechte, er erhob Solingen zur Stadt und befreite sie von allen Abgaben. Schon im Mittelalter waren die Solinger Klingen sehr berühmt und auf den Handelsplätzen fast der ganzen Erde eine gesuchte Ware. Erst 1809 wurden die Vorrechte der Solinger Waffenschmiede, der Härter, Schleifer, Messermacher, Kreuz- und Knopfschmiede, aufgehoben. Der freie Wettbewerb, der damit begann, hat der Industrie nicht geschadet. Dieselbe fußt jetzt auf einer jahrhundertelangen Schulung, auf einer gleichsam übererbten Fertigkeit und Tüchtigkeit, und zugleich wird ihr Betrieb sehr begünstigt durch die Natur des Bergischen Landes, durch dessen Reichtum an sprudelnden Bächen. Da das nach Osten ansteigende, also dem vom Atlantischen Ozean kommenden Wolkenzuge zugekehrte Land eine bedeutende Regenmenge, jährlich 900 bis 1000 mm, empfängt, sind die Bäche nicht bloß zahlreich, sondern fast während des ganzen Jahres auch wasserreich. Ferner zeichnen sie sich durch ein bedeutendes Gefälle aus. So konnten überall in den schluchtenartigen Tälchen unzählige Schleifkotten angelegt werden. In diesen verrichten die Schleifer ihre harte und mühselige Arbeit. Die Schmiedemeister hatten keine Veranlassung, sich in den tiefen Tälern anzusiedeln; sie bevorzugten die Bergeshöhe. Von blumigen Gärtchen meist umgeben, liegen dort ihre Wohnungen und Werkstätten. Laute Hammerschläge hallen von allen Seiten an unser Ohr, und wenn der Abend dunkelt, leuchten ringsumher, auf allen Höhen, die flackernden Feuer auf, die dunkeln Männergestalten, die den Hammer schwingen, grell beleuchtend. Durch die Gunst der Verhältnisse hat die Solinger Industrie, die außer allerlei Hieb- und Stichwaffen und den verschiedensten Arten von Messern auch Gabeln, Scheren, Korkzieher, Sporen und Bügeln für Geld-, Zigarren- und Reisetaschen liefert, ihren alten Ruf bis heute bewahren können. „Alles,“ so sagte einmal etwas gar selbstbewußt ein Engländer, „können wir in England besser machen als in Deutschland, nur nicht Solinger Klingen.“
Auch in Remscheid wurde ursprünglich hauptsächlich das Schmieden von Schwertern betrieben. Graf Adolf VII. von Berg (1256 bis 1295) führte die Schmiedekunst daselbst ein, indem er zahlreiche französische Kolonisten, im ganzen etwa 2000 Familien, in sein Land zog. Später erhielten diese noch einen bedeutenden Zuwachs von französischen Hugenotten. Letztere waren intelligente Leute, die auch die Herstellung von anderen Eisen- und Stahlwaren versuchten und viele neue Artikel, wie Handwerkszeuge, Schlösser, Hausgeräte usw. in die Remscheider Industrie einführten. Diese wurde dadurch immer vielseitiger. Das Schmieden von Waffen trat allmählich ganz in den Hintergrund. Die Art der Eisen- und Stahlwaren, mit deren Verfertigung man sich vorwiegend beschäftigte, bedingte auch eine Änderung der Betriebsweise. Während in Solingen sich eine immer weitergehende Arbeitsteilung ausbildete, trat in Remscheid zu dem Kleinbetrieb in Werkstätten der Großbetrieb in Fabriken. Indem sich die Remscheider Industrie in stärkerem Maße auf die Maschinenarbeit stützen konnte, erlangte sie eine bedeutende Ausdehnung. Der Wert ihrer Erzeugnisse wird auf jährlich 35 bis 40 Millionen Mark geschätzt.
Siedelungsweise. Talsperren.
Die beiden Städte Solingen und Remscheid sind weit auseinander gebaut; nur ein kleiner Teil der Häuser schart sich dichter zusammen. Wir erkannten, daß die alte Eisen- und Stahlindustrie diese zerstreute Besiedelungsweise bedingte. Wir finden dieselbe jedoch auch in den übrigen Teilen des Bergischen Landes, wo jene Industrie sich nicht verbreitete. Sie ist also eine allgemeine Landessitte, die das Bergische Land mit dem größten Teile Westfalens und mit anderen Gegenden Deutschlands teilt. Die Siedelungsweise der Einzelhöfe hat keltischen Ursprung, das Wohnen in Dorfschaften, sogenannten Gewanndörfern, wie wir es im größten Teile Rheinlands antreffen, ist germanische Sitte. Man muß annehmen, daß dort, wo die alte keltische Besiedelung bestehen blieb, die Einwanderung der germanischen Stämme sich allmählich und auf friedlichem Wege vollzog, dagegen dort, wo die germanische Besiedelungsweise eingeführt wurde, die Verdrängung der keltischen Völker auf gewaltsamem Wege stattfand.
Abb. 183. Königl. Kunstakademie in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 182].)
Wie in der Solinger und Remscheider Gegend zahlreiche Schleifkotten in den Tälern angelegt wurden, so entstanden in andern Gegenden an diesen noch mancherlei gewerbliche Betriebe, welche die Wasserkraft ausbeuten, wie Spinnereien, Webereien, Tuchfabriken usw. Für das Bergische Land haben die Wasserkräfte der Bäche eine ähnliche Bedeutung wie für das Ruhrgebiet, wo das Großeisengewerbe blüht, die Kohlenschätze haben. Dies hat man in jüngster Zeit in vollem Umfange erkannt, und das Streben ist überall darauf gerichtet, aus der Wasserkraft der Bäche einen möglichst großen Nutzen zu ziehen. Durch die Anlage von großen Stauweihern, sogenannten Talsperren, sucht man das in der regenreichen Jahreszeit überflüssig abfließende Wasser zurückzuhalten und für die trockenen Monate aufzusparen. An der Sperrmauer kann ferner eine neue, bedeutende Wasserkraft ausgenutzt werden. Andere Vorteile, die der Bau von Talsperren verheißt, sind die Verhütung von Überschwemmungen am Unterlaufe der Gewässer und die Versorgung der Städte mit gutem, noch nicht durch gewerbliche Anlagen verunreinigtem Wasser. Im Bergischen Land sind zahlreiche Talsperren bereits erbaut worden oder im Bau begriffen. Die erste, welche fertiggestellt wurde, war die bei Remscheid im Eschbachtal gelegene. Ihr Erbauer ist Professor Intze aus Aachen. 1891 war die Anlage, die 1000000 cbm Wasser zu fassen vermag und den unterhalb gelegenen Hammerwerken und Schleifkotten täglich 6000 cbm Wasser liefert, fertig. Der blinkende Wasserspiegel, auf den man von der Terrasse des Restaurationsgebäudes einen schönen Blick genießt, ist zugleich ein neuer Schmuck der Remscheider Gegend.
Burg. Altenberg. Elberfeld, Barmen.
Wenn wir dem Eschbachtale, in dem die Remscheider Talsperre liegt, abwärts folgen bis zur Einmündung in das Wuppertal, so gelangen wir, nach etwa einundeinhalbstündiger Wanderung, zu dem Städtchen Burg, das von dem gleichnamigen Schlosse ([Abb. 174]), dem alten Stammsitze der Grafen von Berg, überragt wird. Sowohl die landschaftliche Schönheit der Gegend als auch das Interesse für den alten Herrschersitz des Bergischen Landes locken alljährlich zahlreiche Besucher dorthin. Dieses Interesse ließ im Jahre 1887 auch eine Vereinigung von Männern aus allen bergischen Städten entstehen, die den Wiederaufbau des einst so stolzen, aber allmählich zur Ruine gewordenen Schlosses ins Werk setzte. Sein erster Erbauer im Jahre 1118 war Graf Adolf III.; Engelbert I. ließ es mit Mauern und Türmen versehen und den herrlichen Palas, den ersten gotischen Profanbau in Deutschland, aufführen, so daß die Feste gar stattlich über das Land hinwegschaute. Nur bis 1298 wohnten die Grafen von Berg ständig in Burg. Sie verlegten ihre Residenz nach Düsseldorf und weilten nur noch zeitweise auf ihrem Stammschlosse, das vielfach umgebaut wurde. Der kaiserliche Oberst von Plettenberg zerstörte den schönen Bau nach dem Friedensschlusse des Dreißigjährigen Krieges. Der prächtige Palas litt damals zwar wenig, und nur das alte Dach mit den malerischen Aufbauten büßte er ein. Noch größere Veränderungen vollzogen sich im Innern. Die Romantik des Rittertums mußte der Prosa des werktätigen Lebens Platz machen. Der Palasbau wurde nacheinander als Deckenfabrik, Roßmühle, Wollspinnerei und Schule benutzt. Unsere Zeit steht den Erinnerungsstätten der Geschichte mit größerer Pietät gegenüber. Sie sah auch Schloß Burg in altem Glanze wiedererstehen wie so manche andere Burgen am Rhein und an der Mosel. Der Architekt Fischer leitete den Wiederaufbau, für den reiche Mittel flossen, als der Aufruf hierzu durch das Bergische Land ging. Im Düsseldorfer Archiv war eine alte Zeichnung vom Baumeister und Geographen Ploennis aus dem Jahre 1765 aufgefunden worden, und so war es möglich, den stolzen Bau ziemlich genau in seiner einstigen Gestalt wiederherzustellen.
Auch eine Perle kirchlicher Baukunst besitzt das Bergische Land. In stiller Waldeseinsamkeit des schönen Dhüntales, des größten Nebentales der Wupper, liegt der Altenberger Dom ([Abb. 175]), die würdige Schwesterkirche des Kölner Doms. Die Kunstkenner sind entzückt von der feinen Gotik jenes Bauwerkes, zu dem der Grundstein 1255, also sieben Jahre nach Beginn des Kölner Dombaues, gelegt wurde. 1379 stand der Altenberger Dom als Kirche einer 1133 von den Brüdern Adolf und Eberhard Grafen von Berg gegründeten Zisterzienserabtei fertig da. Er ist ein turmloser, dreischiffiger Riesenbau mit fünfschiffigem Chor und Kapellenkranz. Für seine Erhaltung und Verschönerung ist in verdienstvoller Weise der Altenberger Domverein tätig.
Die Wuppertaler Schwebebahn.
Unser letztes Reiseziel im Bergischen Lande sei die im engen Wuppertal gelegene Doppelstadt Elberfeld (170000 Einw.) und Barmen (160000 Einw.) ([Abb. 176]). Wenn wir auf der Eisenbahnlinie Köln-Elberfeld plötzlich hinter Vohwinkel, nachdem wir schon von Ohligs ab viele kleine Tälchen des Bergischen Landes durchquert haben, in dessen größtes Tal, in das tief eingeschnittene Wuppertal einbiegen, bietet sich uns ein überraschender Anblick dar. Dichte Häusermassen drängen sich in das Bild, hochragende Fabrikschornsteine wetteifern mit den steilen Talwänden an Höhe, tief unten fließt die dunkel gefärbte Wupper und über ihr von Häusern und Fabriken engumschlossenes Bett zieht sich ein eigentümliches Eisengerüst, das, auf schräg gerichteten, eisernen Trägern ruhend, den Schlangenbiegungen des Flusses folgt. Noch haben wir den Sinn dieses Bauwerkes nicht klar erfaßt, da huscht ein großer Gegenstand aus der Ferne heran. Er bewegt sich eilig, und wie er näher kommt, erkennen wir einen mit Menschen dicht besetzten Wagen, der in der luftigen Höhe schwebend unter dem Eisengerüste dahinfährt. Es ist die von Kommerzienrat Lange erdachte Schwebebahn ([Abb. 177]), eine von den Wunderbauten des Bergischen Landes, die sich den anderen, der Kaiser Wilhelms-Brücke bei Müngsten und den Talsperren, würdig anreiht, und auf die die Wuppertäler so stolz sind. Die Schaffung einer geeigneten Verkehrsanlage in dem engen, dicht besiedelten Wuppertale war eine schwierige Aufgabe, die durch die Schwebebahn in einer trefflichen Weise gelöst wird. An Böcken ist eine starke Schiene freischwebend aufgehängt. Auf dieser Schiene rollen die Spurräder. Je zwei hintereinander befindliche Räder sind an einem Rahmen angeordnet, von dem überaus kräftig gebaute D-förmige Träger ausgehen. An diesen sind die Wagenkästen so aufgehängt, daß deren Schwerpunkt genau senkrecht unter die Schiene zu liegen kommt. Durch Verwenden von Drehzapfen wird es ermöglicht, daß selbst sehr lange Wagen außerordentlich kleine Kurven machen können. Auf Grund dieses Prinzips ergeben sich folgende Vorteile der Schwebebahnen: Die Gleisanlagen, sowie die ganzen Bahn- und Tragekonstruktionen werden sehr viel leichter, einfacher und billiger als die Konstruktion von Hochbahnen mit Doppelschienen; eine Schwebebahn nimmt nicht entfernt in dem Maße, wie dies z. B. bei elektrischen Hochbahnen der Fall ist, den Straßen Licht und Luft; es können die Wagen, weil sie hängen, durch seitliches Ausschwingen der Zentrifugalkraft nachgeben, und sie stellen sich bei jeder Geschwindigkeit immer genau nach der tatsächlich eintretenden Zentrifugalkraft schief; infolgedessen können selbst die engsten Krümmungen mit beliebiger Geschwindigkeit durchfahren werden und ist überhaupt eine bedeutendere Steigerung der Geschwindigkeit als bei andern Bahnen möglich. Den rührigen Wuppertälern aber gebührt der Ruhm, das Wagestück der ersten Verkehrsanlage dieser Art versucht zu haben.
Abb. 184. Der Malkasten in Düsseldorf, Gartenseite.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 183].)
Abb. 185. Provinzial-Ständehaus in Düsseldorf.
Nach einer Photographie von C. Heise in Düsseldorf. (Zu [Seite 183].)
Elberfeld und Barmen.
In einer Länge von fast 10 km zieht sich das Häuserbild der beiden Städte Elberfeld ([Abb. 178]) und Barmen in dem engen Wuppertal von Westen nach Osten hin. Raum für breite und schöne Straßenanlagen und schmückende Plätze war wenig vorhanden. Auch die zahlreichen Fabriken, die meist längs des Wupperlaufes angelegt wurden, gereichen dem äußern Bilde nicht zum Vorteil. Ihre Verwaltung ist jedoch eifrigst bestrebt, dieses durch Prachtbauten immer mehr zu verschönern. Elberfeld, das als die schönere Stadt gelten muß, hat jüngst noch das prächtige Rathaus, Barmen die schöne Ruhmeshalle ([Abb. 179]) festlich eingeweiht. In der letzteren Stadt wurde auch dem Dichter Emil Rittershaus ein Denkmal ([Abb. 180]) gesetzt. Historische Bauten fehlen aber hier wie dort; denn beide Städte sind noch verhältnismäßig jung. Der Name Elberfeld soll von geheimnisvoll schaffenden, neckischen Geistern des Waldes und Feldes herkommen. Ursprünglich bezeichnete er, wie Hengstenberg schreibt, einen Hof, der im zwölften Jahrhundert zu Köln gehörte und 1176 in den Pfandbesitz des Grafen Engelbert von Berg kam, aber erst im fünfzehnten Jahrhundert mit dieser Grafschaft vereinigt wurde. Als einwandernde Protestanten das Gewerbe des Garnbleichens und Garnhandels, das im Wuppertale schon im fünfzehnten Jahrhunderte eine gewisse Bedeutung hatte, zu großer Blüte brachten, begann der Ort, der 1618 Stadtrechte erhielt, aufzublühen. Dem nämlichen Gewerbe verdankte Barmen sein Emporkommen. Sein Name wird schon im elften Jahrhundert in einem Heberegister des Klosters Werden genannt. 1245 kam es zu Berg, und vom vierzehnten Jahrhundert bis 1807 gehörte es zum Amte Beyenburg; doch war es schon seit dem vierzehnten Jahrhundert eine Freiheit, mit selbständiger bürgerlicher Verwaltung und einem eigenen Hofesgerichte. Nach Beginn der preußischen Herrschaft, also von 1815 an, blühte Barmen so schnell auf, daß es die ältere Nachbarstadt zu überflügeln schien. Anfangs der siebziger Jahre hatte es tatsächlich mehr Einwohner als diese, bis Elberfeld durch die Eingemeindung von Sonnborn den Vorrang wieder erlangte. Das schnelle Wachstum der beiden Städte erkennen wir aus folgenden Zahlen: sie zählten zusammen 1815 40000, 1861 106000, 1890 242000, 1900 300000 und 1905 330000 Einwohner.
Abb. 186. Das Münster zu Aachen, von der Nordseite gesehen. (Zu [Seite 184].)
Wuppertaler Industrie.
Das Aufblühen der Garnbleicherei im Wuppertale lag in einer besondern örtlichen Gunst begründet. Da das Wasser der Wupper etwas kalkhaltig ist, war es zum Garnbleichen wohl geeignet. Dieses aber konnte auf den grünen Wiesen, die den Fluß säumten, geschehen. Das Gewerbe nahm einen bedeutenden Aufschwung, als den beiden Orten Elberfeld und Barmen das alleinige Recht des Bleichens und Zwirnens von Garn, sowie des Garnhandels verliehen wurde. Es begann sich zunftartig als Garnnahrung auszubilden. An der Spitze derselben stand der Garnmeister. Es lag nahe, daß als die Elberfelder und Barmener Garne immer mehr Weltruf erlangten, sich auch früh die Leinwandweberei einbürgerte. Aber nur eine Zeitlang blühten diese Gewerbe. Je stärker sich das Wuppertal besiedelte und je höher die Löhne stiegen, desto mehr schwanden frühere Vorteile. Mutig wandten sich da die Wuppertäler andern Fabrikationszweigen zu, zuerst dem Baumwollgewerbe, das aber zu schwer gegen den englischen Wettbewerb ankämpfen mußte, dann dem Seidengewerbe, das seine Bedeutung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einbüßte, und zuletzt dem Wollgewerbe, das heute noch blüht. Andere Industriezweige hatten sich daneben entwickelt, so die Färberei, besonders die Türkischrotfärberei, die 1784 aufkam, die chemische Industrie, die Knopfverfertigung, die Riemendreherei und andere. Die Industrie der beiden Städte ist längst nicht mehr gleichartig. In Elberfeld werden vorwiegend die Herstellung von wollenen Geweben der verschiedensten Art, die chemische Industrie und die Kattunfärberei, in Barmen die Bandwirkerei, Riemendreherei und Knopfverfertigung, deren Erzeugnisse als „Barmer Artikel“ in den Handel kommen, betrieben.
Rastlose Arbeit ist der Tagesruf, der uns im Wuppertal überall, aus den menschenbesetzten und von Maschinengeräusch erfüllten Fabriken, aus den Arbeitszimmern der Kaufleute und aus der Menge der zur Arbeitsstätte hineilenden Arbeiter, entgegenhallt. Wenn aber die Wuppertäler frei sich fühlen vom harten Druck der Arbeit, dann steigen sie empor zu den waldigen Höhen, die das Tal eng umschließen, und auf denen sie, entrückt dem Dunstkreise und dem Rauchschleier der beiden großen Städte, frei atmen können in herrlicher Bergluft. Die Abhänge von einigen Höhen sind mit schönen Anlagen geschmückt, auf allen aber leiten hübsche Promenadenwege den Wanderer zu den Aussichtspunkten hin. Von Barmen aus erreichen wir auf der südlichen Bergwand den Toelleturm. Wir überschauen das Wuppertal mit seinem endlosen Häuserbild und blicken auch weit in das Bergische Land hinein. Im Südosten säumen die Linien des Ebbe-Gebirges den Horizont, nach Norden reicht der Blick bis zum Vincketurm bei Hohensyburg, und im Westen blitzt an einer Stelle der helle Spiegel des Rheines auf. Durch den Barmer Wald weiter wandernd nach Westen, gelangen wir zur Kaiser Friedrich-Höhe, wo wir ziemlich in der Mitte über dem langgezogenen Häusermeer der beiden Städte stehen. Wieder ein anderes Bild entfaltet sich uns auf den Höhen, die im Westen von Elberfeld, nördlich und südlich, aufsteigen. Wir blicken nach Osten in die Längsrichtung des ganz von Häusermassen angefüllten Wuppertales. Im Nebel der Ferne verschwinden die letzten Häusergruppen. Nach Westen aber dehnt sich endlos die weite Rheinebene mit ihren Städten, Dörfern und einzelnen Gehöften aus, und mehr als an einer Stelle blinkt der Spiegel des Rheines auf.
Der Eisenbahnzug entführt uns aus dem Wuppertale, er eilt westwärts durch die Rheinebene, deren Bild wir von der Höhe schauten, ein großes Stadtbild erscheint vor uns, und bald fahren wir in den Hauptbahnhof von Düsseldorf ein.
Düsseldorf.
Düsseldorf (260000 Einw.) erhielt seinen Namen von dem kleinen Düsselbache, an dessen Mündung die Stadt aufblühte, und dem sie den Schmuck der vielen schönen Teiche verdankt. Im Jahre 1159 wurde der Ort zuerst genannt. Als die Grafen von Berg ihn zu ihrer ständigen Residenz wählten, erlangte er politische Bedeutung. Besonders der prachtliebende Kurfürst Johann Wilhelm aus dem Hause Pfalz-Neuburg, der von 1690 bis 1716 regierte, hat viel für das Aufblühen und den Schmuck der Stadt getan. In der Altstadt steht auf dem Markt, vor dem 1570 bis 1573 erbauten, 1885 zum Teil aber erneuerten Rathause sein überlebensgroßes Reiterstandbild ([Abb. 181]). Es ist in Zinkbronze gegossen und wurde 1711, wie eine Inschrift sagt, von der Bürgerschaft, in Wirklichkeit aber von dem etwas eiteln Kurfürsten selbst errichtet. Sein Nachfolger verlegte die Residenz nach Mannheim. Aber was Düsseldorf hierdurch einbüßte, gewann es doppelt durch die Gründung der Kunstakademie, die im Jahre 1767 erfolgte. Es wurde, besonders seit Erneuerung dieser wichtigen Stiftung im Jahre 1818, der Mittelpunkt des rheinischen und auch eine Hauptstätte des deutschen Kunstlebens. Schon ein Gang durch die mit vielen Prachtbauten geschmückte Stadt verrät uns, daß ihr die Musen der Kunst freundlich lächelten. Noch weihevoller ist der Willkomm, den uns das Äußere und Innere der städtischen Kunsthalle ([Abb. 182]) darbietet, die 1881 im Stil französischer Renaissance erbaut wurde; vor derselben steht das Bismarckdenkmal. Die Fassade der Kunsthalle ist mit dem großen Mosaikbilde „Die Wahrheit als Grundlage aller Kunst“ geschmückt, im Treppenhause führen Fresken von Gehrts die Geschichte der Kunst vor, und in den Sälen sind viele wertvolle Bilder von neueren Düsseldorfer Malern zur Schau ausgestellt. Das stattliche, 1879 bis 1881 ebenfalls im Renaissancestil aufgeführte Gebäude der Kunstakademie ([Abb. 183]) begrenzt die Altstadt im Norden und zeigt mit 158 m langer Fassade nach den schönen Anlagen des Hofgartens hin. Zwei Jahre nach der Gründung der Kunstakademie, 1769, wurde dieser angelegt, aber 1804 bis 1813 nach Beseitigung der Festungswerke erweitert. Keine rheinische Stadt kann eine solche herrliche Gartenanlage aufweisen. Alte Baumriesen spiegeln sich in blinkenden Teichen, auf denen weiße Schwäne in stolzer Ruhe daherschwimmen und buntgefiederte Enten ein lustigeres Wasserleben führen, wohlriechende Gebüsche umschatten Ruhebänke, die zu kurzer Rast einladen, und über frischgrüne Rasenflächen und buntfarbige Blumenbeete schweift unser Auge zu den Springbrunnen hin, die in der Ferne ihr plätscherndes Spiel treiben. Der Hofgarten reicht nach Osten bis zu dem Malkasten ([Abb. 184]), dem Gesellschaftshause des gleichnamigen, seit 1848 bestehenden Künstlervereins, nach Westen bis zum Rheine, über dessen breite Wasserfläche sich seit 1898 eine feste Brücke spannt. Erwähnung verdienen noch das Kunstgewerbemuseum, das schöne Stadttheater, die vor der Kunsthalle aufgestellte Bismarckstatue, das in der Alleestraße 1896 errichtete Reiterstandbild Wilhelms des Großen und das hinter den Anlagen am Schwanenspiegel und Kaiserteich gelegene Ständehaus ([Abb. 185]), in dem der rheinische Provinzial-Landtag seine Sitzungen abhält. In neuerer Zeit ist Düsseldorf auch der Sitz einer bedeutenden Industrie geworden. So vereinigt es in sich den Geist der Kunst, das Bild des Schönen mit dem Trieb des Nützlichen, eine Verknüpfung, die im ganzen rheinischen Leben zum Ausdruck kommt und den Bewohnern Rheinlands wie ein glückliches Schicksal schon durch die Landesnatur, durch die herrlichen Bilder der Landschaft und durch die reiche Gunst des Heimatbodens vorgezeichnet ist.
Abb. 187. Das Rathaus in Aachen nach seiner Wiederherstellung. (Zu [Seite 184].)
Aachen.
Nach dem Besuche Düsseldorfs soll die alte Kaiserstadt Aachen (150000 Einw.) unsern Abschiedsgruß aus dem schönen Rheinland empfangen, so wie Frankfurt, der Kaiserstadt am Main, unsere ersten Grüße galten. Der Geist der Geschichte fängt auch dort an zu leben, obschon sie weniger Spuren als in Trier, Köln und selbst in Frankfurt hinterlassen hat und das heutige Aachen eine durchaus moderne Stadt mit breiten, zum Teil prächtigen Straßen, mit glänzenden Kaufläden und großartigen Fabriken ist. In römischer Zeit führte die Stadt den Namen Aquisgranum; in fränkischer Zeit war sie, wohl infolge ihrer heißen Quellen und ihrer schönen Lage in fruchtbarem Tal, von sanft ansteigenden, waldgeschmückten Höhen umgeben, der Lieblingsaufenthalt und Herrschersitz des Kaisers Karls des Großen, dann ward sie die Krönungsstadt der deutschen Kaiser, in der dreißig Kaiser, Karls des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, als der erste und Ferdinand I. (1531) als der letzte, gekrönt wurden; im Mittelalter wurde Aachen als Reichsstadt meist „des hl. römischen Reiches königl. Stuhl“ (urbs Aquensis, urbs regalis, regni sedes principalis, prima regum curia) genannt, und in französischer Zeit hieß es Aix-la-Chapelle. In diesem Wandel der Zeiten sah Aachen keine solch glanzvolle Entfaltung wie Trier, Köln und Frankfurt. Aber der Ruhm, der aus der Herrschergröße Karls des Großen strahlt, hat dauernden Glanz. Das Aachener Münster versetzt uns in die karolingische Zeit. Der merkwürdige Bau ([Abb. 186]) besteht aus zwei Hauptteilen, die eine ganz verschiedene Bauart zeigen. Der eigenartige, achteckige Kuppelbau in der Mitte ist das bedeutendste Denkmal karolingischer Baukunst; er wurde unter Karl dem Großen in den Jahren 796 bis 804 als Hof- und Staatskirche des fränkischen Reiches nach dem Vorbilde von S. Vitale zu Ravenna erbaut. Vom Papst Leo III. wurde sie geweiht. Den achteckigen Bau umgeben mehrere Kapellen aus späterer Zeit, und neben der Eingangshalle steht ein neuerer gotischer Glockenturm. Auf der Ostseite aber schließt sich an den Kuppelbau das hohe, in reichem gotischen Stile erbaute Chor, dessen Bau 1353 begonnen und 1413 vollendet wurde. In Innern des Kuppelbaues, des Oktogons, bewundern wir die kunstvollen Säulen und Kapitäle, sowie das schöne Mosaikbild, das seit 1882 wieder wie früher die Decke schmückt, und den von Kaiser Friedrich I. geschenkten Kronleuchter, der einen Durchmesser von 4 m hat. Auf der Empore des Oktogons steht der marmorne Thron Karls des Großen. Der reiche Domschatz des Münsters enthält neben wertvollen Kunstschätzen die Aachener Heiligtümer, die alle sieben Jahre öffentlich ausgestellt werden. An dem Chorbau fallen besonders die riesigen, 27 m hohen und 5 m breiten, mit farbenprächtigen neuen Glasgemälden geschmückten Fenster auf. Das zweite hervorragende Baudenkmal Aachens aus dem Mittelalter, unmittelbar neben diesen kirchlichen gelegen, ist das von zwei hohen Türmen flankierte stattliche Rathaus ([Abb. 187]), dessen gotischer Bau an der Stelle und mit Benutzung von den Resten der einstigen Kaiserpfalz der Karolingerzeit um das Jahr 1330 errichtet und in jüngster Zeit renoviert wurde. Von neueren Bauten sind die Technische Hochschule, das großartige Postgebäude und der Kursaal, der hinter dem aus dem Jahre 1782 stammenden Kurhause in den Jahren 1863/64 im maurischen Stile erbaut wurde. Seinen Ruf als Badestadt verdankt Aachen den berühmten heißen Schwefelquellen und seiner schönen Lage inmitten waldgeschmückter Berge, die schöne Spaziergänge bieten, und von denen man, besonders vom Lousberg, einen prächtigen Blick auf die gewerbreiche Stadt genießt, die gleich dem benachbarten, jetzt eingemeindeten Burtscheid eine bedeutende Tuch- und Nadelindustrie besitzt.
[C] Heer, Im Deutschen Reich, Reisebilder.
[D] Vergl. meine Landeskunde der Rheinprovinz, Verlag von W. Spemann, Stuttgart und Berlin, 1901.