Dritter Auftritt.
Jeronimo. Pedrarias.
Pedrarias.
Seyd ihr’s, Jeronimo? Kaum angelangt,
Kommt euch die Arbeit lästig schon entgegen.
Jeronimo.
Ihr wißt wohl, gnäd’ger Herr — ich habe stets
Zu solcher Last mich willig angeboten.
Pedrarias.
Doch bleibt’s ein schweres Amt, ein undankbares,
Das Laster zu entlarven, zu bestrafen.
Jeronimo.
Oft glückt es mir, die Unschuld zu enthüllen;
Wie preis’ ich dann ein Amt, das selbst sich lohnt.
Pedrarias.
Ihr seht die Menschheit nur in ihrer Schwärze.
Jeronimo.
Ich sehe das Verbrechen mit den Gründen,
Und so die Menschheit nur in ihrer Schwäche;
Mein Herz wünscht Gnade, wenn mein Mund verdammt.
Pedrarias.
Zum Richter seyd ihr viel zu weich geschaffen.
Jeronimo.
Vergebt mir, gnäd’ger Herr! So denk’ ich nicht.
Es urtheilt das Gesetz, und nicht mein Herz,
Und leidet dieses, bleibt es dennoch stumm.
Pedrarias.
So kenn’ ich euch! Ihr seyd ein fester Mann,
Mein Mann. Das strenge Recht, nicht mehr,
Nicht minder, das sey jedes Richters Ausspruch.
Verbleibt dabei! Das Richteramt will Strenge.
Jeronimo.
Und euch erfreut der Gnade himmlisch Recht.
Pedrarias.
Was mahnt ihr mich an Gnade? — wie? ihr wißt? —
Jeronimo.
An Gnade mahnt der Mensch den Himmel selbst;
So darf ich wohl auch euch an Gnade mahnen.
Was nun ihr heischt, erwart’ ich erst zu wissen.
Pedrarias.
Ihm soll die Gnade nicht erbarmend leuchten,
Ihn soll der Strafe Blitz zerschmetternd treffen!
Jeronimo.
Wen, Herr?
Pedrarias.
Wen, fragt ihr? — — Den Verläumder Pinto.
Jeronimo.
Herr, für Verläumder hab’ ich nie gefleht.
Pedrarias.
Denkt nur, Jeronimo, der Pinto wagt’s,
Klagt Balboa des Hochverrathes an!
Jeronimo.
Dann mag die Tugend von der Erde fliehen,
Wenn der Verläumdung schwarzes Nattergift
Auch diesen engelreinen Mann befleckt!
Pedrarias.
Hier les’t! — Habt ihr gelesen? — Staunt ihr schon! —
Ja, was ihn Pinto alles sagen läßt,
Den tugendhaften, engelreinen Mann! —
Frei soll der Wilde leben, frei wie wir! —
Ihr seht, er drang in unsers Schwärmers Geist. —
Mit Weisheit hat des Königs Majestät
Die Theilungen der Wilden angeordnet,
Daß sie mit uns im Leben hier vereint,
Mit uns im Tod’ ein gleiches Loos erwerben.
Das will er nicht, der freche Balboa!
Tyrannisch nennt er das Gesetz! — Da seht!
Ihm gilt des Königs Wille, was der meine,
Nichts gilt er ihm! Er folgt der Herzenslust.
Herr will er seyn, und herrschen unumschränkt.
Wie nennt ihr das? Ich nenn’ es Hochverrath! —
Ja, solchen Gräuels klagt ihn Pinto an. —
Das fordert Rache, Strafe! — Meint ihr nicht?
Jeronimo.
Der Buchstab’ tödtet, und der Geist belebt.
Pedrarias.
Im Schlusse glüht das Gift. Da zischt die Schlange.
(liest.)
»Hiermit wird jede Satzung aufgehoben,
Die dieser meiner Vorschrift widerspricht;
Und weil es mir geziemt, nach Pflicht zu forschen,
Ob das, was uns als königlicher Wille
Gesendet wird, auch höchster Wille sey:
Wird jede Satzung außer Kraft erklärt,
Die euch nicht kund durch meine Briefe wird.«
Hat der Verläumder das nicht wohl ersonnen?
Jeronimo.
Man muß ihn hören.
Pedrarias (heftig).
Strafen!
Jeronimo.
Ungehört?
Pedrarias (noch heftiger).
Man muß ihn strafen!
Jeronimo.
Ihr seyd fürchterlich!
Pedrarias (faßt sich).
Geht schnell an’s Werk! Verhöret diesen Pinto.
Hier walte keine Gnade, strenges Recht.
Wo Pedrarias herrscht, soll sich Verläumdung
Lichtscheu zurück in ihre Höhle flüchten.
Verhört ihn öffentlich, nach aller Form!
Nun Gott befohlen! Denkt an eure Pflicht!
Jeronimo.
Herr! wenn ich Pinto vor die Schranken rufe,
So zieht er Balboa mit vor Gericht.
Ich habe Gründe, diesen Schritt zu fürchten.
Viel besser, daß im traulichen Gespräch
Ihr euch Erklärung von dem Helden fordert;
Euch wird von ihm dann manches Wort genügen,
Das nicht des Richters strengen Ernst versöhnt.
Pedrarias.
Wie? haltet ihr ihn schuldig? — Schämt euch, Alter!
Habt ihr auf euern engelreinen Mann
Die feste Zuversicht so schnell verloren?
Jeronimo.
Ich denke dort, dort wird sie sich bewähren.
Pedrarias.
Ihr zweifelt? Seht das Blatt bedenklich an?
Kennt ihr die Schrift?
Jeronimo (lebhaft).
Wozu noch seine Schrift?
Hier spricht sein Herz sich aus!
Pedrarias (rasch).
Ihr seyd sein Freund.
Jeronimo.
Der bin ich.
Pedrarias.
Dann ... liegt ja die Sache gut.
Jeronimo.
Sey’s Freund, sey’s Feind, der vor dem Richter steht:
Ihm wird sein strenges Recht. — So kennt ihr mich,
So habt ihr mich in Spanien befunden.
Ich denke, daß des Staates Riesenbau
Nur durch die Klammern des Gesetzes hält;
Daß ohne sie der Mensch zur Thierheit sänke.
An dem Gedanken haftet meine Seele,
Und horchet nie dem Aufruhr meiner Brust.
Pedrarias.
Ist eines Richters Ausspruch nur gerecht,
So darf sich nie sein festes Herz empören.
Jeronimo.
Doch leider dient das heilige Gesetz
Der schlauen Eigenmacht oft nur zum Netze!
Als Wächter wird der Richter hingestellt;
Muß über jeden, der unglücklich dann
In seinen Fäden endlos sich verstrickt,
Das Netz zusammenziehn; — gleichviel, ob Schuld,
Ob Übermacht, die Beut’ ihm zugeführt! —
Der Richter seufzt — die Boßheit triumphirt!
Pedrarias.
Und das erfuhr Jeronimo an mir?
Jeronimo.
Euch hab’ ich streng, doch stets gerecht befunden,
Und laß’ euch Gott mit dem Bewußtseyn sterben,
Daß ihr vom rechten Pfade nie gewichen. —
Ihr seyd erschüttert? Herr! prüft euch genau!
Oft regt im Innern lüstern sich ein Trieb;
Wir horchen ihm, doch faßten wir den Muth,
Ihm schnell in’s düstre Angesicht zu leuchten:
Erschrocken würden wir ein Scheusal sehn,
Und unser Ohr dem Höllenrufe schließen. —
Wohl auch der Beste wankt. — Doch göttlich ist’s,
Aus innerm Kampf’ als Sieger vorzuschreiten!
Pedrarias.
Schweigt, Alter! Ich versteh’ euch nicht! Und kurz:
Was ich befahl, das thut! Verhöret Pinto!
Jeronimo.
Und Balboa?
Pedrarias (zornig).
Nicht ihn, ich sprach von Pinto!
Jeronimo.
Und bleibt er dann auf dem, was er gesagt?
Pedrarias.
Verstrickt nicht jeder Lügner sich von selbst?
Jeronimo.
Nicht, wenn er klug bei der Behauptung weilt. —
Ihn überführen kann nur Balboa.
Pedrarias.
Das wird er auch! Ein Blick der hohen Unschuld
Reißt schnell die Larve dem Verläumder ab.
Jeronimo.
Ihr denket anders. Ja, bei Gott! ich seh’s!
Ihr denket anders. Mir entgeht ihr nicht.
Ein wildes Feuer sprüht aus euern Augen,
Voll Unmuths ballt ihr eure Faust zusammen,
Wie eure Lippen zucken! — Gnäd’ger Herr!
Geht nicht so unstät — Weichet mir nicht aus!
Nein, haltet Stand! Entflieht dem Freunde nicht! —
Einst könnt ihr Gott doch nimmermehr entflieh’n.
Pedrarias.
Spart für Verbrechen eure kleinen Künste!
Jeronimo.
Beim Wohl des Vaterlandes, das ihr liebt!
Entzieht der Krone einen Helden nicht,
In dem nun ihre schönste Hoffnung blüht.
Pedrarias.
Genug! genug! gehorcht! sogleich! ich will’s!
Jeronimo.
Fall’ hin, o Held! Dich stößt die Welt von sich!
Pedrarias.
So deutlich schon erblickt ihr sein Verbrechen?
Jeronimo.
Wie ihr, so halt’ auch ich die Schrift für seine. —
Mußt’ ich so lange leben, um den Tod
Auf dieses große Menschenhaupt zu rufen?
Pedrarias.
Ihr ras’t!
Jeronimo.
Auf Hochverrath ist Tod gesetzt,
Wär’ auch hierzu der Wille nur erwiesen;
Und also nennt ihr seine Schuld ja selbst.
Pedrarias.
Und wenn die Welt aus ihren Angeln fiele,
Was Rechtens ist, das thut! Nur fort, gehorcht!
Jeronimo.
Wohlan! Ich trage keine Schuld, wenn einst
Sein Blut euch rächend auf die Seele fällt!
(will ab. Maria tritt auf mit einer Guitarre. Er kehrt zurück, faßt Pedrarias bei der Hand.)
Und auch, wenn diese stirbt?
Pedrarias.
Und auch! —
(ihm stockt die Sprache, er wirft sich in einen Sitz, und verhüllt mit der einen Hand sein Gesicht.)
O Gott!