Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Linares.

Linares.

(im Herabsteigen.)

Erschreckt nicht, Herr! Ich bin’s! Ich, Linares!

Maria.

(stürzt ihm entgegen.)

Was bringt ihr?

Linares (erschrocken).

Donna!

Maria.

Rettung? sprecht!

An eures Rufes freudigem Getön,

An eurer schönen Eile kannt’ ich’s. Sprecht!

Linares.

Für euch ist meine Bothschaft nicht. Vergebt!

Euch hatt’ ich nicht erwartet.

Maria.

Sprechet immer!

Wie kann doch meine Gegenwart das Wort

Des Freudebringers stocken machen? Ruft!

O ruft! Laßt diese Felsenwände laut

Vom ungewohnten Schall der Freude tönen.

Ich rufe mit! Ach, eilet! — Ah! — geschwind.

Ihr tödtet mich, wenn ihr noch länger zaudert.

Balboa (ernst).

Was bringt ihr?

Linares.

Rettung! Freiheit! Herr;

Des Kerkers Thore steh’n euch offen. Eilet!

Maria.

Jeronimo, o halte mich, ich sinke!

Balboa (strenge).

Wer sandte dich? —

Linares.

Ach, eilet! Faßt sogleich

Den Augenblick. Schnell wird sich alles euch

Erklären.

Balboa.

Sprich! Was soll sich mir erklären?

Maria (zu Balboa).

Du hörest — Rettung dir und mir — und Freiheit!

O Himmel! eile! Dir zu Füßen —

Balboa (hält sie auf).

Nein, Maria!

Laß uns erst hören, wer uns retten will,

Und wie? — Geduld!

Maria.

Ha, Grausamer!

Balboa (sanft).

Maria!

Maria (furchtsam).

Ich schweige — sieh ich schweige — zürne nicht!

(setzt sich.)

Balboa.

Hat Pedrarias dich zu mir gesendet?

Und bietet er mir Gnade?

Maria.

Weh’, mein Vater!

Linares.

Sprecht nicht von Gnade — sie beglückt Verbrecher!

Doch euer Haupt beladet keine Schuld.

O folgt!

Balboa.

Wohin?

Linares.

Frei läßt die Wach’ euch ziehen.

Balboa.

O schäme dich — bestochen hast du sie!

Linares.

Was ich gethan verletzt nicht eure Ehre!

Nur meine — fahre sie dahin — für euch —

Ist sie zu kostbar nicht verkauft.

Maria (händeringend).

Geduld!

Linares.

Folgt mir zu Suligo! Dort ist schon alles,

Was euer ist, versammelt. Viele sind’s!

Mehr als ich dachte, wackre Ehrenmänner!

O kommt nur hin! Der Anblick stärkt das Herz.

Das schüttelt sich die Hand! Das schätzt sich glücklich,

Für euch zu sterben. O wie sehnlich harret

Man eurer dort! — Was hebt den Helden mehr,

Als rings um sich die Edlen zu erblicken,

Die seine Kraft und Tugend sich verband

Auf Tod und Leben?

Maria.

Weh’!

Linares.

Ihr zaudert noch?

Balboa.

Nun sprich es aus! Nicht wahr? — Ich soll entfliehen?

Linares.

Entflieh’n! Was denkt ihr, Herr? — Nein wahrlich nicht!

Sucht erst die feige Seele unter uns,

Die diesen Stolz dem Pedrarias gönnte,

Daß Balboa vor ihm entfliehen müßte.

Auf Kampf ist’s abgeseh’n! — Die Faust entscheide!

Die Blutgesellen dieses Wütherichs —

Maria.

Ah!

(Balboa winkt dem Linares auf Marien.)

Linares (ohne es zu bemerken).

Versammelt sind sie schon am Hochgerichte,

Wo euer heilig Haupt nun fallen soll.

Hinein, dort stürmen wir mit Muth hinein!

Von euch geführt, von Wuth und Schmerz entbrannt,

Schnelltreffend mit der Kraft des Donnerkeils! —

Die Schmach mit Blut, sie sollen sie bezahlen! —

Freu dich, mein guter Degen! — Nein, du wardst

So fröhlich nie, so heilig nie gezogen.

Balboa.

Und dann?

Linares (betroffen).

Dann seyd allein ihr unser Herr!

Balboa.

Und Pedrarias? —

Linares.

Nach Kastilien

Mit ihm zurück. Hier taugt er länger nicht.

Maria.

Mein Vater!

Balboa.

Sorge nicht für ihn, Geliebte!

Linares.

Bei Gott! vergebt! ihr thut nicht wohl daran,

Daß ihr die dargebot’ne Freundeshand

So lange nicht ergreift, und zögernd weilt.

Balboa.

Du kehrst zum Suligo zurück, erklärst:

So hätt’ ich deine Bothschaft dir erwiedert.

Gott sey da vor, daß nur ein Tropfen Blut’s

Für mich den fremden Boden färben sollte;

Das edler für der Krone Macht und Glanz,

Das freudig für den Glauben fließen soll.

Durch königliche Vollmacht ist allhier

Als Herrscher Pedrarias aufgestellt!

Rebell zu werden, war ich nie gesinnt!

Es schmerzt mich sehr, es kränkt mich bis zu Thränen,

Daß meine Treuen niedrig von mir denken;

Zu ihrer Pflicht ermahn’ ich sie im Tode.

Und wer mich liebt, der wird mir auch gehorchen.

Maria.

Mein Vater — oder du? — O Gott! — Kein Ausweg!

Ist keine Rettung?

Balboa.

Fasse dich, Maria!

Ergieb dich hochgesinnet dem Geschick. —

Ach, Linares, so störst du unsre Ruhe;

Mit falscher Hoffnung hast du sie getäuscht!

(geht unruhig auf und ab.)

Sieh, Linares! Ich habe dich geliebt,

Dich vorgezogen, überall geehrt,

Als meinen Freund dich offen ausgezeichnet —

Linares.

Weiß ich’s nicht, Herr? Und brennt mir nicht das Herz,

Daß dieses schöne Leben nun entflieht.

Balboa.

In Spanien bist du mir schon gefolgt,

Und treu seitdem auf jedem meiner Züge.

Uns trennte nicht der Tag, und nicht die Nacht.

Des flüchtigsten Gedankens Schattenbild,

Des Herzens kaum bemerkte leise Wallung,

Dir lag mein Innerstes eröffnet da.

Hast du an mir in einer schwachen Stunde,

Im Augenblick empörter Leidenschaft,

Etwas bemerkt, geahnet nur, was dir

Den Muth zu solchem Antrag gab: so sprich!

Ich gehe nun vor einen strengen Richter,

Und möchte mich nicht gerne länger täuschen.

Linares.

Nein, Herr!

Balboa.

Und kränkst mich doch so tief?

Was werden deine Brüder von mir denken,

Wenn du den Glauben schon an mir verlorst.

Linares.

(fällt ihm zu Füßen.)

Vergebt!

Balboa.

Steh’ auf, mein Freund! Umarme mich!

Es mag dein Muth und deine Felsentreue

In einem Kranze schön vollbrachter Thaten

Dem Könige, dem Vaterland beweisen,

Daß Balboa sich nicht in dir geirrt.

Dir ließ ich meinen Degen zum Vermächtniß.

Du wirst ihn gut, du wirst ihn rühmlich führen. —

Was weinest du? — Du standest oft bei mir,

Wo uns der Tod so nahe war als jetzt.

Gehab dich wohl! — Geh’ schnell hinweg! — Leb’ wohl!