Sechster Auftritt.
Maria. Jeronimo. Balboa.
Jeronimo (auf der Höhe).
Reicht mir die Hand! Ihr kommt vom Tageslichte,
Und seyd geblendet.
Maria (hält an).
Ah!
Jeronimo.
Was ist euch, Donna?
Maria.
Mein Herz! — Ah! — Weiter!
Jeronimo.
Gönnt euch Zeit;
Steil sind die Stufen. —
Maria.
Rauh der Weg in’s Grab!
Ich hör’ ihn nicht. —
Balboa.
Maria!
Maria.
Balboa!
Ich höre meinen Balboa! Hinab!
Wo weilst du, wo?
Balboa (umarmt sie).
Hier, Theure!
Maria.
Güt’ger Himmel!
Balboa.
O Gott, sie sinkt! Helft mir, Jeronimo!
(Sie setzen sich.)
Dich leiden seh’n — der Tod ist nicht so bitter!
Maria (schwach).
Ich leide nicht — Wer sagt dir, daß ich leide?
Ich fühle mich nun stark. — Ich bin so glücklich!
In deinem Arm, an deiner theuern Brust,
So möcht’ ich sterben, so! — O stille! stille!
(halten sich umarmt. Pause.)
Jeronimo.
(betrachtet sie von fern.)
Wie sie sich hold umschlingen! Wonne strahlt
Ihr Blick! — Sie schweigen. — Was bedürfen sie
Der Worte? — Schon entfesselt sind die Geister!
Sie sind vereint, sind ein’s!
(er naht sich ihnen, und umfaßt sie feierlich.)
O liebet! liebet! —
Die reine Himmelsgluth der Seelenliebe
Verlöschet nicht in karger Lebenszeit;
Der Tod vernichtet nur die Sinnentriebe;
Der Bund der Geister währt in Ewigkeit!
Wohl mag die Welt den einen länger binden;
Doch was verwandt ist, muß sich wieder finden!
(zieht sich zurück.)
Maria.
Doch was verwandt ist, muß sich wieder finden?
O süßer Trost! Nur bald!
(fährt vom Sitze auf.)
Ah wieder!
Balboa.
Gott! bist du krank, Maria?
Maria.
Nein! Es zuckt
Mir flüchtig nur im Herzen. — Sehnsucht will
Das wunde Herz befrei’n, und kann es nicht. —
Oft macht’s mich athemlos. — Geduld mein Herz! —
Es endet doch!
Balboa.
So willst du mich betrüben?
Maria.
Kann dich betrüben, was mich heiter macht?
So wunderbar begann dies Weh’ in mir,
O höre, wie es kam. —
Als das Gericht
Beendigt war, hinfiel ich schluchzend, kraftlos.
O süßer Schlummer, der mich dann umfing! —
Schnell war es mir, als hebe sich dein Bild
In Purpurwolken, freundlich anzuschau’n.
Dein Auge funkelte. Sanft hergebeugt
Sahst du auf mich. Tiefschauernd starrt’ ich auf,
Als du dich höher hobst und höher! — Ach!
Nachfliegen wollt’ ich und vermocht’ es nicht.
Doch als du mir nun schon entschwinden wolltest,
Aufschrie ich, furchtbar! — Lächelnd von der Höhe
Hielst du einladend mir den Arm entgegen.
»Ich folge,« rief ich; wie ich’ s rief, da riß
Es mir am Herzen schmerzlich, daß ich wohl
Zu sterben dachte, doch — ich war erwacht. —
— Und wenn es nun mir an dem Herzen reißt;
Ich acht’ es nicht, und denke nur — »ich folge!«
Balboa.
Ach, weißt du wohl, was du beginnst, Maria?
Mit jedem Worte fesselst du mein Herz
An diese Welt, der ich entfliehen muß!
Maria.
Hätt’ ich geklagt? Bei Gott! Das wollt’ ich nicht
Es hätte sich mein fühlend Herz verrathen? —
Voll Widerstreit ist dieses arme Herz,
Voll Jubel und voll Qual! — Sieh, Balboa!
Bedenk’ ich lebhaft, daß dir Menschenwohl
Mehr als dein Leben gilt; daß du nun glänzest
Als Märtyrer der unterdrückten Menschheit,
Da faßt’s mich schauernd, und hinsinken möcht’
Ich dann, anbetend hin zu deinen Füßen,
Dich Heiligen um deinen Segen bitten! —
Ich kann es nur mit leisem Zittern denken,
Daß du mich liebst! — Wie kam ich zu dem Glücke?
Ich hab’ es nicht verdient. — Erhebe dich
Zum schönsten deiner Siege! — Stirb, o Held!
Mich Schwache stärkt der Himmel wunderbar;
Denn ob in mir auch jede Nerve zuckt:
Doch hab’ ich Kraft, dir zuzurufen. — — Stirb!
Balboa.
O holder Engel, der mir Stärkung bringt!
Wie schön erhellst du meines Kerkers Nacht!
Maria.
Ich denke nun des Tag’s, der uns verband.
Ein Schreckenstag! — Zwölf Opfer sollten bluten!
Entfloh’n dem Grauen dieses Höllenschauspiels,
Dem wilden Wirbeln dieser Todestrommeln,
Irrt’ ich am Meeresufer, einsam trauernd,
Und meine Thränen flossen um die Wilden.
Auch du erschienst! Auch dich, mein Balboa,
Vertrieben diese Schrecken. — Welche Stunde!
In Harmonie zerflossen unsre Seelen,
Die lang sich suchten, hatten sich gefunden,
Und schnell für ewig waren sie verbunden!
Vor uns das Meer, den Himmel über uns,
So haben wir den heil’gen Bund beschlossen:
»Zu stehen für der armen Menschheit Sache,
Im Glück und Unglück, bis zur Todesstunde.
Wer pflichtvergessen diesen Bund einst bräche,
Der habe nimmer Recht auf heil’ge Liebe!«
— O du hast Wort gehalten, Balboa,
Mit Ehrfurcht lieb’ ich dich!
(will vor ihm niederfallen.)
Balboa (hält sie auf).
Maria! Theure!
Du reine Seele, du beschämst mich tief.
Maria.
Ich bin ein schwaches Weib. — Ich kann’s nicht denken,
Was einst aus mir noch werden wird. — Ich hoffe,
Nicht werd’ ich’s überleben. — Nimm mich, Gott!
Was blickst du nun so düster auf mich nieder? —
Ich sage dir: Du stirbst mit meiner Liebe,
Brich du mein Herz! Doch unser Bund bestehe!
(setzt sich erschöpft.)
Balboa.
Bei unsrer Liebe fleh’, beschwör’ ich dich...
Maria.
Befiehl! es soll geschehen, was du heischest.
Balboa (zu Jeronimo).
Tritt näher, Freund! —
Bald wird er dir, Maria,
Ein stilles sichres Heiligthum eröffnen.
Maria.
Wohin ich wandle, folget mir die Qual.
Für mich giebt’s einen Hafen nur: — das Grab!
Jeronimo.
Die Palme winkt dem edlen Dulder dort.
Maria.
Nicht bin ich würdig, solchen Preis zu fassen.
Balboa (lebhaft).
Beim Wiederseh’n bring’ ich dir selbst die Palme.
Maria (steht auf).
O süßer Preis! Womit erring’ ich ihn?
Balboa.
Wenn du der Trauer siegend widerstehst.
Maria.
Nicht trauern sollt’ ich? — O du forderst viel!
Jeronimo.
Wer will, der kann; erwecket euern Muth!
Maria.
Doch denken, an ihn denken darf ich doch?
Balboa (schnell).
Laß nicht mein Bild aus deiner Seele weichen!
Maria (innig).
Und wenn es schön vor meiner Seele strahlt?
Balboa.
Dann ist’s mein Geist, der liebend dich umschwebt!
Maria (noch lebhafter).
Und wenn mein Herz von heißer Sehnsucht glüht?
Balboa.
Dann reicht die Hoffnung kühlend dir den Kranz.
Maria.
Vereinigung mit dir muß ich doch wünschen!
Balboa.
Erfüllung reicht aus Wolken dir die Hand.
Maria (ängstlicher, lauter).
Was ich verlor, ich will es wiederfinden!
Balboa.
Und glaube mir, es bleibt dir treu verwahrt!
Maria.
Was ich verlor, das ist doch jetzt verloren. —
O laßt mich weinen! — Fühllos seyn ist schlimmer.
Balboa.
(in heftiger Bewegung.)
Geliebte! Liebe mich! und hoffe! weine!
Was sagt’ ich? — Gott!
(umarmt sie.)
O meines Lebens Leben!
Jeronimo.
Dies eine denkt! Die Trennung währt nicht immer!
Wie bald entflieht des Lebens düstre Nacht!
Der Tag beginnt. Ihr findet euch im Schimmer.
Wo ist dein Stachel, Tod, wo deine Macht?
Auf Erden fühlt ihr nur der Trennung Wunden;
Doch ewig, ewig lebt ihr dort verbunden.
Maria.
Tönt aus dem Himmel uns die sanfte Stimme?
Balboa.
Mit süßer Ahndung scheiden; es ist schön!
Jeronimo.
Der innre Sturm begab sich nun zur Ruhe.
Erhaltet diese Stimmung! Trennt euch schnell,
Sogleich, jetzt, da euch Kraft und Muth belebt!
(zu Balboa.)
Euch ziemt’s, durch hohes Beispiel sie zu stärken.
O zaudert nicht!
Balboa.
(abgewandt mit erstickter Stimme.)
Leb’ wohl! Leb’ wohl, Maria!
(geht seitwärts und verhüllt sich.)
Jeronimo.
Was weilet ihr, Maria? — Neue Qual
Bereitet nicht dem Dulder.
Maria (verworren).
Qual! O nein!
Wie schmerzlich! Ah!
Jeronimo.
O kommet und folget mir.
Maria.
(fast schreiend.)
Ich folge! Ah!
Balboa.
Noch einen Kuß!
Maria (küßt ihn).
Stirb! Stirb!
Jeronimo (tief bewegt).
O meine Kinder!
(Balboa entreißt sich ihr.)
Maria.
(in wilder Betäubung.)
Fort! Nun fort!
(Jeronimo begleitet Marien. Balboa sieht ihr nach. Als sie zu den Stufen kömmt, sinkt er auf sein Lager.)
Balboa.
Komm, Ruhe! Ruhe!
Der Vorhang fällt.