Vierter Auftritt.
Jeronimo. Balboa.
Jeronimo.
(Noch auf der Höhe.)
Ich bin es, Balboa!
Und Friede sey mit euch!
Balboa.
Herab! herab!
Jeronimo! Mann, der mich streng verdammte;
Kommt an mein Herz! Noch schlägt’s so heiß für euch,
Wie’s mir, dem Jüngling, schlug.
Jeronimo.
Unglücklich Loos,
Das mich betraf.
Balboa.
Entweihet euern Mund
Nicht durch Entschuldigung geübter Pflicht.
Ihr übtet sie nur mit zerriss’nem Herzen,
Und milde, menschlich. — O das that mir wohl!
Jeronimo.
So mußten wir uns endlich wiederfinden?
Balboa.
Ach, sagt mir, Freund! was machet nun Maria?
Jeronimo.
Vertraut sie mir, und laßt den Himmel sorgen.
Balboa.
Wenn ich nun ende — Gott! wie wird sie’s tragen?
Jeronimo.
Leicht wird es mir, den Vater zu bestimmen,
Daß er den Schleier gönnt der Dulderinn.
Ein stilles Heiligthum will ich ihr öffnen,
Wornach sie sich in ihrer Jugend sehnte.
Dort harrt sie sanft und ruhig ihres Tod’s.
Balboa.
Nach einem qualerfüllten Jammerleben!
Jeronimo.
Bald ist’s geendet! Ach, wir bauen fort,
Als gält’ es für die Ewigkeit. Und doch!
Wie lange währt’s? — Ich zähle siebenzig.
Wo sind sie hin die Jahre? Man entwindet
Sich seinen Lieben schmerzhaft. Guter Gott!
Es ist doch nur auf nahes Wiedersehn.
Balboa.
Was Schreckliches sich auf das theure Haupt
Mariens häuft, ich trage nicht die Schuld;
Ich wäre glücklich, litt’ ich nur allein.
Aus einer Welt, wo Pedrarias herrscht,
Entfliehet gern ein fühlend Menschenherz.
O dieser Mann, er zwingt mich, ihn zu hassen!
Man bot mir Gnade, wißt ihr’s wohl? — Doch ich,
Die Gnade will ich nicht, die er mir bietet.
Jeronimo.
Ihr seyd bewegt. — Laßt nun die Menschen walten!
Ihr denket bald mit frohem sichern Flug
Der Erd’ euch zu entschwingen. — Balboa!
Laßt euch von Haß und Ehrsucht nicht mehr fesseln!
Nur freie Geister nimmt der Himmel auf.
Balboa.
Sey Gott mir gnädig! Ich gesteh’ es frei:
Mein Auge sieht mit Unmuth doch in’s Grab.
Noch hab’ ich nicht gelebt. — Mein Daseyn schlich
Nur zwecklos hin. Auf diesen Zeitpunkt hatt’
Ich mich gespart; mein thatendürstend Herz
Auf ihn, so sehr es murrte, doch verwiesen.
Der Zeitpunkt kommt, er kommt, und bringt mir Tod!
Jeronimo.
Die liebsten Wünsche Gott zum Opfer bringen,
Es ist des Christen herrlichstes Verdienst.
Balboa.
Der Wunsch der eigensücht’gen Leidenschaft
Verberge sich vor Gott. — Mein reines Streben
Flog unverhüllt zum Himmel auf. — Und noch! —
Das Sklavenjoch den Wilden zu zertrümmern;
Der Menschheit ihn, dem Himmel zuzuführen,
Einst unter Segenswünschen froher Völker,
Im Arm der Liebe selig zu entschlummern:
Das wünsch’ ich noch, und muß es innig wünschen.
Gesteht, Jeronimo! Mein Traum war schön.
Jeronimo.
Wohl euch! Noch soll euch dieser Traum erheben!
Der Wille bleibt Verdienst! Denn das Vollbringen
Bewirkt nicht Menschenmacht, giebt nur der Himmel.
Balboa.
O schweigt! Gut war’s, was ich mit Muth begann.
Auf dem Bewußtseyn schwang mein Glaube kühn
Sich durch die Wolken. Doch getäuscht, gestürzt,
Lieg’ ich zum Hohngelächter in dem Abgrund,
Tief unter meines Planes Riesentrümmern.
Ist Murren Sünde, so verzeih’ mir’s Gott!
Ich muß doch rufen: Herr! Mein Werk war gut!
Jeronimo (sanft).
Wie, Freund, in dieser wildempörten Stimmung,
Mit des zerriss’nen Herzens Klageruf
Wollt ihr den Himmel sterbend nun begrüßen?
O stimmet euch schon hier zur Harmonie,
Die dort die Ewigseligen beglückt!
Kein Mißton darf in ihre Jubel dringen. —
Ihr klagt: »Mein Werk war gut — und nun gestürzt
Lieg’ ich im Abgrund!« Doch, durch wen gestürzt? —
Ganz ohne eig’ne Schuld? — Erforscht euch redlich!
Wenn euch der milde Strahl der güt’gen Vorsicht
Aus jenen dunkeln Fernen nicht mehr leuchtet;
Wo fändet ihr nun Trost, wo Seligkeit? —
Habt ihr euch schuldig, Gott gerecht befunden: —
Dann tragt ihr leicht, und habet überwunden.
Balboa.
War euer Gruß nicht Friede? — Doch ihr raubt
Mir das Bewußtseyn, stürzt mich ganz darnieder!
Jeronimo.
Was wär’ es wohl, wenn es sich rauben ließe?
O guter Balboa! — Daß euer Herz
So schön entbrannte für der Menschheit Heil;
Daß ihr ein Paradies in jenen Landen,
Voll frohen Muthes, anzupflanzen dachtet,
Um so vor aller Welt den niedern Vorwand,
Als zähme nur die Sklaverei den Wilden,
Durch That und Beispiel siegend zu entlarven;
Daß ihr für dieses Volk die heil’ge Liebe
Durch selbstgewählten hohen Tod besiegelt:
Seht, dies Bewußtseyn kann euch Niemand rauben,
Es lohnt euch hier, es wird euch ewig lohnen! —
Heil ruf ich euch! — Aus tiefbewegtem Herzen
Ruft euch mit mir, die ganze Menschheit Heil! —
Allein bedenkt: Ihr nah’t euch jenem Richter,
Vor dem die Schuld vergebens sich verhüllt. —
Ihr seyd ein Mensch — und menschlich ist’s zu fehlen!
Balboa (sanft).
So sprecht! Ich öffne willig euch das Herz.
Jeronimo.
Warum habt ihr das wilde Schlangenhaupt
Der Tyranney dem Throne nicht enthüllt? —
Längst war es Zeit zu sprechen, und zu handeln.
Ihr schwiegt, und legtet eure schönen Plane
Der ungewissen Zukunft in den Schoß. —
So fehlt er oft, der engumschränkte Mensch! —
Zur That wird ihm der Augenblick gegönnt;
Den soll er fassen — doch, er läßt ihn fliehen;
Und bringet ihn der Zeiten Strom nicht wieder,
So klaget thöricht er sein Schicksal an.
Wie soll der Himmel solche Klagen hören? —
Warum habt ihr die Grausamkeit geduldet,
Die längst schon euer fühlend Herz empörte? —
Warum die Pflicht des Widerstands verschoben? —
Warum durch Eigenmacht erzwingen wollen,
Was ihr vom Throne nur erwirken solltet? —
Gesteht es doch! — Mariens Vater ist
Der Schuldige, und euer Liebesbund
Hielt euch von eurer höhern Pflicht zurück.
Mit dieser habt ihr euch nur abgefunden,
In Schöpfungsträumen euren Geist gewiegt.
Balboa.
— Ihr lasset tief in’s eigne Herz mich schau’n.
Jeronimo.
Versöhnt euch dann mit Gott! O fühlt es nun:
Daß euch nicht Stolz, daß euch die Reue ziemt!
Balboa.
Ist’s Strafe, die ich dulde? Nun wohlan!
Ich habe sie verdient! Ich beuge mich!
Jeronimo.
Und jede Klage schweigt in eurer Brust?
Balboa (sanft).
Daß auch mit mir der arme Wilde leidet:
Seht, das beklag’ ich noch. — Daß auch sein Glück
Mit mir dahinstürzt! — Sagt, Jeronimo,
Was konnte seine Unschuld wohl verbrechen? —
Jeronimo.
Wie, Balboa, ihr werdet doch nicht wähnen,
Kein Geist erhebe sich zu eurer Höhe,
Kein Herz sey mit dem Euern gleich gestimmt? —
Wozu euch Gott jetzt nicht mehr würdig finde,
Das könn’ er nicht durch andres Werkzeug üben? —
Gewahrt ihr nun den schlauverborgnen Stolz?
Erschreckt vor euch! Ruft euern Glauben wach!
Der Glaub’ an Menschentugend und an Gott,
Erhebt sich jedem nur aus eigner Brust. —
O wehe dem, der ihn vergebens ruft!
Sein reines Herz geweiht zum Gottestempel,
Ward schon zur Hölle, wo Verzweiflung thront.
Balboa.
(fällt tieferschütternd an seine Brust.)
O heil’ger Mann! Hebt segnend eure Hand!
Jeronimo (mit Feuer).
Ihr habt euch schuldig, Gott gerecht befunden!
Nun siegt der Geist! der Tod ist überwunden!
Balboa (begeistert).
Ein Schauer faßt mich. — — Ja — ich fühl’s! ich fühl’s!
Nicht Zufall ist’s, was unser Schicksal treibt.
(kniet nieder.)
Gerechtigkeit, ich sinke vor dir nieder!
Du waltest über uns. Was über mich
Dein Spruch verhängt, ich will es sühnend dulden.
Aus seinen Tiefen ruft mein Herz: — Du bist!!
Und wie ich nun von dir die Strafe dulde,
Ist dem Entsühnten Gnade auch gewiß!
(steht auf.)
O sie umweht mich schon mit Himmelsdüften,
Und Ruhe kehrt in meine Brust zurück! —
(zu Jeronimo.)
Verlaß mich nicht, du treuer Friedensbothe!
Jeronimo.
Nein, ich verlaß euch nicht.
Balboa.
O Tod! erscheine!
Nun fürcht’ ich deine Schrecken nicht. Erscheine!
Jeronimo.
Was will uns Eskimosa? — Seht, er naht!