Siebzehntes Kapitel.
Bald nach Mitternacht brachen die Gäste auf. Schaudernd sträubte sich Sophie, ihrem Manne zu folgen. Er biß die Lippen zusammen und ging allein nach seinem in Nacht und Grausen daliegenden Hofe zurück. Ein ungeheurer Grimm und Trotz lag in seiner Seele, strotzte durch sein ganzes Empfinden.
Er blieb vor dem Scheunentore stehen; er wollte Wache halten, denn so ein Heruntergekommener konnte einem ja das Haus über dem Kopfe anzünden. Doch als er nun die schweren, geräuschvollen Atemzüge vernahm, drängte sich’s auf einmal mächtig in ihm zusammen; zwischen Grimm und Trotz empor züngelte eine feurige Schlange — — und die Schlange hüpfte mitten durch das Tor, schlängelte sich nach dem Bruder ins raschelnde Stroh. — Dicht beim Lager des Bruders stand ein gefüllter Sack. Die Schlange sah sich vorsichtig um in der Nacht, ihre glühenden Augen funkelten durch die Finsternis — rasch löste sie den Knoten und blitzschnell sprang sie in den Sack. — — Und jetzt tönten die Atemzüge des schlafenden Bruders gerade wie wenn Korn verschüttet und vermengt würde.
Marten machte eine heftig abwehrende Bewegung. — Abermals indes züngelte die Schlange empor — auf ihrem Kopfe lag jetzt allerhand schmutziges Korn, auf dem Korn aber lag ein gelbes Papier mit einem großen Siegel, das sah gerade aus wie ein Meierbrief. Und die Schlange sprach: „Du bist es! Du hast deinem Bruder das reine Korn vermengt. Du bist es! Du hast deinem Bruder Lieb und Leben gestohlen. Du hast ihn auf dem Gewissen. Du bist es! Sieh auf! Tausend und nochmals tausend Finger zeigen vom Himmel! Jeder Stamm in deinem Hofe, den du anrührst, wird klein und elend bleiben und zähe Früchte geben. Und jede Saat, die du säest, wird in Unkraut ersticken. Du bist es.“
Marten stob zusammen. Grimm und Trotz war dahin, ein Grauen überlief ihn. Es schnürte sich um ihn und drängte ihn fort.
Horch — jetzt wurden die sägenden Töne drinnen helle, klare Worte: „Mein Schätzchen, biste da? Komm, komm, wir wollen zu Bette gehen ...“
Die Worte gingen in unverständliches Murmeln und Flüstern über, bis auf einmal ein lauter Wutschrei ertönte: „Teufelskerl, du wirfst mir ja wieder lauter Drespen ins Gesicht! Du siehst aus wie mein Brüderchen, aber mein Brüderchen biste nicht.“
Ein heftiger Windstoß fuhr um das Haus, das alte Scheunentor knarrte in seinen schwachen Angeln, und über den Hof kam etwas wie das leise Ausschreiten eines Mannes.
So pflegte der Vater am Sonntage zu gehen — — —
Marten fühlte, wie sein Haar sich sträubte, er sah scharf umher, gewahrte aber niemand.
Da tönte vom Giebel her ein langgezogener Eulenschrei, und in der Scheune rief’s: „Juchhe, Vater, da biste ja! Kommste auch zu meiner Hochzeit? Guck, ist mein Tisch nicht fein gedeckt, mein Tisch? Lang man zu, Vater, nimm man hin, du hast auch lange nichts gehabt.“ Eine Weile war’s still, wie wenn jemand überhungrig am Tische sitzt und hastig ißt; dann aber begann Steffen aufs neue: „Vater, werden da drüben auch Drespen und Raden in ’n Kornsack geschüttet? Kann man da seinem Bruder auch ’s Liebchen und den Hof vor der Nase wegschnappen, seinem Bruder? — Juchhe, Vater, dann komme ich rüber, juch! und mein Schätzchen, das kommt auch“ — — — —
Schaudernd floh Marten durch die Haustür, die er geschwind hinter sich verriegelte, nach der Stube. An allen Gliedern schlotternd, blieb er eine Weile auf den Zehen stehen, mit angehaltenem Atem lauschend und spähend.
Nur das Käuzchen schrie noch, und hin und wieder ertönte ein Rütteln und Klappern. Schlaff sank er auf den Brettstuhl, schreckensvoll schnellte er wieder auf und rückte den Stuhl mitten in die Stube, daß er sowohl die Tür, als auch die beiden Fenster im Auge haben konnte. „Dies ist meine Hochzeitsnacht!“ ächzte er. Doch nach einer Weile sank der Kopf tief auf die Brust herab. — — —
Die Nacht verrann, ein grauer Morgen zog herauf, und der Wind als Wecker schlug den aufgewirbelten Schnee gegen die Fenster.
Marten saß noch mit tief gesenktem Kopfe auf dem Stuhle. Seine Augen waren geschlossen, aber seine Mienen verzogen sich in seltsamen Zuckungen, und von den mühsam bewegten Lippen kam von Zeit zu Zeit ein leises oder lautes Stammeln.
Da ging die Tür auf, ein widriger Branntweindunst wehte in die Stube, und um die Tür bog sich ein wulstiger, mit Stroh und Spreu behängter Kopf.
„Ei, ein schönes Brautbett, Brüderchen!“ lallte die heisre Stimme. Jetzt war die ganze Gestalt in der Stube. Strohhalme und Spreuhülsen rispelten auf den Boden.
Steffen schlich wie eine Katze, die ihr Opfer sieht, um den Stuhl herum, seine von roten Äderchen durchstreiften Augen quollen hervor; ein Fauchen tönte. Jetzt — ein knippender Laut — eine spitze Messerklinge blitzte in der Morgendämmerung. — Eine wilde Entschlossenheit wetterte durch das aufgedunsene Gesicht. Schon hob sich der Arm zum furchtbaren Stoß — da tat Marten einen tiefen Atemzug und murmelte etwas und rief: „Steffen! Steffen!“
Steffen horchte auf und trat unwillkürlich zurück. Wie das klang! Als wäre etwas vom Tone der Mutter und wieder etwas von der Stimme des Vaters darin. Er ließ die Hand sinken, sah starr auf den Schlafenden, ging langsam zurück und verschwand.
Die Tür, die nach den stampfenden Gäulen führte, „knarkte“; Steffen blieb einen Augenblick vor den hungrigen Pferden stehen und strich ihnen mit beiden Händen über den Kopf. Hastig dann schüttete er ihnen zwei gehäufte Mulden voll Hafer in die Krippe.
Indem krähte auf dem Wiemen nebenan der Hahn. Steffen stob zusammen und eilte sachten Fußes hinaus.
Der Walnußbaum rauschte und schlug nach dem Hause. Es knirschte und krachte, es winselte und heulte, und dicht überm Dorfe hin sauste das wilde Heer, hinterdrein mit hastigem Flügelschlage der Nachtrabe.
Steffen klammerte sich mit den Armen an den nassen, kalten Stamm des Baumes und sah schaudernd hinauf.
„Kommst du wieder, mich zu holen!“ ächzte er und drückte sich den Ärmel aufs Gesicht und schluchzte tief auf.
Aber er kam nicht, die harten Flügelschläge tönten ferner und ferner; er sauste mit dem wilden Heere über die schwarze Breite des Hildesheimer Waldes.
Steffen ging sachte vom Hofe hinweg, sachte wie ein Schatten. Auf der Straße blieb er eine Weile stehen, als besänne er sich. In den Fensterruten, mit denen das Stübchen der Totenkathrine nach der Straße sah, blinkte es; aber es war kein Licht dahinter, das ihm winkte.
Er ging an der Kirchhofsmauer entlang, sachte wie ein Geist, und schob behutsam die Kirchhofspforte auf.
Der Hahn droben auf dem matt blinkenden Turmknaufe drehte sich und ließ schrille Töne vernehmen, und drunten zwischen den Gräbern breitete einer mit lebhaftem Geflüster die Arme aus, wie um den nächtlichen Besuch zu bewillkommnen.
Steffen ging dicht am Hagedorn vorbei, bog den Brist sanft zur Seite und setzte sich auf das Grab, das dahinter lag. Er stützte beide Ellbogen auf die Knie, legte den Kopf in die Hände und blieb unbeweglich sitzen. — —
Es hatte sich mehr und mehr aufgehellt, das Sturmgetöse fast ganz nachgelassen, auch der Regen völlig aufgehört; aber durch die herbe Luft waren dichte Linien gezogen, unhörbar sauste die „Schottspule“ über die Erde, eine unendliche weiße Decke webend. Nur unter dem Rötchenbaume drüben zeigten sich noch ein paar Streifen grauer Grasspitzen.
Da klopfte es am Fenster des wüsten Hofes, und gellende Rufe drangen ins Haus.
„Jesus Christus, allbarmherziger Heiland!“
Marten schnellte auf und sah erschrocken um sich. In seinen Augen lag etwas Zerschmelzendes und etwas Trauriges, das sich um so deutlicher ausprägte, als das Gesicht fast bleich geworden und der harte trotzige Zug daraus gänzlich verschwunden war. Er stürzte hinaus.
Vor ihm lief die Totenkathrine und deutete mit allen Zeichen des Schreckens nach dem Kirchhofe.
Um die Kirchenecke fegte der Sturm, und der wildbewegte Hagedorn bog sich tief über die Gräber.
Das Weib schlug sich den Oberrock von hinten über den Kopf, stellte sich mit dem Rücken gegen den Sturm und wies nach dem Grabe.
Etwas wie eine menschliche Gestalt lag darauf, steif und starr. Sie war zugedeckt mit der großen weißen Flockendecke.
„Nun sieh, ob du mit diesem Hügel auf der Brust leben kannst,“ sagte die Totenkathrine mit harter Stimme.
Marten stürzte neben dem Grabe nieder, tastete nach den Händen des Bruders und schluchzte laut auf. — —
**
*
Es sind heute mehr als fünfzig Jahre her. — Die Herrenrechte haben nur noch eine kurze Zeit gedauert, und der Bruderhof ist danach in Marten Oelkers freies Eigentum übergegangen; — allein groß und glänzend, wie der junge Bauer ihn einst geträumt hatte, ist er nicht geworden. Die Bäume sind klein geblieben, und die Kornernte hat nie recht gegeben. Es hat ihnen, wie Frau Sophie noch bis auf den heutigen Tag klagt, an Glück und Segen gefehlt, und sie haben sich im Bewußtsein ihrer Schuld auch nicht das Beste zu tun getraut. —
Es sind zwei recht alte zittrige Leute geworden, die einst so jung waren. Sie fühlen, daß sie ihren Kindern längst im Wege sind, hoffen aber, ergeben zu Gott aufblickend, daß sie nun nicht lange mehr zu tragen haben an ihrer Schuld.
Fußnoten:
[1] Heraus.
[2] Maulwurf.
[3] Wicken-Thies, in der hannoverschen Landbevölkerung damals allgemein bekannter Wahrsager, der 1618 zu Burgdorf gelebt und für Burgdorf und Umgegend auf 200 Jahre hinaus wichtige kommende Ereignisse voraussagte.
[4] Freien hat Mühe, gibt Betten und Kühe.
[5] Ümme de Brenne slan, sagt man, soviel wie auf den Busch klopfen.
[6] Kauf Nachbars Rind, freie Nachbars Kind, so wirst du nicht betrogen.
[7] Maulwurf.
[8] Sympathien.
[9] Hildesheim.
[10] Rauge = Rute.
[11] Ziehebank.
[12] böten, beuten, besprechen, Baute tun, nur bei Anwendung von Sympathiemitteln gebraucht.
[13] Sympathien.
[14] ’n weißen und ’n grünen, ich will euch drei Junggesellen nennen.
[15] Hohle Hand voll.
[16] Briwe, ein irdener Napf, worin man Milch gerinnen läßt.
[17] Soviel wie schaukeln.
[18] Aus kleinen durchbohrten Holzpflöcken bestehend, die kunstvoll in einander gefügt sind. Dient als Unterlage auf dem Tische für heiße Schüsseln.
[19] Bruder, hilf!
[20] Warte, ich will dir helfen!
[21] Maulwurfshaufen.
[22] Dickkopfskraut, Senecio vulgaris.
[23] begegneten.
[24] störgen, überlaut sprechen.
[25] Ein Hemd und ein Tuch ist im Grabe genug.
[26] Junge Schweine.
[27] Eh’ der Esel zweimal geht, trägt er, daß ihm der Leib weh tut. (Sprichwort.)
[28] Scheunenfach.
[29] Früher pflegte der Stellmacher die Speichen vor dem Aufspeichen in kochendes Wasser zu legen und zu kochen; heute wird die Nabe gekocht oder gebrannt.
[30] Der vollständige Meierbrief, den der Erzähler im „Bruderhofe“ selbst einsehen konnte, lautet nach dem obigen wortgetreuen Anfange:
„.. wie solche Grundstücke in der dem gegenwärtigen Kontrakte angehängten Spezifikation näher bezeichnet sind, nebst allen ihnen anklebenden Rechten und Gerechtigkeiten; dergestalt, daß der Meier dieselben jure colonario und meierweise benutze und inne habe; davon alljährlich an Meierzins in natura 26 Himten, und zwar zwischen Michaelis und Martini 3 Himten in gutem, reinem, marktgängigem Korn, sowie ferner 25 Taler 4 Mgr. Hofzins, 3 Taler 24 Mgr. Rottlandszins und 10 Stück Hühner und zu Lichtmeß weitere 23 Himten abliefere und von den Grundstücken ohne meine Genehmigung nichts veräußere, verkaufe, versetze, verpfände, zur Leibzucht einräume oder sonst auf irgend eine Weise abhanden bringe; vielmehr selbige beisammen behalte und als guter Wirt haushälterisch benutze. Nach Verlauf der obigen neun Jahre hat der Colonus sich anderweit zur Bemeierung zu melden, und, gegen Erlegung der unten genannten Laudemial- und Schreibgebühren, einen neuen Meierbrief in Empfang zu nehmen. Sollte er aber wider Verhoffen mit Ablieferung des Zinses und Prästation der sonstigen Leistungen säumig sich beweisen und damit im Rückstande bleiben, so behalte ich mir das Recht der Abmeierung, den gesetzlichen Bestimmungen gemäß, bevor.
Urkundlich ist dieser Meierbrief doppelt ausgefertigt und sowohl von mir als von dem Meier eigenhändig vollzogen; die Laudemial-Schreib- und Stempelgebühren sind für jeden Bemeierungsfall auf — Rthr. 4 Ggr. Konventionsmünze, jetzt auf — Rthr. 4 Ggr. 1 Pfg. in Kourant bestimmt worden.
So geschehen Bodenburg, am 27. Dezember 1846.
††† v. Steinberg.“
(Handzeichen des Henderk Oelkers.)
[31] wicken = vorhersagen, drohen.
[32] Hoffetod stirbt so leicht nicht.
[33] Kalte Schale, Wein mit eingebrocktem Honigkuchen.
[34] „Je näher der Braut, desto weiter hinteraus“, d. h. je näher einer der Braut verwandt ist, desto weiter muß er hinter ihr zurücktreten.
[35] Bänder.
[36] Der Sitte gemäß wurde in den Strauß eine Zitrone getan. Strauß und Tuch war von der Braut als Opfer für den Pastor auf den Altar zu legen.
[37] Leute, welche dem Hochzeitszuge „vorhalten“, was entweder mit ausgebreiteten Armen oder mit einer Stange geschieht, werden mit Geld beschenkt, worauf sie sagen: „Giut Liun!“, was wohl mit „gut Lohn“ zu verhochdeutschen ist, aber auch „gut Luna!“ bedeuten könnte. Zur Zeit des Vollmondes pflegt man nämlich im Hildesheim’schen zu sagen: „We häaut jetz giut Liun.“ Hier wird Liun ohne Zweifel mit Luna zu übersetzen sein.
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Heinrich Sohnrey’s Schriften:
Friedesinchens Lebenslauf. 18. Aufl. Hübsch illustr.
Hütte und Schloß. 10. Auflage. Hübsch illustr.
Im grünen Klee — im weißen Schnee. 5. Tausend. Hübsch illustr.
Preis pro Band brosch. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—.
Die Landjugend oder Jugendbuch für Stadt und Land. Herausgegeben von Heinrich Sohnrey.
Ein illustr. Jahrbuch für die Jugend. Geb. Mk. 1.50.
Heinrich Sohnrey hat es zum Zweck seines Schaffens gemacht, das Innenleben der Bauern durch eine wunderbar feine, wohltuende Poesie für den einfachen Landmann wie für den verwöhnten Städter zu beleben und zu verklären. Ähnlich wie Rosegger im Süden, so hat er im Norden die Not und das ganze Elend, das droht, die Bauern immer mehr den Städten zuzutreiben oder sie in Stumpfheit verkommen zu lassen, erkannt. Ein einzelner Mann, aber ein ganzer Künstler, stellt er sich der Gefahr entgegen und schreibt Bauerngeschichten so voll Poesie und dabei so wahr und treu, daß der ganze Zauber des Landlebens wieder aufwacht und die alten Vorzüge der Dorfbewohner, nämlich die einfache und unverdorbene Ehrlichkeit der Gesinnung zu ihrem Rechte kommt. In allen seinen Erzählungen wohnt eine Kraft zum Guten, die sich dem Leser und dem Hörer — zum Vorlesen eignen sich die Sachen besonders — mitteilt.
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Zwei Volksstücke von Heinrich Sohnrey:
Die Dorfmusikanten.
Volksstück mit Gesang.
5. Auflage. Mk. 1.20, geb. Mk. 2.—.
Düwels.
Ein Bauerndrama. Mk. 1.50.
Über die „Dorfmusikanten“ schrieb:
Ernst von Wildenbruch in der „National-Zeitung“:
... „Ich habe mir neulich im Theater zu Weimar das Stück angesehen, das, aus ihrem Kreise der Heimatkünstler hervorgegangen, dort zur Aufführung gelangt ist, Heinrich Sohnreys „Dorfmusikanten“ und indem ich dabei saß, habe ich zu meinem dramatisch-kritischen Verstande, der hier und da aufmucken wollte, gesagt: „Halt’s Maul und störe mein Herz nicht! Denn mein Herz freut sich!“ Ja, ich freute mich, denn die Sache, auf die es ankommt, die Hauptsache ist in dem Stück: echtes, deutsches Lachen. Aus diesen drolligen Käuzen, diesen Musikanten von Damsbrück lacht wirklich das thüringische, das herzige deutsche Land. Das ist Erdgeruch von heimatlicher Erde, — wie ein Händedruck treuherziger deutscher Hand, so fühlt das ganze Stück sich an.“ ...
Dr. G. Zieger in der „Münchener Allgemeinen Zeitung“:
... „Der Andrang war so außerordentlich, daß noch einige Spieltage zugegeben werden mußten, und daß, wenn die letzte Vorstellung stattgefunden hat, der Erfolg noch lange nicht ausgenützt ist. Die Kritik hat zum größten Teil dem Werke des trefflichen Volksschriftstellers gegenüber nicht den rechten Standpunkt gefunden. Sie ist so einseitig artistisch geworden, daß sie einem so schlicht volkstümlichen Werke nicht mehr gerecht werden kann und sich auf die Hervorhebung nebensächlicher Schwächen beschränkt, die durch die Dilettantendarstellung noch mehr hervortraten ...“
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Aus Höhen und Tiefen.
Ein Jahrbuch für das deutsche Haus.
Herausgegeben von Prof. Dr. Karl Kinzel und Reg.- und Schulrat Ernst Meinke.
In gediegenem Leinwandband Mk. 4.—.
Bisher erschienen 8 Bände.
Von der Beliebtheit dieses Jahrbuches geben z. B. folgende Zeitungsstimmen Zeugnis:
Von Jahr zu Jahr mehren sich die Jahrbücher, die aus den verschiedenen Lebens- und Interessenkreisen unseres Volkes heraus für diese in einer Sammlung von Aufsätzen, Gedichten, Erzählungen Unterhaltendes und Belehrendes bieten wollen, wie es die Zeit und ihre Bedürfnisse mit sich bringen. Das vorliegende Jahrbuch wendet sich an das deutsche Haus, in dessen Mitte das Evangelium als das Standfeuer brennt und leuchtet, von dem sich die einzelnen Glieder erwärmen und erleuchten lassen wollen. Nicht als wenn das Jahrbuch ein Erbauungsbuch wäre oder das Christliche gar auf dem Präsentierteller hinreichte und unter seinem Namen Reklame machen wollte. Von solcher zweifelhaften Geschäftspraxis ist das Buch frei. Tragen auch einzelne seiner Stücke einen christlichen Charakter, z. B. unter den Gedichten, so sind andere, darunter auch gerade die besten von jener christlichen Gediegenheit, die ohne viele religiöse Worte in ihrer Lebenskraft und in ihrer gesunden Lebensspeise von christlicher Weltanschauung genährt sind und darum gerade auch ohne tendenziösen Charakter dem deutschen Haus gute christliche Geistesspeise bieten werden .... Dem Jahrbuch sei ein trautes Heim in vielen deutschen Häusern beschieden.
„Hessische Landeszeitung“, Dezember 1902. Wenk.
...... Es hat uns stets Freude gemacht, „Aus Höhen und Tiefen“ neben seinem älteren Genossen, der „Christoterpe“ empfehlen zu können und wir tun es auch diesmal aus vollem Herzen ...
„Leipziger Zeitung“, Dezember 1902.
..... immer wird man den Eindruck gewinnen, daß es die Verfasser verstanden haben, ein Buch zu schaffen, dessen Inhalt zur Lektüre im deutschen Familienhause im vollsten Maße geeignet ist.
„Deutsche Warte“, November 1902.
Aus dem reichen Inhalt des VIII. Jahrgangs sei besonders hervorgehoben: „Schillerworte“. Zum 9. Mai 1905 aus Schillers Gedichten und Dramen zusammengestellt von Prof. Dr. Kinzel. „Schillers Demetrius“. Abhandlung von A. Zippel. „Bruder und Schwester“. Erzählung von Ernst Zahn in Göschenen. „Erinnerungen an Tholuck“. Eine Nachlese von Prof. Dr. O. Bertling. „Der Mutter Vermächtnis“. Erzählung von C. zu Putlitz. „Farben und Düfte“ von Dr. E. Dennert. „Im Mai des Lebens“. Aus meiner Soldatenzeit von † Staatsminister Dr. D. Bosse. „Das Gedächtnis“. Abhandlung von Reg.- und Schulrat Ernst Meinke. „Sizilische Streifzüge“ von Gym.-Direktor Dr. Friedrich Seiler. „Was zieht uns ins Hochgebirge?“ Betrachtungen von Prof. Dr. Karl Kinzel. „Kulturbilder aus Oberschlesien“ von A. Just. „Er ist wiedergekommen“. Betrachtungen von Dr. Peter Rosegger.
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Fritz Fliedner, Aus meinem Leben. 2 Bde. 7. bezw. 4. Aufl. Br. à Mk. 4.—, geb. à Mk. 5.—.
Das beste Urteil über das Buch gibt Staatsminister Dr. Bosse in einem Brief an den Verleger:
Berlin W. 27. Dez. 1900.
„Ich habe das schöne Buch mit großer Freude und reichem Gewinn gelesen. Ich bezeuge das um so lieber, da ich das Buch mit der Besorgnis zur Hand genommen hatte, daß die lebhafte Natur des Verfassers ihn zu allerhand Ueberschwänglichkeiten verleitet haben möchte, die der einfachen nüchternen Wahrheit Abbruch tun könnten. Das ist aber in dem Sinne, in dem ich es mir vorgestellt hatte, durchaus nicht der Fall. Es ist ein lebhaft und mit ungemeiner, man kann getrost sagen, mit jugendlicher Frische geschriebenes Buch. Alles, was Pastor Fliedner hier erzählt, trägt das unverkennbare und darum sieghafte Gepräge lauterer Wahrhaftigkeit, alles ist selbst erlebt und selbst erfahren. Und aus den Erfahrungen des Verfassers erklärt sich auch die zuweilen auch wohl über das Ziel hinausschießende Schärfe der Polemik gegen das römische Wesen. Das Buch ist ein aus tiefstem Herzen kommendes Zeugnis eines Mannes, der die Herrlichkeit der evangelischen Freiheit eines Christenmenschen in einem langen Leben tausendfach an sich erfahren hat, eines tapferen Streiters für die evangelische Wahrheit, der im Kampfe für eine gerechte Sache nicht gerade jedes Wort zuvor ängstlich auf die Wagschale legt. Sollte aber jemand gleichwohl an diesem oder jenem scharfen Ausdruck Anstoß nehmen, so wird er sicherlich überwunden werden durch die rührende und ehrliche Art, in der der Verfasser im Schlußabschnitt für jeden harten oder verletzenden Ausdruck um Nachsicht oder Verzeihung bittet. Gegenüber dem reichen positiven Inhalt des von Anfang bis zu Ende mit einem fast unwiderstehlichen Zauber fesselnden Buches sind jene Einzelheiten Minutien, über die man kein Wort weiter verlieren braucht. Das Buch zeigt uns in natürlich sprudelnder, mit völlig ungesuchtem Humor gewürzter Frische den Werdegang eines gottbegnadeten, seines Glaubens gewissen, allzeit fröhlichen Christenmenschen. Schon diese Natürlichkeit der Darstellung wirkt erfrischend. Aber von welchem Hintergrunde hebt sich der schon an sich menschlich und psychologisch interessante Lebensgang des Verfassers ab! Anschaulich öffnen sich vor uns die Verhältnisse des kinderreichen elterlichen Pfarrhauses, eines wahren Musters an Einfachheit, ungefärbter Frömmigkeit, schlichter Gastlichkeit. Und mit wie pietätvoller, zarter Liebe werden uns Vater und Mutter Fliedner gezeigt. Wie schlicht und wahr und echt wird die Erziehung der Kinder dargestellt, wie meisterhaft die unter Gottes wunderbarer Leitung sich entfaltende Diakonissenarbeit geschildert, wie fröhlich werden die kleinen und großen Erlebnisse in der Kinderstube, auf dem Gymnasium in Gütersloh und auf der Universität in Halle und Tübingen erzählt und das alles im Rahmen der auch die kleinsten Dinge im Menschenleben führenden göttlichen Liebe! Und dann wieder der Ernst und die Schrecken des Krieges 1866! Und schließlich die mit 140 Talern ausgeführte zehnwöchige Reise des fröhlichen Studenten nach Italien und Sizilien! Es ist wunderschön, und wer das Buch zu lesen angefangen hat, den läßt es nicht wieder los. Jede Menschenleben ist ein fortgesetztes Wunder, dafür werden dem Leser hier die Augen geöffnet, obwohl die eigentliche ernste Lebensarbeit Fliedners, der Dienst am Evangelium in Spanien, hier nur kaum andeutungsweise erwähnt wird. Ihnen und Herrn Pastor Fliedner danke ich aufs herzlichste für den Segen dieses Buches. Es ist ein gutes evangelisches Buch, dem man nur recht viele Leser wünschen kann.“
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Fr. Bettex, Prof., Bildung.
6.-10. Tausend.
Hübsch kart. Mk. 1.50.
Bettex, der Verfasser von „Naturstudium und Christentum“, und vieler anderer Bücher, die zu den meistgelesenen ihrer Art zählen, der Naturforscher mit den großen Gedanken, sagt uns in einem Bändchen von etwa 100 Seiten seine Ansicht über Bildung. Wie er in seinen früheren Schriften einer Naturwissenschaft entgegentritt, die in den kleinen Gebieten ihrer Forschung vergißt, wie unendlich das Weltall ist, wie viele tausend Fragen auf allen Seiten an den Menschen treten, auf die er noch keine Antwort gefunden hat, so wendet er sich in dieser Schrift gegen die falsche Auffassung von dem, was Bildung ausmacht.
Er untersucht den Einfluß von Armut und Reichtum auf die Bildung und leitet über zur Familie, der ersten und wichtigsten Bildungsstätte. Hier werden wir an die trefflichen Bücher von Riehl erinnert, denn auch Bettex steht ganz auf dem Standpunkt, der in der Familie den Hauptfaktor zur Bildung sieht, aber ohne in den Fehler zu fallen, den Bildungswert der Schule zu unterschätzen. Man wird dem praktischen Schulmann besonders gerne zuhören, wenn er über die Reformen spricht, die im Interesse wahrer Bildung in den Schulplänen z. B. der Mädchenschulen vorgenommen werden sollten, und nur von Herzen freuen kann man sich heute in der Zeit der Lokalanzeigerbildung über die deutliche Sprache, mit der er vom Mute des Nichtwissens spricht.
Mit seiner klaren und präzisen Ausdrucksweise, mit dem feinen Aufbau seiner Gedankenreihe, bietet die Lektüre dieses Buches schon einen ästhetischen Genuß. Aber durch die Originalität und die Kraft, die Bettex auszeichnet, kann es auf den Leser von Wirkung sein. Namentlich jungen Menschen, die sich nach der Freiheit sehnen, die wahre Bildung unter allen Umständen vermittelt, sei dieses Buch herzlich empfohlen. Wir brauchen solche Aufforderung zu eigenem Denken, zum Prüfen der überlieferten Anschauung von dem, was Bildung sei, damit wieder eigene selbständige Charaktere geboren werden, Menschen, die nicht nach dem Urteil dieser oder jener fragen, sondern nach dem Beifall ihres eigenen Gewissens und die sich unter strenger Selbstkontrolle halten mit der Bildung, ja, wenn nicht identisch, so doch nahe verwandt ist.
Verlag von Martin Warneck, Berlin W. 9.
Die Anfangsgründe der häuslichen Krankenpflege.
Eine Anleitung für hilfsbereite Frauen u. Jungfrauen.
Von Hans Allihn.
4.-6. Tausend.
Preis hübsch kart., illustr. nur Mk. 1.—.
Dies Büchlein müßte in jedem Hause zu finden sein. Es will auf die einfachste und faßlichste Weise die Kenntnisse vermitteln, die eine Hausfrau oder Haustochter nötig hat, um in ihrer Familie und Freundschaft, bei Angehörigen, Nachbarn und Bekannten dem Kranken mit Rat und Tat beizustehen.
So unbedingt nötig und segensreich es auch ist, daß möglichst viel Diakonissen, Diakonieschwestern und andere berufsmäßig ausgebildete Krankenpflegerinnen als Gemeindeschwestern und dergl. angestellt werden, so müssen doch eine große Menge kranker Personen ohne sachgemäße Pflege bleiben, da sie auf die Versorgung durch ihre Familienangehörigen oder Bekannte allein angewiesen sind.
An gutem Willen mangelt es in der Regel hier allerdings weniger, als an den nötigen Kenntnissen und Fertigkeiten in den allereinfachsten Grundbegriffen der Krankenpflege. Ohne solche kann auch der beste Wille nur unvollkommenes leisten, denn er ist nicht im stande, die Anordnungen des Arztes verständnisvoll und sachgemäß auszuführen. Zur Erlangung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten in der häuslichen Krankenpflege will die vorliegende Schrift Anleitung geben, nicht aber zur Krankenheilung selbst, dies bleibt dem Arzt überlassen.
Die Hauptabschnitte lauten: Einleitung. — Der Kranke. — Das Krankenzimmer; das Krankenbett. — Tägliche Hilfeleistungen am Krankenlager. — Die Krankenkost. — Die Arznei. — Bäder und Umschläge. — Wundenbehandlung und Verbände. — Hilfeleistungen bei ansteckenden Krankheiten. — Hilfeleistungen in besonderen Fällen. — Pflege Nervenleidender. — Hilfeleistungen an Sterbenden.