Sechzehntes Kapitel.

Als in Drewes Baumhofe die Rötchenäpfel wieder pflückreif geworden waren, sah man eines Nachmittags Marten hoch im Wipfel, während Sophie unten an der Leiter stand und still lächelnd in den Baum hinaufblickte.

Die Leute, die hinter der Hecke herauf oder herunter kamen, guckten mehr oder weniger überrascht und verwundert herüber, riefen etwas Lautes nach dem Baume, oder sprachen etwas Leises vor sich hin. Der lahme Oppermann, der auch vorüberhumpelte, legte sich mit beiden Ellbogen breit auf die Hecke und sagte: „Aha!“ Da hob Drewes braune Kuh, die unter den Apfelbäumen graste, den Kopf und antwortete: „Ahu!“ „So, so,“ sagte der Swän, nickte und lachte und sang im Weitergehen:

„Gestern abend auf der Bleiche,

Was mußt’ ich da seh’n?

Da tanzte mein Schätzchen

Und ließ mich da steh’n.

Es gedacht mir zu trotzen,

Ich macht’ mir nichts draus;

Ich nahm mir ’en andern,

Der bracht mir nach Haus.“ — — —

Als Marten mit dem gefüllten Laken wieder die Leiter herabstieg, kam die Totenkathrine an der Hecke vorüber. Sie blieb stehen, sah mit kalten Augen nach dem Apfelpflücker und wartete erst eine ganze Weile; dann fragte sie: „Wißt ihr noch nicht, wo Steffen ist?“

„Nein!“ rief Marten scharf und setzte hinzu: „Du könntest es eher wissen, du bist doch mit den Toten gut daran!“

„Die Kette auf meiner Diele hat noch nicht gerintschelt, und die weißen Laken haben sich noch nicht gerührt,“ gab sie zurück, ging weiter, blieb wieder stehen und sagte: „Wenn ich aber die Toten frage, so antworten sie: ‚Hopedat starwet sau lichte nech.‘“[32] Sie schüttelte den Kopf, rief: „So ’n guter Mensch, wie der war!“ und bog um die nächste Hausecke. —

Als wieder Martini war, gab es in den beiden Häusern hüben und drüben überm Bache ein gar emsiges, aufgeregtes Hasten und Hantieren. Meister Drewes rumorte schwitzenden Angesichts in den Stuben und Kammern herum; die Frauen oder Mädchen aus dem Dorfe brachten Milch und süßen Rahm, und unter ihren andeutungsvollen Scherzen lief Sophie oft mit hochgeröteten Wangen nach dem Backhause des Nachbarhofes, von wo sich bald ein lieblicher Kuchenduft ums Haus verbreitete.

Der eigene Backofen unterm Küchenherde war den Anforderungen des heutigen Tages nicht gewachsen.

Bei den Eichen standen zwei schmucke Burschen mit Bändern an Mütze und Brust und geladenen Karabinern in den Händen. Sie schauten die Straße hinauf und horchten auf ein rasch sich näherndes Wagenrasseln und Pferdetrappeln.

Marten war noch nicht von Bodenburg zurück. Aber jetzt sauste sein Gefährt um den Heckenhorst beim Dorfeingange. Die Peitsche knallte, und die Funken stoben. Er hatte den Meierzins auf Heller und Pfennig entrichtet, die Heiratsgebühr, die „Bedemund“, prompt bezahlt und drei Säcke voll des proppersten Kornes abgeliefert, mehr, als er zu diesem Zeitpunkte nötig gehabt hätte. Das hatte dem gnädigen Herrn gefallen, und Marten kehrte zurück in dem Bewußtsein, daß er sich seines besonderen Wohlwollens versichert halten dürfe.

Die beiden Burschen empfingen ihn mit krachenden Schüssen und gellenden Juhuschreien und schwangen sich zu ihm auf den Wagen.

Sophie winkte aus der Tür, die Leute riefen aus den Fenstern, die Gänse schrieen, und Marten winkte lachend mit der Peitsche.

Auf der Despebrücke begegneten dem Wagen fünf Musikanten, die im Nachbardorfe bestellt waren, lauter bäuerliche Gestalten mit lustigen, verschrobenen Gesichtern. Flugs stellten sie sich vor den heimwärts strebenden Gäulen auf, um sofort eins zum besten zu geben; sie spielten einen Galopp und spielten ihn aus Leibeskräften, so daß die Gäule sich hoben und jung und alt aus den Häusern stürzte, um vor den Türen zu galoppieren.

„Truderittchen,

Krieg dat Mäken bi de Fittchen!“

krächzte der lahmbeinige „Swän“ und erwischte die Totenkathrine, mit der er Wand an Wand wohnte. Er packte sie feste und hopste mit ihr kurzlang über die Diele und aus der Haustür heraus. Sie schalt und wehrte, lachte und hustete und schlug, daß die Leute, die vorüber kamen, sich bogen und vor Lachen schüttelten. Als sie ihm dann doch entwischt war, stützte er die Hände auf die Knie und schnob und keuchte und sang in abgerissenen Tönen:

„Dat miene Fru nich danzen kann,

Dat makt dat lahme Been“ — — —

Die Musikanten begleiteten den Wagen nach dem wüsten Hofe, stärkten sich hier an einem Kruge Branntewein und führten den Bräutigam alsdann mit schmetterndem Galopp ins Brauthaus, vor dessen Tür die Jugend des Dorfes, getreu nach dem alten Sprüchlein „je mähr Pötte, je mähr Glücke“, schon so viel alte Töpfe und Krüge zerschmettert hatte, daß man fast über einen Berg voll Scherben klettern mußte.

Als die Dämmerung kam, sammelten sich unter der alten Linde am Tie, in der noch die Nägel steckten, die Marten vor dem Tode seines Vaters hineingeschlagen hatte, sechs junge Mädchen, die in ihrer Mitte einen mit bunten Bändern geschmückten Spinnrocken hielten. Sie sahen nach dem Brauthause aus, über dem sich feine Wölkchen kräuselten, und sangen:

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,

Ich geb dich en neuen Rock.“

Ach ja, meine liebe Mutter,

Die hab ich zehn Schock.

Ich kann ja nicht spinnen,

Mir schwört ja mein Finger

Und tut mir so weh.

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,

Ich geb dich en neuen Tuch.“

Ach ja, meine liebe Mutter,

Die hab ich genug.

Ich kann ja nicht spinnen,

Mir schwört ja mein Finger

Und tut mir so weh.

„Spinn’, spinn’, meine liebe Tochter,

Ich geb dich en Bräutigam.“

Ach ja, meine Liebe Mutter,

Der steht mir wohl an.

Ich kann ja schon spinnen,

Mir schwört ja kein Finger

Und tut mir nicht weh!

Als sie aufhörten, setzten unten auf dem Wege die Musikanten ein, in deren Gefolge das Brautpaar mit den Polterabendgästen nach der Linde zog.

Die Brautjungfern unter der Linde gingen dem Zuge etliche Schritte entgegen, verneigten sich vor der Braut und überreichten ihr feierlich die Brautdieße.

Sophie dankte den Jungfern und wandte sich, während die Musik wieder einsetzte, freudestrahlend ihrem Bräutigam zu, um mit ihm den Tanz um die Linde zu beginnen. Sie behielt dabei die Dieße in der Hand und durfte sie auch bei den weiteren Tänzen, die sie tat, nicht aus der Hand lassen. Denn so wollte es der alte Brauch.

Aber eine schwere Regenwolke, die über das Dorf hinging und fast den Wipfel der Linde streifte, machte dem Tanzen ein jähes Ende. —

Eine sausende Nacht war vergangen, ein trüber, „schlackeriger“ Morgen gekommen. Durch die kahlen Bäume ging ein tiefes Rollen und Rauschen. Am Himmel zogen graue, schwere Wolken, und zeitweise prasselte ein Regenschauer hernieder.

Mutter Drewes seufzte, sah immer wieder nach den Wolken und jammerte: „Ach, Kind, das ist kein gutes Hochzeitswetter!“

Aber sie hatte nicht viel Zeit zu klagen. Die Hochzeitsgäste trafen rasch nach einander ein, mußten bewillkommt und bewirtet werden, da konnte sie an nichts anderes mehr denken.

Die Werkstatt war bis auf das Unverrückbare gänzlich aus der Stube verschwunden, eine lange Tafel, — frische Buchenbohlen, mit weißer Leinwand überdeckt —, ging durch die ganze Stube, und die Helferinnen des Hauses trugen große weiße Kümpfe auf, denn die eintreffenden Gäste mußten der Sitte gemäß zunächst mit „kalter Kaschale“[33] bewirtet werden. Für die Kinder war in der ausgeräumten Kammer, deren Tür offen stand, eine gleiche Tafel hergerichtet.

Unter den Gästen war auch ein alter Bauer aus dem Braunschweigischen, der Halbhufner Drewes. Der winkte mit seinem großen, breitkrämpigen Hute und rief: „Ist denn kein Korn im Hause?“

Die Frauen rannten und brachten eine mit schönem, reinem Roggenkorn gefüllte Mulde herbei, und der Braunschweiger schlug seinen weißen Mantelrock mit den großen gelben Knöpfen auseinander, daß alles rot leuchtete, nahm eine gehörige Hand voll, streute sie mit kreuzenden Bewegungen über den Kopf der Braut und sagte: „Daß dir Korn und Kinder in Hülle und Fülle wachsen mögen und du niemals Mangel leidest am täglichen Brote!“ —

Die alten Pistolen und Karabiner krachten, die Mädchen verteilten Rosmarinzweige, und als das „erste Schauer“ läutete, wurde allgemach mit der Vorbereitung zum Traugange begonnen.

Nach dem Herkommen mußte die ganze Hochzeitsgesellschaft in zwei Züge geordnet werden: in Brautzug und Bräutigamszug. Der Brautzug, den die Frauen und Mädchen bildeten, wurde geführt von Vater Drewes, als dem Brautvater. Er war der „Leier“ (Leiter), wie man sagte. Der Bräutigamszug, der sich aus den Männern und Burschen zusammensetzte, wäre demgemäß vom Bräutigamsvater zu führen gewesen, an dessen Stelle nun Martens Ohm trat, ein Bauer von der andern Seite der Siebenberge.

Auch die Musikanten teilten sich, um zur größern Hälfte dem Brautzuge und zur kleinern dem Bräutigamszuge voran zu marschieren.

Für die Reihenfolge auf dem Hinwege zur Kirche galt die alte Regel:

„Je näger der Briut,

Je wegger hinderriut.“[34]

Es läutete das „zweite Schauer“, — und mit lieblich gerötetem Gesicht trat die Braut unter die Gäste: in schwarzem Tuchkleide, weißer Schürze und weißem Mulltuch, gekrönt mit dem Myrtenkranze, von dem hinten zwei handbreite seidene „Fleier“[35] bis auf den Kleidsaum herabhingen; in der Hand den Zitronenstrauß[36] mit herabhängendem weißen Taschentuche.

Der Bräutigam, in schwarzem Tuchrock, seidener Weste und großem Zylinder, einem Sträußchen von Rosmarin und Myrten auf der Brust, trat ihr feierlich entgegen, reichte ihr die Hand und kehrte wieder zu der Männergruppe zurück.

Es läutete das dritte Schauer, — und von Stolz und Rührung fast überwältigt, stellte sich Vater Drewes an die Spitze seines Zuges; er schritt unmittelbar vor der Braut her.

Die Musikanten schmetterten den Hochzeitsmarsch, die Burschen schossen ihre Karabiner ab, die Brautjungfern blickten züchtig darein, und so bewegten sich die beiden Züge an den alten Eichen vorüber der Kirche zu.

Weiber, Männer, Kinder aus dem Dorfe, die nicht zur Hochzeit geladen waren, standen neugierigen Auges am Wege, oder sie hatten sich auf dem Kirchhofe, nahe der Kirchentür versammelt, um sich von hier aus mit dem Zuge in die Kirche zu drängen.

Bei der Kirchhofspforte wechselten die Musikanten ihr Stück und bliesen jeden Zug für sich einmal um die Kirche herum. Sie hielten aber die Schallöcher ihrer Instrumente sorgfältig von der Kirche ab, — galt es doch zu verhüten, daß die schmetternden Marschtöne in die Kirche schallten. Das wäre nicht gut, sagte man. —

Als der Brautzug auf die Seite kam, wo der wilde Hagedornstrauß stand und der schon bemooste Grabhügel des alten Oelkers zu sehen war, schlug Sophie zum erstenmal das Auge auf und richtete es nach dem Grabe. Sie zuckte heftig zurück, erbleichte tief, faßte sich aber schnell und ging hastiger hinter dem Vater her.

Als der Bräutigam an die Stelle kam, gingen seine Augen ebenfalls nach dem Grabe hinüber. Und siehe, es durchzuckte ihn gerade so, ja es riß ihn förmlich zurück.

Niemand schien diesen Vorgang bemerkt, niemand in dem Trubel und Gedränge nach dem Grabe hinüber gesehen zu haben. Die einen trachteten nur, die Brautleute recht genau zu begucken; die anderen strebten in die Kirche, um einen guten Platz zu bekommen.

Der Rundgang um das Gotteshaus war beendet, die Musik brach ab, und der Brautvater führte seinen Zug durch die alte Kirchtür, der Bräutigamsohm den seinen durch den untern Eingang. Mitten in der Kirche begegneten sich beide Züge wieder; sie machten eine gegenseitige Verbeugung, worauf der Bräutigam zu seiner Braut trat und mit ihr allen voran auf das Chor und um den Altar schritt — mit den Schultern dicht aneinander gedrängt, daß keine Lücke mehr zwischen ihnen bliebe. — —

Machtvolle Orgeltöne brausten durch die offene Tür, und es wurde mit hallenden Stimmen gesungen: „Bis hierher hat uns Gott gebracht.“

— „Oder der Satan!“ murmelte eine Stimme auf dem Grabe unweit der Eingangspforte. Der seltsame Kauz, der draußen geblieben war, hockte hinter dem Hagedornstrauche auf dem Rande des Grabes.

Ein seltsamer Kauz fürwahr, in einem seltsamen, schier kunterbunten Aufzuge. Rock und Hose von städtischem Schnitt, aber größtenteils aus allerlei aneinander und übereinander gesetzten verschiedenfarbigen Lappen bestehend. Durch eine rote Bedientenweste, an der die Knöpfe fehlten, schien die zottige Brust. Der wulstige Kopf war unbedeckt, die Füße ohne Strümpfe und Schuhe, — aber die mitleidige Natur hatte sie mit einer dicken Borke umgeben. An der Seite hing ihm ein schmutziger Beutel, aus dessen breiter Öffnung er jetzt allerlei große und kleine Stücke Brot und Kuchen nahm und um sich herum auf den Grabhügel legte, wobei der lange Haarwulst wild über ein aufgedunsenes bläuliches Gesicht herabfiel.

Während nun aus der offenen Kirchtür laut und feierlich die Stimme des Predigers ertönte, kam von dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer ein ängstliches Pfeifen. Der strolchhafte Bursche drehte den Kopf herum und sah mit grinsendem Behagen zwischen den Gräbern ein Wiesel laufen, das eine wackelnde Ratte vor sich hertrieb. Er schlug sich aufs Knie und lachte. Dann winkte er dem Dohlenschwarme, der, um den Turm flatternd, den Vorgang zwischen den Gräbern ebenfalls wahrgenommen hatte, und rief aus heiserer Kehle: „Die Ratte bin ich, das Wiesel ist er!“ Begierigen Auges stand er auf, um die abscheuliche Jagd besser zu sehen. Aber als das Wiesel ihn bemerkte, blitzte es wieder zurück, während die Ratte an der Mauer entkam.

„Kirk! Kirk! Es kriegt dich doch!“ schrie er und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Dann guckte er an dem Turme hinauf; dann horchte er mit schiefem Kopfe auf den Ton, der aus der Kirche hallte, und auf einmal fing er selbst zu predigen an: „Die Welt besteht aus Wieseln und aus Ratten. Ja, ja, meine Lieben, das tut sie, die Welt. Aus Wieseln und aus Ratten. Das Wiesel ist in der Kirche, die Ratten an der Mauer, die Ratten. Und wenn das Wiesel tüchtig gebetet und gesungen hat, das Wiesel, dann, dann kommt’s ’raus und frißt die Ratte, die nicht gebetet und gesungen, aber brav im Keller gewurzelt hat, die Ratte, die. Kirk! Kirk! Meine Lieben in dem Herrn! Und das Fräulein kommt, das Fräulein mit der goldenen Krone und dem dünnen Bauche, das wollte erst die Ratte nehmen, das Fräulein; aber als das Wiesel die Ratte gefressen hatte, das Wiesel die Ratte, da nahm es das Wiesel, weil es auch viel, viel schöner war, das Wiesel, als die Ratte. Kirk! Kirk! Und da gingen sie zusammen in die Kirche, das Wiesel und das Fräulein, und alles ging mit, und da sangen sie: ‚Bis hierher hat mich Gott gebracht.‘“ — —

Er sang mit würgender Stimme, bis ein häßlicher Husten ihn zum Aufhören zwang. Nun zog er einen Brannteweinsbuddel aus dem Beutel und trank so begierig, daß man es in ihm ordentlich glucksen hörte. Der seltsame Gast blickte am Turm hinauf und nickte den Dohlen zu, wie man lieben, alten Bekannten, sieht man sie nach längerer Zeit zum erstenmal wieder, zuzunicken pflegt.

Auf den Gräbern begannen plötzlich die dürren Blumenstengel heftig zu zittern, die Trauerweiden fuhren gleich zornig geführten Peitschen über die Hügel und hölzernen Kreuze, und ein tausendtöniges Flüstern, Wispern und Rauschen ging über den Kirchhof dahin, in der Luft zusammenfließend in eine einzige hohltönende Geisterstimme. Ein Regenschauer prasselte hernieder.

Der Kauz blieb ruhig auf dem Grabe sitzen, nickte in die schwarzen Wolken hinauf, trank und trank, stellte die Flasche mitten auf das Grab, nahm ein hingelegtes Kuchenstück, auf dem große Regentropfen standen, und begann hastig zu kauen.

Indes hatte die feierliche Handlung in der Kirche ihr Ende erreicht. Die Orgel erbrauste wieder; es wurde gesungen: „Hab Lob und Ehre, Preis und Dank ...“ Drei mächtige Karabinerschüsse krachten dampfaufwirbelnd aus der Kirchentür, und die ungeladenen Zuschauer drängten sich vor und neben dem Hochzeitszuge auf den Kirchhof.

Die Züge ordneten sich nach der umgekehrten Regel:

„Je wegger hinderriut,

Je näger der Briut.“

Also die anfangs hinten waren, kamen jetzt vorne an; aber das junge Ehepaar ging nun nicht mehr getrennt, sondern trat vereint an die Spitze; die „Leier“ rechts und links von ihm.

Die Musikanten begannen zu schmettern, und der Zug hatte sich eben in Bewegung gesetzt, als plötzlich eine auffällige Stockung eintrat. Ein lauter Ruf ging durch die Menge, und alles sah an dem Hagedorn vorüber nach dem Oelkers’schen Grabe.

Der kuriose Gesell stand mitten darauf, schwenkte hoch aufgerichtet den Buddel nach dem Brautpaare hin, trank und rief mit glucksender Stimme: „Giut Liun,[37] mein Brüderken, giut Liun, mein Schätzchen! — Kirk! Kirk!“

„Steffen!“ — — —

Ein vielstimmiges Rufen und Verwundern folgte dem plötzlichen Erkennen.

Drewes war wie versteinert; Marten dagegen hatte sich rasch gefaßt, zuckte nur die Achseln und führte seine Angetraute, die heftig bebte und totenblaß war, rasch hinweg.

Ratlos, kreidebleich blieb Drewes stehen, faßte sich an den Kopf und stöhnte:

„Junge, Junge, wo kommst du denn her?“

Steffen hustete und wies mit stracker Hand nach den kreischenden Dohlen am Turm. „Wo die da oben herkamen! Frag sie nur, Andreisvetter.“ — Er lachte unbändig auf, denn diese Anrede klang jetzt ungeheuer komisch in seinem Munde.

„Junge, Junge!“ stöhnte Drewes wieder und schüttelte immerfort den Kopf, während helle Tränen in seine Augen kamen.

„Weißt du, wo ich heute gefrühstückt habe, Andreisvetter?“ Er lachte wieder, und da alles steinstumm auf ihn sah, schlug er sich aufs Bein, daß es klatschte und schrie: „Auf ’m Kirkstein! Auf ’m Kirkstein hab’ ich gefrühstückt. Leute, das war eine Tafel! Schöner als diese! Kirk! Kirk, Andreisvetter! Kirk! Kirk!“

Drewes flüsterte den um ihn Stehenden etwas zu und wankte wie verzweifelt davon.

Aber nur ein Teil des Hochzeitszuges folgte ihm; der andere drängte sich nebst den Zuschauern, starr vor Staunen und grausender Neugier, um das Grab herum, auf dem Steffen sich wieder gemütlich niedergesetzt hatte und wie vorhin von den um ihn ausgebreiteten Kuchenstücken aß.

Steffen nickte eine Weile zu den ihn umwirbelnden Fragen und Rufen, kaute ruhig zu Ende und deutete mit einer einladenden Geste auf das Grabmal: „Langt doch zu, Kinder, langt doch zu,“ begann er zu nötigen, „ich halte doch heute Hochzeit!“ — Dann tat er, als klinke er jemand an seiner Seite ein und sagte: „Hab ich nicht ’n schönes Liebchen? Hat’s nicht ’n schönes Bäuchlein, mein Liebchen?“ Er streichelte das Branntweinglas, trank, nickte eifrig, deutete über das Grab und fuhr wichtig fort: „Dies hier ist mein Haus und mein Hof, mein Tisch und mein Acker und“ — er kicherte leise — „auch mein Hochzeitsbett — das hat mir alles mein Vater vermacht.“

Die Leute sahen sich an und nickten leise. Etliche begannen zu weinen, etliche lachten.

„Ei, so langt doch zu!“ nötigte er wieder, hob die Flasche und jauchzte:

„Juhu, Hochzeit, Kindtaufe ist auch nicht weit!“

Er sah in die erschauernden Gesichter und machte eine unwillige Bewegung. „Ha, ihr wollt nicht mit mir essen und trinken? Es ist euch wohl nicht schön genug an meinem Hochzeitstisch? Ha, dann geht doch zu meinem Brüderchen und meinem Schätzchen! Ich habe noch andere Gäste, die werde ich herholen. Seht ihr da oben?“ Er winkte mit der Flasche nach den am Turme flatternden Dohlen und gröhltete ihnen zu: „Juhu, Hochzeit! Kindtaufe ist auch nicht weit!“

Nun sah er sich um nach dem Gestrüpp an der Kirchhofsmauer: „Und dort weiß ich mir noch eine ganz andere Gesellschaft, die mein Mahl wohl nicht verschmähen wird, eine ganz andere Gesellschaft weiß ich mir dort. Denkt euch nur,“ — er lachte wieder unbändig auf — „eben hat ’n Wiesel ’ne Ratte gefressen! Ja, was denkt ihr denn, es geht hoch her auf unserer Hochzeit! Was denkt ihr denn? Ihr gehört auch dazu. Seid ihr keine Wiesel, so seid ihr Ratten, und seid ihr keine Ratten, so seid ihr Wiesel.“

Er trank wieder, schüttelte sich wie im Schauder und fuhr jäh auf: „Was starrt ihr mich so an? Denkt ihr, ich wäre verrückt, oder wundert ihr euch, daß ich so lustig, lustig, lustig bin? Soll’n wir denn nicht lustig sein, lustig sein? He juchhe!“

Er stand auf, griff in die Tasche, warf eine Handvoll Kupfermünzen in die Höhe und rief: „Das ist der Musikantentaler! Und jetzt wollen wir den Brauttanz beginnen!“

Er stellte sich mitten auf das Grab und drehte sich wie im Tanze.

Indem kam der Geistliche herbei. Während die Leute ihn eifrig umringten, schrie Steffen plötzlich auf: „Du hast einen falschen Hochzeitstext gehabt. Du kennst die Bibel nicht und weißt noch nicht ’mal, ob der liebe Gott lange oder kurze Haare hat!“

„Schweige, Unglücklicher!“ rief der Geistliche und faßte ihn unwillig ins Auge.

Steffen stieß einen Schrei aus. „Ja, du hast einen falschen Hochzeitstext gehabt; weißte noch nicht ’mal, was im ersten Buch Mosis im 27. Kapitel im 36. und 41. Verse steht? Im ersten Buch Mosis! Nicht? Dann gehe hin und schlage nach — das ist der wahre Hochzeitstext!“

„Steffen, es ist unser Herr Pastor,“ mahnten jetzt mehrere Stimmen zugleich.

„Und ich wette,“ schrie er ungeachtet dessen fort, „euer Pastor weiß auch nicht ’mal, was er getraut hat, euer Pastor! Ja? Nicht? Nein? Hei, was ihr nicht für ’n klugen Papen habt! ’n Wiesel hat er getraut, ’n Wiesel! Seht, Kinder. Ja! Jawohl!“

Alles lachte.

„Ja, ja! ’n richtiges Wiesel!“ beteuerte er nochmals und zuckte die Achseln gerade so, wie sein Bruder vorhin getan hatte. „Aber was ’n richtiger Pape ist, der ist blind wie kleine Katzen, ’n richtiger Pape.“

„Er ist irre, der arme Mensch,“ sagte der Geistliche und schüttelte den Kopf, „seht zu, bringt ihn ins Haus, ich werde hernach noch mit ihm reden.“

Die Leute nickten, und einige Hochzeitsgäste begleiteten ihn mit vielen entschuldigenden Worten nach dem Hochzeitshause.

Steffen sank in sich zusammen, fuhr aber alsbald wieder auf und rief: „Nichts für ungut, ehrwürdiger Herr! Ich bin ein hundserbärmliches Geschöpf, ich. Aber halten Sie übermorgen oder den andern Tag hier wiederum eine Hochzeitsrede, dann — ich bitte vielmals darum — dann halten Sie die Bibel in den Sturmwind, die Bibel, Herr Pastor. Es wird wohl Sturmwind sein, ein großer, siesender, sausender, daß die Knochen aus der Erde springen, Herr Pastor, die Knochen und daß der ganze Himmel in Fetzen fliegt, der ganze Himmel, Herr Pastor. So ’n Sturm! Was der dann aufschlägt, darüber predigen Sie — sonst wende ich mich um — umwende ich mich — um!“

„Steffen, Steffen!“ mahnten wieder die Leute, „darf man so mit ’m Herrn Pastor reden?“ Sie zeigten großen Unwillen über seine Respektwidrigkeit, ein ernsthafter Zorn vermochte aber nicht gegen ihn aufzukommen.

„Sag’ ’mal, Menschenskind,“ ließ sich jetzt eine andere Stimme vernehmen, „wo haste dich denn man bloß die ganze Zeit ’rumgetrieben?“

Steffen drehte den Hals, sah sich angelegentlich nach dem Fragenden um, daß die nächststehenden Frauen und Kinder scheu zur Seite wichen, und erwiderte mit großer Ernsthaftigkeit: „Auf einer Lustreise war ich, mein Jüngelchen, auf einer Lustreise! Sehe ich nicht lustig aus?“

Eilenden Schrittes kam Meister Drewes wieder auf den Kirchhof. Sein graues Haar flatterte um den bloßen Kopf, sein Atem ging keuchend, in seinem Gesicht glühte die Röte tiefer Erregung.

„Junge, Junge!“ Der Alte schluchzte krampfhaft auf und faßte Steffen bei den Händen. „Komm nach Hause, Steffen, komm, komm!“

Steffen sah überrascht auf, schüttelte heftig den Kopf. „Ich bin doch zu Hause! Und ich kann nicht fort, denn ich habe Hochzeit heute. Hochzeit habe ich. Seht Ihr denn nicht? Dort oben“ — er deutete wieder nach den Dohlen — „sind meine Gäste. Vornehme Leute, was, meine Gäste? Und schwarz sind sie alle, hu, wie schwarz! — schwarz wie der dicke Kater, der in der Nacht über ’n Kirchhof springt — wie der dicke schwarze Kater. — Was? Ihr habt auch Hochzeit und habt mich nicht ’mal eingeladen? Aber ich hab’s wohl erfahren durch meinen Reisemarschall, guter Andreisvetter? Wißt ihr, wer das ist? Haltet die Hosen fest! — Nämlich ’m Satan sein Nachtrabe! Der mit den großen eisernen Flügeln über den Wool fliegt in der Mitternacht, der Nachtrabe. Krah — krah — krah!“

„Junge, laß den Unsinn und mach’ schnell!“ flehte Drewes verzweifelt.

Steffen sah ihn starr an und schüttelte sich. „Wißt ihr, wer es mir noch erzählte, daß mein Liebchen Hochzeit hielte, mein Liebchen, und mich aufpeitschte und mir sagte, daß ich geschwind kommen müßte, da sie schon mit den Glocken läuteten? Der kleine Vogel, der um Mitternacht über die Siebenberge fliegt, der kleine Vogel, der erst ganz, ganz, ganz leicht ist wie ’ne ausgerupfte Sperlingsdune, aber immer schwerer, immer schwerer wird, bis er zuletzt so schwer ist wie ’n Kirkstein, wie ’n Kirkstein, so schwer und der Mensch, auf dem’s hockt, nicht mehr weiter kann, der Mensch. Wißt ihr, wie er heißt, der Vogel? Nicht? Der Vogel Unrecht! Ja, Jawohl! Und was er ruft? Fragt nur den Swän. Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ — — —

Steffen würgte seine Stimme und schrie noch einmal, so stark er konnte: „Unrecht! Unrecht! Unrecht!“ — — —

Drewes wand sich wie unter Rutenschlägen und sagte in aufschluchzendem Tone: „Komm mit mir, Steffen. Es soll vieles wieder gut gemacht werden.“

Steffen lachte, trank und lallte: „Ich will euch was sagen, Vetter, bringt mir mein Schätzchen her — ja, mein Schätzchen soll kommen! — Sollt sehen, dem laufe ich nach wie ein Böcklein — bis ans Ende der Welt — wo’s auf einmal aufhört und ratsch runter geht — ratsch runter — und wir fliegen mit ’nander tausend Jahre und kommen doch auf keinen Boden, wo Drespen wachsen und Raden und Vogelwicken.“

Er machte mit der Hand kreisende Bewegungen, erhielt das Übergewicht, kollerte am Grabe herunter, streckte sich aus und murmelte noch eine Weile unverständliche Worte, die sich bald in tiefes Schnarchen verloren.

Man hob ihn auf, trug ihn nach des Bruders Hofe und legte ihn auf der Scheuer ins Stroh, damit er zunächst seinen Rausch ausschliefe.

Drewes hatte große Mühe, sich zu beherrschen. Als er in sein Haus trat, saßen die Gäste bereits beim Hochzeitsmahle. Es war ihm im ersten Augenblick, als müsse er alle hinaustreiben und alles ungeschehen machen.

Ein herzhafter Bursch lachte ihm zu, erhob sein mit hellem „Muskatwein“ gefülltes Glas, neigte sich zu dem Brautpaar und rief:

„Jetzt komm’ ich der Jungfer Braut ganz freundlich entgegen

Und wünsche ihr viel Gottes reichen Segen:

Der liebe Gott wolle sie behüten vor Angst und Schmerzen,

Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.

Nun wollen wir trinken in Fröhlichkeit,

Mir und meinem Schatz und ihrem Schatz die Gesundheit:

So viel Tropfen, so viel Segen,

So viel tausend Wohlergeh’n,

Als in diesem Glase stehn! Vivat!“

„Hoooch! Hoooch! Hoooch!!!“ rief die Runde. Auch die Kinder in der Kammer stimmten ein, — und Vater Drewes mußte wohl oder übel mit einem nach dem andern anstoßen.

Sophie saß in vollem Brautschmuck neben ihrem Manne oben an der Tafel und blickte still weinend vor sich nieder, während Marten gänzlich unbefangen tat, die Gäste unterhielt und sich’s schmecken ließ.

Drewes ging zu seiner Frau hinaus, die wie ein Häuflein Unglück am Herde stand, schüttelte lange den Kopf und seufzte: „Mutter, es ist ein falscher Stern gewesen, den ich gesehen habe. Die Toten geben keinen Lebendigen frei. Wehe unserm Kinde!“

Indessen drängte das Jungvolk bereits nach der Scheune, die für heute zum Tanzboden hergerichtet war. Die Musikanten erhielten ihren Sitz auf der Diele und spielten durch die offene Tür, die auf die Scheune führte.

Nach altem Brauche hatte der Bräutigam mit seiner Braut den Reigen zu eröffnen und dafür den Musikanten einen blanken Taler einzuhändigen. Dann mußte er die Braut an den Jüngsten unter den Tänzern abgeben, der große, grobe „Fusthandschen“ (Handschuhe) über die Hände angezogen hatte und die stattliche Brautdieße (Spinnrocken) trug.

Einige Male herum — und vom Jüngsten wurde die Braut mitsamt der Brautdieße und den „Fusthandschen“ dem nächstältesten Tänzer zugeführt.

So wanderte Sophie ohne Pause aus einem Arm in den andern, und wollte sie keinen Gast beleidigen, so mußte sie walzen und hopsen ohne Aufhören. Ob sie Lust hatte oder Leid trug, ob ihr Atem reichte, danach fragte niemand; die Sitte hatte solche Rücksichten nicht vorgesehen. Dagegen wurde von der Hochzeitsgesellschaft sorglich acht gegeben, ob etwa ein Tänzer die Braut länger behielt als den üblichen Ehrentanz oder ob er sie von der Hand ließ, ehe er sie an den Nächstältesten abgegeben hatte. Beides war wider die Sitte und wurde mit schwerer Strafe geahndet. — Straffällig machte sich auch, wer ohne die großen Faustschuhe tanzte oder so wenig acht auf sich gab, daß man ihm während des Tanzes unbemerkt einen Schafschwanz an die Rockschöße heften konnte.

Während die Hochzeitsgesellschaft, die auf keinen Fall zu kurz kommen wollte, sich in dieser Weise unterhielt und belustigte, versuchte Vater Drewes drüben auf der Scheune vergeblich, den schlafenden Steffen auf die Beine zu bringen; er mußte ihn liegen lassen und sich damit begnügen, ihn sorglich mit warmen Decken zu versehen und der Obhut des alten Tagelöhners anzubefehlen, der für die Hochzeitstage mit der Wartung des Viehes betraut war.

Von Zeit zu Zeit begab sich ein Teil der Hochzeitsgesellschaft nach der Scheune, kehrte aber jedesmal mit der Nachricht zurück, daß der unglückselige Schläfer nicht zu „ermüden“ wäre und gewiß einen Siebenschläferschlaf täte.

Marten selbst ging nicht hinüber; seine gleichgültige Kaltblütigkeit war staunenswert. Man solle den „Strolch“ nur schlafen lassen; er wolle schon mit ihm „akkordieren“, wenn er sich nüchtern geschlafen hätte — wehrte er entrüstet alle Sorgen und Ängstigungen um den Heimgekehrten ab.

Man tanzte wieder, ließ auch die Brautdieße noch einmal herumgehen und sang dazu:

„Wenn he ’n Pott met Bahnen steiht

Und da ’n Pott met Bri,

Denn lat eck Bri un Bahnen stahn

Und griep nah de Marie.

Marie, Marie, Maruschkaka“ etc.

Da — ein jäher Aufschrei der Mädchen.

In der offenen Scheunenklappe saß Steffen und ließ die Beine hereinbaumeln.

Die Musikanten brachen ab, und die Mädchen liefen furchtsam beim Scheunengange zusammen. Marten und Drewes waren kurz vorher hinausgegangen, während Sophie sich mitten unter den Mädchen befand.

„Kirk! Kirk!“ rief Steffen und grinste und warf ein Strohspier, das er im Haar hatte, von sich.

Die Burschen und Männer drängten sich zu ihm, bestürmten ihn mit Fragen; etliche boten ihm auch die Hand zum Gruße.

Er achtete ihrer nicht, antwortete keinem und gab auch keinem die Hand, sondern sah mit verglasten Augen nach der Mädchengruppe, die sich um Sophie gebildet hatte.

Mit einem resoluten Entschlusse schob Sophie die Freundinnen zur Seite und eilte stracks auf Steffen zu, bot ihm die Hand und sagte herzlich: „Das ist aber recht, Steffen, daß du kommst.“

Steffen sah sie an, sein Gesicht belebte sich, er sprang herab, stieß sie an die Schulter, ohne jedoch ihre Hand zu nehmen und sagte: „Biste ’n Wiesel oder biste ’ne Ratte?“

„Steffen!“ rief sie mit schmerzlich bewegter Stimme und faßte ihn am Arm. „Komm in die Stube, du wirst gewiß hungrig und durstig sein.“

Er machte eine verächtliche Geberde. „Ich habe erst ’ne Ratte gefressen. Ich danke für Vergnügen.“

Sophie überwand den Schauder und hielt ihn herzhaft am Arme fest. „Ein warmer Kaffee wird dir gut tun, Steffen.„ Er wehrte ab. „Wat! Wat? Aber ’n Schnaps möcht’ ich haben, ’n Schnaps. Auf so ’ner großen Hochzeit wird’s doch ’n Schnaps geben, auf so ’ner großen Hochzeit! Sonst schicke ich meinen Nachtraben aus; sollt ihr sehen, dann hab’ ich gleich ’n ganzes Faß, schicke ich meinen Nachtraben aus, meinen Nachtraben.“

Leider war auch bereits einer mit der Flasche da, und ehe Sophie es hindern konnte, hatte er sie schon am Munde und trank und trank, bis man sie ihm mit Gewalt entriß.

Er stierte um sich, stampfte mit beiden Füßen auf und schrie: „Musik! Jetzt wollen wir den Brauttanz machen, den Brauttanz!“

Ehe Sophie sich’s versah, hatte er sie gepackt und gewaltsam an sich gepreßt; und trotz ihres heftigsten Sträubens und trotz aller wehrenden Hände tanzte er mit ihr wie toll auf der Scheune herum.

Man lachte, aber nur einen Augenblick, dann begannen die lachenden Gesichter zu erstarren. Die Musikanten setzten an und brachen jählings wieder ab; die Mädchen kreischten, — Steffen brüllte wie ein Tier, riß und stieß alles nieder, was ihm in den Weg trat, und packte die ihm von den Männern entrungene Sophie immer wieder, und er packte sie mit solcher Gier und Gewalt, daß sie noch einen gellen Aufschrei tat und den Kopf schlaff zurückfallen ließ.

Nun gab es kein Zaudern mehr, und von allen Seiten hagelten derbe Fäuste auf Steffen herab.

Mit verwundertem Gesicht stürzte Marten auf die Scheuer. Aber noch eh’ er das Vorgefallene recht begriff, war Steffen bereits erschlafft und, aus Mund und Nase blutend, zu Boden gestürzt, so daß man die junge Frau mühelos von ihm frei machen konnte. Sie war ohnmächtig geworden, sah, als sie wieder zu sich gekommen war, mit entsetztem Auge um sich, klammerte sich an Marten und flehte: „Marten, vergreif dich nicht an ihm. Er ist nicht bei Verstande. Er weiß nicht, was er tut.“

Marten ging um den am Boden Liegenden herum, mit straffen Armen, die Fäuste geballt.

„Du bist wohl dem Tollhause entlaufen?“ schrie er ihn an.

Steffen hob das Gesicht, guckte blöd und wischte sich mit dem zerfetzten Ärmel das Blut vom Munde. „Das ist ganz gut möglich,“ lallte er und gähnte.

„Dann geh’ nur wieder hin, wo du hergekommen bist!“ schrie Marten. „Oder“ — er zögerte und fuhr gemäßigter fort: — „komm als ordentlicher Mensch nach Hause“ — — —

Steffen richtete sich auf, blieb aber auf den Knieen hocken, stierte Marten unverwandt an und ächzte: „Ich verschwinde schon wieder, Bruder, aber ich muß erst warten, bis der Nachtrabe kommt, der Nachtrabe, Bruder, und mich wieder wegträgt, der Nachtrabe. Mit dem Nachtraben bin ich gekommen, und mit dem Nachtraben fahre ich wieder ab. Krah — krah — krah! Heute nacht wird er wohl kommen. Krah — krah — krah! Der Nachtrabe! Haste auch Kreuzdornholz genug, Bruder, Kreuzdornholz? Krah — krah — krah! Kreuzdornholz. Bruder?“

Marten ließ sich von Sophie hinweg ziehen. Es war über ihn gekommen, daß er sich den Ärmel vor die Augen hielt und sich gewaltig stemmen mußte gegen das in ihm aufquellende Gefühl. Sein ganzer Körper zuckte von verhaltenem Schluchzen.

Man redete Steffen gütlich zu, Drewes half ihm beim Aufstehen; aber er wehrte sie alle von sich, schwankte hin und her und wandte sich dem Tore zu. Er hielt sich am Torpfosten, stand, als besänne er sich auf etwas, kehrte sich wieder um und rief: „Wißt ihr, was das kleine Vögelchen auf den Siebenbergen ruft, das kleine Vögelchen? Unrecht! Unrecht! Das kleine Vögelchen!“ Und dann schwankte er davon, von Zeit zu Zeit wieder herausbrüllend: „Unrecht! Unrecht! Unrecht!“

Bei den Eichen blieb er wieder stehen, lehnte sich an den ersten Baum, sprach vor sich hin, fuchtelte mit den Armen und brüllte wieder: „Unrecht! Unrecht!“

Eine Weile stierte er auf den Weg, der aus dem Dorfe hinausführt; er stob auch ein paar Schritte darauf fort, machte aber wieder kehrt und schlug den Weg ein, der über die Despe nach dem wüsten Hofe führt.

Als Drewes, der ihm mit einigen Männern sachte gefolgt war, beim Walnußbaume ankam, lag Steffen bereits wieder schlafend im Stroh der Scheuer.