Fünfzehntes Kapitel.

Ein linder Wind kommt das Tal entlang. Die ungeheueren, harten Schneemassen, die viele Wochen hindurch die Armut geängstigt und den Tieren im Walde eine bittere Todesnot bereitet haben, beginnen sich zu lösen. Aus dem linden Winde wird ein brausender Sturm, der in den Bergen hüben und drüben mächtige Gewässer aufjagt. Aschfarben rollen sie aus den Wäldern daher, häufen in den kantigen Buchten gischtende Schaumkronen, kreisen hier und dort in wogenden Stauungen.

Weiter dann im machtvollen Drange rasen die Gewässer die Senkungen entlang, quer über die Wege, hinaus, hinaus in die breiten, blitzenden Gefilde, wo die gelben Gewässer ihrer harren und sich zur Weiterreise flugs mit ihnen vereinen. Gurgelnd, glucksend stürzen die schlammigen Fluten, oft tiefe Löcher reißend, auf den Äckern hinab, zuletzt gar durch die Höfe und Häuser dem Bache zu, der weit über seine Ufer hinausgedrängt wird.

Der Himmel ist wie reingefegt und rundet sich in seiner tiefblauen Unendlichkeit über der neu sich gestaltenden Welt. Ganz vereinzelt hat der Sturm noch einige schmale Gewölkstreifen zurückgelassen. Man denkt unwillkürlich an eine frisch gefegte Bauernstube, in der nach eiligem Kehren gewöhnlich noch einige Sand- oder Staubstreifen zurückgeblieben sind. Frisch und frei streift das Auge in die Weite. In lieblicher Bläue und näher gerückt als gewöhnlich erscheinen die Berge des Harzes; aber hoch über ihnen ragt noch das weiße bleiche Brockenhaupt — wie wenn ein Greis über seine dunkellockigen Enkel hinweg schaut. Nordwärts, wo die Sonne zur Rüste geht, blitzen herrliche Silberbänder auf: Es sind die kleinen Ströme, welche die jungen, schäumenden Wasser aus den Wäldern und Feldern der Leine zutragen, es ist die Leine selbst, die sich heute gegen ihre sonstige Natur im nachbarlichen Tale gewaltig zu dehnen beginnt.

Einige Tage sind vergangen, die Erde ist frei, geschäftig trägt der Wind die letzten Sickertropfen von den Äckern. Nur der Siebenbergschnee hat sich nach alter Gewohnheit der jungen Himmelskönigin noch nicht ganz ergeben; einige größere und kleinere Flächen schimmern noch von den Abhängen her, als im Bereiche des Hildesheimer Waldes schon die ersten Märzveilchen anzutreffen sind. Lächelnd sieht die erhabene Siegerin über die kleinen Flicken des überwundenen Königs hinweg.

Auch in die Menschenherzen ist der Frühling eingezogen, und Groll und Gram, Verstimmung und Erbitterung, Sorge und Not lösen sich auf wie die letzten Reste des Schnees unter den Strahlen der Sonne.

Die sich mieden, nähern sich wieder, und wer etwas zu vergeben hat, vergibt, ehe denn noch der andere ihn darum bittet. Was geschehen ist, das ist geschehen. Das Tor des Frühlings ist aufgetan, ein neues Leben und Lieben soll beginnen. Wer es nur ehrlich meint, findet schon Zeit und Gelegenheit, alte Schuld zu sühnen und wie im Baumhof draußen, so auch im Gärtlein da drinnen unter dem Brusttuche die schlechten Gewächse auszurotten und durch gute zu ersetzen. Helf Gott! —

Als die Apfelbäume wieder ausschlugen und in den Höfen gegraben und gehackt wurde, änderte sich das Verhältnis zwischen dieser und jener Seite der Despe schier über Nacht. Marten erhielt, ohne daß er über das Bächlein schreiten mußte, von Sophie freundliche Antworten aus dem Baumhofe, und Meister Drewes stand in der Schummerstunde öfter und öfter hinter der Haselhecke, die Augen auf die Despe gerichtet, als suche er die Stelle, wo die kleine Brücke jetzt sein würde, wenn der schöne Traum nicht so jählings zerrissen worden wäre. —

**
*

Auf dem Friedhofe lag silberglänzender Mondenschein und erdgrauer Schatten, jener in unregelmäßigen, vielfach zerrissenen und zerstückten Flächen, dieser in den scharf ausgeprägten Formen von Kreuzen und Hügeln, Ringen und Pfeilern, Stämmen und Zweigen.

Der Wind hatte, gleich der Drossel im Busch, den Kopf zwischen die Flügel gesteckt, und unter dem wolkenlosen, strahlenden Sternenhimmel lagen Licht und Schatten, obgleich von Natur wider einander, in regungslos friedlichem Verein, wie sie alle da unter den grünen Hügeln, die Viertelhufner, die Halb- und Vollhufner, die Kotsassen und Häuslinge, die Tagelöhner und Knechte, mit ihren Frauen, Mägden und Kindern.

Der Nachtwächter, der mit gebeugtem Rücken und einem kurzen Fuße — es war der Swän Oppermann — am Kirchhofe vorüberstapfte, blies dreimal ins Horn, rief: „Die Glocke hat zwölf geschlagen — zwölf ist die Glock’!“ und sang mit eintöniger Stimme die althergebrachten Reime von den zwölf Jüngern des Herrn.

Als Oppermann hinter dem nächsten Gehöfte verschwunden war, lösten sich aus dem Schatten der Kirchhofsmauer zwei Gestalten. Die Pforte knarrte, und Meister Drewes, an der Hand seine Tochter, trat sachten Schrittes auf den hügelreichen Gottesacker.

In langen und kurzen Reihen, in großen und kleinen, hohen und eingefallenen Hügeln lagen sie da rund um die Kirche her, an der das Mondenlicht leise hinunterglitt, — die Bauern mit ihren Angehörigen für sich auf der Sommerseite, die Häuslinge, Tagelöhner, Knechte und Mägde mit ihren Angehörigen auf der Winterseite.

Mochte auch die Bedeutung der Standesunterschiede im Dorfe nicht gar so groß sein, so gebot doch die Sitte ein ordnungsmäßiges Auseinanderhalten der Schranken, wie im Leben, so auch im Tode. Der Tod war für die Woldhäuser noch nicht der Allerweltsgleichmacher, eben weil er für sie nicht Tod, sondern Fortleben bedeutete.

In dieser Nacht aber lag der größere Teil des Lichts auf der Winterseite und der größere Teil des Schattens über den Bauerngräbern, denn das Licht fragte ebensowenig wie der Schatten, welches Standes die waren, die unter diesen Gräbern schliefen.

Die beiden Lebenden gingen, von ihren Schatten begleitet, ein paar Schritte auf dem Kirchhofspfade hin und bogen rechts bei den Bauerngräbern, wo der breite, wilde Hagedorn stand, vom Wege ab.

Ein zarter Veilchenduft stieg wie ein Atemholen aus dem jungen Hügelgrase auf.

Sophie empfand den feinen Duft in dem Schauer der Nacht wie einen heimlich freundlichen Trost, während der Vater kaum darauf achtete.

Licht und Schatten über den Toten! — Licht und Schatten über den Lebenden! —

Drewes dachte, während er seiner Tochter voran mit hochgehobenen Beinen über die Gräber hinweg schritt, an den einen und an den andern. Er hatte sie ja alle gekannt, als sie noch in den Stürmen des Lebens standen, als noch Licht und Schatten in ihre offenen Augen fielen. Allerlei Stimmen zogen vor seinem Ohre hin, helle und grobe, lustige und zornige, bittende und drohende, betende und fluchende. Wie Licht und Schatten von einander abhängig, an einander gebunden, hatten sie miteinander gelebt, in Lieben und Hassen, in Dulden und Widerstreiten, in Empfangen und Entsagen, in Hoffen und Verzweifeln, in Jauchzen und in Stöhnen, — bis jählings die Nacht hereinbrach und sie so still, so still wurden wie dieses Mondlicht und dieser Kreuzesschatten. — — —

Sie waren an eine noch unvollendete Reihe gekommen und blieben vor einem noch fast unbewachsenen, aber bereits halb eingefallenen Grabe stehen.

„’s hat nicht lange Stand gehalten, das kleine Bretterhaus,“ murmelte Drewes. Er trat an das Kopfende des Grabes, nahm die Mütze ab und betete mit leiser, dumpfer Stimme das Vaterunser.

Sophie, eng an den Vater gedrückt, hielt die Hände fest ineinander geschlungen und betete aus tiefster Seele mit, vermochte aber, im Grausen fast erstarrend, die aufeinandergepreßten Lippen nicht zu rühren.

„Amen!“ sagte Drewes und sah um sich und über sich. Bei der Kirchentür glaubte er eine dunkle Gestalt wahrzunehmen, und es drängte sich ihm das alte Sagenwort in den Sinn: „Von twölwen bet einen sind alle Geister te Beinen.“ Er faßte die regungslose Tochter fest bei der Hand, erkannte aber bald, daß es nur der Schattenwurf des alten runden Grabsteines war, der eine Urne trug.

Der Mond sah ruhig auf den Kirchhof herab, der Sterne Heer schimmerte aus der Unendlichkeit, und in Silberstrahlen flutete das Licht durch die Nacht um die alten Kirchturmsmauern. Kein Laut regte sich, kein Schatten bewegte sich.

Vater Drewes beugte sich zum andernmale über das Grab und betete ein zweites Vaterunser. — Und wieder sah er um sich und über sich. Nicht ein Hauch war zu verspüren, nur der eigene Atem zu vernehmen. Der Bergwald, zu dem die Blicke schweiften, war wie ein Sarg, auf dem die ruhig brennenden Lichter stehen — regungslos, ohne Atem.

Da neigte sich Drewes zum drittenmale und rief mit leiser, tiefer Stimme: „Henderk, ich stehe mit meiner Tochter hier an deinem Grabe, wie wir an deinem Sterbebette standen. Siehst du uns, wie Gott hoch über den Sternen uns sieht, so sag’ uns an: Ist Steffen, dein Sohn, bei den Toten oder ist er noch unter den Lebenden? — Die Frauen, die an jenem frühen Ostermorgen zum Grabe des Heilandes gingen, gingen mit der großen Sorge: Wer wälzet uns den Stein von des Grabes Tür? Mit solch einer Sorge stehen wir auch an deinem Grabe. Eine große Schuld liegt zwischen uns. Du weißt es wohl, und ich muß fragen: wer wälzet sie ab von uns? Henderk Oelkers, der du durch das Grab in den Himmel gingest, siehst du uns, wie Gott über den Sternen uns sieht und kannste meine Tochter um deines zweiten Sohnes willen von ihrem Versprechen entbinden, die Schuld unserer Kinder vergeben, wie wir auch unsern Schuldigern vergeben, so gib uns nach unserm dritten Vaterunser ein Zeichen, sei’s hoch am Himmel, oder sei’s unten auf der Erde.“ Und er betete das heilige Vaterunser zum drittenmale — langsam und feierlich.

Grabesstille war nach wie vor, aber als die Betenden nun über sich sahen, schoß ein glänzender Strahl vom Himmel — mitten zwischen dem Oelkerschen und dem Drewesschen Gehöfte — herab.

„Vater!“ flüsterte das Mädchen.

„Komm, Kind!“ — sagte Drewes — und Sophie ging rasch voran vom Kirchhofe hinweg.

Bei den fünf Eichen blieb Drewes aufatmend stehen, sah über sein Gehöft hin und murmelte zufrieden: „Der Stern muß dorthin gefallen sein, wo der Steg sein soll.“

„Ja, Vater, ich glaub’s,“ flüsterte sie und tat einen Atemzug, der wie ein tiefes Aufschluchzen war.

Sie gingen leise auf dem grasigen Wegrain weiter. Plötzlich blieb das Mädchen wieder stehen, sah nach dem wüsten Hofe, der sich so scharf von dem Silber der Nacht abhob und sagte: „Ich meine, Vater, wir müßten den Stern finden, wenn wir ihn suchten, so deutlich habe ich ihn fallen sehen.“

Drewes schüttelte den Kopf und lächelte. „Sterne, Kind, findet man nicht, Sterne sieht man nur. Sie zeigen nur an, wo wir einst hinkommen sollen.“

Als sie vor ihrer Haustür standen, huppelte Oppermann die Straße herauf. In der Annahme, daß er sie schon gesehen haben könnte, warteten sie, bis er vorüber kam.

Oppermann stutzte und rief: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“

„Und ich auch!“ antwortete Drewes, der die Geistersagen eben so gut kannte wie jener.

„Von twölwe bet einen sind alle Geister te Beinen,“ rief Oppermann wieder und blieb in drolliger Scheu stehen.

„Habe nur keine Bange, Hanorg,“ lachte Drewes, „wir sind trotz der Stunde keine Geister, sondern leibhaftige Menschen.“

Nun kam er herzu. „Es ist so recht eine Nacht für die guten Geister,“ sagte er und verwunderte sich nun doch, die beiden noch vor ihrer Tür zu sehen.

In aufgeräumter Stimmung entgegnete Drewes: „Wir hörten so ’ne eigentümliche Vogelstimme da drüben im Felde, davon wachten wir auf, und da ’s so ’ne schöne Nacht ist, sind wir aufgestanden und ’mal ’n bißchen vor die Tür gegangen.“

Oppermann, der in dieser Nacht viel trockener war als an jenem Martinitage, guckte bedächtig ins Feld, horchte und meinte, es könnte am Ende gar der Nachtrabe gewesen sein, der mit eisernen Flügeln über die Siebenberge geflogen käme. Davor sollten sie sich aber nur in acht nehmen, denn der Nachtrabe wäre schon manchem Menschen ans Leben gegangen.

Sophie schüttelte sich. „Ist das wirklich wahr, daß es einen Nachtraben gibt?“ fragte sie und steckte die Hände unter die Schürze.

„Komm denn man lieber ’n bißchen ’rein, Hanorg, und trink ’n Schluck und iß ’n Häppchen!“ nötigte Drewes.

„Das ist’n Ding, das läßt sich tun,“ sagte Oppermann und schob sich das Horn auf den Rücken. „’s wär ja auch noch ein gutes Viertelstündchen hin, bis er ’s zweite Geistersignal zu geben hätte,“ meinte er und hinkte zwischen Vater und Tochter hinein.

Als er den ersten Schluck getan hatte, nahm er zuerst Sophies Frage wieder auf. „Ob das wirklich wahr ist? Laß dir ’mal vom alten Dehne erzählen, wie es einem Schäfer, der an den Siebenbergen hütete, ergangen ist! Der hatte in einer Nacht nicht schlafen können, sich daher ’ne Pfeife angesteckt und vor die Hütte gesetzt, die neben der Hürde stand. —

Ruuusch, — ruuusch — — — krah — krah — krah geht’s da auf einmal in der Luft, und als er aufsieht, kommt etwas Grausiges von den Siebenbergen hergeflogen, näher und näher und immer niedriger, immer niedriger, und die eisernen Flügel schlagen, daß es nur so siehst und saust. Der Schäfer hatte gerade noch so viel Zeit, daß er sieben Hürden über sich werfen konnte. Krach — bums — kraatsch—sch—sch — — — und eine Hürde nach der andern zersplittert unter den Flügelschlägen wie ’n Kinderspielzeug. Die siebente aber, unter der unser Schäfer in Todesängsten lag, widerstand und blieb heil, denn sie war von Kreuzdornholz gemacht, und das war dem Schäfer sein Glück, sonst wäre er hin gewesen.“

Sophie stand erst ganz still und mit großen, glänzenden Augen da, machte dann aber eine resolute Bewegung, als schüttele sie etwas ab und ging eilends vor den Brotschrank.

„Ich glaube gar nicht, daß der Nachtrabe ein wirklicher Rabe ist, daß er überhaupt ein Körper ist und eiserne Flügel hat,“ sagte sie und setzte Brot und Wurst auf den Tisch. Sie sann und meinte: „Ich glaube, der Nachtrabe ist die Schuld, die den Menschen verfolgt. Liegt einem was auf ’m Gewissen, sieht er leicht Nachtraben. Der Schäfer wird wohl kein gutes Gewissen gehabt haben.“ —

Die Männer sahen das Mädchen an und dachten ihren Worten sichtlich verwundert nach.

„Ich meine,“ fing sie wieder an, „wer ein gutes Gewissen hat, dem kann der Nachtrabe nichts anhaben, der steht in Gottes Schutz.“ Und als wollte sie ihre Meinung dadurch bekräftigen, schob sie die Blumentöpfe auseinander und das Fenster ein wenig auf, sodaß ein frischer Hauch in die schwüle Stube strömte.

„Aber wo ist ein Mensch, der ein so gutes Gewissen hätte, daß er’s ruhig auf alle Geheimnisse der Nacht ankommen lassen möchte?“ sagte Oppermann und trank und nahm ein Bröckchen Brot. „Wenn du zusiehst, kannst du an jeder Blume einen Fehler finden. Kein Himmel ist ohne Wolken, und kein Mensch ist so rein und frei, daß er nicht den Kreuzdorn brauchte.“

„Das ist wahr,“ sagte Drewes bedachtsam und nickte und schnitt und nötigte und schob Oppermann die Wurst hin, da er sich noch immer mit einem Bröckchen Brot begnügte.

Vom Felde her tönte jetzt eine seltsame, fast kreischende Vogelstimme.

Oppermann horchte auf.

„Das ist ’n Rebhuhn,“ sagte das Mädchen.

Oppermann machte ein bedächtiges Gesicht. „Wer weiß! des Nachts traue ich keiner Vogelstimme. Das triliert wie ’ne Lerche, wispert wie ’n Hänfling, schreit wie ’n Huhn, krächzt wie ’n Rabe und ist doch am Ende kein andrer als der Vogel Unrecht.“

Sophie lachte, sah aber dem Alten doch forschend ins Gesicht, der das Glas wieder hinsetzte und erzählte:

„Da ist auch mal einer gewesen, der nicht recht getan, es aber gut zu verheimlichen gewußt hatte. Und das Unrecht quälte ihn so, daß er in der Verzweiflung hinging und sich erhängte. Aber als ihn einer abschnitt, flog er als ein kleiner schwarzer Vogel davon und schrie immerfort: „Unrecht! Unrecht!“ Und da er keinen Zweig finden kann, so fliegt er noch immerfort, und wer um Mitternacht über den Roten Berg oder über die Siebenberge kommt, kann sich darauf gefaßt machen, daß er ihn hört. Da ist denn der Großvater vom Schuster Eilers mal in der Nacht von Alfeld hergekommen, und als er schon lange über Sack ’rüber ist, schreits auf einmal: „Unrecht! Unrecht!“ — daß ihm die Haare zu Berge stehen. Und mit einem Male setzt sich ihm ein schwarzes kleines Vögelchen auf die Schulter, das wird immer größer, immer größer und immer schwerer, immer schwerer, bis es der alte Eilers nicht mehr tragen kann und unter der Last zusammenbricht.“ — — —

Die Uhr hob aus und schlug eins. Darum trank Oppermann schnell sein Glas leer, zog sein Horn herum und huppelte, ein Bröckchen Brot noch in der Hand, geschwind hinaus.

„Nun geh zu Bett, Kind,“ sagte Drewes, „ich denke, es wird alles gut sein. Vergiß ’s Beten nicht, Kind, daß der liebe Gott uns vergibt, was wir Unrechtes getan haben.“

Sophie konnte von ihrem Kammerfenster nach dem wüsten Hofe hinüber sehen. Und sie stand noch lange am Fenster. Wie er so still und sternenumrankt da lag! Und ganz mutterseelenallein schläft er darin. Ach Gott, wie sie froh war über den Stern! Sie fühlte es heißer und tiefer denn je: Nirgends anders in der Welt war ihr Platz, ihr Morgen und ihr Abend; nur unter jenem Dache wollte sie sein und bleiben, — oder da drüben, wo die Kreuze ragten.

Sie hatte schon die Hand an den Fensterschieber gelegt, zuckte aber scheu zurück. Nicht den Nachtraben mit den großen eisernen Flügeln fürchtete sie, obgleich das grausige Bild ihre Seele nicht unberührt gelassen hatte; aber das kleine schwarze Vögelchen kam ihr eigentümlich stark vor die Sinne, so daß sie es auf einmal ganz deutlich zwischen den Bäumen hin- und herfliegen sah. Wie sie auch ihre Vernunft anspannte und ihre Augen ablenkte, sie sah es immer näher heran fliegen und immer größer werden. Ja, als wäre es schon durch die geschlossenen Fenster hereingekommen, fühlte sie nun auch seine übergewaltige Schwere und Wucht. Nicht auf ihrer Schulter saß es, sondern auf ihrer Brust, daß sie kaum noch atmen konnte. Und wie es schrie: „Unrecht! Unrecht!“ Und wie es schrie: „Steffen! Steffen!“

Sie wankte nach dem Bette und preßte ihr Gesicht auf das Kissen. „Das kleine schwarze Vögelchen ist meine Schuld!“ stöhnte sie und begann bitterlich zu weinen.

Der Mond schien hell in ihre Kammer, und als sie sich wieder erhob, fiel ihr Blick auf den Heiland am Kreuze. Sie sank auf ihre Kniee und betete inbrünstig: „Und vergieb uns unsere Schuld“ — und schloß ihr Gebet: „Lieber himmlischer Heiland, ich kann ja nicht anders!“

Aber als sie endlich schlief, kam das Vöglein dennoch wieder und lag bis an den hellen Morgen schwer auf ihrer Seele.