Vierzehntes Kapitel.

Das neue Jahr war bereits eingeläutet. Ein harter Frost hielt die Erde umklammert. Schneestürme brausten daher, breiteten große Massen über Berg und Tal und pfiffen erbarmungslos durch die Ritzen und Löcher der Häuser. Man mußte schon viel heißen Lebensodem anwenden, um nur ein Blättlein oder Zweiglein von den prachtvollen Blumen der Fensterscheiben wegzuhauchen und ein Gucklöchelchen auf die Straße zu gewinnen.

Jeder freute sich seiner warmen, wohligen Heimstätte, und wer durch das Gucklöchelchen in der Fensterscheibe hinaussah, der dachte gewiß in unwillkürlichem Mitleid an den armen Reisenden auf der Straße.

Ob der verschwundene Steffen wohl auch so ein armer Reisender geworden war?

Irgend jemand hatte ihn am Tage nach Martini vom Schlosse in Bodenburg herwanken sehen. Seitdem war er verschollen.

Das seltsame Ereignis war für das Dorf, ja für die ganze Gegend eine Sage geworden, an der sich die Leute den ganzen Winter unterhielten. Wo man abends um den Ölkrüsel herumsaß, da wurde auch von dem verschwundenen Steffen geredet und geraten.

Die Leute ahnten wohl, daß etwas Ungehöriges vorgekommen sein müsse, daß der geriebene Marten seinen Bruder übervorteilt und hintergangen haben könne, vermochten aber vor Martens geschickten Ausreden und bestimmten Erklärungen keine feste Meinung zu fassen. Schließlich beruhigte man sich damit, daß Steffen eben doch ein etwas sonderbarer, stilldenkerischer Kauz wäre, bei dem niemand recht wissen könne, was ihm eigentlich in die Krone gefahren sei.

Von Meister Drewes war ebensowenig etwas Rechtes zu erfahren; wurde er doch ganz gegen seine Natur schon bei der leisesten Frage derartig aufgebracht, daß man wohl oder übel auf ein weiteres Kundschaften verzichtete. Man konnte nicht einmal herausfinden, ob sich seine Aufgebrachtheit mehr gegen Marten oder gegen Steffen richtete.

Drewes hatte sich nach Steffens unerklärlichem Verschwinden völlig verändert, polterte den ganzen Tag in der Werkstatt herum, schalt auf das schlechte Holz, mit dem er angeführt sei, schalt auf die schlechte Jugend von „heutzutage“, der die Haare schon in den Naslöchern wüchsen. Obwohl ganz allein in der Werkstatt, hörte sich’s doch an, als befände sich ein ganzer Haufe Leute darin, von denen jeder einzelne ihm noch einen besonderen Ärger bereitete.

Sophie hatte von ihrem Vater kaum in Jahren einmal ein böses Wort gehört; jetzt verging fast kein Tag, ja keine Stunde, daß er sie nicht einmal grob anfuhr. Es war freilich unschwer zu merken, daß ihm jedes grobe Wort gegen seine Tochter wie ein harter Schlag auf das eigene Herz fiel; aber wenn ihm so seine Grobheit fühlbar wurde, dann — pflegte er meistens erst recht grob zu werden.

Als Marten nach einigen Wochen des Zauderns zum ersten Male wieder in die Werkstattstube trat, mit dem Vorwande, daß er zum Frühjahr eines neuen Polterbretts an den Pflug bedürfe, warf Meister Drewes Bretter und Blöcke, Säge und Hobel durcheinander und rief dunkelroten Gesichts: „Meinetwegen kannste dir das Polterbrett auf ’m Blocksberge machen lassen!“

„Kann ich auch,“ entgegnete der Bursche kurz und wandte sich gekränkt nach der Tür.

Da sah ihm der Alte gerade ins Gesicht. „Du bist ja — du bist ja noch viel schlimmer als Jakob — du bist ja ein Kain — — ein Kain biste ja!“ Er raffte Bretter und Blöcke, Säge und Hobel wieder auf und warf sie abermals durcheinander, während die am Spinnrade sitzende Frau, den Kopf ein wenig über das Rad geneigt, ruhig weiter spann und kein Wort dazu sagte.

„Weißt du auch,“ wandte Drewes sich abermals an den noch unentschlossen dastehenden Burschen, „weißt du auch die Frage, die Gott der Herr, der Allwissende und Allgerechte, an Kain richtete? Wo ist dein Bruder Abel? fragte der Herr — — und ich frage dich: Wo ist dein Bruder Steffen?“ —

„Wenn Ihr so fragt, Drewes Vetter, muß ich auch antworten wie Kain antwortete: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ entgegnete Marten mit herausfordernder Gemächlichkeit, während seine Finger einen Hobelspan zerdrückten.

Drewes warf ein Brett auf die Hobelbank und fing ein Hobeln an, daß das ganze Haus dröhnte.

Marten sah ruhig zu und sagte dann mit gehobener Stimme: „Was kann denn ich dafür, daß Eure Tochter meinen Bruder nun einmal nicht leiden konnte? Wer ist denn eigentlich schuld daran, daß es so gekommen ist, wie es hat kommen müssen?“

„Willste etwa noch die Schuld auf andre schieben?“ fuhr Drewes ihn an.

Der Bursche hielt den Blick ruhig aus und entgegnete: „Wer hat denn Eure Fieke gezwungen, sich meinem Bruder zu versprechen? War ich’s oder wart Ihr’s und mein Vater?“

Das brachte den Meister vollends in Harnisch. „Mutter!“ rief er außer sich, ratlos, „was sagste nun dazu? Was sagste bloß dazu?“

Aber die Frau blieb ruhig und sagte nichts.

Drewes steckte hastig beide Hände in die Hosentaschen, zog sie ebenso hastig wieder heraus, schritt mächtig durchs Zimmer und schlug die Hände zusammen. „Jetzt sind’s also wir, die den Steffen von seinem Hofe gejagt haben! — Natürlich! — Potz Donner und Düwel!“ —

„No, das hat doch noch gar keiner gesagt, Vater!“ bemerkte jetzt die Mutter in einem Tone, der für Marten gar nicht so unfreundlich klang.

Drewes überhörte den Einwurf, nahm eine neue Wagenrunge aus der Ecke und warf sie wieder hin. „Wüßte man nur, wo der arme Junge steckt! — Morgen am Tage sollte die Hochzeit sein, das wollte ich ihr aber wicken[31], der leichtfertigen Dirn der!“

Marten zuckte die Achseln. „Dann wolltet Ihr also Eure Tochter zum zweitenmale zwingen, gegen ihre Natur zu handeln?“

„Junge, was verstehst du von Natur!“

„Fieke ist Euer einziges Kind, Drewesvetter ...“

„Jawohl! Aber lieber keins, als so eins ...“

„Vater, aber Vater!“ rief erschreckt die Frau, indem sie den Faden reißen ließ und die Hände zusammenschlug.

Drewes’ Gesicht war erdfahl geworden. Er trat ans Fenster und sah nach dem Himmel. „Gott im Himmel mag einem die Sünde vergeben, daß man so ’was sagen muß.“

Marten, der immer noch auf einem Flecke stand und an dem Hobelspane knickte, wandte sich halb gegen die Frau und halb gegen den Alten und sagte ganz unverfroren: „Ihr habt unserm Steffen Eure Fieke doch nur geben wollen, weil er das nächste Anrecht auf den Hof hatte. Nun will aber der Herr den Hof nicht ihm geben, sondern mir. Dagegen ist doch nun ’mal nichts zu machen, — und da Ihr wißt, daß ich Eure Tochter gern habe und daß sie mich gern hat, so bin ich herüber gekommen, daß Ihr sie mir geben solltet.“

Die Frau verharrte im Schweigen, aber das Schnurren ihres Rades wurde flinker und stärker.

Drewes sah den Burschen von oben bis unten an und sagte in herbem Tone: „Biste darum gekommen, Junge, dann geh nur wieder hin. Vielleicht kommt ’mal ’ne Zeit, wo wir wieder darüber reden können; wahrscheinlich aber kommt sie nicht, es sei denn, daß dein Vater wieder aus ’m Grabe auferstünde oder aus ’m Himmel winkte ...“

In seinem Gemüte schwer ergriffen, schritt Drewes nach dem Fenster, vor dem die Blumen standen, setzte die hoch gewachsene Myrte auf den Tisch und deutete hinaus: „Junge, kannste jene alten Eichen da mit Erde bedecken, daß sie niemand sieht? Kannste machen, daß der Schnee schwarz vom Himmel fällt? Kannste die Raben lehren, daß sie dir ’n Brief nach ’m Himmel bringen? Kannste das? Nein, so kannste auch nicht das Versprechen aus der Welt schaffen, das unsere Tochter deinem sterbenden Vater gegeben hat ... Oder willst du, daß unsere Tochter hinunter steigen soll zu den Toten und ... Geh, Junge, geh!“

Mit finsterer Stirn, mit wachsender Gestalt, den Arm nach der Tür hingestreckt — so stand Meister Drewes jetzt in der Stube.

Die Frau ließ das Rad sachte still werden und sah befremdet zu ihrem Manne auf; sie räusperte sich, wagte aber nichts zu sagen.

Marten warf den zerknickten Span zu Boden, machte eine trotzige Wendung und verließ das Haus, ohne Sophie gesehen zu haben.

Beim Kirchhofe mußte er um einen Trupp junger Mädchen herumgehen, die, ihre Spinnräder im Arm, horchend um die Totenkathrine herumstanden.

„Nehmt euch nur in acht vor dem schwarzen Geiste,“ warnte sie und drohte mit der Nase und mit dem Finger.

„Och, Kathrine, macht uns nur nicht bange!“ rief ein Mädchen, das etwas abseits stand, aber doch neugierig das Ohr nach der vermummelten Frau hinhielt.

„Wie war das doch, Kathrine?“ forschte ein andres, das in der Mitte stand und ihre nächste Nachbarin am Rocke festhielt.

„Ach, ihr glaubt’s ja doch nicht!“ rief die Alte in mahnendem Tone.

„Doch, Kathrine, doch!“

Da hob sie den Finger abermals und erzählte: „Es sind auch mal so ’n Stücker sieben Mädchen bei Palands am Steinbirnbaum gewesen. Und dann sind auch so ’n Stücker sieben Knechte gekommen. Und dann ist’s lustig geworden und immer lustiger und immer lustiger, daß ’s Haus gewackelt hat. Und die Knechte haben die Mädchen auf ’n Knien gehabt und die Mädchen die Knechte auf ’m Schoße. Und jeder hat sich genommen, was er hat kriegen können. Es hat aber ’n kleines Kind in der Wiege gelegen, das ist von dem tollen Jubel aufgewacht und hat nicht wieder einschlafen können und hat alles gesehen. Und das Kind ist noch nicht ein Jahr alt gewesen. Da, mit einem Male tut sich die Tür auf, und herein kommt euch ein kohlschwarzer Mann und fragt drohend: ‚Was ist das grünste?‘ Keiner konnte im Todesschrecken eine Antwort geben. Aber auf einmal richtet sich das Kind in der Wiege auf und antwortet: ‚Der Elsternschwanz!‘ Und weg war euch der Mann.“ —

Weg waren auch die Mädchen.

Da knüpfte sich die Totenkathrine das Kopftuch etwas fester, trappelte hinter Marten her und rief: „Haste denn noch gar keinen Bescheid von deinem Bruder, Junge? Haste nicht ’mal in der Nacht was gemerkt, ob er wohl tot ist? Hat’s nicht ’mal mit den Ketten gerintschelt?“

„Laß mich in Frieden mit deinem dummen Aberglauben!“ fuhr Marten sie an.

Sie lächelte eigen und nickte und rief wieder: „Mußt nur ’mal aufpassen, Junge. Von twelwe bet einen sind alle Geister te Beinen.“

Er machte eine abwehrende Geste und schritt hastig seinem Hofe zu, laut begrüßt von einem Gänsepaare, das am Tore stand, als hätte es schon auf ihn gewartet.

Mutterseelenallein hauste er den Winter hindurch auf seinem Anwesen. Weder sah man Sophie ferner herüberkommen, noch ihn auch nur einmal wieder hinüber gehen. Als wäre der Weg hinüber und herüber hundert Meilen weit geworden.

Um den unbequemen Fragen nach dem verschwundenen Bruder auszuweichen, mied er jeglichen Verkehr, ging er nur notgedrungen einmal ins Dorf. Hielt er sich aber auch von Drewes’ Hause hinfort völlig fern, so pflegte er doch gar manchesmal vom Dach aus, wo er eine Strohdocke hob, durch die kahlen oder schneebedeckten Zweige des Rötchenapfelbaumes hinüber zu spähen, ob sich nicht die Gestalt des Mädchens einmal erblicken ließe. Ja, als ihn plötzlich die Furcht überfiel, daß Sophie vielleicht gleichgültig gegen ihn geworden sei und die Spinnstuben besuche, schlich er sich an dunklen Abenden nicht selten leisen Fußes durch das Dorf, um dort, wo der Jubel herrschte, zu warten und zu spähen. Einmal, als die Nacht ihren schwarzen Sturmmantel anhatte, ging er sogar über die gefrorene Despe durch den Bauernhof bis unter das Fenster des Drewesschen Hauses. Als er indes seine Befürchtung nicht bestätigt fand, sondern Sophie mit hängendem Kopfe neben der Mutter am Spinnrade sitzen sah, wurde es ihm nicht gar schwer, die in ihm lodernde Leidenschaft mit Hilfe des Trotzes zu bändigen und weiterhin den Grollenden zu spielen.