Vorwort

Drüben die laubholzreichen Siebenberge oder Sieben Brüder, wie die eigentümliche siebenköpfige Leinebergkette zwischen Alfeld und Gronau wohl auch genannt wird; hüben die südwestlichen Ausläufer des Hildesheimer Waldes, deren wohlgepflegten Forsten Axt und Pflugschar in den letzten Jahrzehnten vielfach breite dunkelgrüne Ackerstücke abzwang, strotzend im herrlichen Wachstum der Urkraft. Zwischen beiden Bergzügen eine flache, fruchtbare Talebene, die, vom Nordwestrande des Harzes ausgehend, beim jähen Abfall der Siebenberge in die breite Gronauer Ebene sich verliert, die schon in das norddeutsche Tiefland hineinlugt.

Einen besonderen Namen hat dies Talland nicht mehr. Von den alten niedersächsischen Gaunamen hat sich nur der Ambergau im Osten lebendig erhalten, während der Flenitigau und Auringo, wie der mittlere und westliche Teil ehemals genannt wurden, längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. Nur hier und da zeugte noch ein dunkler Flurname von den uralten Stätten der Geschichte, aber seitdem der Geometer mit seinen Ketten und Stangen auf den Feldmarken erschien und hier seine schnurgeraden mathematischen Figuren abzirkelte, sind mit den alten krummen Wegen und Schluchten und mit den urwüchsigen Büschen und Bäumen auch die letzten Flurnamen verschwunden, abgefallen wie die Blätter an einem verdorrten Baume. Heute erinnert schon gar nichts mehr an die Zustände der Vergangenheit. Keine alte knorrige Feldlinde mehr, kein Anger und keine Allmende, die Zeugnis ablegen könnten von dem gemeinschaftlichen Leben der Vergangenheit; keine Haselhecke und kein Feldrosenstrauch, keine Drossel und kein Hänfling, die von Liebe und Leid früherer Zeiten zu reden vermöchten; kein Sagengrund, wo noch der zauberhafte Klang von altem Gold und Silber zu hören wäre; — ja, nicht einmal ein brombeerumrankter Steinhaufen mehr, von dem aus man den Herrn Generalkommissar und seine Geometer, falls sie einmal zum Nachmessen kommen sollten, aus dem Tal hinaus bombardieren könnte, — zur Strafe dafür, daß sie die alte Romantik des Tales so ganz und gar zu Tode gemessen haben.

Alles eine blanke, heckenlose baumleere Breite, ohne Rast und ohne Ruh.

Und der Bauer, der hier lebt und stirbt? Teilt er wohl diese unsere elegischen Empfindungen?

Ach behüte, nein! Sieh’ ihn nur an, mit welcher stolzen Selbstzufriedenheit er seinen Chili streut; mit welcher sichern Zuversicht er den reichen Ertrag seiner wogenden Breite erwartet! Ja, sieh’ ihn an, und von allem, was du empfindest, von dem Reiz der alten Romantik, der in deinen Sinnen liegt, merkst du an ihm nicht eine Spur.

Gar zu erbärmlich und trübselig auch ist das Bild, das er in seinen Erinnerungen bewahrt, das er in seiner ersten Jugendzeit lebenswirklich sah. Noch sitzt hie und da ein Weißhaariger hinterm Ofen, der mit seinen Jahren über jene Zeit hinausreicht, da das Gesetz den Bauernstand von dem schweren Joche befreite, das willkürliche Herrenmacht ihm aufgehalst hatte. Es sind noch nicht viel über fünfzig Jahre her, da der letzte „Kolon“ dieses Tales in demütigster Unterwürfigkeit beim Herrn Baron oder Grafen „Meierstatt halten“ mußte.

Unsere Sinnenwelt, unser Gemüt empfindet eine Verarmung an unberührter Ursprünglichkeit, an sinnfälliger Poesie. Aber wer darfs dem Bauern verdenken, wenn er für die alten Erscheinungen seiner Heimat, die doch Zeugen seiner traurigsten Vergangenheit sind und nur traurige Erinnerungen in ihm erwecken können, nichts, auch gar nichts mehr empfindet! Ja, wer darf ihn schmähen, hat er nun selbst für alte Linden und duftige Feldrosen keinen rechten Sinn mehr. —

Mitten durchs Tal zieht sich eine Kette von kleineren und größeren Dörfern, und durch die Kette schlingt sich das silberne Bändchen eines schmalen Flüßchens, in den Dörfern die Despe genannt. Einst standen Erlen und Weiden an ihren Ufern, und neckische Wasserjungfrauen spielten in den Fluten, oder tanzten nach den Weisen der Vögel, die in den Bäumen musizierten. Heute, wo die Despe ohne den Schatten einer Erle oder Weide ihren Weg durch die Talfluren laufen muß und der Sommersonnenbrand vom Morgen bis zum Abend auf ihrem flachen Bette liegt, hat sie oft hart mit dem Dasein zu ringen; im Hochsommer sind es zumeist nur noch einige Tränen, die zwischen den gebleichten Steinen auf dem Grunde hinsickern und von der schweren Lebensnot des ehemals so lebensfrohen Bächleins zeugen. Nur wenn es an dem merkwürdigen alten Gehöfte in Woldhausen, einem kleinen Dorfe des Tales, vorüberkommt, jenem alten Gehöfte, das in den alten Meierbriefen als „wüster Hof“ bezeichnet wird, im Volksmund später aber als der „Bruderhof“ getauft wurde, findet es immer noch eine kleine schattige Bucht, wo es sich ein wenig zu sammeln und zu erholen vermag, wo es noch einmal von den verflossenen Zeiten träumen kann. Das waren für die Bächlein wohl goldene Zeiten, für die gemeinen Menschenkinder aber, die an ihren Ufern wohnten und scharwerkten, müssen es gar bitterböse Zeiten gewesen sein.

Ich höre das Bächlein murmeln. Eine Welle hebt sich auf den runden Kieselstein und blickt hinauf nach dem schmalen, gedrückten Giebel des Hauses mit den bröckligen Fächern und der schief hängenden Bodenklappe. Und der Blick gleitet über das morsche Gebälk hinab auf die zwei kleinen Fenster, die in den verfallenen Wänden liegen wie die müden, trüben Augen im vergrämten Antlitze eines unglücklichen alten Mannes.

Aber das Auge des Bächleins sieht noch ein andres Bild: Ein großes, schweres Kreuz, das ein Stand dem andern und ein Bruder dem andern einst auf diesem Bauernhofe errichtete. Ein großes, schweres Kreuz — und ein bleiches Bauernhaupt daran. Es ist, als wär’ es heute noch zu sehen auf dem winkligen Hofe, über den der alte Walnußbaum seinen Dämmerschatten breitet, oder als recke es noch immer die Arme aus drinnen in der stillen Stube vor dem kahlen kleinen Fenster. —

Während ringsum die Höfe sich sehr breit gemacht haben und glänzend geputzt dastehen, hat sich der Bruderhof in all den Jahren, die seit jenem Ereignisse verflossen, nur wenig geändert. Der Wickelbrunnen auf dem Hofe unter dem Walnußbaume war freilich vor fünfzig Jahren noch nicht; wer damals trinken wollte, so hören wir die Despe lispeln, kam zu mir, und ich gab ihm reichlich für ihn und sein Vieh.

Sonst aber ist es noch ganz und gar wie damals vor fünfzig Jahren! Ein verschrumpeltes, gedrücktes, gebücktes Bäuerlein, dem harte Fronarbeit, dem Sorge und Sünde ihren Stempel aufgedrückt haben.