Erstes Kapitel.

Der Wind stieß an den Walnußbaum. Und die Zweige stießen an das Dach. Klatsch — fiel ein mürber Stein auf den Hof, daß die Scherben gegen das niedrige Fenster flogen.

„Das ist nun schon der dritte!“ rief Marten, der jüngste der beiden Söhne und ging eilends hinaus.

„Es wird bald eine Veränderung im Hause geben,“ sagte der alte Oelkers, der schon geraume Zeit kränkelte und mit gebücktem Nacken im alten Holzlehnstuhle neben dem Bette saß.

„Meinst du, daß es nicht der Wind ist, Vater?“ fragte Steffen, sein Ältester, der auf der Bank unterm Fenster saß und Fizebohnen krüllte, eine Arbeit, die sonst den Frauen zuzufallen pflegt.

„Es ist nicht der Wind, Junge, es ist ’ne Vorbedeutung, Junge. Es wird wohl die längste Zeit mit mir gedauert haben, glaube ich.“

„Ach was, Vater! Du stirbst noch nicht, noch lange nicht. Weißt du, was ich eher glaube?“

Der Alte sah den Jungen erwartungsvoll an, und dieser fuhr fort:

„Ich glaube, es ist ’n Unding im Hause, ich habe heute morgen so was hinterm Schornsteine liegen sehen. Wenn das man nicht so ’ne Art Leber gewesen ist. Du weißt doch, wenn einer die Leber von einer Fledermaus hinterm Schornsteine versteckt, so ziehen die Undinger durch den Schornstein und quälen die Leute. Ich will doch gleich noch mal danach sehen!“

Es dämmerte schon stark hinter den kurzscheibigen Schiebefenstern, und man konnte nicht recht mehr sehen, was für ein Gesicht Steffen machte, ob er wirklich an das „Unding“ glaubte, oder ob er nur davon sprach, um den Vater auf andre Gedanken zu bringen. Er stellte den Bohnenkorb unter die Fensterbank, stand auf und ging hinaus.

Der Vater schüttelte den Kopf und murmelte etwas.

Draußen gingen Leute vorüber und lachten.

„Die können noch lachen,“ seufzte der Alte und stöhnte vor Schmerz.

Der Abend webte immer mehr seiner dunklen Fäden in die Leinewand des Septembertages. Das Käuzchen erwachte und rief den Gänsen etwas zu, die noch vergessen auf dem Hofe standen.

Der alte Oelkers aber meinte, es gelte ihm, er verstand: „Herriut! Herriut!“[1], und er stöhnte noch lauter.

Marten kam herein. „Vater, wir müssen ’n Dachdecker kommen lassen, es ist alles morsch.“

„Ja, es ist alles morsch,“ wiederholte der Alte. „Aber —,“ setzte er hinzu, „erst ’n Sargmacher und dann ’n Dachdecker.“

„Was sagt Ihr, Vater?“

„Hörste das Leichhuhn, Junge?“

„Ach was, Vater!“

„Hörste ’s nicht, Junge? Hörste ’s nicht? Sieh doch mal, daß du’s vom Hause wegkriegst, daß es mir nicht die ganze Nacht wieder in den Ohren liegt. ’s hat’s bei eurer Mutter auch so gemacht.“

Marten schüttelte den Kopf, schob das Fenster auf und horchte hinaus.

Steffen trieb gerade die Gänse nach dem Stalle und fluchte dabei, weil der Gante vor der Tür immer wieder ausbog und dadurch die ganze Schar wirr machte, so daß etliche links, etliche rechts auseinander stoben.

Marten lachte, sah forschend nach den Obstbäumen drüben über der Despe und sah gleichmütig hinauf nach den feinen blassen Sternen, die eben im Himmelsgrunde auftauchten und ihre Silberfäden in das Gewebe des Abends wirkten.

Den Vater schüttelte ein Frostschauder. Er kauerte sich zusammen und sagte: „Jetzt geht der Tod über die Stelle, da ich liegen werde.“ —

Marten stand noch spähend am Fenster.

„Hörste ’s, Junge?“

Herriut! Herriut! —

Ja, jetzt hörte er’s.

„Ich will es schon weg kriegen, Vater!“ sagte er, ging rasch hinaus und sah nach dem kleinen dreieckigen Loche oben über den Strohdocken des Giebels, wo die Eule gern zu sitzen pflegte. Er konnte den dreieckigen Umriß noch recht gut erkennen, strengte die Augen an und gewahrte auf einmal einen seltsamen Feuerball, der vom Himmel jählings über den First hinsauste. Es zuckte und flimmerte ihm vor den Augen, und als er wieder hinaufsah, wirbelte es wie ein Feuerrad in dem Giebelloche herum. Ein rieselndes Grausen im Nacken, riß er einen Splitter aus der Holzfimme, die wie ein breiter Kegel vor der Giebelseite stand, und warf ihn mit voller Kraft nach dem Eulenloche.

Das Gepolter wurde von einem hellen Mädchenlachen übertönt, und als der Splitter zu Boden fiel, flogen dem Burschen ein paar rotbäckige Äpfel um die Füße.

Hätte sie sich nicht durch ihr Lachen verraten, würde er’s doch alsbald an den Äpfeln gemerkt haben, wer dort über der Despe hinter der Haselhecke sich verborgen hielt, denn solche Äpfel gab es nur in Drewes Garten.

Er las sie hurtig auf und lief an das Ufer: „Sollst auch recht bedankt sein, Fieke, und hättest du mir auch ’n Loch in ’n Kopf geworfen.“

Wieder erscholl das helle Lachen. Dann raschelte es in der Hecke, die nach der Despe hinabhängenden Weißellern und Erlenbüsche schlugen auseinander, und ein schlankes Mädchen stand da, mit der Linken die zusammengepreßten Zipfel der Schürze haltend, die schwer mit Äpfeln gefüllt war.

„Bei dir ist’s wohl nicht ganz richtig heute abend, daß du euer Haus mit Splittern wirfst?“ fragte sie in ihrem lachenden Tone.

„Ich wollte das Leichhuhn treffen,“ erklärte er.

Sie zuckte ein wenig zusammen. „I gitte! War denn eins da?“ rief sie in einem zwischen Angst und Lachen steckenden Tone.

„O gewiß war eins da, ich glaube gar, eins mit hundert Augen!“ versicherte er eifrig.

Sie schüttelte sich; aber ihr Grauen hatte einen komischen Anstrich. „Ein Leichhuhn mit hundert Augen? Hu, mir graut, ich mache, daß ich ins Haus komme!“ Die Büsche raschelten.

„Bleib noch ’n Augenblick, Fieke,“ bat er, „dir kann’s doch nichts anhaben.“

„Wer weiß!“ entgegnete sie und blieb unschlüssig in der Hecke stehen.

Horch, horch! Wieder kam durch die dämmerige Stille der klagende, seufzende Ruf.

„Es ist gerade wieder wie damals, als unsere Mutter starb,“ sagte Marten. „Das Leichhuhn hat gemerkt, daß es auch mit unserm Vater nicht mehr recht gehen will. Aber ich werde jetzt alle Nacht aufbleiben und es schon fortkriegen.“

Die Büsche schlugen wieder zusammen, das Mädchen stand wieder ganz vorn am Uferrande und fragte bestürzt: „Steht’s wirklich so arg mit eurem Vater?“

„Er wird alle Tage hinfälliger,“ sagte Marten traurig.

„Na, er wird sich schon wieder aufrappeln,“ meinte sie, merklich bemüht, einen beruhigenden und ermunternden Ton zu treffen. „Euer Vater ist eine zähe Natur, der hat schon viel ausgehalten; ich meine, da kann die alte Eule noch lange schreien.“

Da schrie sie auch schon wieder. Doch die Rufe kamen jetzt aus den Obsthöfen drüben überm Bach her, und es fragte sich nur, aus welchem Hofe und von welchem Baume?

„Vielleicht sitzt sie gar in unserm Rötchenbaume,“ rief Fieke ängstlich und sah sich mit Schaudern um.

„Warte, da soll sie sich aber verjagen!“ Und er wollte sogleich über den Bach, als sie warnend den Finger erhob und lachend mahnte: Er hätte ja nur Holzschuhe an und würde ganz nasse Füße kriegen.

„Besser nasse Füße als nasse Ohren!“ Da hatte er auch schon ein paar große Steine aufeinander gelegt und sich im Nu hinüber balanciert.

Die Büsche schlugen wieder zusammen, und bald sah man die beiden drüben unter dem Rötchenbaume, dessen breite Zweige unter der Fülle seiner rotbäckigen Äpfel tief niederhingen.

Da kam unter den Zwetschenbäumen her, zwischen deren dichtem Gezweige sich ein freundliches Haus erhob, ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit breiter Brust und einem gesunden, etwas vollbackigen Gesicht, das von einer tief ausrasierten Bartkrause umrahmt war. Barhäuptig und in bloßen Hemdärmeln, hatte er die eine Hand gemächlich hinter die blauleinene Handwerkerschürze gesteckt, während er mit der anderen die kurze, knorrige Pfeife hielt, der die paffenden Lippen einen urkräftigen Knasterduft entlockten.

„No, Junge, wie geht’s denn?“ rief er in einem anheimelnd tiefen Tone, „ist die Leber und alles andere noch frisch und gesund? He, ich denke doch?“

„Bei mir wohl, Meister Drewes, aber beim Vater nicht!“

„Ach, der läßt sich so leicht nicht unterkriegen, Junge, dein Vater! Der ist von Stahl, habe ich immer gesagt.“

„Aber, Drewes Vetter, wenn der Multworm[2] dicht am Hause wirft und ’s Leichhuhn ruft, muß das doch etwas zu bedeuten haben.“

„Du solltest doch mal hinüber gehen, Vater,“ mahnte die Tochter und berichtete voll Eifers, was sie von Marten gehört hatte.

Da ließ Drewes die beiden stehen und ging mit ordentlicher Hast nach dem Hause zurück, um durch die Pforte auf die Straße zu gelangen, die zwischen einer kleinen Gruppe alter Eichen hindurch über die hölzerne Despebrücke und an der verfallenen Kirchhofsmauer vorbei dem Oelkersschen Hofe zuführte.