Zweites Kapitel.

Steffen, Martens älterer Bruder, hatte inzwischen dem Vater das Bett zurechtgemacht, das in der Wohnstube an der getünchten Innenwand aufgeschlagen war; er hatte das Stroh hochgelockert und einen mit selbstgewirktem groben Leinen überzogenen Pfühl darauf gelegt, dann dem leise ächzenden Vater sorglich hinaufgeholfen. Nun tastete er auf dem Boden umher, um die hingefallenen Strohspiere aufzulesen.

Da die Mutter nicht mehr lebte und eine Magd nicht gehalten werden konnte, hatte Steffen sich gewöhnen müssen, das innere Hauswesen zu besorgen. Er war eine arbeitsame, ruhige und geduldige Natur, die sich bei aller Schwerfälligkeit doch in jede Arbeit zu schicken wußte und alle Mühe und Last als etwas durchaus Selbstverständliches auf sich nahm. Er kochte und wusch, fegte und räumte, melkte und butterte beinah so geschickt wie die Mutter selbst, der er schon in den letzten Jahren ihres Lebens in den häuslichen Dingen ein treuer Gehilfe gewesen war. Er verstand überdies tapfer zu flicken, sogar Schuhe mit neuen Riestern und Sohlen zu versehen, und da die Einkünfte des Hofes größtenteils für die Meiergefälle und für „sonstige Prästationen“ aufgewandt werden mußten, waren diese kleinen Künste nicht gering zu veranschlagen.

Ein eigentümlicher „Krauter“, dieser Steffen! In seiner Gestalt von gut hainbuchenartigem Gepräge, kurz, steif und steifhaarig, mit eigentümlich blöde blickenden grauen Augen, hellborstigen Backen und einer kurzen Sattelnase, machte er gewöhnlich auch in geistiger Hinsicht den Eindruck etwas zu kurzen Wachstums. Doch war es in Wirklichkeit gar nicht so kurz, was sich namentlich dann offenbarte, wenn er einmal „einen Kleinen sitzen hatte“. Und das war gewöhnlich bei den gesellschaftlichen Gemeindehantierungen der Fall, beim Streuen von Maulwurfshaufen auf dem Pfingstanger, beim Heckenhauen, Weidenköpfen, Angerhüten und dergleichen. Dann erwies sich stets, daß er manches wußte, was andre eben zum ersten Male hörten, daß er z. B. nicht nur den Wicken-Thies[3] gut kannte, sondern auch in der Bibel genau Bescheid wußte. Die Leute pflegten daher zu sagen: „Der Steffen ist ’n Kujon und hat mehr Witz in der kleinen Zehe, als mancher Amman in seinem großen Kopfe.“

Sobald aber der „Kleine“ verraucht war, schien es Steffen ähnlich zu ergehen wie jener eigenartigen Blume in Drewes Garten, die ihren Kopf zuschloß, sobald die Sonne hinter den Siebenbergen hinabrutschte. Er war sich der Unzulänglichkeit seiner Natur auch selbst wohl bewußt, pflegte sich darum am liebsten ganz abseits zu halten und die äußeren Angelegenheiten des Hofes von seinem jüngeren Bruder besorgen zu lassen, der weltsinniger als er geartet war, in seiner Gestalt auch mehr der schlanken, glatten Rotbuche als der kurzen, struppigen Hainbuche glich.

Solange der Vater noch rüstig auf den Beinen stand, war es ausschließlich seine Sorge gewesen, daß der Meierzins rechtzeitig zum Hofherrn nach Bodenburg kam. Dreißig Jahre lang hatte er ihn selber hingetragen; im letzten Jahre aber war ihm das Gehen bereits so schwer gefallen, daß er die Gamaschen wieder abknöpfte und seinen Ältesten mit dem Gange betraute. Es war ihm fast wie eine bittere Entsagung vorgekommen; man konnte ihn gar seufzen hören: „Ein Gang, den der Mensch seit dreißig Jahren ununterbrochen gemacht hat, wird einem schließlich zur Natur, auch wenn einer auf diesem Gange aller Mühe Preis von dannen tragen muß.“

Jetzt hatte Vater Oelkers sich darein gefunden und bereits angeordnet, daß Steffen auch am kommenden Martinstage den Zins nach Bodenburg tragen solle, um bei der Gelegenheit dann sogleich den Hof für sich zu meiern.

Steffen hatte eben das aufgeraffte Stroh bei den Füßen des Vaters unter den Unterpfühl gesteckt und ging mit sachtem, aber dennoch dröhnendem Schritt nach der Tür, die auf die Küchentreppe hinausführte.

„Junge,“ rief der Alte, „steck erst den Krüsel an und dann setze dich mal ’n Augenblick daher. Ich habe mit dir was zu reden; denn ich glaube, ich werde den nächsten Martinstag nicht mehr erleben.“

Steffen ging ohne ein Wort in die Stube zurück, griff nach dem Ölkrüsel an der Zahnstange, die in der Nähe des Lehmofens vom Balken herabhing, nahm Zunder, Stahl und Stein vom Wandbrette über dem Ofen und „pinkte“ so lange, bis der Zunder fing. Den brennenden Krüsel, der ein bräunliches Dämmerlicht in der Stube verbreitete, hing er wieder an die Stange; dann rückte er einen Holzschemel an das Bett und setzte sich darauf.

Die blassen Knochenhände griffen wie in krampfartigem Schmerz in den buntgestreiften Leinewandüberzug der Decke, und über das tief in den Kissen liegende hohläugige Gesicht, dessen untere Hälfte von weißen Haarstoppeln starrte, ging ein schmerzvolles Zerren und Ziehen.

„Es dauert nicht so lange mehr, als unser Heiland Jesus Christus in der Erde lag — dann liege ich auf dem Stroh,“ stöhnte der Alte.

Steffen klopfte sorglich über die Decke, um die Federwülste, die sich hier und da unter den Windungen des Kranken gebildet hatten, auszugleichen. „Vater, ich will Euch noch ’n ordentlichen Topf voll Kamillentee kochen, der tut Euch gut für die Nacht,“ sagte er gutmütig, aber in etwas leierndem Tone.

„Och, Junge, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. An mir hilft kein Kamillentee mehr. Immerhin — man weiß ja doch nicht, wie lange der liebe Gott noch mit einem warten will. Da ist denn eine Hilfe weniger, aber eine große Last mehr im Hause ...“

„Och, Vater!“ beschwichtigte Steffen ihn.

„Doch, Junge. Und darum, wollt’ ich sagen, muß eine junge Frau ins Haus — und zwar so bald wie möglich. Du mußt freien, Junge. Das mußt du.“

„Och, Vater!“ wehrte Steffen wieder und wickelte in seiner Verlegenheit das heraushängende Bettlaken auf. Ein solches Thema hatte er mit ihm niemals erörtert.

„Haste schon mal mit Nabers Fieke gesprochen?“ fragte der Alte und stemmte sich auf die Hände.

Da ging Steffen hastig ans Fenster, als ob er den Vater jetzt nicht gut ansehen könne.

„No?“

Steffen drückte mit den Fingern auf die Erde in dem Rosmarintopfe, der auf dem schmalen Fensterbrette stand, und guckte auf die grünlichen kleinen Fensterscheiben.

„Ja, versucht hab’ ich’s wohl schon,“ druckste er endlich heraus, „aber“ ... Da steckte er wieder fest.

„Aber,“ fuhr der Alte nun mit einem vorüberhuschenden Lächeln fort,

„Frieen hät Meue,

Gift Bedden un Keue.“[4]

Steffen schob die flachen Hände auf den Knieen hin und her. „Ich habe ja schon mal so um die Brenne[5] geschlagen, aber ich weiß immer nicht recht, woran ich eigentlich bin,“ sagte er endlich, und ärgerlich fügte er hinzu: „Sie hat so ’ne verflucht übermütige und so ’ne ... so ’ne Art, — sie kann einen ganz albern im Kopfe machen, und — und — ich komme mir auch immer ganz albern bei ihr vor.“

„Hm,“ machte der Vater, und ein Lächeln huschte wieder über seine schmerzhaften Züge, „dann ist’s aber Zeit, daß du ihr einmal gehörig zu Leibe gehst. Mädchen, die einen albern machen, sind hernach schwer zu kriegen. Die Fieke ist nun aber ’mal so ’n rechtes, so ’n festes Mädchen. Die hat Arme und bringt ordentlich was ins Haus. Das ist ’ne Art. Käp Nawers Rind, frigge Nawers Kind, sau werste nich bedragen.[6] Darum mußt du die Brust ’raus drücken und ihr jetzt ’n Mann zeigen, der stramm in der Hose steht. Verstehste, Junge?“

„Ja, Vater, die Fieke möchte ich auch gar zu gern,“ sagte Steffen und rieb immer noch die Hände auf den Knieen. „Und der Herr Baron würde gewiß auch einverstanden sein, daß ich sie nähme.“

„Ha, das meine ich aber auch, Junge!“ bekräftigte der Vater. „Eine bessere kannste ihm nicht bringen. Was haste dann nicht auch für ’ne tüchtige Stütze an ihrem Vater, Junge. Wenn er auch man ’n Stellmacher ist! Wo der hinschlägt, da fliegen goldene Späne, Junge. Drewes kann dir ’mal gehörig böhren helfen, dann hast du keine Not. Ach, und dann — dann könnt ihr ’n Steg machen über die Despe, wie ich’n schon lange gesehen habe, wenn ich so nachts im Bette lag und nicht schlafen konnte. Und ihr könnt hinüber und herüber gehn und seid immer auf eurem Eigenen. Herrgott, da möchte ich mir noch so viel gesundes Leben wünschen, daß ich auch noch ’mal über den Steg ’rüber gehen könnte, wär’s auch nur noch ’n einzigen Sommer lang!“ Er hatte sich plötzlich vom Kissen aufgerichtet, sank aber kraftlos zurück und seufzte: „Ach, mit mir ist’s aus!“

Steffen rückte die Kissen zurecht und stob dabei zusammen, wie von einem jähen Schrecken erfaßt. „Vater, wird der Herr Baron mir aber auch den Hof wieder vermeiern?“

Der Alte machte eine energische Bewegung und rief in aufkochendem Zorne: „Saß nicht unser Urgroßvater schon auf diesem Hofe? Ist der Name Oelkers etwa so niedrig angeschrieben? Hat wohl einer von den Steinberg’schen Meiersleuten seinen Hof besser im Stande gehalten, pünktlicher seinen Meierzins bezahlt und sauberer das Korn gebracht als wir? Hat einer dickere Mahlschweine und fettere Mahlschafe, festere Martensgänse und Rauchhühner geliefert als ich? Herrgott! Hat nur einer auf der Welt sich mehr geschindet und geplagt, mehr Frost und Hitze ausgestanden für den Meierherrn als ich? Und bin ich trotz aller schweren Sorge und Not, trotz aller schlechten Zeiten, trotz Mißwachs und Hagelschlag mit dem Zins auch nur einmal um einen Tag im Rückstande geblieben? Oder nur ein einziges Mal um einen Nachlaß kniefällig geworden? Ho! Der gnädige Herr wird gern froh sein, Junge, hört er, daß dem alten Oelkers wieder ein junger Oelkers folgen will.“ Völlig erschöpft ließ der Alte den Kopf ins Kissen zurücksinken, sein Atem ging schwer und stöhnend.

Da ertönten draußen klappende Tritte.

Steffen hakte den Krüsel von der Stange und leuchtete auf die Stubentreppe hinaus.

„Ah, Meister Drewes!“