Helen Kellers Bildungsgang.

Dr. Howe und Laura Bridgman. — Helen Keller kein Objekt für psychologische Beobachtungen. — Unwahre und übertriebene Berichte über ihre Fortschritte. — Fräulein Sullivans Persönlichkeit. — Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. — Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans Methode.

Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit Dr. Samuel Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was Dr. Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn Dr. Howe ist der große Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.

Dr. Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.

Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als Dr. Howe seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn verloren. Dr. Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, k–e–y, c–a–p zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.

Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte Dr. Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.

Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete Dr. Howe Laura Bridgman nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen beizubringen.

Man kann gar nicht genug zum Lobe von Dr. Howes Unternehmen sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand, wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.

Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.

Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, Dr. Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:

... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: Apple give oder Baby walk go. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben. —

Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:

Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine alberne — geschriebene oder gedruckte — Auslassung. Die Wahrheit ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! —

Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:

Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. —

Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen a priori, daß das, was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger Feindseligkeit.

Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. [S. 323 ff.][24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.

Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »Volta Bureau Souvenir of Helen Keller« und die Abhandlung, die sie auf Wunsch Dr. Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als Dr. Bell und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.

Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil Dr. Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John Hopkins-Universität war, schrieb:

Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes Wirken erfüllt ist.

Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.

Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die Dr. Howe aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt die höchste Begabung.

Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar 1887. Während dieser Zeit las sie Dr. Howes Berichte. Ferner wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst durch Dr. Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.

Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia, und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.

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Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.

... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ — Kaum hatte ich meinen Fuß auf die Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu sehen — ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung Dr. Howes Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.

Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. Ich buchstabierte langsam d–o–l–l in ihre Hand, deutete auf die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen — ich mußte etwas tun, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte ihr c–a–k–e in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buchstaben d–o–l, ich fügte das noch fehlende l hinzu und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.

Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr c–a–r–d in die Hand. Sie machte c–a nach, dann hielt sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben c–a hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen — nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort c–a–k–e und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann buchstabierte ich d–o–l–l und begann nach der Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort d–o–l–l mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu kommen.

Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.

Montag nachmittags.

Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer nicht umgehen lassen.

Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe sie die beiden wesentlichen Dinge lernt — die einzigen, die ich ihr beibringen kann — Gehorsam und Liebe.

Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr sympathisch.

Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.

Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir ihre Zuneigung zu erwerben.

Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so bald wie möglich zu treffen.

In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.

Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen ebenso rasch wie unstet.

13. März 1887.

Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der Unterricht vorüber ist.

Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der Familie in Ivy Green.

20. März 1887.

Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.

Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, — der Schritt, auf den es ankommt — ist geschehen. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten und zu bilden.

Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr bald verlassen müssen.

Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.

Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die Buchstaben d–o–l–l mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.

28. März 1887.

Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind für Helen so greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.

Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.

3. April 1887.

Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß werden wie ich.

Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten Stunden.

Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: doll, mug, pin, key, dog, hat, cup, box, water, milk, candy, eye (×), finger (×), toe (×), head (×), cake, baby, mother, sit, stand, walk. Am 1. April lernte sie die Substantiva knife, fork, spoon, saucer, tea, papa, bed und das Verbum run.

5. April 1887.

Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu wissen verlangt.

Die Wörter mug und milk machten Helen mehr Mühe als alle übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum drink. Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie mug oder milk buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand. Ich buchstabierte ihr w–a–t–e–r in die Hand und dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein, daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied zwischen mug und milk ein- für allemal klarmachen könnte. Wir gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr w–a–t–e–r in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort water zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »teacher« in die Hand. In diesem Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe; Helen buchstabierte »baby« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.

P. S. Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte, mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.

10. April 1887.

Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren. Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. — Ich habe mich dazu entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren. Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt. Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen beizubringen. Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations- und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf nur einen einzigen Gegenstand zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.

24. April 1887.

Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu, ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie »fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: „Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: „Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.

Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel. Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen, und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand, deutete sie auf meinen Magen und fragte: Eat?, was bedeuten sollte: Haben Sie ihn vielleicht gegessen?

Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: Give baby candy. Frau Keller buchstabierte ihr in die Hand: No—baby eat—no. Helen näherte sich der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen Zähne. Frau Keller buchstabierte: Teeth. Helen schüttelte den Kopf und buchstabierte: Baby teeth—no, baby eat—no, womit sie natürlich sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat.

8. Mai 1887.

Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist jetzt auf alle Fälle vorüber.

Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen. Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen, einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung entwickeln kann.

Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter small und large; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion and zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte hinzu: and lock.

Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen war. Sie buchstabierte immerwährend dog—baby, indem sie dabei der Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts, ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen Jungen! Ich lehrte Helen das Wort puppy, ließ sie die Hündchen alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte puppies. Sie interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals die Wörter mother-dog und baby. Helen bemerkte, daß die Augen der Hündchen geschlossen waren, und sagte Eyes—shut. Sleep—no, womit sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort five. Dann hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: Baby. Ich begriff, daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: One baby and five puppies. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als die anderen, und buchstabierte small, indem sie zu gleicher Zeit das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte very small. Sie verstand augenscheinlich, daß very die Bezeichnung für den neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war »small«, ein anderer »very small«. Als sie ihre kleine Schwester anfaßte, sagte sie: Baby—small. Puppy—very small.

Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit, die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit schon Frucht tragen wird.

16. Mai 1887.

Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn. Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt? Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller Eifer alles, was sie gelernt hat.

Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung. Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort, manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus dem Himmel und Erde geschaffen sind.

Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22. Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu leiten.

Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen, und dabei fällt mir ein — wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.

Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes gefangen genommen hat.

Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und buchstabierte ihr in die Hand: No, no, Helen is naughty. Teacher is sad — und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in die Hand: Good Helen, teacher is happy — und ließ sie das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich aufhellte, buchstabierte. Good Helen — und verzog ihr Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie seitdem nie wieder berührt.

2. Juni 1887.

Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.

Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: Frank—letter. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete: Much words. Puppy motherdog—five. Baby—cry. Hot. Helen walk—no. Sunfire—bad. Frank—come. Helen—kiss Frank. Strawberries—very good. —

Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.

Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten Morgen danach fragte, antwortete sie: Book—cry und ergänzte dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort afraid, und sie sagte: Helen is not afraid. Book is afraid. Book will sleep with girl. Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »girl« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.

Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist. Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit Dr. Howes Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel. Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.

Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.

5. Juni 1887.

Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen tschip-tschip riefen. Ihr Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten — zwei Kälber, ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose Fragen stellt — Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen, fragte sie: Did baby pig grow in egg? Where are many shells? Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!

12. Juni 1887.

Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben — bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen »strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.

Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.

15. Juni 1887.

In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die Bäume und Blumen allen Regen auftränken.

Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren befreundet als mit Damen.

Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß sie kaum stehen kann.

3. Juli 1887.

Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte: Viney—bad und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich beruhigt hatte.

Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte mich küssen. Ich antwortete: „I cannot kiss naughty girl,“ worauf sie buchstabierte: „Helen is good, Viney is bad.“ — Ich erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ — Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: Helen did (does) not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.“ Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich anschmiegen; ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an mich an.

Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein Gespensterkrebschen (stick-bug), zu lenken. Es ist dies das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe — ein kleines Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte darüber sprechen. Sie fragte: „Can bug know about naughty girl? Is bug verv happy?“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „I am good to-morrow. Helen is good all days.“ — „Willst du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen hast?“ — Sie lächelte und antwortete: „Viney not spell words.“ — „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ — Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit — eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen habe.

31. Juli 1887.

Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber, daß sie imstande ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.

Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? — so geht es den ganzen Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens und der Ueberlegung betritt. How does carpenter know to build house? Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite — why? Can flies know not to bite? Why did father kill sheep? Natürlich stellt sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, — ihre Fragen fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.

Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon jetzt beinahe ebensogut! — Es ist wahr.

21. August 1887.

Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie sich ihrer aller erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.

Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte, genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern very high mountain and beautiful cloud-caps sehen wolle. Ich hatte diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und sagte ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. — Sie sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie durch den Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, daß bloße Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den leisesten Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann nicht absehen, wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art der Eindruck war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen beruhte, das sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir wissen, ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie und Assoziationsvermögen besitzt.

28. August 1887.

Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und »Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im allgemeinen. Where did Leila get new baby? How did doctor know where to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where did doctor find Guy and Prince (Hündchen)? Why is Elizabeth Evelyn’s sister? u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich, und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht, sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte. Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren, und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens. Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne, die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen, aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten, sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg. Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die Erinnerungsbilder hervorbringt.

4. September 1887.

Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem Dr. Keller. Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.

Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte. Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus. Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen sah sehr ernst aus und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen, die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie, sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht; denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen, fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: Wrong girl did eat letter. Helen did slap very wrong girl. Ich erwiderte ihr, Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den Brief in den Mund zu stecken.

I did tell baby, no, no, much times, lautete Helens Antwort.

Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen sehr liebevoll mit ihr sein.

Sie schüttelte den Kopf. Baby — not think. Helen will give baby pretty letter, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: Baby can eat all words.

18. September 1887

Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des Ausdrucks an ihre Gedanken.

In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie fand in ihrem Lesebuche das Wort »brown« und wollte seine Bedeutung wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie fragte: Is brown verv pretty? Nachdem wir im ganzen Hause umhergegangen waren und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie berührte, angegeben hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und den Scheunen zu gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen warten, ich sei sehr müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die Ermüdete war hier an kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus »more colour« kennen lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie eine unbestimmte Vorstellung von Farben — einen Erinnerungseindruck von Licht und Ton besitzt. Es scheint, als müsse ein Kind, das bis zu seinem neunzehnten Monat sehen und hören konnte, etwas von seinen ersten Eindrücken zurückbehalten haben, und sei dies auf noch so undeutliche Weise. Helen spricht viel von Dingen, die sie durch das Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie stellt viele Fragen über den Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die Berge. Sie hat es gern, wenn ich ihr mitteile, was ich auf Bildern sehe.

Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. What colour is think? lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten. Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete sie: My think is white, Viney’s think is black. Sie sehen, sie glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.

3. Oktober 1887.

Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief[25] freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.

Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston geht. Eines Tages fragte sie: Who made all things and Boston? Sie sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil baby does cry all days.

25. Oktober 1887.

Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen geschrieben,[26] und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden. Heute früh sagte ich zu ihr: Helen will go upstairs. Sie lachte und antwortete: Teacher is wrong. You will go upstairs. Dies ist ein weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut sind morgen ein überwundener Standpunkt.

Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm. Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben, und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.

Oktober 1887.

Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es, der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht. In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus. Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten, in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines Tages fragte sie: What do my eyes do? Ich sagte ihr, ich könne die Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.

Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: My eyes are bad! dann verbesserte sie dies in my eyes are sick.


Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S. 225) heißt es weiter:

Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens Kleid wurde in eine Truhe gelegt und dann auf diese, und ich buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied zwischen in und on lernte sie sehr bald, obgleich es einige Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, auf dem Stuhle zu stehen oder in den Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das Wort is. Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table, Papa is on bed sind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April gebildet wurden.

Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen, weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. [S. 229]); dann nahm sie einen wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectiva large und small an die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles gelenkt, und sie lernte die Adjectiva soft und hard. Ein paar Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihrer Mutter: Mildred’s head is small and hard. Demnächst suchte ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen. Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam. Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets: Wind fast oder wind slow, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der Turnübungen in die Hand: Helen wind fast und begann rasch zu gehen. Dann sagte sie: Helen wind slow und paßte ihre Bewegungen wiederum den Worten an.

Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort box gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte ihren Finger auf den Buchstaben A, indem ich zugleich mit meinen Fingern ihr A in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wort cat befühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat mich dog und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: Cat does drink milk. Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.

Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.

Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.

Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist. Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist fünfundvierzig.

Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, und entgegnete endlich: blau.

Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte wiederholt: Cry—cry. Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still, während wir dort blieben.

Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.

Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.


13. November 1887.

Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu einem denkwürdigen Ereignis zu machten. Sie durfte die Tiere berühren, wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: I will take the baby lions home and teach them to be mild. Der Bärenwärter ließ einen seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über Tiere zu lesen.

12. Dezember 1887.

Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?

Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr zu Weihnachten schenken.

Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über die sie weinen muß — ich glaube, es geht uns allen so — es ist so angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.

1. Januar 1888.

Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht mich stark und glücklich.

Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf ihre Leistung.

Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge neuer Ausdrücke bereichert.

Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, »einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.

Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf — sogar zwei, denn einen hätte Santa Claus übersehen können — und lag lange Zeit wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: He will think, girl is asleep. Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für sie gegeben, erwiderte sie: I do love Mrs. Hopkins. Sie hatte eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: Now Nancy will go to party. Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte, sagte sie: I will write many letters, and I will thank Santa Claus very much. Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit und heiliger Freude.

Eines Tages stieß Helen auf das Wort grandfather in einer kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: Where is grandfather? womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: He is dead. Helen fragte: Did father shoot him? und fügte hinzu: I will eat grandfather for dinner. Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret schießt.

Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von carpenter, und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: Did carpenter make me? und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: No, no, photographer made me in Sheffield.

In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte die Hitze und fragte: Did the sun fall?

26. Januar 1888.

Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: Pencil is very tired in head. I will write Uncle Frank braille letter. Auf meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, erwiderte sie: I will teach him. Ich setzte ihr auseinander, Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen. Sofort antwortete sie jedoch: I think Uncle Frank is much old to read very small letters. Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber sie entgegnete: No, pencil is very weak. Ich glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern.

Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, Mildreds Augen seien blau, fragte sie: Are they like wee skies? Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: lips are like one pink. Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung aus dem Gesicht verlieren.

10. Februar 1888.

Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe. Nichts als Aufregung vom frühen Morgen bis zum späten Abend — Ausflüge, Einladungen zu Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie uns, was Helen meint — oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht verständlich machen. — Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives Empfinden.

Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: I must buy Nancy a very pretty hat. Sie besaß einen Silberdollar und ein Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: I will pay ten cents. Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte sie: I will buy some good candy to take to Tuscumbia.

Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.

Dr. Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. Dr. Edward Everett Hale beruft sich auf seine Verwandtschaft mit Helen und scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.

5. März 1888.

Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes ein:

Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (Cross is cry and kick). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (Fierce is much cross and strong and very hungry). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (I do not like sick). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme (I like much icecream very much). Nach dem Mittagessen fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo und Pearl werden mit uns gehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (Funny makes us laugh). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett gehen.

Helen Keller.

16. April 1888.

Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht aus und sagte dann: I’ll send them many kisses. Einer der Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen täten. Sie erwiderte: They read and talk loud for people to be good. Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen schicklich war. Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und sie ist so anmutig wie eine Nymphe.

Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer über bleiben.

15. Mai 1888.

Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.

Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. Dr. Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge war ein Arzt, und Dr. Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.

Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden, der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu Dr. Keller: Ich habe lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. Dr. Garcelon holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine Puppe kaufen; aber sie sagte: I do not like too many children. Nancy is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad. Wir lachten, daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. Some beautiful gloves to talk with, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das Alphabet darauf pressen lassen.

Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, »sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden verbinden können.

Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, »freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei der Erziehung ankommt.


Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält interessante pädagogische Betrachtungen:

Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.

Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts »einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. — Ein kleiner Knabe mit einem Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. — Als wir in das Zimmer traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. — Nein, antwortete sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas schreiben, was sie persönlich berührt. — Es erschien mir alles so mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby — hübsch — und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der Sprache war nicht größer.

Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.


Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.

In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.

Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres Geburtstagsfest vergegenwärtigt.

Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen zu wollen.

Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, — und sie hat sich eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten Gedanken zu erraten.

Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den Bewegungen ihrer Mutter und fragte: What are we afraid of? Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt: What do you see?

Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie vorher, als ich ihre Hände festhielt.

Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. 253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei tot. Dies war das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, und daß man es begraben — in die Erde gelegt habe. Ich bin geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit diesem Vorfall habe ich das Wort tot stets gebraucht, wann sich die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen einzulassen.

Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: Where is poor little Florence? Dann setzte sie hinzu: I think she is very dead. Who put her in big hole? Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner Freundin mit den Worten: They are poor little Florence’s. Dies traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können. Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:

Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (She got in the ground and she is very dirty, and she is cold). Florence war sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist sehr traurig in dem großen Loche (Florence is very sad in big hole). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.

Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.

Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.

Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen Launen nach.

Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die Zeit vertreiben.

Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.

Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei und anmutig.

Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu gebrauchen, denn, sagt sie, „poor horses will cry“. Eines Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.

Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „very wrong“; sie schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.

Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.

Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe ihr, was ich vom Fenster aus sehe — Hügel, Täler und Flüsse, Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen, Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen der Einwohner.

Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter zu gebrauchen. Sie sagte z. B.: Helen milk. Ich nahm die Milch, um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab ihr aber nicht eher zu trinken, als bis sie mit meiner Hilfe einen vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: Give Helen some milk to drink. Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein Stückchen Zucker, so sagte ich: Will Helen please give teacher some candy? oder teacher would like to eat some of Helen’s candy, wobei ich das ’s besonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie: Helen wants to go to bed oder Helen is sleepy, and Helen will go to bed.

Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits. Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.

Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen, intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr: teacher is sorry. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin, daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.

Auf dieselbe Weise lernte die das Wort happy, ebenso right, wrong, good, bad und andere Adjektiva. Das Wort love lernte sie wie andere Kinder — durch die Verbindung mit Liebkosungen.

Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand still, während der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte t–h–i–n–k. Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser Zeit gebrauchte sie stets das Wort think.

Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie perhaps, suppose, expect, forget, remember. Wenn Helen fragte: Where is mother now? antwortete ich: I do not know. Perhaps she is with Leila.

Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:

Helen. Wie heißt der kleine Knabe?

Lehrerin. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, den ich nicht kenne; aber vielleicht heißt er Jack (... but perhaps his name is Jack).

Helen. Wo geht er hin?

Lehrerin. Möglicherweise geht er nach dem Parke, um sich mit anderen Knaben umherzutummeln (He may be going to the Common to have fun with other boys).

Helen. Was wird er spielen?

Lehrerin. Ich vermute, er wird Ball spielen (I suppose, he will play ball).

Helen. Was tun die Knaben jetzt?

Lehrerin. Vielleicht warten sie auf Jack. (Perhaps they are expecting Jack.)

Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.

26. September [1888]

Heut früh saßen Lehrerin und ich am Fenster, und wir sahen einen kleinen Knaben auf dem Trottoir gehen. Es regnete sehr stark, und er hatte einen sehr großen Schirm zum Schutz gegen die Regentropfen.

Ich weiß nicht, wie alt er war, glaube aber, er ist möglicherweise sechs Jahre alt gewesen (but think he may have been six years old). Vielleicht hieß er Joe (Perhaps his name was Joe). Ich weiß nicht, wohin er ging, weil ich ihn nicht kenne. Aber vielleicht schickte ihn seine Mutter in einen Laden, um etwas für das Mittagessen einzukaufen (But perhaps his mother sent him to a store to buy something for dinner). Er hatte eine Tasche in der Hand. Ich vermute, er brachte sie seiner Mutter (I suppose he was going to take it to his mother).

Bei meinem Unterricht habe ich kein bestimmtes System zugrunde gelegt. Ich habe die spontanen Geistesregungen meiner Schülerin beobachtet und versucht, die mir dadurch gegebenen Winke zu befolgen.

Wegen Helens Nervosität habe ich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um eine übermäßige Belastung ihres an sich schon äußerst lebhaft arbeitenden Gehirns zu verhüten. Den größten Teil des Jahres haben wir auf Reisen nach verschiedenen Städten zugebracht, und ihr Unterricht ist durch die mannigfaltigen Orte, durch die wir gekommen sind, und die Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, bestimmt worden. Sie zeigt denselben Eifer wie zu Anfang. Niemals ist es erforderlich, sie zum Lernen anzuhalten, ja, ich muß sie sogar mitunter nötigen, ein Exempel oder einen Aufsatz unbeendet zu lassen.

Während ich mich durch kein bestimmtes pädagogisches System leiten ließ, war es mein stetes Streben, Helens allgemeine Bildung und Intelligenz zu fördern, ihre Kenntnisse in Bezug auf die sie umgebende Welt zu erweitern und sie an ein ungezwungenes und natürliches Zusammenleben mit den Menschen zu gewöhnen. Ich habe sie zur Führung eines Tagebuches ermuntert, aus dem ich das folgende mitteile (vergl. [S. 261]).

22. März 1888.

Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen. Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag. Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und froh (I did learn about calm. It does mean quiet and happy). Onkel Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün. Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.

Now melts the snow,

The warm winds blow

The waters flow

And robin dear,

Is come to show

That Spring is here.

James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser und fühlte es fließen.

Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh, wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger schreibe.

Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl. [S. 253 f.]). Während wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau nachahmen konnte.

Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine richtige Vorstellung von seiner Gestalt bekommen. Ein paar Tage später hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ. Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie denn da mache, antwortete sie: I am a very funny camel.

Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. — Helen hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden. Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:

„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag ein hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte, zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black Beauty, bist du es?“

Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft. „Es war der arme Ginger,“ — war alles, was sie anfangs sagen konnte. Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden. O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ — Nach einem Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht es genau so wie Ginger.“ —

Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »Oh, mother of a mighty race!« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen hast, so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. — Als sie bis zu dem Verse gelangte: »There’s freedom at thy gates, and rest«, rief sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, die Stadt New York, und unter der »Freiheit« ist die große Statue der Freiheitsgöttin zu verstehen.“ — Als sie das Gedicht »The Battlefield« von demselben Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, welche Strophe sie für die schönste halte. Sie antwortete: Am bestem gefällt mir folgende:

Truth crushed to earth shall rise again;

The eternal years of God are hers;

But Error, wounded, writhes with pain,

And dies among his worshipers.

Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu kämpfen.“


Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:

Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von ihren Studien ablenkt.

Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein; die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet, sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht. Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre, eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ —

Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein, das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ — Sie schwieg einen Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem Gesagten.“ — Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen, sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in Aufregung gerät.

Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf, wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit vollendet da.

Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.

Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären, wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte, klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand Bezug haben oder nicht.

Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.

Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden — und sie tat es.

Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.

Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände. Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter kennenzulernen: phenomenon, comprise, energy, reproduction, extraordinary, perpetual und mystery. Einige dieser Wörter haben mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortes mystery klarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können, als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird.

Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen, dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen. Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten. Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde, antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr schon bekannt sind.

Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden; aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas Kuchen bekommen.“ Das Wort »the« war ihr unbekannt, und sie wollte es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit einem Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus nicht fangen!“ (Do not let the cat get the mouse!), bemerkte sie die Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus nicht fangen dürfe. Get und let waren ihr unbekannt. Die Wörter des letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen — alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder.

Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen, erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir immer sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ — lautete ihre Antwort.

Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen wünsche. —

Als wir Dickens’ »Child’s History of England« lasen, kamen wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu vertreiben wünschten.“ — Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ — Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert hatten.“ —

Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von nicht ganz einem Monat hinter sich hat.

Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr mitzuteilen habe.

Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische Fragen, die von Dr. Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen hätte.

Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.

„Woher bin ich gekommen?“ — und „Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe?“ — waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte nach der Ursache der Dinge.

Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben müsse.

Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.

Durch Charles Kingsley’s »Greek Heroes« war sie mit den schönen Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.

Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ — und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ —

Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger geworden sei.

Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die Blumen wachsen können.“ —

Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ — antwortete sie. Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume und Winde.“ —

„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ — fragte ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen können,“ — antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die Regentropfen sind ihre Tränen.“ —

Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ —

Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.

Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ —

Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung von Naturerscheinungen möglich.

Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen und fragte: „Wer hat die wirkliche Welt geschaffen?“ — Ich antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu enthüllen.“ —

Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott gegeben.

Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ — Ich war genötigt, diese Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je gesehen?“ — Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ — Man muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.

Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.

Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie sie zum ersten Male hörte.

Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht finden konnten?“ — Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt nicht wandelte, sondern schwamm.“ — Als ich ihr davon erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ —

Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ — Ich lehrte sie das Wort unsichtbar (invisible) und erwiderte ihr: „Wir können Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir ihm dann ähnlicher sind.“ —

Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ — „Niemand weiß, was die Seele ist,“ — entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der Körper tot ist.“ — Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele getrennt vom Körper denken?“ — „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist — meine Seele, verbesserte sie sich — in Athen, aber mein Körper war hier im Unterrichtszimmer.“ — In diesem Augenblicke schien ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: „Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ — Ich erklärte ihr, daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte sind dann ihr Körper.“

Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert Jahre leben.“ — Auf die Frage, ob sie nicht für immer in einem schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: „Wo liegt der Himmel?“ — Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ — und fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ — Es verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: „Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ — Ich erklärte ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand — die Erfüllung des Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt werde.

Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ — Ein andermal fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ — „Nein,“ entgegnete ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben könnte.“ — „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine erschaffen hat.“ —

Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ —

Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren werden?“ — Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl sehr geräuschvoll zugehen.“ — Sie besitzt einen scharfen Blick für das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.

Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. — „Hat sie Füße? Kann sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.

Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die man ihr eingeprägt hatte.

Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ — Als ihr dies bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg zerschlagen hat?“ — Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun vermag?“

Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.

Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt darin unter anderem:

Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.

Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte. Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im Innern anderer Menschen vorgeht.

Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden schreiben, weil sie nicht anders können.

Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung weniger von mir abhängig gewesen sein.

Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.

Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden. Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.


Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo Dr. Howe aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatte Dr. Howe gesucht, sich aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.

Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?

Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, »sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.

So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein normales Kind behandeln.

Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. [S. 287 f.]). Helen Keller soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.

Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes immer und immer wieder überlas — ein Spiel, das sie für sich selbst trieb.

Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, schreibt über Helen:

Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »Le Médecin malgré lui« gleiten ließ und bei den komischen Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern nur eine ihrer Erholungen. —

So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.

Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.

Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf die Frage, was ihr fehle, antwortete: I am preparing to assert my independence. Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen ist.

Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob und mit Helen darüber sprach (s. [S. 236]), so erteilte sie eine Art von Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.

Augenscheinlich befindet sich Dr. Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.

Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung vor ihr Gesicht (s. [S. 14]). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.

So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.

[23] Vergl. „The life and Education of Laura Dewey Bridgman“ von Mary Swift Lamson. — Jerusalem, Laura Bridgman. Eine psychologische Studie.

[24] Vergl. auch [S. 62 ff.]

[25] Vergl. [S. 148.]

[26] Vergl. [S. 149.]

[27] Siehe [S. 135.]