Dritter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Hilde (nimmt einen ernsten Ausdruck an).
Solneß (mit einem Blick auf die Thür, die behutsam von innen zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, daß sie weggeht, sobald ich komme?
Hilde. Ich habe bemerkt, daß Sie sie wegscheuchen, sobald Sie kommen.
Solneß. Mag sein. Dafür kann ich aber nichts. (Er sieht sie aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus.
Hilde. Ich kam soeben von einem Grabgewölbe herauf.
Solneß. Was soll das heißen?
Hilde. Daß es mich frostig angeweht hat, Baumeister.
Solneß (langsam). Ich glaube, ich verstehe —
Hilde. Weswegen sind Sie jetzt hier?
Solneß. Ich sah da drüben, daß Sie hier waren.
Hilde. Dann sahen Sie aber auch sie?
Solneß. Ich wußte, daß sie gleich gehen würde, wenn ich käme.
Hilde. Thut Ihnen das recht leid, daß sie Ihnen so aus dem Wege geht?
Solneß. Gewissermaßen empfinde ich es auch als eine Erleichterung.
Hilde. Daß Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben?
Solneß. Jawohl.
Hilde. Daß Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt?
Solneß. Ja. Darum am meisten.
Hilde (geht, die Hände auf dem Rücken, zum Geländer hin, bleibt dort stehen und blickt über den Garten hinaus).
Solneß (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr?
Hilde (steht unbeweglich da, ohne zu antworten).
Solneß. Lange, frag ich?
Hilde (schweigt).
Solneß. Wovon redete sie denn, Hilde?
Hilde (schweigt noch immer).
Solneß. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein.
Hilde (wird von einem nervösen Zucken durchfahren, dann nickt sie schnell ein paar Mal hintereinander).
Solneß. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's nicht. (Er nähert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine Salzsäule. So standen Sie gestern Abend auch da.
Hilde (dreht sich um und sieht ihn mit großen Augen an). Ich reise ab.
Solneß (in scharfem Ton). Sie reisen ab!
Hilde. Ja.
Solneß. Das erlaube ich aber nicht!
Hilde. Was soll ich jetzt noch hier?
Solneß. Nur daß Sie da sind, Hilde!
Hilde (mißt ihn mit dem Blick). Wär nicht übel. Dabei würde es wohl kaum sein Bewenden haben.
Solneß (unüberlegt). Um so besser!
Hilde (heftig). Ich kann nichts Böses vorhaben gegen eine, die ich kenne! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehört.
Solneß. Wer sagt denn, daß Sie das sollen?
Hilde (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas ganz anderes. Wenn's eine wäre, die ich in meinem Leben nie gesehen hätte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin —! Nein! O nein! Pfui!
Solneß. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt!
Hilde. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen würde. Und darum reise ich auch ab.
Solneß. Und was soll aus mir werden, wenn Sie fort sind? Wofür habe ich nachher noch zu leben?
Hilde (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit Ihnen hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr gegenüber. Leben Sie doch für die Pflichten.
Solneß. Zu spät. Diese Mächte — diese — diese —
Hilde. Teufelchen —
Solneß. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.) Meinem Glück zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermütig.) Und jetzt ist sie tot — um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) Ich — ich, der ein freudeloses Leben nicht tragen kann!
Hilde (geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was werden Sie denn das nächste Mal bauen?
Solneß (schüttelt den Kopf). Glaub nicht, daß es was rechtes mehr wird.
Hilde. Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und Vater? Und für die Kinderschar?
Solneß. Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach.
Hilde. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran gearbeitet — das Leben sozusagen darauf eingesetzt — nur darauf.
Solneß. Da haben Sie recht, Hilde.
Hilde (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern vor! Wirklich so albern —!
Solneß. Was meinen Sie?
Hilde. Daß einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf. Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht, den man kennt!
Solneß. Jemand, an dem man nicht vorbei darf.
Hilde. Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht dürfte. Aber trotzdem — Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen könnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, läßt die linke Seite des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.)
Solneß (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben Sie ein trauliches glückliches Heim, Hilde — droben bei Ihrem Vater?
Hilde (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur einen Käfig hatte ich.
Solneß. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?
Hilde (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig.
Solneß. Lieber jagen in freier Luft —
Hilde (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten.
Solneß (läßt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im Leibe hätte —
Hilde (mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen aufschlägt, sich aber nicht rührt). Und das andere? Nennen Sie's!
Solneß. Ein robustes Gewissen.
Hilde (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich weiß, was Sie das nächste Mal bauen werden!
Solneß. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde.
Hilde. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm.
Solneß. Und was wird's denn werden?
Hilde (nickt wieder). Das Schloß.
Solneß. Was für ein Schloß?
Hilde. Mein Schloß natürlich.
Solneß. Jetzt wollen Sie gar ein Schloß haben?
Hilde. Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen darf?
Solneß. Das behaupten Sie wenigstens.
Hilde. Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu einem Königreich gehört doch wohl ein Schloß, soviel ich weiß.
Solneß (immer aufgeräumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu sein.
Hilde. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich!
Solneß (lachend). So auf der Stelle? — Das auch noch?
Hilde. Freilich! Denn jetzt sind sie um — die zehn Jahre. Und ich will nicht länger warten. Also — heraus mit dem Schloß, Baumeister!
Solneß. Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.
Hilde. Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu spät. Also — (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloß auf den Tisch! Es ist mein Schloß! Gleich will ich's haben!
Solneß (mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloß vorgestellt, Hilde?
Hildes (Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam in sich selbst hinein). Mein Schloß soll hoch oben liegen. Sehr hoch soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So daß ich weit hinausblicken kann — weit hinaus.
Solneß. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören?
Hilde. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein Söller. Und auf dem will ich stehen —
Solneß (greift sich unwillkürlich an die Stirn). Daß Sie daran Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen —
Hilde. O gewiß! Gerade dort oben will ich stehen und die andern ansehen — die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und Vater und die Kinderschar. Und Sie dürfen auch hinaufkommen und sich's ansehen.
Solneß (gedämpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?
Hilde. Wenn der Baumeister will.
Solneß (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.
Hilde (nickt). Der Baumeister — der kommt.
Solneß. Wird aber nie mehr bauen — der arme Baumeister.
Hilde (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen wir das Herrlichste — das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt.
Solneß (gespannt). Hilde — sagen Sie mir, was das ist!
Hilde (sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister — die sind sehr — sehr dumme Leute.
Solneß. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir zwei miteinander bauen sollen?
Hilde (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Luftschlösser.
Solneß. Luftschlösser?
Hilde (nickt). Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein Luftschloß für ein Ding ist?
Solneß. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden.
Hilde (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung). Ja, versteht sich! Luftschlösser — die sind ja so bequeme Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch an), besonders für die Baumeister, die ein — schwindliges Gewissen haben.
Solneß (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander, Hilde.
Hilde (mit einem halb zweifelnden Lächeln). So'n richtiges Luftschloß?
Solneß. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.
Ragnar Brovik (kommt aus dem Hause heraus; er trägt einen großen grünen Kranz, der mit Blumen und Seidenbändern geschmückt ist).