Fünfter Auftritt.

Ragnar Brovik. Hilde Wangel.

Hilde (blickt Solneß nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir scheint, Sie hätten ihm schon mit ein paar Worten danken können.

Ragnar. Ihm danken? Dem hätte ich danken sollen?

Hilde. Ja, das hätten Sie doch wahrhaftig thun sollen!

Ragnar. Da müßte ich wohl eher noch Ihnen danken.

Hilde. Wie können Sie so was sagen?

Ragnar (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Denn den kennen Sie noch nicht recht.

Hilde (feurig). O ich kenne ihn am allerbesten!

Ragnar (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat — Und das alles nur um —!

Hilde (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um —? Sagen Sie mir's gleich!

Ragnar. Um sie bei sich behalten zu können.

Hilde (springt auf ihn zu). Das Fräulein am Pult?

Ragnar. Ja.

Hilde (drohend, mit geballten Händen). Es ist nicht wahr! Sie verleumden ihn!

Ragnar. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute — als sie's selber sagte.

Hilde (wie außer sich). Was sagte sie! Ich will's wissen! Gleich! Gleich!

Ragnar. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten. Alle ihre Gedanken gehörten nur ihm allein. Sie sagt, daß sie niemals von ihm lassen kann. Daß sie hier bleiben will, wo er ist —

Hilde (mit sprühenden Augen). Das darf sie nicht!

Ragnar (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern?

Hilde (schnell). Er will's auch nicht haben!

Ragnar. Nein, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze Geschichte. Hernach würde sie wohl nur — lästig fallen.

Hilde. Gar nichts verstehen Sie — wenn Sie so was reden können! Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Fräulein festhielt.

Ragnar. Und warum denn?

Hilde. Um Sie behalten zu können.

Ragnar. Hat er Ihnen das gesagt?

Hilde. Nein, es ist aber so! Es muß so sein! (Ungestüm.) Ich will — ich will, daß es so sein soll!

Ragnar. Und gerade als Sie kamen — da ließ er sie fahren.

Hilde. Sie — Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was, glauben Sie wohl, kümmert der sich um fremde Fräulein?

Ragnar (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit insgeheim gefürchtet haben?

Hilde. Der sich fürchten! So eingebildet sollten Sie denn doch nicht sein.

Ragnar. O er muß doch schon lange gemerkt haben, daß ich auch was tauge. Übrigens — furchtsam — das ist er nun einmal von Natur, wissen Sie.

Hilde. Er! Das machen Sie andern weis!

Ragnar. Gewissermaßen ist er furchtsam. Er, der große Baumeister. Andere Leute um ihr Lebensglück zu bringen — wie er's meinem Vater und mir gethan hat — davor hat er keine Furcht. Aber bloß ein armseliges Gerüst hinaufzuklettern — Gott bewahre ihn vor so einem Wagestück!

Hilde. O Sie hätten ihn nur so hoch oben sehen sollen — so himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe!

Ragnar. Das hätten Sie gesehen?

Hilde. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und kühn er dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte!

Ragnar. Ich weiß, daß er es einmal in seinem Leben gewagt hat. Ein einziges Mal. Wir Jüngeren haben so oft davon gesprochen. Aber keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen.

Hilde. Heute wiederholt er es!

Ragnar (höhnisch). Glauben Sie doch das nicht.

Hilde. Wir werden's schon erleben!

Ragnar. Das werden weder Sie noch ich erleben.

Hilde (unbändig). Ich will es erleben! Ich will und muß es erleben!

Ragnar. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht. Denn die Schwäche hat er nun einmal — er, der große Baumeister.

Frau Solneß (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus).