Neunter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Solneß. Es soll jemand da sein, höre ich, der mich sprechen will.
Hilde. Jawohl, das bin ich, Baumeister.
Solneß. So, Sie sind's, Hilde. Ich fürchtete schon, es könnten Aline und der Doktor sein.
Hilde. Sie sind gewiß überhaupt recht furchtsam!
Solneß. Glauben Sie?
Hilde. Die Leute sagen, Sie fürchten sich davor, auf den Gerüsten herumzukrabbeln.
Solneß. Nun, mit dem Ding hat's so seine eigene Bewandtnis.
Hilde. Aber sich davor fürchten — das thun Sie also?
Solneß. Ja, das thue ich.
Hilde. Fürchten Sie, daß Sie herunterfallen könnten und sich's Genick brechen?
Solneß. Nein, das nicht.
Hilde. Was denn aber?
Solneß. Ich fürchte die Wiedervergeltung, Hilde.
Hilde. Die Wiedervergeltung? (Sie schüttelt den Kopf.) Das verstehe ich nicht.
Solneß. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzählen.
Hilde. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett am Geländer und blickt ihn erwartungsvoll an.)
Solneß (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja — das erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten.
Hilde (nickt). Das weiß ich.
Solneß. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es könnte für mich gar nichts Höheres geben, als diese Kirchenbauerei.
Hilde. Ja, warum denn nicht?
Solneß. Und das darf ich schon sagen — ich baute diese kleinen ärmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen Gemüt, daß — daß —
Hilde. Daß —? Nun?
Solneß. Daß ich meine, er hätte wohl mit mir zufrieden sein können.
Hilde. Er? Welcher er?
Solneß. Er, für den die Kirchen bestimmt waren, natürlich! Er, dem zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren.
Hilde. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, daß — daß er nicht — so — mit Ihnen zufrieden war?
Solneß (höhnisch). Er mit mir zufrieden! Wie können Sie nur so reden, Hilde? Er, der es zuließ, daß der Unhold in mir herumrumorte nach eigenem Gutdünken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu sein Tag und Nacht, um mir zu dienen — all diesen — diesen —
Hilde. Teufelchen —
Solneß. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu fühlen, daß er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) Das, sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus niederbrennen ließ.
Hilde. War das der Grund?
Solneß. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach — ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht, wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf.
Hilde. Wann war das?
Solneß. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger.
Hilde. Das dachte ich mir.
Solneß. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Städtchen, dort konnte ich meinen Grübeleien ungestört nachhängen. Und da sah ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wäre. Nicht von so was wie Liebe und Glück, verstehen Sie. Ich sollte nur Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich damit zubringen, für ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde freilich nichts.
Hilde. Was thaten Sie denn?
Solneß. Zuerst erforschte und prüfte ich mich selbst —
Hilde. Und dann?
Solneß. Dann that ich das Unmögliche. Ich wie er!
Hilde. Das Unmögliche?
Solneß. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei hinaufzusteigen. Aber an dem Tage konnte ich es.
Hilde (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie!
Solneß. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die Wetterfahne hängte, da sprach ich zu ihm: jetzt höre mich an, du Mächtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen für dich bauen. Nur Heimstätten für Menschen.
Hilde (mit großen funkelnden Augen). Das war der Gesang, den ich hoch oben hörte.
Solneß. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mühle.
Hilde. Was meinen Sie damit?
Solneß (sieht sie mißmutig an). Heimstätten für Menschen zu bauen — das ist keine fünf Pfennig wert, Hilde.
Hilde. So urteilen Sie jetzt?
Solneß. Jetzt sehe ich's nämlich ein. Die Menschen haben die Heimstätten da gar nicht nötig. Jedenfalls nicht um glücklich zu sein. Und ich hätte auch so ein Heim nicht nötig gehabt. Wenn ich eins besessen hätte, heißt das. (Mit einem leisen erbitterten Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschluß, soweit ich zurückblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts geopfert, um zum Bauen zu kommen. Nichts, gar nichts — alles miteinander.
Hilde. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach.
Solneß (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen!
Hilde. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich!
Solneß. Das einzige, von dem ich glaube, daß Menschenglück darin wohnen kann — das will ich jetzt bauen.
Hilde (sieht ihn fest an). Baumeister — jetzt denken Sie an unsere Luftschlösser.
Solneß. An die Luftschlösser, jawohl.
Hilde. Ich fürchte, es würde Ihnen schwindelig werden, ehe wir halbwegs kämen.
Solneß. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde.
Hilde (mit einem Anflug von unterdrücktem Zorn). Nur mit mir? Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein?
Solneß. Wer denn sonst noch, meinen Sie?
Hilde. O — zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding — wollen Sie nicht die auch mitnehmen?
Solneß. Aha. War sie's, von der Aline vorhin mit Ihnen redete?
Hilde. Ist es wahr oder nicht?
Solneß (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und unbedingt sollen Sie an mich glauben!
Hilde. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt.
Solneß. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben!
Hilde. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei!
Solneß (schwermütig). Ach, Hilde — so stehe ich nicht im Alltagsleben da.
Hilde (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das Unmögliche noch einmal!
Solneß (blickt sie tief an). Wenn ich es versuche, Hilde, dann will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that.
Hilde (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen?
Solneß. Ich will ihm sagen: höre mich, großmächtiger Herr — du magst nun über mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach baue ich bloß das Herrlichste auf Erden —
Hilde (hingerissen). Ja — ja!
Solneß. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe —
Hilde. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das!
Solneß. Gewiß. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich hinunter und umschlinge sie mit den Armen und küsse sie —
Hilde. Viele Male! Sagen Sie's!
Solneß. Viele, viele Male, werde ich sagen.
Hilde. Und dann —?
Solneß. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter auf die Erde — und thue, wie ich ihm sagte.
Hilde (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so, wie damals, als ich Gesang hörte hoch oben!
Solneß (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem geworden, was Sie sind, Hilde?
Hilde. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin?
Solneß (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schloß bekommen.
Hilde (jubelnd, in die Hände klatschend). Ach, Baumeister —! Mein wunder — wunderschönes Schloß! Unser Luftschloß!
Solneß. Mit einer Grundmauer darunter.
Eine Menschenmenge (die nur undeutlich zwischen den Bäumen erblickt wird, hat sich auf der Straße versammelt).
(In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertönt Musik von Blasinstrumenten.)
Frau Solneß (die einen Pelzkragen um hat, Doktor Herdal, der ihren weißen Shawl auf dem Arme trägt, und einige Damen kommen auf die Veranda hinaus. Ragnar Brovik kommt gleichzeitig vom Garten hinauf).