Sechster Auftritt.

Solneß. Hilde Wangel.

Hilde (sieht Solneß zornig an). Das war recht häßlich von Ihnen.

Solneß. Meinen Sie das auch?

Hilde. Ja, furchtbar häßlich war's. Und hart und böse und grausam noch dazu.

Solneß. Ach, Sie begreifen nicht, was in mir vorgeht.

Hilde. Und doch — Nein, Sie sollen nicht so sein.

Solneß. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen dürfen.

Hilde. So was kann ich sagen. Aber Sie dürfen's nicht.

Solneß. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz erkauft habe.

Hilde. Nun ja — mit etwas, was Sie häusliches Behagen nennen — und dergleichen.

Solneß. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein.

Hilde (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie recht! Armer Baumeister — Sie bilden sich ja ein, daß —

Solneß (von einem stillen Lachen geschüttelt). Setzen Sie sich nur wieder, Hilde. Da erzähle ich Ihnen etwas Spaßhaftes.

Hilde (gespannt, setzt sich). Nun also?

Solneß. Es nimmt sich aus, wie ein lächerlich kleines Ding. Denn die ganze Geschichte dreht sich bloß um eine Ritze in einer Schornsteinröhre.

Hilde. Weiter nichts?

Solneß. Anfangs war's weiter nichts. (Er rückt einen Stuhl an den Hildes näher heran und setzt sich.)

Hilde (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der Schornsteinröhre also!

Solneß. Ich hatte die Ritze in der Röhre bemerkt, lange bevor das Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah ich nach, ob sie noch da wäre.

Hilde. Und das war sie?

Solneß. Jawohl. Denn niemand anders wußte darum.

Hilde. Und Sie sagten nichts?

Solneß. Gar nichts.

Hilde. Dachten auch nicht daran, die Röhre ausbessern zu lassen?

Solneß. Dachte schon daran — kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was daraus.

Hilde. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmütze.

Solneß. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und gedämpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinröhre könnte ich mich vielleicht emporschwingen — als Baumeister.

Hilde (blickt vor sich hin). Das muß spannend gewesen sein.

Solneß. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte draußen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben.

Hilde. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein?

Solneß. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natürlich für Aline recht warm und gemütlich herrichten, bis sie heimkäme.

Hilde. Denn die friert gewiß leicht.

Solneß. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir den Rauch sehen.

Hilde. Bloß den Rauch?

Solneß. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht hätten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden Feuermassen umhüllt sein. — Auf die Art wollte ich's haben, sehen Sie.

Hilde. Aber du lieber Gott, daß es so nicht kommen konnte!

Solneß. Ja, das können Sie schon sagen, Hilde.

Hilde. Jetzt hören Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz bestimmt, daß das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein herrührte?

Solneß. Im Gegenteil. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Ritze im Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte.

Hilde. Was!

Solneß. Es ist völlig erwiesen, daß das Feuer in einer Kleiderkammer ausbrach — in einem ganz andern Teil des Hauses.

Hilde. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze im Schornstein!

Solneß. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde?

Hilde. Ja, wenn Sie nur vernünftig reden wollen —

Solneß. Ich will's versuchen. (Er rückt seinen Stuhl näher.)

Hilde. Also heraus mit der Sprache, Baumeister.

Solneß (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, daß es einzelne auserkorene, auserwählte Menschen giebt, denen die Gnade verliehen wurde und die Macht und die Fähigkeit, etwas zu wünschen, etwas zu begehren, etwas zu wollen — so beharrlich und so — so unerbittlich — daß sie es zuletzt bekommen müssen. Glauben Sie das nicht?

Hilde (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn das der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen — ob ich zu den Auserkorenen gehöre.

Solneß. Allein wirkt einer so große Dinge nicht. O nein — die Helfer und die Diener — die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie.

Hilde. Was sind denn das für Helfer und Diener?

Solneß. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir jetzt bei der Geschichte mit dem Brand.

Hilde. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre — wenn Sie ihn auch nicht herbeigewünscht hätten?

Solneß. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, dem wär's gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht. (Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde — ich bin's also doch, der daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten. Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am liebsten wollte.

Hilde. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind, dann —?

Solneß. Wer rief die Helfer und Diener? Das that ich! Und da kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender Erregung.) Das ist's, was die Leute „Glück haben“ nennen. Aber ich will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um meine Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie — niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt.

Hilde (sieht ihn aufmerksam an). Sie sind krank, Baumeister. Schwer krank, glaub ich fast.

Solneß. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja.

Hilde. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts.

Solneß. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit!

Hilde. Ob die Sache nicht die ist, daß Sie mit einem kränklichen Gewissen zur Welt gekommen sind.

Solneß. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein Teufelszeug?

Hilde. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich ist. So — zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was schwer ist, nicht heben noch tragen kann.

Solneß (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich fragen darf?

Hilde. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so — so recht robust wäre.

Solneß. So? Robust? Na. Haben Sie vielleicht ein robustes Gewissen?

Hilde. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes gemerkt.

Solneß. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt worden, denk ich mir.

Hilde (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe.

Solneß. Ach was! Für einen Monat oder zwei —

Hilde. Ich komme gewiß niemals wieder heim.

Solneß. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort.

Hilde (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder vergessen, daß die zehn Jahre um sind?

Solneß. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun?

Hilde (ernsthaft). Es war dieses Etwas in meinem Innern, was mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog zu gleicher Zeit.

Solneß (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem, sehen Sie — der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann muß man nachgeben — man mag wollen oder nicht.

Hilde. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister.

Solneß (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde.

Hilde. Teufelchen auch noch?

Solneß (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding ganz einfach!

Hilde (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges, von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das getraute, was man am liebsten möchte.

Solneß (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube, daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich selber.

Hilde. Mag schon sein.

Solneß (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern — Haben Sie von den alten Sagenbüchern etwas gelesen?

Hilde. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las —

Solneß. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten und Männer totschlugen —

Hilde. Und Weiber gefangen nahmen —

Solneß. Und sie bei sich behielten —

Hilde. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen —

Solneß. Und mit ihnen verfuhren wie — wie die schlimmsten Unholde.

Hilde (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir scheint, das mußte spannend sein.

Solneß (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen? Jawohl.

Hilde. Gefangen zu werden.

Solneß (sieht sie einen Augenblick an). Ach so.

Hilde (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den Wikingern hinaus, Baumeister?

Solneß. Ja, sehen Sie, die Kerle hatten ein robustes Gewissen! Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde?

Hilde. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet.

Solneß. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln?

Hilde. Warum denn nicht?

Solneß. Mit so einem — Gewaltthäter zusammenleben — freiwillig?

Hilde. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen hätte, dann —

Solneß. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen?

Hilde. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man lieb gewinnen soll.

Solneß (sieht sie nachdenklich an). Ach nein — das entscheidet wohl der Unhold, der in einem wohnt.

Hilde (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die blondhaarigen als die schwarzhaarigen.

Solneß (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde.

Hilde. Für mich haben sie schon gewählt. Ein für allemal.

Solneß (blickt sie tief an). Hilde — Sie sind wie ein wilder Waldvogel.

Hilde. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch.

Solneß. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem Raubvogel ähnlich.

Hilde. Das noch eher — vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen? Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten.

Solneß. Hilde — wissen Sie, was Sie sind?

Hilde. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel.

Solneß. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie ansehe — dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang.

Hilde. Sagen Sie mir, Baumeister — wissen Sie bestimmt, daß Sie mich nie gerufen haben? So inwendig?

Solneß (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan haben.

Hilde. Was wollten Sie von mir?

Solneß. Sie sind die Jugend, Hilde.

Hilde (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben?

Solneß (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich herbeiwünsche.

Hilde (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also —

Solneß (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es lange genug angesehen.

Hilde. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben.

Solneß. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht.

Hilde. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den Zeichnungen zu bauen.

Solneß. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon gesichert haben, der — der Monsieur.

Hilde. Aber du lieber Gott — wenn sich's so verhält — können Sie dann nicht ein klein bißchen lügen?

Solneß. Lügen? (Wütend). Hilde — gehen Sie weg von mir mit Ihren Teufelszeichnungen!

Hilde (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu — beißen Sie mich doch nicht. — Sie reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben Sie Feder und Tinte?

Solneß. Giebt's nicht hier im Zimmer.

Hilde (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch —

Solneß. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! — Ich sollte lügen, sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen geworfen.

Hilde. Den auch?

Solneß. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar — der darf um keinen Preis in die Höhe kommen.

Hilde. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts taugt, dann —

Solneß (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in die Höhe, dann schlägt er mich zu Boden. Erdrückt mich — wie ich's mit seinem Vater that. —

Hilde. Erdrückt er Sie? Taugt er denn?

Solneß. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß der taugt! Der ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen.

Hilde (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister!

Solneß. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich durchgemacht habe. — Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und Diener mir nicht mehr gehorchen.

Hilde. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts anderes zu thun.

Solneß. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich.

Hilde (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr ist als das Leben!

Solneß. Und was ist denn das?

Hilde. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun, jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch bei sich?

Solneß (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen.

Hilde (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt, Baumeister, setzen wir uns, wir zwei.

Solneß (setzt sich an den Tisch).

Hilde (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar — oder wie er nun heißt.

Solneß (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde.

Hilde. Nun?

Solneß. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben —

Hilde. Was dann?

Solneß. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen antworten können.

Hilde (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben wollte.

Solneß. Warum nicht?

Hilde. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen zusammenbrechen. — Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas hinaufschreiben, Baumeister.

Solneß. Ja freilich.

Hilde (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse — wie ich ihn hasse, diesen Roald —

Solneß (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt, Hilde?

Hilde (hart). Was sagten Sie?

Solneß. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben?

Hilde. Jemand anderen, meinen Sie wohl?

Solneß (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das nie? In diesen zehn Jahren? Niemals?

Hilde. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil Sie nicht kamen.

Solneß. Da hatten Sie andere auch gern?

Hilde. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott, Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält.

Solneß. Hilde — in welcher Absicht sind Sie hergekommen?

Hilde. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben.

Solneß. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir?

Hilde. Ich will mein Königreich haben.

Solneß. Hm — (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu schreiben fort).

Frau Solneß (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete).