Zehnter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Hilde (schlendert, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer herum und sieht bald dieses, bald jenes an).
Solneß (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hände auf dem Rücken, und folgt ihr mit den Augen).
Hilde (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere Kinderstuben?
Solneß. Drei Kinderstuben sind im Hause.
Hilde. Ist's möglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder?
Solneß. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt können ja Sie hier das Kind sein einstweilen.
Hilde. Für diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will versuchen zu schlafen wie ein Stein.
Solneß. Sie müssen in der That sehr müde sein, denk ich mir.
Hilde. O nein! Aber trotzdem — Es ist nämlich so furchtbar schön, so dazuliegen und zu träumen.
Solneß. Träumen Sie oft so in der Nacht?
Hilde. Jawohl! Fast immer.
Solneß. Wovon träumen Sie denn meistens?
Hilde. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal — vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte stehen und wühlt ein wenig in den Büchern und Papieren herum.)
Solneß (nähert sich). Suchen Sie etwas?
Hilde. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um). Es ist vielleicht nicht erlaubt?
Solneß. O bitte.
Hilde. Sind Sie's, der in dem großen Protokollbuch schreibt?
Solneß. Nein, das thut die Buchhalterin.
Hilde. Ein Frauenzimmer?
Solneß (lächelnd). Ja freilich.
Hilde. So eine, die Sie hier bei sich haben?
Solneß. Gewiß.
Hilde. Ist die verheiratet?
Solneß. Nein, es ist ein Fräulein.
Hilde. Ah so.
Solneß. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald.
Hilde. Um so besser für das Fräulein.
Solneß. Aber nicht eigentlich für mich. Dann hab ich nämlich niemand da, um mir zu helfen.
Hilde. Könnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wäre.
Solneß. Vielleicht möchten Sie hier bleiben und — und ins Protokollbuch schreiben?
Hilde (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schön an! Nein, ich danke — davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.)
Solneß (geht ebenfalls an den Tisch heran).
Hilde (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn lächelnd an). Meinen Sie nicht auch?
Solneß. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natürlich Einkäufe machen und sich recht schön herausputzen.
Hilde (lustig). Nein, das, glaub ich, laß ich lieber bleiben.
Solneß. So?
Hilde. Jawohl; ich habe nämlich mein ganzes Geld durchgebracht, müssen Sie wissen.
Solneß (lachend). Weder Koffer noch Geld also!
Hilde. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf — mir kann's jetzt gleich sein.
Solneß. Sehen Sie, das gefällt mir so recht an Ihnen.
Hilde. Nur das?
Solneß. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.) Lebt Ihr Vater noch?
Hilde. Jawohl, der Vater lebt.
Solneß. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren?
Hilde. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen.
Solneß. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich?
Hilde. Das hängt von den Umständen ab. (Sie sitzt eine Weile da und blickt ihn, während sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit unterdrücktem Lächeln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn vor sich auf den Tisch.) Baumeister?
Solneß. Ja?
Hilde. Sind etwa Sie sehr vergeßlich?
Solneß. Vergeßlich? Nicht daß ich wüßte.
Hilde. Aber wollen Sie denn gar nicht mit mir reden von dem, was da droben vorfiel?
Solneß (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger? (Gleichgültig.) Nun, darüber ist doch nicht viel zu reden, scheint mir.
Hilde (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie können Sie nur so was sagen!
Solneß. Nun, dann reden Sie zu mir darüber.
Hilde. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine große Feier in der Stadt.
Solneß. Ja, den Tag vergesse ich nicht so leicht.
Hilde (lächelnd). Nicht? Das ist aber schön von Ihnen!
Solneß. Schön?
Hilde. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert Menschen. Wir Schulmädchen waren weiß gekleidet. Und alle miteinander hatten wir Fahnen.
Solneß. Ach ja, die Fahnen — deren erinnere ich mich nur zu gut!
Hilde. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerüst empor. Direkt hinauf bis zur allerobersten Stelle. Und einen großen Kranz hatten Sie mit. Und den hängten Sie auf ganz oben am Wetterhahn.
Solneß (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist nämlich ein alter Brauch.
Hilde. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstürzte! Er — der Baumeister selber!
Solneß (gleichsam ablenkend). Na, das hätte auch leicht geschehen können. Denn eine von den weißgekleideten Teufelsmädchen da — die gebärdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf —
Hilde (freudestrahlend). „Es lebe der Baumeister Solneß!“ Jawohl!
Solneß. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her — daß mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen.
Hilde (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmädel — das war ich!
Solneß (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt überzeugt. Das müssen Sie gewesen sein.
Hilde (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schön und spannend. Ich konnte mir nicht denken, daß es in der ganzen Welt einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen könnte. Und dann, daß Sie selber droben standen, an der allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und daß Ihnen gar nicht ein bißchen schwindlig wurde! Das war's eigentlich, wovor einem am allermeisten — so — schwindelte.
Solneß. Woher wußten Sie denn so sicher, daß mir nicht —
Hilde (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn sonst hätten Sie ja oben nicht singen können.
Solneß (sie verwundert anblickend). Singen? Ich hätte gesungen?
Hilde. Ja, das thaten Sie doch wirklich.
Solneß (schüttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in meinem Leben.
Hilde. Doch. Damals sangen Sie. Es hörte sich an wie Harfen hoch oben.
Solneß (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches — diese ganze Geschichte.
Hilde (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedämpft). Aber dann — nachher — da kam ja das richtige.
Solneß. Das richtige?
Hilde (funkelnd lebhaft). Ja, daran brauch ich Sie wohl nicht zu erinnern?
Solneß. O doch, erinnern Sie mich daran auch ein wenig.
Hilde. Entsinnen Sie sich nicht, daß für Sie ein großes Diner war im Klub?
Solneß. Gewiß. Das muß denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den Morgen darauf reiste ich ab.
Hilde. Und vom Klub her waren Sie zu uns für den Abend geladen.
Solneß. Das ist ganz richtig, Fräulein Wangel. Merkwürdig, wie gut Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprägt haben.
Hilde. Kleinigkeiten! Sie sind aber köstlich! War das auch vielleicht eine Kleinigkeit, daß ich allein war in der Stube, als Sie kamen?
Solneß. Waren Sie das also?
Hilde (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht Teufelsmädel.
Solneß. Nein, das that ich hoffentlich nicht.
Hilde. Sie sagten, ich wäre wunderschön in dem weißen Kleide. Und daß ich aussähe wie eine kleine Prinzessin.
Solneß. Das thaten Sie gewiß auch, Fräulein Wangel. Und nebenbei — so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fühlte —
Hilde. Und dann sagten Sie, wenn ich erst groß wäre, sollte ich Ihre Prinzessin sein.
Solneß (lacht ein wenig). Ei, ei — sagte ich das auch?
Hilde. Jawohl, das thaten Sie. Und als ich dann fragte, wie lange ich warten sollte, da sagten Sie, Sie kämen in zehn Jahren wieder — wie ein Unhold — und entführten mich. Nach Spanien oder irgend so einem Lande. Und dort würden Sie mir ein Königreich kaufen, versprachen Sie.
Solneß (wie oben). Ja, nach einem guten Diner geht man immer sehr flott mit dem Gelde um. Aber sagte ich denn das alles?
Hilde (lacht leise). Freilich. Und Sie sagten auch, wie das Königreich heißen sollte.
Solneß. Nun —?
Hilde. Es sollte das Königreich Apfelsinia heißen.
Solneß. Nun, das war ja ein appetitlicher Name.
Hilde. Mir gefiel er aber gar nicht. Denn es war ja, als ob Sie sich über mich lustig machen wollten.
Solneß. Das war aber doch gewiß nicht meine Absicht.
Hilde. Nein, das war ja allerdings auch nicht anzunehmen. Nach dem, was Sie darauf thaten, da —
Solneß. Was um Himmels willen that ich denn darauf?
Hilde. Na, das fehlte gerade, daß Sie das auch vergessen hätten! Denn so etwas muß einer doch behalten, sollt ich meinen.
Solneß. Bringen Sie mich nur ein wenig darauf, dann wird's vielleicht — Nun?
Hilde (blickt ihn fest an). Sie küßten mich, Baumeister!
Solneß (erhebt sich mit offenem Munde). Ich that das?
Hilde. Jawohl, das thaten Sie. Sie faßten mich mit beiden Armen und bogen mir den Kopf zurück und küßten mich. Vielmal nacheinander.
Solneß. Aber ich bitte Sie, Fräulein Wangel —!
Hilde (erhebt sich). Sie wollen es doch nicht leugnen?
Solneß. Doch — das leugne ich entschieden!
Hilde (sieht ihn geringschätzig an). Ah so! (Sie dreht sich um und geht langsamen Schrittes dicht an den Ofen hin; dort bleibt sie stehen, den Blick abgewandt, regungslos, die Hände auf dem Rücken.)
(Kurze Pause.)
Solneß (nähert sich behutsam und bleibt hinter ihr stehen). Fräulein Wangel —?
Hilde (schweigt, rührt sich nicht).
Solneß. Stehen Sie doch nicht da wie eine Salzsäule. Was Sie da erzählten, das muß Ihnen geträumt haben. (Er legt die Hand auf ihren Arm). Hören Sie nur —
Hilde (macht mit dem Arm eine ungeduldige Bewegung).
Solneß (als ob ein Gedanke in ihm aufblitze). Oder sollte —! Warten Sie ein wenig —! Da steckt etwas tieferes dahinter, glauben Sie mir!
Hilde (rührt sich nicht).
Solneß (gedämpft, aber mit Nachdruck). Ich muß an das alles gedacht haben. Ich muß es gewollt haben. Es gewünscht, dazu Lust gehabt. Und da — Sollte es nicht so zusammenhängen?
Hilde (schweigt noch immer).
Solneß (ungeduldig). Na ja, zum Kuckuck — dann hab ich's gethan!
Hilde (dreht den Kopf ein wenig zur Seite, jedoch ohne ihn anzusehen). Sie gestehen also?
Solneß. Jawohl. Alles, was Sie wollen.
Hilde. Daß Sie die Arme um mich schlangen?
Solneß. Jawohl!
Hilde. Und mir den Kopf zurückbogen?
Solneß. Sehr weit zurück.
Hilde. Und mich küßten?
Solneß. Ja, das that ich.
Hilde. Vielmal nacheinander?
Solneß. So viel Sie nur wollen.
Hilde (dreht sich rasch zu ihm um und hat von neuem den freudenfunkelnden Ausdruck in den Augen). Nun, sehen Sie, da hab ich's doch aus Ihnen herausgelockt!
Solneß (verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln). Ja, denken Sie nur — daß ich so was vergessen konnte.
Hilde (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, Sie haben wohl so viele in Ihrem Leben geküßt, kann ich mir vorstellen.
Solneß. Nein, das müssen Sie doch nicht von mir glauben.
Hilde (setzt sich in den Lehnstuhl).
Solneß (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl stützt und blickt sie spähend an). Fräulein Wangel?
Hilde. Ja?
Solneß. Wie war das doch? Was geschah denn weiter — zwischen uns beiden, mein ich?
Hilde. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl. Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann — pros't Mahlzeit!
Solneß. Richtig! Die andern kamen. Daß ich auch das vergessen konnte.
Hilde. Ach, Sie haben wahrhaftig nichts vergessen. Sie haben sich nur ein bißchen geschämt. So was vergißt einer doch nicht, sollt' ich meinen.
Solneß. Nein, das sollte man ja annehmen.
Hilde (wieder lebhaft, sieht ihn an). Oder haben Sie etwa auch vergessen, an welchem Tag es war?
Solneß. An welchem Tag —?
Hilde. Jawohl. An welchem Tag hängten Sie den Kranz am den Turm? Nun? Sagen Sie's gleich!
Solneß. Hm — das Datum hab' ich weiß Gott vergessen. Ich kann nur sagen, daß es vor zehn Jahren war. So zur Herbstzeit.
Hilde (nickt mehrmals langsam mit dem Kopf). Es war vor zehn Jahren. Am neunzehnten September.
Solneß. Das wird's gewesen sein. So — so, das haben Sie auch noch behalten! (Er hält inne.) Aber warten Sie ein wenig —! Gewiß — heute haben wir auch den neunzehnten September.
Hilde. Jawohl. Und die zehn Jahre sind um. Und Sie kamen nicht — wie Sie mir's versprochen hatten.
Solneß. Versprochen? Womit ich Ihnen Angst gemacht hatte, meinen Sie wohl?
Hilde. Es scheint mir nicht, daß das etwas zum Angstmachen war.
Solneß. Nun, dann war's also etwas, womit ich mich lustig machte?
Hilde. Nur das wollten Sie? Sich über mich lustig machen?
Solneß. Na, oder sagen wir: ein wenig mit Ihnen scherzen. Ich weiß es, Gott verzeih mir, nicht mehr. Aber irgend so was ist es wohl gewesen. Denn Sie waren ja nur ein Kind damals.
Hilde. O ein pures Kind war ich denn doch nicht. Nicht so ein angehender Backfisch, wie Sie glauben.
Solneß (sieht sie forschend an). Haben Sie die ganze Zeit wirklich in vollem Ernst gedacht, ich würde wiederkommen.
Hilde (verhehlt ein halb neckisches Lächeln). Freilich! Das hatte ich mir von Ihnen erwartet.
Solneß. Daß ich ins Haus kommen würde zu den Ihrigen und Sie mitnehmen?
Hilde. Genau wie ein Unhold, jawohl.
Solneß. Und Sie zur Prinzessin machen?
Hilde. Das versprachen Sie mir ja.
Solneß. Und Ihnen ein Königreich geben noch dazu?
Hilde (blickt zur Decke empor). Warum denn nicht? Es brauchte ja nicht gerade so ein gewöhnliches richtiges Königreich zu sein.
Solneß. Aber etwas anderes, was ebensogut wäre?
Hilde. Mindestens ebensogut. (Sie sieht ihn ein wenig an.) Konnten Sie die höchsten Kirchtürme der Welt bauen, da mußten Sie wohl auch für so was wie ein Königreich Rat schaffen können — dachte ich mir.
Solneß (schüttelt den Kopf). Ich kann aus Ihnen nicht recht klug werden, Fräulein Wangel.
Hilde. Nicht? Mir kommt das Ding so einfach vor.
Solneß. Nein, ich kann nicht herausbringen, ob Sie das alles meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben —
Hilde (lächelnd). Mich lustig machen etwa? Wie damals Sie?
Solneß. Ganz recht. Daß Sie sich lustig machen. Über uns beide. (Mit einem Blick auf sie.) Haben Sie lange gewußt, daß ich verheiratet bin?
Hilde. Freilich, das habe ich die ganze Zeit gewußt. Warum fragen Sie danach?
Solneß (leicht hinwerfend). Ach, es fiel mir nur so ein. (Er sieht sie ernst an und sagt gedämpft.) Warum sind Sie hergekommen?
Hilde. Weil ich mein Königreich haben will. Jetzt ist ja die Frist um.
Solneß (lacht unwillkürlich). Sie sind kostbar!
Hilde (lustig). Heraus mit meinem Königreich, Baumeister! (Mit dem Finger klopfend.) Das Königreich auf den Tisch!
Solneß (rückt den Schaukelstuhl näher und setzt sich). Ernsthaft gesprochen — warum sind Sie hergekommen? Was wollen Sie eigentlich hier thun?
Hilde. Nun, fürs erste will ich herumgehen und mir alles ansehen, was Sie gebaut haben.
Solneß. Da können Sie lange herumlaufen.
Hilde. Freilich, Sie haben ja so furchtbar viel gebaut.
Solneß. Das hab' ich. Meist in den letzten Jahren.
Hilde. Viele Kirchtürme auch? Solche ungeheuer hohe?
Solneß. Nein. Ich baue jetzt keine Kirchtürme mehr. Und auch keine Kirchen.
Hilde. Was bauen Sie denn jetzt?
Solneß. Heimstätten für Menschen.
Hilde (nachdenklich). Könnten Sie nicht auch über den Heimstätten da so'n wenig — so Kirchtürme machen?
Solneß (stutzt). Was meinen Sie damit?
Hilde. Ich meine — etwas, was emporzeigt — frei in die Luft hinauf. Mit dem Wetterhahn in schwindelnder Höhe.
Solneß (grübelt ein wenig). Merkwürdig genug, daß Sie das sagen. Denn das ist's ja eben, was ich am allerliebsten möchte.
Hilde (ungeduldig). Aber warum thun Sie's dann nicht?
Solneß (schüttelt den Kopf). Die Menschen wollen's nicht so haben.
Hilde. Denken Sie nur — daß die das nicht wollen!
Solneß (in leichterem Ton). Jetzt baue ich mir aber ein neues Heim. Hier gerade gegenüber.
Hilde. Für Sie selber?
Solneß. Jawohl. Es ist beinahe fertig. Und auf dem ist ein Turm.
Hilde. Ein hoher Turm?
Solneß. Jawohl.
Hilde. Sehr hoch?
Solneß. Die Leute werden gewiß sagen, daß er zu hoch ist. Für ein Wohnhaus wenigstens.
Hilde. Den Turm da will ich mir ansehen, gleich morgen früh.
Solneß (sitzt da, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrt sie an). Sagen Sie mir, Fräulein Wangel — wie heißen Sie? Mit dem Vornamen, meine ich.
Hilde. Ich heiße ja Hilde.
Solneß (wie oben). Hilde? So?
Hilde. Haben Sie denn das nicht behalten? Sie nannten mich ja selber Hilde. Den Tag, da Sie ungezogen waren.
Solneß. Das that ich auch?
Hilde. Damals sagten Sie aber: kleine Hilde. Und das gefiel mir nicht.
Solneß. So, das gefiel Ihnen nicht, Fräulein Hilde?
Hilde. Nein. Bei der Gelegenheit nicht. Übrigens — „Prinzessin Hilde“ — Das wird sich ganz gut ausnehmen, scheint mir.
Solneß. Gewiß. Prinzessin Hilde von — von — Wie hieß nur gleich das Königreich?
Hilde. Ach was! Von dem dummen Königreich will ich nichts wissen. Ich wünsche mir ein ganz anderes!
Solneß (hat sich zurückgelehnt und blickt sie immer noch unverwandt an). Ist's nicht sonderbar —? Je mehr ich jetzt darüber nachdenke — da kommt's mir vor, als wäre ich lange Jahre herumgegangen und hätte mich damit abgequält — hm —
Hilde. Womit?
Solneß. Auf etwas zu kommen — so etwas Erlebtes, von dem ich meinte, ich müßte es vergessen haben. Aber nie fand ich heraus, was das sein könnte.
Hilde. Sie hätten einen Knoten ins Taschentuch machen sollen, Baumeister.
Solneß. Dann hätte ich nur daran herumgegrübelt, was wohl der Knoten zu bedeuten hätte.
Hilde. Ja ja, es giebt wohl auch solche Unholde in der Welt.
Solneß (steht langsam auf). Es war ein großes Glück, daß Sie jetzt kamen.
Hilde (blickt ihn tief an). War's ein Glück?
Solneß. Denn ich saß hier so allein. Und starrte so ganz hilflos auf alle die Dinge. (Leiser.) Ich will Ihnen sagen — ich habe angefangen solche Angst zu bekommen — so entsetzliche Angst vor der Jugend.
Hilde (wegwerfend). Pah — vor der Jugend brauchen Sie doch keine Angst zu haben!
Solneß. Doch; gerade vor der. Darum hab' ich mich auch eingeschlossen und eingeriegelt. (Geheimnisvoll.) Sie müssen nämlich wissen, daß die Jugend herkommen wird und an die Thüre donnern. Daß sie zu mir hereinstürmen wird.
Hilde. Dann, meine ich, sollten Sie einfach hinausgehen und der Jugend aufmachen.
Solneß. Aufmachen?
Hilde. Freilich. So daß die Jugend zu Ihnen hineindürfte. So in aller Güte.
Solneß. Nein, nein! Die Jugend — sehen Sie — die ist die Wiedervergeltung. Sie geht dem Umschwung voran. Wie unter einer neuen Fahne.
Hilde (erhebt sich, blickt ihn an und sagt, indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Können Sie mich zu etwas brauchen, Baumeister?
Solneß. Ja, jetzt kann ich's wahrhaftig! Denn Sie kommen auch — gleichsam unter einer neuen Fahne, scheint es mir. Jugend gegen Jugend also —!
Doktor Herdal (kommt durch die Vorzimmerthür herein).