20. Kapitel.
Noch ehe die Türken von Adrianopel ausgerückt waren, herrschte ein lebhaftes Treiben in allen Grenzwarten am Dniestr; besonders nach Chreptiow, das Kamieniez am nächsten lag, kamen häufig Berittene vom Hetman und brachten allerlei Befehle, die der kleine Ritter entweder selbst ausführte oder, wenn sie ihn nicht betrafen, durch zuverlässige Leute vermitteln ließ. Die Folge war, daß die Besatzung von Chreptiow sich stark verminderte; Motowidlo zog mit den Seinen bis nach Human, Hanenko zu Hilfe, der mit einer Handvoll Kosaken, die der Republik treu geblieben waren, Doroschenko und der mit ihm verbündeten krimschen Horde trotzte, so gut es ging. Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, Snitko, Nienaschyniez und Hromyka führten die genossenschaftliche Fahne und die Linkhausenschen Dragoner nach Batoh unseligen Angedenkens, wo Luschezki stand, der in Gemeinschaft mit Hanenko Doroschenkos Bewegungen beobachten sollte. Bogusch erhielt den Befehl, so lange in Mohylow auszuhalten, bis er mit bloßem Auge die herannahenden Tatarenscharen erblicke; auch den berühmten Ruschtschyz suchten die Befehle des Hetmans auf, ihn, der nur von Michael Wolodyjowski im Scharmützel übertroffen wurde. Aber Ruschtschyz war an der Spitze von hundert Mann in die Steppe gezogen und spurlos verschwunden. Erst später hörte man von ihm; es verbreiteten sich seltsame Gerüchte, daß um Doroschs Wagenburg und die Horde ein böser Geist kreise, der täglich einzelne Krieger und kleinere Banden wegraffe. Man vermutete, es sei Ruschtschyz, der den Feind überliste, denn kein anderer, mit Ausnahme des kleinen Ritters, hätte ihn so zu hintergehen vermocht. Wirklich war es auch so.
Herr Michael sollte, wie schon früher bestimmt war, nach Kamieniez gehen, denn dort brauchte ihn der Hetman, der wohl wußte, er gehöre zu denjenigen Kriegern, deren Anblick Mut in die Herzen goß und die Begeisterung der Einwohner wie der Besatzung mit sich riß. Der Hetman war überzeugt, daß Kamieniez sich nicht halten werde, aber es war ihm darum zu tun, es solange wie möglich zu verteidigen, so lange besonders, bis die Republik Kräfte zu seinem Entsatz gesammelt hatte. In dieser Überzeugung schickte er den berühmtesten Ritter der Republik und zugleich den beliebtesten Krieger in den sicheren Tod. In den Tod schickte er den bewährtesten Krieger, und es tat ihm nicht wehe. Der Hetman dachte immer so, wie er später in Wien sagte, daß die Kriegsgöttin wohl Männer gebären, der Krieg aber sie nur töten könne. Er selbst war bereit zu sterben und hielt die Todesbereitschaft für die einfachste Pflicht des Kriegers. Wenn er durch den Tod einen großen Dienst leisten kann, so ist dieser Tod eine Gunst und ein besonderer Lohn. Der Hetman wußte auch, daß der kleine Ritter ebenso denke wie er selber.
Zudem war es nicht an der Zeit, an die Schonung des einzelnen zu denken, da die Gefahr Kirchen, Städte, Länder, die ganze Republik bedrohte, und der Osten sich mit nie erlebter Machtentfaltung gegen Europa erhob, um die ganze Christenheit zu unterwerfen, die, gedeckt von der Brust der Republik, nicht daran dachte, ihr zu Hilfe zu eilen. Darum wollte der Hetman, daß erst Kamieniez die Republik schütze, und diese dann den Rest der Christenheit.
Das hätte auch geschehen können, wenn sie Kraft gehabt, wenn nicht die Mißwirtschaft sie zerfressen hätte. Der Hetman besaß nicht einmal genügende Streitkräfte zur Vorpostenaussendung, geschweige denn zu einem Kriege. Hatte er eine Anzahl Soldaten an einen Ort geworfen, so entstand alsbald an einem anderen eine Bresche, durch welche der Strom der Übermacht sich ohne Behinderung ergießen konnte. Die Wachen, welche der Sultan zur Nachtzeit in seinem Lager aufstellte, waren zahlreicher als die Fahnen des Hetmans; die Flut kam von zwei Seiten; vom Dniestr und von der Donau, und da Dorosch mit der ganzen krimschen Horde näher war, die schon das Land sengend und mordend überflutete, so zogen die Hauptfahnen gegen ihn; für die andere Richtung fehlte es an Mannschaften selbst zur Auskundschaftung.
In dieser schweren Bedrängnis schrieb der Hetman an Herrn Wolodyjowski folgende wenige Zeilen:
»Ich habe es schon hin und her erwogen, ob ich Dich nicht von Raschkow aus dem Feind entgegenschicken soll; aber ich fürchte, wenn die Horde in sieben Armeen sich vom Moldauischen Ufer her ergießt und das Land überströmt, so wird es Dir nicht gelingen, Dich nach Kamieniez durchzuschlagen, und dort bist Du durchaus nötig. Erst gestern fiel mir Nowowiejski ein; er ist ein erfahrener Soldat und ein entschlossener Mann, und da der Mensch in seiner Verzweiflung alles wagt, so hoffe ich, er wird mir gute Dienste leisten. Was Du an leichter Reiterei entbehren kannst, schicke ihm hin, er aber rücke soweit wie möglich vor, zeige sich überall, verbreite das Gerücht von unserem großen Heere, und wenn der Feind in Sicht ist, soll er ihm hier und da vorüberhuschen, ohne sich fassen zu lassen. Es ist bekannt, welchen Weg sie nehmen, wenn er aber etwas Neues bemerkt, soll er Dir sofort Mitteilung machen, und Du schickst die Nachricht unverzüglich zu mir und nach Kamieniez. Nowowiejski soll bald ausrücken, und auch Du halte Dich bereit, nach Kamieniez aufzubrechen; warte aber noch, bis von Nowowiejski die Mitteilungen von der Moldau kommen.«
Da Nowowiejski augenblicklich in Mohylow weilte, und da es hieß, er werde ohnehin nach Chreptiow kommen, ließ ihm der kleine Ritter nur melden, er solle seine Reise beschleunigen, da seiner in Chreptiow ein Auftrag von seiten des Hetmans harre.
Nowowiejski kam zwei Tage darauf. Seine Freunde erkannten ihn kaum und dachten, Bialoglowski habe ihn nicht mit Unrecht ein Gerippe genannt. Das war nicht mehr der prächtige Junge, der übergroße und heitere, der einst dem Feinde mit einem Lachen entgegenstürzen konnte, das dem Wiehern des Pferdes glich, und der mit einem Schwunge um sich hieb, als ob sich Windmühlenflügel bewegten. Er war hager, gelblich, düster geworden, und in dieser Hagerkeit erschien er noch riesenhafter; er blinzelte die Menschen an, als ob er seine besten Bekannten nicht wiedererkenne; man mußte ihm auch zwei-, dreimal dasselbe wiederholen, denn er schien nicht zu begreifen. In seinen Adern schien Gram statt Blut zu rinnen; offenbar bemühte er sich, an gewisse Dinge nicht zu denken, und zog vor, zu vergessen, um nicht wahnsinnig zu werden.
Zwar gab es in diesen Gegenden kaum einen Menschen, kaum eine Familie, kaum einen Offizier im Heere, den nicht ein Unglück von heidnischer Hand betroffen hätte, der nicht irgend einen seiner Bekannten, seiner Freunde, den eigenen Teuren beweinte; aber über Nowowiejski war geradezu ein Wolkenbruch von Unglück niedergegangen. An einem Tage hatte er den Vater, die Schwester, die Braut verloren, die er mit allen Fasern eines reichen Herzens liebte. Wäre doch die Schwester und das süße, geliebte Mädchen lieber gestorben, wäre sie lieber vom Schwerte oder von der Flamme vernichtet! Aber ihr Schicksal war ein solches, daß der Gedanke an sie die furchtbarste Pein für Nowowiejski bedeutete. Er gab sich die erdenklichste Mühe ihn abzuwehren, denn er empfand, daß die Erinnerung an Wahnsinn grenze; — aber er konnte nicht, wie er wollte.
So war seine Ruhe nur eine scheinbare. In seinem Herzen fand Ergebenheit durchaus keinen Raum, und auf den ersten Blick konnte man leicht erraten, daß unter dieser Starrheit etwas Unheildrohendes, Entsetzliches sich verberge, und daß dieser Riese, wenn es zum Ausbruch kam, furchtbare Taten vollbringen werde, wie das entfesselte Element. Das stand so deutlich auf seiner Stirn geschrieben, daß selbst die Freunde sich ihm nur mit einer gewissen Scheu näherten, und in der Unterhaltung mit ihm jede Erwähnung dessen, was geschehen war, vermieden.
Der Anblick Bärbchens in Chreptiow weckte in ihm den leicht verharschten Schmerz; da er zum Willkommen ihre Hände küßte, begann er zu stöhnen, wie ein verwundeter Auerochs; seine Augen überzogen sich blutigrot, und die Adern an seinem Hals schwollen wie Stricke an. Und als Bärbchen in Tränen ausbrach und mit der Innigkeit einer Mutter mit ihren Händen seinen Kopf umfaßte, fiel er ihr zu Füßen, und man konnte ihn lange nicht von ihr reißen. Als er aber vernahm, welchen Auftrag der Hetman ihm gegeben, belebte er sich sichtlich, ein Strahl furchtbarer Freude blitzte in seinen Zügen auf, und er sagte:
»Das will ich tun, das will ich und noch mehr!«
»Und wenn du den tollen Hund dort triffst, so zieh' ihm das Fell über die Ohren,« warf Sagloba ein.
Nowowiejski sagte kein Wort, er blickte nur Sagloba an; plötzlich leuchtete der Wahnsinn in seinen Augen auf, er erhob sich und ging auf den alten Edelmann zu, als wolle er sich über ihn stürzen.
»Und glaubt Ihr's wohl, daß ich diesem Menschen in meinem Leben nichts Böses zugefügt habe, daß ich ihm immer freundlich begegnet bin?«
»Ich glaube, ich glaub's,« antwortete Sagloba hastig und zog sich klüglich hinter den kleinen Ritter zurück. »Ich selbst ginge mit dir, aber das Podagra kneift mich in den Füßen.«
»Nowowiejski,« sagte der kleine Ritter, »wann willst du ausrücken?«
»Heute nacht.«
»Ich gebe dir hundert Dragoner; ich selbst bleibe mit dem zweiten Hundert und dem Fußvolk hier. Komm' auf den Maidan.«
Und sie gingen hinaus, um die Befehle zu erteilen. An der Schwelle stand, schnurstracks aufgerichtet, Sydor Luschnia. Das Gerücht von der Expedition hatte sich schon verbreitet, darum bat der Wachtmeister in seinem und seiner Kompagnie Namen den kleinen Hauptmann, er möge ihm gestatten, mit Nowowiejski zu gehen.
»So, also du willst mich verlassen?« fragte Michael verwundert.
»Herr Kommandant, wir haben es diesem Schurken geschworen, vielleicht fällt er in unsere Hände.«
»Ja, Ihr habt recht, Sagloba hat mir davon erzählt,« antwortete der kleine Ritter. Luschnia wandte sich an Nowowiejski.
»Herr Kommandant!«
»Was willst du?«
»Wenn wir ihn bekommen, überlaßt ihn mir.«
In dem Gesicht des Masuren malte sich eine so furchtbare, tierische Wut, daß Nowowiejski sich sogleich vor Michael verbeugte und bittend sagte:
»Gebt mir diesen Mann.«
Michael erhob keinen Widerspruch, und an demselben Abend, gegen Anbruch der Nacht, rückten hundert Berittene unter Nowowiejskis Führung ab.
Sie benutzten die bekannte Heerstraße über Mohylow und Jampol. In Mohylow stießen sie auf die alte Besatzung von Raschkow, von der sich zweihundert Mann auf Grund eines Befehls vom Hetman mit Nowowiejski verbanden; der Rest sollte unter Führung Bialoglowskis nach Mohylow gehen, wo Bogusch stand. Nowowiejski zog nach Raschkow hinab.
Die Umgegend von Raschkow war schon eine völlige Wüste; das Städtchen selbst hatte sich in einen Aschenhaufen verwandelt, den die Winde in alle vier Himmelsrichtungen trieben. Die wenigen Einwohner waren vor dem Schrecken des Unwetters geflohen. Es war zu Anfang Mai, und die Horde konnte jeden Tag in Sicht kommen, darum war es gefährlich am Orte zu bleiben. In Wirklichkeit standen die Horden mit den Türken noch in der Ebene von Kantschukar, aber davon wußte man nichts in den Schluchten von Raschkow, und deshalb brachte ein jeder Einwohner dieses Ortes, welcher der letzten Metzelei entgangen war, sein Haupt in Sicherheit, wo er sie finden konnte.
Luschnia überdachte den ganzen Weg die Mittel und Kniffe, deren nach seiner Meinung Nowowiejski sich bedienen mußte, wenn er mit Erfolg seine Überlistung ins Werk setzen wollte. Diese seine Gedanken teilte er gnädig den Gemeinen mit.
»Ihr Pferdeköpfe,« sagte er zu ihnen, »ihr versteht das freilich nicht, aber ich alter Bursch verstehe mich darauf. Wir kommen nach Raschkow; dort verbergen wir uns in den Schluchten und warten. Die Horde kommt an die Furt; erst werden sie einige Streifzüglerscharen übersetzen, wie das bei ihnen Brauch ist, und die ganze Schar steht und wartet, bis jene ihnen melden, daß keine Gefahr vorhanden. Dann schleichen wir hinter ihnen einher und jagen sie bis nach Kamieniez.«
»So werden wir den Schurken nicht bekommen können,« bemerkte einer von den Soldaten.
»Halts Maul!« versetzte Luschnia. »Wer soll sonst in der Vorhut gehen, wenn nicht die Lipker?«
Des Wachtmeisters Vermutung schien sich zu bewahrheiten. Nowowiejski ließ die Soldaten, sobald Raschkow erreicht war, ausruhen. Sie waren schon alle fest überzeugt, daß sie dann zu den Höhlen ziehen, an denen die ganze Gegend so reich war, und daß sie dort die Ankunft der ersten feindlichen Streifzügler erwarten würden.
Aber am zweiten Tage der Rast rief der Kommandant die Fahne schon auf und führte sie bis hinter Raschkow.
»Bis nach Jahorlik gehen wir also,« sagte sich der Wachtmeister.
Inzwischen hatten sie sich unmittelbar hinter Raschkow dem Flusse genähert, und wenige Minuten darauf standen sie an der sogenannten »blutigen Furt«. Nowowiejski sprach kein Wort; er trieb sein Pferd ins Wasser und setzte an das andere Ufer über. Die Soldaten sahen sich verwundert an. — »Wie, gehen wir ins Türkenlager?« — fragte einer den anderen; aber sie waren nicht die »Herren« vom allgemeinen Aufgebot, die stets zu Beratungen und Protesten bereit waren, es waren schlichte Soldaten, gewöhnt an die eiserne Zucht der Grenzwachten. So trieben sie denn ihre Pferde ins Wasser dem Kommandanten nach, erst die erste Reihe, dann die zweite und dritte; es gab auch nicht das geringste Zögern. Sie wunderten sich, daß sie mit ihren dreihundert Pferden ins türkische Reich gehen sollten, dem die ganze Welt nicht beikommen konnte, aber sie gingen. Bald begann das aufgerührte Wasser die Seiten der Pferde zu schlagen, und sie hörten auf, sich zu wundern und dachten nur daran, daß die Speise- und Futterbeutel nicht naß wurden.
Erst am anderen Ufer sahen sie einander von neuem an. — »Bei Gott, so sind wir im Moldauischen!« — ging es leise von Mund zu Mund. Sie blickten hinter sich über den Dniestr, der in der untergehenden Sonne funkelte wie ein goldiges, rotes Band. Die höhlenreichen Felsen am Ufer badeten sich ebenfalls im hellen Schein; sie erhoben sich wie eine Mauer, die in diesem Augenblick eine Handvoll Menschen von ihrem Vaterland trennte. Für alle von ihnen bedeutete dies gewiß den letzten Gruß.
Luschnias Kopf durchschwirrte der Gedanke, der Kommandant sei vielleicht von Sinnen; aber des Kommandanten Sache war es, zu befehlen, die seine, zu gehorchen.
Die Pferde hatten das Wasser durchschritten und begannen heftig zu wiehern. — »Glückauf!« riefen alsbald die Soldaten, denn man betrachtete es als ein günstiges Vorzeichen, und ihre Herzen erfüllte Tapferkeit.
»Vorwärts!« kommandierte Nowowiejski.
Die Reihen rückten vor; sie zogen der untergehenden Sonne entgegen, jenen Tausenden, jenem Menschengewimmel, jenen Völkerschaften, die auf der Ebene von Kantschukar standen.
Nowowiejskis Übergang über den Dniestr und der Zug seiner dreihundert Degen gegen die Macht des Sultans, die Hunderttausende von Kriegern zählte, waren Taten, die ein Mensch, der des Krieges unkundig ist, für Taten des Wahnsinns halten könnte. Und doch war es nur ein kühn unternommener Kriegszug, der zudem Aussicht auf Erfolg hatte. Denn es begegnete den Streifzüglern jener Zeit öfter, gegen hundertfach zahlreichere Scharen von Tataren zu kämpfen, ihnen die Stirn zu bieten, um dann zu fliehen, und den Verfolgern ein Blutbad zu bereiten, wie der Wolf oft die Hunde hinter sich herlockt, um sich im gegebenen Augenblick umzuwenden und den gefährlichsten Kläffer abzuschlachten. Das Wild ward im Augenblick zum Jäger; es floh, es verbarg sich, aber eben noch verfolgt, ward es selbst zum Verfolger, machte einen unvermuteten Überfall und biß mit tödlicher Wunde. Das war die sogenannte »Tatarenlist«; es kam darauf an, einander an Schlauheit und Verwegenheit zu übertreffen. Den größten Ruhm in solcher Tatarenlist hatte Herr Wolodyjowski erworben, dann Ruschtschyz, Piwo und Motowidlo; aber auch Nowowiejski, der von Jugend auf in der Steppe lebte, gehörte zu denen, die man unter den Berühmtesten nannte. So war es auch höchst wahrscheinlich, daß er der Horde die Spitze bieten und sich nicht werde umzingeln lassen.
Sein Zug hatte auch darum Aussicht auf Erfolg, weil jenseits des Dniestr wüste Länder sich hinzogen, in denen man leicht ein Versteck fand. Hier und da nur erhoben sich an den Flußufern menschliche Ansiedelungen; im allgemeinen aber war das Land wenig bewohnt, in der Nähe der Ufer felsig und hügelig, weiterhin steppenreich und von Wäldern bedeckt, in denen sich zahlreiche Herden von Wild aufhielten, von dem wilden Büffel bis zu Hirschen, Rehen und wilden Schweinen. Da der Sultan vor dem großen Heereszug »seine Kräfte messen wollte«, zogen auch die an der Dniestr-Niederung lebenden Horden von Bialogrod und die noch weiter wohnenden der Dobrudscha auf Befehl des Padischahs weit über den Balkan hin; ihnen folgten die Kalaraschen der Moldau, so daß das Land noch öder ward, und daß man ganze Wochen wandern konnte, ohne von einem Menschen erblickt zu werden.
Nowowiejski kannte indessen zu gut die Gebräuche der Tataren, um nicht zu wissen, daß, wenn ihre Scharen einmal die Grenze der Republik überschritten hatten, sie vorsichtig eindringen und sorgsam nach allen Seiten Ausschau halten würden. Hier aber, in ihrem eigenen Bereiche, pflegten sie in breiten Gliedern zu marschieren, ohne jegliche Vorsicht. Dem Tode zu begegnen, wäre den Tataren wahrscheinlicher gewesen, als mitten in Bessarabien, an der äußersten Grenze der tatarischen Lande auf Heere derselben Republik zu stoßen, die Mangel an Kriegern zur Verteidigung der eigenen Grenzen litt.
Nowowiejski hoffte daher, daß sein Streifzug zunächst den Feind in Erstaunen setzen und daher noch größeren Nutzen bringen werde, als der Hetman erwartete, dann, daß er für Asya und die Lipker verderblich sein könne. Der junge Hauptmann konnte leicht erraten, daß die Lipker und Tscheremissen, welche die Republik vortrefflich kannten, in der Vorhut gehen würden, und auf diese sichere Vermutung baute er seine Hoffnung. Den verhaßten Asya plötzlich zu überfallen und zu fassen, ihm vielleicht die Schwester und Sophie zu entreißen, sie aus der Sklaverei zu entführen, seine Rache zu nehmen und dann selbst im Kampfe unterzugehen — das war alles, was sein zerrissenes Herz begehrte.
Unter dem Eindruck dieser Gedanken und Hoffnungen ward Nowowiejski allmählich von seiner Starrheit befreit, er lebte wieder auf. Der Marsch durch die unbekannten Landstriche, die großen Mühsale, der frische Wind, der durch die Steppen strich, der Zauber der letzteren, und die Gefahren des kühnen Unternehmens kräftigten seine Gesundheit und gaben ihm die alte Stärke wieder. Der Streifzügler in ihm triumphierte über den gebrochenen Menschen. Bisher hatte nichts in ihm Raum als Erinnerung und Pein, — nun waren seine Gedanken den ganzen Tag darauf gerichtet, wie der Feind zu hintergehen und zu dezimieren sei.
Als sie den Dniestr durchschritten hatten, gingen sie seitwärts in der Richtung des Pruth hinab, den Tag häufig in Wäldern und Schilf verborgen, die Nacht in geheimnisvollen Eilmärschen. Das Land, das jetzt noch wenig bewohnt ist, und das zu jenen Zeiten hauptsächlich von Nomaden bevölkert wurde, war zum größten Teil wüst. Sehr selten stieß man auf Kukuruzfelder, an die sich Ansiedelungen anlehnten. Auf ihren geheimen Wegen bemühten sie sich, größere Ansiedelungen zu umgehen, doch kehrten sie auch kühn in kleinere ein, die aus einer, zwei, drei oder selbst einigen zehn Hütten bestanden, denn sie wußten, daß es keinem der Einwohner einfallen würde, ihnen vorauszueilen nach Budschiak, um die Tataren zu warnen. Luschnia achtete übrigens darauf, daß dies nicht geschehe; bald aber gab er auch diese Vorsicht auf, denn er überzeugte sich, daß die wenigen Ansiedler, die allerdings Untertanen des Sultans waren, selbst in Angst das Herannahen der türkischen Heere erwarteten, daß sie ferner gar keine Ahnung hatten, welcher Herkunft die Leute waren, die zu ihnen kamen, und die ganze Abteilung für Karalaschen hielten, die mit anderen auf Befehl des Sultans vorüberkamen.
Es wurden ihnen auch ohne Widerstand Kukuruzkuchen, gedörrtes Büffelfleisch und getrocknete Kornelkirschen gereicht. Jeder Ansiedler hatte sein Häuflein Schafe, Büffel und Pferde, die an den Flüssen versteckt gehalten wurden. Von Zeit zu Zeit stießen sie auch auf sehr zahlreiche Herden halbwilder Büffel, die von Hirten gehütet wurden. Letztere zogen in der Steppe umher und blieben am Orte in Zelten nur so lange, als Futter reichlich vorhanden war. Oft stießen sie auf alte Tataren. Nowowiejski umzingelte diese »Büffelhüter« mit solcher Vorsicht, als handelte es sich um Tatarenbanden. Den Umzingelten entzog er die Nahrung, damit sie nicht nach Budschiak das Gerücht von ihrem Anmarsch verbreiteten. Besonders gegen die Tataren war er erbarmungslos. Erst fragte er sie nach allen Wegen aus, oder richtiger nach den unwegsamsten Richtungen, dann ließ er sie ohne Mitleid niedermetzeln, damit auch nicht einer entkomme; sodann nahm er aus der Herde soviel Stück, als er brauchte, und setzte seinen Weg fort. Je weiter sie nach dem Süden vordrangen, um so häufiger begegneten sie zahlreichen Herden, die fast stets von Tataren gehütet waren. Im Laufe eines zweiwöchentlichen Marsches umzingelte Nowowiejski drei Hirtenbanden und rieb sie gänzlich auf. Die Dragoner nahmen ihnen ihre von Ungeziefer starrenden Schafpelze ab, reinigten sie über dem Feuer und legten sie selbst an, um so den wilden »Tschabantschuken«[P] und Schafhirten ähnlich zu werden. In der zweiten Woche waren sie fast alle schon tatarisch gekleidet und sahen ganz aus wie eine Bande Tataren. Nur die gleichmäßige Waffe der regulären Reiterei war ihnen geblieben; die Reitkoller verbargen sie unter den Gerätschaften, um sie auf dem Rückweg wieder anzulegen. In der Nähe hätte man an den hellen, masurischen Schnurrbärten und den blauen Augen ihre Herkunft erkennen können, aber aus der Entfernung mußte das geübteste Auge bei ihrem Anblick sich irren, um so mehr, als sie auch noch die Herden vor sich hertrieben, deren sie zu ihrer Ernährung bedurften.
Als sie in die Nähe des Pruth kamen, gingen sie am linken Ufer des Flusses stromabwärts. Da die Heerstraßen von Kutschmin völlig verwüstet waren, konnte man leicht vorhersehen, daß die Scharen des Sultans und ihnen voraus die Horden über Falesi, Husch, Kotimore und dann die walachische Heerstraße ziehen würden, um entweder auf den Dniestr zu einzubiegen oder schnurstracks durch ganz Bessarabien und in der Gegend von Uschyz sich über die Grenzen der Republik zu ergießen. Nowowiejski war dessen so sicher, daß er immer langsamer vorrückte, der Zeit nicht achtend, und immer vorsichtiger, um nicht allzu plötzlich auf die Tataren zu stoßen. Als er endlich in das Flußdelta gelangte, das von der Sarata und dem Tektisch gebildet wird, blieb er dort lange liegen, erstens um Pferden und Menschen Ruhe zu gönnen, und zweitens, um an diesem gut geschützten Orte die Vorhut der Horde abzuwarten. Der Ort war wirklich gut gewählt, denn das ganze Flußdelta und die äußeren Ufer waren teils mit gemeiner Kornelkirsche bepflanzt, teils von Hundsbeere bewachsen. Das Wäldchen zog sich hin, so weit das Auge reichte, und bedeckte den Boden hier mit undurchsichtigem Dickicht, dort mit Gestrüpp, durch welches öde Flächen grau hindurchschimmerten, die sich zur Anlegung des Maidans eigneten. Um diese Zeit standen die Bäume und Sträucher schon in grünem Schmuck; zu Beginn des Frühlings aber mußte hier ein Meer von gelben und weißen Blüten sich ausbreiten. Der Hain war vollkommen menschenleer, dafür wimmelte er von allerlei Getier: Hirschen, Rehen, Hasen und Geflügel. Hier und da am Saume von Quellen entdeckten die Soldaten auch Spuren von Bären; ein solcher hatte bald nach der Ankunft der Vorposten-Abteilungen mehrere Schafe getötet. Deshalb nahm sich Luschnia vor, Jagd auf ihn zu machen; da aber Nowowiejski, der ganz im geheimen lagern wollte, die Anwendung der Muskete nicht gestattete, machten sich die Soldaten gegen den Räuber mit Knüppeln und Äxten auf.
Später fand man am Wasser auch Spuren von Herdfeuern, aber sie waren alt, vermutlich aus dem vergangenen Jahre. Offenbar kamen die Nomaden mit ihren Herden des öfteren hierher, vielleicht auch waren es Tataren, die hier die Kirschbäume fällten, um Schäfte daraus zu machen. Aber selbst die sorgfältigsten Nachforschungen vermochten nicht zur Entdeckung eines lebenden menschlichen Wesens zu führen.
Nowowiejski beschloß, nicht weiter zu gehen und hier die Ankunft der türkischen Heere abzuwarten.
Man legte also eine Art Maidan an, es wurden Hütten gebaut, und das Warten begann. An den Rändern des Hains standen nun Wachen, von welchen die einen Tag und Nacht nach Budschiak ausschauten, die anderen nach dem Pruth in der Richtung von Falesi. Nowowiejski wußte, daß er an gewissen Anzeichen das Herannahen der türkischen Heere erraten werde; er schickte überdies kleine Vorposten-Abteilungen aus, an deren Spitze er meist selbst stand. Das Wetter war der Rast in diesem trockenen Lande sehr günstig; die Tage waren glühend, aber in dem Schatten des Dickichts konnte man sich leicht vor der Hitze bergen; die Nächte waren hell, still, vom Monde erleuchtet und vom Gesang der Nachtigallen erfüllt. In solchen Nächten litt Nowowiejski am meisten, denn er konnte nicht schlafen und dachte an das alte Glück und an die trübe Gegenwart. Er lebte nur in dem einen Gedanken, daß, wenn erst das Herz sich an der Rache gesättigt haben würde, er glücklicher, zufriedener sein werde. Und immer näher kam der Zeitpunkt, da er seine Rache ausüben oder untergehen sollte.
So ging Woche um Woche hin, während sie in der Wüste hausten und wachten. In dieser Zeit durchforschten sie alle Wege, alle Schluchten, alle Felder, alle Flüsse und Ströme, raubten sie wieder zahlreiche Herden, metzelten kleinere Haufen von Nomaden nieder und lauerten beständig in diesem Dickicht, wie das wilde Tier auf Beute. Endlich kam der erwartete Augenblick. Eines Morgens sahen sie Scharen von Vögeln, die hoch oben, in den Wolken, und unten über der Erde hinzogen. Trappen, Schneehühner, blaufüßige Wachteln schlichen durch das Gras in das Dickicht; hoch oben flogen Krähen, Raben, selbst Sumpfvögel, die offenbar an den Ufern der Donau oder aus den Sümpfen der Dobrudscha aufgescheucht waren. Bei diesem Anblick sahen die Dragoner sich an, und — »Sie kommen, sie kommen!« ging es von Mund zu Mund. Die Gesichter belebten sich, die Augen erglänzten, aber in dieser Erregung lag keine Unruhe, denn es waren alles Leute, denen ein Menschenleben in »Tatarengängen« verflossen war; sie hatten ungefähr die Empfindung der Jagdhunde, wenn sie das Wild wittern. Die Wachtfeuer wurden in derselben Minute ausgelöscht, damit der Rauch die Anwesenheit der Menschen nicht verrate, die Pferde gesattelt, und die ganze Abteilung stand marschbereit.
Nun galt es, die rechte Zeit zu finden, um in dem Augenblick über den Feind herzufallen, da er Halt machen würde. Nowowiejski begriff wohl, daß die Heere des Sultans gewiß nicht in kompakter Masse marschierten, besonders, da sie sich im eigenen Lande befanden, wo die Gefahr einer Überrumpelung unwahrscheinlich war. Er wußte auch, daß die Vorhut immer eine oder gar zwei Meilen der Hauptmacht voraus war, und er erwartete mit Recht, daß an der Spitze die Lipker marschierten.
Eine Zeitlang schwankte er, ob er ihnen auf dem geheimen, ihm wohlbekannten Wege entgegengehen, oder ob er ihre Ankunft im Kirschwald erwarten solle. Er entschloß sich zu dem letzteren, da man aus dem Walde leichter in jedem Augenblick einen unerwarteten Überfall wagen konnte. Es verging noch ein Tag, dann eine Nacht, während welcher nicht nur Vögel, sondern auch Landtiere scharenweise ins Dickicht flohen. Am folgenden Morgen kam der Feind schon in Sicht.
Vom südlichen Rande des Kirschwäldchens zogen sich breite, hüglige Auen hin, die am fernen Horizont verschwanden; auf diesem Felde zeigte sich der Feind und näherte sich dem Tekitsch mit ziemlicher Schnelligkeit. Die Dragoner sahen aus dem Dickicht auf die dunkle Masse hin, die bald den Augen entschwand, bald wieder in ihrer ganzen Ausdehnung auftauchte.
Luschnia, der ein vorzügliches Auge hatte, beobachtete lange Zeit angestrengt die heranziehenden Massen; dann näherte er sich Nowowiejski. »Herr Kommandant,« sagte er, »Menschen sind dort nicht viele, nur Herden werden auf die Weide geführt.«
Nowowiejski überzeugte sich bald, daß Luschnia recht hatte, und sein Gesicht leuchtete freudig auf.
»Das heißt, sie machen eine oder zwei Meilen von hier Rast,« sagte er.
»So ist's,« versetzte Luschnia, »sie marschieren offenbar in der Nacht, um die Hitze zu vermeiden, und ruhen am Tage. Ihre Pferde schicken sie bis zum Abend auf die Weide.«
»Siehst du viel Bewachung bei den Pferden?«
Luschnia ging wieder an den Waldsaum und kam erst nach einiger Zeit zurück.
»Anderthalbtausend Pferde können es sein und fünfundzwanzig Menschen sind bei ihnen. Sie fühlen sich im eigenen Lande und fürchten nichts, darum stellen sie keine Wachen aus.«
»Kannst du die Menschen unterscheiden?«
»Sie sind noch fern, aber es sind Lipker. Sie sind unser.«
»So ist's,« sagte Nowowiejski.
Er war überzeugt, daß ihm keiner dieser Leute entgehen werde. Für einen Scharmützler, wie er war, und für solche Soldaten, wie er sie führte, war die Aufgabe nur allzu leicht.
Inzwischen hatten die Pferdehüter ihre Herden immer näher an das Kirschwäldchen herangetrieben. Luschnia ging noch einmal an den Waldsaum; als er zurückkam, leuchtete sein Gesicht vor Freude und Grausamkeit.
»Herr, Lipker sind's, ganz gewiß,« sagte er leise.
Nowowiejski schrie nach Art des Habichts auf, und sofort zog sich die Abteilung Dragoner in das tiefe Dickicht zurück. Dort teilte er seine Mannschaften in zwei Abteilungen; die eine stürzte in den Engpaß, um von dort hinterrücks die Herden und die Lipker zu überfallen, die zweite bildete einen Halbkreis und wartete. Alles das geschah in solcher Stille, daß auch das geübteste Ohr keinen Laut vernommen hätte. Kein Schwert, kein Sporn klirrte, kein Pferd wieherte; die dichten Gräser, die auf dem Boden des Wäldchens wuchsen, dämpften das Getrappel der Hufe. Auch die Pferde schienen zu begreifen, daß der Erfolg des Überfalles von der Stille abhänge, denn sie verrichteten nicht zum ersten Male solchen Dienst. Aus den Engpässen und Dickichten erhoben sich nur die Stimmen der Habichte, immer seltener, immer vereinzelter.
Die Lipkische Herde machte vor dem Wäldchen Halt und verteilte sich in größeren und kleineren Haufen über das Feld. Jetzt stand Nowowiejski selber am Waldsaum und folgte allen Bewegungen der Hirten. Der Tag war schön, es war um die Zeit vor dem Mittag; die Sonne stand hoch und strahlte glühend auf den Boden herab. Die Pferde näherten sich dem Dickicht, und die Hirten kamen an den Wald heran; sie saßen ab und ließen ihre Pferde an der Schlinge grasen; sie selbst gingen Schatten und Kühlung suchend in den Wald hinein und nahmen unter einem größeren Strauche Platz.
Ein Wachtfeuer wurde angezündet, und als die trockenen Reiser Kohlen und Asche ablagerten, legten die Hirten ein halbes Füllen auf die Kohlen; sie selbst setzten sich ein wenig abseits von der Glut. Die einen streckten sich auf den Rasen, andere schwatzten, die Füße in türkischer Art untereinanderschlagend. Ein Pferdehüter blies auf einer Flöte. Im Dickicht herrschte vollkommene Stille, von Zeit zu Zeit schrie ein Habicht auf.
Der Duft des röstenden Fleisches kündigte endlich an, daß der Braten fertig sei, und so zogen zwei Mann ihn aus der Asche und schleppten ihn an das schattige Gebüsch. Dort setzten sie sich im Kreise herum, zerfetzten ihn mit ihren Messern und verschlangen mit tierischer Gefräßigkeit die halbrohen Streifen, deren Blut an ihren Fingern haften blieb und an ihren Bärten herabsickerte. Nachdem sie dann saure Stutenmilch aus Lederbechern getrunken hatten, fühlten sie sich gesättigt; sie plauderten noch eine kurze Weile, dann wurden ihnen Kopf und Glieder schwer. Der Mittag kam und mit ihm eine furchtbare Glut. Der Boden des Waldes schillerte bunt in lichten, zitternden Fleckchen, welche die Sonnenstrahlen bildeten, die durch das dichte Laub fielen. Die Natur war verstummt, selbst die Habichte hatten aufgehört zu schreien.
Einige von den Lipkern erhoben sich und schlichen träge dem Waldsaum zu, um nach den Pferden zu schauen; die anderen lagen hingestreckt wie Leichen, und bald hatte sie die Müdigkeit übermannt. Aber der Schlaf nach dem Fraß mußte schwer und erregend sein, denn bald hörte man es tief aufseufzen, bald sah man einen und den anderen die Augen öffnen und wiederholen: Allah Bismillah!
Plötzlich ließ sich vom Waldsaum her ein leises, aber entsetzliches Echo vernehmen, wie das kurze Röcheln eines erwürgten Menschen, der nicht mehr Zeit gehabt hatte aufzuschreien. Waren die Ohren der Pferdehüter so wachsam oder warnte sie eine Art tierischer Instinkt vor der Gefahr, oder schwebte endlich der Tod über ihnen in eisigem Wehen, — sie sprangen alle in einem Augenblick aus dem Schlummer auf.
»Was ist das, — wo sind die von den Pferden?« fragte einer den anderen.
Da sagte eine Stimme, die von den Kirschbäumen herkam:
»Die kehren nicht mehr wieder.«
In demselben Augenblick stürzten hundertfünfzig Mann über die Pferdehirten, die vor Entsetzen so starr waren, daß sie keinen Laut von sich geben konnten. Kaum, daß der eine oder der andere nach dem Handschar griff; der Kreis der Angreifer umzingelte sie, das Gebüsch erbebte von dem Andrang der menschlichen Körper, die in ungeordneten Haufen sich hin und her wälzten; man hörte ein scharfes Pfeifen, ein Schnarchen, ein Stöhnen oder Röcheln, aber es dauerte nur einen Augenblick, dann ward alles wieder stumm.
»Wieviel sind am Leben?« fragte eine Stimme aus der Mitte der Angreifer.
»Fünf, Herr Kommandant.«
»Die Körper untersuchen, damit sich keiner noch lebend verberge, und jedem zur Vorsicht mit dem Messer über die Gurgel fahren. Die Gefangenen zum Wachtfeuer!«
Der Befehl wurde sofort ausgeführt, die Leichen wurden am Boden mit ihren eigenen Dolchmessern festgenagelt. Den Gefangenen band man Stöcke an die Füße und legte sie um das Wachtfeuer herum; Luschnia schürte dasselbe, so daß die unter der Asche verborgenen Kohlen an die Oberfläche kamen. Die Gefangenen sahen auf diese Vorbereitungen und auf Luschnia mit stieren Blicken. Es waren unter ihnen drei Lipker aus Chreptiow, und diese kannten den Wachtmeister sehr gut. Auch er erkannte sie und sagte: Nun, Kameraden, nun sollt ihr pfeifen lernen; auf gebratenen Sohlen werdet ihr in das Jenseits einziehen. Aus alter Freundschaft will ich die Kohlen nicht sparen. Bei diesen Worten warf er trockene Reiser in das Feuer, das bald lichterloh brannte.
Aber Nowowiejski kam heran und begann sie auszuforschen. Die Aussage der Gefangenen bestätigte, was der junge Hauptmann zum Teil erraten hatte. Die Lipker und Tscheremissen waren in der Vorhut der Horde und aller Heere des Sultans. Ihr Führer war Asya, Tuhaj-Beys Sohn, dessen Kommando sie alle unterstanden. Sie marschierten wegen der großen Hitze, wie das ganze Heer, in der Nacht; am Tage führten sie ihre Herden auf die Weide. Sie übten keine Vorsicht, weil niemand vermutete, daß irgend ein Heer sie überfallen könne und in der Nähe des Dniestr, geschweige denn am Pruth in unmittelbarer Nähe, sich verborgen halte. Sie marschierten sorglos mit Herden und Kamelen, welche die Zelte der Oberen trugen. Das Zelt des Mirzen Asya sei leicht zu erkennen, an seiner Spitze sei ein Roßschweif befestigt, und die Häscher pflanzten während der Rastzeit Fahnen auf. Das Lipkische Regiment sei eine kleine Meile zurück, es zähle zwanzig Köpfe, aber ein Teil der Leute sei bei der Horde von Bialogrod zurückgeblieben, die wiederum auf eine Meile Entfernung von der Lipkischen Schar heranziehe.
Nowowiejski fragte sie noch nach dem Wege aus, welcher am leichtesten zu dem Regiment führe, ferner wie die Zelte aufgestellt seien, und endlich begann er nach dem zu forschen, was ihm am meisten nahe ging.
»Sind Frauen im Zelte?« fragte er.
Die Lipker zitterten für ihr Leben. Diejenigen von ihnen, die einst in Chreptiow gedient hatten, wußten sehr wohl, daß Nowowiejski der Bruder der einen dieser Frauen und der Verlobte der anderen sei. Sie begriffen also auch, welche Wut ihn erfassen mußte, wenn er die ganze Wahrheit erführe. Diese Wut konnte sich zunächst gegen sie richten: sie zögerten also erst, aber Luschnia sagte:
»Herr Kommandant, heizen wir diesen Hunden die Sohlen, so werden sie schon sprechen.«
»Rücke ihnen die Füße ins Feuer,« sagte Nowowiejski.
»Erbarmen!« rief Eliasewitsch, ein alter Lipker aus Chreptiow. »Ich will Euch alles sagen, was meine Augen gesehen haben.«
Luschnia sah den Kommandanten fragend an, ob er trotz dieses Versprechens seine Drohung ausführen solle; aber dieser winkte mit der Hand und sagte zu Eliasewitsch:
»Sprich, was hast du gesehen?«
»Wir sind unschuldig, Herr,« antwortete Eliasewitsch, »wir gingen auf Kommando. Unser Mirza hat Ew. Liebden Schwester Herrn Adurowitsch geschenkt, der sie bei sich im Zelte hatte; ich habe sie auf dem Kantschukarischen Felde gesehen, wie sie mit dem Eimer nach Wasser ging, und ich half ihr tragen, denn sie war schwanger ...«
»Wehe!« flüsterte Nowowiejski.
»Das andere Fräulein hat unser Mirza selbst im Zelte gehabt; wir haben sie nicht so oft gesehen, wir haben sie aber manchmal schreien hören, denn der Mirza schlug sie, wenn er sie auch zur Wollust bei sich hatte, täglich mit dem Ochsenziemer und stieß sie mit den Füßen ...«
Nowowiejskis Lippe bebte, Eliasewitsch hörte kaum seine Frage:
»Wo sind sie jetzt,«
»Nach Stambul verkauft.«
»An wen?«
»Das weiß der Mirza selbst gewiß nicht. Es kam der Befehl vom Padischah, daß im Lager keine Frauen gehalten werden sollten; da verkauften sie alle in die Bazare, und der Mirza verkaufte auch.«
Die Nachforschungen waren beendet, und um das Feuer herum herrschte Stille. Von Zeit zu Zeit nur erhob sich ein warmer Südwind und spielte mit den Kirschzweigen, die immer lauter rauschten. Die Luft wurde drückend, am Horizont zeigten sich Wolken, die in der Mitte dunkel waren und an den Rändern kupferfarben glänzten. Nowowiejski entfernte sich vom Feuer und ging wie ein Irrsinniger, ohne zu wissen wohin. Endlich warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und begann den Boden mit den Nägeln zu kratzen, dann biß er sich in die Hände und röchelte, als liege er im Todeskampf. Ein Krampf schüttelte seinen Riesenkörper, und so lag er stundenlang. Die Dragoner sahen ihm aus der Ferne zu, aber selbst Luschnia wagte nicht, sich zu nähern.
Der furchtbare Wachtmeister aber sagte sich, der Kommandant werde nicht zürnen, wenn er die Lipker nicht verschone; er steckte ihnen bloß aus angeborener Grausamkeit Rasen in den Mund, um ihr Schreien zu verhüten, und schlachtete sie ab wie Rinder. Nur den einen, Eliasewitsch, verschonte er, weil er glaubte, er werde ihnen als Führer notwendig sein. Als er mit der blutigen Arbeit fertig war, zog er die noch zitternden Körper vom Feuer fort und legte sie der Reihe nach hin; dann ging er, um nach dem Kommandanten zu sehen.
»Und wenn er wahnsinnig geworden wäre,« brummte er vor sich hin, »wir müssen doch den da bekommen.«
Die Mittagsstunde ging vorüber, der Nachmittag ebenfalls — der Tag neigte sich dem Ende zu. Jene anfänglich kleinen Wolken nahmen das ganze Firmament ein, sie wurden immer dichter und dunkler, ohne den kupferfarbenen Glanz an den Säumen zu verlieren. Sie bewegten sich schwerfällig wie Mühlsteine um ihre eigene Achse; bald gingen sie ineinander über, bald stießen sie eine die andere und kamen in dichten Haufen immer tiefer zur Erde herab. Der Wind fuhr von Zeit zu Zeit mit einem mächtigen Stoße vorüber, wie der Flügelschlag eines Raubvogels, und beugte die Kirschbäume und Hundsbeerensträucher zu Boden, wirbelte eine Staubwolke von Blättern auf und warf sie rasend umher; bald hielt er wieder ein, als sei er in die Erde versunken. In diesem Augenblicke der Stille hörte man in den geballten Wolken ein unheilverkündendes Zischen, Pfeifen und Rauschen. Es war, als sammelten sich die Heerscharen des Donners, als stellten sie sich in einer Schlachtreihe auf, als wollten sie mit dumpfem Knurren ihre eigene Wut und Raserei anstacheln, ehe sie ausbrachen und gegen den verzagten Erdball ihre Keile schleuderten.
»Ein Sturm naht,« flüsterten sich die Dragoner einander zu.
Der Sturm kam, es wurde immer dunkler. Da erhob sich im Osten, von der Dniestrseite her, ein Donner und fuhr mit furchtbarem Getöse über den Himmel weithin gegen den Pruth; dort verstummte er eine Weile, aber bald erhob er sich wieder, dröhnte über die Steppen des Budschiak und verbreitete sich endlich über den ganzen Horizont. Die ersten großen Regentropfen fielen auf den versengten Rasen.
In diesem Augenblick erschien Nowowiejski vor den Dragonern.
»Aufs Pferd!« schrie er mit Donnerstimme.
Kurz darauf rückte er an der Spitze von hundertfünfzig Reitern ab; am Ende des Wäldchens verband er sich mit der anderen Hälfte seiner Leute, welche bei der Herde darauf geachtet hatten, daß keiner der Pferdehirten sich zum Lager stehle. Die Dragoner umritten in einem Augenblick die Herde, indem sie den wilden, den tatarischen Hirten eigenen Schrei ausstießen, und stürmten vorwärts, die aufgeschreckten Pferde vor sich herjagend.
Der Wachtmeister führte Eliasewitsch an der Schlinge und schrie ihm ins Ohr, so laut, daß er das Getöse des Donners übertönte:
»Führe uns, Hundeblut, den ganzen Weg, sonst stoße ich dir das Messer in die Kehle.«
Inzwischen hatten sich die Wolken so tief gesenkt, daß sie fast die Erde berührten. Plötzlich brach es hervor wie Glut aus dem Ofen, und ein entsetzlicher Orkan erhob sich. Blendende Helligkeit zerriß das Dunkel, der Donner krachte, in der Luft verbreitete sich ein Schwefelgeruch. Wieder herrschte Dunkelheit. Entsetzen erfaßte die Pferde; von hinten her durch die wilden Ausrufe der Dragoner aufgescheucht, trieben sie mit offenen Nüstern und fliegender Mähne dahin, ohne die Erde im Laufe zu berühren; der Donner ruhte nicht einen Augenblick, der Wind heulte, und die Reiter jagten rasend dahin in diesem Sturm, in dieser Finsternis, in diesem drohenden Gepolter, von dem die Erde zu bersten schien, getrieben von der Rache, und glichen in dieser öden Steppe dem entsetzlichen Reigen der Vampire oder bösen Geistern.
Der Raum schwand vor ihnen hin, sie brauchten keinen Führer, denn die Herde lief schnurstracks in das Lager der Lipker, das immer näher und näher kam. Noch ehe sie es erreichten, war der Sturm so entfesselt, als wäre Himmel und Erde in Raserei. Der ganze Horizont stand in Feuer. Bei dem Glanze dieser Helligkeit erblickten sie schon aus der Ferne die Zelte in der Steppe. Die Welt bebte vom Donnergepolter. Es schien, als müßten die Wolkenballen jeden Augenblick bersten und über der Erde zusammenstürzen; alle Schleusen des Himmels öffneten sich, und der Regen ergoß sich in Strömen über die Steppe. Eine Meereswoge hüllte die Welt ein, so daß man auf wenig Schritte Entfernung nichts sehen konnte; von der glühenden, versengten Erde erhob sich dichter Dunst.
Einen Augenblick noch, und die Herde und die Dragoner sind im Lager. Aber unmittelbar vor dem Zelte stoben die Pferde in wilder Scheu nach beiden Seiten auseinander. Dreihundert Menschen entrang sich ein furchtbarer Schrei, dreihundert Schwerter erglänzten im Feuerschein der Blitze, und die Dragoner stürzten in die Zelte.
Die Lipker hatten vor dem Ausbruch des Regens beim Schein der Blitze die heranreitende Herde wahrgenommen, aber niemand hatte vermutet, welch furchtbare Hirten sie vor sich hertrieben. Verwunderung und Unruhe ergriff sie darüber, daß die Pferde in gerade Linie auf die Zelte zueilten; sie begannen zu schreien, um die Pferde zu erschrecken. Asya selbst schob den Linnen-Vorhang zur Seite und trat trotz des Regens drohenden Antlitzes hinaus. Aber gerade in diesem Augenblick war die Herde auseinandergestoben, und unter den Strömen des Regens und den Ausdünstungen des Bodens tauchten dunkle, entsetzliche Gestalten in weit größerer Anzahl als die Pferdehirten auf, und ein dröhnender Schrei erklang:
»Schlagt, mordet!«
Es war keine Zeit zu verlieren, ja, es war weder Zeit dazu, nachzudenken, was geschehen war, noch zum Erschrecken. Ein Orkan von Menschen, schrecklicher und wütender als der Sturm, fuhr über das Lager her; ehe Tuhaj-Beys Sohn vermochte, mit einem Schritt in das Zelt zurückzutreten — man hätte glauben können, eine übermenschliche Kraft habe ihn vom Boden erhoben — empfand er plötzlich, daß ihn zwei eiserne Arme umklammert hielten, daß sich seine Knochen unter dieser Umarmung bogen, daß seine Rippen brachen. Einen Augenblick sah er im Nebelscheine ein Gesicht, das furchtbarer als das Antlitz des Teufels anzuschauen war, und ihn verließ das Bewußtsein.
Unterdessen hatte die Schlacht, oder richtiger ein blutiges Schlachten begonnen. Der Sturm, die Dunkelheit, die unbekannte Zahl der Angreifer, die Plötzlichkeit des Überfalles, das Auseinanderstieben der Pferde hatten verursacht, daß sich die Lipker fast gar nicht wehrten; es hatte sie geradezu eine Raserei der Angst ergriffen; niemand wußte, wohin er entfliehen, niemand, womit er sich schützen solle. Viele hatten gar keine Waffen bei sich, viele hatte der Überfall im Schlafe überrascht, und so drängten sie sich betäubt, irre vor Entsetzen, in dichten Haufen zusammen, wälzten sich fort, indem sie einander zu Boden warfen und mit Füßen traten. Die Pferde drängten sie zusammen und warfen sie mit der Brust zu Boden, die Säbel hieben auf sie ein, die Hufe traten sie in den Staub. Der Sturm bricht und verwüstet die junge Waldanpflanzung nicht in gleicher Weise, die Wölfe wüten nicht so in der Herde aufgescheuchter Schafe, wie die Dragoner die Lipker niedertraten und niederhieben. Verwirrung von der einen Seite, Wut und Rachedurst von der anderen machten das Maß der Niederlage voll. Ströme Blutes vermischten sich mit dem Regen; den Lipkern war, als stürze der Himmel über sie ein, als tue sich die Erde zu ihren Füßen auf. Das Krachen der Donner, das Leuchten der Blitze, das Rauschen des Regens, die Finsternis, das Entsetzen des Sturmes begleiteten das furchtbare Echo der Metzelei. Die Pferde der Dragoner, gleichfalls von Schrecken erfaßt, stürzten sich wie wahnsinnig in das Menschengewühl und mähten die Feinde nieder. Endlich begannen kleinere Haufen zu entweichen, aber sie hatten in so hohem Grade die Kenntnis des Ortes verloren, daß sie im Kreise auf das Schlachtfeld wieder zurückritten, anstatt geradeaus zu fliehen, — sie prallten oft aufeinander, wie zwei entgegengesetzte Wogen, rieben sich gegenseitig auf und kamen unter das eigene Schwert. Endlich hatte man die Reste völlig zerstreut, nach allen Seiten gejagt, auf der Flucht während der Verfolgung ohne Gnade niedergemacht, und auch nicht einen lebendig eingefangen, bis endlich die Trompeten im Lager die Verfolger zurückriefen.
Nie war ein Überfall unerwarteter, nie eine Niederlage furchtbarer. Dreihundert Mann hatten nahezu zweitausend trefflicher Krieger der Reiterei, die unendlich die gewöhnlichen Tatarenscharen an Gewandtheit übertrafen, in alle vier Winde zerstreut. Der größere Teil lag hingestreckt inmitten der roten Pfützen, die der Regen, vermischt mit dem Blute, bildete; der Rest hatte zerstreut Schutz gefunden, dank der Dunkelheit, und war zu Fuß geflohen, blindlings, ohne zu wissen, ob er nicht wieder dem feindlichen Schwerte begegne. Den Siegern hatte der Sturm und der Nebel geholfen, als ob der Zorn Gottes auf ihrer Seite gekämpft hätte gegen den Verräter.
Schon war die Nacht hereingebrochen, als Nowowiejski an der Spitze der Dragoner zu den Grenzen der Republik zurückritt. Zwischen dem jungen Hauptmann und dem Wachtmeister Luschnia ging ein Tatarenpferd, auf dessen Rücken, mit Stricken gebunden, bewußtlos und mit gebrochenen Rippen, aber lebendig, der Führer aller Lipker, Asya, Tuhaj-Beys Sohn, lag.
Sie blickten unverwandt nach ihm, als ob sie einen Schatz mit sich führten, den sie zu verlieren fürchteten.
Der Sturm ging allmählich vorüber, am Himmel eilten in schnellem Zuge noch die Wolken dahin, aber zwischen ihnen begannen die Sterne zu schimmern, und sie spiegelten sich in den Teichen, die der Wolkenbruch in den Steppen gebildet hatte.
In der Ferne, dort, wo die Grenzen der Republik waren, grollte noch von Zeit zu Zeit der Donner.
Die Lipkischen Flüchtlinge brachten die Kunde von der Niederlage zur Horde von Bialogrod, und hier vermittelten Boten sie nach Orduihamajun, an das kaiserliche Lager, wo sie einen außerordentlichen Eindruck machte.
Nowowiejski hätte eigentlich nicht gar so schnell mit seiner Beute nach der Republik zu eilen brauchen, denn nicht nur im ersten Augenblick, sondern auch die folgenden Tage setzte ihm niemand nach. Der Sultan war so bestürzt, daß er nicht wußte, was er beginnen sollte; er schickte zunächst Scharen von der Bialogroder und Dobrudscha-Horde aus, um festzustellen, welche Heere in der Umgegend seien. Sie gingen ungern, denn sie waren um die eigene Haut besorgt. Diejenigen der Bewohner des inneren Asiens oder Afrikas, die nie einen Feldzug gegen Lechistan mitgemacht hatten, und die aus Erzählungen von der furchtbaren Reiterei der Ungläubigen gehört hatten, erfaßte ein Schrecken bei dem Gedanken, daß sie sich schon angesichts dieses Feindes befänden, der nicht im eigenen Lande auf sie wartete, sondern sie sogar im Reiche des Padischahs aufsuchte. Der Großvezier selbst und die »zukünftige Sonne des Krieges«, der Kaimakam Kara-Mustapha, wußten auch nicht, was sie von dem Überfall denken sollten. Wie konnte diese Republik, von deren Ohnmacht sie so genaue und zuverlässige Mitteilungen hatten, als Angreiferin auftreten? Das konnte kein türkischer Kopf erraten; kurz, der Anmarsch schien ihnen von jetzt ab schon weniger sicher, schon weniger einem leichten Triumphzug ähnlich. Der Sultan empfing im Kriegsrat den Vezier und den Kaimakam mit drohendem Antlitz.
»Ihr habt mich getäuscht,« sagte er, »die Lechen können nicht so schwach sein, wenn sie uns hier in unserem eigenen Lande aufsuchen. Ihr waret der Meinung, daß Sobieski Kamieniez nicht verteidigen werde, und nun steht er uns wohl gar mit einem ganzen Heere gegenüber ...«
Der Vezier und der Kaimakam bemühten sich, dem Herrn zu erklären, daß es irgend eine lose Räuberbande gewesen sein könne; aber angesichts der vorgefundenen Musketen und Gerätschaften, unter welchen sich auch Dragonerkoller befanden, glaubten sie selbst nicht daran. Der über alle Maßen kühne und siegreiche Zug, den Sobieski jüngst in der Ukraine unternommen hatte, ließ vermuten, daß der drohende Feldherr auch jetzt darauf ausging, den Feind zu überraschen.
»Er hat kein Heer,« sagte nach Beendigung des Kriegsrats der Großvezier zu dem Kaimakam, »aber es wohnt ein Löwe in ihm, der keine Furcht kennt. Wenn er nur einige Zehntausend bei sich hat und zur Stelle ist, so werden wir nur im Blute watend nach Chozim vordringen.«
»Ich würde mich gern mit ihm messen,« sagte der junge Kara-Mustapha.
»Daß Gott dann das Unheil von dir wende!« gab der Großvezier zurück.
Bald aber hatten sich die Scharen von Bialogrod und der Dobrudscha überzeugt, daß nicht nur keine größeren Trupps in der Nähe waren, sondern daß überhaupt kein Heer hier lag. Man hatte aber die Spuren einer Abteilung entdeckt, die ungefähr dreihundert Pferde zählen mochte, und die eilig nach dem Dniestr geritten war. Die Tataren, welchen das Schicksal der Lipker in der Erinnerung stand, folgten ihnen nicht, aus Furcht vor einem Hinterhalt; der Überfall der Lipker blieb etwas Erstaunliches und Unerklärliches, aber allmählich war die Ruhe in Orduihamajun wieder eingekehrt — und die Heerscharen des Padischahs begannen wieder ihren Vormarsch wie eine große Flut.
Inzwischen war Nowowiejski glücklich mit seiner lebendigen Beute nach Raschkow zurückgekehrt. Er war erst schnell geritten, aber die erfahrenen Streifzügler erkannten schon am zweiten Tage, daß sie nicht verfolgt wurden, und ritten also trotz der Eile so, daß sie ihre Pferde nicht allzusehr ermüdeten. Asya ritt stets zwischen Nowowiejski und Luschnia, mit Stricken an den Rücken des Pferdes festgebunden. Da ihm zwei Rippen gebrochen und seine Kräfte sehr geschwächt waren, da ferner die Wunde, die ihm Bärbchen im Gesicht beigebracht, sich während des Ringens mit Nowowiejski und infolge des Rittes mit herabhängendem Kopfe wieder geöffnet und verschlimmert hatte, bemühte sich der furchtbare Wachtmeister um ihn, damit er vor der Ankunft in Raschkow nicht sterbe und die Rache vereitle. Der junge Tatar wollte aber sterben, denn er wußte, was seiner harrte. Endlich beschloß er, sich durch Hunger den Tod zu geben, und wollte keinerlei Nahrung zu sich nehmen; Luschnia aber riß ihm die zusammengebissenen Zähne mit dem Dolch auseinander und flößte ihm mit Gewalt Branntwein und moldauischen Wein ein, in den er geriebenen Zwieback aufgelöst hatte. An den Raststellen übergoß er ihm das Gesicht mit Wasser, damit die Wunden in Aug' und Nase, in die sich während des Rittes Fliegen und Bremsen festsetzten, nicht in Eiterung übergingen und dem unglücklichen Kriegsmann zu früh den Tod gäben. Nowowiejski sprach auf dem Wege kein Wort zu ihm. Einmal nur, gleich bei Beginn des Rückzuges, als Asya um den Preis seiner Freiheit und seines Lebens versprach, Sophie und Evchen zurückzugeben, rief ihm der Hauptmann zu: »Du lügst, Hund! Du hast beide nach Stambul verkauft an einen Händler, der sie im Bazar losschlagen will.«
Man stellte Asya Eliasewitsch gegenüber, der in aller Gegenwart wiederholte:
»So ist's, Effendi, du hast sie verkauft; du weißt selbst nicht an wen, und Adurowitsch hat die Schwester des Herrn verkauft, obwohl sie schon schwanger von ihm war.«
Bei diesen Worten schien es Asya einen Augenblick, als werde Nowowiejski ihn auf der Stelle mit seinen entsetzlichen Händen in Stücke reißen; darum beschloß er später, als er schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, den jungen Riesen dahin zu bringen, daß er ihn im Zorn töte, um den ihm bevorstehenden Qualen zu entgehen. Da Nowowiejski aber beständig neben ihm ritt, um ihn nicht einen Moment aus den Augen zu verlieren, begann er sich zu brüsten und schamlos zu prahlen mit dem, was er vollbracht. Er erzählte, wie er den alten Nowowiejski abgeschlachtet, wie er Sophie Boska bei sich im Zelte gehabt, wie er sich an ihrer Unschuld satt genossen, wie er endlich ihren Leib mit dem Ziemer geschlagen, und wie er sie mit Füßen gestoßen habe. Nowowiejski floß der Schweiß in großen Tropfen über das blasse Antlitz; er hörte zu und hatte nicht die Kraft, nicht den Willen, sich zu entfernen; er hörte gierig zu, seine Hände bebten, seinen Körper ergriff ein krampfhaftes Schütteln — aber er beherrschte sich und schlug ihn nicht tot.
Übrigens peinigte Asya, indem er den Feind peinigte, auch sich selbst, denn seine Erzählungen ließen ihm den Jammer der Gegenwart doppelt qualvoll erscheinen. Vor kurzem war er noch der Befehlende, lebte er in Wollust, war er Mirza, der Liebling des jungen Kaimakam — und nun ritt er, an den Rücken des Pferdes gefesselt, und bei lebendigem Leibe von den Fliegen zerfressen, einem entsetzlichen Tode entgegen. Am wohlsten war ihm jetzt, wenn er von dem Schmerz, den ihm die Wunden verursachten, und durch die Ermüdung das Bewußtsein verlor; und das geschah immer häufiger, so daß Luschnia zu fürchten anfing, er werde ihn nicht lebendig heimbringen. Aber sie ritten Tag und Nacht und ließen die Pferde nur so lange ruhen, als durchaus nötig war, und so kam Raschkow immer näher. Die zähe Tatarenseele wollte den zerstörten Körper nicht verlassen. Indessen fieberte Asya in den letzten Tagen beständig; von Zeit zu Zeit verfiel er in tiefen Schlaf. Bisweilen träumte ihm in diesem Fieber oder im Schlaf, er sei noch in Chreptiow, er solle mit Wolodyjowski gemeinsam in den großen Krieg ziehen; dann wieder, daß er Bärbchen nach Raschkow geleite, daß er sie entführt und in seinem Zelte habe. Oft durchlebte er in seinen Fieberträumen Schlachten und Metzeleien, bei welchen er als Hetman der polnischen Tataren unter dem Roßschweif Befehle erteilte. Aber bald kam das Erwachen, und mit ihm das Bewußtsein; dann öffnete er die Augen und sah in das Gesicht Nowowiejskis und Luschnias, sah die Helme der Dragoner, die nunmehr die Widdermützen der Pferdehirten weggeworfen hatten — und diese ganze Wirklichkeit, die so entsetzlich war, daß sie ihm wie ein Gespenst erschien. Bei jeder Bewegung des Pferdes durchzuckte ihn ein Schmerz; seine Wunden brannten immer heftiger, und wieder verlor er das Bewußtsein. Dann brachten sie ihn zu sich, aber er verfiel bald wieder in Fieber, vom Fieber in schweren Schlaf — um dann wieder zu erwachen.
Es gab Augenblicke, in welchen er nicht glauben mochte, daß er dieser unselige Asya sein solle, der Sohn Tuhaj-Beys, und daß sein Leben, so reich an unerhörten Ereignissen, die ihm eine große Bestimmung zu verheißen schienen, so schnell, so elendiglich enden sollte. Oft wieder ging es ihm durch den Kopf, daß er gleich nach Qual und Tod ins Paradies kommen werde; da er aber einst den Glauben Christi bekannt und lange unter Christen gelebt hatte, erfaßte ihn ein Schrecken bei dem Gedanken an Christus. Er dachte, daß er kein Erbarmen mit ihm haben werde; wäre aber der Prophet stärker als Christus, so würde er ihn nicht in Nowowiejskis Hände geliefert haben. Doch könnte der Prophet sich noch seiner erbarmen und die Seele zu sich nehmen, ehe sie ihn zu Tode peinigten.
Inzwischen waren sie ganz in die Nähe von Raschkow gekommen; sie betraten das felsige Land, das die Nähe des Dniestr ankündigte. Asya war gegen Abend in einen fiebernden Zustand bei halbem Bewußtsein verfallen, in dem sich Phantasie und Wirklichkeit vermischten. Es war ihm, als seien sie am Ziel, als machten sie Halt, als hörte er, wie sie zu einander sagten: »Raschkow, Raschkow!« Dann wieder hörte er dumpf den Widerhall von Äxten, die Bäume fällten.
Plötzlich fühlte er, daß man ihm den Kopf mit kaltem Wasser spüle, dann goß man ihm lange, sehr lange, Branntwein in den Mund. Er kam zu vollem Bewußtsein. Über ihm breitete sich die sternenhelle Nacht aus, um ihn schimmerten zahlreiche Fackeln. An sein Ohr schlugen die Worte:
»Bei Bewußtsein?«
»Bei Bewußtsein; er sieht klar ...«
In diesem Augenblick bemerkte er über sich Luschnias Gesicht.
»Nun, Brüderchen,« sagte der Wachtmeister mit ruhiger Stimme, »deine Zeit ist gekommen.«
Asya lag auf dem Rücken und atmete regelmäßig, denn seine Arme waren zu beiden Seiten des Kopfes ausgestreckt, so daß seine mächtige Brust freieren Spielraum hatte, als da er auf den Rücken des Pferdes gebunden war. Die Hände konnte er nicht bewegen, sie waren hinter seinem Haupte an einen mit beteertem Stroh umwundenen Baumstamm gebunden, auf dem er selbst ausgestreckt lag. Asya begriff sofort, weshalb dies geschehen war, und bemerkte zugleich noch andere Vorbereitungen, die ihm verkündeten, daß seine Qualen lang und furchtbar sein würden. Von der Mitte seines Körpers bis zu den Füßen war er entkleidet, und da er ein wenig seinen Kopf aufrichtete, nahm er zwischen seinen Knieen eine frisch bearbeitete Pfahlspitze wahr; das stärkere Ende dieses Pfahles war gegen den Baumstamm gestützt. An jeden seiner Füße war ein Strick mit einem Wagholz befestigt, und vor jedes Wagholz war ein Pferd gespannt. Asya sah beim Scheine der Fackeln nur den Hinterteil der Pferde und die beiden Männer an ihrer Seite, die sie offenbar am Halfter hielten. Der unglückselige Recke erfaßte mit einem Blick all' die Vorbereitungen, dann schaute er, Gott weiß warum, gen Himmel und erblickte über sich die Sterne und die glänzende Sichel des Mondes.
— Sie werden mich pfählen — dachte er.
Er biß die Zähne so kräftig zusammen, daß ein Krampf seine Kinnladen erfaßte. Schweiß trat auf seine Stirn, und zugleich fühlte er eine eisige Kälte im Kopf, denn alles Blut war daraus gewichen. Dann war es ihm, als entzöge sich ihm der Halt unter dem Rücken, als sinke sein Körper endlos in eine unergründliche Tiefe. Einen Augenblick verließ ihn das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem, was um ihn her vorging; der Wachtmeister sperrte wieder seine Zähne mit dem Dolch auseinander und goß ihm Branntwein in den Schlund.
Asya hustete und spie die brennende Flüssigkeit aus; aber zum Teil mußte er sie verschlucken. Da verfiel er in einen seltsamen Zustand: er war nicht betrunken, im Gegenteil, nie war sein Unterscheidungsvermögen klarer, sein Denken geschärfter; er sah, was um ihn her vorging, er begriff alles, und es erfaßte ihn eine unwiderstehliche Erregung, eine qualvolle Ungeduld, daß dies alles so lange währe und nicht in Tätigkeit treten wolle.
Da wurden schwere Schritte vernehmbar, und Nowowiejski stand neben ihm. Bei diesem Anblick pochten dem Tataren alle Adern. Luschnia fürchtete er nicht, er verachtete ihn zu sehr; aber Nowowiejski konnte er nicht verachten, vielmehr erfüllte jeder Blick in sein Gesicht Asyas Seele mit abergläubischer Angst, mit Widerwillen und Entsetzen. Der Gedanke: »Ich bin in seiner Gewalt«, bemächtigte sich seiner ganz, er fürchtete ihn, und das war ein so schreckliches Gefühl, daß Asyas Haare sich sträubten.
Nowowiejski sagte: »Für das, was du getan hast, sollst du in Qualen enden.«
Der Lipker antwortete nichts, er keuchte nur laut.
Nowowiejski trat zurück, es wurde still rings umher, nur Luschnia brach das Schweigen.
»Gegen die Herrin hast du deine Hand erhoben,« sagte er mit ruhiger Stimme, »aber die Herrin ist jetzt schon bei dem Herrn in der Kammer; du aber bist in unserer Hand, deine Zeit ist gekommen.«
Bei diesen Worten begann für Asya die Pein. Dieser entsetzliche Mensch erfuhr in der Stunde des Todes, daß sein Verrat und alle seine Verbrechen fruchtlos gewesen waren; wenn wenigstens Bärbchen auf dem Wege gestorben wäre, so hätte er den Trost gehabt, daß sie, wenn nicht sein, so doch keines anderen war. Nein, auch diesen Trost hatte man ihm jetzt genommen, da der Pfahl eine Elle von ihm entfernt war; alles war vergeblich gewesen, soviel Blutvergießen, Rachehoffnungen — um nichts, um gar nichts ... Hätte Luschnia geahnt, um wieviel schwerer diese Worte den Tod für Asya machten, er hätte sie während des ganzen Weges wiederholt. Aber jetzt war keine Zeit mehr zu Seelenqualen, denn alles mußte weichen angesichts der Exekution. Luschnia neigte sich herab, erfaßte mit beiden Händen Asyas Hüften und rief den Leuten zu, welche die Pferde hielten:
»Vorwärts, langsam, beide zugleich!«
Die Pferde zogen an; die gespannten Stricke zerrten an Asyas Füßen, sein Körper ward einen Augenblick gehoben und traf auf den spitzigen Holzpfahl; die Spitze drang in den Leib, und nun geschah etwas Entsetzliches, der Natur und allen menschlichen Empfindungen Zuwiderlaufendes. Die Knochen des Unglückseligen dehnten sich auseinander, sein Körper wurde nach zwei Seiten gezerrt, und ein unsäglicher Schmerz, so entsetzlich, daß er an ungeheuerliche Wollust grenzte, durchschauerte seinen Körper. Der Pfahl drang tiefer und tiefer. Asya biß die Kinnbacken zusammen, aber endlich verließ ihn seine Kraft; die Zähne traten hervor, und röchelnd schrie er »Ah ... ah ... ah!« dem Krächzen eines Raben ähnlich.
»Langsam!« kommandierte der Wachtmeister.
Asya wiederholte seinen entsetzlichen Schrei immer schneller.
»Krächzest du?« fragte der Wachtmeister, dann rief er den Leuten zu:
»Halt! — da hast du's,« fügte er, zu Asya gewandt, hinzu; aber dieser war plötzlich verstummt, und atmete nur noch röchelnd.
Schnell spannte man die Pferde aus; dann richtete man den Pfahl auf, ließ sein dickes Ende in eine Grube hinab und begann sie mit Erde zu füllen. Asya sah von der Höhe herab dieser Tätigkeit zu, er war bei Bewußtsein. Diese entsetzliche Art der Strafe war um so grauenhafter, weil die Opfer, die auf dem Pfahle steckten, bisweilen noch drei Tage hindurch lebten. Asyas Kopf hing auf die Brust herab, seine Kiefer bewegten sich lallend, als kaue er etwas. Er fühlte eine namenlose Schwäche, und sah einen endlosen, weißlichen Nebel vor sich, der ihm entsetzlich schien, ohne daß ihm klar war weshalb. Aber durch den Nebel unterschied er die Gesichter des Wachtmeisters und der Dragoner, wußte er, daß er auf dem Pfahle stecke, fühlte er, wie er durch die Last des Körpers immer tiefer in den Pfahl sank. Endlich begannen seine Füße zu erstarren, und er wurde wieder unempfindlich gegen den Schmerz.
Auf Augenblicke hüllte Dunkelheit den entsetzlichen weißen Nebel ein; dann blinzelte Asya mit seinem einen Auge, um alles zu beobachten und zu sehen bis zum Moment des Todes. Sein Blick schweifte mit sonderbarer Hartnäckigkeit von Fackel zu Fackel, es war ihm, als bilde sich um diese Flammen ein siebenfarbiger Lichtkreis.
Aber noch waren die Qualen für ihn nicht erschöpft. Bald trat der Wachtmeister an den Pfahl heran mit einem Bohrer in der Hand und rief den Umstehenden zu:
»Hebt mich in die Höhe!«
Zwei stämmige Burschen hoben ihn auf; Asya sah ihn ganz nahe, blinzelte beständig mit dem Auge, als wollte er erkennen, wer der Mensch sei, der zu seiner Höhe hinaufklettere. Der Wachtmeister aber sagte:
»Unsere Herrin hat dir ein Auge ausgeschlagen, ich habe gelobt, dir das andere auszubohren.«
Bei diesen Worten senkte er die Spitze des Bohrers in den Augapfel, drehte ihn ein und das andere Mal, und als das Lid und die zarte Bindehaut sich um die Windungen des Bohrers legten, riß er ihn zurück.
Da drangen aus beiden Augenhöhlen Asyas zwei Quellen Blutes hervor und flossen über seine Wangen herab.
Sein Gesicht wurde bleich und immer bleicher. Die Dragoner löschten schweigend die Fackeln, als erfasse sie Scham, daß das Licht so entsetzliche Taten beleuchte, und nur von der Mondsichel fielen silberne, nicht allzu helle Strahlen auf Asyas Leib. Sein Kopf war ganz über die Brust herabgesunken; nur die Hände, die an das Holz gebunden und mit beteertem Stroh umwunden waren, starrten in die Höhe, als rufe dieser Sohn des Ostens die Rache des türkischen Halbmondes auf seine Häscher herab.
»Aufs Pferd!« ertönte Nowowiejskis Stimme.
In dem Augenblick, da sie aufsaßen, zündete der Wachtmeister als letzte Fackel die erhobenen Hände des Tataren an; dann ritt die Abteilung auf Jampol zu, und mitten unter den Schutthaufen Raschkows, in Nacht und Wüste, blieb allein auf hohem Pfahle Asya, der Sohn des Tuhaj-Bey, — und leuchtete, leuchtete.....