21. Kapitel.
Drei Wochen später, um die Mittagsstunde, hatte Nowowiejski Chreptiow erreicht. Der Weg von Raschkow hatte darum so lange gedauert, weil er noch häufig auf die andere Seite des Dniestr hinübersetzte, um die Tataren und Perkulaben, die den Fluß entlang in den verschiedenen Grenzwarten standen, zu überraschen. Diese erzählten dann den heranrückenden Heeren des Sultans, daß sie überall polnische Trupps gesehen, und daß sie von großen Heeren gehört, die sicherlich, ohne den Anmarsch der Türken gegen Kamieniez abzuwarten, ihnen in den Weg treten und sich in einer Hauptschlacht mit ihnen messen würden. Der Sultan, dem man immer wieder die Ohnmacht der Republik geschildert hatte, war sehr erstaunt und rückte, die Lipker, die Walachen und die Donauhorden vor sich hersendend, langsam vorwärts, denn trotz seiner ungeheuren Macht scheute er doch eine Schlacht mit den regulären Heeren der Republik sehr.
In Chreptiow traf Nowowiejski Herrn Wolodyjowski nicht an, denn der kleine Ritter war Motowidlo gefolgt und mit dem Heere von Podlachien gegen die krimschen Horden und gegen Doroschenko ausgezogen. Dort fügte er immer neuen Ruhm zu dem alten und vollbrachte große Taten. Den grausamen Korpan demütigte er und ließ seinen Leichnam dem wilden Getier zum Fraße auf dem Felde, ebenso den drohenden Drost, den tapferen Malyschka, die beiden Brüder Siny, berühmte kosakische Streifzügler, und viele kleinere Banden und Scharen.
Frau Wolodyjowska machte sich gerade in dem Augenblicke, als Nowowiejski eintraf, mit dem Rest der Leute und der Wagenburg auf den Weg nach Kamieniez, denn Chreptiow mußte aufgegeben werden. Nur ungern verließ sie das Blockhaus, in dem sie zwar manches Schwere durchgemacht, in dem sie aber auch die glücklichsten Tage ihres Lebens verbracht hatte, — an der Seite ihres Mannes mitten unter berühmten Kriegern, die ihr herzlich ergeben waren. Nun sollte sie auf ihre eigene Bitte nach Kamieniez reisen, einem unbekannten Schicksal und Gefahren entgegen, wie sie die Belagerung mit sich brachte. Ihr mutiges Herz ergab sich der Wehmut nicht; sie wachte über allen Vorbereitungen, über den Soldaten und dem Gesinde. Sagloba, der in jeder Fährlichkeit alle anderen an Verstand übertraf, war ihr bei alledem behilflich, auch Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, der tapfere und erfahrene Krieger.
Sie alle waren hocherfreut über Nowowiejskis Ankunft, obwohl sie gleich aus dem Gesichte lasen, daß er weder Evchen noch die anmutige Sophie aus der Gefangenschaft befreit habe. Bärbchen vergoß bittere Tränen über das Schicksal der beiden Mädchen, denn nun mußte sie diese schon für verloren halten; verkauft an einen Unbekannten, mochten sie schon vom Markte in Stambul nach Kleinasien fortgeschleppt sein, nach den Inseln, die unter türkischer Herrschaft standen, oder nach Ägypten, und dort im verschlossenen Harem leben. In diesem Falle aber konnte man sie nicht auslösen, ja, es war unmöglich, überhaupt etwas über sie zu erfahren, und Bärbchen weinte, es weinte der besonnene Sagloba, es weinte Muschalski, der unvergleichliche Schütze, — nur Nowowiejski hatte trockene Augen, denn er hatte keine Tränen mehr.
Als er zu erzählen begann, wie er hinausgezogen sei, zur Donau hin bis nach Tykitsch, wie er dort die Lipker in unmittelbarer Nähe der Horde und des Sultans auseinandergesprengt, wie er den furchtbaren Asya gefangen, da schlugen die alten Ritter an die Säbel und riefen:
»Bring' ihn her, hier in Chreptiow soll er sein Ende finden!«
Nowowiejski erwiderte: »Nicht in Chreptiow, in Raschkow hat er den Tod gefunden, denn dort kam es ihm zu; und Qualen hat ihm der Wachtmeister ersonnen, die wahrlich nicht leicht waren.«
Nun erzählte er, welchen Todes Asya, Tuhaj-Beys Sohn, gestorben war, und sie hörten voll Entsetzen, aber ohne Mitleid zu.
»Daß Gott die Verbrechen verfolgt, weiß jeder,« sagte Sagloba, »aber wunderbar ist es, daß der Teufel seine Diener so schlecht behütet.«
Bärbchen seufzte fromm auf, hob die Augen gen Himmel und sagte nach kurzer Überlegung:
»Weil ihm die Macht fehlt, der Kraft Gottes standzuhalten.«
»O, Ihr habt das Richtige getroffen, Herrin!« rief Muschalski, »denn wenn der Teufel, was Gott verhüte, stärker wäre als der liebe Herrgott, so würde alle Justiz, und mit ihr die Republik, in ein Nichts versinken.«
»Darum fürchte ich auch die Türken nicht; erstens sind sie Teufelskinder, und zweitens Kinder Belials,« versetzte Sagloba.
Alle schwiegen. Nowowiejski saß auf einer Bank mit gefalteten Händen und sah gläsernen Auges auf den Boden. Da wandte sich Muschalski zu ihm:
»Es hat doch wohl Erleichterung gebracht,« sagte er, »denn es gewährt unendlichen Trost, eine derartige Rache zu vollführen.«
»Sagt, hat es Euch wirklich Trost gebracht, ist Euch jetzt besser?« fragte Bärbchen in mitleidigem Tone.
Der Riese schwieg noch eine Weile, als ränge er mit seinen eigenen Gedanken; endlich sagte er, gleichsam mit großer Verwunderung und so leise, daß man ihn kaum hörte:
»Denkt Euch, bei Gott, ich habe selbst geglaubt, es werde mir besser sein, wenn ich ihn erst vernichtet habe, und ich habe ihn selbst am Pfahl stecken sehen, ich habe es mit angesehen, wie ihm das Auge ausgebohrt wurde, ich habe mir selbst eingeredet, daß mir besser sei, — aber es ist nicht wahr, es ist nicht wahr ...«
Hier faßte Nowowiejski seinen Kopf mit beiden Händen und sprach durch die zusammengebissenen Zähne:
»Leichter war ihm auf dem Pfahle, leichter mit dem Bohrer im Auge, leichter mit dem Feuer an den Händen, als mir mit dem, was in mir ist, was in mir sinnt und grübelt. Nur der Tod bringt mir Trost, nur der Tod, der Tod!«
Als Bärbchen das hörte, erhob sie sich plötzlich, legte dem Unglückseligen ihre Hand aufs Haupt und sagte:
»O, gäbe Gott dir doch den Tod — bei Kamieniez, denn du hast recht, er ist der einzige Trost.«
Und er schloß die Augen und sagte: »So ist's. Gott vergelt's Euch!«
Noch am selben Abend rückten sie alle nach Kamieniez aus.
Bärbchen sah lange, nachdem sie über die Wassermühle hinausgelangt waren, nach dem Blockhaus zurück, das im Lichte des Abendrots strahlte, und sagte endlich, indem sie ein Kreuz über der Brust schlug: »O, kehrten wir noch einmal mit Michael zu dir zurück, liebes Chreptiow! Gebe Gott, daß unser nichts Schlimmeres harre!«
Und zwei Tränen fielen über ihre rosigen Wangen. Eine seltsame Betrübnis bedrückte aller Herzen — und sie ritten schweigend weiter. Inzwischen war es dunkel geworden.
Langsam rückten sie vorwärts, denn die Wagenburg bewegte sich schwerfällig; die Wagen, die Herden der Pferde, Rinder, Büffel, Kamele und das Gesinde, das die Herden bewachte, folgten nach. Viele aus dem Gesinde und von den Soldaten hatten sich in Chreptiow beweibt, und so fehlte es auch an Frauen nicht in der Wagenburg. Die Zahl der Soldaten war so groß wie die Nowowiejskis, außer zweihundert ungarischen Fußsoldaten, die Abteilung, die der kleine Ritter auf eigene Kosten ausgerüstet und kriegstüchtig gemacht hatte. Ihre Protektorin war Bärbchen, ihr Führer ein tüchtiger Offizier, Kaluschewski. Echte Ungarn waren in dieser Abteilung gar nicht; sie hieß nur deshalb die ungarische, weil sie magyarische Uniform führte. Unteroffiziere waren »gediente« Dragoner; die Gemeinen rekrutierten sich aus den früheren »Räubern« und Fahrenden, die von den beutemachenden Banden eingefangen und zum Strange verurteilt waren. Man hatte ihnen das Leben geschenkt unter der Bedingung, daß sie zu Fuß dienten und durch Treue und Tapferkeit ihre alten Verbrechen vergessen machten. Auch an Freiwilligen fehlte es unter ihnen nicht, die die Schluchten und Felsen und ähnliche Räuberunterschlupfe aufgegeben hatten und vorzogen, in den Dienst des »kleinen Falken von Chreptiow« zu treten, statt sein Schwert über ihrem Haupte zu wissen. Es war ein Völkchen mit geringer Zucht und geringer Kriegstüchtigkeit, aber tapfer, an Mühsale, Gefahren und Blutvergießen gewöhnt. Bärbchen liebte diese Abteilung sehr, weil sie ein Werk Michaels war, und in den wilden Herzen dieser Männer war schnell die Anhänglichkeit an die wunderschöne, gute »Herrin« erwachsen. Jetzt gingen sie rings um ihren Wagen, die Gewehre auf der Schulter, die Säbel an der Seite, stolz darauf, die Herrin zu bewachen, bereit, sie wütend zu verteidigen, wenn eine Tatarenschar ihnen den Weg verlegen sollte.
Aber der Weg war noch frei, denn Wolodyjowski war vorsichtiger als alle anderen, und er liebte überdies seine Frau zu sehr, als daß er sie durch Verzögerung unnütz einer Gefahr hätte aussetzen sollen. Die Reise ging also ruhig von statten. Sie waren um Mittag aus Chreptiow abgereist, waren bis zum Abend unterwegs, dann die ganze Nacht, und am Nachmittag des folgenden Tages erblickten sie schon die ragenden Felsen von Kamieniez.
Bei ihrem Anblick und angesichts der Bollwerke und Türme der Festung, welche die Spitzen der Felsen krönten, erfüllte Mut die Herzen; es schien unmöglich, daß eine andere Hand als die Gottes diesen Adlerhorst zerstören könne, der hier auf der Felsspitze, rings umgeben von den Abhängen des Flusses, eingenistet war. Es war ein wunderbarer Sommertag; die Spitzen der Kirchen leuchteten wie Riesenlichter, Friede, Ruhe und Heiterkeit lagerte über den hellen Fluren.
»Bärbchen,« sagte Sagloba, »schon oft haben die Horden sich an diesen Mauern die Schädel eingerannt, — ha, wieviel Male habe ich selbst gesehen, wie sie sich davonmachten und sich die Köpfe hielten, weil sie ihnen weh taten; gäbe Gott, daß auch diesmal also geschehe!«
»Ja gewiß!« antwortete Bärbchen strahlend.
»Ist doch schon einer von ihren Sultanen hier gewesen: Osman. Ich erinnere mich, als ob es heute wäre. Es war im Jahre 1621, da kommt er, der Bube, von Chozim her, jenseits Smotrytsch; er sperrt die Glotzaugen auf, reißt das Maul auf und glotzt, und glotzt. Endlich sagt er: »Wer hat die Festung so aufgebaut?« — »Gott!« antwortet ihm der Vezier. — »So mag sie Gott erobern, ich bin kein Narr,« sprach's und wandte sein Pferd.«
»Ja, sie hatten's sogar eilig, ihre Pferde umzudrehen,« warf Muschalski ein.
»Weil wir sie mit unseren Lanzen in den Weichen kitzelten,« fügte Sagloba hinzu, »und mich trug die Ritterschaft damals auf ihren Händen zu Lubomirski.«
»So, wart Ihr bei Chozim?« fragte der unvergleichliche Bogenschütze; »man sollte gar nicht glauben, wo Ihr überall dabei gewesen seid, und was Ihr nicht alles getan habt!«
Sagloba war ein wenig gekränkt und antwortete:
»Nicht bloß dort gewesen bin ich, ich habe auch eine Wunde empfangen, die ich Euch ad oculos vorführen kann, wenn Ihr neugierig seid, aber ein wenig abseits, denn in Gegenwart der Frau Hauptmann ziemt es mir nicht, mich damit hervorzutun.«
Der berühmte Bogenschütze sah bald ein, daß er gefoppt wurde. Da er sich aber nicht kräftig genug fühlte, mit Saglobas Witz zu wetteifern, hörte er auf zu fragen und wandte das Gespräch anderen Dingen zu.
»Es ist wahr, was Ihr sagt. Wenn man so in der Ferne hört, wie die Leute schwatzen, Kamieniez sei nicht gerüstet, Kamieniez müsse fallen, so erfaßt einen ein Schrecken. Wenn man aber Kamieniez sieht, so ist man gleich mit Mut erfüllt.«
»Und wenn erst Michael in Kamieniez sein wird!« rief Bärbchen.
»Herr Sobieski muß Hilfe schicken.«
»Gott sei Dank, es steht nicht so schlimm! Ja, es stand schon schlimmer, und wir gaben nicht nach.«
»Und wäre es noch so schlimm, die Hauptsache ist, nicht den Mut verlieren! Sie haben uns nicht gefressen und werden uns nicht fressen, solange der Geist der Tapferkeit in uns ist,« schloß Sagloba.
Unter dem Eindruck dieser ermutigenden Gedanken verstummten sie. Aber das Schweigen wurde auf schmerzliche Weise unterbrochen. Plötzlich war Nowowiejski mit seinem Pferde dicht an Bärbchens Wagen herangekommen; sein Gesicht, das sonst furchtbar und düster war, lächelte und blickte heiter. Er richtete die Augen unverwandt auf das im Sonnenglanz gebadete Kamieniez und lachte unaufhörlich. Die beiden Ritter und Bärbchen sahen ihn erstaunt an, denn sie konnten nicht begreifen, wie der Anblick der Festung so plötzlich alle Last von seiner Seele genommen habe; er aber sagte:
»Gelobt sei der Herr! Groß war das Leid, aber auch die Freude ist uns bereitet.« Hier wandte er sich zu Bärbchen: »Sie sind beide bei dem polnischen Dorfschulzen Tomaschewitsch; es ist gut, daß sie sich dorthin geflüchtet haben, denn in einer solchen Festung wird ihnen der Mörder nichts tun können.«
»Von wem sprecht Ihr?« fragte Bärbchen beklommen.
»Von Sophie und Evchen.«
»Gott steh' dir bei!« rief Sagloba, »laß dich nicht vom Bösen umgarnen!«
Nowowiejski aber sprach weiter: »Was sie von meinem Vater sagen, daß ihn Asya abgeschlachtet, ist auch nicht wahr.«
»Er hat den Verstand verloren,« flüsterte Muschalski.
»Gestattet Ihr mir, Herrin,« sagte Nowowiejski, »vorauszureiten? Ich habe sie so lange nicht gesehen, und mir ist so bange. O, man sehnt sich, wenn man liebt!« Er nickte mit seinem riesigen Kopfe nach beiden Seiten, gab dem Pferde die Sporen und sprengte voraus.
Muschalski winkte einigen Dragonern und folgte ihm, um den Wahnsinnigen im Auge zu behalten. Bärbchen aber verbarg ihr rosiges Gesicht in den Händen, und heiße Tränen flossen durch ihre Finger. Da sagte Sagloba:
»Ein Bursch', so lauter wie Gold! Aber dies Unglück geht über menschliche Kraft ... und die Rache wird sein Herz nicht zur Ruhe bringen ...«
In Kamieniez rüstete man sich eifrig zur Verteidigung. An den Mauern des alten Schlosses und an den Toren, besonders am reußischen, arbeiteten die »Nationen«, welche die Stadt bewohnten, unter ihren Schulzen; unter diesen nahm der polnische Schulze Tomaschewitsch den ersten Platz ein, wegen seines unerschütterlichen Mutes und seiner Tüchtigkeit im Kanonenschießen. Man arbeitete mit Schaufel und Karre; Lechen, Reußen, Armenier, Juden und Zigeuner wetteiferten miteinander. Die Offiziere der verschiedenen Regimenter hatten die Aufsicht über die Arbeiten; die Wachtmeister und die Soldaten halfen den Einwohnern, selbst der Adel arbeitete mit und vergaß, daß Gott seine Hände nur für das Schwert geschaffen und jegliche andere Arbeit den Leuten »gemeinen« Standes überlassen habe. Herr Laurentius Humiezki, der Fahnenträger von Podolien, gab selbst das Beispiel und entlockte so den anderen Tränen, wenn er mit eigenen Händen den Karren mit Steinen schob. In der Stadt und im Schloß wogten die Arbeitenden. Zwischen den Gruppen gingen Dominikaner, Jesuiten, Franziskaner und Karmeliter umher und segneten das menschliche Bemühen. Frauen trugen den Arbeitern Speise und Trank zu, die schönen Armenierinnen, die Frauen und Töchter der reichen Kaufleute, und die noch schöneren Jüdinnen aus Karwasseri, Swanek, Sinkowiez und Dünaburg zogen die Augen der Soldaten auf sich.
Am lebhaftesten aber wandte sich die Aufmerksamkeit der Menge dem Einzuge Bärbchens zu. Es gab gewiß viele höher gestellte Frauen in Kamieniez, aber es gab keine, deren Gatten ein größerer Kriegsruhm umstrahlte. Man hatte in Kamieniez von der Gattin Wolodyjowskis als von einer tapferen Frau gehört, die sich nicht gescheut hatte, in der Würstenwarte inmitten einer verwilderten Bevölkerung zu wohnen, die mit ihrem Gatten Kriegszüge unternahm, die von dem Tataren entführt, ihn zu Boden geschlagen und heil aus seinen räuberischen Händen entkommen war. Auch ihr Ruhm war groß; aber diejenigen, die sie bisher nicht gekannt und gesehen hatten, stellten sich vor, sie müsse eine Riesin sein, die Hufe zerbrechen und Panzer zerreißen könne. Wie groß war daher ihr Erstaunen, als sie ihr vorgeneigtes, zierliches, halb kindliches Gesichtchen erblickten. »Ist das die Frau Oberst selber oder nur ihre Tochter?« ging es von Mund zu Mund fragend durch die Menge. »Sie ist es selbst!« antworteten diejenigen, die sie kannten, und verwundert blickten die Bürger, die Frauen, die Geistlichen, die Soldaten. Mit nicht geringerer Verwunderung betrachtete man das unüberwindliche Kommando von Chreptiow, die Dragoner, an deren Spitze ruhig lächelnd, mit abwesendem Blick, Nowowiejski ritt, und die furchtbaren Gesichter der Banditen, die in die ungarische Infanterie umgewandelt waren. Es geleiteten Bärbchen aber auch etliche hundert vortreffliche Krieger von Beruf, so daß bei ihrem Anblick der Mut wuchs. »Das ist eine ungewöhnliche Macht, die können den Türken dreist in die Augen sehen!« rief man in der Menge. Einige von den Bürgern, ja auch von den Soldaten, besonders vom Regiment des Bischofs Trebizki, das soeben nach Kamieniez gekommen war, dachten, Herr Michael selbst befinde sich im Zuge, und sogleich erhoben sich Rufe:
»Es lebe Herr Michael Wolodyjowski!« »Es lebe unser Verteidiger, der Ruhm der Ritterschaft!« »Vivat Wolodyjowski, vivat!«
Bärbchen hörte es, und ihr Herz schwoll, denn nichts schmeichelt einer Frau mehr, als der Ruhm ihres Mannes, besonders wenn der Mund des Volkes in einer großen Stadt von ihm widerklingt. »So viele Ritter sind hier, — dachte Bärbchen — und keinem gelten die Rufe als meinem Michael!« Am liebsten hätte sie selbst mit im Chor geschrieen: Vivat Michael Wolodyjowski! — aber Sagloba hielt sie zurück; sie müsse sich würdevoll benehmen, wie es einer Person ihrer Bedeutung zieme, und nach beiden Seiten grüßen, wie die Königinnen tun, wenn sie in die Residenz einziehen. Er selbst grüßte auch, bald mit der Mütze, bald mit der Hand, und wenn die guten Bekannten auch in einen Vivatruf zu seiner Ehre ausbrachen, wandte er sich sprechend zur Menge.
»Meine Herren, wer Sbarasch überstanden hat, wird auch Kamieniez überstehen!«
Nach Herrn Michaels Instruktion hielt der Zug vor dem neuerbauten Kloster der Dominikanerinnen. Der kleine Ritter hatte ein eigenes Häuschen in Kamieniez; weil aber das Kloster an einem steilen Orte lag, wo die Kanonenkugeln nicht leicht hinschlagen konnten, zog er es vor, hier sein liebes Bärbchen unterzubringen, um so mehr, als er, ein Wohltäter des Klosters, gute Aufnahme erwarten durfte. Die Oberin, Mutter Viktoria, die Tochter Stephan Potozkis, des Wojewoden von Brazlaw, empfing denn auch Bärbchen mit offenen Armen; ebenso Tantchen Makowiezka, die sie schon seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Beide weinten, auch der Truchseß von Latytschow, dessen Liebling Bärbchen immer gewesen war, weinte. Kaum hatten sie die Tränen der Rührung getrocknet, da eilte Christine Ketling herbei, und es begannen neue Begrüßungen; dann umringten Bärbchen die Schwestern und die Adelsfräuleins, Bekannte wie Unbekannte. Die einen, wie Frau Bogusch, fragten nach den Männern, andere, was Bärbchen von dem türkischen Riesenheer denke, und ob Kamieniez nach ihrer Meinung sich werde halten können. Bärbchen nahm mit großer Freude wahr, daß man sie für eine Art Autorität in Kriegssachen hielt und aus ihrem Munde Trost erwarte. Darum war sie auch nicht karg damit: »Es ist gar nicht daran zu denken,« sagte sie — »daß wir den Türken nicht standhalten sollten; Michael kommt ja her, heute, morgen, spätestens in einigen Tagen; wenn er die Verteidigung übernimmt, dann könnt ihr ruhig schlafen, denn auch die Festung ist tüchtig, ich versteh' mich darauf, Gott sei Dank.«
Bärbchens Zuversicht erfüllte die Herzen der Frauen mit Trost, besonders beruhigte sie die Zusage von Michaels Ankunft. Sein Name war so hochgeehrt, daß sogleich, obwohl es Abend war, die Offiziere des Ortes mit dem üblichen Ehrengruß zu Bärbchen kamen; und alle fragten gleich nach der ersten Begrüßung, wann der kleine Ritter zurückkehre, und ob er sich wirklich in Kamieniez einzuschließen denke. Bärbchen empfing nur den Major Kwasibrozki, der das Fußvolk des Bischofs von Krakau führte, den Herrn Schreiber Rschewuski, der jetzt an Stelle des Herrn Lontschynski an der Spitze des Regiments stand, und Ketling. Vor den anderen öffnete sich an diesem Tage die Tür nicht mehr, denn die Herrin war müde vom Wege und mußte sich überdies Herrn Nowowiejski widmen. Dieser unglückselige Jüngling war unmittelbar vor dem Kloster vom Pferde gestürzt und bewußtlos in eine Zelle gebracht worden. Man holte sofort den Medikus herbei, denselben, der Bärbchen in Chreptiow behandelt hatte; er sagte eine schwere Krankheit des Gehirns voraus und gab wenig Hoffnung auf Leben. Bis zum späten Abend sprachen Bärbchen, Muschalski und Sagloba über dieses Ereignis und erwogen das Schicksal des unglücklichen Ritters.
»Der Medikus hat mir gesagt,« sprach Sagloba, »wenn er es überlebt, so werde nach wirksamen Aderlässen sein Verstand klar sein, und er werde dann mit leichterem Herzen das Unglück tragen.«
»Für ihn gibt es keinen Trost mehr,« antwortete Bärbchen.
»Oft würde es für den Menschen besser sein, er besäße kein Bewußtsein,« bemerkte Muschalski, »aber die Tiere sind auch davon nicht frei.«
Der Alte aber schalt den berühmten Bogenschützen ob dieser Bemerkung:
»Wenn Ihr kein Bewußtsein hättet, dann könntet Ihr nicht zur Beichte gehen, dann wäret Ihr den Lutherischen gleich und des höllischen Feuers wert. Euch hat auch schon Priester Kaminski ob Eurer Lästerung gerügt, — aber lehr' den Wolf das pater, er will doch lieber die mater, besonders wenn es eine Ziegenmutter ist.«
»Ich — ein Wolf?« entgegnete der treffliche Bogenschütze, »Asya, das war der Wolf.«
»Habe ich das nicht gleich gesagt?« fragte Sagloba. »Wer hat zuerst gesagt, er ist ein Wolf? Nowowiejski hat mir erzählt,« sagte Bärbchen, »er höre Tag und Nacht, wie Evchen und Sophie ihm zurufen: »Rettung!« Ja, wo gibt es hier Rettung! Es hat so enden müssen, denn solchen Schmerz hätte niemand ertragen. Ihren Tod hätte er überlebt, ihre Schmach wird er nicht überleben.«
»Nun liegt er da, wie ein Stück Holz, und weiß von Gottes Welt nichts,« sagte Muschalski, »und das ist schade, denn er ist ein so vortrefflicher Krieger.«
Das Gespräch wurde durch einen Burschen unterbrochen, der mit der Nachricht kam, daß in der Stadt ein ungeheurer Lärm herrsche; die Menschen laufen zusammen, um den General von Podolien zu sehen, der soeben mit einem bedeutenden Gefolge und mit dem Fußvolk eingezogen ist.
»Das Kommando ist sein,« sagte Sagloba. »Es ist recht von Herrn Nikolaus Potozki, daß er es vorzieht, hier zu sein, als wo anders, aber ich sähe lieber, er wäre nicht hier. Ha, er war ein Gegner des Hetmans und glaubte nicht an den Krieg, und nun, weiß Gott, ob es ihm nicht den Kopf kosten wird.«
»Vielleicht kommen auch die anderen Herren Potozki ihm nach,« sagte Muschalski.
»Dann sind auch die Türken nicht mehr weit,« antwortete Sagloba, — »im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes! O, wäre der General ein zweiter Jeremias, und Kamieniez ein zweites Sbarasch!«
»So muß es sein, sonst sterben wir,« sagte eine Stimme an der Schwelle.
Bärbchen sprang bei dem Klang dieser Stimme auf, rief: »Michael!« und stürzte dem kleinen Ritter in die Arme.
Michael brachte viele wichtige Nachrichten mit, die er erst, ehe er sie im Kriegsrat kundgab, seiner Gattin in der stillen Zelle mitteilte. Er selbst hatte einige kleinere Tatarenscharen bis auf den letzten Mann aufgerieben und war mit großem Ruhm bis ganz in die Nähe des Krimschen und Doroschenkos Lager herangeschlichen. Er hatte auch eine Anzahl Gefangener mitgebracht, von welchen man Nachricht über die Streitkräfte des Khans und Doroschs erlangen konnte.
Die anderen Streifzügler hatten weniger Glück gehabt; der Herr von Podlachien, der an der Spitze bedeutender Streitkräfte stand, war in einer mörderischen Schlacht aufgerieben worden; Herrn Motowidlo, der die Walachische Heerstraße gezogen war, hatte Krytschynski mit Hilfe der Horde von Bialogrod und des Restes der Lipker, die sich nach der Niederlage bei Tykitsch geflüchtet hatten, geschlagen. Michael hatte, ehe er nach Kamieniez gekommen war, einen Umweg über Chreptiow gemacht; noch einmal wollte er, wie er sagte, diesen Ort seiner Glückseligkeit schauen.
»Ich war dort,« sagte er, »unmittelbar nach Eurer Abreise. Noch war Euer Platz warm, und ich hätte Euch leicht erreichen können, aber ich setzte in Uschyz ans Moldauische Ufer hinüber, um dort in der Steppe Kundschaft einzuziehen. Einige Scharen waren bereits vorüber, und sie fürchteten bei Pokuta auf »Unerwartete« zu stoßen; andere gehen in der Vorhut des türkischen Heeres und werden bald hier sein. Es wird eine Belagerung geben, mein süßes Täubchen, da hilft nichts, aber wir werden standhalten, denn hier verteidigt man nicht nur sein Vaterland, sondern auch sein eigenes Gut.« Dabei schloß er sein Weib in die Arme und küßte sie auf die Wangen.
An diesem Tage sprachen sie nicht mehr. Am anderen Morgen wiederholte Michael seine Neuigkeiten bei dem Bischof von Landskron vor dem Kriegsrat, zu welchem außer dem Bischof noch der General von Podolien, der Kämmerer von Podolien, der podolische Schreiber Rschewuski, der Fahnenträger Humiezki, Ketling, Makowiezki, der Major Kwasibrozki und einige Militärs gehörten. Zunächst mißfiel Herrn Michael, daß der General von Podolien erklärte, er wolle das Kommando nicht übernehmen, sondern vertraue es dem Rate an. »In unvorhergesehenen Fällen muß ein Kopf und ein Wille sein,« hielt ihm der kleine Ritter entgegen; »bei Sbarasch waren drei Regimentarier, welchen von Amts wegen die Macht zustand; und doch legten sie dieselbe in die Hände des Fürsten Jeremias, weil sie mit Recht sagten, in der Gefahr sei es besser, einem zu gehorchen.«
Aber diese Worte fruchteten nichts. Vergeblich wies der gelehrte Ketling auf die Römer als Muster hin, die als die größten Krieger der Welt die Diktatur ersonnen haben, — der Bischof von Landskron, der Ketling nicht sonderlich leiden mochte, weil er sich, Gott weiß warum, einbildete, er müsse als Schotte im Grunde seiner Seele ein Ketzer sein, erwiderte: »Die Polen brauchen nicht von Fremden Geschichte zu lernen; sie brauchen aber auch nicht, da sie ihren eigenen Verstand haben, den Römern nachzuahmen, denen sie übrigens an Mut und Beredsamkeit in nichts oder doch nur wenig nachstehen.« »Wie ein ganzes Bündel Holz,« sagte er, »eine größere Flamme gibt, als ein Scheit, so sind auch viele Köpfe klüger als einer«, und er lobte die »Bescheidenheit« des Generals von Podolien — zwar meinten andere, es sei dies nur Scheu vor der Verantwortung — und riet seinerseits zu Verhandlungen. Als dies Wort gefallen war, sprangen die Soldaten, wie von der Tarantel gestochen, von ihren Sitzen auf; Wolodyjowski, Ketling, Makowiezki, Kwasibrozki, Humiezki, Rschewuski begannen mit den Zähnen zu knirschen und mit den Schwertern zu rasseln. »Meiner Treu!« ließen sich Stimmen vernehmen, »nicht zum Verhandeln sind wir hergekommen!« — »Den Vermittler schützt sein geistliches Gewand.« Kwasibrozki schrie sogar: »In die Kirche, nicht in den Rat!« und ein ungeheurer Lärm entstand. Da erhob sich der Bischof und sagte mit mächtiger Stimme: »Ich wäre der erste, der bereit ist, sein Leben hinzugeben für die Kirche und für meine Herde, und wenn ich von Verhandlungen spreche und Verzögerung wünsche, so geschieht es, Gott ist mein Zeuge, nicht, um die Festung zu übergeben, sondern um dem Hetman Zeit zur Heranziehung von Hilfstruppen zu gewähren. Sobieskis Name ist den Heiden ein Schrecken, und wenn er auch die nötigen Streitkräfte nicht hätte, wenn nur das Gerücht umläuft, daß er kommt, so werden die Türken Kamieniez meiden.« Als er dies mit mächtiger Stimme gesagt hatte, schwiegen alle, manche freuten sich sogar, da sie hörten, daß der Bischof an Übergabe nicht gedacht hatte.
Da sprach Michael: »Ehe der Feind Kamieniez belagert, muß er erst Swaniez niederwerfen oder in Trümmer legen, denn unmöglich kann er das befestigte Schloß im Rücken liegen lassen. Nun denn, mit Erlaubnis des Herrn Kämmerers von Podolien erkläre ich mich bereit, mich in Swaniez einzuschließen und mich genau so lange Zeit dort zu halten, als der Herr Bischof mit Hilfe von Verhandlungen zu gewinnen denkt. Ich nehme sichere Leute mit, und, solange ich am Leben bin, so lange wird auch Swaniez stehen.«
Da riefen alle: »Das darf nicht sein, du bist hier nötig. Ohne dich läßt der Bürger den Mut sinken, ohne dich werden die Soldaten nicht mit gleicher Lust kämpfen, das darf keineswegs geschehen. Wer hat hier die größte Kriegserfahrung, wer hat Sbarasch mitgemacht? Wer soll die Führerschaft haben, wenn es zu einem Ausfall kommt? Du wirst für Swaniez untergehen, und wir werden ohne dich hier untergehen.«
»Das Kommando hat mir zu gebieten,« antwortete Michael.
»Nach Swaniez könnte man irgend einen jungen, kecken Ritter schicken, der mir zur Seite stände,« versetzte der Kämmerer von Podolien.
»So mag Nowowiejski hingehen,« riefen einige Stimmen.
»Nowowiejski kann nicht fort, sein Kopf brennt,« erwiderte Herr Michael; »er liegt zu Bett und weiß von Gott und der Welt nichts.«
»Indessen laßt uns beraten, an welchen Platz ein jeder stehe, und welches Tor er verteidigen soll,« sagte der Bischof.
Aller Augen wandten sich auf den General von Podolien; der aber sprach: »Ehe ich Befehle erteile, höre ich gern die Ansichten erfahrener Krieger, und da Herr Michael Wolodyjowski an Kriegserfahrung allen hier voransteht, so rufe ich ihn zuerst zum Worte auf.«
Wolodyjowski riet zunächst, die Schlösser, die vor der Stadt lagen, zu besetzen, weil er glaubte, daß gerade gegen diese Schlösser sich der Hauptangriff der Feinde richten werde. Auch andere traten seiner Meinung bei; man verfügte über zehntausend Mann Fußvolk, die man so verteilte, daß Myslischewski die rechte Seite des Schlosses, Humiezki, berühmt durch seine Taten bei Chozim, die linke Seite besetzte; in der Richtung auf Chozim, am gefährlichsten Punkte, sollte Wolodyjowski selbst Stellung nehmen, weiter unten wurde die Abteilung der Serdjuken aufgestellt, die Sinkowiezer Seite schützte Major Kwasibrozki, den Süden Herr Wonsowitsch und die Schloßseite Kapitän Bukar mit den Leuten des Herrn Krasinski. Es waren dies alles nicht etwa Freiwillige, sondern Soldaten von Beruf, treffliche, ausdauernde Krieger, die das Kanonenfeuer leichter ertrugen, als mancher andere den Brand der Sonnenstrahlen. Sie hatten überdies im Dienste der Republik, deren Heere immer gering an Zahl waren, von Jugend auf gelernt, zehnfach überlegenen Feinden Widerstand zu leisten, und hielten dies für etwas Selbstverständliches. Die Oberaufsicht über die Artillerie des Schlosses hatte der schöne Ketling, der in der Kunst, die Kanonen zu richten, alle anderen übertraf. Das Oberkommando im Schlosse sollte in den Händen des kleinen Ritters liegen, dem der General von Podolien sogleich volle Freiheit gab, Ausfälle zu unternehmen, so oft die Notwendigkeit oder Gelegenheit sich darbieten würde. Die anderen freuten sich, da sie erfuhren, wie einem jeden sein Platz angewiesen war; sie erhoben ein lautes Geschrei, schlugen mit Getöse an die Rapiere, um so ihre Zustimmung und Kampfeslust zu bezeigen. Als der General von Podolien das hörte, sagte er zu sich selber:
— Ich habe nicht geglaubt, daß wir imstande sein werden, uns zu verteidigen; ohne Hoffnung kam ich hierher, nur meinem Gewissen folgend, — und doch, wer weiß, ob es uns mit solchen Kriegern nicht gelingen wird, den Feind zurückzuschlagen. Großer Ruhm wird mir werden; als einen zweiten Jeremias wird man mich begrüßen; wer weiß, ob mich nicht ein glücklicher Stern hierher geführt hat. — Und wie er bisher an der Verteidigung gezweifelt, so begann er nun an der Einnahme von Kamieniez zu zweifeln; sein Mut wuchs, und er begann schon eifriger über die Besetzung der Stadt Rat zu pflegen.
Es wurde also beschlossen, daß in der Stadt selbst, am reußischen Tore, Makowiezki stehen sollte, mit einem Häuflein adliger polnischer Bürger, die in der Schlacht standhafter waren als andere, ferner mit einer Anzahl Armenier und Juden. Das Tor von Luzk wurde Herrn Grodezki überwiesen, den Befehl über die Kanonen übernahmen Schuk und Matschynski. Die Platzwache vor dem Rathaus bekam Lukas Dsiewanowski, und Chozimirski übernahm jenseits des reußischen Tores die Führerschaft über das lärmende Volk der Zigeuner. Von der Brücke bis zum Schlosse des Herrn Sinizki führte die Wache Herr Kasimir Humiezki, der Bruder des tapferen Laurentius; weiter hinauf sollten Stanischewski am lechischen Tore, Martin Bogusch an der Bastei von Spisch, Georg Skarschynski und Jazkowski unmittelbar am Bialoblodsker Loch ihre Quartiere einnehmen. Dubrowski und Pietraschewski erhielten die Bastei von Rscheschnik, die große Stadtschanze ward Tomaschewitsch, dem Schulzen polnischer Gerichtsbarkeit, übertragen, die kleinere Jazkowski. Es erging noch der Befehl, eine dritte aufzuschütten, von der aus später ein Jude, ein geübter Bogenschütze, den Türken viel zu schaffen machte.
Nachdem dies festgestellt war, kamen alle freudig zur Abendmahlzeit bei dem Herrn Hetman von Podolien zusammen. Dieser ehrte besonders während der Festlichkeit Herrn Michael sowohl durch den Platz, den er ihm anwies, als durch Wein, Gerichte und durch eine Rede, in der er voraussagte, daß die Nachwelt dem Beinamen des kleinen Ritters nach der Belagerung den Titel eines Hektors von Kamieniez hinzufügen werde. Herr Michael aber erklärte, er hoffe, ehrlichen Ritterdienst zu leisten, und wolle sich zu diesem Zwecke mit einem bestimmten Gelübde im Dome binden; darum bat er den Bischof, es möge ihm gestattet sein, dies morgen zu tun. Der Bischof, welcher einsah, daß dieses Gelübde dem Gemeinwohl Nutzen bringen werde, sagte gern zu.
Am anderen Tage war großer Gottesdienst im Dome. Mit Andacht und Begeisterung lauschten die Ritter, der Adel, die Soldaten und das Volk. Michael und Ketling lagen knieend vor dem Altar, Christine und Bärbchen knieten am Gitter und weinten, denn sie wußten, daß dieses Gelübde das Leben ihres Gatten in Gefahr bringen mußte. Nach Beendigung der Messe wandte sich der Bischof mit der Monstranz zum Volke. Da erhob sich der kleine Ritter, kniete auf den Stufen des Altars nieder und sagte mit gerührter, wenn auch ruhiger Stimme:
»Für die besondere Güte und die ungewöhnliche Huld, die ich von Gott dem Herrn und seinem eingeborenen Sohne empfangen habe, fühle ich mich zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet und gelobe und schwöre, daß, wie er und sein Sohn mir beigestanden, auch ich bis zum letzten Atemzuge das heilige Kreuz verteidigen werde und, da mir das Kommando des alten Schlosses übertragen ist, daß ich, solange ich lebe und Hände und Füße rühren kann, keinen heidnischen Feind in das Schloß einlassen werde, daß ich von den Mauern nicht weichen, daß ich die weiße Fahne nicht aufstecken werde, und sollte ich unter den Trümmern des Schlosses begraben werden. So helfe mir Gott und das heilige Kreuz — Amen!«
Eine feierliche Stille herrschte in der Kirche; dann ertönte Ketlings Stimme:
»Für die besondere Güte,« sagte er, »die ich in diesem Vaterland erfahren habe, gelobe ich, bis zum letzten Blutstropfen das Schloß zu verteidigen und mich unter seinen Trümmern begraben zu lassen, ehe der Feind den Fuß über seine Schwelle setzt. Und so wahr, wie ich aus reinem Herzen und aus reiner Dankbarkeit diesen Eid schwöre, so wahr helfe mir Gott und das heilige Kreuz — Amen!«
Hier neigte der Priester die Monstranz und reichte sie erst Michael, dann Ketling zum Kusse dar. Bei diesem Anblick erhoben die anwesenden Ritter Lärm in der Kirche, es ertönten die Rufe: »Wir schwören alle!«, »Wir sterben einer nach dem anderen!«, »Die Feste wird nicht fallen!«, »Wir schwören — wir schwören!« »...Amen, amen, amen!« Die Säbel und Rapiere flogen mit Geklirr aus den Scheiden, und die Kirche erglänzte vom Widerschein der gezückten Schwerter. Der Schimmer fiel auf die drohenden Gesichter, auf die glühenden Augen, und ein gewaltiger, unbeschreiblicher Feuereifer erfaßte den Adel, die Krieger, das Volk. Alle Glocken läuteten, die Töne der Orgel schwollen mächtig, und der Geistliche intonierte: »Sub tuum praesidium.« Hundert Stimmen fielen machtvoll ein, und so betete man für die Feste, welche die Schutzwarte der Christenheit, der Schlüssel der Republik war.
Nach Beendigung des Gebets gingen Ketling und Michael Arm in Arm aus der Kirche. Man sandte ihnen Segenswünsche nach, denn niemand zweifelte daran, daß sie eher sterben als das Schloß ausliefern würden. Und doch, nicht der Tod schien über ihnen zu schweben, sondern Sieg und Ruhm, und unter der ganzen großen Menge wußten wohl nur sie allein, mit welchem furchtbaren Eidschwur sie sich gebunden. Vielleicht ahnten auch zwei liebende Herzen die große Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte, denn weder Bärbchen noch Christine konnten sich beruhigen, und als Michael sich endlich im Kloster bei seiner Frau einfand, flüchtete sie schluchzend und weinend wie ein kleines Kind an seinen Busen und sagte in abgerissenen Worten:
»Michael ... Michael! ... wenn ... Gott behüte! ... ein Unglück dich trifft ... so ... so ... weiß ich nicht ... was ... mit mir ... geschieht!«
Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Schluchzen. Auch der kleine Ritter war tief bewegt; endlich sagte er:
»Bärbchen, ... es mußte sein.«
»Ich möchte lieber sterben,« sagte Bärbchen.
»Still, Bärbchen, still!« wiederholte der kleine Ritter immer wieder, um sein über alles geliebtes Weib zu beruhigen.
»Denkst du noch, als dich mir der liebe Gott zurückgegeben hatte, was ich da dachte? Ich sagte: »Was du, Herrgott, auch von mir forderst, ich will es geben. Nach dem Kriege, wenn ich ihn überlebe, will ich eine Kapelle erbauen, aber während des Krieges muß ich etwas Großes tun, um dir nicht mit Undank zu lohnen.« Was bedeutet das Schloß! Wenig genug für so große Wohltaten. Nun ist die Zeit gekommen; ziemt es sich, daß der Erlöser sage: »Versprochen und nicht gehalten?« Eher mögen mich die Mauern des Schlosses begraben, ehe ich das Ehrenwort, das ich Gott gegeben, breche. Es muß sein, Bärbchen; und damit genug. Vertrauen wir auf Gott!«
Noch an demselben Tage machte sich Herr Wolodyjowski mit der Fahne auf, um Herrn Wasilkowski zu Hilfe zu eilen, der gen Hryntschuk geeilt war, weil, einer Nachricht zufolge, die Tataren dort plötzlich hereingebrochen waren, die Einwohner in Fesseln gelegt, das Vieh fortgetrieben und die Dörfer in Brand gesteckt hatten, um alle Spuren ihrer Anwesenheit zu tilgen. Der Herr von Wasilkowski hatte sie sogleich geschlagen, ihnen Beute und Gefangene abgenommen. Letztere brachte Michael nach Swaniez und trug Herrn Makowiezki auf, sie auf die Folter zu spannen und ihre Aussagen sorgfältig niederzuschreiben, damit diese dem Hetman und dem König übersandt werden könnten. Die Tataren sagten aus, daß sie auf Perkulabischen Befehl die Grenzen überschritten und Hilfskräfte unter der Führung des walachischen Hauptmanns Stingan gehabt hätten. Sie vermochten aber trotz aller Qualen nichts darüber auszusagen, in welcher Entfernung sich gegenwärtig der Sultan mit seiner ganzen Macht befinde, da sie, in losen Abteilungen marschierend, keine Verbindung mit dem Hauptlager unterhalten hatten. Alle aber sagten übereinstimmend aus, daß der Sultan mit Macht gegen die Republik heranziehe, und wahrscheinlich in kürzester Zeit bei Chozim Halt machen werde. Es lag in diesen Aussagen nichts Neues für die zukünftigen Verteidiger von Kamieniez; da man aber in Warschau am Hofe des Königs an den Krieg nicht glaubte, beschloß der Kämmerer von Podolien, die Gefangenen samt ihren Neuigkeiten nach Warschau zu senden.
Die vorausgeschickten Streifzügler kehrten befriedigt von ihrer ersten Unternehmung zurück. Inzwischen war am Abend der Sekretär seines Bruderschafters Habareskul, des ältesten Perkulaben von Chozim, zu Herrn Michael gekommen; er brachte keinen Brief, denn der Perkulab fürchtete, etwas Schriftliches von sich zu geben; er hatte aber aufgetragen, seinem Bruderschafter Michael, seinem Augapfel und Herzensbruder, mündlich zu sagen, er möge sich wohl in acht nehmen, und, wenn Kamieniez nicht genügend Soldaten zur Verteidigung habe, unter irgend einem Vorwand die Stadt verlassen, denn der Kaiser werde schon am folgenden Tage in Chozim mit der ganzen Kriegsmacht erwartet.
Herr Michael ließ Perkulab Dank sagen, belohnte den Sekretär und schickte ihn zurück. Er selbst aber setzte sogleich den Kommandanten von der herannahenden Gefahr in Kenntnis.
Die Nachricht machte, obgleich man sie jede Stunde erwartet hatte, einen großen Eindruck. Der Eifer bei den städtischen Arbeiten wurde verdoppelt; Hieronymus von Landskron aber rückte unverzüglich nach seinem Swaniez ab, um dort ein Auge auf Chozim zu haben.
Eine Zeit ging in Erwartung hin; endlich, am frühen Morgen des zweiten August, erschien der Sultan bei Chozim. Die Regimenter breiteten sich aus wie ein uferloses Meer, und bei dem Anblick der letzten Stadt, die in den Grenzen des Herrschaftsgebiets des Padischahs lag, ertönte aus Hunderttausenden von Kehlen der Ruf: Allah, Allah! Jenseits des Dniestr lag die wehrlose Republik, welche die ungezählten Heere wie eine Sintflut überströmen, wie eine Flamme verzehren sollten. Die Kriegerscharen, die in der Stadt nicht Raum finden konnten, lagerten auf den Feldern, auf denselben Feldern, wo vor etlichen Jahren eine gleich große Armee des Propheten von den polnischen Schwertern zerschmettert worden war. Nun schien die Zeit der Rache gekommen, und unter den wilden Heerscharen ahnte niemand, vom Sultan bis hinab zum Lagerknecht, daß diese Felder zweimal unheilbringend für den Halbmond sein sollten. Die Hoffnung, ja die Gewißheit des Sieges belebte aller Herzen, die Janitscharen und die Spahis, die Scharen vom Balkan, von Rodope, von Rumelien, vom Ossa und Pelion, vom Karmel und Libanon, aus den Wüsten Arabiens, von den Ufern des Tigris, aus den Niederungen des Nil und den glühenden Sandmeeren Afrikas — sie alle erhoben ein wildes Geschrei und begehrten, daß man sie sofort nach dem »ungläubigen Ufer« hinüberführe. Da begannen die Mu'ezzins auf den Minaretten von Chozim zum Gebet zu rufen, und still ward es ringsumher. Ein Meer von Köpfen, in Turbanen, Kapuzen, Fez', in Burnussen, Kepis und Stahlhelmen neigte sich zur Erde, und über die Felder ging ein dumpfes Murmeln des Gebets, dem Gesurre eines unermeßlichen Bienenschwarmes vergleichbar — und flog, vom Winde getragen, hinüber über den Dniestr in die Republik hinein.
Dann ertönten die Trommeln, die Krummhörner, die Pfeifen und gaben das Zeichen der Ruhe. Obgleich die Heere langsam und bequem marschiert waren, wollte ihnen der Padischah doch nach dem langen Wege von Adrianopel bis hierher die gewohnte Ruhe geben. Er selbst nahm Waschungen vor in dem hellen Quell, der unweit der Stadt floß, und fuhr in den Konak von Chozim. Auf den Feldern wurden die Zelte der Regimenter aufgeschlagen, die bald wie der Schnee des Winters die unabsehbare Fläche bedeckten.
Der Tag war schön gewesen, und der Abend war heiter. Nach den letzten Abendgebeten begann das Lager zu ruhen; Tausende, Hunderttausende von Feuern erglänzten, und ihr Flackern wurde vom gegenüberliegenden Schlößchen von Swaniez mit Sorge bemerkt, denn sie nahmen einen so ungeheuren Raum ein, daß die Soldaten, die auf Kundschaft ausgegangen waren, sagten, als sie Rechenschaft gaben von dem, was sie gesehen, die ganze Moldau scheine im Feuer zu liegen. Aber je höher der helle Mond an dem gestirnten Himmel emporstieg, desto mehr erbleichten die Lagerfeuer; endlich brannten nur noch die Feuer der Wachen, das Lager wurde still, und durch die Ruhe der Nacht ertönte nur das Wiehern der Pferde und das Brüllen der Büffel, die auf den Fluren von Taraban weideten.
Am anderen Morgen. — es dämmerte kaum — sandte der Sultan Janitscharen, Tataren und Lipker aus; sie sollten den Dniestr überschreiten und Swaniez nehmen, das Städtchen und das Schloß. Der tapfere Hieronymus von Landskron erwartete sie nicht hinter den Mauern, sondern griff mit vierzig von seinen Tataren, achtzig Kijanern und einigen Genossenschaftsfahnen die Janitscharen beim Übergang über den Fluß an und brachte dies treffliche Fußvolk in solche Verwirrung, daß es sich in wilder Unordnung zurückzog. Inzwischen aber war eine Tatarenschar, von Lipkern unterstützt, seitwärts über den Fluß gesetzt und in die Stadt gedrungen. Der aufsteigende Rauch und lärmende Rufe kündigten dem tapferen Kämmerer an, daß die Stadt bereits in den Händen der Feinde war. Er gab also Befehl, sich zurückzuziehen, um den unglücklichen Einwohnern zu Hilfe zu kommen. Die Janitscharen konnten ihn nicht verfolgen, da sie zu Fuß dienten, er aber sprengte in vollem Galopp zu Hilfe. Schon war er angelangt, als plötzlich seine Leibtataren ihre Fahnen hinwarfen und zum Feinde übergingen, ein höchst gefahrdrohender Augenblick. Die Tatarenschar, von den Lipkern unterstützt, fiel, in der Voraussetzung, daß der Verrat Verwirrung erzeugt habe, mit großer Wucht über den Kämmerer her; zum Glück leisteten die Kijaner, durch das Beispiel ihres Führers ermutigt, tüchtigen Widerstand. Die Genossenschaftsfahne brach bald den Angriff des Feindes, der übrigens nicht imstande war, der regulären polnischen Reiterei Widerstand zu leisten. Der Boden vor der Brücke bedeckte sich bald mit Leichen, besonders mit Lipkern, denn diese hielten dauernder stand als die von der Horde. Noch viele von ihnen wurden in den Straßen niedergemetzelt; dann suchte Herr von Landskron, als er sah, daß Janitscharen vom Wasser herkamen, Schutz hinter den Mauern und schickte einen Boten nach Kamieniez um Hilfe aus.
Der Padischah gedachte anfangs an diesem Tage das Schloß von Swaniez nicht einzunehmen, denn er war mit Recht der Ansicht, daß er es bei dem allgemeinen Übergang des Heeres über den Fluß in einem Augenblick niederwerfen werde. Er wollte nur die Stadt einnehmen, und da er voraussetzte, daß die Abteilungen, die er ausgeschickt hatte, vollkommen ausreichend seien, sandte er weder Janitscharen noch Kosaken nach. Die aber, welche schon diesseits des Flusses waren, nahmen, als der Kämmerer sich hinter die Mauer zurückzog, von neuem die Stadt ein. Sie steckten diese nicht in Brand, damit sie ihnen und den anderen Abteilungen in Zukunft als Schutz diene, und begannen darin zu wirtschaften mit Schwert und Dolch. Die Janitscharen ergriffen die jungen Weiber zu soldatischer Wollust, die Männer und die Kinder wurden mit Beilen niedergehauen. Die Tataren waren mit Beutemachen beschäftigt.
Da bemerkte man von der Bastei des Schlößchens, daß von Kamieniez her Reiterei herankomme. Als der Herr von Landskron das hörte, trat er hinaus auf die Bastei mit einigen Genossen, legte das Perspektiv durch die Schießscharte und sah lange und aufmerksam hinaus; endlich sagte er: das ist die leichte Reiterei aus der Besatzung von Chreptiow, dieselbe, an deren Spitze Wasilkowski nach Hryntschuk gegangen ist; sicher hat man ihn nun selbst hergeschickt.
Dann blickte er wieder durch das Perspektiv. »Ich sehe Freiwillige, gewiß Laurentius Humiezki.« Und nach einer Weile: »Gott sei Dank, auch Michael ist dabei; ich sehe Dragoner. Meine Herren, machen wir einen Ausfall aus den Mauern, mit Gottes Hilfe werden wir den Feind nicht nur aus der Stadt, sondern über das Wasser hinauswerfen.«
Mit diesen Worten lief er eiligst hinunter, um seine Kijaner und seine Genossen zu ordnen. Inzwischen waren die heranziehenden Fahnen von Tataren in der Stadt bemerkt worden; sie riefen entsetzt Allah an und begannen sich zu scharen. Durch alle Straßen ertönten die Trommeln und Pfeifen, die Janitscharen standen sofort in bester Ordnung da, mit einer Schnelligkeit, in der keine Infanterie der Welt ihnen gleichkam. Die Schar stürmte wie ein Orkan zur Stadt hinaus und fiel über die leichte Reiterei her. Die Tataren allein, außer den Lipkern, welchen der Herr von Landskron vielen Schaden zugefügt hatte, waren dreifach zahlreicher als die Besatzung von Swaniez und die heranziehenden Hilfsfahnen. Darum zögerten sie auch nicht, Herrn Wasilkowski anzugreifen; aber dieser, ein ungezügelter Jüngling, der ebenso kampfbegierig wie blind, sich jeglicher Gefahr entgegenwarf, befahl den Leuten, sofort mit größter Wut anzugreifen, und flog wie eine Windhose, die Übermacht des Feindes nicht achtend, der Schar entgegen. Diese Kühnheit machte die Tataren, die im allgemeinen ein plötzliches Treffen nicht gern sahen, völlig verdutzt. Sie brachten auch sogleich, trotz des Geschreis der hinter ihnen herreitenden Massen, trotz des entsetzlichen Lärmens der Pfeifen und Trommeln, welche zum »Kensim«, d. h. zum Morden der Ungläubigen anfeuerten, die Pferde zum Stehen; Mut und Kriegslust schien nachzulassen, und endlich stoben sie in der Entfernung eines Bogenschusses von der Fahne nach beiden Seiten auseinander, indem sie den heraneilenden Reitern eine Wolke von Pfeilen entgegensandten.
Herr Wasilkowski, der von der Anwesenheit der Janitscharen, die sich jenseits der Häuser in Schlachtordnung aufgestellt hatten, nichts wußte, eilte mit gleicher Wucht hinter den Tataren her, oder richtiger, hinter der Hälfte der Schar; er hatte sie bald eingeholt und metzelte diejenigen nieder, die nicht schnell genug entfliehen konnten, weil sie schlechtere Pferde hatten. Da wandte sich die andere Hälfte der Tatarenschar zurück, um ihn zu umzingeln; aber in diesem Augenblick kamen die Freiwilligen heran, und gleichzeitig machte der Unterkämmerer mit den Kijanern einen Ausfall. Die Tataren, von vielen Seiten gedrängt, stoben in einem Augenblick wie Spreu auseinander, und es begann ein Handgemenge, die Verfolgung eines Häufleins durch das andere, eines Mannes durch den anderen, bei dem die Horde viele Leichen zurückließ, besonders unter dem Schwerte Wasilkowskis, der blindlings auf ganze Scharen niederfuhr wie der Falke auf eine Schar Sperlinge.
Wolodyjowski aber, der vorsichtige, kühle Soldat, ließ die Dragoner nicht aus der Hand. Wie der Jäger, der die Meute an festen Riemen hält, sie nicht auf jedes beliebige Wild hetzt, sondern erst dann von der Koppel befreit, wenn er der glühenden Augen und der weißen Hauer des wilden Ebers ansichtig wird, so schaute auch der kleine Ritter, die flüchtigen Horden verachtend, aus, ob hinter ihnen nicht Spahis, Janitscharen oder ein anderes diszipliniertes Heer anrücke.
Da kam Hieronymus von Landskron mit seinen Kijanern auf ihn zu.
»Freund!« rief er, »die Janitscharen stehen am Flusse, hauen wir sie nieder!«
Herr Michael zog das Rapier aus der Scheide und kommandierte: »Vorwärts!«
Die Dragoner zogen die Zügel an, um die Pferde sicher in der Gewalt zu haben, dann bog die Reihe ein und rückte in solcher Ordnung vorwärts, wie auf dem Übungsplatz. Erst ritten sie im Trab, dann im Galopp, aber sie spornten die Pferde noch nicht zu schnellstem Laufe. Erst als sie an den Wirtschaften vorüber waren, die östlich vom Schlosse am Wasser lagen, sahen sie die weißen Filzmützen der Janitscharen und erkannten, daß sie es nicht mit Dschamaken, sondern mit regulären Truppen zu tun hatten.
»Drauf!« schrie Michael.
Und die Pferde griffen aus; den Leib fast am Boden, warfen sie mit den Hufen die Schollen des harten Erdreichs in die Luft.
Die Janitscharen, welche nicht wußten, wie groß die Streitmacht war, die Swaniez zu Hilfe eilte, wandten sich wirklich dem Flusse zu. Eine Abteilung, die über zweihundert Mann zählte, war schon am Ufer, und ihre ersten Reihen betraten gerade die Prahme; die zweite Abteilung, in gleicher Stärke, kam im schnellsten Lauf, aber in vortrefflicher Ordnung heran; als sie die Reiterei erblickte, machte sie Halt und bot im Augenblick dem Feinde die Stirn. Die Gewehre neigten sich, und eine Salve erdröhnte wie bei der Musterung; ja mehr noch, die wütenden Krieger, welche darauf bauten, daß die Genossen vom Ufer her sie mit Gewehrfeuer unterstützen würden, wichen nicht nur nicht vor dem Kugelregen zurück, sondern stürmten mit lautem Schrei nach der Richtung des Kampfes zu, stürzten mit gewaltigem Anprall, die Säbel schwingend, auf die Reiterei, die beim besten Willen die Pferde nicht zu halten vermochte, und durchbrachen ihre Reihen mit Blitzesschnelle, Schreck und Verderben unter sie tragend.
Unter der Wucht des Reiterangriffes fiel die erste Reihe wie die Ähren unter der Sense des Schnitters. Viele sanken nur durch die Gewalt des Angriffs zu Boden und sprangen wieder auf, um zerstreut an das Ufer des Flusses zu rennen, von wo aus die zweite Abteilung immer wieder Feuer gab, indem sie hoch zielte, um über die Köpfe der Kampfgenossen hinweg die Dragoner zu treffen. Einen Augenblick herrschte unter den Janitscharen, die an den Prahmen standen, sichtlich ein Zögern, eine Unschlüssigkeit darüber, ob die Prahme bestiegen werden sollten oder ob, dem Beispiel der zweiten Abteilung folgend, sofort die Reiterei anzugreifen sei. Von diesem letzten Schritt hielt sie jedoch der Anblick der fliehenden Haufen zurück, welche die Reiterei vorwärts drängte, und so furchtbar niedermetzelte, daß ihre Wut nur mit ihrer Gewandtheit verglichen werden konnte. Bisweilen wandte sich ein solcher Haufe, wenn er zu sehr in die Enge getrieben war, in der Verzweiflung zurück und begann zu beißen, wie ein in die Enge getriebenes Wild, wenn es sieht, daß es kein Entrinnen mehr gibt. Aber gerade in solchen Augenblicken konnten die am Ufer Stehenden deutlich erkennen, daß dieser Reiterei mit blanker Waffe nicht stand zu halten war, so sehr war sie in ihrem Gebrauch überlegen. Die Widerstandleistenden wurden mit solcher Geschicklichkeit und Schnelligkeit niedergehauen, daß das Auge kaum die Bewegung des Säbels wahrnahm. Wie wenn das Gesinde, in einer reichen Wirtschaft das trockene Getreide dreschend, eifrig und schnell den Flegel in Bewegung setzt, so daß die ganze Scheuer vom Echo der Schläge widerhallt, und das befreite Korn nach allen Seiten spritzt — so tönte auch von den Schwertstreichen das ganze Ufer wider, und die Haufen der Janitscharen stoben unter mitleidslosen Hieben nach allen Seiten hin.
Herr Wasilkowski stürmte an der Spitze seiner leichten Reiterei einher, unbekümmert um die eigene Sicherheit. Aber wie der gewandte Schnitter den stärkeren, aber minder geübten Knecht übertrifft, der leicht müde wird und von Schweiß überströmt, während jener langsam schreitend vorwärts geht, gleichmäßig die Ähren vor sich niedermähend, so übertraf Michael den tollkühnen Jüngling. Unmittelbar vor dem Zusammenstoß mit den Janitscharen hatte er die Dragoner vorangeschickt; er selbst blieb ein wenig zurück, um die ganze Schlacht zu beobachten, und so in der Entfernung stehend, schaute er sorgenvoll hin und stürzte sich auch unter die Menge, schlug, richtete, dann blieb er wieder ein wenig zurück, beobachtete und schlug wieder dazwischen. Wie gewöhnlich im Kampfe mit dem Fußvolk, geschah es auch diesmal, daß die Reiterei im Sturmlauf die Fliehenden umging. Viele von ihnen wandten sich, da ihnen der Weg zum Flusse abgeschnitten war, auf der Flucht der Stadt zu, um sich unter den Sonnenblumen zu verbergen, welche vor den Wirtschaften wuchsen. Aber Michael hatte sie bemerkt, die ersten beiden erreicht, durch zwei leichte Streiche stürzten sie zu Boden und hauchten ihren Geist aus. Da dies ein dritter sah, schoß er aus seiner Janitscharenbüchse auf den kleinen Ritter, dieser aber fuhr ihm mit der Schneide zwischen Nase und Mund, und nahm ihm so das liebe Leben. Dann sprengte er unverzüglich den anderen nach. Nicht schneller macht der Dorfjunge die Pilze nieder, die in Haufen wachsen, als er die Feinde, ehe sie die Sonnenblumen erreichten. Nur die beiden letzten ergriffen die Leute von Swaniez, und der kleine Ritter befahl ihnen, sie in sicheren Gewahrsam zu bringen.
Er selbst war warm geworden, und als er bemerkte, daß die Janitscharen kräftig an den Fluß gedrängt wurden, mischte er sich in das Gewirr der Schlacht und begann in gleicher Linie mit den Dragonern zu arbeiten. Bald schlug er vor sich hin, bald wandte er sich nach rechts oder links, gab einen flachen Streich, ohne hinzusehen, wo er traf, und bei jedem Schlage taumelte eine weiße Kapuze zu Boden. Die Janitscharen begannen in ihrer Angst mit lärmendem Geschrei zu drängen; er aber verdoppelte die Schnelligkeit der Hiebe, und obgleich er selbst ruhig blieb, konnte doch kein Auge den Bewegungen seines Rapiers folgen und erkennen, wann er Hieb oder Stich anwandte, denn der Degen schien nur einen leichten Kreis um ihn herum zu beschreiben.
Herr von Landskron, der zwar lange von ihm als von einem Meister aller Meister gehört, der ihn aber noch nicht in der Schlacht gesehen hatte, hörte auf zu kämpfen und schaute verwundert zu; er wollte seinen Augen nicht trauen, daß ein Mensch, sei er auch ein Meister, sei er auch berühmt als der beste Ritter, soviel wirken und schaffen könne. Er griff sich an die Stirn, und die Genossen um ihn her hörten, wie er beständig wiederholte: »Es war noch zu wenig, was ich gehört, bei Gott!« und andere schrieen: »Schaut hin, denn das seht ihr in der Welt nicht wieder!« Michael aber hieb fort und fort.
Jetzt hatte man die Janitscharen an den Fluß gedrängt, und sie stürmten in wilder Unordnung auf die Prahme. Da es an Prahmen nicht fehlte, und von der Besatzung weniger zurückkehrten, als gekommen waren, so fanden sie schnell und bequem Platz. Die schweren Ruder setzten sich bald in Bewegung; zwischen den Janitscharen und den Dragonern lag eine große Wasserfläche, die sich mit jedem Augenblick erweiterte. Von den Prahmen ertönten nun die Janitscharengewehre, und die Dragoner antworteten mit kräftigen Schüssen. Wie eine Wolke erhob sich der Rauch über dem Wasser, dann bildete er lange, schmale Streifen. Die Prahme mit den Janitscharen entfernte sich immer mehr. Die Dragoner, die das Feld behauptet hatten, erhoben einen furchtbaren Schrei und riefen, die Fäuste drohend erhoben, den Abfahrenden nach: »Schert euch, Hunde, schert euch!« Herr von Landskron nahm, obgleich die Kugeln noch fielen, Michael in seine Arme.
»Ich habe meinen Augen nicht getraut,« sagte er, »Wunderwerke sind das, lieber Freund, einer goldenen Feder würdig!«
Michael antwortete: »Angeborene Gewandtheit und Übung, nichts weiter; wieviel Kriege hat man nicht schon mitgemacht!« Damit erwiderte er die Umarmung des Herrn von Landskron, entzog sich seiner Freundlichkeit, blickte nach dem Ufer hin und rief:
»Seht dorthin, Ew. Liebden, so werdet Ihr eine neue Merkwürdigkeit erblicken.«
Der Kämmerer wandte sich um und sah einen Offizier, der am Ufer den Bogen spannte. Es war Muschalski.
Der berühmte Bogenschütze hatte bisher unter den anderen gekämpft und im Handgemenge den Feind niedergemacht. Jetzt, als die Janitscharen sich schon so weit entfernt hatten, daß die Kugeln sie nicht mehr erreichten, nahm er den Bogen von seiner Seite, suchte sich ein Plätzchen, wo das Ufer ein wenig erhöht war, versuchte mit den Fingern die Sehne, und als sie vernehmlich erklang, legte er den geflügelten Pfeil auf und zielte.
Gerade in diesem Augenblick sahen Michael und Herr von Landskron ihm zu. Ein wunderbares Bild! Der Bogenschütze saß zu Pferde; er hatte die linke Hand vor sich hingestreckt und hielt mit ihr den Bogen wie mit Klammern fest; die rechte zog er immer stärker bis in die Gegend der Brustwarze heran, daß ihm die Adern an der Stirn hervortraten, und zielte ruhig. In der Ferne sah man, in eine Rauchwolke gehüllt, zahlreiche Prahme, die den Fluß hinanglitten, der infolge der Schneeschmelzen in den Bergen angeschwollen war, und an diesem Tage so durchsichtig schimmerte, daß die Prahme und die Janitscharen-Besatzung sich in ihm widerspiegelten. Die Büchsen am Ufer waren verstummt, aller Augen waren auf Muschalski geheftet oder schauten nach der Richtung, die der tödliche Pfeil nehmen sollte. Da plötzlich ertönte laut die Sehne, und der geflügelte Todesbote schwirrte durch die Luft. Kein Auge konnte seinem Fluge folgen, aber alle bemerkten deutlich, wie der am Ruder stehende kräftige Janitschar plötzlich die Arme auseinanderstreckte, sich auf dem Flecke umdrehte, und platschend ins Wasser fiel. Die helle Flut spritzte unter seiner Last auf.
Muschalski aber sagte: »Für dich, Dydiuk!« Dann griff er nach einem anderen Pfeil. »Dem Herrn Hetman zu Ehren!« wandte er sich an die Genossen. Sie hielten den Atem inne, und wieder schwirrte es durch die Luft, und ein zweiter Janitschar stürzte auf den Boden des Prahms.
Auf allen Prahmen begannen nun die Ruder sich lebhafter zu bewegen, mächtig warfen sie die helle Woge zurück. Der unvergleichliche Bogenschütze aber wandte sich jetzt lächelnd an den kleinen Ritter:
»Zu Ehren der würdigen Gattin Euer Gnaden!«
Zum dritten Male zog er die Sehne an, zum dritten Male schoß er den bitteren Pfeil ab, und zum dritten Male senkte dieser sich tief in einen menschlichen Körper. Ein Triumphgeschrei ertönte am Ufer, ein Wutgeheul von den Prahmen; dann zog sich Muschalski zurück und hinter ihm die anderen Sieger des Tages — und eilten in die Stadt. Zufrieden schauten sie auf die Ernte des heutigen Tages zurück. Von der Horde waren nur wenige gefallen, denn sie hatten sich kaum einmal gehalten, — schnell aufgescheucht hatten sie sich schnell über den Fluß zurückgezogen; aber die Janitscharen lagen in großer Zahl auf dem Schlachtfelde wie schön zusammengebundene Garben. Manche zeigten noch Leben, aber alle waren bereits durch das Gesinde des Kämmerers ausgeplündert.
Michael betrachtete sie und sagte:
»Ein tüchtiges Fußvolk; das stürmt gegen das Feuer wie ein Wildschwein! — aber doch nicht halb so tüchtig wie die Schweden.«
»Und doch haben sie eine Salve abgefeuert, als ob es Nußknacken wäre,« versetzte der Kämmerer.
»Das geschah zufällig, nicht durch ihre Disziplin, denn in der Regel halten sie keine Übungen ab. Das war die Garde des Sultans, diese exerziert noch ein wenig; außer ihnen gibt es aber noch irreguläre Janitscharen, die sind weit schlimmer.«
»Wir haben ihnen ein pro memoria gegeben. Gelobt sei Gott, daß wir mit einem so schönen Siege diesen Krieg eröffnen!«
Aber der erfahrene Herr Michael war anderer Ansicht.
»Das ist ein unbedeutender Sieg, kein schöner,« antwortete er. »Gut ist er zur Hebung des Mutes bei den weniger erfahrenen Leuten und bei den Einwohnern, andere Folgen aber wird er nicht haben.«
»Glaubt Ihr nicht, daß dies den Mut der Heiden schwächen wird?«
»Nein,« sagte Michael.
Unter solchem Gespräche waren sie in die Stadt gelangt, wo ihnen die beiden gefangenen Janitscharen, die Michaels Schwert unter den Sonnenblumen zu entrinnen hofften, vorgeführt wurden. Der eine war leicht verwundet, der zweite ganz heiter und voll hohen Mutes. Der kleine Ritter befahl Makowiezki, ihn auszuforschen, denn obwohl er selbst das Türkische gut verstand, sprach er es doch nicht geläufig. Makowiezki befragte ihn also, ob der Sultan in eigener Person schon in Chozim sei, und in welcher Zeit er nach Kamieniez zu kommen gedenke.
Der Türke machte seine Aussagen klar, aber trotzig.
»Der Padischah ist in eigener Person da,« sagte er; »im Lager hieß es, die Paschas Halil und Murad sollen morgen mit den Mehentis ans andere Ufer übersetzen und sogleich Gräben ziehen; morgen oder übermorgen kommt über Euch das Verderben.«
Der Gefangene stemmte die Hände in die Seiten und brüstete sich mit der Macht des Sultans.
»Wahnsinnige Lechen, wie konntet ihr wagen, in unmittelbarer Nähe des Herrn seine Leute zu überfallen? Glaubt ihr, ihr werdet der furchtbaren Strafe entgehen? Soll dieses Schlößchen euch schützen? Was andere werdet ihr in wenigen Tagen sein, als Sklaven, — was seid ihr heute? — Hunde, die dem Herrn ins Angesicht kläffen.«
Makowiezki schrieb sorgfältig alles nieder; Michael aber, den die Kühnheit des Gefangenen reizte, schlug ihm bei den letzten Worten ins Gesicht. Der Türke war verdutzt und bekam Respekt vor dem kleinen Ritter; er begann auch bald sich ziemlicher auszudrücken. Als man ihn nach der Beendigung des Verhörs aus dem Saal führte, sagte Michael:
»Man muß die Gefangenen und ihre Aussagen unverzüglich nach Warschau senden, denn dort am Hofe des Königs glauben sie noch immer nicht an den Krieg.«
»Was sind diese Mehentis, mit welchen Halil und Murad übersetzen sollen?« fragte Herr von Landskron.
»Mehentis sind Ingenieure, welche die Verschanzungen und Aufschüttungen für die Kanonen vorbereiten,« versetzte Makowiezki.
»Und was denkt Ihr, Herren, hat dieser Gefangene die Wahrheit gesagt oder war alles erlogen?«
»Wenn's Euch beliebt,« antwortete Herr Michael, »kann man ihm die Fußsohlen einheizen; ich habe einen Wachtmeister, der an Asya eine Exekution vollzogen hat, und der in solchen Dingen vorzüglich ist. Aber nach meiner Ansicht spricht der Janitschar in allem die Wahrheit. Der Übergang über den Fluß wird sogleich beginnen, und wir könnten ihn nicht hinhalten, wenn wir auch hundertmal zahlreicher wären. Es bleibt uns nichts übrig, als uns aufzumachen und die Nachricht nach Kamieniez zu bringen.«
»Es ist mir so gut bei Swaniez ergangen, daß ich gern im Schlößchen bliebe,« sagte der Kämmerer, »wenn ich nur die Gewißheit hätte, daß Ihr mir von Zeit zu Zeit von Kamieniez her beispringt. Geschehe dann, was da wolle.«
»Sie haben zweihundert Kanonen,« antwortete Michael, »und wenn sie zwei schwere Geschütze herbeibringen, hält das Schlößchen nicht einen Tag aus. Ich wollte selbst drin bleiben, aber jetzt, wo ich es untersucht habe, sehe ich, daß es zwecklos ist.«
Die anderen schlossen sich der Ansicht des kleinen Ritters an. Herr von Landskron widersprach noch eine Weile; er wollte durchaus in Swaniez bleiben; aber er war doch schließlich ein allzu erfahrener Soldat, um Michael nicht recht zu geben. Da stürzte Herr Wasilkowski eilig ins Schloß und unterbrach alle seine Erwägungen.
»Meine Herren,« rief er, »man sieht den Fluß nicht mehr, der ganze Dniestr ist von Flößen bedeckt!«
»Setzen sie über?« fragten alle.
»Bei Gott, die Türken sind auf den Flößen, und die Tataren die Furten entlang.«
Herr von Landskron zögerte nicht mehr, sondern befahl sofort die alten Schloßhaubitzen einzuschmelzen; die übrigen Sachen ließ er, so gut es ging, verbergen oder nach Kamieniez bringen. Michael bestieg sein Pferd und ritt an der Spitze seiner Leute voraus, um von einer entfernten Anhöhe den Übergang zu beobachten.
Halil und Murad setzten wirklich über den Fluß; so weit das Auge reichte, sah man Prahme und Flöße, deren Ruder mit regelmäßigen Schlägen das helle Wasser zurückwarfen. Die Janitscharen und Spahis kamen gleich in großer Zahl an, denn die Kähne zum Übersetzen hatte man seit langer Zeit in Chozim ausgerüstet. Außerdem standen am Ufer in der Nähe ungeheure Heeresmassen. Michael vermutete, daß sie einen Brückenbau vornähmen, aber der Sultan hatte die Hauptmacht noch nicht in Bewegung gesetzt. Inzwischen war Herr von Landskron mit seinen Leuten herangekommen, und nun ritten beide nach Kamieniez. In der Stadt erwartete sie Potozki. In seinem Quartier waren die höheren Offiziere versammelt, vor dem Hause standen Haufen von Menschen beiderlei Geschlechts in Unruhe, Sorge und Neugier. »Der Feind setzt über den Fluß, und Swaniez ist genommen,« sagte der kleine Ritter.
»Die Arbeiten sind fertig, wir warten,« antwortete Potozki.
Die Nachricht ging durch die Menge, und sie begann zu wogen wie eine Wasserflut. »An die Tore, an die Tore!« schallte es durch die Stadt, »der Feind ist in Swaniez!«
Bürger und Bürgerinnen liefen zu den Festungstürmen, weil sie glaubten, von hier aus den Feind zu sehen, aber die Soldaten verwehrten ihnen den Zutritt zu den für den Kriegsdienst bestimmten Orten. »Geht in eure Häuser!« riefen sie der Menge zu; »wenn ihr unser Verteidigungswerk stören wollt, so werden eure Frauen gar bald die Türken aus nächster Nähe kennen lernen.«
Im übrigen herrschte keine Furcht in der Stadt, denn schon war die Kunde von dem heutigen Siege überall verbreitet und dieser natürlich vergrößert worden. Die Übertreibung war das Werk der Soldaten, die Wunderdinge von dem Treffen erzählten.
»Herr Michael hat die Janitscharen aufs Haupt geschlagen, — die Garde des Sultans!« wiederholte aller Mund. »Die Heiden können sich nicht messen mit Herrn Michael, den Pascha selbst hat er niedergehauen! Der Teufel ist nicht so schwarz, wie man ihn malt; sie haben doch unserem Heer nicht standhalten können. Recht so, euch Hundesöhnen! Ein Pereat euch und euerm Sultan!«
Noch einmal erschienen die Bürgersfrauen bei den Schanzen auf den Basteien und Türmchen, jetzt aber beladen mit Flaschen Weins, Branntwein und Met. Diesmal begrüßte man sie freudig, und die Soldaten ließen sich's wohlschmecken. Herr Potozki hatte nichts gegen ihre Fröhlichkeit, denn er wollte die Soldaten bei guter Laune erhalten, und da in der Stadt und auf dem Schlosse an Munition Überfluß war, gestattete er auch, Salven abzugeben, in der Hoffnung, daß ihr Schall den Feind nicht wenig verwirren werde, wenn er ihn überhaupt hörte.
Herr Michael, der das Herannahen des Abends im Quartier des Generals von Podolien erwartet hatte, bestieg nun ein Pferd und schlich sich in Begleitung eines Burschen nach dem Kloster, um so schnell als möglich seine Gattin zu begrüßen. Aber die List half nichts; man erkannte ihn, und sogleich umringten zahlreiche Haufen sein Pferd. Rufe und Vivats erschallten, die Mütter hoben ihre Kinder in die Höhe. »Seht, das ist er, seht und merkt es euch!« wiederholten viele Stimmen. Man bewunderte ihn außerordentlich; am meisten aber setzte die Leute, die des Krieges unkundig waren, seine winzige Gestalt in Erstaunen. Es wollte dem Völkchen nicht in den Kopf, wie ein so kleiner Mann mit so heiterem Gesicht der gefürchtetste Soldat der Republik sein könne, mit dem sich niemand zu messen wagte. Er aber ritt ruhig durch die Menge und verzog von Zeit zu Zeit lächelnd den Mund, denn es schmeichelte ihm doch. Endlich gelangte er ans Kloster und stürzte in Bärbchens geöffnete Arme.
Sie hatte schon von seinen heutigen Taten und von all' den Meisterhieben gehört, denn soeben war der Herr Kämmerer von Podolien bei ihr gewesen und hatte ihr als Augenzeuge ausführlichen Bericht erstattet. Bärbchen aber hatte gleich zu Beginn der Erzählung alle Frauen im Kloster zusammengerufen, die Fürstin Potozki, die Frauen Makowiezka, Humiezka, Christine Ketling, Chozimirska, Bogusch, und je weiter der Kämmerer in seiner Erzählung fortschritt, desto mehr brüstete sie sich vor ihnen. Michael kam gerade in dem Augenblick, da die Frauen sich getrennt hatten.
Nachdem sie sich lange genug umfangen gehalten, setzte sich der kleine Ritter abgemattet zur Abendmahlzeit nieder. Bärbchen rückte an seine Seite, legte ihm das Essen auf den Teller und goß ihm Bier in den Becher; er aß und trank eifrig, denn er hatte den ganzen Tag fast nichts genossen. Zwischendurch erzählte er auch ein wenig, und Bärbchen hörte mit funkelnden Augen zu, schüttelte nach ihrer Gewohnheit das Köpfchen und fragte wißbegierig:
»Aha! Und dann, und dann?«
»Es sind tüchtige Kerle unter ihnen, aber einen Türken, der fechten kann, trifft man kaum,« sagte der kleine Ritter.
»So könnte auch ich mich mit jedem messen?«
»Ei gewiß, aber du wirst dich nicht messen, denn ich nehme dich nicht mit!«
»Wenigstens mit einem im Leben! Weißt du, Michael, wenn du hinausgehst vor die Mauern, habe ich gar keine Furcht; ich weiß, daß dir niemand etwas anhaben kann ...«
»Aber können sie mich nicht totschießen?«
»O, sprich nicht so, — lebt denn der liebe Gott nicht? Niederstechen wirst du dich nicht lassen, das ist die Hauptsache.«
»Wenn einer oder zweie kommen, gewiß nicht.«
»Auch dreie nicht, Michael, auch vier nicht.«
»Auch viertausend nicht,« sagte Sagloba ironisch. »Wenn du wüßtest, Michael, was sie angegeben hat während der ganzen Erzählung des Kämmerers. Ich habe geglaubt, ich müsse bersten vor Lachen. Wahrhaftig, mit der Nase arbeitete sie wie eine Ziege, und den Weibern sah sie ins Gesicht, einer nach der anderen, ob sie auch genügend entzückt seien.«
Der kleine Ritter streckte sich nach dem Essen ein wenig hin, denn er war übermüde. Plötzlich rief er seine Gattin zu sich und sagte:
»Meine Wohnung im Schloß ist schon hergerichtet, aber ich mag nicht gern dahin zurück ... Bärbchen, ich bleibe lieber hier ...«
»Wie es dir lieber ist, Michael,« antwortete Bärbchen und senkte die Augen zu Boden.
»Ha!« rief Sagloba, »mich hält man hier für einen Pilz, nicht für einen Mann, denn die Fürstin gestattet mir, im Kloster zu wohnen; aber sie wird's bedauern, meinen Kopf darauf! Habt Ihr gesehen, wie Frau Chozimirska mit mir liebäugelt?... eine junge Witwe ... das laß ich mir gefallen ... na, ich will weiter nichts sagen!«
»Wahrhaftig, ich bleibe lieber,« sagte der kleine Ritter.
Bärbchen antwortete:
»Wenn du dich nur gut ausruhest.«
»Warum sollte er sich nicht gut ausruhen?« fragte Sagloba.
»Weil wir schwatzen werden, schwatzen, ohne Ende schwatzen!«
Sagloba suchte nach seiner Mütze herum, um sich auch zur Ruhe zu begeben; als er sie endlich fand, drückte er sie auf den Kopf und sagte:
»Ihr werdet nicht schwatzen, nicht schwatzen, nicht schwatzen!« und damit ging er.