22. Kapitel.

Am anderen Morgen in der Dämmerung ritt der kleine Ritter nach Kniahin, wo er ein Treffen mit den Spahis hatte, und Bulik-Pascha, einen berühmten türkischen Krieger, gefangen nahm. Der ganze Tag ging ihm bei der Arbeit auf dem Schlachtfeld hin, ein Teil der Nacht im Kriegsrat bei Herrn Potozki, und erst, als die Hähne krähten, legte er sein Haupt zum Schlummer nieder. Aber kaum war er in Schlaf gesunken, als ihn der Donner der Geschütze weckte; gleichzeitig trat Pientka, ein Smudzer Knecht und treuer Diener Wolodyjowskis, in das Gemach. »Herr,« rief er, »der Feind ist vor der Stadt!«

Der Ritter sprang auf.

»Was für Geschütze sind das?«

»Die Unsrigen reizen die Heiden; ein bedeutender Vortrab ist da, der das Vieh auf den Feldern raubt.«

»Janitscharen oder Reiterei?«

»Reiterei, Herr, lauter Schwarze; sie scheuchen sie mit dem Kreuze fort, denn Gott weiß, ob es nicht Teufel sind.«

»Teufel oder nicht, wir müssen hin,« antwortete der kleine Ritter. »Du laufe zur Herrin und sage ihr, daß ich im Felde bin. Wenn sie aufs Schloß kommen will, um zuzusehen, so kann sie kommen, aber mit Herrn Sagloba, denn ich baue auf seine Klugheit.«

Eine halbe Stunde später machte Michael einen Ausfall an der Spitze der Dragoner und der adligen Freiwilligen, welche hofften, im Zweikampf Ruhm zu ernten. Vom alten Schlosse sah man ganz genau die Kavallerie. Es mochten zweitausend Mann sein, bestehend aus Spahis, in überwiegender Zahl aber aus der ägyptischen Garde des Sultans. In dieser letzteren dienten die reichen und tapferen Mamelucken vom Nil; ihre blinkenden, hell leuchtenden Rüstungen, die goldgestickten Kepis auf ihren Köpfen, die weißen Burnusse und die reich besetzte Waffe machten sie zur glänzendsten Reiterei der Welt. Sie führten Speere, deren Schaft aus Rohr bestand, krumme Damascener und Dolchmesser. Auf ihren Rossen, die wie auf Flügeln des Windes dahinzueilen schienen, flogen sie wie eine buntfarbige Wolke über das Feld, mit lautem Geheul, die mörderischen Spieße in der Hand drehend. Vom Schlosse aus konnte man sich gar nicht satt sehen an ihrem Anblick.

Herr Michael rückte ihnen mit seiner Reiterei entgegen. Indessen kam es zu keiner Schlacht mit blanker Waffe, denn die Schloßkanonen hielten die Türken zurück; sie waren zu groß an Zahl, als daß der kleine Ritter es hätte wagen dürfen, ihnen entgegenzusprengen, um sich mit ihnen außerhalb der Schußlinie seiner Kanonen auseinanderzusetzen. So blieben sie eine Zeitlang fern voneinander, indem sie die Waffe drohend erhoben und aus Leibeskräften schrieen. Endlich wurden die feurigen Söhne der Wüste der leeren Drohungen überdrüssig, einzelne Reiter rissen sich von der großen Masse los und näherten sich dem Feinde, indem sie ihn zum Kampfe aufriefen. Sie zerstreuten sich über das Feld und tauchten hier und da auf, wie Blumen, die der Wind nach allen Richtungen zerstreut hat.

Herr Michael sah sich nach seinen Getreuen um.

»Sie fordern uns heraus, meine Herren, wer versucht den Zweikampf?«

Da sprengte zuerst Herr Wasilkowski, ein feuriger Kavalier hervor, ihm folgte Muschalski, der unfehlbare Bogenschütze, der auch im Handgemenge ein trefflicher Kämpe war; dann folgten Miasga, vom Wappen Prus, der im schnellsten Ritt jeden Ring mit seinem Speere auffing, Theodor Paderewski, und noch viele andere treffliche Kämpfer, auch von den Dragonern ein Häuflein, denn die Hoffnung auf reiche Beute, und besonders die vorzüglichen Pferde der Araber lockten sie. An der Spitze der Dragoner ritt der furchtbare Luschnia; er kaute an seinen Bartenden und suchte sich schon aus der Ferne den Reichsten aus.

Der Tag war schön, und man konnte den Feind deutlich sehen. Die Kanonen auf den Wällen verstummten eine nach der anderen; endlich ward es ganz still, denn die Schützen fürchteten, einen der ihrigen zu verletzen. Sie wollten auch lieber der Schlacht zuschauen, als auf die zerstreuten Kämpfer schießen. Diese ritten nun schrittweise gegen einander los, dann schneller, aber nicht in grader Linie, sondern zerstreut, wie der Zufall es fügte. Endlich, da sie sich um ein bedeutendes genähert hatten, hielten sie die Pferde an und begannen aufeinander zu schimpfen, um Zorn und Mut in ihren Herzen zu wecken.

»Ihr sollt an uns nicht fett werden, Heidenhunde!« riefen die polnischen Kämpfer; »kommt nur heran, euer elender Prophet wird euch nicht schützen!«

Die von drüben schrieen auf türkisch oder arabisch; viele von den polnischen Reitern, die, wie der berühmte Bogenschütze, eine schwere Gefangenschaft durchgemacht hatten, verstanden beide Sprachen. Als nun die Heiden besonders schmachvoll die heilige Jungfrau lästerten, da sträubte sich das Haar auf den Köpfen der getreuen Diener Marias, und sie gaben den Pferden die Sporen, um die Schmach ihres Namens zu rächen.

Wer war es, der den ersten Feind fällte? Es war Muschalski, der den jungen Bey mit dem Purpurkepi und der silbernen Rüstung, die wie Mondschein erglänzte, mit dem Pfeile traf. Das schmerzbringende Geschoß haftete unter dem linken Auge und war bis zur Hälfte in den Kopf gedrungen. Er warf sein edles Haupt zurück, breitete die Arme aus und sank vom Pferde. Der Bogenschütze aber nahm den Bogen zur Seite, sprengte auf ihn zu und durchbohrte ihn noch mit dem Schwerte; dann nahm er ihm die treffliche Waffe, trieb das Pferd zu den Seinigen und sprach in arabischer Sprache:

»Wäre es des Sultans Sohn, er müßte hier faulen, ehe ihr ihm das letzte Geleit spielet!«

Als die Türken und Ägypter das hörten, waren sie außerordentlich gekränkt, und sogleich sprengten zwei Beys auf Muschalski zu. Luschnia vertrat ihnen von der Seite den Weg, einem Wolfe gleich an Blutgier, und traf einen von ihnen auf dem Flecke tödlich; erst hieb er ihm über die Hand, und als jener sich nach dem gekrümmten Säbel neigte, trennte er ihm mit einem gewaltigen Streich in den Nacken fast ganz den Kopf vom Rumpfe. Als der zweite das sah, wandte er sein schnelles Roß zur Flucht; inzwischen aber hatte Muschalski Zeit gehabt, seinen Bogen zu spannen und dem Fliehenden einen Pfeil nachzusenden. Er traf ihn im Laufe und fuhr ihm tief zwischen die Schulterblätter.

Der dritte, der seinen Gegner niederwarf, war Schmlud-Plozki, der ihm mit scharfer Schneide über das Visier fuhr; das Silber und der Sammet, von dem das Blech zusammengehalten wurde, lösten sich bei dem Streiche, und das Ende des Säbels fuhr so tief in die Knochen, daß Schmlud-Plozki es eine Zeitlang nicht herausziehen konnte. Andere kämpften mit wechselndem Glück, aber der Sieg war zum größten Teil auf der Seite des im Einzelkampf geübten Adels. Zwei Dragoner fielen von der Hand des mächtigen Hamdi-Bey, der dann Owsian mit dem krummen Damascener über das Maul hieb und zu Boden streckte. Der Fürst tränkte seinen Heimatsboden mit seinem Blut, Hamdi aber wandte sich Herrn Scheluta zu, dessen Pferd mit einem Fuße in einem Hamsterloche festsaß. Scheluta sah den unfehlbaren Tod vor Augen und sprang vom Pferde, um sich zu Fuß mit dem furchtbaren Reiter zu messen. Aber Hamdi warf ihn mit der Brust seines Pferdes nieder und traf den Sinkenden mit dem Ende seines Damasceners in den Arm. Die Hand erlahmte ihm; der Bey aber sprengte davon und suchte neue Gegner. Nur wenige hatten den Mut, sich ihm zu stellen, so sehr überragte er offenbar alle an Kraft. Der Wind hob seinen weißen Burnus und entfaltete ihn weit wie Flügel eines Raubvogels; seine goldige Rüstung warf einen prächtigen Abglanz auf sein fast völlig schwarzes Gesicht mit den wilden, leuchtenden Augen, der krumme Säbel blinkte über seinem Haupte, wie die Sichel des Mondes.

Der berühmte Bogenschütze hatte schon zwei Pfeile gegen ihn abgesandt, aber beide waren mit stöhnendem Klirren von der Rüstung abgeprallt und wirkungslos ins Gras gesunken. Muschalski erwog nun, ob er noch den dritten Pfeil auf den Hals seines Pferdes abschicken, oder ob er mit seinem Schwerte gegen den Bey losgehen solle. Aber während er darüber nachdachte, hatte ihn jener bemerkt und war zuerst mit seinem schwarzen Hengstfohlen auf ihn losgestürzt.

Sie trafen sich mitten im Felde; Muschalski wollte seine große Kraft zeigen und Hamdi lebendig einfangen. Er schlug von unten her mit einem mächtigen Streich den Damascener in die Höhe, ergriff ihn mit der einen Hand an der Kehle, mit der anderen am Visier und zog ihn mit voller Kraft an sich. Da sprang ihm der Riemen am Sattelholz auseinander, und der unvergleichliche Bogenschütze glitt mit ihm zusammen ab und stürzte zu Boden. Hamdi schlug mit dem Griffe seines Damasceners nach seinem Kopfe und betäubte ihn auf der Stelle. Die Spahis und Mamelucken schrieen vor Freude auf, denn sie waren schon in Sorge um Hamdi gewesen; die Polen aber empfanden tiefes Leid, und die Kämpfer sprengten in dichten Haufen gegeneinander los, die einen, um den Bogenschützen fortzuschleppen, die anderen, um wenigstens seine Leiche zu verteidigen.

Der kleine Ritter hatte bisher an den Einzelkämpfen keinen Anteil genommen; die Würde eines Kommandanten gestattete ihm dies nicht. Da er aber Muschalski unterliegen und Hamdi-Bey triumphieren sah, beschloß er, den Bogenschützen zu rächen und zugleich den Mut der Seinigen zu heben. Von diesem Gedanken belebt, gab er seinem Pferde die Sporen und schoß so schnell dahin, wie der Sperber auf eine Schar Kibitze, die im Roggenfelde nisten. Bärbchen hatte ihn durch das Glas bemerkt; sie stand auf den Zinnen des alten Schlosses und rief sogleich Sagloba, der neben ihr stand, zu:

»Michael, seht Michael!«

»Hier erkennst du ihn,« rief der alte Krieger. »Sieh' nur hin, wo er zuerst losschlägt; fürchte nichts.« Das Glas zitterte in Bärbchens Händen. Da auf dem Felde weder mit Bogen noch mit Büchsen geschossen wurde, sorgte sie selbst wenig um das Leben ihres Gatten, vielmehr hatte sie Eifer, Neugier und Unruhe ergriffen. Ihr Herz und ihre Seele flogen in diesem Augenblick ihrem Gatten zu, ihre Brust atmete schnell, helles Rot übergoß ihr Gesicht; einen Augenblick neigte sie sich über die Zinnen, so daß Sagloba sie um die Hüfte fassen mußte, damit sie nicht in den Graben falle, und schrie:

»Zweie kommen auf Michael los!«

»So gibt es zwei Menschenleben weniger,« sagte Sagloba trocken.

In der Tat, zwei hochgewachsene Spahis warfen sich auf den kleinen Ritter; aus seiner Tracht schlossen sie, daß es ein Mann von Rang sein müsse, und da sie die kleine Gestalt des Reiters sahen, hofften sie leichten Ruhm zu erwerben. Die Törichten! Sie ritten in den sicheren Tod, denn als sie in der Nähe der anderen Reiter sich aneinander schlossen, hielt der kleine Ritter nicht einmal sein Pferd zurück, sondern teilte wie beiläufig zwei Hiebe unter sie aus, scheinbar leichte, wie eine Mutter ihren Kindern so nebenher einen Schlag versetzt. Jene aber sanken zu Boden, krallten die Finger in die Schollen und bebten wie ein paar Luchse, die in demselben Augenblick von tödlichen Pfeilen erreicht werden. Der kleine Ritter aber stürmte vorwärts, den Reitern entgegen, die auf dem Felde tummelten, und richtete furchtbare Verheerungen an. Wie nach Beendigung der Messe der Knabe in die Kirche tritt und mit dem blechernen Hütchen ein Licht nach dem anderen vor dem Altar verlöscht und ihn in dichtes Dunkel hüllt — so verlöschte er rechts und links das Leben der glänzenden türkischen und ägyptischen Reiter und tauchte sie in die Dämmerung des Todes. Die Heiden erkannten den Meister aller Meister, und ihr Mut sank. Einer nach dem anderen warf sein Pferd zurück, um mit dem furchtbaren Manne nicht zusammenzutreffen; der kleine Ritter aber stürmte den Fliehenden nach wie eine wütige Hornisse und traf mit seinem Stachel immer wieder neue Reiter.

Die Soldaten an der Schloßkanone schrieen vor Freude auf, als sie das sahen, einige eilten zu Bärbchen hin und küßten in ihrer Begeisterung den Saum ihres Kleides; andere fluchten den Türken. »Bärbchen, mäßige dich!« rief Sagloba ein über das anderemal, und hielt sie fest; sie aber hatte Lust zu lachen und zu weinen, in die Hände zu klatschen und aufzuschreien, zuzusehen und ihrem Gatten nachzueilen in die Schlacht.

Dieser aber riß die Spahis und die ägyptischen Beys mit sich fort, als plötzlich der Ruf über das ganze Feld erscholl: »Hamdi!« Die Bekenner des Propheten riefen mit lauter Stimme den tüchtigsten ihrer Krieger heran, damit er sich endlich mit diesem furchtbaren kleinen Ritter messe, welcher der verkörperte Tod zu sein schien.

Hamdi hatte schon längst den kleinen Ritter bemerkt, aber da er seine Taten sah, erschrak er im ersten Augenblick. Er scheute sich, den großen Ruhm und das junge Leben gegen diesen Feind aufs Spiel zu setzen, und darum beachtete er ihn absichtlich nicht und ritt am anderen Ende des Feldes umher. Dort hatte er gerade Herrn Jalbrik und Herrn Kos ergriffen, als die verzweifelten Rufe »Hamdi, Hamdi!« an sein Ohr schlugen. Er sah ein, daß es unmöglich war, sich länger zu verbergen, daß er entweder unermeßlichen Ruhm zu gewinnen oder sein Leben zu verlieren habe, und er erhob einen so furchtbaren Schrei, daß alle Abhänge vom Echo widerhallten, und stürmte mit der Schnelligkeit des Windes gegen den kleinen Ritter los.

Wolodyjowski hatte ihn aus der Ferne bemerkt und gab seinem braunen Wallach die Sporen. Die anderen ließen die Waffen ruhen, und Bärbchen hinter den Zinnen des Schlosses ward, da sie alle Siege des furchtbaren Hamdi-Bey mit angesehen hatte, trotz des blinden Vertrauens in die unbesiegbare Kraft des kleinen Ritters ein wenig bleich. Sagloba aber war vollkommen ruhig.

»Ich möchte lieber der Erbe dieses Heiden sein, als er selber,« sagte er zu Bärbchen. Pientka, der getreue Smudzer, war seines Herrn so sicher, daß sein Antlitz auch nicht die geringste Sorge um ihn trübte. Ja, er summte, als er den heranstürmenden Hamdi erblickte, eine Volksweise vor sich hin:

Ei, du dummer, dummer Hund,
Kommt der Wolf aus Waldesgrund,
Und der Wolf ist fürchterlich,
Trolle dich, sonst frißt er dich.

Die beiden Kämpfer waren mitten im Felde unter den Augen der zuschauenden Reihen zusammengetroffen. Aller Herzen standen für einen Augenblick still, — da leuchtete ein schlangenartiger Blitz im hellen Sonnenschein über den Häuptern der Kämpfenden: der krumme Damascener war wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil Hamdis Händen entflogen, er selbst neigte sich auf seiner Satteldecke, als sei er vom Schwerte getroffen, und schloß die Augen. Michael aber faßte ihn mit der linken Hand im Nacken und trieb ihn, die Spitze des Rapiers in die Seite stemmend, zu den Seinigen. Hamdi leistete keinen Widerstand; er gab vielmehr selbst dem Pferde die Sporen, denn er fühlte die Spitze zwischen seinem Körper und der Rüstung — und ritt wie betäubt dahin; die Hände hingen ihm kraftlos herab, und aus den Augen traten ihm die Tränen. Michael lieferte ihn in die Hände des schrecklichen Luschnia und wandte sich selbst zum Schlachtfeld zurück.

In den Reihen der Türken ertönten Trompeten und Pfeifen; das war für die Kämpfer das Zeichen, daß es Zeit sei, die Reihen zu schließen, und so eilten sie zu den ihrigen zurück, mit Schmach bedeckt, voll Grames und mit dem Andenken an den furchtbaren Reiter im Herzen.

»Das war der Satan!« sagten die Spahis und Mamelucken zueinander, »wer mit ihm zusammentrifft, dem ist der Tod gewiß,« — »der Satan, kein anderer.« Die polnischen Reiter verweilten noch einen Augenblick, um zu zeigen, daß sie das Feld behauptet hatten; dann erhoben sie ein dreifaches Siegesgeschrei und zogen sich endlich unter dem Schutze der Kanonen, die Potozki wiederum in Tätigkeit treten ließ, zurück. Auch die Türken wichen weit zurück; einen Augenblick glänzten ihre Burnusse, ihre farbigen Kepis und die schimmernden Visiere in der Sonne, dann verdeckte sie der blaue Horizont. Auf dem Schlachtfeld blieben nur die Türken und die Polen, die das Schwert getroffen hatte. Die Knechte kamen aus dem Schlosse, um die Leichen zu sammeln und sie zu begraben, und zuletzt flogen die Raben herbei, um auch den gefallenen Heiden den letzten Dienst zu erweisen. Aber ihr Leichenschmaus währte nicht lange, denn noch an demselben Abend scheuchten sie neue Heerscharen des Propheten von ihrem Mahle auf. —

Am folgenden Tage ritt der Vezier selbst an die Mauern von Kamieniez heran an der Spitze eines zahlreichen Heeres von Spahis, Janitscharen und vom allgemeinen Aufgebot. Bei der großen Zahl seiner Truppen konnte man anfangs meinen, er werde einen Sturm versuchen; er wollte indessen nur die Mauern der Stadt in der Nähe besichtigen. Die Ingenieure, die ihn begleiteten, untersuchten denn auch die Festung und die Erdaufschüttungen. Diesmal trat dem Vezier Herr Myslischewski mit dem Fußvolk und einer Abteilung freiwilliger Berittener entgegen, und wieder kam es zu Einzelkämpfen, die für die Belagerten erfolgreich, wenn auch nicht so glänzend endeten wie am vergangenen Tage. Endlich befahl der Vezier den Janitscharen, zum Schein gegen die Mauern vorzurücken. Der Donner der Geschütze erschütterte Stadt und Schlösser, die Janitscharen kamen bis an das Quartier des Herrn Podtschaski heran und gaben unter ungeheurem Lärm alle gleichzeitig eine Salve ab. Aber da auch Herr Podtschaski von oben her mit wohlgezielten Schüssen antwortete, und zu befürchten stand, daß die Reiterei die Janitscharen seitwärts umgehen könne, so rückten diese ohne Zögern auf dem Wege von Swaniez ab und kehrten zum Hauptheer zurück.

Am Abend schlich sich ein Böhme in die Stadt, der bei dem Janitschar-Aga Pajuk diente und nach einer Geißelung entflohen war. Man erfuhr von ihm, daß der Feind sich bereits in Swaniez befestigt hatte und die weiten Felder vom Dorfe Dluschek ab in Besitz habe. Der Überläufer wurde eingehend über die Ansicht, die unter den Türken in bezug auf die Einnehmbarkeit von Kamieniez herrsche, ausgefragt. Er antwortete, daß im Heere ein guter Geist walte, und daß die Prophezeiungen günstig gewesen seien. Vor wenigen Tagen habe sich vor dem Zelte des Sultans plötzlich eine Rauchsäule vom Erdboden erhoben, unten dünn, oben immer breiter werdend, wie ein riesenhafter Blumenstrauß. Die Muftis deuteten die Erscheinung so, daß der Ruhm des Padischahs die Höhen des Himmels erreichen werde, und daß gerade er der Herrscher sei, der die bisher uneinnehmbare Feste von Kamieniez fällen werde. Dieses günstige Vorzeichen habe den Mut des Heeres sehr gehoben. Die Türken — fuhr der Überläufer fort — fürchten den Hetman Sobieski und seine Entsatzung; von alters her sei ihnen die Gefahr eines Kampfes auf offenem Felde mit den Herren der Republik in Erinnerung, und sie seien geneigter, mit den Venezianern, mit den Ungarn oder mit einem anderen Volke zusammenzutreffen. Da sie aber Kunde davon hätten, daß die Republik keine Heere besaß, so herrsche allgemein die Ansicht, daß Kamieniez, wenn auch nicht ohne Mühen, fallen werde. Der Kaimakam Kara-Mustapha habe geraten, die Mauern unverzüglich zu stürmen, aber der besonnenere Vezier ziehe es jetzt vor, mit regulären Arbeiten die Stadt zu umgeben und mit Geschossen zu überschütten. Der Sultan sei nach den ersten Scharmützeln der Ansicht des Veziers beigetreten, und darum sei eine ordnungsmäßige Belagerung zu erwarten.

Herrn Potozki schmerzte diese Mitteilung sehr; auch der Bischof, der Kämmerer von Podolien, Michael und die anderen Offiziere waren betrübt darüber. Sie hatten auf Stürmen gerechnet, und bei der Wehrhaftigkeit des Ortes gehofft, den Feind mit großem Verlust zurückzuwerfen. Sie wußten recht wohl, daß beim Stürmen der Belagerer empfindliche Verluste erleidet, daß jeder zurückgeworfene Angriff seinen Mut erschüttert, und die Zuversicht der Belagerten kräftigt. Ähnlich wie die von Sbarasch würden sich die Ritter an Widerstand, an Schlachten, an Ausfälle gewöhnt haben, und auch die Bürger von Kamieniez konnten Liebe zum Kampfe gewinnen, besonders, wenn jeder Angriff mit einer Niederlage der Türken, und mit einem Siege der Männer von Kamieniez geendet hätte. Eine reguläre Belagerung indessen, bei welcher die Herstellung von Gräben und Minen und die Aufstellung der Geschütze alles bedeutet, konnte die Belagerten nur ermüden, ihren Mut sinken lassen und sie zu Verhandlungen geneigter machen. Auf Ausfälle durfte man nicht rechnen, denn man konnte unmöglich die Mauern von Soldaten entblößen. Der Troß aber und die losen Truppen konnten außerhalb der Mauern den Janitscharen keinesfalls standhalten.

Bei diesen Erwägungen fühlten die älteren Offiziere bitteren Gram, und der Erfolg der Verteidigung schien ihnen zweifelhaft. Er war in der Tat auch wenig wahrscheinlich, nicht nur im Hinblick auf die Übermacht der türkischen Streitkräfte, sondern auch in bezug auf sie selber. Herr Michael war ein unvergleichlicher und ruhmbedeckter Krieger, aber ihm fehlte die Majestät der Größe; wer die Sonne in sich trägt, vermag alle zu erwärmen, wer aber eine Flamme bedeutet, und sei sie auch die glühendste, der erwärmt nur die allernächsten. Und so war es mit dem kleinen Ritter; er verstand und vermochte es nicht, Fernstehenden seinen hohen Mut einzuflößen, ebensowenig wie seine Gewandtheit im Einzelkampf. Herr Potozki, der oberste Führer, war kein Krieger; überdies fehlte ihm der Glaube an sich selbst, an andere und an die Republik. Der Bischof baute hauptsächlich auf die Verhandlungen; sein Bruder hatte eine schwere Hand und einen schwerfälligen Geist. Auf Entsatz konnte nicht gerechnet werden, denn der Hetman Sobieski, so bedeutend er war, war zurzeit ebenso machtlos wie der König und die ganze Republik.

Am 16. August kam der Khan mit der Horde, und Doroschenko mit seinen Kosaken heran; sie betrachteten die ungeheure Fläche der Felder von Oryni. Sufankas-Aga berief am selben Tage Herrn Myslischewski zu einer Unterredung und riet, die Stadt zu ergeben. Geschähe dies unverzüglich, so könne er so günstige Bedingungen erwirken, wie sie in der Geschichte der Belagerungen unerhört seien. Der Bischof hätte diese Bedingungen gern erfahren, aber man schrie ihn im Rate an und sandte eine abschlägige Antwort. Am 18. August begannen die Türken heranzuziehen, mit ihnen der Kaiser selbst.

Sie wogten heran, das polachische Fußvolk, Janitscharen und Spahis, wie das unermeßliche Meer. Jeder Pascha führte das Heer seines Paschaliks, und so drängten sie heran, die Bewohner Europas, Asiens und Afrikas. Ihnen folgte eine riesige Wagenburg mit Lastwagen, die von Mauleseln und Büffeln gezogen wurden. Wie ein tausendfarbiger Ameisenschwarm, in den mannigfaltigsten Rüstungen und Trachten, zog es endlos daher. Von der Morgendämmerung bis zum Abend rückten ohne Unterbrechung Heere heran, zogen von einem Ort zum anderen, schlugen bald hier, bald dort Zelte auf, und bedeckten eine so ungeheure Fläche, daß man von den Türmen und höchsten Orten in Kamieniez keine von Zeltdächern freie Stelle erspähen konnte. Die Leute meinten, es sei Schnee gefallen und habe die ganze Gegend bedeckt. Die Aufstellung der Wagenburg erfolgte unter dem Knalle der Büchsen, denn die Abteilung Janitscharen, welche den Arbeiten zur Deckung diente, hörte nicht auf gegen die Mauern zu feuern. Von den Mauern her ward ihnen Antwort durch ein ununterbrochenes Geschützfeuer; das Echo hallte die Felsen entlang, Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf und verdeckten das blaue Firmament. Bis zum Abend war Kamieniez so eingeschlossen, daß höchstens die Tauben heraus konnten; das Feuer verstummte erst, als die ersten Sterne am Himmel erglänzten.

Die folgenden Tage hindurch dauerte das Feuer von und nach den Mauern beständig mit großem Verlust für die Belagerer fort; sobald sich ein größerer Haufe von Janitscharen in Schußweite angesammelt hatte, erhob sich ein weißer Dampf auf den Mauern, die Kugeln fielen zwischen die Janitscharen, und diese stoben auseinander wie eine Schar Sperlinge, wenn jemand eine Handvoll Schrot unter sie schießt. Die Türken hatten, da sie offenbar nicht wußten, daß in beiden Schlössern und in der Stadt selbst weittragende Kanonen standen, ihre Zelte zu nahe aufgeschlagen; auf den Rat des kleinen Ritters hatte man sie gewähren lassen, und erst, als mit dem Herannahen der Rastzeit die Soldaten schutzsuchend vor der Sonne sich in das Innere der Zelte zurückzogen, erdröhnten die Mauern in ununterbrochenem Donner. Ein Schrecken entstand; die Kugeln zerrissen die Stäbe, verwundeten die Soldaten, warfen scharfe Felsstücke umher; die Janitscharen zogen sich in Verwirrung und Unordnung, unter großem Lärm weiter zurück, warfen auf der Flucht die entfernteren Zelte um und weckten überall Furcht und Sorge. Gegen die so in Verwirrung Gebrachten wagte Michael einen Ausfall mit der Reiterei und hieb unter sie, bis ihnen Hilfe von ihrer Reiterei ward. Ketling war es hauptsächlich, der das Geschützfeuer leitete; neben ihm hatte der lechische Schulze Cyprian die größten Verwüstungen unter den Heiden angerichtet. Er selbst neigte sich über jede Kanone, er selbst legte die Lunte an; dann hielt er die Hand über die Augen, sah nach dem Erfolg seines Schusses und freute sich im Herzen, daß er so glücklich wirke.

Die Türken legten Gräben an, errichteten Schanzen und besetzten sie mit schweren Kanonen. Ehe sie aber zu schießen begannen, kam ein Abgesandter der Türken an die Wälle herangeritten, steckte ein kaiserliches Schreiben an die Rohrlanze und zeigte es den Belagerten; die abgesandten Dragoner ergriffen sofort den Boten und brachten ihn auf das Schloß. Der Kaiser forderte die Stadt zur Übergabe auf, indem er seine Macht und seine Gnade in den Himmel erhob. — Mein Heer — schrieb er — kann mit dem Laub an den Bäumen, mit dem Sande am Ufer des Meeres verglichen werden; schauet in den Himmel, und wenn Ihr die unzählbaren Sterne seht, so erwecket Furcht in Euren Herzen und saget einer zum anderen: Also ist die Macht der Gläubigen! Aber da ich über alle Könige ein gnädiger König und ein Enkel des lebendigen Gottes bin, darum beginne ich meine Handlungen mit Gott. Wisset denn, daß ich den Trotzigen hasse; widerstrebt also meinem Willen nicht und übergebet die Stadt. Wollt Ihr aber Trotz bieten, so kommt Ihr alle unter das Schwert, und gegen mich wird keine menschliche Stimme sich zu erheben wagen. —

Man pflog lange Rates, welche Antwort auf dieses Schreiben zu geben war — und man verwarf den unhöflichen Rat Saglobas, einem Hunde den Schwanz abzuhacken und ihn als Antwort hinzusenden. Man schickte endlich einen gewandten Mann, Inriza, der gut türkisch sprach, mit einem Brief, der lautete wie folgt:

— Wir wollen den Kaiser nicht kränken, aber auch ihm zu gehorchen ist nicht unsere Pflicht, denn wir haben nicht ihm, sondern unserem Herrn geschworen. Kamieniez geben wir nicht, denn uns bindet ein Eid, die Festung und die Kirchen bis zum Tode zu verteidigen. —

Nachdem die Antwort gegeben war, zerstreuten sich die Offiziere auf die Mauern; das benutzte der Bischof von Landskron und der General von Podolien, und sie sandten einen neuen Brief an den Sultan, in welchem sie um einen Waffenstillstand auf vier Wochen baten. Als die Nachricht von diesem Briefe bekannt wurde, begann ein Lärm und ein Säbelrasseln. »Ei, das wäre!« sagte der eine und der andere, »wir sollen uns hier bei den Kanonen schinden, und jene schicken hinter unserem Rücken Briefe ab, ganz ohne unser Wissen, obwohl wir zum Rate gehören?« — Und nach der Abendparole gingen die Offiziere vereint zum General, geführt von dem kleinen Ritter und Herrn Makowiezki, die beide durch das Geschehene schwer gekränkt waren.

»Wie,« rief der Truchseß, »denkt Ihr schon an Ergebung, daß Ihr einen neuen Boten hingesandt habt? Warum ist dies ohne unser Wissen geschehen?«

»Fürwahr,« fügte der kleine Ritter hinzu, »wenn wir zum Rate berufen waren, ziemt es sich nicht, ohne unser Wissen Briefe abzuschicken; von Ergebung gestatten wir nicht zu reden, wer aber Ergebung wünscht, der trete ab von seinem Amte.« Drohend bewegten sich seine Lippen, denn er war ein Krieger von strengster Disziplin, und es schmerzte ihn tief, gegen die Vorgesetzten zu sprechen. Doch er hatte geschworen, das Schloß bis in den Tod zu verteidigen und glaubte so sprechen zu müssen.

Der General von Podolien antwortete verwirrt:

»Ich war der Meinung, es geschähe dies mit allgemeiner Zustimmung.«

»Keine Zustimmung, hier wollen wir untergehen!« riefen viele Stimmen.

»Das höre ich gern, denn auch mir ist der Glaube teurer als das Leben, und Feigheit ist mir fremd. Bleibet hier zum Abendbrot, Herren, so werden wir schneller zur Einigkeit kommen.« Aber sie wollten nicht bleiben. »An den Toren ist unser Platz, nicht am Tische,« versetzte der kleine Ritter.

Inzwischen war der Bischof herangekommen, und da er hörte, worum es sich handle, wandte er sich sogleich zu Herrn Makowiezki und an den kleinen Ritter.

»Brave Männer,« sagte er; »ein jeder fühlt im Herzen wie Ihr, und niemand hat von Ergebung gesprochen. Ich habe hingesandt, und um einen Waffenstillstand auf vier Wochen nachgesucht. Ich habe geschrieben, in dieser Zeit wollen wir zu unserem König senden und um Entsatz und Instruktionen bitten; und dann komme, was Gott uns schickt.«

Als das der kleine Ritter hörte, verzog er wieder drohend den Mund, diesmal aber, weil ihn gleichzeitig Wut und ein wüstes Lachen fortriß über solche Auffassung des Kriegsdienstes. Er, der von Kindesbeinen an Soldat war, traute seinen Ohren nicht, daß jemand dem Feinde einen Waffenstillstand vorschlagen wolle, um Zeit zum Entsatze zu gewinnen. Er blickte Herrn Makowiezki und die anderen Offiziere an, und diese wiederum sahen ihn an. »Scherz oder Ernst?« fragten einige, dann verstummten alle.

»Ehrwürden,« sagte endlich Herr Michael, »ich habe mit den Tataren, mit den Kosaken, mit den Moskowitern, mit den Schweden gekämpft — aber von solchen Dingen habe ich nie gehört. Denn der Sultan ist hierhergekommen, nicht um uns, sondern um sich zu nützen, und wie soll er seine Zustimmung geben zu einem Waffenstillstand, wenn man ihm schreibt, daß man in dieser Zeit hübsch bequem auf Entsatz warten will!«

»Wenn er nicht darauf eingeht, so wird es eben sein, wie es jetzt ist,« antwortete der Bischof.

»Wer um Waffenstillstand bittet, der zeigt offenkundig seine Angst und seine Schwäche, und wer auf Entsatz rechnet, der traut den eigenen Kräften nicht; das hat der Heidenhund aus diesem Briefe ersehen, und das ist ein unberechenbarer Schaden,« antwortete Michael.

Als der Bischof das hörte, ward er sehr betrübt.

»Ich konnte wo anders sein,« sagte er, »und da ich in der Not meine Herde nicht verlassen habe, muß ich jetzt Vorwürfe ertragen.«

Dem kleinen Ritter tat es weh um den würdigen Prälaten, er umfaßte seine Kniee, küßte seine Hand und antwortete:

»Das verhüte Gott, daß ich hier Vorwürfe machte, aber da wir consilium halten, sage ich, was meine Erfahrung mir vorschreibt.«

»Was soll geschehen? Mea culpa denn, gut, wie läßt sich die Sache wieder gut machen?« fragte der Bischof.

»Gut machen?« wiederholte Michael.

Er sann ein wenig nach, dann hob er heiter den Kopf empor. »Nun es geht, folgt mir, meine Herren.«

Er ging, die Offiziere folgten ihm; eine Viertelstunde später erbebte Kamieniez von dem Donner der Kanonen. Michael machte mit den Freiwilligen einen Ausfall gegen die in den Gräben schlafenden Janitscharen und hieb unter sie, bis sie auseinanderstoben und nach der Wagenburg flohen.

Dann kehrte er zum General zurück, bei dem er noch den Bischof von Landskron traf.

»Ehrwürden,« sagte er freudig, »es ist gut gemacht!«

Die ganze Nacht hindurch wurde geschossen, wenn auch mit starken Unterbrechungen. In der Morgendämmerung wurde gemeldet, einige Türken ständen am Schlosse und wünschten, daß man ihnen jemand zu Verhandlungen entgegenschicke; man mußte auf alle Fälle erfahren, was sie wollten, und darum bestimmten die Oberen im Rate Herrn Makowiezki und Herrn Myslischewski, sich mit den Heiden zu verständigen.

Einen Augenblick später schloß sich ihnen Kasimir Humiezki an, und sie gingen hinaus. Drei Türken waren da: Muktar-Bey, Salomi, der Pascha von Rustschuk und Kosra, der Dolmetsch, als dritter. Sie trafen sich unter freiem Himmel hinter dem Schloßtor. Als die Türken die Abgesandten erblickten, begannen sie zu grüßen, indem sie gleichzeitig die Fingerspitzen an Herz, Mund und Stirn legten; die Polen begrüßten sie höflich und fragten, was sie brächten. Salomi sagte: »Meine Teuren, unserem Herrn ist ein großes Unrecht geschehen, das alle, welche Gerechtigkeit lieben, beweinen müssen, und für welches der Ewige euch bestrafen wird, wenn ihr es nicht bald gut macht. Habt ihr doch selbst Juriza abgeschickt, der vor unserem Vezier das Knie beugte und ihn um Waffenstillstand bat; und als wir dann, eurer Tugend vertrauend, die Verschanzung verließen, habt ihr die Geschütze gegen uns gerichtet, habt einen Ausfall aus den Mauern gemacht und den Weg mit Leichen gesäet bis zu dem Zelte des Padischah. Dies Vergehen kann nicht ohne Strafe bleiben, es sei denn, daß ihr sogleich Schloß und Stadt übergebt und Reue und Schmerz zeiget.«

Darauf antwortete Makowiezki:

»Juriza ist ein Hund, der die Instruktionen überschritten hat. Er ließ seine Knaben die weiße Fahne schwenken und wird dafür gerichtet werden. Der Herr Bischof hat privatim angefragt, ob ein Waffenstillstand möglich sei, da aber auch ihr nicht aufgehört habt, während jenes Briefwechsels die Schanzen zu beschießen, was ich selbst bezeugen kann, denn mich haben die herumfliegenden Steine ins Auge getroffen — so hattet ihr auch kein Recht, von uns eine Unterbrechung im Schießen zu verlangen. Kommt ihr jetzt mit dem bewilligten Waffenstillstand, gut, wo nicht, so sagt eurem Herrn, daß wir wie bisher Mauer und Stadt verteidigen werden, bis wir zugrunde gehen, oder, was sicherer ist, bis ihr an diesen Felsen zugrunde gehet. Weiter, meine Lieben, haben wir euch nichts zu sagen, außer dem Wunsche, daß der Herr eure Tage vermehre und euch ein hohes Alter erreichen lasse.«

Gleich nach dieser Unterredung gingen die Abgesandten auseinander. Die Türken kehrten zum Vezier zurück, die polnischen Herren auf das Schloß, wo man sie mit Fragen bestürmte, wie sie die Boten abgefertigt hätten. Sie teilten den Bescheid der Türken mit.

»Ihr nehmt es nicht an, geliebte Brüder,« sagte Kasimir Humiezki, »in kurzen Worten, diese Hunde wollen, daß wir vor dem Abend die Schlüssel der Stadt ausliefern.«

Darauf antworteten zahlreiche Stimmen, eine beliebte Redewendung wiederholend: »Der Heidenhund soll an unserem Fleische nicht fett werden. Wir jagen ihn heim, wir wollen nicht!«

Nach diesem Beschluß gingen sie alle auseinander, und das Geschützfeuer begann sogleich wieder. Den Türken war es schon gelungen, viele schwere Geschütze aufzufahren, und ihre Kugeln fielen über die Brustwehr in die Stadt. Die Kanoniere arbeiteten in der Stadt und in den Schlössern im Schweiße ihres Angesichts den Rest des Tages und die ganze Nacht. Fiel einer, so konnte niemand für ihn eintreten; es fehlte auch an solchen, die Kugeln und Pulver herbeischafften. Erst vor der Abenddämmerung ließ das Getöse etwas nach. Aber kaum begann der Tag zu grauen, kaum zeigte sich am östlichen Himmel der rosige Goldstreif des Morgenrots, als in beiden Schlössern Alarm geblasen wurde. Wer schlief, erwachte; die schlaftrunkene Menge tummelte sich in den Straßen und horchte auf. »Der Sturm bricht los!« sagten die einen zu den anderen und zeigten auf das Schloß, und: »Ist Herr Michael dort?« fragten unruhige Stimmen. »Ja, er ist dort,« antworteten andere.

In den Schlössern wurden die Kapellenglocken geläutet, die Trommelwirbel ertönten von allen Seiten. Im Zwielicht, da die Nacht sich vom Tage schied, und die Stadt verhältnismäßig ruhig war, klangen diese Töne geheimnisvoll und feierlich. In demselben Augenblick bliesen die Türken die Reveille. Von einer Kapelle sprang es zur anderen über, und wie ein Echo durchflog es das ungeheure Lager. Der heidnische Ameisenhaufen begann sich zwischen den Zelten zu regen. Als der Tag anbrach, tauchten aus dem Dunkel die terrassenförmigen Schanzen, die Aufschüttungen und Gräben auf, die sich in langer Zeile um das Schloß herumzogen. Bald brüllten in der ganzen Länge die schweren türkischen Kanonen, mit donnerndem Echo antworteten ihnen die Felsen von Smotrytsch, und das Toben wuchs so entsetzlich an, daß es schien, als hätten am Firmament alle Blitze, die dort lagerten, gezündet und prasselten mitsamt dem Himmelsgewölbe zur Erde. Es war ein Artilleriekampf. Die Stadt und die Schlösser gaben mächtig Antwort; bald verdeckten die Rauchwolken die Sonne, man sah weder die türkischen Befestigungen, noch Kamieniez, man sah nur noch eine riesige, graue Wolke, in der es donnerte und krachte. Aber die Stimme der türkischen Kanonen war dröhnender als die der städtischen. Bald begann der Tod in der Stadt seine Ernte. Einige Kartaunen waren zerstört; von der Bedienung beim groben Geschütz fielen sie zu zweien, zu dreien; dem Franziskaner, der die Schanzen entlang ging und die Kanonen segnete, wurde die Nase und ein Teil vom Munde fortgerissen, neben ihm sanken zwei Juden, kühne Männer, die beim Richten halfen, tot zu Boden.

Aber hauptsächlich trafen die Kanonen in die Schanzen der Stadt. Dort saß Kasimir Humiezki, einem Salamander gleich, im größten Feuer und Rauch; die Hälfte seiner Leute war gefallen, die übrigen waren fast alle verwundet. Er selbst hatte die Sprache und das Gehör verloren, aber er hatte mit Hilfe des polnischen Schulzen die feindliche Batterie wenigstens so lange zum Schweigen gezwungen, bis man an Stelle der alten Kanonen neue gebracht hatte.

Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, und das entsetzliche »Colloquium« der Geschütze ruhte nicht einen Augenblick. Bei den Türken wechselten die Kanoniere viermal am Tage; in der Stadt aber mußten dieselben Männer ohne Schlaf, fast ohne Speise aushalten, vom Rauch halb erstickt, viele von ihnen von den herumfliegenden Steinen und den Splittern der Lafetten verwundet. Die Soldaten hielten aus, aber den Bürgern sank der Mut; man mußte sie endlich mit Stöcken zu den Kanonen treiben, bei welchen übrigens viele als Leichen niedersanken. Zum Glück wandte sich am Abend und in der Nacht zum dritten Tage, von Donnerstag auf Freitag, der Hauptangriff gegen die Schlösser.

Beide, besonders das alte, wurden mit einem Granatenregen aus den Mörsern überschüttet, der indessen keinen Schaden anrichtete, da in der Finsternis jede Granate sichtbar ist, und der Mensch ihr leicht entrinnen kann. Erst am Morgen, als die Leute eine so große Ermattung erfaßte, daß sie vor Müdigkeit nicht mehr stehen konnten, fielen sie in dichten Haufen.

Der kleine Ritter, Ketling, Myslischewski und Kwasibrozki antworteten auf das türkische Feuer von den Schlössern. Der General von Podolien sah von Zeit zu Zeit nach ihnen und schritt mitten durch den Kugelregen hin, vergrämt und der Gefahr nicht achtend.

Gegen Abend, als das Feuer noch ärger wurde, trat der General Potozki an Michael heran.

»Herr Oberst,« sagte er, »wir werden uns hier nicht halten können.«

»Solange sie nur schießen,« antwortete der kleine Ritter, »werden wir uns halten, aber sie werden uns durch Minen in die Luft sprengen, denn sie graben rüstig.«

»Graben sie wirklich?« fragte der General beunruhigt.

Michael antwortete: »Siebenzig Kanonen sind in Tätigkeit, und der Lärm wird kaum einen Augenblick unterbrochen; aber es gibt doch Momente der Ruhe. Wenn ein solcher kommt, so spitzt nur recht das Ohr und Ihr werdet hören.«

Sie brauchten auf einen solchen Augenblick nicht lange zu warten. Ein Zufall kam ihnen zu Hilfe. Eine von den türkischen Sturmkanonen platzte; das rief eine Verwirrung hervor. Von den anderen Schanzen schickte man hin, um anzufragen, was geschehen sei, und so entstand eine Unterbrechung im Schießen. Da traten Potozki und Michael an das äußerste Ende einer der Ausbuchtungen und horchten. Nach kurzer Zeit drang an ihre Ohren ziemlich deutlich der laute Widerhall von Spitzhacken, die in die Felswand eindrangen. »Sie arbeiten,« sagte Potozki. »Sie arbeiten,« wiederholte der kleine Ritter.

Dann verstummten sie beide. Auf dem Antlitz des Generals lag große Sorge. Er erhob die Hände und umfaßte seine Schläfen. Michael aber sagte:

»Das ist ein gewöhnliches Ding bei jeder Belagerung. Bei Sbarasch haben sie Tag und Nacht unter uns gewühlt.« Der General erhob den Kopf: »Und was hat Wischniowiezki getan?«

»Wir haben uns von den entfernteren Wällen auf die engeren zurückgezogen.«

»Und was müssen wir tun?«

»Wir müssen die Kanonen und mit ihnen, was sonst möglich ist, nach dem alten Schloß bringen, denn das alte ist auf solchen Felsen erbaut, die nicht unterminiert werden können. Ich war immer der Ansicht, daß das neue nur dazu dienen wird, dem Feinde den ersten Widerstand zu leisten, dann werden wir es selbst von fernher in die Luft sprengen müssen, und die rechte Verteidigung wird erst im alten beginnen.«

Ein kurzes Schweigen trat ein, und der General senkte wieder sorgenvoll den Kopf.

»Wenn wir aus dem alten Schlosse werden weichen müssen — wohin?« fragte er mit gebrochener Stimme. Der kleine Ritter reckte seine winzige Gestalt in die Höhe und wies mit dem Finger zu Boden.

»Ich nur dorthin!« sagte er.

In diesem Augenblick brüllten die Kanonen von neuem los, und ein Hagel von Granaten flog in das Schloß. Da bereits Dämmerung eingetreten war, sah man sie ganz deutlich. Michael reichte dem General die Hand zum Abschied und ging die Mauern entlang von einer Batterie zur anderen, überall anfeuernd und Rat erteilend. Endlich traf er Ketling und sagte: »Nun?«

»Die Granaten erleuchten alles taghell,« erwiderte dieser, indem er die Hand des kleinen Ritters drückte; »sie kargen nicht mit dem Feuern.«

»Eine mächtige Kanone ist drüben geplatzt, hast du sie in die Luft gesprengt?«

»Ja, ich.«

»Mich schläfert furchtbar.«

»Mich auch, aber es ist jetzt nicht Zeit.«

»Bah,« sagte Wolodyjowski, »auch unsere armen Frauen müssen in Sorge sein; bei solchen Gedanken flieht uns der Schlaf.«

»Sie beten für uns,« sagte Ketling und richtete die Augen auf die vorüberfliegenden Granaten.

»Schenke Gott der meinen und der deinen Gesundheit! Unter allen Frauen,« begann Ketling, »gibt es keine ...«

Er beendete seine Rede nicht, denn plötzlich wandte sich der kleine Ritter dem Innern des Schlosses zu und schrie mit lauter Stimme: »Um Gottes willen, was seh' ich!«

Und er tat einen weiten Satz. Ketling sah sich erstaunt um; in der Entfernung von einigen Schritten sah er auf dem Schloßhofe Bärbchen in Begleitung Saglobas und des Smudzers Pientka.

»An die Mauer, an die Mauer!« schrie der kleine Ritter und zog sie, so schnell er konnte, unter die Turmzinnen. »Um des Himmels willen!...«

»Ha!« sagte Sagloba keuchend und in abgerissenen Worten, »werde du mal fertig mit der! — Ich bitte sie, ich rede ihr zu: du richtest mich und dich zugrunde! — ich kniee — alles hilft nichts! Sollte ich sie allein gehen lassen, wie?... Uff! Es hilft gar nichts —: Ich will hingehen ... was soll ich tun?«

Auf Bärbchens Antlitz lag die Angst, und ihre Lider bebten wie vor dem Weinen. Nicht die Granaten fürchtete sie, nicht das Donnern der Kanonen, nicht die umherfliegenden Steine, sondern den Zorn ihres Gatten, und sie faltete ihre Hände wie ein Kind, das Strafe fürchtet, und rief mit schluchzender Stimme:

»Ich konnte nicht anders, Michael, so wahr ich dich liebe, ich konnte nicht anders; mein lieber Michael, zürne nicht! Ich kann doch nicht still sitzen, während du hier in Gefahr schwebst, ich kann nicht, ich kann nicht!«

Er zürnte tatsächlich und rief:

»Bärbchen, fürchte doch Gott!«

Aber bald ergriff ihn die Rührung, die Stimme stockte ihm in der Kehle, und erst, als das teure, süße Köpfchen an seiner Brust ruhte, sagte er:

»Mein treuer Gefährte bis in den Tod ... mein Lieb!« Und er umfaßte sie mit seinen Armen.

Sagloba hatte sich unterdessen in einen Vorsprung der Mauer gedrängt und sagte hastig zu Ketling:

»Auch deine wollte mitkommen; wir haben ihr aber gesagt, daß wir nicht hergingen, — wie wär's auch möglich bei ihrem Zustand! Ein General der Artillerie wird dir geboren, — ein Schelm will ich sein, wenn's kein General ist ... Auf der Brücke vor der Stadt zum Schloß fallen die Granaten wie die reifen Birnen ... Ich dachte, ich müsse bersten vor Wut, nicht vor Angst ... Ich bin auf die scharfen Scherben gepurzelt und habe mir das Fell zerrissen; eine ganze Woche werde ich dran zu leiden haben. Die Nonnen müssen mich mit Salbe schmieren und ihre Keuschheit beiseite lassen ... Uff! Diese Schufte schießen, daß sie das Donnerwetter hole ... Herr Potozki will mir das Kommando übergeben ... Gebt den Soldaten zu trinken, denn sie halten's nicht mehr aus ... seht die Granate da — wahrhaftig, sie wird ganz in der Nähe niederfallen, — schützt Bärbchen! wahrhaftig, ganz nah!«

Doch die Granate fiel nicht in der Nähe nieder, sondern auf das Dach der Lutherischen Kapelle im alten Schloß. Weil die Kuppel eine sehr starke war, hatte man hier die Munition untergebracht; aber der Schuß hatte jene durchbohrt, und das Pulver entzündet. Ein mächtiger Knall, stärker als der Donner der Kanonen, erschütterte die Grundmauern beider Schlösser. Auf den Zinnen ertönten Schreie des Entsetzens, und die polnischen und die türkischen Kanonen verstummten.

Ketling ließ Sagloba, Michael Bärbchen stehen, und beide eilten, so schnell sie laufen konnten, auf die Mauern. Einen Augenblick hörte man beide mit keuchender Brust Befehle erteilen, aber ihr Kommando wurde von den Trommeln auf den türkischen Verschanzungen übertönt.

»Sie werden zum Angriff schreiten,« sagte leise Sagloba.

Wirklich glaubten die Türken, da sie den Knall hörten, beide Schlösser seien in Trümmer gegangen, und die Verteidiger zum Teil im Schutte begraben, zum anderen Teile vom Schrecken gelähmt. Darum rüsteten sie sich zum Sturm. Die Törichten! Sie wußten nicht, daß nur die Lutherische Kapelle in die Luft geflogen war, und daß die Entzündung des Pulvers außer der gewaltigen Erschütterung keinen Schaden angerichtet hatte, ja daß nicht einmal eine einzige Kanone auf dem neuen Schloß aus der Lafette gefallen war. Das Gerassel der Kanonen auf den Schanzen wurde immer stärker, Haufen von Janitscharen stürmten die Schanzen herab und liefen im Schnellschritt gegen das Schloß. Die Feuer auf dem Schlosse und in den türkischen Gräben erloschen zwar, aber die Nacht war hell, und bei dem Licht des Mondes konnte man die dichte Masse der weißen Janitscharenmützen sehen, die im Laufe hin und her wogten wie sturmbewegte Wellen. Einige tausend Janitscharen waren es, und einige hundert »Dschamaken«. Viele von ihnen sollten nie mehr die Minarets von Stambul, die hellen Gewässer des Bosporus und die dunklen Cypressen seines Friedhofes sehen; aber jetzt stürmten sie wütend dahin, die Hoffnung des sicheren Sieges im Herzen.

Michael lief, so schnell er konnte, die Mauern entlang.

»Nicht schießen, das Kommando abwarten!« rief er bei jeder Kanone.

Die Dragoner legten sich mit den Musketen platt auf die Zinnen und keuchten vor Wut. Stille trat ein, nur der Widerhall des schnellen Schrittes der Janitscharen tönte herauf wie gedämpfter Donner. Je näher sie kamen, desto sicherer glaubten sie, mit einem Streiche beide Schlösser zu nehmen. Viele meinten, die Überreste der Verteidiger hätten sich schon in die Stadt zurückgezogen, und auf den Zinnen sei alles menschenleer. Als sie an die Laufgräben gekommen waren, warfen sie Strauchhölzer und Strohsäcke hinein, und im Augenblick waren sie verschüttet. Auf den Mauern herrschte beständig vollkommene Ruhe. Aber als die ersten Reihen in den Laufgraben traten, knallte an einer Stelle der Turmzinne ein Pistolenschuß, und eine gellende Stimme rief:

»Feuer!«

Gleichzeitig erglänzten alle Scharten in einem langen, flammenden Blitz. Kanonendonner erfüllte die Luft, Musketen und Feuergewehre krachten, das Geschrei der Angreifer antwortete ihnen. Wie wenn ein Speer, mit kräftiger Hand geworfen, bis zur Hälfte in den Leib des Bären eindringt und das Tier sich zusammenballt, brüllt und tobt, dann wieder sich reckt und von neuem sich zusammenballt — so drängten sich die Haufen der Janitscharen und Dschamaken zusammen. Nicht ein Schuß der Gegner fehlte. Die Kanonen, die mit Kartätschen geladen waren, streckten die Menschen wie die Ähren hin, die ein gewaltiger Sturmwind mit einem Wehen niederlegt. Diejenigen, die auf die Ausbuchtungen losgestürmt waren, welche die Forts miteinander verbanden, befanden sich zwischen zwei Feuern. Von Entsetzen erfaßt, drängten sie sich in der Mitte zu einem ungeordneten Haufen zusammen, sanken tödlich getroffen nebeneinander nieder und bildeten so förmliche Leichenhügel. Ketling ließ die Kartätschen aus zwei Kanonen kreuzweise in den Haufen schießen, und als sie endlich zu fliehen begannen, verschloß er mit einem Regen von Eisen und Blei den schmalen Ausgang zwischen den Ausbuchtungen.

Der Angriff wurde auf der ganzen Linie zurückgeworfen. Als nun die Janitscharen und Dschamaken, den Laufgraben verlassend, wie wahnsinnig mit einem Gebrüll des Entsetzens flohen, begann man von den türkischen Verschanzungen brennende Teerfässer zu werfen und künstliche Pulverfeuer zu entzünden, so daß die Nacht zum Tage wurde, um den Fliehenden den Weg zu beleuchten, und in dem erwarteten Ausfall die Verfolgung zu erschweren.

Als Herr Wolodyjowski den in die Enge getriebenen Feind sah, rief er seine Dragoner zusammen und stürmte auf ihn los. Noch einmal versuchten die Unglücklichen, sich durch den Ausgang zu drängen, aber Ketling überschüttete sie mit einem so furchtbaren Kugelregen, daß er von einem Leichenhügel wie von einem hohen Walle verstopft ward. Wer noch am Leben geblieben war, mußte sterben, denn die Verteidiger wollten keine Gefangene machen; sie mußten sich also verzweifelt wehren. Tüchtig, wie sie waren, verdichteten sie sich zu kleinen Häufchen, zu zweien, dreien und fünfen, deckten sich mit den Schultern und hieben mit Speeren, Yataganen, Säbeln und Streitäxten rasend um sich. Die Angst, das Entsetzen, der sichere Tod, die Verzweiflung hatten sich in ein Gefühl rasender Wut verwandelt. Eine mächtige Kampfbegeisterung hatte sie ergriffen; manche warfen sich einzeln in blinder Selbstvergessenheit auf die Dragoner, und im Augenblick waren sie von den Schwertern zerrissen. Es war ein Kampf zweier Furien, denn auch die Dragoner erfüllte vor Mühsalen, Schlaflosigkeit und Hunger eine tierische Wut gegen diesen Feind. Da sie aber im Kampf mit blanker Waffe den Gegner bedeutend übertrafen, richteten sie ein furchtbares Blutbad an. Ketling, der das Schlachtfeld erleuchten wollte, befahl gleichfalls Pechtonnen anzuzünden, und in ihrem Scheine sah man die unbezähmbaren Masuren mit den Janitscharen einen Säbelkampf führen, indem sie einander bei den Köpfen und bei den Bärten hielten. Besonders wütete der furchtbare Luschnia, einem wilden Stiere ähnlich. Am Ende des zweiten Flügels kämpfte Michael selber, und da er wußte, daß Bärbchen von der Mauer ihm zuschaute, übertraf er sich selbst. Wie das bissige Wiesel, wenn es in den Getreideschober eindringt, den ein Rudel Mäuse bewohnt, ein fürchterliches Blutbad darin anrichtet, so stürzte der kleine Ritter, dem Geiste des Verderbens gleich, unter die Janitscharen. Sein Name war schon bekannt unter den Türken aus den vorangegangenen Kämpfen und aus den Erzählungen der Türken von Chozim. Schon war allgemein die Ansicht verbreitet, daß kein Mensch, der ihm im Kampfe begegne, dem Tode entgehe — darum versuchte, wenn er ihn vor sich sah, mancher der Janitscharen, die jetzt zwischen die Vorsprünge eingekeilt waren, gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern er schloß die Augen und starb unter dem Streiche des Rapiers, das Wort »Kismet« auf den Lippen. Endlich erlahmte der Widerstand; der Rest warf sich dem Wall von Leichen entgegen, der den Ausgang hemmte, und fand hier seinen Tod. Die Dragoner kehrten jetzt über die ausgefüllten Laufgräben mit Gesang und Geschrei zurück; sie dampften, und der Hauch des Blutes haftete an ihnen. Dann wurden noch einige Kanonenschüsse von den türkischen Schanzen und vom Schlosse gegeben, und endlich verstummte alles. So endete jener Kanonenkampf, der einige Tage gedauert und den der Sturm der Janitscharen beschlossen hatte.

»Gott sei Dank!« sagte der kleine Ritter; »wenigstens bis zur Reveille morgen früh werden wir Ruhe haben, — sie kommt uns redlich zu.«

Aber diese Ruhe war nur bedingt, denn als noch tiefere Nacht eintrat, hörte man durch die Stille den Klang der Spitzhämmer, die in die Felswand eindrangen.

»Das ist schlimmer als die Kanonen,« sagte Ketling aufhorchend.

»Ja, könnte man einen Ausfall machen,« bemerkte der kleine Ritter, » — aber es ist unmöglich. Die Mannschaften sind zu ermüdet, sie haben weder geschlafen noch gegessen, obwohl es an Essen nicht fehlte; aber die Zeit war zu kurz, und überdies steht bei den Mineuren immer eine Wache von gewöhnlich tausend Dschamaken und Spahis, damit sie von unserer Seite nicht behindert werden. Wir können nichts anderes tun, als selbst das neue Schloß in die Luft sprengen und in dem alten Schutz suchen.«

»Heute noch nicht,« antwortete Ketling. »Sieh', die Leute sind wie die Garben hingesunken und schlafen einen eisernen Schlaf. Die Dragoner haben nicht einmal die Säbel abgewischt.«

»Bärbchen, geh' in die Stadt und schlafe!« sagte plötzlich der kleine Ritter.

»Gut, lieber Michael,« antwortete Bärbchen demütig, »ich will gehen, — wie du befiehlst. Aber das Kloster dort ist schon verschlossen, — so möchte ich lieber hierbleiben und über deinem Schlafe wachen.«

»Seltsam,« sagte der kleine Ritter; »nach solcher Mühe flieht mich der Schlaf, — ich habe gar keine Lust, mich hinzulegen.«

»Weil dein Blut in Wallung ist durch das Spiel mit den Janitscharen,« sagte Sagloba. »So ging es mir auch immer, nach der Schlacht konnte ich nie schlafen. Was aber Bärbchen betrifft, — ehe sie in der Nacht zu der verschlossenen Pforte gehen soll, — so mag sie schon lieber hierbleiben bis zum Morgen.«

Bärbchen umarmte Sagloba vor Freude. Der kleine Ritter aber sagte, als er sah, wie sehr es ihr darum zu tun war:

»So laßt uns in die Kammern gehen!«

Sie gingen hinein; aber hier war alles voll Kalkstaub, den die Kugeln aufgetrieben hatten. Es war unmöglich, darin zu verbleiben, und Bärbchen kehrte mit ihrem Gatten nach einiger Zeit wieder auf die Mauer zurück. Sie ließen sich in einer Nische nieder, die nach dem Zumauern des alten Tores geblieben war.

Sie schmiegte sich an ihn, wie ein Kind an die Mutter. Die Augustnacht war warm und mild, der Mond beleuchtete mit seinem Silberglanz die Vertiefung, so daß das Gesicht des kleinen Ritters und Bärbchens in Glanz gebadet war. Unten im Schloßhof erspähte man die schlafenden Soldaten, und auch die Leichen der Gefallenen lagen noch da, denn man hatte noch keine Zeit gefunden, sie zu bestatten. Das stille Licht des Mondes glitt über die Leichenhaufen hin, als wollte der himmlische Einsiedler erfahren, wer nur vor Ermüdung, und wer zur ewigen Ruhe entschlummert sei. Weithin war die Mauer des Hauptgeländes sichtbar, deren schwarzer Schatten über die Hälfte des Hofes fiel. Von außerhalb der Mauer, wo zwischen den Vorsprüngen die vom Schwerte erschlagenen Janitscharen lagen, drangen menschliche Stimmen herein. Die Knechte und diejenigen von den Dragonern, welche den Raub dem Schlafe vorzogen, plünderten die Leichen. Ihre Laternen schimmerten über das Schlachtfeld wie Johanniskäfer. Manchmal riefen sie leise einander zu, und einer sang mit halber Stimme ein liebliches Lied, das wenig zu der Beschäftigung paßte, der sie im Augenblick oblagen:

Was frag' ich viel nach Gold und Tand,
Was gilt der Reichtum mir!
Und stürb' ich auch am Wiesenrand —
Bist du, Lieb', nur bei mir.

Aber nach einiger Zeit wurde es draußen ruhiger, und endlich trat vollkommene Stille ein. Nur der entfernte Widerhall der Spitzhämmer, die den Felsen brachen, und die Rufe der Wachen auf den Mauern störten die Ruhe. Diese Stille, das Licht und die herrliche Nacht berauschten den kleinen Ritter und Bärbchen. Es ward ihnen bang zumut; sie wußten nicht warum: sie waren traurig in ihrer Seligkeit. Bärbchen erhob zuerst ihre Augen zu ihrem Gatten, und da sie sah, daß er die Lider nicht geschlossen hielt, fragte sie: »Michael, schläfst du nicht?«

»Seltsam, ich bin gar nicht schläfrig.«

»Und ist's dir hier wohl?«

»Gewiß! Und dir?«

Bärbchen wandte ihm ihr blondes Köpfchen zu.

»Ach, Michael, so wohl, ach, so wohl! Hast du gehört, was der dort gesungen hat?«

Hier wiederholte sie die letzten Worte des Liedes:

Und stürb' ich auch am Wiesenrand —
Bist du, Lieb', nur bei mir.

Wieder trat eine Pause ein, die der kleine Ritter unterbrach.

»Bärbchen, höre nur!«

»Was, Michael?«

»Nicht wahr, uns beiden ist sehr wohl miteinander; ich denke, wenn eines von uns fiele, das andere müßte über die Maßen bangen.«

Bärbchen begriff sehr wohl, daß der kleine Ritter, da er, »wenn eines von uns fiele« sagte, statt »stürbe«, nur sich meinte. Ihr kam der Gedanke, daß er vielleicht nicht hoffe, lebendig dieser Belagerung zu entkommen, daß er sie mit dem schweren Gedanken vertraut machen wolle; eine entsetzliche Ahnung schnürte ihr Herz zusammen, sie faltete die Hände und sagte:

»Michael, habe Erbarmen mit mir und mit dir!«

Die Stimme des kleinen Ritters klang ein wenig bewegt, wenn auch ruhig.

»Siehst du, Bärbchen, daß du nicht recht hast,« sagte er, »denn wenn man's recht erwägt — was bedeutet dieses Leben? Wem könnte hier Glückseligkeit und Liebe zur Genüge werden, wenn alles morsch ist wie ein welker Zweig?«

Aber Bärbchen schüttelte sich vor Weinen und rief ein über das andere Mal:

»Ich will nicht — ich will nicht — ich will nicht!«

»So wahr ich Gott liebe, du hast nicht recht,« wiederholte der kleine Ritter. » — Sieh, dort in der Höhe hinter dem stillen Mond, dort ist das Land der ewigen Glückseligkeit. Von solchem Glück wollen wir sprechen. Wer an jenen Rastort gelangt, erst der ruht aus, wie nach einer langen Reise und weidet friedlich. Wenn meine Zeit kommt — und die kommt bei einem Krieger schnell — so mußt du dir sagen: Michael ist fortgereist, gewiß weit, sehr weit, weiter als von hier nach Litauen, — aber das tut nichts, denn ich reise ihm nach. Nicht doch, Bärbchen, still, weine nicht, wer zuerst abreist, der wird dem anderen ein Quartier bereiten — das ist alles.«

Es kam über ihn wie ein Schauen der Zukunft, er hob die Augen zum glänzenden Mond und sprach weiter: »Was ist alles Irdische! Denken wir, ich sei schon dort und es klopft jemand an die Himmelstür; der heilige Petrus öffnet, ich blicke hin — wer ist's? Mein Bärbchen! Ums Himmels willen! Ich eile auf sie zu, ich schreie auf ... lieber Gott, die Worte versagen mir, es gibt kein Weinen, sondern ewige Freude, und es gibt keine Heiden und keine Kanonen, und keine Mine unter den Mauern, — nur Friede, nur Glückseligkeit! Hörst du, Bärbchen?«

»Michael, Michael!« wiederholte Bärbchen, und wieder herrschte Stille, nur unterbrochen von dem fernen, eintönigen Klang der Spitzhacken. Endlich sagte Michael: »Bärbchen, sprechen wir ein Paternoster!«

Und diese beiden Seelen, rein wie Gold, begannen zu beten, und mit jedem Worte des Gebetes ergoß sich neuer Friede in ihre Herzen. Dann überwand sie der Schlummer, und sie schliefen bis zum ersten Morgengrauen.

Vor der ersten Morgenandacht führte Wolodyjowski Bärbchen bis zur Brücke, welche das alte Schloß mit der Stadt verband und sagte ihr beim Abschied:

»Denke daran, Bärbchen — es tut nichts!«