9. Kapitel.
Er liebte sie über alle Maßen und sie ihn auch, und sie fühlten sich wohl beisammen; nur Kinder hatten sie nicht, obwohl sie das vierte Jahr verheiratet waren. Aber sie wirtschafteten unaufhörlich. Michael hatte mit seinem und Bärbchens Vermögen einige Güter in der Nähe von Kamieniez angekauft, die er billig erstand, denn Leute von furchtsamer Gemütsart hatten aus Angst vor einem türkischen Einfall ihr Besitztum mit Freuden veräußert. In diesen Besitzungen führte er militärische Ordnung und Disziplin ein, er hielt die unruhige Bevölkerung in strenger Zucht, baute die niedergebrannten Hütten wieder auf, gründete »Blockhäuser«, d. h. die befestigten Höfe, in welchen die Truppen als zeitweilige Besatzung lagen, mit einem Wort, wie er früher tüchtig in der Verteidigung des Landes war, so fing er jetzt an, es tüchtig zu bewirtschaften, ohne übrigens das Schwert aus der Hand zu legen. Der Ruhm seines Namens war der beste Schutz seines Besitztums; mit etlichen Mirzen goß er Wasser über den Säbel und schloß Brüderschaft. Andere schlug er; die zügellosen Kosakenhaufen, die lockeren Hordenführer, Räuber aus den Steppen und Bandenführer aus den bessarabischen Wüsten zitterten beim Nennen des »kleinen Falken«, und die Herden seiner Pferde und Schafe, seiner Büffel und Kamele weideten ruhig in der Wüste. Selbst seine Nachbarn wurden geschont, und sein Besitz wuchs dank der Hilfe der tüchtigen Hausfrau. Die Achtung und Liebe der Menschen umgab ihn, das Heimatland schmückte ihn mit einem Amt, der Hetman verehrte ihn, der Pascha von Chozim war sein Freund, in der fernen Krim, in Baktschissaraj nannte man seinen Namen mit Ehrfurcht.
Die Wirtschaft, der Krieg und die Liebe — das waren die drei Parzen seines Lebens.
Der glühende Sommer des Jahres 1671 traf Michael und seine Gattin auf Bärbchens Erbgut Sokol. Dieses Sokol war die Perle unter ihren Besitzungen. Dort nahmen sie mit freigebiger Gastfreundschaft Herrn Sagloba auf, der, weder die Mühe der Reise noch sein hohes Alter achtend, zu Besuch gekommen war und so das Versprechen einlöste, das er auf ihrer Hochzeit gegeben hatte.
Aber die frohen Feste und die Freude über den willkommenen Besuch wurden bald getrübt durch den Befehl des Hetmans, der Michael auftrug, ein Kommando in Chreptiow zu übernehmen, dort die Grenze der Moldau zu bewachen, auf die Gerüchte achtzugeben, die von der Wüste herdrangen, den Kosakenscharen den Weg zu verlegen und die Gegend von den Haidamaken zu säubern.
Der kleine Ritter, der stets bereit war, der Republik seine kriegerischen Dienste zu leisten, ordnete sofort an, daß das Gesinde die Herden und Kamele einbringe und sich selbst kriegsbereit halte.
Aber das Herz blutete ihm bei dem Gedanken, von der Gattin scheiden zu müssen, denn er liebte sie mit der Liebe des Gatten und eines Vaters, so daß er ohne sie nicht atmen konnte; und sie in die wilden, dumpfen Einöden mitzunehmen, sie den mannigfachen Gefahren auszusetzen — das brachte er nicht übers Herz. Sie aber bestand darauf, mit ihm zu gehen.
»Bedenke doch,« sprach sie, »ob es für mich sicherer sein wird, hier zu bleiben, als dort zu sein unter dem Schutze des Heeres, bei dir. Ich will kein anderes Dach als dein Zelt, denn ich bin deine Gattin geworden, um mit dir die Unrast und die Mühe und Gefahren zu teilen. Hier würde mich die Unruhe verzehren, und dort an deiner Seite werde ich mich sicherer fühlen als die Königin in Warschau; und wenn es nötig sein sollte, mit dir ins Feld zu ziehen, so ziehe ich mit. Hier würde ich ohne dich keinen Schlaf finden, keinen Bissen zum Munde führen, und zuletzt würde ich es nicht aushalten und zu dir nach Chreptiow eilen, und wenn du befehlen wirst, mich nicht einzulassen, so werde ich an den Toren übernachten und dich so lange bitten, so lange weinen, bist du dich erbarmst ...«
Da Wolodyjowski diese Liebe sah, faßte er seine Gattin in seine Arme und überschüttete ihr rosiges Gesicht mit Küssen, und sie zahlte ihm Gleiches mit Gleichem.
»Ich würde mich nicht dagegen sträuben,« sagte er endlich, »wenn es sich bloß um einfache Späherdienste und Züge gegen die Kosaken handelte. An Leuten wird es mir nicht fehlen, denn die Fahne des Generals von Podolien geht mit mir, und dann des Herrn Unterkämmerers, außerdem auch Motowidlo mit seinen Leuten, und die Dragoner Linkhausens, an sechshundert Mann, und mit den Troßknechten an die tausend. Aber eines fürchte ich — was die Maulhelden auf dem Reichstag in Warschau nicht glauben wollen, und was wir, die wir an der Grenze wohnen, jede Stunde erwarten: einen großen Krieg mit der ganzen Macht des Sultans. Das hat auch Herr Myslischewski bestätigt, und der Pascha von Chozim wiederholt es täglich, und der Hetman glaubt daran, daß der Sultan den Doroschenko nicht ohne Hilfe lassen, sondern der Republik einen großen Krieg erklären wird, und was beginne ich dann mit dir, mein Teuerstes, mein Liebstes, du mein Lohn, den ich aus der Hand Gottes empfangen habe?«
»Was mit dir geschieht, geschehe auch mit mir; ich will kein anderes Schicksal als das, welches dir zufällt.«
Hier brach Sagloba sein Schweigen und wandte sich an Bärbchen.
»Wenn dich die Türken kriegen, so ist dein Schicksal, ob du willst oder nicht, ein ganz anderes als dasjenige Michaels. Ha, nach den Kosaken, den Schweden, Septentrionären und der brandenburgischen Meute — der Türkenhund! Ich hab's dem Priester Olschowski gesagt: bringt den Doroschenko nicht zur Verzweiflung, denn er ist nur gezwungen zum Türken gegangen. Nun? — sie haben nicht hören wollen. Den Hanenko haben sie dem Dorosch[F] entgegengestellt, und ob Dorosch jetzt will oder nicht, er muß dem Türken in den Rachen rennen und ihn schließlich auf uns hetzen. Erinnerst du dich, Michael, wie ich in deiner Gegenwart den Priester Olschowski gewarnt habe?«
»Ihr müßt das ein andermal getan haben, denn ich erinnere mich nicht, daß es in meiner Gegenwart geschah,« antwortete der kleine Ritter; »aber was Ihr von Doroschenko sprecht, das ist heilige Wahrheit, denn der Hetman ist derselben Meinung; ja, man sagt sogar, er habe Briefe an Dorosch fertig, gerade in diesem Sinne. Es mag dort übrigens sein, wie es will — genug, zum Verhandeln ist's jetzt zu spät. Aber Ihr habt einen so scharfen Verstand, daß ich gern Eure Ansicht höre. Soll ich Bärbchen nach Chreptiow mitnehmen, oder soll ich sie lieber hier lassen? Nur eines muß ich sagen: es ist eine entsetzliche Wüste. Das Nest war immer elend, und seit zwanzig Jahren sind die Kosaken und Tataren so oft hindurchgezogen, daß ich nicht weiß, ob wir dort zwei Bretter übereinander finden. Und Schluchten gibt es dort, Wüsteneien, Verstecke, Höhlen und was sonst an verborgenen Winkeln, in welchen Räuber zu Hunderten sitzen, von denen gar nicht zu reden, die aus der Walachei herüberkommen.«
»Räuber gegen solche Macht — Kinderspiel!« antwortete Sagloba, »die Tataren — Kinderspiel! denn kommen sie mit Macht an, so hört man das vorher, und kommen sie in kleinerer Zahl, so reibst du sie auf.«
»Nicht wahr,« rief Bärbchen, »ist es nicht Kinderspiel? Räuber — Kinderspiel! Tataren — Kinderspiel! Mit solcher Macht schützt Michael mich gegen die ganze Krim.«
»Störe mich nicht in meiner Überlegung,« antwortete Sagloba, »sonst entscheide ich gegen dich.«
Bärbchen legte schnell beide Hände auf den Mund und zog den Kopf zwischen die Schultern ein; sie tat so, als ob sie vor Sagloba entsetzliche Angst habe. Er aber fühlte sich, obwohl er sah, daß das junge Weibchen scherze, geschmeichelt und legte seine hagere Hand auf Bärbchens blonden Kopf.
»Nun, fürchte dich nicht, ich mache dir eine Freude.«
Bärbchen küßte ihm die Hand, denn wirklich hing sehr viel von seinen Ratschlägen ab, die so zuverlässig waren, daß nie jemand durch sie enttäuscht wurde; er aber steckte beide Hände in den Gurt, blickte mit seinem gesunden Auge bald ihn, bald sie scharf an und sagte plötzlich:
»Und Nachkommen gibt's nicht, — was?«
Dabei schob er die Unterlippe seltsam vor.
»Gottes Wille,« antwortete Michael und schlug seine Augen nieder.
»Gottes Wille,« wiederholte Bärbchen und senkte ebenfalls die Augen.
»Aber ihr möchtet welche haben?« fragte Sagloba.
»Ich will's Euch aufrichtig sagen. Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, aber manchmal denke ich: vergebliches Seufzen! Auch so hat mir Gott Glückseligkeit herabgesandt, indem er mir hier dies Kätzchen gegeben hat, oder wie Ihr sie immer nanntet, diesen kleinen Heiducken; und da er mich noch an Ruhm und an Gut gesegnet hat, wage ich nicht, ihn um mehr zu bemühen. Denn seht, manchmal ging es mir durch den Kopf: wenn alle menschlichen Wünsche erfüllt werden sollten, gäbe es keinen Unterschied zwischen dieser irdischen Republik und der himmlischen, die allein die volle Glückseligkeit zu geben vermag. Und so denke ich mir, wenn ich hier nicht einen oder zwei Knaben habe, so werden sie dort um so sicherer sein, und werden unter dem himmlischen Hetman, dem heiligen Erzengel Michael, dienen und sich mit Ruhm bedecken in den Kämpfen gegen die höllischen Heerscharen,« sagte der kleine Ritter.
Der fromme Rittersmann war durch seine eigenen Worte und durch den Gedanken ganz gerührt, und er erhob wieder die Augen zum Himmel.
Sagloba aber hörte gleichgültig zu und fuhr fort, streng mit den Augen zu zwinkern. Endlich sagte er:
»Hüte dich zu lästern! Denn daß du dir schmeichelst, so gut die Absichten der Vorsehung zu erraten, das kann eine Sünde sein, für die du eine Zeitlang braten mußt wie die Erbsen auf einem heißen Rost. Der liebe Herrgott hat breitere Ärmel als der Herr Bischof von Krakau, aber er hat es nicht gern, daß man ihm hineingucke und sehe, was er dort für die Menschlein etwa vorbereitet; und er tut, was er will, und du kümmere dich um deine eigene Angelegenheit. Wenn ihr also Nachkommenschaft haben wollt, so dürft ihr euch nicht trennen, sondern müßt hübsch beisammen bleiben.«
Bei diesen Worten sprang Bärbchen vor Freude mitten in das Zimmer, hüpfte wie ein Schulknabe umher, schlug in die Hände und schrie ein über das andere Mal: »Nicht wahr, beisammen bleiben? Ich hab's gewußt, daß Ihr auf meiner Seite sein werdet, ich hab's gleich gewußt! Wir reisen nach Chreptiow, Michael; einmal wenigstens mußt du mich mitnehmen gegen die Tataren, ein einziges, kleines Mal, mein Süßer, mein Goldener!«
»Da seht Ihr, nun möchte sie gar schon Kriegszüge mitmachen!« rief der kleine Ritter.
»An deiner Seite würde ich die ganze Horde nicht fürchten!«
»Silentium,« sagte Sagloba und folgte mit verliebten Augen, oder richtiger, mit verliebtem Auge den schnellen Bewegungen Bärbchens, der er außerordentlich gut war. — »Ich hoffe, daß Chreptiow, wohin es ja übrigens nicht so weit ist, nicht die letzte Grenzwarte in den wilden Feldern sein wird.«
»Nein, die Kommandos werden noch weiter hinausstehen in Mohylow, in Jampol; das letzte soll in Raschkow sein,« antwortete der kleine Ritter.
»In Raschkow! O, Raschkow kennen wir; von dort haben wir Halschka Skrzetuski geholt. Denkst du noch, Michael, erinnerst du dich noch, wie ich jenes Monstrum niedergesäbelt habe, den Tscheremi, den Teufel, der sie bewachte? Aber wenn das letzte Präsidium bis nach Raschkow hinausstehen soll, so würden sie auch sofort davon wissen, wenn die Krim sich regt oder die ganze Macht des Sultans, und würden es nach Chreptiow melden. Darum ist auch die Gefahr nicht so groß, denn Chreptiow kann nicht plötzlich überfallen werden. Bei Gott, ich weiß nicht, warum Bärbchen dort nicht mit dir sein sollte? Ich meine das ganz aufrichtig. Du weißt ja doch, ich gebe lieber mein altes Hirn her, als daß ich sie einer Gefahr aussetzte. Nimm sie mit, es wird euch beiden gut tun. Bärbchen muß nur versprechen, daß sie für den Fall eines großen Krieges ohne Widerrede gestattet, sie nach Warschau zu bringen, denn dann beginnen die großen Märsche, hitzigen Schlachten, Belagerungen von Wagenburgen, vielleicht auch Hungersnot wie bei Sbarasch, und in solchen Nöten kann der Mann schwer sich seiner Haut wehren, um wie viel weniger ein Weib.«
»Mit Freuden würde ich fallen an Michaels Seite,« versetzte Bärbchen, »aber ich habe ja meinen Verstand, und ich weiß, was nicht geht, geht nicht, und dann: Wie Michael will, nicht wie ich will. Ist er doch in diesem Jahre schon ausgezogen unter dem Hetman Sobieski, — habe ich da gedrängt mitzugehen? Nein! Gut denn, wenn mir nur jetzt nicht verwehrt wird, mit Michael nach Chreptiow zu gehen — im Falle eines großen Krieges schickt mich, wohin ihr wollt.«
»Herr Sagloba wird dich nach Podlachien zu den Skrzetuskis bringen,« sagte der kleine Ritter, »dort wird doch der Türke nicht hinkommen.«
»Herr Sagloba, Herr Sagloba!« sagte der Alte nachäffend, »bin ich ein Transportbeamter? Vertraut Eure Frauen nicht so dem Herrn Sagloba an und denkt, er sei alt, denn es könnte sich ganz anders zeigen. Und dann — denkst du denn, daß ich bei einem Kriege mit den Türken mich schon hinter den Ofen in Podlachien setzen und nach dem Braten schauen werde, daß er nicht anbrennt? Noch bin ich kein Stock und kann noch zu was Besserem dienen. Ein Bänkchen brauche ich wohl, um zu Pferde zu steigen, aber sitze ich einmal darauf, so springe ich so gut den Feind an, wie irgend ein jüngerer. Zum Scharmützel mit den Tataren werde ich nicht mehr ausziehen, in den wilden Feldern umherspähen werde ich nicht mehr — aber bei der Generalattacke halte dich nur in meiner Nähe, wenn du kannst, und du sollst schöne Dinge sehen!«
»Wolltet Ihr noch ins Feld rücken?«
»Denkst du, ich wollte nicht mit einem ruhmreicheren Tode ein ruhmreiches Leben beschließen nach soviel Dienstjahren? Was könnte mir Würdigeres geschehen? Hast du Herrn Dsiewiontkiewitsch gekannt? Er sah zwar nicht älter aus als hundertundvierzig Jahre, aber er war schon hundertundzweiundvierzig und diente noch.«
»So alt war er nicht.«
»Er war es! — So soll ich mich hier nicht vom Platze rühren! Ich ziehe in den großen Krieg — basta! Und jetzt gehe ich mit euch nach Chreptiow, denn ich bin in Bärbchen verliebt.«
Bärbchen sprang strahlend in die Höhe und drückte Herrn Sagloba an sich. Er aber hob seinen Kopf in die Höhe und wiederholte: »Stärker, stärker!«
Michael erwog indessen noch alles eine Zeitlang; endlich sagte er:
»Es ist unmöglich, daß wir sogleich alle reisen. Dort ist ja die reine Wüste, kein Stückchen Dach finden wir über unserem Haupte. Ich will vorausgehen, will einen Ort zur Unterkunft suchen, ein artiges Blockhaus erbauen, Häuser für die Soldaten, Schuppen für die Pferde der Genossen, damit sie dort in der veränderten Luft nicht zugrunde gehen; dann will ich Brunnen graben, Wege bauen, die Höhlen von den Räuberbanden, so gut es geht, säubern. Dann schicke ich euch ein anständiges Gefolge, und ihr kommt nach. Drei Wochen wenigstens müßt ihr warten.«
Bärbchen wollte widersprechen, aber Sagloba sah die Richtigkeit von Michaels Worten ein und sagte:
»Was wahr ist, ist wahr. Bärbchen, wir bleiben hier und führen zusammen die Wirtschaft, wir werden uns dabei ganz wohl fühlen. Wir müssen auch einen kleinen Vorrat bereit halten, denn auch das wißt Ihr gewiß nicht, daß Met und Wein sich nirgend so gut erhält wie in den Höhlen.«
Michael hielt sein Wort. In drei Wochen war er mit den Gebäuden fertig und schickte eine stattliche Eskorte: hundert Lipker von der Fahne des Freiherrn von Landskron und hundert Linkhausensche Dragoner, welche Herr Snitko, der im Wappen einen verschleierten Mond führte, kommandierte. Die Lipker waren unter dem Befehl des Hauptmanns Asya Mellechowitsch, der seinen Stammbaum von den litauischen Tataren herleitete, eines sehr jungen Mannes, denn er zählte kaum einige zwanzig Jahre. Dieser brachte einen Brief vom kleinen Ritter mit, der seiner Gattin folgendes schrieb:
»Mein herzgeliebtes Bärbchen! Komm doch bald, denn ohne Dich lebe ich wie ohne Brot, und wenn ich nicht bis dahin eintrockne, so küsse ich Dir Dein rosiges Mäulchen ganz und gar weg. Ich schicke Dir nicht wenig Leute und erfahrene Offiziere, aber den ersten Platz räumt in allem dem Snitko ein, und nehmt ihn in Eure Gesellschaft; denn er ist von gutem Herkommen und ein Adelsgenoß; Mellechowitsch ist ein guter Soldat, aber Gott weiß, wo er herkommt; er hätte auch bei keiner anderen Fahne als bei den Lipkern Offizier werden können, denn es hätte ihm leicht jeder Unebenbürtigkeit vorwerfen können. — Ich umarme Dich herzlich, ich küsse Deine Händchen und Füßchen. — Ein Blockhaus habe ich aus Rundsteinen aufgeführt, — ganz vortrefflich — ungeheure Schornsteine — für uns einige Zimmer in einem besonderen Häuschen — überall riecht es nach Harz, und eine Menge Heimchen sind da, die, wenn sie abends zu zirpen anfangen, sogar alle Hunde aus dem Schlafe erwecken. Hätten wir etwas Erbsenstroh, wir könnten sie schnell los sein; aber nächstens kannst Du uns solches auf Deinem Wagen mitbringen. Scheiben von keiner Seite; die Fenster verhängen wir mit Moos; aber unter den Dragonern ist ein Glaser. Glas kannst Du in Kamieniez bei den Armeniern bekommen, aber fahre um Gottes willen behutsam, damit es nicht in Stücke gehe. Dein Zimmerchen habe ich mit Teppichen ausschlagen lassen, und es präsentiert sich vortrefflich. Von den Räubern, die wir in den Leschytzer Höhlen gefangen haben, habe ich schon neunzehn hängen lassen, und bevor Du herkommst, werde ich wohl das halbe Schock voll machen. Herr Snitko wird Dir erzählen, wie wir hier leben. — Gott und der heiligen Jungfrau empfehle ich Dich, mein Allerliebstes!«
Bärbchen las den Brief und gab ihn Herrn Sagloba, der sogleich Herrn Snitko mit großem Respekt entgegenkam, doch aber nicht mit so großem, daß jener nicht bald gemerkt hätte, er spreche mit einem berühmten Krieger und einer größeren Persönlichkeit, die nur aus Freundschaft ihn zu solcher Vertraulichkeit kommen lasse. Im übrigen war Herr Snitko ein guter Soldat, heiter, ein echter Kriegsmann, denn sein ganzes Leben war im Dienst hingegangen. Vor Michael hatte er hohe Achtung, und neben dem Ruhme Saglobas fühlte er sich klein und dachte gar nicht daran, sich zu brüsten.
Mellechowitsch war nicht zugegen, als der Brief gelesen wurde. Gleich nachdem er ihn abgegeben, war er davongegangen; er tat, als ob er nach den Leuten sehen wolle. Im Grunde aber fürchtete er, man werde ihn ins Gesindezimmer weisen.
Sagloba hatte indessen Zeit gehabt, ihn näher zu betrachten, und da ihm Michaels Worte noch frisch im Gedächtnis waren, sagte er zu Snitko:
»Wir heißen Euch willkommen, bitte, Herr Snitko ... Ich kannte einen ... vom Wappen mit verschleiertem Mond! Ich bitte, ein würdiges Wappen ... aber der Tatar ... wie nennt man ihn?«
»Mellechowitsch!«
»Aber dieser Mellechowitsch schaut wolfsmäßig drein. Michael schreibt, er sei ein Mensch von ungewisser Herkunft. Merkwürdig genug, denn alle unsere Tataren sind von Adel, wenn auch Heiden. In Litauen habe ich ganze Dörfer gesehen, die von ihnen bewohnt sind; dort nennt man sie Lipker, die hiesigen heißen Tscheremissen. Lange Zeit haben sie der Republik treu gedient und sich ihr dankbar erwiesen für das Brot, das sie ihnen gab. Aber schon zurzeit des Bauernaufstandes sind viele von ihnen zu Chmielnizki übergegangen, und jetzt höre ich, beginnen sie mit der Horde zu liebäugeln ... Dieser Mellechowitsch schaut wie ein Wolf drein ... kennt Michael ihn schon lange?«
»Aus der Zeit des letzten Krieges,« antwortete Herr Snitko und schob die Füße unter die Bank, »als wir mit Herrn Sobieski gegen Doroschenko und die Horde zogen und durch die Ukraine kamen.«
»Aus der Zeit des letzten Kriegszuges! Ich konnte an ihm nicht teilnehmen, denn Herr Sobieski hatte mir ein anderes Amt anvertraut, obwohl ihm später bange war in meiner Abwesenheit ... Und Euer Wappen, der verschleierte Mond ... Woher ist er, dieser Mellechowitsch?«
»Er nennt sich einen litauischen Tataren, aber seltsam, es hat ihn keiner der litauischen Tataren vorher gekannt, obwohl er gerade in ihrer Fahne dient. Daher die Gerüchte von seiner zweifelhaften Herkunft, welche seine hochfahrenden Manieren nicht zu zerstören vermochten. Er ist übrigens ein großer Krieger, wenn auch sehr schweigsam. Bei Brazlaw und bei Kalnik hat er große Dienste geleistet, wofür ihn der Herr Hetman zum Hauptmann gemacht hat, obwohl er in der ganzen Fahne der jüngste war. Die Lipker lieben ihn sehr, bei uns hat er keine Freunde — und warum? Weil er ein düsterer Mann ist, und wie Ihr treffend bemerkt habt, wie ein Wolf dreinschaut.«
»Wenn er ein tüchtiger Soldat ist,« sagte Bärbchen, »so ziemt es, ihn aufzunehmen, was mir auch mein Herr Gemahl in seinem Briefe nicht verwehrt.«
Hier wandte sie sich an Herrn Snitko:
»Ihr gestattet?«
»Zu Diensten, Frau Obristen!« rief Snitko.
Bärbchen verschwand hinter der Tür; Sagloba atmete auf und fragte Herrn Snitko:
»Nun, und hat Euch die Frau Obristin gefallen?«
Der alte Soldat preßte statt jeder Antwort die Fäuste vor die Augen, neigte sich auf seinem Stuhle vor und sagte: »Ei, ei, ei!« Dann riß er die Augen weit auf, verstopfte mit der Handfläche seinen Mund und schwieg, als schäme er sich seines eigenen Entzückens.
»Der reine Marzipan, was?« sagte Sagloba.
Inzwischen war der »Marzipan« wieder in der Tür erschienen, Asya mit sich führend, der aufgeblasen wie ein Pfau dastand.
»Aus den Briefen meines Mannes und von Herrn Snitko haben wir so viel von Euren mutigen Taten gehört, daß wir Euch gern näher kennen lernen möchten. Wir bitten Euch, bei uns zu bleiben, man wird Euch gleich das Essen auftragen,« sagte Bärbchen.
»Wir bitten, kommt näher,« sagte Sagloba.
Das düstere, wenn auch schöne Gesicht des jungen Tataren erhellte sich nicht ganz, aber man sah, daß er dankbar sei für die freundliche Aufnahme und dafür, daß man ihn nicht in das Gesindezimmer gewiesen.
Bärbchen aber bemühte sich mit Absicht, freundlich gegen ihn zu sein, denn sie hatte mit dem Herzen des Weibes erraten, daß er mißtrauisch und stolz sei, und daß Demütigungen, wie er sie gewiß oft wegen seiner zweifelhaften Herkunft zu ertragen hatte, ihn tief schmerzten. Sie machte also zwischen ihm und Snitko keinen anderen Unterschied als den, welchen das reifere Alter Snitkos zu machen nötigte. Sie fragte den jungen Hauptmann nach den Diensten aus, um derentwillen er bei Kalnik einen höheren Rang erhalten hatte. Sagloba erriet Bärbchens Wünsche und wandte sich auch ziemlich oft an Asya, und er, obwohl anfangs ein wenig trotzig, gab vernünftige Antworten; seine Manieren verrieten nicht den Mann aus dem Volke, sondern sie riefen durch eine gewisse höfische Art sogar Verwunderung hervor.
Das kann kein Bauernblut sein, — dachte Sagloba, sonst wäre er nicht so stolzen Sinnes.
Dann fragte er laut:
»Und wo lebt Euer Vater?«
»In Litauen,« versetzte Mellechowitsch errötend.
»Litauen ist ein großes Land; das ist gerade so, als wenn Ihr mir geantwortet hättet: in der Republik.«
»Jetzt nicht mehr in der Republik, denn jene Lande sind abgefallen. Mein Vater hat in der Nähe von Smolensk Besitztümer.«
»Auch ich hatte dort bedeutende Güter, die mir nach dem Tode eines kinderlosen Verwandten zugefallen sind, aber ich zog es vor, sie fahren zu lassen und bei der Republik zu bleiben.«
»So tue auch ich,« antwortete Mellechowitsch.
»Ihr handelt würdig,« fiel Bärbchen ein.
Snitko, der dem Gespräch zuhörte, zuckte ein wenig die Achsel, als wollte er sagen: Gott mag wissen, wer du bist, und wo du herkommst. — Sagloba aber, der das bemerkt hatte, wandte sich wieder an Mellechowitsch:
»Und Ihr bekennet Christum oder — ich will Euch nicht beleidigen — lebt in der Sünde?«
»Ich habe den Christenglauben angenommen, und aus diesem Grunde mußte ich meinen Vater verlassen.«
»Wenn du ihn darum verlassen hast, so wird dich Gott dafür nicht verlassen, und der erste Beweis seiner Gnade ist der, daß du Wein trinken kannst, den du, im Irrtum verharrend, nicht genossen hättest.«
Snitko lachte auf, aber Asya waren diese Fragen, die seine Person und Abstammung betrafen, offenbar nicht angenehm, denn er hatte sich wieder wie vorhin aufgebläht. Sagloba aber achtete nicht darauf, um so weniger, als der junge Tatar ihm nicht gerade gefiel, denn in manchen Augenblicken erinnerte er, wenn auch nicht durch sein Gesicht, so doch durch seine Bewegungen und seinen Blick, an den berühmten Kosakenführer Bohan.
Inzwischen wurde das Mittagessen gebracht.
Den Rest des Tages nahmen die letzten Reisevorbereitungen in Anspruch; am anderen Morgen brach man auf, als es kaum dämmerte, oder richtiger, als es noch Nacht war, um in einem Tage nach Chreptiow zu gelangen.
Zahlreiche Wagen waren aufgefahren, denn Bärbchen hatte beschlossen, die Kammer in Chreptiow reichlich zu versehen; daher gingen auch hinter den Wagen reichbeladene Kamele und Pferde, die sich unter der Last der Graupen und des geräucherten Fleisches beugten. Den Schluß der Karawane machten etliche zehn Steppenrinder und eine kleine Herde Schafe. Eröffnet wurde der Zug von Asya mit seinen Lipkern. Die Dragoner ritten in nächster Nähe des gedeckten Wagens, in welchem Bärbchen und Sagloba saßen. Sie hätte am liebsten den Apfelschimmel bestiegen, der als Leitpferd mitging, aber der alte Edelmann bat sie, dies wenigstens zu Anfang und zu Ende der Reise nicht zu tun.
»Ja, wenn du ruhig säßest,« sagte er, »würde ich nichts dagegen haben, aber du fängst bald an, ausgelassen zu sein und mit dem Pferde Possen zu treiben, und das steht der Würde der Frau Kommandantin nicht an.«
Bärbchen war glücklich und heiter wie ein Vögelchen. Seit ihrer Verheiratung hatte sie zwei große Wünsche: Einmal wollte sie Michael einen Sohn schenken und dann mit dem kleinen Ritter wenigstens auf ein Jahr in einer der Grenzwarten in der Nähe der wilden Felder wohnen und dort an der Grenze der Wüste das Leben eines Soldaten leben, Krieg und Abenteuer mitmachen, an den Zügen teilnehmen, mit eigenen Augen die Steppe kennen lernen, die Gefahren erproben, von welchen sie soviel gehört hatte seit den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatte davon geträumt, als sie noch ein kleines Mädchen war, und diese Träume sollten sich jetzt verwirklichen, und noch dazu an der Seite des geliebten Mannes und des berühmtesten Kämpfers in der Republik, von dem man sagte, daß er den Feind aus der Erde zu graben verstehe.
Die junge Frau Kommandantin fühlte Flügel an ihren Armen, und eine so große Freude in der Brust, daß sie oft Lust hatte, aufzuschreien und zu hüpfen; aber der Gedanke an ihre Würde hielt sie zurück, denn sie hatte sich das Wort gegeben, ein gesetztes Benehmen zu zeigen und sich die höchste Liebe der Soldaten zu erringen. Sie vertraute Herrn Sagloba diesen Gedanken an, und er lächelte leutselig und sagte:
»Du wirst dort schon der Stern im Auge sein und eine große Merkwürdigkeit, das ist gewiß. Ein Weib in der Grenzwarte — das ist ja eine Rarität.«
»Und in der Gefahr werde ich allen ein Beispiel geben!«
»Wovon?«
»Nun, des Mutes. Nur eins fürchte ich: daß noch über Chreptiow hinaus Kommandos stehen werden, in Mohylow, in Raschkow, bis weithin in Jahorlik, und daß wir die Tataren nicht einmal als Heilmittel gegen Langeweile sehen werden.«
»Und ich fürchte nur das eine, wenn auch nicht für mich, so doch für dich, daß wir sie gar zu häufig sehen werden. Was denkst du, haben die Tataren die Pflicht, durchaus auf Raschkow oder Mohylow loszumarschieren? Sie können geradeaus von Osten kommen oder aus den Steppen oder auch die Moldau herauf, den Dniestr entlang ziehen und in das Gebiet der Republik einfallen, wo sie wollen, sei es auch am Berge hinter Chreptiow — es müßte denn sehr bekannt werden, daß ich in Chreptiow bin, dann werden sie es umgehen, denn mich kennen sie von alters her.«
»Und kennen sie Michael etwa nicht? Werden sie Michael etwa nicht aus dem Wege gehen?«
»Auch ihm werden sie aus dem Wege gehen, sie müßten denn in großer Macht herankommen, was wohl geschehen kann. Übrigens wird er sie selbst aufsuchen.«
»Ja, das ist wahr, des bin ich gewiß. Ist wirklich in Chreptiow schon völlige Wüste, denn das ist ja gar nicht weit?«
»So sehr Wüste, daß es wüster nicht sein kann. Einst, zurzeit meiner Jugend, war die Gegend bevölkert. Man zog von Vorwerk zu Vorwerk, von Dorf zu Dorf, von Städtchen zu Städtchen. Ich habe sie kennen gelernt, ich war dort. Ich denke noch, wie Uschyz eine befestigte Stadt war, die sich sehen lassen konnte. Herr Koniezpolski, der Vater, hat mich hier zum Starosten gemacht. Dann kam der Pöbelaufstand, und alles ging in Trümmer. Als wir hier Halschka holten, da war es schon wüst, und später sind die Tataren wohl an die zwanzigmal hier hindurchgezogen ... Jetzt hat Herr Sobieski den Kosaken und Tataren wieder das Land entrissen, wie man einem Hunde etwas aus dem Rachen reißt ... aber Menschen gibt es noch nicht, nur Räuberbanden stecken in den Schluchten.«
Hier schaute sich Sagloba in der Gegend um und schüttelte den Kopf wie in der Erinnerung an alte Zeiten.
»Du lieber Gott,« sagte er, »damals, als wir Halschka holten, da glaubte ich, das Alter sitze mir im Nacken, und jetzt denke ich, daß ich jung war, denn es sind doch bald vierundzwanzig Jahre her. Michael war noch ein Milchbart und hatte weniger Haare auf der Oberlippe, als ich hier auf der Faust. Und dabei steht mir die Gegend so lebhaft im Gedächtnis, als wäre es gestern; aber das Gestrüpp ist größer, und die Wälder dichter, seitdem die Ackerbauer fort sind.«
Sie kamen auch bald hinter Kitajgorod in große Wälder, denn damals war jene Gegend zum größten Teil dicht bewachsen. Hier und da indessen, besonders in der Gegend von Studsienniza, gab es auch offenes Feld, und von hier aus sahen sie das Ufer des Dniestr und das Land, das sich jenseits des Flusses unendlich hinzog bis an die Anhöhen, welche nach der Moldau hin den Gesichtskreis abschlossen.
Tiefe Schluchten, der Versteck wilder Tiere und wilder Menschen, durchschnitten den Weg. Diese Schluchten waren bisweilen schmal und uneben, bald wieder offen mit leicht abfallenden Seiten und wüst bewachsen. Die Lipker des Asya tauchten vorsichtig hinunter, und wenn das Ende des Zuges noch auf dem hohen Abhang war, schien sein Anfang in die Erde versunken zu sein. Oft mußten Bärbchen und Sagloba aus dem Wagen steigen; denn obwohl Michael den Weg, so gut es ging, geebnet hatte, gab es doch gefährliche Übergänge. Am Boden der Schluchten plätscherten Quellen, oder strömten, über die Steine rauschend, reißende Flüsse, welche im Frühling das Wasser des Steppenschnees mit sich nahmen. Obgleich die Sonne die Wälder und Steppen noch stark erwärmte, herrschte doch eine strenge Kälte in diesen steinernen Schlünden und packte die Reisenden hart an. Der Wald hatte die felsigen Seitenwände ausgepolstert und säumte noch die Ufer düster ein, als wollte er jene tief versunkenen Höhlungen vor den goldenen Strahlen der Sonne schützen. Stellenweise aber waren die Bäume gebrochen, umgestürzt, die Stämme in wilder Unordnung einer über den anderen geworfen, die Zweige verbogen und zu Haufen aneinandergedrängt, vertrocknet oder auch mit welkem Laub und Nadeln bedeckt.
»Was ist mit diesem Walde vorgegangen?« fragte Bärbchen Herrn Sagloba.
»Zum Teil können das alte Verhaue sein, welche die früheren Einwohner gegen die Horden gemacht haben, oder auch die Kosaken gegen unsere Heere; andernteils sind es die Stürme, die von der Moldau herkommen, und die im Walde so hausen, die Stürme, in welchen, wie alte Leute sagen, Vampire oder gar Teufel ihr Wesen treiben.«
»Und habt Ihr jemals die Teufel ihr Wesen treiben sehen?«
»Gesehen hab' ich es nicht, aber gehört habe ich, wie die Teufel einander belustigend zuriefen: »O-ha — o-ha!« Fragt nur Michael, denn auch er hat es gehört.«
Bärbchen war zwar mutig, fürchtete sich aber doch ein wenig vor bösen Geistern. Sie bekreuzigte sich also schnell. »Ein entsetzliches Land!« sagte sie.
In der Tat, in manchen Schluchten war es entsetzlich. Es war nicht nur düster, sondern auch stumm; kein Wind wehte, Laub und Zweige rauschten nicht, man hörte nur das Getrappel und Gewieher der Pferde, das Knarren der Wagen und die Rufe, welche die Wagenführer an den gefährlicheren Stellen ausstießen. Von Zeit zu Zeit sangen auch die Tataren oder die Dragoner; aber die Wüste selbst sprach mit keinem menschlichen, mit keinem tierischen Laut.
Während die Schluchten einen finsteren Eindruck machten, öffnete sich das Oberland heiter, selbst da, wo die Wälder sich hinzogen, vor den Augen der Karawane. Das Wetter war herbstlich still, die Sonne stieg die blaue Stufe hinauf, von keinem Wölkchen verfinstert, und ergoß reichlichen Glanz über Felsen, Felder und Wälder. In diesem Glanze erschienen die Fichten rot und goldig, und die Fäden der Spinnenweben, die an den Zweigen der Bäume und an den Gräsern hingen, leuchteten so stark, als seien sie selbst aus Sonnenstrahlen gewoben. Der Oktober war zur Hälfte abgelaufen, daher zogen die Vögel, besonders die für Kälte empfindlicheren, schon aus der Steppe dem Schwarzen Meere zu. Man sah am Himmel Züge von Kranichen, die mit lautem Krächzen dahinzogen, Gänse und Kriekenten.
Hier und da schwebten hoch am blauen Firmament mit weit geöffneten Flügeln, gefahrbringend für die Bewohner der Luft, die Adler; hier und da zogen beutegierige Habichte ihre langsamen Kreise. Aber es fehlte auch nicht an Vögeln, die an der Erde leben und im hohen Grase gern sich bergen, besonders, wo die Felder offen waren. Oft flogen unter den Hufen der Rosse Völker von rostfarbenen Rebhühnern mit Geräusch auf, oft auch sah Bärbchen, wenn auch nur von ferne, Trappen, die auf Wache standen, und bei ihrem Anblick glühten ihre Wangen und leuchteten ihre Augen.
»Die wollen wir mit Windhunden hetzen, wenn wir bei Michael sind!« rief sie, in die Hände klatschend.
»Wenn dein Mann ein Stubenhocker wäre,« sagte Sagloba, »so würde ihm der Bart bei einer solchen Frau bald grau werden, aber ich habe schon gewußt, wem ich dich geben soll. Eine andere wäre wenigstens dankbar, he?«
Bärbchen küßte Sagloba auf beide Wangen, so daß er gerührt sagte:
»Im Alter sind liebende Herzen dem Menschen so angenehm wie eine warme Ofenecke.«
Dann hielt er einen Augenblick inne und fügte hinzu:
»Seltsam, wie ich die Weiber das ganze Leben geliebt habe, und wenn ich so sagen soll warum, so weiß ich's selber nicht, denn die Teufelinnen sind leichtsinnig und untreu ... Aber weil sie schwach sind wie die Kinder, so läuft einem das Herz bald über vor Mitleid, wenn einer ein Unrecht geschieht. Umarme mich noch, wie?«
Bärbchen hätte gern die ganze Welt umarmt, darum kam sie Saglobas Wunsche gleich nach, und sie setzten ihren Weg in der trefflichsten Laune fort. Sie fuhren sehr langsam, denn die Rinder, die hinterdrein gingen, konnten nicht schneller nachkommen, und es war gefährlich, sie unter geringer Bewachung in diesen Wäldern zu lassen. Je näher sie Uschyz kamen, desto unebener wurde das Land, desto öder die Wüste, desto tiefer die Schluchten. Bald erlitten die Wagen einen Schaden, bald wurden die Pferde störrisch, und dadurch entstanden größere Verzögerungen. Die alte Heerstraße, die einst nach Mohylow geführt hatte, war seit zwanzig Jahren mit Wald bewachsen, so daß man kaum noch ihre Spuren sah. So mußte man die Wege gehen, welche die früheren und die letzten Heereszüge genommen hatten, häufig genug verschlungene und zugleich sehr schwierige Wege; es ging auch nicht ganz ohne Unglück ab.
Asya ritt an der Spitze der Lipker, sein Pferd verstrickte sich am Abhang der Schluchten und stürzte in den steinigen Grund, nicht ohne Schaden für den Reiter, der eine so schwere Verwundung des oberen Teiles des Kopfes erlitt, daß er eine Zeitlang das Bewußtsein verlor. Bärbchen und Sagloba bestiegen sogleich die Leitpferde, den Tataren ließ die junge Frau Kommandantin in den Wagen legen und vorsichtig fahren. Von jetzt ab ließ sie bei jeder Quelle den Zug Halt machen und verband ihm mit eigenen Händen den Kopf, indem sie Linnenstücke in kaltem Quellwasser anfeuchtete. Er lag eine Zeitlang mit geschlossenen Augen da, endlich öffnete er sie, und als das über ihn geneigte Bärbchen anfing, ihn auszufragen, wie es ihm gehe, ergriff er, statt Antwort zu geben, ihre Hand und drückte sie an seine bleichen Lippen.
Nach einer Weile erst, als müsse er seine Gedanken und sein Bewußtsein wieder sammeln, antwortete er: »O gut, wie nie zuvor!«
So ging ihnen der ganze Tag hin. Die Sonne neigte und rötete sich und senkte sich in mächtiger Kugel auf die moldauische Seite hinüber; der Dniestr begann zu leuchten wie ein feuriges Band, und von Osten her, von den wilden Feldern, stieg langsam die Dämmerung herauf.
Chreptiow war nicht mehr allzuweit, aber man mußte den Pferden Rast gönnen; darum wurde ein längerer Halt gemacht.
Der eine und der andere Dragoner begann die Hora zu singen; die Lipker stiegen von den Pferden, breiteten ihre Schlafvließe auf dem Boden aus und beteten knieend, die Gesichter nach Osten gewendet. Ihre Stimmen klangen bald laut, bald leise; Allah — Allah! ertönte es manchmal kräftig durch die langen Reihen, dann wurden sie wieder still, erhoben sich, hielten die Hände, umgewandt nach oben gerichtet, am Gesicht, harrten in gesammelter Andacht aus und wiederholten dabei von Zeit zu Zeit schlaftrunken, gleichsam seufzend: »Lohitschmen, ach, lohitschmen!« — Die Sonnenstrahlen, die sie beleuchteten, wurden immer röter; es erhob sich ein Wind von Westen her, und mit ihm ein lautes Rauschen von den Bäumen, als wollten auch sie vor Eintritt der Nacht den verehren, der an dem dunklen Himmel die tausend Sterne heraufführt. Bärbchen sah mit großer Neugier dem Gebet der Lipker zu; aber ihr Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, daß so viele gute Menschen nach einem Leben voll Mühsal mit dem Tode in das höllische Feuer gelangen sollten, und das um so mehr, als sie, täglich mit Menschen zusammentreffend, welche den wahren Glauben bekannten, doch freiwillig in ihrem Unglauben verharrten.
Sagloba, der mit diesen Dingen mehr vertraut war, zuckte nur die Achseln bei Bärbchens frommen Bemerkungen und sagte:
»Man würde sowieso diese Ziegensöhne in den Himmel nicht einlassen, damit sie nicht Ungeziefer mit hineinbringen.«
Dann zog er mit Hilfe eines Knechtes ein weich gefüttertes Röckchen an, welches ihn gegen die Abendkälte schützte, und befahl loszurücken. Aber kaum hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt, als auf der gegenüberliegenden Anhöhe fünf Reiter sichtbar wurden.
Die Lipker traten sofort auseinander.
»Michael!« schrie Bärbchen, da sie ihn an der Spitze heranjagen sah.
Es war wirklich Wolodyjowski, der seiner Gattin mit einigen Begleitern entgegengeritten kam. Sie begrüßten sich mit großer Freude und erzählten einander, was sie erlebt hatten.
Bärbchen berichtete also, wie es ihnen unterwegs ergangen sei, und wie Asya sich »den Verstand an den Steinen zerschlagen« habe, und der kleine Ritter gab Rechenschaft über seine Tätigkeit in Chreptiow, wo, wie er versicherte, alles bereit stehe und dem Empfang entgegensehe, denn fünfhundert Äxte hätten drei Wochen hindurch an den Gebäuden gearbeitet.
Während dieses Gespräches neigte sich der verliebte Ritter immer wieder von der Satteldecke herab und umfaßte seine junge Gattin, die offenbar darüber nicht böse war, denn schon ritt sie an seiner Seite, so daß ihre Pferde sich bald berührten.
Das Ende der Reise war nicht mehr weit, aber inzwischen war die Nacht angebrochen, eine herrliche Nacht, von einem großen, goldenen Monde erleuchtet. Aber er wurde immer blasser, je mehr er sich von der Steppe gen Himmel erhob, und endlich wurde sein Glanz verdunkelt durch einen Feuerschein, der grell vor der Karawane aufstieg.
»Was ist das?« fragte Bärbchen. —
»Das wirst du sehen,« sagte Michael, »wenn wir erst durch dieses Wäldchen kommen, das uns von Chreptiow trennt.«
»Ist das schon Chreptiow?«
»Du würdest es wie auf der Hand vor dir sehen, wenn die Bäume es nicht verdeckten.«
Sie kamen in das Wäldchen hinein, aber ehe sie die Hälfte desselben zurückgelegt hatten, erschien an seinem anderen Ende ein Gewimmel von Lichtern, ähnlich dem Gewimmel der Johanniskäfer oder Flimmern der Sterne. Jene Sterne kamen mit großer Geschwindigkeit heran, und plötzlich erbebte das ganze Wäldchen von mächtigen Rufen: »Vivat unsere Herrin! Vivat die Frau Kommandantin! Vivat, vivat!«
Es waren die Soldaten, welche herbeigeeilt kamen, um Bärbchen zu begrüßen. Hunderte von ihnen mengten sich in einem Augenblick unter die Lipker. Jeder hielt auf einer langen Stange eine flackernde Fackel, die an dem gespaltenen Ende der Stange befestigt war. Einige hatten an Pfählen eiserne Pfannen, aus welchen brennender Harz in der Gestalt langer, feuriger Tränen herunterfiel. Sogleich umringten Bärbchen Haufen bärtiger, kühn dreinschauender, halbwilder, aber freudestrahlender Gesichter. Der größere Teil von ihnen hatte Bärbchen nie im Leben gesehen, viele hatten sich vorgestellt, eine Frau in gesetzten Jahren zu erblicken; ihre Freude war darum um so größer bei dem Anblick dieses fast einem Kinde gleichenden Wesens, das auf dem weißen Zelter ritt und anmutig dankend nach allen Seiten das hübsche, rosige, zierliche, heitere und zugleich durch den unerwarteten Empfang verlegene Gesichtchen neigte.
»Ich danke euch,« sagte Bärbchen, »ich weiß, daß das nicht meinetwegen ...«; aber ihr Silberstimmchen verlor sich unter den Vivats, und der Wald erbebte von den Rufen.
Die Leute von der Fahne des Generals von Podolien, vom Kämmerer von Prschemysl, die Kosaken Motowidlos, die Lipker und die Tscheremissen mischten sich untereinander, jeder wollte die Frau Kommandantin sehen, sich ihr nähern; einige, die von lebhafter Art waren, küßten den Saum ihres Jäckchens oder ihren Fuß im Steigbügel. Denn auch für diese halbwilden Grenzkrieger, die an Kriegszüge, an Jagden auf Menschen, an Blutvergießen und Metzeleien gewöhnt waren, war diese Erscheinung eine so ungewöhnliche, so neue, daß ihre harten Herzen bei ihrem Anblick gerührt wurden, und neue, unbekannte Gefühle in ihrer Brust erwachten. Sie waren zur Begrüßung ausgezogen aus Liebe zu ihrem Führer, um ihm eine Freude zu bereiten, vielleicht auch, ihm zu schmeicheln, und siehe, eine plötzliche Rührung hatte sie selbst erfaßt. Dieses lächelnde, süße, unschuldige Gesichtchen mit den blitzenden Augen und den lebhaften Nasenflügeln ward ihnen in einem Augenblick teuer. »Unser Kind, unser Kind!« riefen alte Kosaken, wahre Steppenwölfe, »einen Cherubim zeigt uns der Herr Regimenter!« »Morgenröte!« »Liebliches Blümchen!« schrieen die Genossen, »wir gehen alle für sie in den Tod!« und die Tscheremissen schnalzten mit den Lippen und legten die Hände an die breite Brust: »Allah — Allah!«
Michael war sehr gerührt, aber auch freudig erregt; er stemmte die Hände in die Seiten und war stolz auf sein Bärbchen.
Die Vivatrufe dauerten fort; endlich gelangte die Karawane aus dem Walde heraus, und bald zeigten sich den Neuangekommenen mächtige Holzgebäude, die im Kreise auf der Anhöhe errichtet waren. Das war die Grenzwacht von Chreptiow, hell wie am Tage, denn außerhalb des Pfahlwerks brannten riesige Holzstöße, auf die man ganze Stämme geworfen hatte. Aber auch der Platz zwischen den Häusern war mit Wachtfeuern bedeckt, sie waren nur kleiner, um Gefahr zu vermeiden.
Die Krieger verlöschten jetzt ihre Fackeln und zogen dafür der eine eine Muskete, der andere ein Terzerol, der dritte eine Pistole hervor, um durch Schüsse die Herrin zu begrüßen. Auch die Kapellen traten an das Pfahlwerk: die einheimische bestand aus Krummhörnern, die kosakische aus Flöten, Trommeln und verschiedenen vielsaitigen Instrumenten, und endlich die der Lipker, in welchen nach tatarischer Weise schrille Pfeifen die erste Stelle einnahmen. Das Bellen der Wachthunde und das Gebrüll des erschreckten Viehs vergrößerte noch den Lärm.
Der Zug blieb nun hinten, und vorn ritt Bärbchen, an der einen Seite ihr Gatte, an der anderen Herr Sagloba. Über dem mit Weißtannenzweigen schön geschmückten Tor waren auf Blasen, die mit Talk bestrichen und innen erleuchtet waren, die schwarzen Zuschriften angebracht: »Möge Cupido euch reichlich glückliche Stunden schenken!« »Crescite, liebe Gäste, multiplicamini!«
»Vivat, floreat!« schrieen die Soldaten, als der kleine Ritter und Bärbchen Halt machten und die Inschrift lasen.
»Um des Himmels willen,« sagte Sagloba, »ich bin ja auch Gast, und wenn der Wunsch der Multiplikation sich auch auf mich bezieht, so sollen mich die Raben fressen, wenn ich weiß, was ich damit anfange.«
Aber Sagloba fand ein besonderes Transparent, das nur für ihn bestimmt war, und las darauf mit nicht geringerer Befriedigung:
Es lebe Sagloba Onufrius,
Der ganzen Ritterschaft würdigste Zier!
Michael war sehr heiter. Er bat die Offiziere und auch die Mannschaften zu sich zum Abendessen, und für die Soldaten ließ er ein um das andere Tönnchen Branntwein bringen. Einige Ochsen wurden geschlachtet, die man bald an den Feuern zu braten begann. Für alle war reichlich vorhanden. Noch in die Nacht hinein erzitterte die Warte von den Rufen und Schüssen, so daß die Räuberbanden in den Schluchten von Uschyz ein Schrecken erfaßte.
Herr Wolodyjowski war nicht träge gewesen in seiner Warte, und auch seine Leute lebten in beständiger Arbeit. Hundert, bisweilen weniger Leute blieben als Besatzung in Chreptiow zurück, der Rest war auf beständigen Ausflügen.
Die tüchtigsten Abteilungen waren abkommandiert zur Untersuchung der Schluchten von Uschyz, und diese lebten wie in einem beständigen Krieg, denn die häufig sehr zahlreichen Räuberbanden leisteten kräftigen Widerstand, und man mußte ihnen oft förmliche Schlachten liefern. Solche Ausflüge währten einige, oft auch mehr als zehn Tage. Kleinere Abteilungen sandte Michael weit hinaus bis nach Brazlaw nach Neuigkeiten, zur Horde und zu Doroschenko. Die Aufgabe dieser Vorposten war, Spione einzubringen, das hieß, sie in den Steppen aufzufangen; andere wieder gingen den Dniestr hinunter nach Mohylow und Jampol, um die Verbindung mit den Kommandanten, die an diesen Orten standen, aufrecht zu erhalten, andere spionierten auf der Seite der Walachei, noch andere bauten Brücken und stellten die alte Heerstraße wieder her.
Das Land, in dem ein so reges Leben herrschte, beruhigte sich allmählich; die friedlicheren, weniger dem Raub ergebenen Einwohner kehrten nach und nach in die verlassenen Wohnsitze zurück, anfangs zaghaft, dann immer mutiger. Nach Chreptiow selbst zog ein Häuflein jüdischer Handwerker; von Zeit zu Zeit ließ sich auch ein großer armenischer Kaufmann blicken; immer häufiger kamen die Krämer, und so hegte Michael die zuversichtliche Hoffnung, daß, wenn ihm Gott und der Hetman längere Zeit gestatteten im Kommando zu bleiben, jene wilden Gegenden allmählich eine ganz andere Gestalt annehmen würden. Gegenwärtig war nur der Anfang gemacht; es blieb noch viel Arbeit zu tun, noch waren die Wege nicht sicher; das entartete Volk schlug sich lieber zu den Räubern als zu dem Heere und verbarg sich bei jeder Gelegenheit in den felsigen Schluchten. Durch die Furten des Dniestr schlichen sich häufig Banden aus Walachen, Kosaken, Ungarn, Tataren, und Gott weiß wem bestehend; diese sandten Scharen in das Land und überfielen in tatarischer Weise Dörfer und Städte und raubten alles, was sich rauben ließ. Noch konnte man in diesen Landen keinen Augenblick das Schwert aus der Hand legen oder die Muskete an den Nagel hängen. Aber der Anfang war gemacht, und die Zukunft verhieß viel. Am aufmerksamsten mußte man nach Osten hinspähen. Von den Banden Doroschenkos und den Hilfsscharen lösten sich immer wieder größere oder kleinere Züge los, schlichen bis zu den polnischen Kommandos heran und brachten Verwüstung und Brand in die Gegenden. Da es aber nur Einzelscharen waren, die scheinbar wenigstens nur auf eigene Faust auszogen, demütigte sie der kleine Kommandant ohne die Befürchtung, einen größeren Sturm über das Land heraufzubeschwören. Er ließ sich nicht an der bloßen Abwehr genügen, sondern suchte sie selbst in der Steppe auf mit solcher Wirkung, daß er bald auch den kühnsten die Einfälle verleidete.
Inzwischen hatte sich Bärbchen in Chreptiow häuslich eingerichtet.
Sie fand eine unermeßliche Freude an dem soldatischen Leben, das sie bisher doch nie in solcher Nähe kennen gelernt hatte, an diesem Hin- und Herziehen, diesem Aus- und Einmarsch, an dem Anblick der Gefangenen. Sie kündigte Michael auch an, daß sie an einem Zuge wenigstens teilnehmen müsse, vorläufig aber mußte sie sich damit zufrieden geben, bisweilen auf ihrem kleinen Zelter in der Begleitung ihres Mannes und Herrn Saglobas die Umgegenden von Chreptiow zu besuchen. Sie jagten auf solchen Ausflügen Füchse und Trappen; manchmal steckte ein Isegrimm seinen Kopf aus dem Grase und schoß über die Heide dahin — sie jagten ihn dann, und Bärbchen hielt sich so gut sie konnte voran, unmittelbar hinter den Windhunden, um als erste das müde Tier einzuholen und mit ihrer Flinte zwischen die roten Augen zu treffen.
Sagloba jagte am liebsten mit Falken, von welchen einige Paare, ganz ausgezeichnete, sich im Besitz der Offiziere befanden.
Bärbchen leistete ihm Gesellschaft, und hinter ihnen drein sandte Michael im geheimen eine Anzahl von Leuten, die ihr Hilfe bringen sollten bei Zufällen, denn obwohl man in Chreptiow immer wußte, was auf zwanzig Meilen ringsumher in der Wüste vorging, wollte Michael doch nicht alle Vorsicht außer acht lassen.
Die Soldaten gewannen Bärbchen mit jedem Tage lieber. Sie kümmerte sich um ihr Essen und Trinken, sie sah nach den Kranken und Verwundeten. Selbst der düstere Asya, der beständig am Kopfe litt, und dessen Herz härter und wilder war als das der anderen, heiterte sich bei ihrem Anblick auf. Die alten Soldaten vergingen vor Freude über ihre große Kenntnis soldatischer Dinge.
»Wenn der kleine Falke uns fehlen sollte,« sagten sie, »könnte sie das Kommando übernehmen, und es würde uns nicht leid sein, unter einem solchen Regimente den Tod zu finden.«
Es kam auch vor, daß, wenn während Michaels Abwesenheit im Dienst etwas versehen wurde, Bärbchen die Soldaten schalt. Und der Respekt vor ihr war groß. Eine Rüge aus ihrem Munde ging den Grenzsoldaten mehr zu Herzen als die Strafen, die Michael nicht selten wegen Vergehen gegen die Disziplin verhängte.
Es herrschte immer große Zucht im Kommando, denn Michael, in der Schule des Fürsten Jeremias aufgewachsen, verstand die Soldaten mit eiserner Hand zu regieren; aber Bärbchens Anwesenheit milderte noch ein wenig die alten Sitten. Jedermann bemühte sich, ihr zu gefallen, jeder war besorgt um ihre Ruhe. Darum hütete man sich vor allem, was diesen Frieden trüben konnte.
In der leichten Fahne Mikolaj Potozkis gab es eine Anzahl von Offizieren, Männer, die weit herumgekommen waren, und von höfischen Rittern, die, obgleich sie in den ununterbrochenen Kriegen und Abenteuern verwildert waren, doch eine besonders artige Gesellschaft ausmachten. Diese und Offiziere von anderen Fahnen brachten häufig die Abende bei dem Kommandanten zu, wo dann aus alten Zeiten und Kriegszügen erzählt wurde, an denen sie selbst teilgenommen hatten. Den ersten Platz unter ihnen nahm Sagloba ein; er war der älteste, hatte am meisten gesehen, und selbst viel vollbracht; aber wenn er nach dem ersten und zweiten Gläschen in dem bequemen saffianbeschlagenen Bänkchen eingeschlummert war, das man besonders für ihn hergestellt hatte, dann nahmen auch die anderen das Wort, und sie hatten was zu erzählen, denn es gab unter ihnen solche, die Schweden und Moskowien besucht hatten; es gab solche, die die jungen Jahre in der Sitsch noch vor dem großen Aufstand verlebt hatten. Es waren auch solche da, die in der Krim als Sklaven Schafe gehütet, die in Baktschissaraj in der Sklaverei Brunnen gegraben, die Kleinasien besucht hatten, die im Archipel auf türkischen Galeeren gerudert, die in Jerusalem vor dem heiligen Grabe das Knie gebeugt hatten, die alle möglichen Abenteuer und alles denkbare Elend durchgemacht hatten und doch noch heimgekehrt waren zur Fahne, um bis an das Ende ihres Lebens, bis zum letzten Atemzuge, die blutüberströmten Grenzländer zu verteidigen.
Als im November die Abende länger wurden und in der Steppe Frieden herrschte, weil die Gräser welk geworden waren, versammelte man sich Tag für Tag im Hause des Kommandanten. Da kam Herr Motowidlo, Ruthene von Geburt, hager wie ein Stock, und lang wie eine Lanze, nicht mehr jung, seit zwanzig Jahren auf dem Schlachtfelde. Da kam Herr Deyma, der Bruder jenes Deyma, der Herrn Ubysch erschlagen hatte; mit ihnen kam Herr Muschalski, vor Zeiten ein wohlhabender Mann, der in jungen Jahren verwundet in die Gefangenschaft geschleppt worden, auf türkischen Galeeren gerudert, dann aus der Sklaverei entfloh, seinen Besitz fahren ließ und mit dem Schwerte in der Hand die ihm angetane Unbill an den Muhamedanern gerächt hatte. Er war ein unvergleichlicher Bogenschütze, der eine Mütze im Fluge durchbohrte. Es kam ferner Herr Wilga und Herr Nienaschyniez, tüchtige Krieger, Herr Hromyka, Herr Bawdynowitsch und viele andere. Wenn die zu erzählen begannen und ihnen die Worte reichlich strömten, so spiegelte sich in ihren Erzählungen jene ganze Welt des Orients wieder, Baktschissaraj und Stambul, die Minarets und die Tempel des falschen Propheten, die bläulichen Wogen des Bosporus, die Fontänen und der Hof des Sultans, das Menschengetümmel in der steinernen Stadt und die Heere, die Janitscharen und Derwische, die ganze entsetzliche und in Regenbogenfarben schillernde Heuschreckenschar, gegen welche die Republik die reußischen Kirchen und mit ihnen alle Kreuze und Kirchen in ganz Europa mit blutiger Brust zu schützen hatte.
Die alten Soldaten setzten sich in der Runde in dem geräumigen Zimmer nieder, wie eine Schar von Störchen, die vom Fluge ermüdet auf einer Anhöhe in der Steppe mit lautem Geklapper sich niederläßt. Im Kamin brannten harzige Kloben, die ihren hellen Glanz über das ganze Zimmer warfen. Moldauer Wein wurde auf Bärbchens Geheiß am Feuer gewärmt, und die Knappen schöpften ihn in zinnerne Gefäße und reichten ihn den Rittern. Von außerhalb hörte man den Anruf; die Heimchen, über die sich Michael beklagt hatte, zirpten im Zimmer; manchmal pfiff in den Sparren, die mit Moos gefüllt waren, der Novemberwind, der von Norden her blies und immer kälter wurde. An solchen Winterabenden war es am schönsten, in dem heimlichen, hellen Zimmer zu sitzen und den Erzählungen der Ritter zu lauschen.
An einem solchen Abend erzählte einmal Herr Muschalski das Folgende:
»Der Allmächtige schütze die ganze Republik, uns alle, und unter uns besonders die hier anwesende würdige Gemahlin unseres Kommandanten, deren Glanz zu schauen unsere Augen kaum würdig sind. Ich will nicht in einen Wettstreit mit Herrn Sagloba eintreten, dessen Abenteuer Dido selber und ihre anmutigen Frauen in die größte Verwunderung versetzen könnten, — aber, da ihr selbst, werte Herrschaften, begehrt, meinen Lebenslauf zu hören, so will ich nicht zögern, um den werten Genossen nicht nahezutreten.
In der Jugend erbte ich in der Ukraine, nicht weit von Taraschtsch, ein bedeutendes Besitztum; ich hatte auch zwei Dörfchen, ein Erbteil der Mutter in ruhigen Landen, nicht weit von Jaslow; aber ich zog es vor, in Vaters Teil zu residieren, weil die Horden näher und die Abenteuer leichter waren. Mein Rittersinn zog mich nach der Sitsch; aber dort gab es nichts mehr für uns. Doch ging ich in die wilden Felder in Gemeinschaft unruhiger Geister und genoß wahrhafte Wonnen. Ich fühlte mich wohl in meinem Besitz; nur eins quälte mich: ich hatte einen schlechten Nachbar. Er war ein gewöhnlicher Bauer aus Bialazerkiew. In seiner Jugend war er in der Sitsch gewesen, hatte dort den Rang eines Atamans erlangt und ging als Abgeordneter der Stämme nach Warschau, wo er auch geadelt wurde. Er hieß Dydiuk. Und ihr müßt wissen, meine Herrschaften, daß wir uns von einem Heerführer der Samniter herleiten, der Muska hieß, was in unserer Sprache »Fliege« bedeutet. Jener Muska kam nach unglücklichen Zügen gegen die Römer an den Hof Siemowits, des Sohnes des Piasten. Dieser nannte ihn zur größeren Bequemlichkeit Muskalski, was die Nachkommen später in Muschalski umwandelten. Von so alter Abstammung und so adligem Blute, sah ich mit großer Verachtung auf jenen Dydiuk herab. Hätte der Kerl die Ehre, die ihn getroffen hatte, zu schätzen gewußt, und die hohe Vortrefflichkeit des Adels über alle anderen Stämme anerkannt, dann hätte ich vielleicht nichts gesagt; aber er, der als Adliger seinen Besitz hatte, spottete noch über seine Würde und sagte häufig: »Ist mein Schatten jetzt größer? Ein Kosak war ich, und ein Kosak bleibe ich, und der Adel und alle Lechenhunde — können mich ...« — ich kann euch das nicht sagen, meine Herrschaften, was er an dieser Stelle für häßliche Gebärden machte, denn die Anwesenheit der gnädigen Frau erlaubt mir das nicht, aber mich packte eine wilde Wut, und ich fing an, ihm zuzusetzen. Er fürchtete sich nicht, er war mutig und zahlte mir heim; er hätte sich auf Säbel geschlagen, aber das wollte ich nicht, da ich seine niedrige Herkunft im Auge hatte.
Ich haßte ihn wie die Pest, und auch er verfolgte mich mit Haß. Einmal schoß er auf mich auf dem Markte in Taraschtsch; um ein Haar hätte er mich getötet, und ich ihm mit dem Beile den Kopf gespalten. Zweimal überfiel ich ihn mit ritterlichen Leuten, zweimal er mich mit dem Kosakenpack; er konnte mir nichts anhaben, aber auch ich konnte mit ihm nicht fertig werden. Ich wollte das Gesetz gegen ihn anrufen — bah, Gesetz in der Ukraine, in der noch die Trümmer der Städte dampfen. Wer da das Gesindel zusammenruft, braucht nach der ganzen Republik nicht zu fragen. So tat er und lästerte noch dazu gegen die gemeinsame Mutter, uneingedenk dessen, daß sie es war, die ihn in den Adelsstand erhoben, ihn dadurch an ihre Brust gezogen, ihm Privilegien gegeben, durch welche er Land besaß und diese übermäßige Freiheit, die er unter keiner anderen Herrschaft genossen hätte. Hätten wir uns in nachbarlicher Weise treffen können, so hätte es mir gewiß nicht an Argumenten gefehlt, aber wir sahen uns nicht anders, als mit der Flinte in der einen und mit der Klinge in der anderen Hand. Der Haß wuchs in mir mit jedem Tage, bis ich förmlich gelb wurde; immer und immer dachte ich nur daran, wie ich ihm beikommen könne. Ich fühlte, daß der Haß eine Sünde sei, ich wollte ihm daher nur zuerst wegen der Beschimpfung des Adels mit Stöcken das Fell gerben und dann ihm alle Sünden verzeihen und, wie einem rechten Christenmenschen geziemt, ihn einfach erschießen lassen. Aber Gott hat es anders gefügt.
Ich hatte hinter dem Dorfe einen hübschen Bienengarten, und einmal ging ich hin, ihn anzusehen. Es war gegen Abend. Ich hatte kaum zehn Paternoster lang dort zugebracht, als ein Geschrei zu meinen Ohren drang. Ich sehe mich um — da lagert Rauch wie eine Wolke über dem Dorfe. Gleich darauf kommen Menschen gelaufen. »Die Horde, die Horde!« und hinter den Menschen — ein unabsehbarer Haufen, sage ich euch. Pfeile kommen geflogen, wie der Regen vom Himmel fällt; wo ich hinblicke, Schafsfelle und die teuflischen Fratzen der Horde. Ich auf mein Pferd, — ehe ich noch mit dem Fuß den Steigbügel berühre, haben mich schon fünf oder sechs Schlingen gefangen. Ich zerriß sie zwar — ich war stark ... wie Herkules ... Drei Monate später befand ich mich hinter Baktschissaraj in einem tatarischen Dörfchen, Suhaidzig genannt, und saß mit anderen gefangen.
Mein Herr hieß Salma-Bey, ein reicher Tatar, aber unmenschlich und gegen seine Sklaven grausam. Wir mußten unter Schlägen Brunnen graben und auf dem Felde arbeiten. Ich wollte mich loskaufen, ich hatte es ja dazu. Durch einen Armenier schickte ich Briefe nach meinen Gütern bei Jaslow. Ich weiß nicht, ob meine Briefe nicht ankamen, ob das Lösegeld unterwegs geraubt wurde — genug, es traf nicht ein. Ich wurde nach Konstantinopel gebracht und auf die Galeeren verkauft.
Ich könnte viel von dieser Stadt erzählen; ich weiß nicht, ob es eine größere und schönere Welt gibt. Menschen gibt es dort wie Gras in der Steppe oder wie Steine im Dniestr ... und die Riesenmauern an den Moscheen, Turm an Turm!
In der ganzen Stadt laufen die Hunde herum, den Menschen zwischen die Beine, da die Türken ihnen kein Leids zufügen, offenbar darum, weil sie sich verwandt mit ihnen fühlen, diese Hundebrüder ... Es gibt keine anderen Stände bei ihnen als Herren und Sklaven, und es gibt keine schlimmere Sklaverei als bei den Heiden. Gott weiß, ob es wahr ist, aber auf den Galeeren habe ich gehört, daß die dortigen Gewässer, der Bosporus und das Goldene Horn, das tief in die Stadt hineingeht, aus den Tränen der Sklaven entstanden sind; auch ich habe nicht wenige dort vergossen ...
Furchtbar ist die Macht der Türken, und keinem Potentaten sind so viele Könige untertan wie dem Sultan. Die Türken selbst aber sagen, wenn Lechistan nicht wäre — so nannten sie unser Mutterland — so wären sie längst die Herren der ganzen Erde. Im Rücken der Lechen, so sagen sie, lebt der Rest der Welt in der Lüge, denn jener, sagen sie, liegt wie der Hund vor dem Kreuze und beißt uns in die Hände, und sie haben recht, denn so war es, und so ist es. Und wir hier in Chreptiow und die weiteren Kommandos in Mohylow, in Jampol, in Raschkow — was tun wir anderes? Es gibt viel Schlimmes in unserer Republik, aber das denke ich doch, daß uns diese Leistung Gott dereinst anrechnet!
Aber ich komme zurück auf mein Abenteuer. Die Sklaven, welche auf dem Lande, in den Städten und Dörfern leben, seufzen nicht unter so schwerer Bedrückung wie die, welche auf den Galeeren rudern müssen, denn die Galeerensklaven, die einmal am Rande des Schiffes an das Ruder geschmiedet sind, werden nie befreit, weder Nacht noch Tag, noch an Festtagen, sondern müssen bis zum Tode in Ketten leben. Und geht ein Schiff unter in pugna-navali, so müssen sie mit ihm untergehen. Alle sind nackt, die Kälte quält sie, der Regen näßt sie, der Hunger peinigt sie, und gegen all dies gibt's kein anderes Mittel als Tränen und entsetzliche Arbeit; denn die Ruder sind so groß und schwer, daß zwei Menschen zur Bedienung eines nötig sind.
Mich hatte man in der Nacht hingebracht und angeschmiedet und hatte mich einem Genossen meines Leides gegenübergesetzt, den ich in der Finsternis nicht erkennen konnte. Als ich die Hammerschläge und das Klirren der Ketten hörte — lieber Gott, da war mir, als schlüge man die Nägel in meinen Sarg, obgleich ich das vorgezogen hätte. Ich betete, aber die Hoffnung in meinem Herzen war wie vom Winde hinweggeweht ... Meine Seufzer brachten die Kawassen durch Prügel zum Schweigen; ich saß also stumm die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen dämmerte ... Da blickte ich hin auf den, der mit mir an einem Ruder sitzt — Jesus Christus — ratet, meine Herrschaften, wer mir gegenüber saß, — Dydiuk!
Ich erkannte ihn sofort, obgleich er nackt und abgemagert war, und sein Bart bis über die Hüften hinabreichte, denn er war schon vor langer Zeit auf die Galeere verkauft worden. Ich begann ihn zu mustern, er mich, er hatte mich auch erkannt. Wir sprachen kein Wort zueinander. Ja, so war es uns beiden ergangen! Aber doch steckte noch eine solche Wut in uns, daß wir uns nicht nur kein »Grüß Gott« zuriefen, sondern der alte Haß in uns wie eine Flamme aufloderte, und förmliche Freude das Herz eines jeden erfüllte, daß auch sein Feind so leiden müsse. An demselben Tage ging das Fahrzeug auf die Reise. Es war seltsam: mit dem ärgsten Feinde ein und dasselbe Ruder führen, aus einer Schüssel einen Fraß essen, den bei uns die Hunde nicht würden verschlucken wollen, — denselben Tyrannen ertragen, dieselbe Luft atmen, zusammen leiden, zusammen weinen ... Wir fuhren den Hellespont hin, dann über den Archipelagus. Eine Insel liegt dort neben der anderen, und alles ist in der Hand der Türken. Auch beide Ufer ... die ganze Welt! — Es war schaudervoll! Am Tage eine unerträgliche Hitze; die Sonne brennt so, daß das Wasser davon zu glühen scheint, und wenn ihre Strahlen auf den Wogen zittern und hüpfen, möchte man glauben, ein feuriger Regen komme vom Himmel. Der Schweiß lief an unserem Körper herab, die Zunge klebte am Gaumen. In der Nacht biß uns die Kälte ins Fleisch wie ein Wolf ... nirgends Trost, nichts als Harm, Sehnsucht nach dem verlorenen Glück, Gram und Qual! das läßt sich in Worten nicht sagen. — In einem Hafen, schon auf griechischem Boden, sahen wir von dort aus jene berühmten Ruinen der Tempel, welche noch die alten Griechen erbaut haben; da steht Säule an Säule wie von Gold, so gelb ist der Marmor vom Alter geworden, und man kann das ganz deutlich sehen, denn er steht auf einem emporragenden Hügel, und der Himmel ist dort so blau wie Türkise. Dann fuhren wir um den Peloponnes herum.
Tag um Tag verging, Woche um Woche; wir sprachen kein Wort zueinander, denn noch wohnte Starrsinn und Wut in unserem Herzen. Aber wir begannen allmählich demütiger zu werden unter der Hand des Herrn. Von Mühsal und der Veränderlichkeit des Wetters fing unser sündiger Körper an abzumagern. Die Wunden, die uns der Kantschu geschlagen hatte, faulten in der Sonnenhitze. In der Nacht beteten wir um den Tod. Kaum wollte ich einschlummern, so hörte ich, wie Dydiuk sagte: »Christus, erbarme dich, Heilige Jungfrau habe Erbarmen, laß mich sterben!« Und auch er hörte und sah, wie ich die Hand ausstreckte zur Mutter Gottes und ihrem Kindlein. Es war, als hätte der Seewind den Haß aus dem Herzen weggeweht. Immer weniger, immer weniger ward er, und endlich, wenn ich über mich weinte, weinte ich auch über ihn. Schon sahen wir auch ganz anders einander an, ja, wir begannen einander auszuhelfen. Wenn mich der Schweiß und die Todesmattigkeit ergriffen, so ruderte er allein; traf es ihn, so ruderte ich; brachte man eine Schüssel, so achtete jeder darauf, daß auch der andere habe — seht, Herrschaften, das ist die menschliche Natur. Kurz gesagt, wir liebten einander schon, aber keiner wollte das zuerst aussprechen. In ihm steckte ein Schelm, eine ukrainische Seele. Es kam erst, als uns furchtbar elend und schwer war, und als die Leute sagten, daß wir am anderen Tage mit der venetianischen Flotte zusammentreffen würden. An Lebensmitteln war auch Mangel; in allem hielten sie uns karg, außer im Prügeln. Da kam die Nacht. Wir seufzten leise und beteten noch eifriger, er in seiner, ich in meiner Sprache. Ich sehe beim Lichte des Mondes, wie ihm die Tränen stromweis in den Bart fließen. Da schwoll mir das Herz und ich sage: »Dydiuk, wir sind doch aus einem Lande, vergeben wir uns unsere Schuld.« Wie er das hörte — lieber Gott — brüllte der Mensch los, springt auf, daß die Ketten klirren, und wir fielen uns über das Ruder in die Arme, küßten uns und weinten. Ich vermag nicht zu sagen, wie lange wir uns so umfangen hielten, denn das Gedächtnis schwand uns, so zitterten wir vor Schluchzen.«
Hier unterbrach sich Herr Muschalski und fuhr mit den Fingern nach den Augen; ein Augenblick der Stille trat ein; nur der kalte Nordwind pfiff durch die Sparren, im Zimmer knisterte das Feuer, und sangen die Heimchen. Herr Muschalski atmete auf und erzählte weiter:
»Gott der Herr segnete uns und erwies uns, wie sich bald zeigen wird, seine Gnade; aber zunächst mußten wir dieses brüderliche Gefühl bitter bezahlen. Da wir uns umarmten, hatten wir die Ketten so durcheinander geworfen, daß wir sie nicht wieder freibekommen konnten. Die Aufseher kamen und brachten uns auseinander, aber der Kantschu pfiff länger als eine Stunde über unserem Nacken. Wir wurden geschlagen, ohne daß man beachtete, wohin es traf. Das Blut floß von mir herab, auch von Dydiuk floß Blut, und beide Ströme vereinten sich und gingen zusammen ins Meer. Nun ist es schon lange her ... Gott sei Dank!
Seit dieser Zeit ist es mir nicht eingefallen, daß ich von den Samnitern abstamme, und daß er ein Bauer aus Bialazerkiew sei, der erst vor kurzem geadelt war. Meinen leiblichen Bruder hätte ich nicht mehr lieben können, als ich ihn geliebt habe. Wäre er auch nicht geadelt gewesen, mir war es gleich — wenn es mir auch so lieber war; und er, wie er einst in alter Zeit mir den Haß verdoppelt heimzahlte, so jetzt die Liebe — das lag in seiner Natur.
Am folgenden Tage war eine Schlacht; die Venetianer streuten unsere Flotte in alle vier Winde auseinander. Unsere Galeere, furchtbar von den Geschossen zugerichtet, war an einem öden Inselchen hängen geblieben, an einem Felsen, der aus dem Meere hervorragte. Man mußte sie reparieren, und da die Soldaten umgekommen waren, und es an Händen fehlte, mußte man uns losschmieden und uns Äxte geben. Wir waren kaum ans Land gestiegen, als ich Dydiuk anblickte; er hatte schon denselben Gedanken im Kopfe, wie ich — »sofort?« fragte er mich — »sofort!« sage ich, und ohne langes Besinnen versetze ich dem Aufseher einen Hieb, er dem Kapitän; die anderen Sträflinge folgten uns wie ein Lauffeuer. In einer Stunde hatten wir den Türken den Garaus gemacht; dann brachten wir die Galeere so gut es ging in Ordnung, setzten uns ohne Ketten darauf, und Gott der Erbarmer gebot den Winden, uns nach Venedig zu führen.
Am Bettelstab kamen wir in die Republik. Ich teilte mit Dydiuk das Bettelbrot, und beide traten wir wieder in den Kriegsdienst, um für unsere Tränen und unser Blut heimzuzahlen. In der Zeit von Podhaize ging Dydiuk nach der Sitsch zu Sirko und mit ihm in die Krim. Was sie dort gemacht und alles angerichtet haben, das ist euch bekannt, meine Herrschaften.
Auf der Rückkehr fiel Dydiuk, nachdem seine Rache gesättigt war, von einem Pfeil. Ich blieb übrig, und so oft ich jetzt einen Bogen anziehe, tue ich das mit dem Gedanken an ihn; und daß ich auf diese Weise seine Seele oft erfreut habe, das bezeugen viele in dieser werten Gesellschaft.«
Wieder verstummte Muschalski, und wieder hörte man nur das Pfeifen des Nordwindes und das Knistern des Feuers. Der alte Krieger heftete den Blick auf die brennenden Scheite und schloß nach einem längeren Schweigen so:
»Nalewajko und Loboda haben gelebt, Chmielnizki hat gelebt, und Dorosch lebt heute noch; der Boden wird nicht trocken von Blut; wir zanken und schlagen uns, und doch hat Gott in unsere Herzen Saaten der Liebe gestreut; aber sie liegen dort gleichsam in fruchtbarer Scholle, und erst unter dem Druck und unter dem Kantschu der Heiden, erst in der Sklaverei der Tataren geben sie unerwartet Früchte.« —
»Bauernlümmel bleibt Bauernlümmel!« sagte plötzlich Sagloba und erwachte aus seinem Schlafe.