Die vierte Nacht.

Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.

— Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten, zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte, spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte — aber eben in diesem einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen, zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen, erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten Wanderung im Keller des Kornhauses.

Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen. Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er lächelte rauh und sagte: „Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren nicht wieder treffen wirst?“ Mir wurde sonderbar zu Mut. „An wen denkst du denn dabei?“ fragte ich fast schüchtern. Er lachte. „Ei,“ sagte er dann, „ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.“

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und Liebe den Takt verlor. „Woher weißt du?“ fragte ich Lauschern heftig, „ich habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in Bern?“

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. „Ob sie noch lebt,“ sagte er, „weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht wiedergesehen.“

„Wann war das?“ fragte ich atemlos.

„Hab ich dirs nie erzählt?“ sagte er und nahm einen starken Schluck. „Sie war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen Buch —“

„Halt ein,“ rief ich totblaß, „halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch —“

„Schrei doch nicht so,“ sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.

„Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen —“ flehte ich.

„Bibamus! Dein Wohl!“ lächelte er und stieß an. „Soll ich weiter erzählen? Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.

„Maria und ich!“ rief ich aus.

„Nun ja, wie ich sage,“ fuhr Lauscher fort. „Maria aber las unruhig und zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie eine ganze Handvoll Blätter um und —“

„Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder — o Lauscher!“

„Bibamus,“ sagte Lauscher.

Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz vor Lauschers Tod.

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