Die fünfte Nacht.
Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der seither mein Leben verblutet.
Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.
O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste, seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte, zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.
Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt — diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen, unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und wissen sie selber und halten es ängstlich geheim — sogar vor den eigenen Augen!
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