Die sechste Nacht.

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte — ich würde lächeln und nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie fremde Schattenbilder berühren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet. Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden, deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein nicht tun können.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.

Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter, und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

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Die siebente Nacht.

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern — lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere, wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria, Elise, Lilia — die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen —: Abend, Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus zerspringenden Gläsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden. — Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.

Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes — es ist ja nur ein Lied! Daß einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und Traum in den Kreis der Sterne erhebt — wie sollten sie es auch verstehen? Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod — wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, traurige Auge des Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser Stirn verglüht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben — und dahinter die spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weißt: Er sagt nicht Ja.

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