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Berthold Reichardt war vierundzwanzig Jahre alt. Aus einem guten bürgerlichen Hause stammend, besaß er einen angeborenen Sinn für das Schickliche und Angenehme, den aber ein begehrlicher, auf eigene Wege und Erlebnisse erpichter Verstand vor den Gefahren der Bequemlichkeit des Philistertums bewahrte. Zum Unglück hatte er die Eltern früh verloren und von seinen mehrmals wechselnden Erziehern hatte nur ein einziger Einfluß auf ihn bekommen, ein edler doch fanatischer Mensch und frommer Freigeist, welcher dem Jüngling früh die Gewohnheit eines Denkens beibrachte, das bei scheinbarer Gerechtigkeit doch eben nicht ohne Hochmut den Dingen seine Form aufzwang.

Nun wäre es für den jungen Menschen Zeit gewesen, unbefangen seine Kräfte im Spiel der Welt zu versuchen und im Anschluß an irgendeinen Kreis tätigen Lebens sich unter die Menschen zu begeben, um ohne Hast sich nach dem ihm zukömmlichen und erreichbaren Lebensglück umzusehen, auf das er als ein gescheiter und gutartiger, dabei hübscher und wohlhabender Mann gewiß nicht lange hätte zu warten brauchen.

Von diesem natürlichen und einfachen Wege hielten jedoch zwei Umstände ihn ab, beide mehr in seinem Erziehungsgang als seiner Natur begründet, beide unschuldig und edel von Ansehen. Zunächst war da, von jenem wohlmeinenden Erzieher geweckt und befestigt, in dem Jüngling eine Neigung nach dem Abstrakten, die ihn zwang, allen Dingen auf den Grund zu gehen, auch wo kein solcher abzusehen war, und aus Zuständen, für die er nicht verantwortlich war, persönliche Gedanken- und Gewissensprobleme zu ziehen wie Schalen von der Zwiebel, wobei denn jeder natürliche Leichtsinn und jede schöne Unschuld des Denkens erkrankt und verkümmert war.

Daraus hatte sich auch der zweite Übelstand ergeben: Berthold Reichardt hatte keinen bestimmten Beruf gewählt. Gewissenhaft und eifrig hatte er seine Neigungen und Gaben immer wieder geprüft und war dabei geblieben, sich erst recht gründlich im Allgemeinen zu bilden und zu festigen, ehe er den folgenschweren Schritt in eine begrenzte und verantwortliche Tätigkeit wage. Seinen Neigungen gemäß hatte er bei guten Lehrern, auf Reisen und aus Büchern Philosophie und Geschichte studiert mit einer Tendenz nach den ästhetischen Fächern. Sein ursprünglicher Wunsch, Baumeister zu werden, war dabei in den Studienjahren abwechselnd erkaltet und wieder aufgeflammt; schließlich war er, um doch ein festes Ergebnis zu erreichen, bei der Kunstgeschichte stehen geblieben und hatte vorläufig seine Lehrjahre durch eine Doktorarbeit über die Ornamentik in der Architektur der süddeutschen Renaissance abgeschlossen. Als junger Doktor traf er nun in München ein, wo er im Zusammenströmen so vieler junger Talente, Kräfte und Bedürfnisse am ehesten die Menschen und die Tätigkeit zu finden hoffte, zu denen seine Natur auf noch verdunkelten Wegen doch immer stärker hinstrebte. Er dürstete danach, Verkehr mit dem Leben und Einfluß auf Menschen zu üben, am Entstehen neuer Zeiten und Werke mitzuraten und mitzubauen und im Werden und Emporkommen seiner Generation mitzuwachsen.

Des Vorteiles, den jeder Friseurgehilfe hat: durch Beruf und Stellung von allem Anfang an ein festes, klares Verhältnis zum Leben und eine berechtigte Stelle im Gefüge der menschlichen Tätigkeiten zu haben, dieses Vorteils also mußte Berthold bei seinem Eintritt in die Welt und ins männliche Alter entraten. Sein Doktorname bezeichnete keine Arbeit und Stellung, kein Amt und keine Richtung, er war nur ein Titel und Schmuck, am Sonntag zu tragen. Freilich empfand Berthold selbst diesen Mangel an äußerer Bestimmung lediglich als goldene Freiheit, welche er hochzuhalten und durchaus nur um den allerhöchsten Preis, um die Krone des Lebens selber, daranzugeben gewillt war.

In München, wo er schon früher ein Jahr als Student gelebt hatte, war der junge Herr Doktor Reichardt in mehreren Häusern eingeführt, hatte es aber mit den Begrüßungen und den Besuchen nicht eilig, da er seinen Umgang in aller Freiheit suchen und unabhängig von früheren Verpflichtungen sein Leben einrichten wollte. Vor allem war er auf die Künstlerwelt begierig, welche zurzeit eben wieder voll neuer Ideen gärte und beinahe täglich Zustände, Gesetze und Sitten entdeckte, welchen der Krieg zu erklären war.

Da Verwandtes dem Verwandten zustrebt, geriet Reichardt, ohne sich darum Mühe gegeben zu haben, bald in näheren Umgang mit einem kleinen Kreise moderner junger Künstler dieser Art. Man traf sich bei Tische und im Kaffeehaus, bei öffentlichen Vorträgen und bald auch freundschaftlich in den Wohnungen und Ateliers, meistens in dem des Malers Hans Konegen, der eine Art geistiger Führerschaft in dieser Künstlergruppe ausübte.

Das Wohlwollen dieser meist noch sehr jungen Leute hatte sich Berthold vor allem durch die Bescheidenheit erworben, mit welcher er ihren oft verblüffend kühnen Reden zuhörte und auch die gegen seine Person und seinen Stand gerichtete freimütige Kritik hinnahm. Als Hans Konegen ihn einstmals nach seinem Beruf gefragt und Reichardt sich als eine Art von Privatgelehrten vorstellte, der sich durch kunstgeschichtliche Studien den Doktorgrad erworben habe, da hatte ihm der Maler geradezu ins Gesicht gelacht und gesagt: »Ach, Sie sind Kunsthistoriker!« und hatte dieses Wort mit einer so erstaunten Verächtlichkeit betont, als wäre es mit Idiot oder Raubmörder gleichbedeutend. Reichardt aber hatte nur verwundert mitgelacht und ohne Empfindlichkeit zugegeben, daß allerdings das gelehrte Kunststudium viel Äußerliches an sich habe, wie es denn auch für ihn nur eine methodische Bildung bedeute, welche er nun womöglich in einer mehr auf das Leben selbst gerichteten Tätigkeit anzuwenden hoffe.

Im weiteren Umgang mit den jungen Künstlern fand er nun noch manchen Anlaß zur Verwunderung, ohne darüber den guten Willen zum Lernen zu verlieren. Es fiel ihm vor allem auf, daß die paar berühmten Maler und Bildhauer, deren Namen er stets in enger Verbindung mit den jungen künstlerischen Revolutionen nennen gehört oder gelesen hatte, offenbar diesem reformierenden Denken und Treiben der Jungen weit ferner standen, als er gedacht hätte, daß sie vielmehr in einer gewissen Einsamkeit und Unsichtbarkeit nur ihrer persönlichen Arbeit zu leben schienen. Ja, diese Weitberühmten wurden, worüber er anfänglich geradezu erschrak, von den jungen Kollegen keineswegs als Vorbilder bewundert, sondern mit Schärfe, ja mit Lieblosigkeit kritisiert und zum Teil sogar beinahe verachtet. Es schien, als begehe jeder Künstler, der unbekümmert seine Werke schuf, damit einen Verrat an der Sache der revolutionierenden Jugend, ja, als sei trotz Goethe es eines rechten Künstlers Art und Pflicht nicht so sehr zu malen und zu bilden als zu denken und zu reden.

Leider entsprach dieser Verirrung ein gewisser jugendlich-pedantischer, ideologischer Zug in Reichardts Wesen selbst, so daß er trotz gelegentlichen Bedenken dieser ganzen Art sehr bald zustimmte. Es fiel ihm nicht auf, wie wenig und mit wie geringer Leidenschaft in den Ateliers seiner Freunde gearbeitet wurde. Da er selbst ohne Beruf und ohne Nötigung zu positiver Arbeit war, gefiel es ihm wohl, daß auch seine Malerfreunde fast immer Zeit und Lust zum reden und theoretisieren hatten. Namentlich schloß er sich an Hans Konegen an, dessen kaltblütige Kritiklust ihm ebensosehr imponierte wie sein unverhohlenes Selbstbewußtsein. Mit ihm durchstreifte er häufig die vielen Kunstausstellungen und hatte die Überzeugung, dabei erstaunlich viel zu lernen, denn es gab kaum ein Kunstwerk, an dem Konegen nicht klar und schön darzulegen wußte, wo seine Fehler lagen. Anfangs hatte es Berthold oft weh getan, wenn der andere über ein Bild, das ihm gefiel und in das er sich eben mit Freude hineingesehen hatte, gröblich und schonungslos hergefallen war; mit der Zeit gefiel ihm jedoch dieser Ton und färbte sogar auf seinen eigenen ab.

Da hing eine zarte grüne Landschaft, ein Flußtal mit bewaldeten Hügeln, von Frühsommerwolken überflogen, treu und zart gemalt, das Werk eines noch jungen, doch schon rühmlich bekannten bayerischen Malers. »Das schätzen und kaufen nun die Leute,« sagte Hans Konegen dazu, »und es ist ja ganz nett, die Wolkenspiegel im Wasser sind sogar direkt gut. Aber wo ist da Größe, Wucht, Linie, kurz – Rhythmus? Eine nette kleine Arbeit, sauber und lieb, gewiß, aber das soll nun ein Berühmter sein! Ich bitte Sie: wir sind ein Volk, das den größten Krieg der modernen Geschichte gewonnen hat, das Handel und Industrie im größten Maßstab treibt, das reich geworden ist und Machtbewußtsein hat, das eben noch zu den Füßen Bismarcks und Nietzsches saß – und das soll nun unsere Kunst sein!«

Ob ein hübsches waldiges Flußtal geeignet sei, mit monumentaler Wucht gemalt zu werden, oder ob das Gefühl für einfache Schönheiten der ländlichen Natur unseres Volkes unwürdig sei, davon sprach er nicht, und tat man einen derartigen Einwurf, so hieß es unverweilt: »Nun ja, wir können ja auch über das Ding an sich oder über den Kaukasus reden, warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalität? Ist hier Größe? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt?« und so weiter.

Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Führung, sich still und bescheiden in irgendein schönes Werk zu vertiefen, und wenn er schließlich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: »Was sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle kalt!« so hatte er damit mehr Recht als er selber wußte, denn wirklich mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien.

Doktor Reichardt wußte nicht, daß seine Bekannten keineswegs die Blüte der heutigen Künstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden, ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie das entschieden. Er wußte nicht, daß sie höchstens einen mäßigen Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform bedeuteten, und wußte nicht, daß neben dieser lärmenden und überklugen Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er wußte auch nicht, wie wenig gründlich und gewissenhaft die Urteile Konegens waren, der von schlichten Landschaften den großen Stil, von Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblättern Bildwirkung und von Staffeleibildern größere Naturnähe verlangte, so daß freilich seine Ansprüche stets weit größer blieben als die Kunst aller Könner. Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mächtig seien, daß sie ihm das Recht zu solchen Ansprüchen und Urteilen gäben. Wie es Art und schönes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in lebhafter Unterredung gegenüberstand, genoß er das Gefühl, als Freund neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glücklichen Repräsentanten der zeitgenössischen Jugend.

Es übten übrigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit. Während sie nämlich über Hodler wie über Botticelli zu reden und alle Forderungen der höchsten Kunst genau zu formulieren wußten, galt ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen Gegenständen und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber wie das Können des größten Malers klein wurde und elend dahinschmolz, wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen über ihn maß, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschäftigkeiten ins Gewaltige, wenn man sie darüber sprechen hörte. Der eine hatte eine ganz hübsche Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wußte nachzuweisen, daß diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das Gepräge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja des Weltgefüges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stück graues Papier, das zu Büchereinbänden dienen sollte, mit einigen regellos verteilten gelblichen Flecken und konnte darüber ebenfalls eine Stunde lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas Kosmisches zeige und ein Gefühl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu wecken vermöge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas melancholisch Schweres, aber doch dämonisch Kräftiges habe.

Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Künstler mochte es auch ernstlich darauf anlegen, mangelnden natürlichen Geschmack durch solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber in seiner langsamen Gründlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Müßiggängerkunst eines intellektualistischen Beschäftigtseins, das der Todfeind jeder wertvollen Arbeit ist.