Sechstes Kapitel
Als Ladidel von dem Besuch bei seinem Vater wiederkehrte, war er zwar etwas stiller geworden, hatte aber seine Absicht erreicht und trat für ein halbes Jahr als Volontär bei Kleubers Meister ein. Fürs erste sah er damit seine Lage bedeutend verschlechtert, da er nichts mehr verdiente und das Monatsgeld von Hause sehr sparsam gemessen war. Er mußte seine hübsche Stube aufgeben und eine geringe Kammer nehmen, auch sonst trennte er sich von manchen Gewohnheiten, die seiner neuen Stellung nicht mehr angemessen schienen. Nur die Gitarre blieb bei ihm und half ihm über vieles weg, auch konnte er seiner Neigung zu sorgfältiger Pflege seines Haupthaares und Schnurrbartes, seiner Hände und Fingernägel jetzt ohne Beschränkung frönen. Er schuf sich nach kurzem Studium eine Frisur, die jedermann bewunderte, und ließ seiner Haut mit Bürsten, Pinseln, Salben, Seifen, Wassern und Pudern das Beste zukommen. Was ihn jedoch mehr als dies alles beglückte und mit dem Wechsel seines Standes versöhnte, war die Befriedigung, die er im neuen Berufe fand, und die innerliche Gewißheit, nunmehr ein Metier zu betreiben, das seinen Talenten entsprach und in dem er Aussicht hatte, Bedeutendes zu leisten.
Anfänglich ließ man ihn freilich nur untergeordnete Arbeiten tun. Er mußte Knaben die Haare schneiden, Arbeiter rasieren und Kämme und Bürsten reinigen, doch erwarb er durch seine Fertigkeit im Flechten künstlicher Zöpfe bald seines Meisters Vertrauen und erlebte nach kurzem Warten den Ehrentag, da er einen wohlgekleideten, nobel aussehenden Herrn bedienen durfte. Dieser war zufrieden und gab sogar ein Trinkgeld, und nun ging es Stufe für Stufe vorwärts. Ein einzigesmal schnitt er einen Kunden in die Wange und mußte Tadel über sich ergehen lassen, im übrigen erlebte er beinahe nur Anerkennung und Erfolge. Besonders war es Fritz Kleuber, der ihn bewunderte und nun erst recht für einen Auserwählten ansah. Denn wenn er selbst auch ein tüchtiger Arbeiter und seiner Fertigkeit sicher war, so fehlte ihm doch sowohl die leichte Erfindungskraft, die für jeden Kopf sofort die entsprechende Frisur zu schaffen weiß, wie auch das leichte, unterhaltende, angenehme Wesen im Umgang mit nobler Kundschaft. Hierin war Ladidel bedeutend, und nach einem Vierteljahr begehrten schon die verwöhnteren Stammgäste immer von ihm bedient zu werden. Er verstand es auch vortrefflich, nebenher seine Herren zum häufigeren Ankauf neuer Pomaden, Bartwichsen und Seifen, teurer Bürstchen und Kämme zu überreden; und in der Tat mußte in diesen Dingen jedermann seinen Rat willig und dankbar hinnehmen, denn er selbst sah beneidenswert tadellos und wohlbestellt aus.
Da die Arbeit ihn so in Anspruch nahm und befriedigte, trug er jede Entbehrung leichter, und so hielt er auch die lange Trennung von Martha Weber geduldig aus. Ein Schamgefühl hatte ihn gehindert, sich ihr in seiner neuen Gestalt zu zeigen, ja er hatte Fritz inständig gebeten, seinen neuen Stand vor den Damen zu verheimlichen. Dies war allerdings nur eine kurze Zeit möglich gewesen. Meta, der die Neigung ihrer Schwester zu dem hübschen Notar nicht unbekannt geblieben war, hatte sich hinter Fritz gesteckt und bald ohne Mühe alles herausbekommen. So konnte sie der Schwester nach und nach ihre Neuigkeiten enthüllen und Martha erfuhr nicht nur den Berufswechsel ihres Geliebten, den er jedoch aus Gesundheitsrücksichten vorgenommen habe, sondern auch seine unveränderte treue Verliebtheit. Sie erfuhr ferner, daß er sich seines neuen Standes vor ihr schämen zu müssen meine und jedenfalls nicht eher sich wieder zeigen möge, als bis er es zu etwas gebracht und begründete Aussichten für die Zukunft habe.
Eines Abends war in dem Mädchenstübchen wieder vom »Notar« die Rede. Meta hatte ihn über den Schellenkönig gelobt, Martha aber sich wie immer spröde verhalten und es vermieden, Farbe zu bekennen.
»Paß auf,« sagte Meta, »der macht so schnell voran, daß er am Ende noch vor meinem Fritz ans Heiraten kommt.«
»Meinetwegen, ich gönns ihm ja.«
»Und dir aber auch, nicht? Oder tust du's unter einem Notar durchaus nicht?«
»Laß mich aus dem Spiel! Der Ladidel wird schon wissen, wo er sich eine zu suchen hat.«
»Das wird er, hoff ich. Bloß hat man ihn zu spröd empfangen, und jetzt ist er scheu und findet den Weg nimmer recht. Dem wenn man einen Wink gäbe, er käm auf allen Vieren gelaufen.«
»Kann schon sein.«
»Wohl. Soll ich winken?«
»Willst denn du ihn haben? Du hast doch deinen Bartscherer, mein ich.«
Meta schwieg nun und lachte in sich hinein. Sie sah wohl, wie ihrer Schwester ihre vorige Schärfe leid tat und sie gar zu gern ihren Alfred auf gute Art wieder zu Handen gekriegt hätte. Sie sann auf Wege, den Scheugewordenen wieder herzulocken, und hörte Marthas verheimlichten Seufzern mit einer kleinen Schadenfreude zu.
Mittlerweile meldete sich von Schaffhausen her Fritzens alter Meister wieder und ließ wissen, er wünsche nun bald sich einen Feierabend zu gönnen. Da frage er an, wie es mit Kleubers Absichten stehe. Zugleich nannte er die Summe, um welche sein Geschäft ihm feil sei, und wieviel davon er angezahlt haben müsse. Diese Bedingungen waren nun billig und wohlmeinend, jedoch reichten Kleubers Mittel dazu nicht hin, so daß er in Sorgen umherging, und diese gute Gelegenheit zum Selbständigwerden und Heiratenkönnen zu versäumen fürchtete. Und endlich überwand er sich und schrieb ab, und erst dann erzählte er die ganze Sache Ladideln.
Der schalt ihn, daß er ihn das nicht habe früher wissen lassen, und machte sogleich den Vorschlag, er wolle die Angelegenheit vor seinen Vater bringen. Wenn der zu gewinnen sei, könnten sie ja das Geschäft gemeinsam übernehmen.
Der alte Ladidel war überrascht, als die beiden jungen Leute mit ihrem Anliegen zu ihm kamen, und wollte nicht sogleich daran, obwohl die Summe seinen Beutel nicht erschöpft hätte. Doch hatte er zu Fritz Kleuber, der sich seines Sohnes in einer entscheidenden Stunde so wohl angenommen hatte, ein gutes Vertrauen, auch hatte Alfred von seinem jetzigen Meister ein überaus lobendes Zeugnis mitgebracht. Ihm schien, sein Sohn sei jetzt auf gutem Wege, und er zögerte, ihm nun einen Stein darein zu werfen. Nach einigen Tagen des Hin- und Widerredens entschloß er sich und fuhr selber nach Schaffhausen, um sich alles anzusehen.
Der Kauf kam zustande, und die beiden Kompagnone wurden von allen Kollegen beglückwünscht. Kleuber beschloß im Frühjahr Hochzeit zu halten und bat sich Ladidel als ersten Brautführer aus. Da war ein Besuch im Hause Weber nicht mehr zu umgehen. Ladidel kam in Fritzens Gesellschaft sehr rot und schämig daher, und konnte vor Herzklopfen kaum die vielen Treppen hinaufkommen. Oben empfing ihn der gewohnte Duft und das gewohnte Halbdunkel, Meta begrüßte ihn lachend, und die alte Mutter schaute ihn ängstlich und bekümmert an. Hinten in der hellen Stube aber stand Martha ernsthaft und etwas blaß in einem dunkeln Kleide, gab ihm auch die Hand und war diesmal kaum minder verwirrt als er selber. Man tauschte Höflichkeiten, fragte nach der Gesundheit, trank aus kleinen altmodischen Kelchgläsern einen hellroten süßen Stachelbeerwein und besprach dabei die Hochzeit und alles dazu gehörige. Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Fräulein Marthas Kavalier sein zu dürfen, und wurde eingeladen, sich nun auch wieder fleißig im Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander nur höfliche und unbedeutende Worte, sahen einander aber heimlich an, und jedes fand das andre auf eine nicht auszudrückende, doch reizende Art verändert. Ohne es einander zu sagen, wußten und spürten sie jedes, daß auch das andre in dieser Zeit gelitten habe, und beschlossen heimlich, einander nicht wieder ohne Grund weh zu tun. Zugleich merkten sie auch beide mit Verwunderung, daß die lange Trennung und das Trotzen sie einander nicht entfremdet, sondern näher gebracht habe, und es wollte ihnen scheinen, nun seien wenig Worte mehr notwendig und die Hauptsache zwischen ihnen in Ordnung.
So war es denn auch, und dazu trug nicht wenig bei, daß Meta und Fritz die beiden nach schweigendem Übereinkommen wie ein versprochenes Paar ansahen. Wenn Ladidel ins Haus kam, was jetzt häufiger als je geschah, so schien es allen selbstverständlich, daß er Marthas wegen komme und vor allem mit ihr zusammen sein wolle. Ladidel half treulich bei den Vorbereitungen zur Hochzeit mit und tat es so eifrig und mit dem Herzen, als gälte es seine eigene Heirat. Verschwiegen aber und mit unendlicher Kunst erdachte er sich für Martha eine herrliche neue Frisur.
Einige Tage vor der Hochzeit nun, da es im Hause drüber und drunter ging, erschien er eines Tages feierlich, wartete einen Augenblick ab, da er mit Martha still allein war, und eröffnete ihr, es liege ihm eine gewagte Bitte an sie auf dem Herzen. Sie ward rot und glaubte alles zu ahnen, und wenn sie den Tag auch nicht gut gewählt fand, wollte sie doch nichts versäumen und gab bescheiden Antwort, er möge nur reden. Ermutigt brachte er dann seine Bitte vor, die auf nichts andres zielte als auf die Erlaubnis, dem Fräulein für den Festtag mit einer neuen von ihm ausgedachten Frisur aufwarten zu dürfen.
Verwundert willigte Martha ein, daß eine Probe gemacht werde. Meta mußte helfen, und nun erlebte Ladidel den Augenblick, daß sein alter Wunsch in Erfüllung ging, und er Marthas lange blonde Haare in den Händen hielt. Zu Anfang wollte diese zwar haben, daß Meta allein sie frisiere und er nur mit Rat beistehe. Doch ließ dieses sich nicht durchführen, sondern bald mußte er mit eigener Hand zugreifen und verließ nun den Posten nicht mehr. Als das Haargebäude seiner Vollendung nahe war, ließ Meta die beiden allein, angeblich nur für einen Augenblick, doch blieb sie lange aus. Inzwischen war Ladidel mit seiner Kunst fertig geworden. Martha sah sich im Spiegel königlich verschönt, und er stand hinter ihr, da und dort noch bessernd. Da übermochte ihn die Ergriffenheit, daß er dem schönen Mädchen mit leiser Hand liebkosend über die Schläfe strich. Und da sie sich beklommen umwandte und ihn still mit nassen Augen ansah, geschah es von selbst, daß er sich über sie beugte und sie küßte und, von ihr in Tränen festgehalten, vor ihr kniete und als ihr Liebhaber und Bräutigam wieder aufstand.
»Wir müssen es der Mama sagen,« war alsdann ihr erstes schmeichelndes Wort, und er stimmte zu, obwohl ihm vor der betrübten alten Witwe ein wenig bange war. Als er jedoch vor ihr stand und Martha an der Hand führte und um ihre Hand anhielt, schüttelte die alte Frau nur ein wenig den Kopf, sah sie beide ratlos und bekümmert an und hatte nichts dafür und nichts dawider zu sagen. Doch rief sie Meta herbei, und nun umarmten sich die Schwestern, lachten und weinten, bis Meta plötzlich stehen blieb, die Schwester mit beiden Armen von sich schob, sie dann festhielt und begierig ihre Frisur bewunderte.
»Wahrhaftig,« sagte sie zu Ladidel, und gab ihm die Hand, »das ist Ihr Meisterstück. Aber gelt, wir sagen jetzt Du zu einander?«
Am vorbestimmten Tage fand mit Glanz die Hochzeit und zugleich die Verlobungsfeier statt. Darauf reiste Ladidel in Eile nach Schaffhausen, während die Kleubers in derselben Richtung ihre Hochzeitsreise antraten. Der alte Meister übergab Ladidel das Geschäft, und der fing sofort an, als hätte er nie etwas anderes getrieben. In den Tagen bis zu Kleubers Ankunft half der Alte mit, und es war nötig, denn die Ladentüre ging fleißig. Ladidel sah bald, daß hier sein Weizen blühe, und als Kleuber mit seiner Frau auf dem Dampfschiff von Konstanz her ankam, und er ihn abholte, packte er schon auf dem Heimwege seine Vorschläge zur künftigen Vergrößerung des Geschäftes aus.
Am nächsten Sonntag spazierten die Freunde samt der jungen Frau zum Rheinfall hinaus, der um diese Jahreszeit reichlich Wasser führte. Hier saßen sie zufrieden unter jungbelaubten Bäumen, sahen das weiße Wasser strömen und zerstäuben und redeten von der vergangenen Zeit. »Ja,« sagte Ladidel nachdenklich und schaute auf den tobenden Strom hinab, »nächste Woche wäre mein Examen gewesen.«
»Tut dirs nicht leid?« fragte Meta. Ladidel gab keine Antwort. Er schüttelte nur den Kopf und lachte. Dann zog er aus der Brusttasche ein kleines Paket, machte es auf und brachte ein halb Dutzend feine kleine Kuchen hervor, von denen er den andern anbot und sich selber nahm.
»Du fängst gut an,« lachte Fritz Kleuber. »Meinst du, das Geschäft trage schon soviel?«
»Es trägts,« nickte Ladidel im Kauen. »Es trägts und muß noch mehr tragen.«
[Die Heimkehr]
Die Gerbersauer wandern im ganzen nicht ungerne und es ist Herkommen, daß ein junger Mensch ein Stück Welt und fremde Sitte sieht, ehe er sich selbständig macht, heiratet und sich für immer in den Bann der heimischen Gewohnheiten und Regeln begibt. Doch pflegen die meisten schon nach kurzen Wanderzeiten die Vorzüge der Heimat einzusehen und wiederzukehren, und es ist eine Rarität, daß einer bis in die höheren Mannesjahre oder gar für immer in der Fremde hängen bleibt. Immerhin kommt es je und je einmal vor und macht den, der es tut, zu einer widerwillig anerkannten, doch vielbesprochenen Berühmtheit in der Heimatstadt.
Ein solcher war August Schlotterbeck, der einzige Sohn des Weißgerbers Schlotterbeck an der Badwiese. Er ging wie andere junge Leute auf Wanderschaft, und zwar als Kaufmann, denn er war als Knabe schwächlich gewesen und für die Gerberei untauglich befunden worden. Später freilich zeigte sich, wie es häufig mit solchen Kindern geht, daß die Zartheit und Schwäche nur eine Laune der Wachsjahre gewesen und dieser August ein recht kräftiger und zäher Bursche war. Jedoch hatte er nun schon den Handelsberuf ergriffen und schaute im Schreibstubenrock mit Ärmelschonern auf die Handwerker zwar duldsam, doch mit einigem Mitleid herab, seinen Vater nicht ausgenommen. Und sei es nun, daß der alte Schlotterbeck dadurch an Vaterzärtlichkeit verlor, sei es, daß er in Ermangelung weiterer Söhne doch einmal darauf verzichten mußte, die alte Schlotterbecksche Gerberei der Familie zu erhalten – kurz, er begann gegen seine alten Tage das Geschäft sichtlich zu vernachlässigen und es sich wohl sein zu lassen, als wäre keine Nachkommenschaft da, und endete damit, daß er nach sorglos verlebtem Alter entschlief und seinem einzigen Sohne das Geschäft so verschuldet hinterließ, daß August froh sein mußte, es um ein Geringes an einen jungen, eben Meister gewordenen Gerber loszuwerden.
Vielleicht war dies die Ursache, daß August länger als nötig in der Fremde verblieb, wo es ihm übrigens gut erging, und schließlich überhaupt nimmer an die Heimkehr dachte. Als er etwas über dreißig Jahre alt war und weder zur Begründung eines eigenen Geschäftes noch zu einer Heirat Veranlassung gefunden hatte, erfaßte ihn spät ein Reisedurst. Er hatte die letzten Jahre bei gutem Gehalt in einer Fabrikstadt der Ostschweiz gearbeitet, nun gab er diese Stellung auf und begab sich nach England, um mehr zu lernen und nicht einzurosten. Obwohl ihm England und die Stadt Glasgow, in der er Arbeit genommen hatte, nicht sonderlich gefiel, geschah es doch, daß er dort sich an ein Weltbürgertum und eine unbeschränkte Freizügigkeit gewöhnte und das Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat verlor oder auf die ganze Welt ausdehnte. Und da ihn nichts hielt, kam ihm ein Angebot aus Chicago, als Direktor eine große Fabrik zu leiten, ganz gelegen, und er war bald in Amerika so heimisch oder so wenig heimisch geworden wie an den früheren Orten. Längst sah ihm niemand mehr den Gerbersauer an, und wenn er einmal Landsleute traf, was alle paar Jahre vorkam, begrüßte und behandelte er sie nett und höflich wie andere Leute auch, wodurch ihm in der Heimat der Ruf erwuchs, er sei zwar reich und gewaltig, aber auch gar hochmütig und amerikanisch geworden.
Als er nach Jahren in Chicago genug gelernt und genug erspart zu haben meinte, folgte er seinem einzigen Freunde, einem Deutschen aus Südrußland, in dessen Heimat und tat dort in Bälde eine kleine Fabrik auf, die ihn ernährte und einen guten Ruf genoß. Er heiratete die Tochter seines Freundes und dachte nun für den Rest seines Lebens unter Dach zu sein. Aber das Weitere ging nicht nach seinem Sinn. Zunächst verdroß und bekümmerte es ihn, daß er ohne Kinder blieb, worüber seine Ehe an Frieden und Genüge viel verlor. Dann starb die Frau, was ihm trotz allem weh tat und den rüstigen, fast noch jünglinghaften Mann etwas älter und nachdenklicher machte. Nach einigen weiteren Jahren begannen die Geschäfte sich zu verschlechtern und infolge von politischen Unruhen am Ende bedenklich zu stocken. Als aber wiederum ein Jahr später auch noch sein Freund und Schwiegervater starb und ihn ganz allein ließ, war es um die wohlerworbene Ruhe und Seßhaftigkeit des Mannes geschehen. Er merkte, daß doch nicht ein jeder Fleck Erde gleich dem andern ist, wenigstens nicht für einen, dessen Jugend und Glückszeit sich gegen das Ende neigt. Es geschah, daß er die gesicherten politischen Zustände der Heimat in Gedanken mit dem dortigen Skandal verglich, daß er mit Unbehagen an das Altwerden und den Feierabend zu denken kam, daß ihm ohne Anlaß heimische Namen und Worte, Geschichten und sogar Liederverse einfielen. Aus diesen Zeichen schloß August Schlotterbeck, daß er trotz seiner guten Gesundheit und obwohl er kaum mehr als fünfzig Jahre hatte, kein junger Mensch mehr sei, und mit dem Bewußtsein der unerschütterten Jugendlichkeit ging ihm auch das des Weltbürgertums und der unbedingten Freiheit verloren. Er dachte mehr und mehr daran, wie er sich noch eines zufriedenen Alters versichern möchte, und da die Geschäfte wenig Lockung mehr für ihn hatten, andrerseits der Wandertrieb und die Schwungkraft der früheren Jahre sich verloren hatte, kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und begehrlicher um das Heimatland und um das Städtlein Gerbersau, dessen er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rührung gedacht hatte.
Daheim war unterdessen der Auswanderer in einige Vergessenheit gesunken, nachdem vor manchen Jahren sein letztes Lebenszeichen ihm den Ruf großen Edelmutes und Reichtums eingetragen hatte. Es war damals ein Vetter von ihm gestorben und August hatte Anspruch auf einen mäßigen großmütterlichen Erbesanteil, dessen Genuß jetzt an ihn fiel. Die Sache war ihm mitgeteilt und er zu einer Äußerung aufgefordert worden, da hatte er zu Gunsten der Waisen des Verstorbenen Verzicht geleistet. Seither aber hatte er weder den Dankbrief des Vormundes beantwortet noch sonst das Geringste von sich hören lassen. Man wußte zwar oder nahm an, er sei noch am Leben, fand sonst aber keinen Stoff zum Bereden an dem Entfernten, den die jetzige junge Generation nicht mehr kannte, und so erlosch, wenigstens außerhalb der engsten Verwandtschaft, sein Andenken mehr und mehr. Er ward vergessen im selben Maße als er selber neuerdings sich in Gedanken wieder der fernen Heimat näherte, und von seinen Jugendgenossen erwartete keiner ihn wiederzusehen.
Inzwischen wurden Schlotterbecks Gedanken und Bedenklichkeiten ihm lästig und eines Tages faßte er mit der Schnelligkeit und Ruhe seiner früheren Zeiten den Beschluß, die kaum noch rentierende Fabrik aufzugeben und das ihm stets fremd gebliebene Land zu verlassen. Mit entschlossenem Eifer, doch ohne Übereilung betrieb er den Verkauf seines Geschäftes, dann den des Hauses und endlich des gesamten Hausrats, brachte das ledig gewordene Vermögen vorläufig in süddeutschen Banken unter, brach sein Zelt ab und reiste über Venedig und Wien nach Deutschland.
Mit Behagen trank er an einer Grenzstation das erste bayrische Bier seit vielen Jahren, aber erst als die Namen der Städte heimatlicher zu tönen begannen und als die Mundart der Mitreisenden immer deutlicher und schneller nach Gerbersau hinwies, ergriff den Weltreisenden eine starke Unruhe, bis er, über sich selber verwundert, beinahe mit Herzklopfen die Stationen ausrufen hörte und in den Gesichtern der Einsteigenden lauter wohlbekannt und fast verwandtschaftlich anmutende Züge fand. Und endlich fuhr der Zug die letzte steile Strecke in langen Windungen talabwärts, und unten lag zuerst klein und von Windung zu Windung größer und näher und wirklicher das Städtlein am Fluß, zu Füßen der Tannenwaldberge. Dem Reisenden lag ein starker Druck auf dem Herzen, wie er alles noch stehen sah wie vor Zeiten, und unversehens fielen ihm lauter Begebenheiten aus der Bubenzeit und aus der Lehrlingszeit ein, die er eigentlich lang vergessen hatte. Das tatsächliche Nochvorhandensein dieser ganzen Welt, des Flusses und des Rathaustürmchens, der Gassen und Gärten bedrückte ihn mit einer Art von Tadel, daß er das alles so lang vernachlässigt und vergessen und aus dem Herzen verloren hatte.
Doch dauerte diese ungewöhnliche und eigentlich beängstigende Rührung nicht lange, und am Bahnhofe stieg Herr Schlotterbeck aus und ergriff seine hübsche gelblederne Reisetasche wie ein Mann, der in Geschäften unterwegs ist und sich freut, bei der Gelegenheit einen von früher her bekannten Ort einmal wieder zu sehen. Er fand an der Station die Knechte von drei Gasthöfen, was ihm einen Eindruck von Fortschritt und Entwickelung machte, und da der eine auf seiner Mütze den Namen des alten Gasthauses zum Schwanen trug, dessen sich Schlotterbeck aus der Vergangenheit her erinnerte, gab er diesem sein Gepäck und ging allein zu Fuß stadteinwärts.
Der gut und einfach, doch ein klein wenig ausländisch gekleidete Fremde zog bei seinem langsamen Dahinschreiten manche Blicke auf sich, ohne darauf zu achten. Er hatte die alte, beobachtungsfrohe Reiselaune wieder gefunden und betrachtete das alte Nest mit Aufmerksamkeit, ohne es mit Begrüßungen und Fragen und Auftritten des Wiedererkennens eilig zu haben. Zunächst wandelte er durch die etwas veränderte Bahnhofstraße dem Flusse zu, auf dessen grünem Spiegel wie sonst die Gänse schwammen und dem wie ehemals die Häuser ihre ungepflegten Rückseiten und winzigen Hintergärtchen zukehrten. Dann schritt er über den oberen Steg und durch unveränderte, arme enge Gassen der Gegend zu, wo einst die Schlotterbecksche Weißgerberei gewesen war. Da suchte er jedoch das hohe Giebelhaus und den großen Grasgarten mit den Lohgruben vergebens. Das Haus war verschwunden und der Garten und Gerberplatz überbaut. Etwas betreten und unwillig wandte er sich ab und weiter, um den Marktplatz zu besuchen, den er im alten Zustande fand, nur schien er kleiner geworden, und auch das stattliche Rathaus war weniger ansehnlich, als er es in der Erinnerung getragen hatte. Dafür war die Kirche erneuert und gediehen, und die Bäume davor nicht mehr die von damals, sondern junge, die aber auch schon wieder recht ehrwürdige Wipfel zur Schau trugen.
Der Heimgekehrte hatte nun fürs erste genug gesehen und fand ohne Mühe den Weg zum Schwanen, wo er ein gutes Essen verlangte und auf die erste Erkennungsszene gefaßt war. Doch fand er die frühere Wirtsfamilie nicht mehr und ward ganz wie ein willkommener, doch fremder Gast behandelt, was ihm auch lieb war. Jetzt bemerkte er auch erst, daß seine Redeweise und Aussprache, die er in allen den Jahren immer für gut schwäbisch und kaum verändert gehalten hatte, hier fremd und sonderbar klang und von der Kellnerin mit einiger Mühe verstanden wurde. Es fiel auch auf, daß er beim Essen den Salat zurückwies und neuen verlangte, den er sich selber anmachte, und daß er statt der süßen Mehlspeise, aus der in Gerbersau jedes Dessert besteht, Eingemachtes verlangte, von dem er dann einen ganzen Topf ausaß. Und als er nach Tische sich einen zweiten Stuhl heranzog und die Füße auf ihn legte, um ein wenig zu ruhen, waren Wirtsleute und Mitgäste darüber heftigst erstaunt. Ein Gast am Nebentisch, den diese fremde Sitte aufregte, stand auf und wischte seinen Stuhl mit dem Sacktuch ab, wobei er sagte: »Ich hab ganz vergessen abzuwischen. Wie leicht könnt einer seine dreckigen Stiefel drauf gehabt haben!« Man lachte leise, Schlotterbeck drehte aber nur den Kopf hinüber und schnell wieder zurück, dann legte er die Hände zusammen und pflegte der Verdauung.
Eine Stunde später machte er sich auf und streifte nochmals durch die ganze Stadt. Neugierig schaute er durch die Scheiben in manchen Laden und manche Werkstatt, um zu sehen, ob da oder dort etwa noch einer von den ganz Alten, die zu seiner Zeit schon die Alten gewesen waren, übrig wäre. Von diesen sah er jedoch fürs erste einzig einen Lehrer, bei dem er einstmals sein erstes Alphabet auf die Tafel gemalt hatte, auf der Straße vorübergehen. Der Mann mußte zumindest hoch in den siebenzig sein und ging alt geworden und wohl schon lange außer Amtes, doch noch deutlich am Schwung der Nase und sogar an den Bewegungen erkennbar, noch leidlich aufrecht und zufrieden einher. Schlotterbeck hatte Lust ihn anzusprechen, doch hielt ihn immer noch eine leise Angst vor dem Sturm der Begrüßungen und Händedrücke zurück. Er ging weiter, ohne jemand zu grüßen, von vielen betrachtet, doch von keinem erkannt, und brachte so diesen ganzen ersten Tag in der Heimat als ein Fremder und Unbekannter zu.
Wenn es nun auch an menschlicher Ansprache und Bewillkommnung mangelte, sprach doch die Stadt selber desto deutlicher und eindringlicher zu ihrem heimgekehrten Kinde. Wohl gab es überall Veränderungen und Neues, das Angesicht des Städtleins aber war nicht älter noch anders geworden und sah den Ankömmling vertraut und mütterlich an, so daß es ihm wohl und geborgen zu Mute ward und die Jahrzehnte der Fremde und Reisen und Abenteuer wunderlich zusammengingen und einschmolzen, als wären sie nur ein Abstecher und kleiner Umweg gewesen. Geschäfte gemacht und Geld verdient hatte er da und dort, er hatte auch in der Ferne ein Weib genommen und verloren, sich wohl gefühlt und Leid erfahren, allein zugehörig und daheim war er doch nur hier, und während er für einen Fremden galt und sogar als Ausländer betrachtet wurde, kam er sich selber ganz zu Hause und gleichartig mit diesen Leuten, Gassen und Häusern vor. Es ging bei diesen Betrachtungen nicht ohne eine kleine Wehmut ab; denn statt nun hier Haus und Arbeit, Familie und Nachkommen zu haben, hatte er seine guten Jahre in der Ferne verbraucht und weder eine neue Heimat erworben, noch sich in der alten befestigt und angewurzelt. Doch ließ er solche Gefühle nicht Meister werden, hörte ihnen nur mit halber Billigung zu und war im ganzen doch der Meinung, es sei nicht zu spät, daß er heimkomme, und er habe noch ein hinreichendes Stück Leben zugute, um noch einmal ein Gerbersauer zu werden und haltbare Wurzeln am alten Ort zu schlagen.
Die Neuerungen in der Stadt gefielen ihm nicht übel. Er fand, es sei auch hier Arbeit und Bedürfnis gewachsen, wenn auch mit Maß, und sowohl die Gasanstalt wie das neue Volksschulhaus fand seine Billigung. Die Bevölkerung schien ihm, der dafür in der Welt ein Auge bekommen hatte, recht wohlerhalten, ob auch nicht mehr so ungemischt einheimisch wie vor Zeiten, da die Enkel von Zugewanderten noch durchaus für Fremde gegolten hatten. Die ansehnlicheren Geschäfte schienen alle noch in den Händen von ortsbürtigen Leuten zu sein, der Zuwachs aus Eindringlingen war nur unter der Arbeiterschaft deutlich zu spüren. Es mußte also das bürgerliche Leben von einstmals noch wohlerhalten fortbestehen, und es war zu hoffen, daß ein Heimkommender auch nach langer Abwesenheit sich bald zurechtfinden und wieder heimisch machen könne.
Kurz, dem einsam und beschäftigungslos gewordenen Manne kam die Heimat, die er sich nicht in den Zeiten der Fremde durch Heimweh und Erinnerungslust unnütz verklärt hatte, nun lieblich vor und atmete einen friedvoll wohligen Zauber, dem der im Gefühlswesen Unverdorbene und Ungeübte nicht widerstand. Als er zeitig am Abend in das Gasthaus zurückkehrte, war er in guter Stimmung und bereute nicht, diese Reise getan zu haben. Er nahm sich vor, zunächst einige Zeit hier zu bleiben und abzuwarten, und wenn dann die Befriedigung anhielte, sich am Ort niederzulassen. Es ließe sich dann, dachte er, selbständig oder im Anschluß an eine der Gerbersauer Fabriken mit der Zeit eine neue, erfreuliche Tätigkeit beginnen. Denn er glaubte doch schon jetzt zu spüren, daß ein beschauliches Rentenverzehren und Spazierengehen nicht seine Sache sein werde.
Das Bewußtsein, in der alten heimischen Stadt zu sein und doch von keinem einzigen Menschen erkannt und begrüßt zu werden, tat ihm gar nicht weh, wenn es auch wunderlich war, so wie in einer Maske zwischen lauter Schulfreunden, Jugendgenossen und Verwandten einherzugehen. Er genoß es mit schlauer Freude und mit dem Hintergedanken, daß er jetzt immer noch ohne alles Aufheben wieder verschwinden könnte, wenn es ihm einfiele. Dazu wußte er genau, daß das Begrüßen und Anstaunen und Ausfragen gar reichlich auf ihn warte; denn er kannte die hiesige Art noch wohl genug, um sich das alles recht gut vorausdenken zu können. Er hatte es damit nicht eilig, da ja nach einer so langen Zeit auch von den ehemaligen Freunden mehr Neugierde und freundliche Überraschung als Freundschaft und Teilnahme zu erwarten war.
Das behaglich erwartungsvolle Inkognito des alten Weltfahrers nahm denn auch bald sein Ende. Nach dem Abendessen brachte der Schwanenwirt seinem Gaste das Logierbuch und ersuchte ihn höflich, die Rubriken unter Nummer soundso auszufüllen. Er tat es weniger, weil es unbedingt notwendig war, als weil er selber es satt hatte, sich über Herkunft und Rang des Fremdlings den Kopf zu zerbrechen. Und der Gast nahm das dicke Buch, las eine Weile die Namen vormaliger Gäste durch, nahm dann dem wartenden Wirte die eingetauchte Feder aus der Hand und schrieb mit kräftigen, deutlichen Buchstaben, alle Fächlein gewissenhaft ausfüllend. Der Wirt sagte Dank, streute Sand auf und entfernte sich mit dem Folianten wie mit einer Beute, um vor der Türe sofort seine Neugierde zu stillen. Er las: Schlotterbeck, August – aus Rußland – auf Geschäftsreisen. Und wenn er auch die Herkunft und Geschichte des Mannes nicht kannte, so schien der Name Schlotterbeck doch auf einen Gerbersauer hinzudeuten. In die Gaststube zurückkehrend, fing der Wirt mit dem Fremden ein vorsichtiges und respektvolles Gespräch an. Er begann mit dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen Stadt, kam auf Straßenverbesserungen und neue Eisenbahnanschlüsse zu sprechen, berührte die Stadtpolitik, äußerte sich über die letztjährige Dividende der Wollspinnerei-Aktiengesellschaft und schloß nach einem Viertelstündchen mit der harmlosen Frage, ob der Herr nicht Verwandte am Orte habe. Darauf antwortete Schlotterbeck gelassen, ja, er habe Verwandte hier und gedenke etwa noch bei ihnen vorzusprechen, fragte aber nach keinem und zeigte so wenig Neugier, daß das Gespräch bald versiegend dahinschwankte und in sich selbst versank, und der Wirt mit Höflichkeit sich zurückziehen mußte. Der Gast trank einen guten Wein mit Maß und Genuß, las unberührt von den Gesprächen des Nachbartisches eine Zeitung und suchte früh seine Schlafstube auf.
Inzwischen taten der Eintrag ins Fremdenbuch und die Unterhaltung mit dem Schwanenwirt in aller Stille ihre Wirkung, und während August Schlotterbeck ahnungslos und zufrieden in dem guten, auf heimische Art geschichteten Wirtsbette den ersten Schlaf und Traum im Vaterlande tat, machte sein Name und das Gerücht von seiner Ankunft manche Leute munter und gesprächig und einen sogar schlaflos. Dieser war Augusts leiblicher Vetter und nächster Verwandter, der Kaufmann Lukas Pfrommer an der Spitalgasse. Eigentlich war er Buchbinder und hatte früher als Handwerksbursche ein paar Jahre lang in deutschen Landen das Handwerk gegrüßt, alsdann in Gerbersau eine bescheidene Werkstätte eröffnet und lange Zeit den Schulkindern ihre ruinierten Fibeln wieder geflickt und der Frau Amtsrichter halbjährlich die Gartenlaube eingebunden, auch Schreibhefte hergestellt und Haussegen eingerahmt, vom Untergang bedrohte Holzschnitte durch Hinterkleben und Aufziehen der Welt erhalten und den Kanzleien graue und grüne Aktendeckel, Mappen und Kartonbände geliefert. Dabei hatte er unmerklich etwas erspart und hinter sich gebracht, jedenfalls keine Sorgen gehabt. Alsdann hatten die Zeiten sich verändert, die kleinen Handwerker hatten fast alle irgend ein Schaufenster und Ladengeschäft angefangen, die größeren waren Fabrikanten geworden. Da hatte auch Pfrommer die Vorderwand seines Häusleins durchschlagen und ein Schaufenster eingesetzt, sein Erspartes von der Bank genommen und einen Papier- und Galanteriewarenladen eröffnet, wo seine Frau den Verkauf betrieb und Haushalt und Kinder drüber zu kurz kommen ließ, indessen der Mann weiter in seiner Werkstatt schaffte. Doch war der Laden jetzt die Hauptsache, wenigstens vor den Leuten, und wenn er nicht mehr einbrachte, als das Handwerk, so kostete er doch mehr und machte mehr Sorgen. So war Pfrommer Kaufmann geworden. Mit der Zeit gewöhnte er sich an diese geachtete und stattlichere Stellung, zeigte sich in den Straßen nimmer in der grünen Schürze, sondern stets im guten Rock, lernte mit Kredit und Hypotheken arbeiten und konnte sich zwar in Ehren halten, hatte die Ehre aber weit teurer als früher. Die Vorräte an unverkäuflich gewordenen Neujahrskarten, Bildchen, Albumen, an abgelegenen Zigarren und im Schaufenster verbleichtem Trödelkram wuchsen langsam, doch sicher und kamen ihm nicht selten im Traume vor. Und seine Frau, eine geborene Pfisterer aus der oberen Vorstadt, die früher ein lustiges und erfreuliches Weibchen gewesen war, verwandelte sich durch das Empfehlen und Schöntun im Laden sowie später durch die Sorgen und Rechenkünste allmählich in eine unruhige Sorgerin, der das seßhaft gewordene süße Ladenlächeln gar nimmer in das altgewordene Gesicht paßte. Es war keine Not im Hause, und Herr Pfrommer galt in seiner Heimat für einen ansehnlichen Vertreter des guten Bürgerstandes, aber ihm selber war es in den bescheidenen Handwerkszeiten, in die er doch jetzt nimmer zurückgekehrt wäre, bedeutend wohler gewesen und besser gegangen als in der neuen Pracht.
Dieser Mann, Schlotterbecks Vetter, hatte gestern Abend gegen neun Uhr, als er mit der Zeitung bei der Lampe saß, zu seiner großen Überraschung einen Besuch des Schwanenwirtes erhalten. Er hatte ihn erstaunt empfangen, jener aber hatte nicht Platz nehmen wollen, sondern erklärt, er müsse sofort zu seinen Gästen zurück, unter denen er übrigens den Herrn Pfrommer in letzter Zeit leider nur selten habe sehen dürfen. Aber er sei der Meinung, unter Mitbürgern und Nachbarn sei ein kleiner Liebesdienst selbstverständlich und Ehrensache, darum wolle er ihm in allem Vertrauen mitteilen, daß bei ihm seit heute ein fremder Herr logiere, mit wohlhabenden Manieren, der sich Schlotterbeck schreibe und aus Rußland zu kommen vorgebe. Da war Lukas Pfrommer aufgesprungen und hatte wie bei einem Hausbrand der Frau gerufen, die schon im Bette war, nach Stiefeln, Stock und Sonntagshut gekeucht und sich sogar in aller Eile noch die Hände gewaschen, um dann im Laufschritt hinter dem Wirte her in den Schwanen zu eilen. Dort hatte er aber den russischen Vetter nicht mehr im Gastzimmer angetroffen, und ihn in der Schlafstube aufzusuchen wagte er doch nicht, denn er mußte sich sagen, wenn der Vetter extra seinetwegen die große Reise getan hätte, so hätte er ihn wohl schon bei sich gesehen. So trank er denn erregt und halb enttäuscht einen halben Liter Heilbronner zu sechzig, um dem Wirte eine Ehre anzutun, lauschte auf die Unterhaltung einiger Stammgäste und hütete sich, etwas von dem eigentlichen Zwecke seines Hierseins zu verraten.
Am Morgen war Schlotterbeck kaum in den Kleidern und zum Kaffee heruntergekommen, als ein älterer Mann von kleinem Wuchs, der offenbar schon eine gute Weile bei seinem Gläschen Kirschengeist gewartet hatte, sich seinem Tische in Befangenheit näherte und ihn mit einem recht schüchternen Kompliment begrüßte. Schlotterbeck sagte guten Morgen und fuhr fort, sein Butterbrot mit herrlichem Honig zu bestreichen; der Besucher aber blieb stehen, sah ein wenig zu und räusperte sich wie ein Redner, ohne doch etwas Deutsches herauszubringen. Erst als ihn der Fremde fragend anblickte, entschloß er sich, mit einem zweiten Kompliment an den Tisch heranzutreten und mit seinen Eröffnungen zu beginnen.
»Mein Name ist Lukas Pfrommer«, sagte er und schaute den Rußländer erwartungsvoll an.
»So«, sagte dieser, ohne sich aufzuregen. »Sind Sie Buchbinder, wenn ich fragen darf?«
»Ja, Kaufmann und Buchbinder, an der Spitalgasse. Sind Sie – –«
Schlotterbeck sah ein, daß er jetzt preisgegeben sei, und suchte nicht länger hinterm Berg zu halten.
»Dann bist du mein Vetter«, sagte er einfach. »Hast du schon gefrühstückt?«
»Also doch!« rief Pfrommer triumphierend. »Ich hätte dich kaum mehr gekannt.«
Er streckte mit plötzlicher Freudigkeit dem Vetter die Hand entgegen und konnte erst nach manchen Gebärden und Armbewegungen der Ergriffenheit am Tische Platz nehmen.
»Ja du lieber Gott,« rief er bewegt, »wer hätt' es gedacht, daß wir dich einmal wiedersehen würden. Aus Rußland! Ist es eine Geschäftsreise?«
»Ja, nimmst du eine Zigarre? Was hat dich eigentlich hergeführt?«
Ach, den Buchbinder hatte vieles hergeführt, wovon er jedoch vorerst schwieg. Er habe ein Gerücht gehört, der Vetter sei wieder im Land, und da habe er keine Ruhe mehr gehabt. Gott sei Dank, nun habe er ihn gesehen und begrüßt; es hätte ihm sein Leben lang leid getan, wenn ihm jemand zuvorgekommen wäre. Der Vetter sei doch wohl? Und was denn die liebe Familie mache?
»Danke. Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben.«
Entsetzt fuhr Pfrommer zurück. »Nein, ist's möglich?« rief er mit tiefem Schmerz. »Und wir haben gar nichts gewußt und haben nicht einmal kondolieren können! Meine herzliche Teilnahme, Vetter!«
»Laß nur, es ist ja schon lang her. Und wie geht's bei dir? Du bist Kaufmann geworden?«
»Ein bißchen. Man sucht sich eben über Wasser zu halten und womöglich was für die Kinder auf die Seite zu tun. Ich führe auch recht gute Zigarren. – Und du? Was macht die Fabrik?«
»Die hab' ich aufgegeben.«
»Im Ernst? Ja warum denn?«
»Die Geschäfte sind nimmer gegangen. Wir haben Hungersnot und Aufstände gehabt.«
»Ja, das Rußland! Ich hab' mich immer ein bißchen gewundert, daß du gerade in Rußland ein Geschäft angefangen hast. Schon dieser Despotismus, und dann die Nihilisten, und die Beamtenwirtschaft muß ja arg sein. Ich habe mich immer ein bißchen auf dem Laufenden gehalten, du begreifst, wenn ich doch einen Verwandten dort wußte. Der Pobjedonoszeff – –«
»Ja, der lebt auch noch. Aber verzeih', von Politik verstehst du sicher mehr als ich.«
»Ich? Ich bin gar kein Politiker. Man liest ja so ein bißchen im Blatt, aber – – Nun, und was machst du denn jetzt für Geschäfte? Hast du viel verloren?«
»Ja, tüchtig.«
»Das sagt er so ruhig! Mein Beileid, Vetter! Wir haben hier ja keine Ahnung gehabt.«
Schlotterbeck lächelte ein wenig.
»Ja,« sagte er nachdenklich, »ich dachte damals in der schlimmsten Zeit daran, mich vielleicht an euch hier zu wenden. Nun, es ist schließlich auch so gegangen. Es wäre auch dumm gewesen. Wer wird einem so entfernten Verwandten, den man kaum mehr kennt, noch Geld in die Pleite nachwerfen.«
»Ja du mein Gott, – Pleite, sagst du?«
»Nun ja, es hätte so kommen können. Wie gesagt, ich fand dann anderwärts Hilfe ...«
»Das war wirklich nicht recht von dir! Sieh, wir sind ja arme Teufel und brauchen unser bißchen nötig genug; aber daß wir dich gerade hätten stecken lassen, nein, es ist nicht recht von dir, daß du das hast meinen können.«
»Na, tröste dich, es ist ja besser so. Wie geht's denn deiner Frau?«
»Danke, gut. Ich Esel, fast hätte ich's in der Freude vergessen, ich soll dich ja zum Mittagessen einladen. Du kommst doch?«
»Gut. Danke schön. Ich hab' unterwegs eine Kleinigkeit für die Kinder eingekauft, das könntest du gerade mit nehmen und deine Frau einstweilen von mir grüßen.«
Damit wurde er ihn los. Der Buchbinder zog erfreut mit einem Paketchen nach Hause, und da der Inhalt sich als recht nobel erwies, nahm seine Meinung von des Vetters Geschäften wieder einen Aufschwung. Dieser war indessen froh, den gesprächigen Mann für eine Weile vom Hals zu haben, und begab sich aufs Rathaus, um seinen Paß vorzulegen und sich zu einem hiesigen Aufenthalt für unbestimmte Zeit anzumelden.
Es hätte dieser Anmeldung nicht bedurft, um Schlotterbecks Heimkehr in der Stadt bekannt zu machen. Dies geschah ohne sein Bemühen durch eine geheimnisvolle drahtlose Telegraphie, so daß er jetzt auf Schritt und Tritt angerufen, begrüßt oder zumindest angeschaut und durch Lüftung der Hüte bewillkommnet wurde. Man wußte schon gar viel von ihm, namentlich aber nahm sein Barvermögen in der Leute Mund schnell einen fürstlichen Umfang an. Einige verwechselten beim Weiterberichten in der Eile Chicago mit San Franzisko und Rußland mit der Türkei, nur das mit unbekannten Geschäften erworbene Vermögen blieb ein fester Glaubenssatz, und in den nächsten Tagen wimmelte es in Gerbersau von Lesarten, die zwischen einer halben und zehn Millionen und zwischen den Erwerbsarten vom Kriegslieferanten bis zum Sklavenhändler je nach Temperament und Phantasie der Erzähler auf und nieder spielten. Man erinnerte sich des längstverstorbenen alten Weißgerbers Schlotterbeck und der Jugendgeschichte seines Sohnes, es fanden sich solche, die ihn als Lehrling und als Schulbuben und als Konfirmanden noch im Gedächtnis hatten, und eine verstorbene Fabrikantenfrau wurde zu seiner unglücklichen Jugendliebe ernannt.
Er selber bekam, da es ihn nicht interessierte, wenig von diesen Historien zu hören. An jenem Tage, da er bei seinem Vetter zu Tisch geladen war, hatte ihn vor dessen Frau und Kindern ein unüberwindliches Grauen erfaßt, so übel maskiert war ihm die Spekulation auf den Erbvetter entgegengetreten. Er hatte um des Friedens willen dem Verwandten, der viel zu klagen gewußt hatte, ein mäßiges Darlehn gewährt, zugleich aber war er sehr kühl und wortkarg geworden und hatte sich für weitere Einladungen einstweilen im voraus freundlich bedankt. Die Frau war enttäuscht und gekränkt, doch ward im Hause Pfrommer von dem Vetter vor Zeugen nur ehrerbietig geredet.
Dieser blieb noch ein paar Tage im Schwanen wohnen. Dann fand er ein Quartier, das ihm zusagte. Es war oberhalb der Stadt gegen die Wälder hin eine neue Straße entstanden, vorerst nur für den Bedarf einiger Steinbrüche, die weiter oben lagen. Doch hatte ein Baumeister, der in dieser etwas beschwerlich zu erreichenden, doch wunderschönen Lage künftige Geschäfte witterte, auf dem noch für wenige Kreuzer käuflichen Boden am Beginn des neuen Weges einstweilen drei hübsche kleine Häuschen gebaut, weiß verputzt mit braunem Gebälk. Man schaute von hier aus hoch auf die Altstadt hinab und konnte sehen und hören, was da unten getrieben wurde, weiterhin sah man talabwärts den Fluß durch die Wiesen laufen und gegenüber die roten Felsenhöhen hängen, und rückwärts hatte man in nächster Nähe den Tannenwald. Von den drei hübschen Spekulantenhäuslein stand eines fertig, doch leer, eines hatte schon vor drei Jahren ein pensionierter Gerichtsvollzieher gekauft, und das dritte war noch im Bau. Da dieser aber der Vollendung entgegenrückte und nur noch wenige Handwerker darin zu tun hatten, ging es hier oben recht still und friedevoll zu. Denn auch der Gerichtsvollzieher, übrigens ein friedfertiger und geduldiger Mann, war schon nicht mehr da. Er hatte das untätige Leben nicht ertragen und war einem alten Leiden, das er bis dahin manche Jahrzehnte lang mit Arbeit und Humor überwunden hatte, nach kurzer Zeit erlegen. In dem Häuschen saß nun ganz allein mit einer ältlichen Schwägerin die Witwe des Gerichtsvollziehers, ein recht frisches und sauberes Frauchen, von welcher noch zu reden sein wird.
In dem mittleren Hause, das je hundert Schritt von dem Witwensitz und dem Neubau entfernt lag, richtete nun Schlotterbeck sich ein. Er mietete den unteren Stock, der drei Zimmer und eine Küche enthielt, und da er keine Lust hatte, seine Mahlzeiten hier oben in völliger Einsamkeit einzunehmen, kaufte und mietete er nur Bett, Tische, Stühle, Kanapee, ließ die Küche leer und dingte zur täglichen Aufwartung eine Frau, die zweimal des Tages kam. Den Kaffee kochte er sich am Morgen, wie früher in langen Junggesellenjahren, selber auf Weingeist, mittags und abends aß er in der Stadt. Die kleine Einrichtung gab ihm eine Weile angenehm zu tun, auch trafen nun seine Koffer aus Rußland ein, deren Inhalt die leeren Wandschränke füllte. Täglich erhielt und las er einige Zeitungen, darunter zwei ausländische, auch ein lebhafter Briefwechsel kam in Gang und dazwischen machte er da und dort in der Stadt seine Besuche, teils bei Verwandten und alten Bekannten, teils bei den Geschäftsleuten, namentlich in den Fabriken. Denn er suchte ohne Hast, doch aufmerksam nach einer bequemen und vorteilhaften Gelegenheit, sich mit Geld und Arbeit an einem gewerblichen Unternehmen zu beteiligen. Dabei trat er allmählich auch zu der bürgerlichen Gesellschaft seiner Vaterstadt wieder in einige Beziehung. Er wurde da und dort eingeladen, auch zu den geselligen Vereinen und an die Stammtische der Honoratioren. Freundlich und mit den Manieren eines gereisten Mannes von Vermögen nahm er da und dort teil, ohne sich fest zu verpflichten, aber auch ohne zu wissen, wie viel Kritik hinter seinem Rücken an ihm geübt wurde.
August Schlotterbeck war trotz seines offenen Blickes in einer Täuschung über sich selbst befangen. Er meinte zwar ein klein wenig über seinen Landsleuten zu stehen, lebte aber doch in dem Gefühl, ein Gerbersauer zu sein und in allem Wesentlichen recht wieder an den alten Ort zu passen. Und das stimmte nun nicht so ganz. Er wußte nicht, wie sehr er in der Sprache und Lebensweise, in Gedanken und Gewohnheiten von seinen Mitbürgern abstach. Diese empfanden das desto besser, und wenn auch Schlotterbecks guter Ruf im Schatten seines Geldbeutels eine schöne Sicherheit genoß, wurde doch im einzelnen gar viel über ihn gesprochen, was er nicht gern gehört hätte. Manches, was er ahnungslos in alter Gewohnheit tat, erregte hier Kritik und Mißfallen, man fand seine Sprache zu frei, seine Ausdrücke zu fremd, seine Anschauungen amerikanisch und sein ungezwungenes Benehmen mit jedermann anspruchsvoll und unfein. Er sprach mit seiner Aufwärterin wenig anders als mit dem Stadtschultheißen, er ließ sich zu Tisch laden, ohne innerhalb sieben Tagen eine Verdauungsvisite abzustatten, er machte zwar im Männerkreis kein Zotenflüstern mit, sagte aber Dinge, die ihm natürlich und von Gott gewollt schienen, auch in Familien in Gegenwart der Damen harmlos heraus. Namentlich in den Beamtenkreisen, die in der Stadt wie billig zuoberst standen und den feinen Ton angaben, in der Sphäre zwischen Oberamtmann und Oberpostmeister, machte er keine Eroberungen. Diese kleine, ängstlich geschonte und behütete Welt amtlicher Machthaber und ihrer Frauen, voll von gegenseitiger Hochachtung und Rücksicht, wo jeder des anderen Verhältnisse bis auf den letzten Faden kennt und jeder in einem Glashause sitzt, hatte an dem heimgekehrten Weltfahrer keine Freude, um so mehr da sie von seinem sagenhaften Reichtum doch keinen Vorteil zu ziehen hoffen konnte. Und in Amerika hatte Schlotterbeck sich angewöhnt, Beamte einfach für Angestellte zu halten, die wie andere Leute für Geld ihre Arbeit tun, während er sie in Rußland als eine schlimme, gefürchtete Kaste kennen gelernt hatte, bei der nur Geld etwas vermochte. Da war es schwer für ihn, dem niemand Anweisungen gab, die Heiligkeit der Titel und die ganze zarte Würde dieses Kreises richtig zu begreifen, am rechten Ort Ehrfurcht zu zeigen, Obersekretäre nicht mit Untersekretären zu verwechseln und im geselligen Verkehr überall den rechten Ton zu treffen. Als Fremder kannte er auch die verwickelten Familiengeschichten nicht und es konnte gelegentlich ohne seine Schuld passieren, daß er im Hause des Gehenkten vom Strick redete. Da sammelten sich denn unter der Decke unverwüstlicher Höflichkeit und verbindlichsten Lächelns die kleinen Posten seiner Verfehlungen zu säuberlich gebuchten und kontrollierten Sümmchen an, von denen er keine Ahnung hatte, und wer konnte, sah mit Schadenfreude zu. Auch andere Harmlosigkeiten, die Schlotterbeck mit dem besten Gewissen beging, wurden ihm übelgenommen. Er konnte jemand, dessen Stiefel ihm gefielen, ohne lange Einleitungen nach ihrem Preise fragen. Und eine Advokatenfrau, die zu ihrem Kummer unbekannte Sünden der Vorfahren dadurch büßen mußte, daß ihr von Geburt an der linke Zeigefinger fehlte, und dies unverschuldete Gebrechen mit Kunst und Eifer zu verbergen suchte, wurde von ihm mit aufrichtigem Mitleid gefragt, wann und wo sie denn ihres Fingers verlustig geworden sei. Der Mann, der Jahrzehnte in mancherlei Ländern sich seiner Haut gewehrt und seine Geschäfte getrieben hatte, konnte nicht wissen, daß man einen Amtsrichter nicht fragen darf, was seine Hosen kosten. Er hatte wohl gelernt, im Gespräch mit jedermann höflich und vorsichtig zu sein, er wußte, daß manche Völker kein Schweinefleisch oder keine Taube verzehren, daß man zwischen Russen, Armeniern und Türken es vermeidet, sich zu einer allein wahren Religion zu bekennen; aber daß mitten in Europa es große Gesellschaftskreise und Stände gab, in welchen es für roh gilt, von Leben und Tod, Essen und Trinken, Geld und Gesundheit freiweg zu reden, das war diesem entarteten Gerbersauer unbekannt geblieben. Daß man Gift streuen und Fallen legen nach Belieben, aber von niemand geradezu sagen darf, man könne ihn nicht ausstehen, das war nebst mancher andern goldenen Regel ihm weder in Amerika noch in Rußland beigebracht worden.
Auch konnte es ihm im Grunde einerlei sein, ob man mit ihm zufrieden sei, da er wenig Ansprüche an die Menschen machte, viel weniger als sie an ihn. Er ward zu allerlei guten Zwecken um Beiträge angegangen und gab sie jeweils nach seinem Ermessen. Man dankte dafür höflichst und kam bald mit neuen Anliegen wieder, doch war man auch hier nur halb zufrieden und hatte Gold und Banknoten erwartet, wo er Silber und Nickel gab. Zum Glück erfuhr er von diesen Verurteilungen nichts und lebte eine gute Zeit im fröhlichen Glauben dahin, ein einwandfreier Bürger und wohlgelittener, wenn nicht gar beliebter Mann zu sein.
Bei jedem Gange in die Stadt hinab, also täglich mehrere Male, kam Herr Schlotterbeck an dem netten kleinen Hause der Frau Entriß vorbei, der Witwe des Gerichtsvollziehers, die hier in Gesellschaft einer schweigsamen und etwas blöden Schwägerin ein sehr stilles Leben führte.
Diese noch wohlerhaltene und dem Leben nicht abgestorbene Witwe hätte im Genuß ihrer Freiheit und eines kleinen Vermögens ganz angenehme und unterhaltsame Tage haben können. Es hinderte sie daran aber sowohl ihr eigener Charakter wie auch der Ruf, den sie sich im Lauf ihrer Gerbersauer Jahre erworben hatte. Sie stammte aus dem Badischen, und man hatte sie einst, schon aus Rücksicht für ihren in der Stadt wohlbeliebten Mann, freundlich und erwartungsvoll aufgenommen. Doch hatte mit der Zeit sich ein abfälliger Leumund über sie gebildet, dessen eigentliche Wurzel ihre übertriebene Sparsamkeit war. Daraus machte das Gerede einen giftigen Geiz, und da man einmal kein Gefallen an der Frau gefunden hatte, hängte sich beim Plaudern eins ans andere und sie wurde nicht nur als ein Geizkragen und eine Pfennigklauberin, sondern auch als Hausdrache verrufen. Der Gerichtsvollzieher selber war nun nicht der Mann, der über die eigene Frau schlecht gesprochen hätte, aber immerhin blieb es nicht verborgen, daß der heitere und gesellige Mann seine Freude und Erholung weniger daheim bei der Frau als im Rößle oder Schwanen bei abendlichen Biersitzungen suchte. Nicht daß er ein Trinker geworden wäre, Trinker gab es in Gerbersau unter der angesehenen Bürgerschaft überhaupt nicht. Aber doch gewöhnte er sich daran, einen Teil seiner Mußezeit im Wirtshaus hinzubringen und auch tagsüber zwischenein gelegentlich einen Schoppen zu nehmen. Trotz seiner schlechten Gesundheit setzte er dieses Leben so lange fort, bis ihm vom Arzt und auch von der Behörde nahegelegt ward, sein anstrengendes Amt aufzugeben und im Ruhestand seiner bedürftigen Gesundheit zu leben. Doch war es nach seiner Pensionierung eher schlimmer gegangen, und jetzt war alles darüber einig, daß die Frau ihm das Haus verleidet und von Anfang an den Untergang des braven Mannes verschuldet habe. Als er dann starb, ergoß sich der allgemeine Unwille über die Witwe. Sie blieb allein mit der Schwägerin sitzen und fand weder Frauentrost noch männliche Beschützer, obwohl außer dem schuldenfreien Haus auch noch einiges Vermögen vorhanden war.
Die unbeliebte Witwe schien jedoch unter der Einsamkeit nicht unerträglich zu leiden. Sie hielt Haus und Hausrat, Bankbüchlein und Garten in bester Ordnung und hatte damit genug zu tun, denn die Schwägerin litt an einer leisen Verdunkelung des Verstandes und tat nichts anderes als zuschauen und sich die stillen Tage mit Murmeln, Reiben der Nase und häufigerem Betrachten eines alten Bilderalbums vertreiben. Die Gerbersauer, damit das Gerede über die Frau auch nach des Mannes Tode nicht aufhöre, hatten sich ausgedacht, sie halte das arme Wesen zu kurz, ja in furchtbarer Gefangenschaft. Es hieß, die Gemütskranke leide Hunger, werde zu schwerer Arbeit angehalten, schlafe in einem nie gereinigten und gelüfteten Verschlag, Hitze und Kälte ausgesetzt, und werde das alles sicherlich nimmer lange aushalten, was ja auch im Interesse der Entriß liege und ihre Absicht sei. Da diese Gerüchte immer offener hervortraten, mußte schließlich von Amts wegen etwas getan werden, und eines Tages erschien im Haus der erstaunten Frau der Stadtschultheiß mit dem Oberamtsarzt, sagte ernstlich mahnende Worte über die Verantwortung, verlangte zu sehen, wie die Kranke wohne und schlafe, was sie arbeite und esse, und schloß mit der Drohung, wenn nicht alles einwandfrei befunden werde, müsse die Gestörte in einem staatlichen Krankenhause versorgt werden, natürlich auf Kosten der Frau Entriß. Diese verhielt sich kühl und gab zur Antwort, man möge nur alles untersuchen. Ihre Schwägerin sei harmlos und ungefährlich, wenn in der Stadt der Blödsinn überhand nehme, müsse er aus einer andern Quelle kommen, und wenn man die Kranke anderwärts versorgen wolle, könne es ihr nur lieb sein, es müsse das aber auf Kosten der Stadt geschehen und sie zweifle, ob das arme Geschöpf es dann besser haben werde als bei ihr. Die Untersuchung ergab, daß die Kranke keinerlei Mangel litt, anständig und reinlich gekleidet war und bei der wohlwollenden Frage, ob sie etwa gern anderswo leben möchte, wo sie es sehr gut haben werde, furchtbar erschrak und flehentlich sich an ihrer Schwägerin festhielt. Der Arzt fand sie durchaus wohlgenährt und ohne alle Spuren harter Arbeit, und er ging samt dem Stadtschultheiß verlegen wieder fort.
Was nun den Geiz der Frau Entriß betrifft, so kann man darüber verschieden urteilen. Es ist gar leicht, Charakter und Lebensführung einer schutzlosen Frau zu tadeln. Daß sie sparsam war, steht fest. Sie hatte nicht nur vor dem Gelde, sondern vor jeder Habe und jedem noch so kleinen Werte eine tiefe Hochachtung, so daß es ihr bitter schwer fiel, etwas auszugeben, und unmöglich war, etwas wegzuwerfen oder umkommen zu lassen. Von dem Gelde, das ihr Mann seinerzeit in die Wirtshäuser getragen hatte, tat ihr ein jeder Kreuzer heute noch leid wie ein unsühnbares Unrecht, und es mag wohl sein, daß darüber die Eintracht ihrer Ehe entzweigegangen war. Desto eifriger hatte sie, was der Mann so leichtsinnig vertat, durch genaue Rechnung im Hause und durch fleißige Arbeit einigermaßen einzubringen gesucht. Und nun, da er gestorben und damit das schreckliche Loch im Beutel geschlossen war, da kein Taler und kein Pfennig mehr unnütz aus dem Hause ging und ein Teil der Zinsen jährlich zum Kapital geschlagen werden konnte, erlebte die gute Haushalterin ein spätes, ruhiges Glück, ja Behagen. Nicht daß sie sich irgendetwas über das Notwendige gegönnt hätte, sie sparte eher mehr als früher, aber das Bewußtsein, daß es Früchte trug und sich langsam summierte, verlieh ihrem Wesen eine stille Zufriedenheit, die sie nimmer aufs Spiel zu setzen entschlossen war.
Eine ganz besondere Freude und Genugtuung empfand Frau Entriß, wenn sie irgend etwas Wertloses zu Wert bringen, etwas finden oder erobern konnte, etwas Weggeworfenes doch noch brauchen und etwas Verachtetes verwerten. Diese Leidenschaft war keineswegs nur auf den baren Nutzen gerichtet, sondern hier verließ ihr Denken und Begehren den engen Kreis des Notwendigen und erhob sich in das Gebiet des Ästhetischen. Die Frau Gerichtsvollzieher war dem Schönen und dem Luxus nicht abgeneigt, sie mochte es auch gerne hübsch und wohlig haben, nur durfte das niemals einen Pfennig bares Geld kosten. So war ihre Kleidung äußerst bescheiden, aber sauber und nett, und seit sie mit dem Häuslein auch ein kleines Stück Boden besaß, hatte ihr Bedürfnis nach Schönem und Erfreulichem ein lohnendes Ziel gefunden. Sie wurde eine eifrige Gärtnerin.
Wenn August Schlotterbeck am Zaun seiner Nachbarin vorüberschritt, schaute er jedesmal mit Freude und einem leisen Neid in die kleine bescheidene Gartenpracht der stillen Witwe. Nett bestellte Gemüsebeete waren appetitlich von Rabatten mit Schnittlauch und Erdbeeren, aber auch mit Blumen eingefaßt, und Rosen, Levkojen, Goldlack und Reseden schienen ein anspruchsloses, in sich begnügsames Glück zu verkünden.
Es war nicht leicht gewesen, auf dem steilen Gelände und in dem hoffnungslos unfruchtbaren Sandboden einen solchen Wuchs zu erzielen. Hier hatte Frau Entrißens Leidenschaft Wunder getan, und tat sie noch immer. Sie brachte mit eigenen Händen aus dem Walde schwarze Erde und Laub herbei, sie ging des Abends auf den Spuren der schweren Steinbruchwagen und sammelte mit zierlichem Schäufelein den goldeswerten Dung, den die Pferde und ihre Herren achtlos liegen ließen. Hinterm Hause tat sie jeden Abfall und jede Kartoffelschale sorgsam auf den Haufen, der im nächsten Frühling durch seine Verwesung das arme leichte Land schwerer und reicher machen mußte. Sie brachte aus dem Walde auch wilde Rosen und Setzlinge von Maiblumen und Schneeglöckchen mit, und den Winter hindurch zog sie im Zimmer und Keller ihre Ableger mit aller Sorgfalt auf. Ein wenig ahnungsvolles Begehren nach Schönheit, das in jedem Menschengemüt verborgen duftet, eine Freude am Nützen des Brachliegenden und Verwenden des umsonst zu Habenden, und vielleicht unbewußt auch ein still glimmender Rest unbefriedigter Weiblichkeit machten sie zu einer vortrefflichen Gartenmutter.
Ohne von der Nachbarin etwas zu wissen, tat Herr Schlotterbeck täglich mehrmals anerkennende Blicke in die von jedem Unkraut reinen Beete und Wegchen, labte seine Augen an dem frohen Grün der Gemüse, dem zarten Rosenrot und den luftigen Farben der Winden, und wenn ein leichter Wind ging und ihm beim Weitergehen eine Handvoll süßen Gartenduftes nachwehte, freute er sich dieser lieblichen Nachbarschaft mit einer zunehmenden Dankbarkeit. Denn es gab immerhin Stunden, in denen er ahnte, daß der Heimatboden ihm das Wurzelfassen nicht eben leicht mache, und sich einigermaßen vereinsamt und betrogen vorkam.
Als er sich gelegentlich bei Bekannten nach der Gartenbesitzerin erkundigte, bekam er die Geschichte des seligen Gerichtsvollziehers und viel arge Urteile über seine Witwe zu hören, so daß er nun eine Zeitlang das friedevolle Haus im Garten mit einem traurigen Erstaunen darüber betrachtete, daß diese anmutende Lieblichkeit der Wohnsitz einer so verworfenen Seele sein müsse.
Da begab es sich, daß er sie eines Morgens zum erstenmal hinter ihrem niederen Zaune sah und anredete. Bisher war sie stets, wenn sie ihn von weitem daherkommen sah, still ins Haus entwichen. Diesmal hatte sie ihn, über ein Beet gebückt, im Arbeitseifer nicht kommen hören, und nun stand er am Zaune, hielt höflich den Hut in der Hand und sagte freundlich guten Morgen. Sie gab, halb wider ihren Willen, den Gruß zurück, und er hatte es nicht eilig, sondern fragte sie: »Schon fleißig, Frau Nachbarin?«
»Ein bißchen«, sagte sie, und er fuhr ermuntert fort: »Was Sie für einen schönen Garten haben!«
Sie gab darauf keine Antwort, und er schaute sie, die schon wieder an ihren Gräslein zupfte, verwundert an. Er hatte sie sich, jenem Gerede nach, mehr furienmäßig vorgestellt, und nun war sie zu seinem angenehmen Erstaunen recht ordentlich und gefällig von Gestalt, das Gesicht ein wenig streng und ungesellig, aber frisch und ohne Hinterhalt, und so im ganzen eine gar nicht unerquickliche Erscheinung.
»Ja, dann will ich weitergehen«, sagte er freundlich. »Adieu, Frau Nachbarin.«
Sie blickte auf und nickte, wie er den Hut schwang, sah ihm drei, vier Schritte weit nach und fuhr darauf gleichmütig in ihrer Arbeit fort, ohne sich über den Nachbar Gedanken zu machen. Dieser aber dachte noch eine Weile an sie. Es war ihm wunderlich, daß diese Person ein solches Greuel sein solle, und er nahm sich vor, sie ein wenig zu beobachten. Das tat er denn auch, und als ein weltkundiger Mann sah er bald aus vielen kleinen Zügen ein Bild zusammen, das keinem Engel gleichsah, aber auch nicht zu dem Teufel paßte, den die Leute aus ihr machen wollten. Er nahm wahr, wie sie ihre paar Einkäufe in der Stadt still und rasch ohne langes Herumschweifen und Reden besorgte, er sah sie den Garten pflegen und ihre Wäsche sonnen, stellte fest, daß sie keine Besuche empfing, und belauschte das kleine, einsame Leben der fleißigen Frau mit Hochachtung und Rührung. Auch ihre etwas scheuen, abendlichen Gänge nach den Roßäpfeln, um die sie sehr verschrien war, blieben ihm nicht verborgen. Doch fiel es ihm nicht ein, darüber zu spotten, wenn er auch darüber lächeln mußte. Er fand sie ein wenig scheu geworden, aber ehrenwert und tapfer, und er dachte sich, es sei schade, daß soviel Sorge und Achtsamkeit an so kleine Zwecke gewendet werde. Zum erstenmal begann er jetzt, durch diesen Fall stutzig geworden, dem Urteil der Gerbersauer zu mißtrauen und manches faul zu finden, was er bisher gläubig hingenommen hatte.
Inzwischen traf er die Frau Nachbarin je und je wieder und wechselte ein paar Worte mit ihr. Er redete sie jetzt mit ihrem Namen an, und auch sie wußte ja, wer er sei, und sagte Herr Schlotterbeck zu ihm. Er wartete gern mit dem Ausgehen, bis er sie im Freien sah, und ging dann nicht vorüber, ohne ein kleines Gespräch über Witterung und Gartenaussichten anzuknüpfen und sich an ihren einfachen, ehrlichen und recht gescheiten Antworten zu freuen.
Einst brachte er einen seiner Bekannten abends im Adler auf die Frau zu sprechen. Er erzählte, wie der saubere Garten ihm aufgefallen sei, wie er die Frau in ihrem stillen Leben beobachtet habe und nicht begreifen könne, daß sie in so üblem Ruf stehe. Der Mann hörte ihm höflich zu, dann meinte er: »Sehen Sie, Sie haben ihren Mann nicht gekannt. Ein Prachtskerl, wissen Sie, immer witzig, ein lieber Kamerad, und so gut wie ein Kind! Und den hat sie einfach auf dem Gewissen.«
»An was ist er denn gestorben?«
»An einem Nierenleiden. Aber das hat er schon jahrelang gehabt und ist fidel dabei gewesen. Dann nach seiner Pensionierung, statt daß ihm die Frau es jetzt nett und freundlich daheim gemacht hätte, ist er ganz hausscheu geworden. Manchmal ist er schon zum Mittagessen ausgegangen, weil sie ihm zu schlecht gekocht hat! Ein bißchen leichtsinnig mag er ja von Natur gewesen sein, aber daß er am Ende gar zuviel geschöppelt hat, daran ist allein sie schuld gewesen. Sie ist ein Ripp, wissen Sie. Da hat sie zum Beispiel eine Schwägerin im Haus, ein armes krankes Ding, das seit Jahren tiefsinnig ist. Die hat sie wahrhaftig so behandelt und hungern lassen, daß die Behörde sich darum bekümmern und sie kontrollieren mußte.«
Auf so bösen Bericht war Schlotterbeck doch nicht gefaßt gewesen. Er traute dem Erzähler nicht recht, aber die Sache ward ihm überall bestätigt, wo er darum anklopfte. Es schien ihm wunderlich und wollte ihm leid tun, daß er sich in der Frau so hatte täuschen können. Aber so oft er sie wiedersah und einen Gruß mit ihr wechselte, schwand aller Groll und Verdacht wieder dahin. Er entschloß sich und ging zum Stadtschultheiß, um etwas Sicheres zu erfahren. Er wurde mit Freundlichkeit aufgenommen; als er jedoch seine Frage vorbrachte, wie es denn mit der Frau Entriß und ihrer Schwägerin stehe, ob sie wirklich im Verdacht der Mißhandlung und unter Kontrolle sei, da meinte der Stadtschultheiß abweisend: »Es ist ja nett, daß Sie sich für Ihre Nachbarin so interessieren, aber ich glaube doch, daß diese Sachen Sie eigentlich wenig angehen. Ich denke, Sie können es uns ruhig überlassen, daß wir zum Rechten sehen. Oder haben Sie eine Beschwerde vorzubringen?«
Da wurde Schlotterbeck eiskalt und schneidig, wie er es in Amerika manchmal hatte sein müssen. Er ging leise und machte die Türe zu, setzte sich dann wieder und sagte: »Herr Stadtschultheiß, Sie wissen, wie über die Frau Entriß geredet wird, und da Sie selber bei ihr waren, müssen Sie auch wissen, was wahr daran ist. Ich brauche ja keine Antwort mehr, es ist alles verlogen und böswilliger Klatsch. Oder nicht? – Also. Warum dulden Sie das?«
Der Herr war anfangs erschrocken, hatte sich aber schnell wieder gefaßt. Er zuckte die Achseln und sagte: »Lieber Herr, ich habe wirklich anderes zu tun, als mich mit solchen Sachen zu befassen. Es kann sein, daß da und dort der Frau etwas nachgeredet wird, was nicht recht ist, aber dagegen muß sie sich selber wehren. Sie kann ja klagen.«
»Gut,« sagte Schlotterbeck, »das genügt mir. Sie geben mir also die Versicherung, daß die Kranke dort Ihres Wissens in guter Behandlung ist?«
»Ihretwegen, ja, Herr Schlotterbeck. Aber wenn ich Ihnen raten darf, lassen Sie die Finger davon! Sie kennen die Leute hier nicht und machen sich bloß mißliebig, wenn Sie sich in ihre Sachen mischen.«
»Danke, Herr Stadtschultheiß. Ich will mir's überlegen. Aber einstweilen, wenn ich wieder einen so über die Frau reden höre, werde ich ihn einen Ehrabschneider heißen und mich dabei auf Ihr Zeugnis berufen.«
»Tun Sie das nicht! Der Frau nutzen Sie damit doch nichts, und Sie haben nur Verdruß davon. Ich warne Sie, weil es mir leid täte, wenn –«
»Ja, ich danke schön.«
Die Folge dieses Besuches war zunächst, daß Schlotterbeck von seinem Vetter Pfrommer aufgesucht wurde. Es hatte sich herumgeredet, daß er ein merkwürdiges Interesse für die schlimme Witwe zeige, und Pfrommer war von einer Angst ergriffen worden, der verrückte Vetter möchte auf seine alten Tage noch Torheiten machen. Wenn es zum Schlimmsten käme und er die Frau heiratete, würden seine Kinder von den ganzen Millionen keinen Taler kriegen. Mit großer Vorsicht unterhielt er seinen Vetter von der hübschen Lage seiner Wohnung, kam langsam auf die Nachbarschaft zu sprechen und ließ vermuten, er wisse viel über die Frau Entriß zu erzählen, falls es den Vetter interessiere. Der winkte jedoch gleichmütig ab, bot dem Buchbinder einen vortrefflichen Kognak an und ließ ihn zu alldem, was er hatte sagen wollen, gar nicht kommen.
Aber noch am selben Nachmittag sah er seine Nachbarin im Garten erscheinen und ging hinüber. Zum erstenmal hatte er ein langes, vertrauliches Gespräch mit ihr, worin er auf sein einsames Leben hinwies und ihre freundlich-tröstliche Nachbarschaft dankbar rühmte. Sie ging klug und bescheiden darauf ein, des eigentlichen Plauderns ungewohnt und doch mit frauenhafter Anpassung und, wie ihm schien, auch Anmut.
Diese Unterhaltungen wiederholten sich von jetzt an täglich, immer über den Staketenzaun hinweg, denn seine Bitte, ihn auch einmal im Garten selber oder gar im Hause zu empfangen, lehnte sie mit stiller Entschiedenheit ab.
»Das geht nicht«, sagte sie lächelnd. »Wir sind ja beide keine jungen Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und es wäre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin übel angeschrieben, und Sie gelten auch für eine Art Sonderling, wissen Sie.«
Ja, das wußte er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend nachgelassen. Er begann zu merken, daß er hier doch fremd sei und daß Höflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbürger, sondern eben seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, daß man sein Vermögen weit überschätzte, und die ängstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer und anderer Angelkünstler machte ihm einen gewissen Spaß, aber für die beginnende Enttäuschung konnte ihn das nicht entschädigen, und er hatte den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder zurückgenommen. Vielleicht wäre er einfach wieder abgereist und hätte nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurück, so daß er spürte, er werde nicht gehen können, ohne sich zu verletzen und ein Stücklein von sich hängen zu lassen.
Darum blieb er wo er war, und ging häufig an dem kleinen, weiß und braunen Nachbarhaus vorüber. Das Schicksal der Frau Entriß war ihm jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch manches erzählt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein Windbeutel gewesen sein mußte, daß er es nicht verstanden hatte, unter der Herbe und Strenge dieser Frau den köstlichen Kern aufzuspüren und ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war überzeugt, daß sie neben einem verständigen Manne, vollends in reichlichen Verhältnissen, eine Perle abgeben müßte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttäuschung zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besaß, um ihn auch ohne eigenen Vorteil möglichst zu retten und zu bewahren.
Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser begriff er, daß sie in Gerbersau unmöglich verstanden werden konnte. Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verständlicher geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er, daß er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier ebensowenig gedeihen und sich entfalten könne wie die Frau Entriß. Diese Gedanken waren, ihm unbewußt, lauter spielende Paraphrasen zu seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch, sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu machen.
Der Sommer hatte seine Höhe erreicht und der Garten der Witwe duftete mitten in der sandigen und glühenden Umgebung triumphierend weit über seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom nahen Waldrande die Vögel aufatmend den schönen Tag lobten und aus dem Tale in der Stille nach dem Schluß der Fabriken der Fluß leise herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu Frau Entriß und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch in die Haustüre, wo eine dünne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er erklärte aber, heute durchaus hereinkommen zu müssen, und ward denn von ihr in die Stube geführt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte schnell ihre Schürze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und hieß auch ihn sich setzen.
Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hübsche Rede an. Er erzählte sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wärmer seine Heimkehr nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an manche Gespräche, in denen sie einander so gut verstanden hätten. Und nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu sehr überrascht.
»Über mein Vermögen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionär, wie die Leute hier herumreden, aber so ungefähr eine viertel Million oder etwas drüber wird schon da sein. Im übrigen meine ich, wir seien beide noch zu jung und kräftig, als daß es schon Zeit wäre, Verzicht zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon allein sitzen und sich mit dem Gärtlein bescheiden, statt noch einmal anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was früher am rechten Glück gefehlt hat?«
Die Frau Entriß hatte beide Hände still auf ihren Knien liegen und hörte aufmerksam dem Freier zu, der allmählich warm und lebhaft wurde und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf, sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie saß ganz still und genoß es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu erfassen, daß hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saßen einander nahe gegenüber, er von seinem Willen und Verlangen erwärmt und verjüngt, sie aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung leise erregt wie eine Jubilarin, und über beide Gesichter glühte mit feiner Abschiedsröte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster. Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefühle aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gütig und hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden könnte, wenn sie einverstanden wäre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleißiges Leben führen ließe, bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem größeren Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jährlich zurückgelegt würde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besänftigt und von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet, recht milde mit halber Stimme und zufrieden, daß sie wenigstens zuhörte und ihn da sein und gelten und werben ließ. Und sie hörte und schwieg, von einer angenehmen Müdigkeit in der Seele leicht gelähmt. Es ward ihr nicht völlig bewußt, daß das eine Werbung und eine Entscheidung für ihr Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual, denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das für Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht und wie von einer Musik getragen, daß sie benommen lauschte und keines Entschlusses fähig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schütteln oder aufzustehen.
Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und sah sie unverändert mit niedergeschlagenen Augen und fein geröteten Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgefälliges Spiel oder lausche einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, gläubig wie ein Träumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht, denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fühlte doch denselben hingenommenen und traumhaften Zustand und hörte gleich ihr die merkwürdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flügeln durch das abendhelle Stüblein und durch sein Gemüt reisen.
Beiden schien es später, sie seien eine gar lange Zeit so halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie aus dieser Stille jäh erweckt wurden.
Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwägerin aufgehalten und war, schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst geraten, bei dem langen, leisen Gespräch und Beisammensein der Beiden von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien ihr Ungewöhnliches und Gefährliches vorzugehen und allmählich ergriff sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht, der fremde Mann möchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine stille, argwöhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes im Hause vorfallen, ohne daß die arme Jungfer mit Entsetzen an eine gewaltsame Hinwegführung und Einsperrung an einem unbekannten fernen Orte denken mußte.
Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden Kräften gegen das Grauen gekämpft hatte, gewaltsam schluchzend und in Verzweiflung aufgelöst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer Schwägerin nieder und umfaßte ihre Knie unter Stöhnen und zuckendem Weinen, so daß Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entriß plötzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nüchternem Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schämte.
Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit tröstender Hand übers Haar und redete halblaut und eintönig auf sie ein wie auf ein heulendes Kind.
»Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr? Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergnügt und kriegen was Gutes zum Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen!«
August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rührung zu, die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genuß, wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Tränen unversehens zu einem blöden, hilflosen Kleinkinderlächeln. Doch kam sich der Besucher bei dem allen unnütz und mehr als entbehrlich vor, er hustete darum ein wenig und sagte: »Das tut mir leid, Frau Entriß, hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen wiederkommen, wenn ich darf.«
Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie geworben und sie ihm zugehört und es geduldet habe, ohne daß sie doch willens war, ihn zu erhören. Sie erstaunte über sich selber, es konnte ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht fortgehen und die Täuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie sagte: »Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorüber. Wir müssen noch reden.« Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Röte der Sonne und die Röte der lieblichen Erregung war verglüht und ihre Augen schauten klug und kühl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Händen wieder niedersaß und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wärme gekommen sei.
Sie setzte indessen die Schwägerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren vorigen Platz zurück. »Wir müssen sie im Zimmer lassen,« sagte sie leise, »sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. – Ich habe Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich weiß selber nicht warum, ich bin ein wenig müd gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch gedeutet. Es ist nämlich schon lange mein fester Entschluß, mich nicht mehr zu verändern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewiß reichlich fünfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute nimmer. Daß ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, können wir es weiter so haben. Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir könnten sonst den Schaden haben.«
Herr Schlotterbeck sah sie betrübt, doch freundlich an. Unter Umständen, dachte er, würde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schöner Spätsommerflor im Gedächtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wäre der Glanz nicht gewesen, er wäre betrübt, doch ohne Stachel im Herzen seiner Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glück schon wie einen zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick des Zugreifens verpaßt. Und Vögel, die man schon so nahe gehabt, läßt man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang entrinnen. Außerdem, und trotz des Ärgers über ihr Entwischen, nachdem sie schon so fromm über seine Freiersrede erglüht war, hatte er sie jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine Meinung gewesen, eine angenehme und ersprießliche Vernunftheirat zu betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn vollends wahrhaft verliebt gemacht, so daß jetzt an ein einfaches, freundlich kühles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war.
»Frau Entriß,« sagte er deshalb entschlossen, »Sie sind jetzt erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr überrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu sehr an das Praktische und Geschäftliche der Sache gehalten, wenn es auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, daß mein Herz es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch Gründe dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrücken, es steht mir nicht an, aber es ist mein Entschluß, davon nimmer zu lassen. Ich habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten, kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg weiterzuführen und Sie nach meinen Kräften zu belagern, damit es sich zeigt, wer der Stärkere ist.«
Auf diesen Ton war sie nicht gefaßt gewesen, er klang, wenn auch nicht überzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemüt und tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln Regungen Macht zu gönnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten.
Sie sagte: »Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Männer bleiben eben länger jung als unsereine, und es tut mir leid, daß Sie mit meinem Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und verliebt tun, es käme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwägerin, die mich braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen und will dabei bleiben. – Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit Belagerungen und dergleichen, ich müßte Ihnen sonst zürnen und würde kein Wort mehr von Ihnen anhören. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer sehen.«
Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern ging in erregten Gedanken, als wäre er im eigenen Hause, heftig auf und ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu, ein wenig belustigt, ein wenig gerührt und ein wenig beleidigt, bis es ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: »Seien Sie nicht töricht, Herr Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und für Sie wird es auch Zeit sein.«
Aber er hatte eben jetzt seinen Entschluß gefunden. Er nahm seinen Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas mißlungenen Lächeln: »Gut, ich gehe jetzt, Frau Entriß. Sie müssen heut ein bißchen Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine Zeitlang nimmer belästigen. Sie sollen mich nicht für gewalttätig halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fünf Wochen, und ich bitte um nichts, als daß Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben, ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was mich noch in Gerbersau halten könnte. Also leben Sie recht wohl, und auf Wiedersehen!«
Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in freundlichem Ton Antwort: »Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen, sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise!«
»Ja, adieu,« sagte Schlotterbeck wehmütig, nahm den Türgriff in die Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurück, den nur die Schwägerin erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte Dämmerung. Er schüttelte eine Faust gegen die schwach herauftönende Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entrißens Verstocktheit zuschrieb, und beschloß im Herzen, sie so bald wie möglich für immer zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschluß tat ihm in seinem übrigen schwebenden und abhängigen Zustande wohl, als ein Ausblick auf selbständigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn sehnlich verlangte.
Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinüber, nicht ohne mehrmals nach dem Nachbarhäuschen zurückzuschauen, das mit geschlossener Tür und Gartenpforte gleichmütig und kühl die späte Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglühten Himmel noch eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blühte hinsterbend in einem sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick fühlte der Mann noch einmal die feine, innig glühende Erregung der vergangenen Stunde vorüberziehen und schüttelte lächelnd den alten Kopf zu den töricht süßen Wünschen seines Herzens. Dann betrat er sein einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, aß nur ein halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am selben Abend an, sich für die Reise zu rüsten.
Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, übergab die Schlüssel seiner Aufwärterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entriß zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Kofferträger begleitet, elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wünschte ihm von Herzen gute Erholung.
Für Frau Entriß begannen nun stille Tage. Ihr bescheidenes Leben glitt wieder in die vorige Einsamkeit zurück, es kam niemand zu ihr und es schaute niemand mehr über ihren Gartenzaun herein. In der Stadt wußte man genau, daß sie mit allen Künsten nach dem reichen Rußländer geangelt habe, und gönnte ihr seine Abreise, die natürlich keinen Tag verborgen blieb. Sie kümmerte sich nach ihrer Art um das alles nicht, sondern ging ruhig ihren Pflichten und Gewohnheiten nach. Es tat ihr leid, daß es mit Herrn Schlotterbeck so gegangen war, denn sie hatte ihn gern gesehen und sah die freundliche Nachbarlichkeit mit Bedauern gestört. Doch war sie sich keiner Schuld bewußt und in langen Jahren an das Alleinleben so gewöhnt, daß sein Fortgehen ihr keinen ernstlichen Kummer machte. Sie sammelte Blumensamen von den verblühenden Beeten, goß am Morgen und Abend, erntete das Beerenobst, machte ein und tat mit zufriedener Emsigkeit die vielen Sommerarbeiten. Und dann machte ihr die Schwägerin unverhofft zu schaffen.
Diese hatte sich seit jenem Abend still verhalten, schien aber seither noch mehr als früher mit einer heimlichen Angst zu kämpfen, welche eine Art von Verfolgungswahnsinn war und in einem mißtrauischen Träumen von Entführung und Gewalttaten bestand. Der heiße Sommer, der ungewöhnlich viele Gewitter brachte, tat ihr auch nicht gut, und schließlich konnte Frau Entriß kaum mehr auf eine halbe Stunde zu Einkäufen ausgehen, da die Kranke das Alleinbleiben nimmer ertrug. Das elende Wesen fühlte sich nur in der nächsten Nähe der gewohnten Pflegerin sicher und umgab die geplagte Frau mit Seufzen, Händeringen und scheuen Blicken einer grundlosen Furcht. Am Ende mußte sie den Arzt holen, vor dem die Kranke in neues Entsetzen geriet und der nun alle paar Tage zur Beobachtung wiederkam. Für die Gerbersauer war das wieder ein Grund, von erneuter Mißhandlung und behördlicher Kontrolle zu erzählen; die Sache ward nun in Verbindung mit ihren Absichten auf Schlotterbeck gebracht und zu einem skandalösen Fall von arglistiger Habsucht gestaltet.
Unterdessen war August Schlotterbeck nach Wildbad gefahren, wo es ihm jedoch zu heiß und zu lebhaft wurde, so daß er, auch von einiger innerer Unrast geplagt, bald wieder aufpackte und weiterfuhr, diesmal nach Freudenstadt, das ihm von jungen Zeiten her bekannt war. Dort gefiel es ihm recht wohl, er fand die Gesellschaft eines schwäbischen Fabrikanten, mit dem er gut Freund wurde und über technische und kaufmännische Dinge seiner Erfahrung reden konnte. Mit diesem Manne, der Viktor Trefz hieß und gleich ihm selber weit in der Welt herumgekommen war, machte er täglich lange Spaziergänge in den kühlen Wäldern, zum Kniebis hinauf und nach Rippoldsau, oder das schöne Murgtal hinunter, wo man überall in schöner Landschaft und Waldnähe marschieren und in hübschen Ortschaften und guten Gasthäusern sich ausruhen kann. Herr Trefz besaß im Osten des Landes eine Lederwarenfabrik von altem und bekanntem Ruf, sein neuer Freund fragte ihn nach allem aus und ihm war es wohl dabei, seine Erholungstage in so angenehmen und vertrauten Gesprächen hinbringen zu können. Es entstand zwischen den beiden alten Herren eine höfliche Vertraulichkeit und gegenseitige Hochschätzung, denn Schlotterbeck zeigte in der Lederbranche vortreffliche Kenntnisse und außerdem eine Bekanntschaft mit dem Weltmarkt, die für einen Privatier erstaunlich war. So währte es nicht lange, bis er dem Fabrikanten seine Geschichte und Lage genauer mitteilte, und es wollte beiden scheinen, sie könnten unter Umständen einmal auch in Geschäften recht gute Kameraden werden.
Die erhoffte Erholung fand Schlotterbeck also reichlich, er vergaß sogar für halbe Tage seinen schwebenden Handel mit der Witwe in Gerbersau, von dem er Herrn Trefz keine Mitteilung hatte machen mögen. Den alten Geschäftsmann belebte und erregte die Unterhaltung mit einem gewiegten Kollegen und die Aussicht auf etwaige neue Unternehmungen nicht wenig, und die Bedürfnisse seines Herzens zogen sich, da er ihnen nie allzuvielen Raum gegönnt hatte, bescheidentlich zurück. Nur wenn er allein war, etwa abends vor dem Einschlafen, suchte ihn das Bild der Frau Entriß heim und machte ihn wieder warm. Doch auch dann schien ihm die Angelegenheit nicht mehr gar so verzweifelt und gewichtig. Er dachte an jenen Abend im Häuschen der Nachbarin und fand schließlich, sie habe nicht völlig unrecht gehabt. Er sah ein, daß der Mangel an Arbeit und das Alleinhausen zu einem großen Teil an seinen Heiratsgedanken schuld gewesen seien. Nicht daß er nun kalt und untreu geworden wäre, das lag nicht in seiner Art, aber wenn nun, wie zu vermuten war, es bei jener ersten Antwort der Frau bleiben würde, schien ihm das Unglück immerhin unter den jetzigen Umständen nicht unerträglich.
Auf einem Spaziergang im Fichtenwalde wurde er von Herrn Trefz eingeladen, diesen Herbst ihn zu besuchen und seinen Betrieb anzuschauen. Es war noch mit keinem Wort von geschäftlichen Beziehungen die Rede gewesen, doch wußten beide, wie es stand und daß der Besuch sehr wohl zu einer Teilhaberschaft und Vergrößerung des Geschäfts führen könnte. Schlotterbeck nahm dankend an und nannte dem Freunde die Bank, bei der er sich über ihn erkundigen könne.
»Danke, es ist gut,« sagte Trefz, »das Weitere besprechen wir dann, falls Sie Lust haben, an Ort und Stelle.«
Damit fühlte sich August Schlotterbeck dem Leben wiedergewonnen, dem er nun eine unfrohe Weile nur unbeteiligt zugesehen hatte. Er sah Arbeit und Sorge, Gewinn und Erregung des Handels in naher Zukunft winken, und mehr als einst auf die Heimkehr in die alte Heimat freute er sich jetzt auf die Rückkehr zum gewohnten Leben eines Arbeiters und Unternehmers, auf Einrichtungen und Reisen, Korrespondenzen und Berechnungen, auf Telegramme, Verwicklungen und Kämpfe. Es war weniger des Geldes wegen, dessen er für den Bedarf seines Alters genug besaß, als aus Freude an Umtrieb und Wagnis, aus einer gewissen Lust am Verkehr mit dem Welthandel und den Abenteuern des kühnen Kaufmanns. Fröhlich stieg er an jenem Tag in sein Bett und schlief ein, ohne heut ein einziges Mal an seine Witwe gedacht zu haben.
Er ahnte nicht, daß diese eben jetzt recht üble Zeit habe und seinen Beistand wohl hätte brauchen können. Die Schwägerin war unter der Beobachtung des Oberamtsarztes noch scheuer und unheimlicher geworden und machte das kleine Häuschen zu einem Orte des Jammers, indem sie bald schrie wie am Spieß, bald rastlos und schwer seufzend die Treppen auf und ab stieg und durch die Stuben wanderte, bald auch sich in ihrer Kammer einschloß und eingebildete Belagerungen unter Gebet und Winseln bestand. Das arme Geschöpf mußte immerfort bewacht werden, wenn auch ruhige Tage dazwischen kamen, und der geängstigte Doktor, der in solchen Dingen keine Erfahrung hatte, drängte zur Fortschaffung und Versorgung in einer Anstalt. Frau Entriß widersetzte sich dem, so lange sie konnte. Sie hatte sich an die Nähe der schwermütigen Jungfer in langen Jahren gewöhnt und zog ihre Gesellschaft der völligen Einsamkeit immerhin vor, auch hoffte sie, es werde dieser schlimme Zustand nicht lange dauern, und schließlich fürchtete sie die bedenklichen Kosten, die möglicherweise nach Abgang der Kranken in eine Irrenanstalt ihr entstehen könnten. Sie wollte gern der Unglücklichen ihr Lebenlang kochen, waschen und aufwarten, ihre Launen ertragen und sich um sie sorgen; aber die Aussicht, es möchte für dies zerstörte Leben vielleicht jahrelang ihr Erspartes dahingehen und in einen Sack ohne Boden rinnen, war ihr furchtbar. So hatte sie außer der täglichen Sorge um die Gemütskranke auch noch diese Angst und Last zu tragen, und sie fing trotz ihrer Zähigkeit an, etwas vom Fleisch zu fallen und im Gesicht ein wenig zu altern.
Von dem allem wußte Schlotterbeck kein Wort. Er war der sicheren Meinung, die muntere Witwe sitze vergnügt in ihrem hübschen kleinen Hause und sei womöglich froh, den lästigen Nachbarn und Bewerber für eine Weile los zu sein.
Dies stimmte aber nun schon nicht mehr. Zwar hatte die Abreise des Herrn Schlotterbeck nicht die Folge gehabt, ihr nach dem Entfernten Sehnsucht zu wecken und ihr sein Bild zärtlich zu verklären, doch wäre sie jetzt in ihrer Not ganz froh gewesen, einen Freund und Berater zu haben, und war mit ihrer Selbstherrlichkeit durchaus nicht mehr so stolz zufrieden wie bisher. Ja sie hätte, falls es mit der Schwägerin schlimm gehen sollte, sich wohl auch die Bewerbung des reichen Mannes noch einmal näher und freundlicher angesehen.
In Gerbersau war unterdessen das Gespräch über die Abreise Schlotterbecks und ihre vermutliche Bedeutung und Dauer verstummt, da man jetzt an der Witwe Entriß wieder für eine Weile die Mäuler voll hatte. Und während unter den schönen Tannenbäumen von Freudenstadt die beiden Geschäftsleute und Freunde sich immer besser verstanden und schon deutlicher von künftigen gemeinsamen Unternehmungen miteinander plauderten, saß daheim in der Spitalgasse der Buchbinder Pfrommer zwei lange Abende an einem Schreiben an seinen Vetter, dessen Wohl und Zukunft ihm gar sehr am Herzen lag. Einige Tage später hielt August Schlotterbeck diesen Brief, der auf das beste Papier mit einem goldenen Rande geschrieben war, verwundert in den Händen und las ihn langsam zweimal durch. Er lautete:
Lieber und werter Vetter Schlotterbeck!
Der Herr Aktuar Schwarzmantel, der neulich eine Schwarzwaldtour gemacht hat, hat uns berichtet, daß er Dich in Freudenstadt gesehen und daß Du wohl bist und in der Linde logierst. Das hat uns gefreut, und möchte ich Dir an diesem schönen Ort eine gute Erholung wünschen. Wenn man es vermag, ist ja eine solche Sommerkur immer sehr gut, ich war auch einmal ein paar Tage in Herrenalb, weil ich krank gewesen war, und hat mir vorzügliche Dienste getan. Wünsche also nochmals besten Erfolg, und wird unser heimatlicher Schwarzwald mit seinem Tannenrauschen auch Dir gewiß nur gut gefallen.
Lieber Vetter, wir haben alle lange Zeit nach Dir, und wenn du nach guter Erholung wieder heimkommst, wird es Dir gewiß in Gerbersau wieder recht gut gefallen. Der Mensch hat doch nur eine Heimat, und wenn es auch draußen in der Welt viel Schönes geben mag, kann man doch bloß in der Heimat wirklich glücklich sein. Du hast Dich auch in der Stadt sehr beliebt gemacht, alle freuen sich bis Du wiederkommst.
Es ist nur gut, daß Du gerade jetzt verreist bist, wo es in Deiner Nachbarschaft wieder so arg zugeht. Ich weiß es nicht, ob es Dir schon bekannt ist. Die Frau Entriß hat jetzt also doch ihre kranke Schwägerin hergeben müssen. Sie war so mit ihr umgegangen, daß das unglückliche Geschöpf es nimmer hat aushalten können und hat Tag und Nacht um Hilfe gerufen, bis man den Oberamtsarzt geholt hat. Da hat sich gezeigt, daß es mit der kranken Jungfer furchtbar stand, und trotzdem hat die Entriß drauf bestehen und sie um jeden Preis dabehalten wollen, man kann sich denken warum. Aber jetzt ist ihr das Handwerk gelegt, man hat ihr die Schwägerin weggenommen und vielleicht muß sie sich noch anderswo verantworten. Dieselbe ist im Narrenhaus in Zwiefalten untergebracht worden, und die Entriß muß tüchtig für sie zahlen. Warum hat sie früher so an der Kranken gespart!
Wie man das arme Ding fortgebracht hat, das hättest Du sehen sollen, es war ein Jammer. Sie hatten einen Wagen genommen, da saß die Entriß, der Oberamtsarzt, ein Wärter aus Zwiefalten drin und die Patientin. Da fing sie an und hat den ganzen Weg geschrien wie verrückt, daß alles nachgelaufen ist, bis auf den Bahnhof. Auf dem Heimweg hat die Entriß dann allerlei zu hören gekriegt, ein Bub hat ihr sogar einen Stein nachgeworfen.
Lieber Vetter, falls ich Dir hier irgend etwas besorgen kann, tue ich es sehr gern. Du bist ja dreißig Jahre lang von der Heimat fortgewesen, aber das macht nichts und für meine Verwandten ist mir, wie Du weißt, nichts zuviel. Meine Frau läßt Dich auch grüßen.
Ich wünsche Dir gutes Wetter für Deine Sommerfrische. In dem Freudenstadt droben wird es schon kühler sein als hier in dem engen Loch, wir haben sehr heiß und viel Gewitter. Im Bayrischen Hof hat es vorgestern eingeschlagen, aber kalt.
Wenn Du etwas brauchst, stehe ich ganz zur Verfügung. In alter Treue Dein Vetter und Freund
Lukas Pfrommer.
Herr Schlotterbeck las diesen Brief aufmerksam durch, steckte ihn in die Tasche, zog ihn wieder heraus und las ihn nochmals, dann sagte er: »O du Simpel,« was seinem Vetter galt. Doch hielt er sich nicht lange mit Gedanken an den Briefschreiber auf, sondern bedachte sich den Brief selber recht genau, übersetzte ihn aus dem Gerbersauerischen ins Deutsche und suchte sich die geschilderten Begebenheiten vor Augen zu denken. Dabei ergriff ihn Scham und Zorn, er sah das arme Frauelein verhöhnt und preisgegeben, mit Tränen kämpfen und ohne Trost allein sitzen. Je mehr er es überlegte und je deutlicher er alles sah und begriff, desto mehr schwand sein stilles Schmunzeln über den briefschreibenden Vetter dahin. Er war über ihn und über ganz Gerbersau herzlich empört und wollte schon Rache beschließen, da fiel ihm allmählich ein, wie wenig er selber in dieser letzten Zeit an die Frau Entriß gedacht hatte. Er hatte Pläne geschmiedet und sich ohne viel Heimweh gute Tage gegönnt, und währenddessen war es der lieben Frau übel gegangen, sie hatte es schwer gehabt und vielleicht auf seinen Beistand gehofft.
Indem er das bedachte, begann er sich sehr zu schämen. Das Bildnis der kleinen Witwe stand ihm nun wieder so klar und nett vor Augen, daß er nicht begriff, wie er sie tagelang fast ganz habe vergessen können. Was war jetzt zu tun? Jedenfalls wollte er sofort heimreisen. Ohne Verzug rief er den Wirt, ordnete für morgen früh seine Abreise an und teilte dies auch dem Herrn Trefz mit, der sich darüber sehr betrübt zeigte. Doch ward verabredet, daß Schlotterbeck ihn bald besuchen und seine Fabrik ansehen solle. Dann packte dieser seinen Koffer, worin er viel Übung und Geschick hatte, und während er dies tat und die Dämmerung hereinbrach, vergaß er die Scham und den Zorn und alle Bedenken und verfiel in eine muntere, tröstliche Heiterkeit, die ihn den ganzen Abend nimmer verließ. Es war ihm klar geworden, daß alle diese Geschichten nur Wasser auf seine Mühle seien. Die Schwägerin war fort, Gott sei Dank, die Frau Entriß saß vereinsamt und traurig und hatte wohl auch Geldsorgen, da war es Zeit, daß er nochmals vor sie trat und in dem abendsonnigen Stüblein ihr sein Angebot wiederholte. Vergnügt pfiff er ein Freudenlied, das stark mißglückte und ihn doch noch froher und mutiger machte, und den Abend verbrachte er mit Herrn Trefz bei einem guten Markgräflerwein. Die Männer stießen auf ein gutes Wiedersehen und eine weiterdauernde Freundschaft an, der Wirt trank ein Glas mit und hoffte beide gute Gäste im nächsten Jahr wiederzusehen.
Am andern Morgen stand Schlotterbeck zeitig an der Eisenbahn und erwartete den Zug. Der Wirt hatte ihn begleitet und drückte ihm nochmals die Hand, der Hausknecht hob den Koffer in den Wagen und bekam sein Trinkgeld, der Zug fuhr dahin, und nach einigen ungeduldigen Stunden war die Reise getan und Schlotterbeck wandelte an dem grüßenden Stationsvorstande vorbei in die Stadt hinein.
Er nahm nur ein kurzes Frühstück im Adler, der am Wege lag, ließ sich dort den Rock abbürsten und ging alsdann geraden Weges zur Frau Entriß hinauf, deren Garten ihn in der alten Sauberkeit begrüßte. Das Tor war verschlossen und er mußte ein paar Augenblicke warten, bis die Hausfrau daherkam und mit einem fragenden Gesicht – denn sie hatte ihn nicht kommen sehen – die Tür auftat. Da sie ihn erkannte, wurde sie rot und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, er trat aber mit freundlichem Gruß herein und sie führte ihn in die Stube.
Sein Kommen hatte sie überrascht. Sie hatte in der vergangenen Zeit wenig an ihn denken können, doch war seine Wiederkunft ihr immerhin kein Schrecken mehr, sondern eher ein Trost. Er sah das auch, trotz ihrer Stille und künstlichen Kühle, sehr wohl, und machte ihr und sich selber die Sache leicht, indem er sie herzhaft an beiden Schultern faßte, ihr halb lachend ins rote Gesicht schaute und fragte: »Es ist jetzt recht, nicht wahr?«
Da wollte sie lächeln und noch ein wenig sprödeln und Worte machen; aber unversehens übernahm sie die Bewegung, die Erinnerung an so viel Sorge und Bitterkeit dieser Wochen, die sie bis zum Augenblick tapfer und trocken durchgemacht hatte, und sie brach zu seinem und ihrem eigenen Schrecken plötzlich in helle Tränen aus. Bald hernach aber erschien auf ihren Wangen wieder der schüchterne Glücksschein, den Herr Schlotterbeck vom letztenmal her kannte, sie lehnte sich an ihn, ließ sich von ihm umfangen, und als nach einem sanften Kusse der Bräutigam sie auf einen Stuhl niedersetzte, sagte er wohlgemut: »Gott sei Dank, das stimmt also. Aber auf den Herbst wird das Häusel verkauft, oder willst du um jeden Preis in dem Nest hier bleiben?«
Sie schüttelte den Kopf, und er sagte fröhlich: »Da bin ich froh! Und das Privatisieren hört auch bald auf. Was meinst du zum Beispiel zu einer Lederwarenfabrik?«