19. Erzgebirgische Heilige Christfahrt aus der Zeit des 30jährigen Krieges.

Die älteste Form des erzgebirgischen Weihnachtsspieles waren die einfachen Hirtenspiele, welche die Verkündigung der Geburt Christi auf dem Felde und die Anbetung des Christkindes durch die Hirten behandelten. Hierzu kamen dann die »Heilige Christfahrten« und die »Drei Königsspiele«. Aus der Verbindung der »Heiligen Christfahrt« mit dem altüblichen Hirtenspiele ging die »Engelschar«, aus der Verbindung des »Drei Königsspiels« mit demselben die »Königsschar« hervor. Während »Engelscharen« und »Königsschar« vielfach erhalten sind, finden sich »Heilige Christfahrten« nur selten.

Eine Komödia, welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengenfelder Jugend aufführt.

1631

Personen:

Der Engel Gabriel.

Fried, Freud und ewig Seligkeit
Sei euch allen von Gott bereit,
Auch ein glückselig neues Jahr
Geb euch Gott und immerdar!
Weil heut zu dieser Abendzeit
Die ganze werte Christenheit
Sich freuen thut des heil'gen Christ,
Der jetzt gar noch vorhanden ist,
Insonderheit die Kinderlein
An diesem Abend die frömmsten sein,
Indem sie nach den schönen Gaben
Ein herzliches Verlangen haben,
So hat mich das Christkindelein
Jetzt selbst zu euch gesandt herein,
Daß ich euch seine Gegenwart
Anzeigen soll zu dieser Fahrt,
Und ihm bereite seinen Thron,
Darauf sich setz der Gottessohn.
Darum, ihr lieben Kinderlein,
Seid still, merkt auf und lernet fein
Alles, was euch der heil'ge Christ
Befehlen wird zu dieser Frist.

Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein Bauer draußen an die Thür und spricht:

Glück denen, die darinnen sein,
Macht auf, macht auf und laßt uns ein!

Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.

Der Heiland.

Eine kurze Zeit verlaufen ist,
Daß ich, genannt der heil'ge Christ,
Mein' treuen Diener in alle Land
Nicolaum hab' ausgesandt,
Daß er zum Gebet und Frömmigkeit
Die kindlich Jugend mach bereit.
Weil aber die Zeit vorhanden ist,
In welcher beschert der heil'ge Christ,
So bin ich selber kommen rein,
Zu sehen, ob die Kinderlein
Gelebt han nach mein' Gebot,
Ob sie auch treulich gefürchtet Gott,
Ob sie auch meinen Namen geehrt
Und fleißig Gottes Wort gehört,
Ob sie Vater und Mutter fein
Gehorcht und gehorsam gewest sein.
Darum, ihr Eltern, so saget an,
Wie sich die Kinder gehalten han.

Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der Heiland:

Der Eltern kläglicher Bericht
Erfreut mich itzund wahrlich nicht.
Darum ich billig Ursach hab,
Diesen Kindern durchaus keine Gab
Zu geben. Drum nehmt, ihr Diener mein,
Die Gaben, so ihr bracht herein.
Ich weiß noch frömmer Kinderlein,
Da woll'n wir jetzund kehren ein
Und ihnen geben die schönen Gaben,
Die sie gar wohl verdienet haben.

Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:

Ja, lieben Eltern, es wäre fein,
Wenn eure lieben Kinderlein
Sich so verhielten, wie ihr bericht,
Mein Mund aber ein andres spricht.
Als ich und der vor wenig Tagen
Vor diesem Haus vorüber zogen,
War ein groß Geschrei und großer Saus
Von euern Kindern in euerm Haus.
Sie schrien und blökten so schrecklich,
Daß wir beide entsetzten sich.
Solchs ich nun nicht verschweigen kann,
Sondern dem heil'gen Christ zeigen an.

Darauf der Heiland:

Meines Knechts kläglicher Bericht
Erfreut mich itzund wahrlich nicht
u. s. w. (wie oben).

Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:

O frommer Christe, Gottes Sohn,
Der armen Kindlein doch verschon.
Siehe doch, wie ihre Äugelein
Und Mündlein auf dich gerichtet sein.
Ach sieh, wie stehen sie so traurig,
Ach sollt es nicht erbarmen dich,
Bist du doch sonst gütig und milde,
Freundlich und rechter Lieb ein Bilde,
Insonderheit den Kindelein
Pflegst du hold und gewogen sein,
Sie sein unverständig und klein,
Wissen noch nicht, was recht mag sein.
Drum laß dein Zorn bald vergehen
Und bleib allhier bei ihnen stehen.
Thu anhören die Kinderlein!
Vielleicht sie frömmer werden sein.

Der Heiland.

Nikolaus, du treuer Knecht,
Du erinnerst mich jetzund recht,
Drum geh jetzt hin und stell vor dich
Die Kinderlein fein ordentlich.

Nikolaus.

Das der heil'ge Christ befohl'n allzeit
Treulich zu thun bin ich bereit.
Darum, ihr lieben Kinderlein,
Stellt euch hier in die Ordnung fein
Und thut hersagen, was ihr habt
Gelernt nach meinem Mandat.

Der Heiland.

Für mich dürft ihr euch fürchten nicht,
Euch guts zu thun bin ich verpflicht.
Mein Nam' ist Gott, mein Thun ist gut,
Mein Feind ist der, so Schaden thut.
Ich hab mit mir viel schöner Gaben
Für Mägdlein und für junge Knaben,
Welche ich denen thu geben,
Die schön und hübsch können beten.
Drum kommt, ihr lieben Kinderlein,
Heran zu mir und betet fein!

Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:

Das gefällt mir aus der Maßen wohl,
Drum ich euch billig lohnen soll.
Wohlan, Nikolaus, Diener mein,
Teil aus die Gaben den Kinderlein!

Nikolaus.

Es soll geschehen, drum nehmet jetzt
Die Gaben, die der heil'ge Christ
Jetzt geben thut euch Kinderlein,
Dieweil ihr noch könnt beten fein.

Der Heiland.

Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut
Und habt damit ein' guten Mut.
Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein,
So will ich thun den Dienern mein
Befehl'n, daß sie euch viel mehr
Gaben heut diese Nacht bescher'n.
Ich will euch auch geben allzeit
Langes Leben und gute Gesundheit.
Desgleichen all mein Engelein
Soll'n euer Hüter und Wächter sein.
Wohlauf, ihr Diener, allzumal
Singt und lobt Gott mit Freudenschall.

Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

Hiermit von hinnen scheiden wir
Und wünsche, daß mögt erleben ihr
In Fried und guter Gesundheit
Das künftig Jahr und allezeit.
Darzu auch denn der Engel Schar
Wünscht ein glückselig neues Jahr.
Ihr Kindlein habt ein gute Nacht,
Was ihr gehört, fleißig betracht.
Der Segen Gottes sei mit euch,
Zu teil werd euch das Himmelreich.
Guter Fried sei stets in dem Haus
Allen, die gehen ein und aus!

Nach den Kirchl. Mitteilungen aus Zwickau und Umgegend.