45. Das Obererzgebirge im Siebenjährigen Kriege.
1. Beginn des Krieges 1756.
Zehn Jahre des tiefsten Friedens waren seit dem zweiten Schlesischen Kriege vergangen. Da brach plötzlich der König von Preußen 1756 auf drei Punkten in Sachsen ein. Österreich und Rußland hatten ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Preußen geschlossen und sich alle Mühe gegeben, den König von Polen und König von Sachsen mit in dies Bündnis zu ziehen. August weigerte sich, demselben beizutreten. Friedrich legte die Unterhandlungen, die ihm durch den bestochenen Vaterlandsverräter Menzel bekannt geworden waren, für eine Verschwörung zu seinem Untergange aus und begann sofort den Krieg.
Torgau wurde auf Befehl des preußischen Königs befestigt und daselbst eine preußische Behörde eingesetzt, an welche alle Einkünfte aus den besetzten sächsischen Landesteilen abgeliefert werden mußten.
2. Die Preußen im Erzgebirge.
Die Preußen waren bereits im September 1756 bis Chemnitz vorgerückt und begannen von da aus Anforderungen zu machen und Lieferungen auszuschreiben im ganzen Gebirge, daß den Ortschaften, denen noch kein feindlicher Krieger zu Gesicht gekommen war, das Dasein feindlicher Soldaten mehr als zu sehr fühlbar wurde. Für sich durften übrigens die Preußen nicht wirtschaften, sondern mußten ausgezeichnet gute Manneszucht halten.
3. Die ersten Lieferungen.
Die erste Lieferung, welche nach dem Einrücken der Preußen in Chemnitz im ganzen Erzgebirge ausgeschrieben wurde, bestand darin, daß jede Hufe im Gebirge täglich liefern mußte: 6 Pfund Brot, 3 Pfund Fleisch, 3 Kannen Bier, 12 Pfund Hafer, 13 Pfund Heu, 3 Metzen Häckerling und 20 Pfund Stroh. Es wurden bald Lieferanten angestellt, ein Hauptlieferant und ein Aufkäufer für das Gebirge verordnet. Anfänglich wurde zwar alles bezahlt, aber im Monate Oktober mußte alles unentgeltlich in das zu Freiberg für die Preußen errichtete Vorratslager abgeliefert werden.
4. Aushebungen im Erzgebirge.
Die 16 000 Mann Sachsen, welche unter die preußischen Regimenter gesteckt worden waren, entliefen scharenweise dem aufgedrungenen, widernatürlichen Joche. Da gab der preußische König Befehl, daß die sächsischen Landstände 10 000 Rekruten für das Heer schaffen sollten. Am 23. November rückten 100 preußische Husaren nach Schneeberg ins Winterquartier. Am 25. desselben Monats wurden in aller Stille alle ledigen Männer von 18 bis 30 Jahren aufgeschrieben und am 30. November nachts aus den Betten geholt und zur Aushebung abgeführt. Man kaufte in Städten und in Dörfern, man fing sich gegenseitig die Leute weg. Es entstanden tausenderlei Beschwerden und Feindschaften. Wenn aber ein Ort mit seinen Rekruten in Rest blieb, so drangen Abteilungen preußischer Krieger ein und griffen schonungslos auf, wen sie tauglich fanden, nicht achtend, ob er Familienvater oder durch seine bürgerliche Stellung vom Soldatendienste frei sei. Um das häufige Ausreißen zu verhindern, erging aus dem zu Torgau errichteten Kriegs-Direktorium der Befehl, daß kein Sachse, welcher vom Regiment gewichen sei, in seiner Heimat geduldet, sondern an den nächsten preußischen Truppenteil abgeliefert werden solle. Wer einen solchen Flüchtigen verberge oder ihm zur Flucht behilflich sei, sollte selbst als ein Ausreißer behandelt werden. Dagegen sollten alle, welche sich freiwillig wieder stellten, Begnadigung erhalten.
Ungestört vom Feinde blieb von der 146 157 Mann starken preußischen Armee der größte Teil während des Winters in Sachsen stehen. Wenn wir hören, daß zu ihrer Erhaltung monatlich 911 080 Thaler nötig waren, so kann man sich denken, welche Kosten unserem Vaterlande entstanden.
Vorzüglich konnte es nicht fehlen, daß Lebensmittel aller Art im Preise stiegen, besonders im Erzgebirge, da aus Böhmen nichts heraus durfte. Als die preußischen Husaren im November in Schneeberg zum Winteraufenthalt einrückten, kostete ein Brot bereits 4 Groschen.
5. Nach der Schlacht bei Kolin 1757.
1757 im Frühlinge begann das preußische Heer zum Teil durch das Erzgebirge in Böhmen einzubrechen. Kleinere Abteilungen blieben zur Eintreibung der Lieferungen zurück. Allein nach der Schlacht von Kolin verfolgten die Österreicher ihre fliehenden Gegner nach Sachsen. Das Gebirge bekam nun plötzlich auch einzelne Heeresteile seiner Freunde und Beschützer zu Gesicht, die aber wie die eigentlichen Feinde schalteten und walteten. Bei den Preußen war lobenswerte Manneszucht. Bei den Österreichern ging das aber anders. Da waren die Husaren, Kroaten und Panduren noch ganz so wie in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Rauben und Plündern bei Freund und Feind blieb diesen immer die Hauptsache.
Doch im August bemächtigte sich Friedrich wieder des Gebirges. In Schneeberg verordnete er am 2. Januar, daß sich die sächsischen Stände am 14. Januar in Leipzig einfinden sollten bei 1000 Dukaten Strafe, wer nicht erscheine. Das Ergebnis war: Sachsen mußte sofort 6000 Rekruten, 600 Artillerieknechte, 1200 Pferde schaffen und Kriegskosten bezahlen. Auf den erzgebirgischen Kreis kam davon: 286 875 Thaler 17 Groschen, 800 Rekruten, 67 Artillerieknechte und 150 Pferde, was an den Feldmarschall von Keith nach Chemnitz abgeliefert werden mußte. Als die Rekruteneinführung begann, nahmen die Preußen nur die tüchtigsten Leute und Männer von ansehnlicher Größe.
6. Nach der Niederlage bei Hochkirch.
Nach der Niederlage bei Hochkirch 1758 drangen die Österreicher und die Reichsarmee zugleich in Sachsen ein. Ende November beherrschte es aber doch wieder Friedrich. Am 20. November wurde ein Befehl erlassen, daß 800 Wagen vom erzgebirgischen Kreis nach Chemnitz für die Preußen geliefert werden sollten. Oft trafen auch von beiden Seiten Befehle zum Liefern zugleich ein. Wenn mit unsäglicher Mühe die Gemeinden das Verlangte zusammengewürgt hatten und es an den bestimmten Ort abliefern wollten, da überkam sie gar oftmals unterwegs der Gegner von dem, für den die Lieferung bestimmt war, und nahm alles als gute Beute oder ließ sich vielleicht durch ein ziemliches Lösegeld abfinden.
7. Die Auer Schlacht 1759.
Preußen, Österreicher und das Reichsheer belästigten auch 1759 unsere Gegend. Friedrichs Bruder, Heinrich, lag in Sachsen. Dies erzeugte eine Reihe von Durchzügen, die den armen Gebirgern namentlich große Beschwerung brachten, da der österreichische General Daun mit 30 000 Mann durch das Gebirge von Böhmen aus in Sachsen einzubrechen drohte. Am 1. Mai mußte der erzgebirgische Kreis 300 Wagen nach Chemnitz und Zwickau stellen, auf jedem Wagen 12 Säcke.
Am Sonntage Exaudi, den 27. Mai, stießen Österreicher und Preußen aufeinander. Der preußische Oberst von Wolfersdorf trieb die Österreicher, Husaren und Kroaten, unter Generalmajor von Brentano, aus Aue heraus. Den Kaiserlichen mußten die Lebensmittel auf Schiebkarren nachgefahren werden, weil die wenigen noch vorhandenen Wagen zum Fortschaffen der Verwundeten verwendet werden mußten. Das ist die sogenannte Auer Schlacht.
8. Die Jahre 1760 und 1761.
Auch das Jahr 1760 brachte dem Gebirge eine Menge Drangsale. Die Neigung des Volkes war für die an Manneszucht gewöhnten Preußen. Zu Anfange des Jahres 1761 waren die Kaiserlichen von den Preußen ganz aus dem Erzgebirge bis an die böhmische Grenze zurückgedrängt. Die Preußen stellten jetzt viel ärgere Forderungen als früher. Zwickau mußte 18 000, Annaberg 16 000, Schneeberg 16 600, Aue 3000 Thaler Brandschatzung geben. Einquartierungen und alle anderen Steuern und Abgaben waren noch außerdem zu leisten. Die Preußen verfuhren mit einer Strenge, wie man sie nicht von ihnen gewohnt war. Mord und Brand waren sofort die Losung, wenn das Geforderte nicht geschafft werden konnte. Im Mai kamen die Kaiserlichen wieder, die sich als Retter geehrt wissen wollten.
9. Das Ende des Krieges.
Im Juli 1762 hatten aber die Preußen unter dem General Kleist schon wieder bei Zwickau ein Lager aufgeschlagen. Die Kaiserlichen zogen sich zurück, ohne den Angriff abzuwarten.
Die Kriege zwischen Österreich und Preußen drückten mit Einquartierungen und Kosten schwer auch auf Geyer und schlugen die Nahrung der Stadt vollends nieder. In einer Urkunde von 1762 bekannte der Stadtrichter Christian Porges mit den Ratsherren, Viertelsmeistern und einem Bürgerausschusse, daß die Gemeinde, um die von den Preußen auferlegte Brandschatzung von 6000 Thalern, die in 3 Teilen von 8 zu 8 Tagen gezahlt werden sollte, aufzubringen, von Hofrat Karl Friedrich Trier, Oberhofgerichtsassessor in Leipzig, 6000 Thaler aufgenommen habe, unter der Bedingung, daß die anderen 3000 Thaler durch jährliche Lieferung von 100 Schragen Holz, jeder Schragen drei Ellen hoch und neun Ellen breit, an das Geyersche Vitriol- und Schwefelwerk vom Jahre 1763 an verzinst und abgezahlt werden sollten. Schon im folgenden Jahre fand eine neue Anleihe statt. Ein Eintrag vom 15. Januar 1763 berichtet, daß die Preußen binnen wenigen Tagen wieder eine Summe von 6265 Thalern verlangt hätten; um dieses Geld aufzubringen, hätten sich die Bürger insgesamt verbindlich gemacht, alle bei währenden Kriegsdrangsalen erborgten und zu erborgenden Gelder samt Zinsen künftig aus eigenen Mitteln und Vermögen wieder zu bezahlen, insoweit solches nicht durch Holz, Stöcke und Kohlen geschehen könnte. Dieser öffentlichen Verpflichtung der gesamten Bürgerschaft folgte, um der gedrohten Ausplünderung zu entgehen, am 19. Januar 1763 das Bekenntnis einer neuen Anleihe von 2000 Thalern bei Hofrat Trier mit 112 Thaler Zinsen, die durch Lieferung von Stöcken an das Vitriolwerk bezahlt werden sollten. Dieser Urkunde folgte am 3. Februar das Bekenntnis der Gemeinde über eine Gesamtschuld von 10 000 Thaler bei Hofrat Trier mit dem Versprechen, die kurfürstliche Anerkennung binnen ¾ Jahr bei Personalarrest zu beschaffen. Die letzten 2000 Thaler waren infolge einer dritten Kriegsforderung von 3480 Thaler unter denselben Bedingungen aufgenommen worden.
Im Juli 1762 ist ein preußischer Truppenteil unter Generalleutnant von Seydlitz, gegen 7000 Mann Kavallerie, Infanterie und Husaren, teils durch Tannenberg durchmarschiert, teils haben sie auf den Feldern gerastet. Das ganze Kriegsvolk marschierte durch den Pfarrhof und hat der damalige Geistliche 3 Schock Korn, ein Fuder Heu und 1½ Schragen Holz eingebüßt. Vom 28. Dezember 1762 bis zum 2. Februar 1763 hat eine Eskadron schwarzer Husaren unter Rittmeister Franz v. Sorini in Tannenberg und in Dörfel gelegen. Auch haben zu dieser Zeit zwölf Husaren in Tannenberg das heilige Abendmahl genommen. Von einem Husaren ist sogar ein Altartuch der Kirche verehrt worden.
Am 24. November 1762 schloß Friedrich II. mit den Österreichern einen Waffenstillstand, worauf ein Teil des Obergebirges in der Gewalt der Kaiserlichen blieb. Am Fastnachtstage, den 15. Februar 1763, kam endlich der ersehnte Frieden zu Hubertusburg zustande. Auch in unserer Gegend hatte man Veranlassung, Gott in besonderer kirchlicher Feier zu danken.
Nach Karl Lehmann, Zippert und Dr. Falke.
10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem Siebenjährigen Kriege.
Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten Feind Maria Theresias mit großem Eifer und gewisser Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.
»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«
Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.
Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.
Nach Joh. Böhm.