Achte Szene

Lore. Biegler. Eichholz. Später Zarncke. Marie. Frau Homeyer. Zwei Dienstmädchen

Stimmen von der Straße her (durcheinander)

Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht doch mal auf! ... Aufmachen! — (Man rüttelt am Tor)

Biegler

(führt unterdessen den Alten die Treppe herab)

Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. — Vorsicht! —

Eichholz (betrunken weinend)

Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ...

Lore (ihnen entgegen)

Um Gottes willen, Vater!

Biegler

(gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore und ruft nach links hinübergehend atemlos)

Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ... Weiter is nichts. —

Die Stimmen (durcheinander)

Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen.. Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen!

Biegler

Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelächter. Abgerissene Rufe. Dann allmählich Stille)

Eichholz

(der von Lore zu dem vordersten Block geführt wird, wo er sich niedersetzt, derweilen weitergranzend)

Ich bin nu auch 'n Mörder. Ich komm' nu aufs Schafott.

Zarncke

(hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die Glastür geöffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon hinaus)

Was is da unten? Is da ein Unglück geschehn?

Lore

(mit flehender Gebärde zu Biegler hin)

Ach bitte, bitte!

Zarncke

Bekomm' ich keine Antwort?

Biegler

(nach Atem ringend, mit zitternder Stimme)

Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel gefallen, Herr Zarncke.

Zarncke

Wie hat denn das passieren können?

Biegler

Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten gelockert.

Zarncke

Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt?

Lore

(Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe)

Er hat sich wohl 'n bißchen weh getan ... Aber schlimm is es nicht, Herr Zarncke.

Zarncke

Na wenn's weiter nichts is.

Eichholz (wird allmählich still)

Frau Homeyer

(in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darüber, ist mit zwei Mägden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten)

O Gott, o Gott, o Gott, da is gewiß 'n Malheur passiert.

Zarncke (herunterrufend)

Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurück!

Marie

(die während des Vorigen in dem — gleichfalls erhellten — Fenster des Wohnzimmers erschienen ist)

Du, Lore, komm mal her zu mir.

Lore (geht zu ihr)

Frau Homeyer (derweilen)

Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da möcht' ich jeden heiligen Eid drauf schwören.

Zarncke

Na, wird's bald?

Frau Homeyer (mit den Mägden ab)

Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja.

Marie (leise)

Was schriest du da vorhin? Und zu wem?

Lore (bebend)

Ich?

Marie

Ich war wach. Mich täuschst du nicht.

Zarncke

Mariechen.

Marie

Vaterchen?

Zarncke

Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden können wir uns morgen besehn. Das heißt, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tüchtig erschreckt, Biegler — was?

Biegler

(noch immer zitternd in Erregung)

Ach — nich sehr — Herr Zarncke.

Zarncke

Na denn: Gute Nacht, Kinder.

Lore

Gute Nacht, Herr Zarncke.

Marie (gleichzeitig)

Gute Nacht, Vaterchen.

Zarncke

(geht ins Zimmer zurück und schließt die Glastür)

Lore (leise)

Morgen erzähl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern.

Marie

Aber doch nur Gutes?

Lore (fest)

Ja. Weiß Gott.

Marie (in wehmütiger Güte)

Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht.

Lore

Gute Nacht, Mariechen.

Marie (schließt das Fenster. Ab)