Siebente Szene
Lore. Biegler
Lore
(tritt aus der Kantinentür und lauscht nach links hin)
Vater, bist du's?
Biegler
Ich bin's, Fräulein.
Lore (freudig aufschreckend)
Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit — mit — noch einem?
Biegler
Nein.
Lore
Ach — 'n paar Augenblicke könnt' ich Sie sprechen — ja?
Biegler
Ich möcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heißt wenn Sie mir danken wollen etwa —
Lore
Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Weiß Gott, Herr Biegler, ich wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich weiß nicht aus, nicht ein.
Biegler
Was is denn nu?
Lore
Er — war — eben da.
Biegler
Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein?
Lore (schweigt)
Biegler
Oder will er noch immer nich?
Lore
Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er nich mehr zurück.
Biegler
So? Ei, ei!
Lore
Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er —
Biegler
Das kann ihm ja nich fehlen.
Lore
Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das möglich? — Man hungert, man hungert nach seinem Glück, jahrelang — und wie man's endlich hat — so, zwischen seinen zwei Händen, da is es mit einem Mal keins mehr, da will man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt.
Biegler
Wer satt is, soll nich essen.
Lore
Ich kann doch nicht »nein« sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da drin schläft doch mein Lenchen.
Biegler (erregt, verbissen)
Mancher Mann wär' glücklich, Ihr Lenchen auf dem Schoß zu halten.
Lore (erschrocken)
Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Sünde.
Biegler
Sünde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglück stürzt.
Lore
Das sagen Sie heute, und gestern — haben Sie Stellung und alles — haben Sie hingegeben — bloß —
Biegler
Gott weiß, wie alles kommt.
Lore
Ach, wenn ich reden dürfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure bloß immer: Was für 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hören soll ... Es war da die Rede von — Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die Angst, daß er ihm irgend was Schlimmes einredet.
Biegler
Wem kann der alte Mann denn was tun?
Lore
Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm.
Biegler
Ja, wenn Sie nich können.
Lore
Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir.
Biegler
Helfen! Ich weiß mir alleine nich zu helfen!
Lore
Ach, Sie sind stark. Das weiß ich seit gestern. Sie können, was Sie wollen! Sie —
Biegler
Hähähähä! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will nich bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder rechts, Pennbruder links — wenn nichts Schlimmeres — und mir die Augen aus dem Kopf brennen vor — — und muß doch.
Lore
Sie können doch auch da gehn, wo Sie hingehören. Zu Ihresgleichen.
Biegler
Das is meinesgleichen, Fräulein Lore. Irren sich nich. — Da gehör' ich hin ... Aus der Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe, da is Krätze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Füße, weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit um ein gefälschtes Stück Attest.
Lore
Aber noch sind Sie doch hier.
Biegler
Schon so gut wie nich mehr. Morgen früh geh' ich weg.
Lore
Aber warum denn? Warten Sie doch ab!
Biegler
Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Böses. — Ich geh' auf alle Fälle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was für einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is bloß wie 'n schöner Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr ... Ja, die Nächte, wenn der Mondschein überall auf den Blöcken liegt ... Da — sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' einen gestreichelt und den andern gestreichelt und hab' gedacht: »Wer wird dich mal behauen — der Glückliche!« ... Und wenn dann erst alles ganz still wird — ringsum auf den Straßen, — dann sitzt man mitten in der Welt wie in einem schönen, warmen Mantel — ganz ruhig und ganz — — ich sagt's Ihnen schon gestern — aber das kommt erst viel später gegen Mor — — (Hält lauschend in ängstlicher Spannung inne)
Lore
Was is?
Biegler
(Man hört links Gelächter von Frauenstimmen und Singsang — scheinbar sich entfernend)
Horchen Sie! Horchen Sie!
Lore
Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Straße. Was is denn dabei?
Biegler (leise)
Das sind die Mädchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in die Runde — von elfe ab — immer ums Straßenkarree 'rum — bis gegen Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hör', da —
Lore
Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan?
Biegler (leise, geheimnisvoll)
Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum.
Lore
Woher wissen Sie das?
Biegler
Ich hab' — sie — getroffen.
Lore (erschrocken)
Hier draußen?
Biegler
Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn hätt' — ich hab' mich bloß geschämt, weil ich so abgerissen war, sonst — weiß Gott, was ich jetzt schon wär' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger kann viel ... Na — werden ja sehn!
Lore (erschüttert)
Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie —
Biegler
Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hält mir keiner mehr die Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen — bis — ... Fräulein Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch nich gemacht.
Lore (sich ängstlich umschauend)
Ach — noch — noch — Wenn ich bloß wüßte, wo er Vater hingeschleppt hat ... Ich kann die Angst nich los werden, daß, daß — —
Biegler
Na, was denn?
Lore
Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht — dort — ja?
Biegler
Ja, ja, der hängt locker, ich weiß ...
Lore
Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre — nein?
Biegler (kurz auflachend)
Das wär' 'n richtiger Wächter, der sich vorm Finstern grault. Und heut bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter — wieder 'runter — in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Fräulein Lore ...
Lore (ohne die Hand zu nehmen)
Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefällt ... Schließlich, wenn's Ihnen die andern verzeihen, warum müssen Sie denn durchaus weg?
Biegler
Wer wird mir verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten, daß sie morgen zum Alten gehen werden — und —
Lore
Nu ja.
Biegler
— und —
Lore
Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...?
Biegler
Was is da viel zu wissen?
Lore
Herr Biegler, die Steinmetzen wollen morgen zum Alten gehn — das is richtig, aber nicht darum, was Sie glauben, sondern weil sie ihm sagen wollen, daß sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden.
Biegler (verständnislos)
Die Steinmetzen — wollen — dem Al—
Lore
Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, daß Sie vom Fach sind, und weil Ihr Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben keinen mehr was angehn, haben sie gesagt.
Biegler
Die Steinmetzen wollen — die Steinmetzen wollen — die Steinm— — — Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen — ja, warum haben Sie mir das nich schon früher gesagt?
Lore
Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle Fälle.
Biegler
Wenn die Steinmetzen wollen, warum soll ich denn —? Wenn ich wieder — ich soll wieder Krönel und Scharriereisen in die Hand nehmen? ... Ich soll wieder die blaue Schürze — umbinden — dürfen? Ich soll — soll — soll — wieder die blaue Schürze ... (Heimlich, leise, in Angst) Fräulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. — Aber — (Legt die Hand auf die Lippen) Ich hab' nämlich manchmal solche Anfälle gehabt (wischt sich über die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, daß Sie das eben gesagt haben, daß die Steinmetzen — morgen — dem Alten —?
Lore
Aber Herr Biegler, ja, ja!
Biegler
Und Sie glauben auch, es kann — nichts mehr — dazwischenkommen — bis morgen?
Lore
Was sollt' denn das sein?
Biegler
Nu, daß die Steinmetzen ihren Sinn ändern — oder daß der Alte sagt: »Nein« — oder daß mir 'n Stein auf'n Kopf fällt — oder, was weiß ich?
Lore
(sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise)
Stein auf'n —
Biegler (lachend)
Ach, wissen Sie, das wär' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n tüchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ... Ich bin mal vor der ganzen Innung — bin ich öffentlich belobt worden ... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fünfzig pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten. Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Härteste ... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da muß man — da muß man — (vom Glücke überwältigt) Die Steinmetzen — wollen — mit mir — — (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten — mit mir — arbeiten — —
Lore
(macht mitleidig einen Versuch, seinen Rücken zu streicheln)
Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ängstlich) Herr Biegler! ... Herr Biegler!
Biegler (zu sich kommend)
Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock — meine Pfeife? ... Ich bin ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! — Heut darf ich nichts versäumen, sonst ... Hahaha — hahahaha! Adieu, Fräulein Lore. Ich komm' bald wieder.
Lore
Wo wollen Sie hin, Herr Biegler?
Biegler
Runde machen — nach oben — die Treppe 'rauf ...
Lore (leise)
Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf!
Biegler
Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block?
Lore (in wachsender Angst)
Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr künftiges Leben — wenn Sie den Krönel wirklich noch mal führen wollen — wenn Sie — ... Mein Kind hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat Ihnen Glück gebracht — darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo anders, aber da nicht!
Biegler
Fräulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Gründe haben —
Lore
J, ja, ja, ja.
Biegler
Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner mehr was. Jetzt nich mehr. Nee.
Lore (entschlossen)
Dann komm' ich mit.
Biegler
Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwächtern!
Lore (ruft hinauf)
Is da einer oben? (Schweigen)
Biegler
Na sehn Sie!
Lore (leise)
Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal um den Leib. Ganz fest.
Biegler
Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst?
Lore
(umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme)
So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal sehen.
Eichholzens Stimme (von oben)
Wirste weg da, du —
Göttlingks Stimme
Scht!
Biegler
Nanu! Was is denn das? (Er reißt sich los und springt blitzschnell die Treppenstufen hinan. — In demselben Augenblicke stürzt dicht hinter ihm der Block mit Getöse herunter, prallt gegen die Stufen und zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hört oben das ängstliche Granzen des alten Eichholz und ein Stöhnen wie von Ringenden)
Lore
(ist mit einem Schreckensruf zurückgewichen und schreit, sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf)
Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an.
Göttlingks Stimme
Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin flüchten und verschwinden)