Sechste Szene

Biegler. Dann Struve

Biegler

(mit Schlüsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre umgehängt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schloß des Magazins und will zur Tür des Wohnhauses hinüber)

Struves Stimme (vom Haustor her)

He! Scht! Nachtwächter! Biegler!

Biegler

Wer is da?

Struves Stimme

'n guter Freund!

Biegler

Ich hab' keine guten Freunde.

Struves Stimme

Struve is da.

Biegler

Struve kann bei Tage kommen.

Struves Stimme

Mach auf, sonst reiß' ich an de Klingel.

Biegler

Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hört den Schlüssel sich drehen. Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na?

Struve

Fsch! Drinne wär' mer ja nu.

Biegler

Also was willst du?

Struve

Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da muß ick mir iberfihren können bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen vor lauter Ehrjefihl. Ja.

Biegler

Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wächter.

Struve

Det sagste so in deinen Jemiete. — Aber wenn du eines Morjens nicht mehr dabist —

Biegler

Wieso?

Struve

Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus denselben Suppentopp jeangelt.

Biegler (bitter)

Ach so!

Struve

Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mußte hier nu doch!

Biegler

Ja. Das bin ich mir klar.

Struve

Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroße Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Bloß, daß se morjen früh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch —

Biegler (in bitterer Erregung)

Und meinen Austritt fordern?

Struve

Wer zufällig fünf Finger hat, kann sich das ja dran abzählen.

Biegler (verbissen, verzweifelt)

Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine.

Struve

Da wärste ja auch scheen dumm, wenn du dir — nich vorher schon dinne machen wolltst. — Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat.

Biegler

Wofür? Für mich?

Struve

Ne — aber — (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor — — Ick kenn' doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaßen hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene hätten. Da kann man jar nischt vor.

Biegler

Was denn? Was denn?

Struve

Na, du weißt schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da muß man eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und — — was? Wie sagste?

Biegler (mit einem kurzen Lachen)

Ich sag' jar nischt.

Struve

Na, nu mal unter uns! — Wenn du — und du jehst hier weg, wo wirschte denn nu hinmachen?

Biegler

Wer kann das wissen?

Struve

Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block) Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson. Und so. — Aber zu viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des drickt aufs Jemiet, weißte ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe — jewissermaßen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig bist — weißte! — — na? — Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen?

Biegler

Was? Du und ich?

Struve

Nu ja. Mit die Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben — die haben wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen wälzen sich in'n Jolde, wir wälzen uns in'n jrienen Chausseejraben. Tagsüber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns 'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mußte ewig 'n krummen Puckel machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im Leben, wat die andern sind!

Biegler

Mensch! Da haste recht!

Struve

Draußen veracht' dir keiner ... Und da biste bloß einem Jehorsam schuldig, — das is der Meilenzeiger ... Na?

Biegler

(schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschluß)

Gut! Wann willst du — losjehn?

Struve

Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang.

Biegler (in Erregung)

Ich muß doch erst — mit ihm — reden ... Muß doch kündigen.

Struve

Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kündigen? Und noch eins sag' ich dir: Der Jöttlingk is 'n tück'sches Luder. Der verjeßt dir die Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen, jleich, noch auf'n nichternen Magen.

Biegler (dumpf, entschlossen)

Mir is alles egal.

Struve

Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht.

Biegler

Zeugnisbuch muß ich haben. Dann komm' ich mit.

Struve

Zeichnisbuch? Ick weeß 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn — wat willste mit 'n Zeichnisbuch? — Et steht ja woll jeschrieben: »Ehrlich währt am längsten« — aber 'n tichtiger Spitzbube fährt mit vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab wie 'ne dreck'ge Scheierbürschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie bei'n kleinen Swienegel ... Bloß natirlich — 'n jewisses Anlagekapital — det missen wir haben.

Biegler

Wozu? Woher?

Struve

Det brauchste überall. — Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de Flohjagd. — Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich — wenn de keinen Dukaten hast, kannste auch keinen Dukaten beschneiden. Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen — und so — is ja alles da.

Biegler

Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt.

Struve

Aber Mensch! — Bejreifst de denn noch immer nich?

Biegler

Was denn? Na was denn?

Struve

Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen.

Biegler

Was? Was? Was?

Struve (zaudernd, verlegen)

Na — de — de — Diamanten.

Biegler

Die willst du am Ende —?

Struve

Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles Jeschäftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert er sich. Na?

Biegler

Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause.

Struve

Du bist wohl 'n Schlamassel?

Biegler

Ich muß jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick.

Struve

Na — denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt. Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... Äh! Is nischt mehr los mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer.

(Ab, von Biegler gefolgt. Man hört das Tor auf- und zuschließen)