Dritte Szene

Die Vorigen. Frau Homeyer

(Frau Homeyer, kraftvolle, hübsche Person, zu Anfang der dreißig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem Stich ins Gemeine)

Frau Homeyer

(die Frühstückstablette mit belegten Brötchen und einer Rotweinflasche hereintragend)

Schönen guten Morgen wünsch' ich.

Zarncke

Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.

Frau Homeyer

Wenn auch. Ich sag' noch mal »Guten Morgen«. Das ziemt sich für mich. (Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?

Zarncke

Hm. Fein.

Frau Homeyer

Fräulein Mariechen, was möchten Sie?

Marie

Danke. Danke.

Frau Homeyer

Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?

Marie

Doch. Doch.

Frau Homeyer

Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen für Sie. Ich kann mir gar nich genug tun für Sie.

Zarncke

Ja, ja, Sie sind eine Perle.

Frau Homeyer

Herr Zarncke, ich kümmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich — ach ja!

Zarncke

Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hören Sie mal.

Frau Homeyer

Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.

Zarncke

Und dann so die ehrbare Lebensweise.

Frau Homeyer (seufzend)

Ja, ja.

Zarncke

Hören Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend was gehört, heute nacht?

Frau Homeyer

Ja. Gehört hätt' ich wohl so einiges. — Schritte und so.

Zarncke

Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?

Frau Homeyer

Hat mich ja keiner gefragt. Außerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' mich nich in fremde Sachen.

Zarncke

So — das sind fremde Sachen für Sie?

Frau Homeyer

Gott! Wo hab' ich denn gedacht, daß es gleich Einbrecher sind?

Zarncke

Na, was denn sonst?

Frau Homeyer

Ich hab' gedacht: es is eben Frühling, — da werden die Mannsleute doll —

Zarncke

Und die Weibsleute auch.

Frau Homeyer

Von mir können Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, daß mein armer sel'ger Mann —

Zarncke

Scht, scht, scht! Wenn, dann würd's auch nichts ausmachen. Na — und?

Frau Homeyer

Und der alte Eichholz schläft natürlich. (Mit Betonung) Und die Tochter schläft eben auch. Nu ja.

Zarncke

Ach so! Das geht gegen die Lore!

Frau Homeyer

Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. Laß das Fräulein Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie ich. Aber schließlich läuft auf dem Werkplatz 'n kleines Mädchen rum. Vater unbekannt.

Zarncke

Der Vater ist nicht unbekannt.

Frau Homeyer

Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. — Warum heiratet er sie denn nich?

Zarncke

Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?

Marie

(die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurückgesunken ist)

Nichts, Vaterchen. Du weißt ja. Mir wird manchmal so grasgrün.

Frau Homeyer

(die eilig ein Glas Wasser gefüllt hat)

Glas Wasser, Fräulein Mariechen? Glas Wasser?

Marie (trinkt — matt)

Danke schön.

Frau Homeyer

Sonst noch Wünsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)