Vierte Szene
Zarncke. Marie. Später Lenchen
Zarncke
Miezelchen!
Marie
Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frühling. Der macht einem Kopf und Glieder so schwer.
Zarncke
Ja, ja, es is der Frühling ... Selbst ich alter Knochen spür' ihn. Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du sollst eine sitzende Lebensweise führen, also führe du eine sitzende Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brötchen) Ganz lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?
Marie
Ach Gott!
Zarncke
Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hübsch anschwindelt. Bißchen Kuddelmuddel muß sein um einen 'rum, sonst weiß man gar nich, daß man lebt ... Jetzt läuft sie auch hinter dem Göttlingk her. Darum der Haß auf die Lore ... Ja, der Frühling! ... Und mit dem Arbeiten gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... Übrigens, du! Zu der Amsel auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.
Marie (freudig)
Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem Leibe schreien ...
Zarncke
Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.
Marie (betroffen)
Wie meinst du das?
Zarncke
Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. —
Marie (hinaushorchend, ruft)
Lenchen! (Sie öffnet das Fenster, der Lärm des Werkplatzes dringt herein, wie vorhin) Lenchen!
Die Stimme Lenchens (jubelnd)
Tante Mariechen!
Marie
Komm ans Fenster! Komm!
Zarncke
Tante nennt sie dich?
Marie
Soll sie nicht, Vaterchen?
Zarncke
Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.
Marie
Na, kletter hoch!
Lenchens
(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)
Tag, Tante Mariechen.
Marie
Klettre, Katz! Klettre!
Lenchen
Mußt helfen.
Zarncke
(da Marie eine Bewegung macht, rasch)
Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt es auf den Boden)
Lenchen
(die Arme um Mariens Knie schlingend)
Tante Mariechen! Tante Mariechen!
Marie (sie herzend)
Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?
Lenchen
Butterstulle.
Marie
(gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)
Lenchen
(setzt sich ihr zu Füßen auf die Stufe des Podiums und ißt unbekümmert)
Marie
Und das soll nun 'ne Schande sein — so ein Engelskind!
Zarncke
Hättst wohl gern so 'n Stückchen Schande an dir?
Marie (inbrünstig)
Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!
Zarncke
Tja! Vielleicht gibt sie's dir!
Marie
So was zu fordern, hätt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und spricht leise zu ihr)
Zarncke
Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach Marie, nimmt das Kuvert, reißt die Papiere heraus und beginnt zu lesen)
Marie
(sieht es, lächelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu schaffen)
Zarncke (murmelnd)
Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt die Papiere heimlich ins Kuvert zurück und geht erregt im Zimmer umher) Was kann man da machen? Was —
Marie (bittend)
Vater!
Zarncke
Was denn?
Marie
Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Türe kommen. Hilf doch auch dem Kinde!
Zarncke
Ja, leicht gesagt! ... Wie?
Marie
Rede mit Göttlingk wegen Lore.
Zarncke
Ich hab' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.
Marie
Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fünf Jahre ist er weg gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.
Zarncke
Herr? ... Künstler! Künstler is er geworden. Dieser wüste Kerl kann mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.
Marie
Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.
Zarncke
Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Höheres vor.
Marie
Je Höheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.
Zarncke
Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meißel vor die Füße. Na und dann? ... Weißt du: Sprich du mit ihm.
Marie (erschrocken)
Ich? ... Nein, nein, nein.
Zarncke
Warum nicht?
Marie
Vaterchen — das — kann ich nicht.
Zarncke
Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.