Elfte Szene

Marie. Göttlingk. Die anderen im Hintergrund

Marie

(ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie um sich Mut zu machen, mit der Hand übers Gesicht)

Göttlingk

(linkisch, mit durchbrechender Frechheit)

Mahlzeit, Fräulein.

Marie (tonlos)

Gesegnete Mahlzeit!

Göttlingk

Möchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Fräulein dienen kann?

Marie

Herr Göttlingk, Sie sind lange weg gewesen.

Göttlingk

Jawohl, bißchen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da.

Marie

Das freut mich, daß Sie wieder da sind, Herr Göttlingk.

Göttlingk

Nu, das is ja höchst schmeichelhaft für mich. Danke schön.

Marie (rasch, ängstlich)

Nein, nein, der Lore wegen.

Göttlingk

Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg.

Marie

Was für 'n Weg, Herr Göttlingk?

Göttlingk

Wissen Sie was, Fräulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darüber nicht. Da sind Sie viel zu fein zu. — Das sind solche Geschichten.

Marie

Sie wissen wohl gar nicht, Herr Göttlingk, wie lieb Sie die Lore hat?

Göttlingk

Mädchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafür sorgt schon der liebe Gott.

Marie (ihn bestürzt anstarrend)

Herr Göttlingk, so schlecht können Sie doch gar nicht sein. Wenn die andern auch sagen, Sie seien gewalttätig und — Ich habe Sie immer für einen guten und edeln Menschen gehalten.

Göttlingk

Na, macht sich!

Marie

Und ich weiß, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen immer mit Freuden zugehört.

Göttlingk

So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra für Sie gesungen, Fräulein Mariechen.

Marie (tödlich erschrocken)

Wieso — für — mich?

Göttlingk

Nu, weil ich schon weiß, daß Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also müssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben. Jawohl. Mach' ich.

Marie (außer Fassung)

Es handelt — sich hier — aber gar nicht — um mich.

Göttlingk

(in trumpfender Männlichkeit)

Warum eigentlich nich, Fräulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch 'n mal um Sie handeln?

Marie

(sprachlos, ratlos, schließt für einen Augenblick die Augen, dann — da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hört, eilt sie hilfesuchend auf ihn zu)

Vaterchen! Vaterchen!

Göttlingk (seinen Schnurrbart drehend)

Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten)