Vierte Szene

Lore. Biegler

Biegler (setzt sich an den Mitteltisch)

Lore

(geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links)

Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu große Herren.

Biegler

Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)

Lore

Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?

Biegler

Ich — krieg' — monatlich. (Schweigen)

Lore

(immer in freudiger Erregung)

Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich.

Biegler

Ich red' ja — auch sonst nich — viel.

Lore

Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was — ganz was — Besonderes — passiert.

Biegler

Was Gut's?

Lore (nickt)

Biegler

Da gratulier' ich.

Lore

Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. — Und da möcht' ich, daß es auch andern so geht. Ihnen auch.

Biegler (schwer atmend)

Danke!

Lore

Herr Biegler — ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich weiß ja, was Sie quält — seit gestern.

Biegler

(sich in Erstaunen jäh umwendend)

Und da reden Sie noch mit mir?

Lore

Ja — is es denn wahr?

Biegler (nach einer Pause, schwer)

Die Herren Geschworenen haben die Frage — ob's Notwehr gewesen is oder nich — verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen)

Lore (nach innerem Kampfe)

Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.

Biegler (bitter lachend)

Sie?

Lore (zaghaft)

Sie wissen doch!

Biegler

Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl — —

Lore

Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst hab' vor Ihnen?

Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend)

Ich geh' schon. Ich geh' schon.

Lore

Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?

Biegler

(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)

Ach! ... (hart) Ne.

Lore

Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie?

Biegler

Das sollt' ich wohl wissen.

Lore

Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jährchen Druck — immer derselbe Druck. Das genügt.

Biegler (bitter)

Ob's genügt.

Lore

Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet — ach, lustig sein kann man sogar — man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.

Biegler (eifrig)

Ja, ja, ja, — so is es, — ja, ja.

Lore

Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.

Biegler

Das hätt' ich schon — aber — (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl wieder weg.

Lore

Ich denk', Sie waren zufrieden.

Biegler

Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten — alle — im Himmel wär' ich gewesen. Morgens — so gegen zweie — da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. — Doch! — Einer kann kommen ... Die kann immer kommen. Sie is noch nich — aber sie kann.

Lore (mit beruhigendem Lächeln)

Na wer denn, wer denn?

Biegler

Ach so — ich soll ja mein Herz erleichtern.

Lore

Nicht — wenn Sie nich wollen.

Biegler

Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will mit anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen Sie eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«

Lore (schüttelt heftig den Kopf)

Biegler

Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: »Gott sei Dank.«

Lore

Ach, es is schrecklich.

Biegler

Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? ... Daß der Weg mich in die Schlafstelle geführt hat — und gerade in die? ... Daß die Frau jung war — mit Flunkeraugen — und daß sie immer so machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er — aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat — mit ihr — — und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? So! (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich.

Lore (mitleidig)

Mein lieber Gott.

Biegler

Ihr lieber Gott is nich mein lieber Gott. Sonst ließ' er das nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.

Lore (fest)

Sie sollen nicht gehn, Herr Biegler.

Biegler (in flackernder Angst)

Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.

Lore

Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kümmern sich um nichts.

Biegler

Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?

Lore

Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind die von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.

Biegler

Wenn's nu aber doch wahr is?

Lore

Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn die sehn, daß Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?

Biegler (nickt voll Grauen)

Lore

So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zähne.

Biegler (stammelnd)

Ach ich — m — mir bl — eibt ja jedes Wort in der Kehle.

Lore

Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!

Biegler

Und 's kann sein, wer's will? Ja?

Lore (stutzend, dann stark)

Ja.

Biegler (dumpf, zagend)

Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)