Fünfte Szene
Die Vorigen. Lohmann. Sprengel. Struve.
Drei andere Arbeiter
(Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und setzen sich an den Tisch rechts)
Lohmann
Glas Bier!
Sprengel
Mir auch.
Struve
Jedem eins.
Sprengel
Kiekt mal, wer da huckt!
Lohmann
Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra für ihm hingebaut.
Struve
Der Mensch sitzt, wo er kann. — Laß ihm sitzen.
Lore (Bier bringend)
Wohl bekomm's!
Lohmann
Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen an)
Lore
(bringt auch Biegler ein Glas Bier)
Sprengel
Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?
Lohmann
Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.
Struve
Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine eigenen Sorgen.
Lohmann
Wat vor Sorgen?
Struve
Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so — dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.
Sprengel
Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?
Struve
Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. — Da brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?
Lohmann (lachend)
Ne.
Struve
Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen —
Lohmann
Was?
Struve
Na — de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? — Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.
Sprengel
Jlickliche Reise. Prost.
Struve
Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus — wie de Schwalben.
Lohmann
Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.
Sprengel
Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.
Struve
Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er noch nich 'raus.
Lohmann
Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?
Biegler
(der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)
Lore (abweisend)
Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?
Lohmann
Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man weiß nich, wie?
Lore (abweisend)
Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.
Lohmann
Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.
Biegler
(steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder)
Lohmann
Hat jesessen.
Sprengel
Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?
Struve
Nu — die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen)
Lohmann
Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, — damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es wird nötig.
Sprengel
Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl.
Lohmann
Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; — da hab' ich auch kein Erbarmen.
Biegler
(zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)
Sprengel
Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.
Lohmann
Warum steht er denn nich auf und —