Zwanzigstes Kapitel.

In weichen blauen Schatten, blaßflimmernden Lichtstrahlen gleitet der erste Maitag in die Nacht hinüber. Bogenlampen kämpften noch mit der Tageshelle, glühen fahl und gespenstisch auf.

Reges Treiben herrscht auf den Straßen, Menschen hasten dahin, stoßen, drängen in eine Richtung, als wären sie magnetisch angezogen. Auf dem Potsdamer Platz staut sich das Volk; harte Arbeitergesichter, blasse abgehärmte Frauen, zufrieden-fette neugierig glotzende Bürger, Schutzleute mit herausfordernden Gebärden, alles wogt durcheinander. Bisweilen schrillt ein Pfiff durch die Luft, ein Ruf wird laut; leises gedämpftes Murmeln umspült den Platz, wie Wogen ein Felsenriff.

Noch kommen Menschen, mehr und mehr. Seltsam verändert scheinen die seit zwei Jahren in tierischer Ergebung verstumpften Gesichter. Trostlose Augen leuchten plötzlich hoffnungserfüllt, halboffene Münder scheinen nach frischem Trank zu gieren, schlaffe Muskeln straffen sich, von neuer Ahnung belebt. So mag die Menge ausgezogen sein, den Nazarener zu sehen, der Worte des ewigen Lebens hatte. Und so, mit dem hämischen Feindesblick, mit der satten Selbstherrlichkeit mögen auch damals die Pharisäer und Reichen abseits gestanden haben, törichter Neugierde voll, wie heute die Bürger.

Menschen um Menschen, schwarz wird der dicht gedrängte Platz, und noch immer kommen neue hinzu, kommen, kommen ...

Einer hat sie gerufen, einer, auf den sie vertrauen dürfen, der Freund der Geknebelten und Geknechteten, der Mann, der aus dem Schlamm der Feigheit, in dem seine einstigen Genossen versunken sind, aufstieg, der Feind der Herren und Unterdrücker.

Er spricht zu ihnen, Blitze sind die kurzen scharfen Worte, die das Dunkel der Geister erhellen, Schöpfung ist seine Rede, aus verängsteten Herdentieren formt sie Menschen, Ketten zerreißt sie, knüpft von neuem das Band, das Volk mit Volk vereint. Von Mund zu Mund gehen seine Worte, fallen, unauslöschlicher Funken, auf entflammbaren Boden. Bebende Bürgerangst peitscht die Schutzleute vor: »Laßt diesen Mann nicht sprechen, seine Worte bedeuten Verderben für uns. Weh uns, wenn das Volk die Wahrheit erkennt. Schafft uns den Mann aus dem Weg!«

Die Polizisten drängen durch die Menge; da erhebt der Mann seine Stimme, tausend Stimmen aus allen Ländern klingen in dieser einen Stimme mit, Drohung, Prophezeiung, Weltgericht verkündet die Stimme: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!«

Zwei Schutzleute greifen ihn, er wehrt sich, wird fortgeschafft. Schreien, Johlen und Pfeifen schlägt gegen Häusermauern. Langsam zerstreut sich die Menge. Sie trägt die Worte mit heim, wird sie hüten und wahren, bis sie, zum Feuerstrahl werdend, in das morsche Gebäude hineinschlagen, das ihnen allen als Kerker dient.

Rohe Hände haben des Mannes Mund verschlossen, und doch fliegen seine Worte über die Grenzen, entflammen die Herzen der wenigen Getreuen in den anderen Ländern mit Freude und Hoffnung, treiben anderen, denen der Mut der Überzeugung fehlt, Schamröte ins Gesicht.

»Gott sei Dank, der ist unschädlich gemacht,« seufzen erleichtert die Bürger, »nun können wir unseren heiligen Krieg ungestört genießen; er hat ja doch auch seine guten Seiten.«

Gioia hat die Nachricht von Karl Liebknechts Verhaftung gebracht, bestürzt sitzt sie mit Johannes und Lene in der Wohnung der letzteren.

»Was nun?« fragt Johannes mit der alten Verzagtheit.

Gioia hat glühende Wangen und leuchtende Augen. »Doppelte Arbeit für uns; auch im Gefängnis bleibt er unser Führer, wirkt vielleicht noch mehr denn zuvor. Weißt Du nicht, was in den Meßgebeten der Märtyrer steht: »Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.« Die schwerste Arbeit ist getan, die Masse hat die Not erkannt, die sie umgibt, jetzt können auch kleine Leutchen wie wir, den Weg zur Wahrheit weisen.«

Lene drückt der Freundin Hand. »Du bist die Tapferste von uns, Gioia, verlierst nie den Mut.«

»Wenn Ihr ihn heute abend gesehen hättet!« rief die junge Frau begeistert. »Das war nicht ein Mensch wie die anderen, der da stand und sprach, war die Verkörperung aller Menschensehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, die Liebe aller Liebenden, und der Haß aller Hassenden. So lange ...« Sie stockt, draußen wird heftig geklingelt, Lene erhebt sich und tritt gleich darauf von Gustav gefolgt wieder ins Zimmer.

Gustav ist sehr blaß, er beantwortet kaum den Gruß der anderen, wendet sich sofort an die Schwester.

»Lene, wann kommen Deine Narren wieder zusammen?«

»Meine Narren?«

»Ja, Narren, Revolutionäre, Heilige, wie Du sie nennen magst. Ich will mich Euch anschließen, mit Euch arbeiten, kann nicht mehr abseits stehen.«

Die drei starren ihn betroffen an.

»Was ist mit Ihnen geschehen?« fragt Gioia verblüfft.

Gustav wirft sich aufs Sofa. »Geschehen? Ich habe eingesehen, daß jeder, der nicht gegen diesen gottverdammten Krieg arbeitet, ein Verbrecher ist, daß jeder, der abseits steht, ein Verbrecher ist, daß ...«

»Aber wie kommst Du mit einem Mal darauf?« Johannes betrachtet staunend den Freund; noch nie hat er ihn so erregt gesehen.

»Sie waren am Potsdamer Platz!« ruft Gioia erratend.

»Ja, zufällig kam ich vorbei. Ein Mann drückte mir ein Flugblatt in die Hand; ich las darin und fand alles, was dort geschrieben stand, richtig, trotz des ungeschliffenen Stils. Dann sah ich, wie sich Leute um einen Mann drängten; ich folgte ihnen, fragte, wer der Mann sei. Einer lachte: ›Das wissen Sie nicht? Das ist Karl Liebknecht.‹ Woher sollte ich das wissen, ich hörte den Namen zum erstenmal. Ich hörte zu, was Liebknecht sprach, es waren nur wenige Worte – aber es war die Wahrheit. Als ich dann sah, wie er abgeführt wurde, weil er die Wahrheit ausgesprochen hatte, ward mir seltsam zumute. Ich glaube sogar, ich habe mitgebrüllt, als er im Gehen nochmals rief: ›Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!‹« Gustav schöpfte Atem und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Nachher,« fuhr er fort, »spazierte ich planlos umher, merkte, in Gedanken vertieft, gar nicht, wohin ich kam, und befand mich plötzlich auf dem Friedrichsbahnhof. Da fiel mir Anatol ein; heute verstand ich ihn zum erstenmal. Ich betrat den Perron.« Er lachte ein wenig befangen. »Alles hat zusammengewirkt; es war soeben ein Verwundetentransport eingelaufen. Ihr wißt, ich bin nicht weichherzig, aber ich hätte heulen mögen bei dem Anblick, oder noch lieber ein paar Verbrecher erschlagen, die an allem schuld sind. Ist das nicht die richtige Stimmung für einen Revolutionär?«

Gioia fiel ihm um den Hals. »Lieber alter Gustav! Morgen werden wir Sie bei den ›Narren‹ einführen. Sagte ich es nicht, Johannes? Das Blut der Märtyrer ...«


Etwa eine Woche später stürzte Gustavs Wirtin aufgeregt in sein Arbeitszimmer: »Ein Herr Unterstaatssekretär und Professor Westwald fragen, ob Herr Doktor sie empfangen können?«

Gustav schnitt ein geärgertes Gesicht. »Die alten Trottel! Na gut, ich lasse bitten.«

Die beiden Herren erschienen und waren äußerst verbindlich und liebenswürdig. Gustav, der wohl ahnte, was der Zweck dieses Besuches sei, benahm sich zurückhaltend, fast unhöflich, was seine Gäste jedoch gar nicht zu bemerken schienen. Man sprach von allerlei gleichgültigen Dingen; schließlich wurde es Gustav langweilig, er unterbrach ein Kompliment des Unterstaatssekretärs mit den Worten: »Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre dieses Besuches?«

Der Unterstaatssekretär betrachtete angelegentlich seine wohlgepflegten Nägel, räusperte sich und bemerkte: »Herr Professor Westwald hat mich bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß Sie, Herr Doktor, sich mit der Herstellung giftiger Gase befassen. Wenn ich den Herrn Professor richtig verstanden habe, so ist Ihnen eine Zusammensetzung gelungen, die die bereits bekannten weit übertrifft.«

Gustav grinste. »Das will ich meinen, daß meine Formel besser ist.«

»Wir haben nun erwartet,« fuhr der Unterstaatssekretär salbungsvoll fort, »daß Sie, Herr Doktor, uns Ihre Erfindung anbieten würden. Da dies bis heute noch nicht geschehen ist, suchte ich Sie auf, um ...«

»Weshalb sollte ich Ihnen das Angebot machen?«

»Wir wissen ja, aus welch echt patriotischer Familie Sie stammen, Ihr Herr Bruder hat an der Front wahre Heldentaten verrichtet und ...«

»Mein Schwager sitzt im Gefängnis.«

Der Unterstaatssekretär schien peinlich berührt. Begütigend legte er die Hand auf Gustavs Schulter: »Mein lieber Doktor, niemand ist für angeheiratete Verwandte verantwortlich; es fällt niemandem ein, Ihnen aus dem unpatriotischen Verhalten Ihres Schwagers einen Vorwurf zu machen. Aber eben in Berücksichtigung dieser Tatsache muß es Ihnen als Patriot doppelt am Herzen liegen, dem Vaterland in seiner Not zu helfen.«

»Ich bin kein Patriot.« Gustav begann ungeduldig zu werden.

Der Unterstaatssekretär wetzte unruhig auf seinem Sessel hin und her.

»Der Herr Doktor meint wohl, er sei gegen Annexionen,« warf Professor Westwald beschwichtigend ein, »dies ist ja auch die Ansicht verschiedener durchaus ehrenhafter, loyaler Leute.«

Eine peinliche Pause folgte.

Schließlich nahm der Unterstaatssekretär wieder das Wort. »Es ist Ihre Pflicht, Herr Doktor, uns die Formel auszuhändigen; das müssen Sie doch selbst einsehen?«

»Wenn ich es aber nicht einsehe?«

»So werden wir, so leid uns dies auch tut, zu strengeren Maßnahmen schreiten müssen.«

Jetzt verlor Gustav die Geduld. Er schnellte auf und schrie seinen Gast an:

»Strengere Maßnahmen! Wer gibt euch ein Recht auf mein Gehirn und dessen Erzeugnisse? Ich habe mich mit der Sache befaßt, weil sie mich interessierte, aber nicht, um an unzähligen Unschuldigen zum Mörder zu werden. Zupfen Sie mich nicht am Rock, Herr Professor Westwald, ich weiß genau, was ich tue, und ich erkläre Ihnen hiermit, Exzellenz, Sie werden die Formel nicht bekommen

Auch der Unterstaatssekretär hatte sich erhoben, blaß vor Zorn starrte er auf Gustav. »Sie werden die Regierung zu Schritten zwingen, Herr Doktor, die Ihnen äußerst unangenehm sein dürften.«

»Ich pfeife auf eure verdammte Regierung!« Außer sich vor Wut, riß Gustav die Schreibtischlade auf, zog einen beschriebenen Zettel heraus und zerriß ihn, bevor ihn die beiden daran hindern konnten, in kleine Stücke. »So, Exzellenz, jetzt lassen Sie eine Haussuchung vornehmen, das war die Formel!« Er lachte grimmig auf: »Aber da drin in meinem Kopf steht sie noch immer geschrieben, und ich werde sie vielleicht einmal anderweitig verwenden können.«

Der Unterstaatssekretär wandte sich an den Professor. »Haben Sie die letzten Worte des Herrn Doktor genau gehört; könnten Sie sie im Notfall unter Eid bestätigen?«

Professor Westwald nickte: »Jawohl, Exzellenz.«

Ohne ein weiteres Wort schickten sich die beiden Herren zum Gehen an. Gustav begleitete sie mit ausgesuchter Höflichkeit bis zur Tür. »Es war mir eine große Ehre, Exzellenz.«

Allein geblieben lachte er auf: »Was ist denn eigentlich in mich gefahren? Gott weiß, was ich mir da eingebrockt habe! Und weshalb war ich so wütend? Aus revolutionärer Gesinnung oder – über die Vergewaltigung der Wissenschaft?«