Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Boris Isralew lag im Sterben. Seit Monaten bereits fragte sich Johannes staunend, was dem siechen Körper noch die Kraft zum Leben gab; war es der unbeugsame Wille des einstigen Katorgasträflings, der nicht fortgehen wollte, ehe er das Ende des Entsetzens gesehen hatte, oder die glühende Sehnsucht nach der ersten befreienden Tat im Deutschen Reich?

Er wurde immer ungeduldiger, herrschte die Freunde an, wenn sie von ihrer Arbeit berichteten, von Flugblättern, geheimen Versammlungen.

»Ihr bleibt im ersten Kapitel des Evangelium stecken!« pflegte er gereizt auszurufen. »Bei euch ist es immer noch: im Anfang war das Wort. Laßt doch endlich die Tat folgen. Euere vielen Worte, gesprochene wie gedruckte, erdrosseln die Tat. Aber natürlich, in diesem verdammten Land der Ordnung wartet ihr, bis euch die Revolution behördlich gestattet wird!« Als er allmählich schwächer wurde, verschwand jedoch seine Ungeduld. »Es muß ja kommen und wird auch ohne mich gehen. Wir haben euch den Weg gezeigt.«

Er sprach von Rußland, grenzenloses Heimweh hatte sich seiner bemächtigt. Wenn die langen Schatten des Sommerabends in die Stube fielen, redete er verwirrten Geistes vor sich hin: »Siehst Du, wie die Ebene leuchtet? Endlos, unbegrenzt. Und dort hinten der Birkenwald, wie er duftet. Heilige russische Erde, Mutter der Märtyrer und des Heiles, sehe ich Dich doch noch einmal?« Er sprach zu alten Kameraden: »Morgen, Ivan, wenn der Minister ausfährt ... Ist Dein Revolver in Ordnung? ... O diese Fesseln, wie eisig sie im Winter sind! ... Wer ist in der Nachbarzelle? Klopfe noch einmal, Kamerad, ich habe Dich nicht verstanden.«

Dann kamen Tage, an denen er stumm, bewußtlos dalag. – –

An einem Augustmorgen, als es zu dämmern begann, öffnete er die Augen. Frau von Reuter, die an seinem Bett eingenickt war, erwachte, als seine Hand ihre Schultern berührte. Er blickte sie an, ohne sie zu erkennen, lächelte, sprach ein paar russische Worte, hob die Arme und rief: »Wir siegen!« Dann streckte sich der abgezehrte Körper, bäumte sich noch einmal auf und fiel zurück; die gebrochenen Augen blickten starr nach dem Fenster, in die aufgehende Sonne.


Als Lene etwa eine Woche später Johannes und Gioia aufsuchte, blieb sie wie erstarrt an der Türschwelle stehen; der Mann dort beim Fenster, unmöglich, es konnte ja nicht sein, und dennoch ... »Savin!«

Ein wohlbekanntes Gesicht lachte ihr entgegen. »Ein kleiner Irrtum, liebe Lene, Herr Rotberger, Kaufmann aus Linz.«

»Wie ist es denn möglich?«

»Alles ist möglich und mehr als alles wird möglich werden. Wie geht's, Strohwitwe? Was macht Anatol? Und Gustav sitzt auch? Ich habe auch gesessen, verdammt lange sogar, bis zur zweiten Revolution.«

Am Abend kamen sie alle bei Frau von Reuter zusammen. »Es sind unser recht wenig geworden,« meinte Savin, sich im Kreise umblickend. »Den armen Boris hätte ich gerne noch gesehen. Und wo steckt der Prophet?«

»Der geht überhaupt nicht mehr aus,« erwiderte Johannes. »Hockt den ganzen Tag daheim und betet. Er glaubt, der Messias werde demnächst kommen.«

»Er hat so Unrecht nicht, der alte Mann. Wir in Rußland haben mit dem Aufbau des Gottesreiches begonnen,« bemerkte Savin ernst.

»Erzähle!«

Er erzählte, berichtete, wie der geballte Wille eines gepeinigten Volkes Gestalt angenommen, und aus dieser Gestalt sich das Räterußland entwickelt hatte.

»Blutig, sagt Ihr, sei die Revolution verlaufen? Ja, sollen wir etwa unseren Feinden mit der reinen Vernunft auf den Leib rücken? Sie wehren sich, das ist von ihrem Standpunkt aus begreiflich, und wir sind verpflichtet, das Errungene zu schützen. Nicht etwa, daß es vernichtet werden könnte. Erschlagt uns alle, setzt die Autokratie wieder ein, aus der russischen Erde werden sich Menschen bilden, die unsere Idee fortführen. Rußland ist durchtränkt von der Idee, sie sickert in die Geister ein; unsere Feinde von gestern sind heute unsere Anhänger. Propaganda? Freilich treiben wir Propaganda; aber ich meine, wir hätten es gar nicht nötig. Wir haben die Jahrtausende alte Sehnsucht der Völker verwirklicht; unser bloßes Bestehen ist Propaganda genug.«

»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner.

»Bei Euch ist das anders. Ihr müßt vom Schlamm der Bourgeoisie erst in den Schmutz des Kleinbürgertums geraten, des brutalen, herrschsüchtigen Kleinbürgertums. Euch fehlt der Schwung, um diese Stufe zu überspringen. Ihr müßt Euch emporarbeiten, Schritt für Schritt, werdet zurückfallen und von neuem beginnen müssen. Das weiß man bei uns; wir rechnen noch nicht auf euch, in drei, vier Jahren vielleicht.«

»Wir sind nicht müßig gewesen,« warf Gioia ein.

»Ich weiß es, auch ihr habt gute Führer, nur sitzen die meisten jetzt augenblicklich im Gefängnis. Und dann noch eins, das russische Volk vermag seine wahren Führer zu erkennen, das deutsche nicht. Gebt ihm Lenin oder Trotzki, es wird ihn nicht verstehen, wird Mißtrauen empfinden, sich gegen ihn aufhetzen lassen.«

»Haben Sie uns keine Botschaft gebracht, Savin?« warf Lene ein.

»Rotberger, bitte. Ja; aber die muß ich zuerst anderen berichten, dann sollt ihr es erfahren.«

Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, fragten, erzählten. Es war, als sei mit dem Russen ein frischer Lufthauch gekommen, der die dumpfe Schwüle zerstörte. Sie lauschten ihm, wie man dem Wanderer lauscht, der heimgekehrt, von einem sagenhaften Lande berichtet, einem Lande, in dem alle Träume und Sehnsüchte Wahrheit geworden sind.


Die Welt hielt den Atem an und wartete mit klopfenden Pulsen. Die Zentralmächte hatten ein Friedensangebot gemacht. Es gab keine laute Freude, allzu teuer war dieser Friede erkauft; dumpfer Groll erhob drohende Fäuste.

Die Patrioten zitterten, sie waren bereit, alles zu opfern, selbst den »geliebten Kaiser«, um das Volk zu beschwichtigen. Das Volk! Was war aus der stumpfen Masse geworden, dem wehrlosen Schlachtvieh, über das die Herren bedingungslos verfügen konnten? Plötzlich löste sich diese Masse auf, und man erkannte schaudernd, daß sie aus Menschen bestand, lauter verbitterten, haßerfüllten Menschen. Und wie viele es waren! Früher hatte man jubelnd gesagt: »Ja, wir haben es, das Menschenmaterial« und hatte sich über die Zahl derer gefreut, die man in den Tod schicken konnte. Heute verfluchten die Herren die ungeheuere Anzahl, ja, mit einem kleinen Volk, mit dem könnte man fertig werden, ein paar verläßliche Regimenter würden genügen. »Verläßliche Regimenter?« Wer ist heute noch verläßlich? Matrosen meutern, Soldaten; seltsam, es war den Herren nie eingefallen, daß auch diese zum Volk gehören, Volk sind. Nun mußten sie's erkennen. – –

Die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Der Volksstaat Bayern wurde proklamiert; noch stritt man über des Kaisers Rücktritt, da wurde auch schon in Berlin die Republik ausgerufen.

»Revolution?« sagte Savin zu Gioia, die außer sich vor Freude war. »Das ist keine Revolution. Ist vielleicht der Auftakt. Wer hat die Republik verkündet? Ein Sozialpatriot. Wer wird herrschen? Die Sozialpatrioten. Der kleine Bourgeois kommt ans Ruder, Kerenski und Dan. Das Volk ist eben so schlecht daran, wie zuvor, schlechter, weil man ihm noch leichter vortäuschen kann, es habe mitzureden. Glaubt ihr denn Revolution sei eine Spielerei? Solange sie nicht ein Elementarereignis ist, ein Ausbruch der Masse, kann sie nichts erreichen.«

»Du hast Unrecht, Savin,« meinte Johannes.

»Wir werden ja sehen. Weil ein Wetterleuchten die Nacht erhellt hat, wähnt ihr, der Morgen sei gekommen. Glaubt mir, die Nacht, die dieses unglückselige Land bedeckt, muß noch weit dunkler werden, ehe es tagt.«

Von der Straße drangen Jubel und Freudenrufe ins Zimmer. Gioia öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus.

»Der falsche Messias,« murmelte Savin verdrossen, »der Heiland der Bürger! Schließen Sie das Fenster, Gioia, ich kann es nicht ertragen, die Leute denen zujubeln zu hören, die sie knechten werden.«