25. August.
Ich miethete hier ein frisches Pferd, mit welchem ich bis Kongsberg, vier Meilen weit, fuhr. Die ersten anderthalb Meilen boten eine Fortsetzung der gestrigen romantischen Gegend; nur die See blieb zurück. Dafür hatte ich lange den schönen Fluß zum Gefährten, bis ich eine kleine Anhöhe erklimmen mußte, von der ich ein großes, und wie es schien, auch ziemlich bevölkertes Thal übersah; denn überall lagen theils Gruppen von Häusern, theils einzelne Höfe. – Sonderbar ist es, daß man in ganz Norwegen selten große Ortschaften findet; jeder Bauer baut sein Haus inmitten seiner Grundstücke.
Von dieser Anhöhe an wird und bleibt die Gegend etwas einförmig; am meisten verliert sie durch den Mangel des Meeres. Die Gebirge werden niedriger, das Thal verengt sich, und man ist allerseits von Wald- und Felspartieen umschlossen. Was die norwegischen Felsenregionen ganz eigen für sich haben, ist ihre Nässe. Von allen Seiten sickert das Wasser hervor, aber gerade nur so viel, um die Steinflächen wie mit einem Schleier zu überdecken. Scheint dann die Sonne auf solch eine benäßte Felsenplatte, deren es zwischen und ober den Waldpartieen sehr viele und mitunter auch große gibt, so erglänzen sie wie Glas- oder Spiegel-Wände.
Dieser Theil von Norwegen, nämlich Delemarken, scheint noch ziemlich bevölkert zu sein. – Selbst hier in diesen ausgedehnten, finstern Waldungen traf ich häufig einzeln stehende Bauernhütten, die in die einförmige Landschaft doch einiges Leben brachten. – Der Fleiß des norwegischen Bauers ist groß, denn jedes Fleckchen Erde, oft an den steilsten Abhängen, war mit Kartoffeln, Gerste oder Hafer bebaut; auch ihre Häuschen sehen recht freundlich aus und waren meist mit ziegelrother Farbe übertüncht.
Die Straßen fand ich sehr gut. Besonders war es jene von Christiania bis Drammen; auch an der von Drammen nach Kongsberg fand ich nur wenig auszustellen. – Man hat in Norwegen einen solchen Ueberfluß von Holz, daß die Straßen von beiden Seiten mit hölzernen Zäunen besetzt sind; ja jede Wiese, jedes Feld ist gegen das Eindringen des Viehes durch einen derlei Zaun geschützt, und die schlechten Wege im Walde werden sogar mit runden Baumstämmen überlegt.
Das Bauernvolk hat in diesen Gegenden keine eigene oder bemerkenswerthe Tracht; nur die Kopfbedeckung der Weiber läßt komisch. Sie tragen nämlich einen vollkommenen Damenhut, der, freilich nach einer Mode des vorigen Jahrhunderts, rückwärts mit einem kleinen Bunde geziert, und vorne mit einem großen Schirme versehen ist. Diese Hüte sind von allen Stoffen, meist aus den Resten alter Kleidungsstücke zusammen gemacht, und nur an Sonntagen sieht man schönere, manchmal sogar seidene.
In der Gegend von Kongsberg hört dieser Kopfputz auf; da tragen sie kleine Häubchen, nach Art der schwäbischen Bäuerinen; Röcke, die beinah bis an die Schultern reichen, und ganz kurze Spenser, eine Tracht, die sehr häßlich läßt, da der ganze Wuchs durch den kurzen Leib verunstaltet wird.
Das Städtchen Kongsberg ist ziemlich ausgebreitet, und liegt über alle Beschreibung schön auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte eines großen herrlichen Waldthales. Das ganze Städtchen ist zwar nur, wie alle Städte Norwegens, Christiania ausgenommen, von Holz erbaut, doch hat es viele schöne, nette Häuser und einige breite Gassen. Besonders hübsch nimmt sich die Kirche aus, die auf der Spitze der Anhöhe steht, und hoch über alle Gebäude empor ragt.
An der Stadt fließt der Strom Storri Elf, der gerade unterhalb der Brücke über Felsentrümmer stürzt und einen, zwar kleinen, aber recht artigen Fall bildet. Am besten gefiel mir dabei die Farbe des an den Felsen aufspringenden Wassers. – Es war gegen Mittag als ich über die Brücke fuhr, die Sonne beleuchtete den Strom und die ganze Gegend, und die an den Felsen zerschellenden, und wieder aufsteigenden Wogen erschienen, vermöge der Beleuchtung, in schöner blaßgelber Farbe, so daß sie großen Massen des herrlichsten, durchsichtigsten Bernsteines glichen.
In der Nähe von Kongsberg befinden sich zwei bedeutende Merkwürdigkeiten, ein reichhaltiges Silber-Bergwerk, und ein herrlicher Wasserfall, der Labrafoß. – Da aber meine Zeit karg bemessen war, und ich nur einige Stunden in Kongsberg verweilen konnte, zog ich es vor, den Wasserfall zu besuchen, und mir von dem Silberbergwerke blos erzählen zu lassen, daß sich der tiefste Schacht 800 Fuß unter der Erde befinde, und daß es da höchst beschwerlich sei herum zu gehen, indem Kälte, Rauch und Pulverdampf eine gar unangenehme Wirkung auf den an Licht und Luft gewohnten Reisenden machen.
Ich miethete also ein Pferd und fuhr zu dem Falle, der ungefähr eine kleine Meile von Kongsberg entfernt in einem engen Waldthale liegt. – Der Strom bildet eine kleine Strecke vor dem Falle ein stilles ruhiges Wasserbecken, und stürzt dann mit jähem Falle dem Abgrunde zu. Sowohl die bedeutende Tiefe des Falles, als auch die Fülle des Wassers bilden einen wahrhaft imposanten Anblick. Dieser wird noch gesteigert durch einen ungeheuren Felskoloß, der gleich einer Wand im untern Becken aufgepflanzt ist, und sich dem eilig dahin brausenden Elemente entgegen stemmt. An ihm prallt der größte Theil des Wassers zurück, erhebt sich dann in mächtigen Massen, und stürzt hinüber, auf seinem ferneren Laufe noch einige kleine Fälle bildend.
Ich stand auf einem hohen Fels, ward aber doch von dem Staubregen erreicht, und oft derart überschüttet, daß ich kaum die Augen öffnen konnte. Der Führer leitete mich dann hinab in die Tiefe, um auch von da den Fall, und zwar von verschiedenen Seiten betrachten zu können; – überall erschien er anders und herrlicher. Ich sah auch hier an den Wasserstrahlen, die sich an dem Felsen brachen, und von der Sonne erleuchtet waren, jene gelbe, durchsichtige Farbe, die mir bereits an dem Falle bei Kongsberg aufgefallen war. Meines Erachtens rührt sie, nebst der Beleuchtung, von den Felsen her, die in der ganzen Gegend häufig als braun-röthliches Gestein vorkommen, denn das Wasser selbst war klar und rein.
Um 4 Uhr Nachmittag verließ ich Kongsberg, und fuhr nach dem vier Meilen entfernten Oertchen Bolkesoe. Die Fahrt gehörte eben nicht zu den schönen oder angenehmen. Der Weg war meistentheils sehr schlecht, und führte fortwährend durch Schluchten und Thäler, durch Waldungen und über steile Berge, und dazu überraschte uns eine finstere, mondlose Nacht. – Oft kam mir der Gedanke wie leicht es meinem Führer, der knapp hinter mir auf dem Wagen saß, wäre, mich durch einen sanften Schlag aus der Welt zu expediren, um sich dann meiner Habseligkeiten zu bemächtigen. Doch ich vertraute dem biedern Charakter der Norweger, fuhr ruhig meines Weges, und schenkte meine ganze Aufmerksamkeit der Lenkung meines Rößleins, das ich über Berg und Thal, über Löcher und Steine und neben Abgründen mit sicherer Hand leiten mußte. Ich hörte keinen andern Laut, als das Brausen eines Waldstromes, der oft knapp an unserer Seite über Felsen dahin stürmte, und oft wieder in weiter Ferne zu verrauschen schien.
Erst gegen 10 Uhr Nachts erreichten wir das Oertchen Bolkesoe. – Eine kleine Angst befiel mich, als wir an einem unansehnlichen Bauernhause anhielten; – die isländischen Nachtlager waren mir noch ganz frisch im Andenken, und ich dachte es hier nicht viel besser zu finden. – Wie angenehm war ich daher überrascht, als mich die Bäuerin über eine bequeme Treppe in ein großes, nettes Zimmer führte, das nebst einigen guten Betten auch mit Bänken, einem Tische, Kasten, und sogar mit einem eisernen Ofen versehen war. – Eben so fand ich es auch auf den ferneren Stationen.
In Norwegen gibt es auf den weniger befahrenen Straßen eigentlich keine Gast- und Posthäuser. Beide Geschäfte werden von den wohlhabenderen Bauern versehen. Es ist jedoch jedem Reisenden zu rathen, Brot und andere Lebensartikel selbst mitzuführen, indem er von diesen »Bauern-Wirthen« selten etwas bekömmt. – Ihre Kühe haben sie während des Sommers stets auf den Höhen der Gebirge, oder auf den Alpen, – Hühner sind für sie ein zu großer Luxus-Artikel, und das Brot, das sie backen, ist kaum zu genießen. Es besteht aus großen runden Kuchen, die höchstens einen halben Zoll dick und sehr hart sind, oder aus eben so großen Kuchen, die kaum Messerrücken dick, und ganz ausgetrocknet sind. – Das Einzige, was ich manchmal fand, waren Fische und Kartoffeln, und hatte ich Zeit einige Stunden irgendwo zu bleiben, so brachte man mir auch gute Milch von der Alpe herab.
Noch schlechter steht es mit der Weiterbeförderung; doch werde ich dieß Kapitel erst später berühren, wenn ich noch größere Erfahrungen gemacht haben werde.