26. August.

Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen; gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein artiger See gleichen Namens ausbreitet.

Von hier bis Tindosoe, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und stieg zu Pferde. – Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form, mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen kreisförmig umgeben. Besondern Effect machen die düstern Schatten, die die nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen. Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten, denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. – Ich ritt über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. – Von hier muß man, um nach dem berühmten Wasserfalle des Rykanfoß – meinem dießmaligen Ziele – zu gelangen, über einen großen See schiffen. – Obwohl der Regen bereits seit der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte, miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte, die 4 oder 5 Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. – Nach zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr ich ab. – Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. – Der See ist bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden. In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz aus. – Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er in der Tiefe des See's sein Grab finden. – Wir hatten zwar auch ziemlichen Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unserm Ziele zu. – An einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.

Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in zwei ganz gleiche Theile. – Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser hervorragen.

Wunderbar nehmen sich die kleinen Fleckchen Wiesen oder Felder aus, die wie an den Wänden zu schweben scheinen, so wie die bescheidenen Häuschen der Bauern, die oft an den gefährlichsten Abhängen stehen, und über die sich Felsmassen und Trümmer zu Bergen thürmen. Die fürchterlichsten Blöcke hängen hie und da darüber, und drohen den baldigen Einsturz, der freilich Hütte und Felder mit in den See reißen würde. Man weiß da wahrlich nicht, ob man die Wahl solcher gefährlicher Wohnplätze mehr der Tollkühnheit oder der Dummheit der Bauern zuschreiben soll.

Von den Bergen stürzen sich viele Flüsse in den See, die wunderschöne, wasserreiche Fälle bilden. Freilich mag dieß auch nur jetzt der Fall gewesen sein, weil es unaufhörlich regnete, so daß von allen Seiten Wasser herabrieselte, und die Berge und Felsen wie mit zarten Silberfäden durchwirkt erschienen. Es war ein schöner Anblick; ich würde ihm aber gerne entsagt, und dafür lieber die Sonne gesehen haben. Sich einem so heftigen Gebirgsregen von Früh bis Abends Preis zu geben, ist denn doch keine Kleinigkeit. – Ich war durch und durch naß, und hatte keine Aussicht auf besseres Wetter, da der Himmel auf allen Seiten finster, und mit Wolken bedeckt war. Bald wäre sogar meine Beharrlichkeit erschüttert worden, und ich war schon deßhalb im Begriffe umzukehren, und dem Ziele meiner Reise, dem Anblicke des höchsten norwegischen Wasserfalles zu entsagen; – – da fiel mir ein, daß dieses schlechte Wetter meinem Zwecke gerade günstig wäre, daß mit jedem Tropfen die Schönheit des Wasserfalles gesteigert würde, – und ich ließ vorwärts rudern.

Nach vierthalb Stunden erreichten wir Haukaneß am See, an welchem Orte man gewöhnlich über Nacht zu bleiben pflegt, da man hier einen recht netten »Hof« findet, und die Entfernung des Falles doch noch bedeutend ist.