27. August.
Mein erster Blick war des Morgens nach dem Wetter, – ach! es war so wie gestern, und die erfahrnen Bauersleute prophezeiten mir, daß es auch so bleiben würde. Umkehren, oder hier einige Tage auf besseres Wetter warten wollte ich nicht, und so blieb mir nichts anders übrig, als mein Boot wieder zu besteigen, meinen ganz durchnäßten Mantel umzuhängen, und muthig weiter zu schiffen.
Schon das Schlußbild des See's, das sich uns bald zeigte, entschädigte mich zum Theil für meine bewiesene Ausdauer. – Ein hoher Berg stellt sich der Breite nach dem See entgegen, der sich beiderseits an seinen Abhängen verläuft, und zwei überaus reizende Buchten bildet. Wir lenkten in die linkseitige, und landeten bei dem Oertchen Mael, das an der Mündung des Flusses Rykaneß liegt. Die Entfernung von Haukaneß bis hieher beträgt eine halbe Meile.
Ich mußte nun ein Pferd besteigen, um zu dem noch 2½ Meilen entfernten Wasserfalle zu gelangen. Der Weg führt durch ein schmales Thal, das immer enger und enger wird, und bald blos dem Strome Raum gibt, so daß man die Höhen ersteigen, und sich an den Abhängen der Berge fortwinden muß. Man sieht dann unten im Thale nur den Schaum der Wellen, die sich an den Klippen und Felsen brechen; – gleich einem Silberfaden erglänzt ihr Band in der finstern Tiefe. Oft führt der Weg so hoch an den Bergen, daß man weder den Strom selbst sieht, noch sein Rauschen vernimmt. – Die letzte halbe Meile muß man zu Fuß machen. Da gelangt man an Stellen, die wirklich gefährlich zu passiren sind; zahlreiche Wasserfälle, die man auf Stegen von zusammen gelegten Baumstämmen umgehen muß, stürzen von den Bergen und kaum fußbreite Wege führen an schwindelnden Alpenwänden vorüber. – Doch kann man sich furchtlos auf den Arm des Führers stützen, der noch Jeden glücklich an das ersehnte Ziel geleitete.
Diese Partie von Haukaneß bis an den Wasserfall müßte an einem freundlichen, sonnenhellen Tage das schönste sein, was man sich wünschen könnte; denn selbst trotz dem beständigen Regen trotz meinen von Nässe triefenden Kleidern, ward ich begeistert von der mich umgebenden wildromantischen Natur, und hätte um keinen Preis meinem vorgesteckten Ziele entsagt. Leider nahm das Unwetter immer mehr zu, und dichte Nebel wälzten sich von allen Seiten dem Thale zu. Das Wasser rieselte überall von den Bergen herab, und verwandelte unsern Gehsteig oft in einen förmlichen Bach, dessen Wasser uns hoch über die Knöchel ging. – Endlich gelangten wir an die Stelle, von welcher der Fall am besten übersehen werden konnte. Noch war er nebelfrei, und es war mir vergönnt, die außerordentliche Schönheit seines Sturzes und seines Wasserreichthumes zu bewundern. Ich sah den ungeheuern Felsberg, der das Thal schließt, die ungeheure Wassersäule, die über ihn rollt, und in der Mitte des Falles an den vorragenden Felsen anprallend, und das ganze Thal mit Schaumwolken erfüllend, kaum die Tiefe erkennen läßt, in die sie hinabstürzt. – Ach! ich sah eines der seltensten, eines der herrlichsten Naturwunder, aber ich sah es nur – auf einen Augenblick; ich hatte nicht einmal Zeit, mich von der Ueberraschung des ersten Anblicks zu erholen. Es war mir nicht vergönnt die einzelnen Großartigkeiten des Falles oder seiner Umgebung anzustaunen, – ich mußte mit einem Bilde, mit einem Blicke zufrieden sein. Undurchdringliche Nebel senkten sich von allen Seiten in die wilde Schlucht herein, und hüllten Alles in völlige Nacht. Ich setzte mich auf einen Felsblock, und starrte zwei Stunden lang auf den Ort hin, wo der Fall kaum in den schwächsten Umrissen durch den Nebel zu erkennen war; oft aber gingen sogar diese verloren, und dann erkannte ich seine Nähe nur an dem fürchterlichen Tosen des Sturzes, und an dem Erzittern der Felsen unter meinen Füssen.
Nachdem ich so lange geschaut und gehofft, und meinen Blick vergebens, nur um einen einzigen Sonnenstrahl flehend, zum Himmel erhoben hatte, mußte ich mich endlich doch zur Rückkehr entschließen. Beinah mit Thränen im Auge verließ ich meinen Standpunkt, und hatte im Vorwärtsschreiten den Kopf mehr rück- als vorwärts gewendet. Hätte sich der Nebel nur etwas zerstreut, gleich würde ich wieder umgekehrt sein.
Leider entfernte ich mich immer mehr und mehr davon, bis zu dem Oertchen Mael, wo ich betrübt mein Boot wieder bestieg, und ohne Unterbrechung nach dem Oertchen Tindosoe fuhr. – Erst gegen 10 Uhr Abends kam ich da an. – Die schreckliche Nässe, die Kälte, der gänzliche Mangel an Nahrungsmitteln, und vor allem Andern meine durch die getäuschte Hoffnung etwas getrübte Gemüthsstimmung hatten mich so angegriffen, daß ich mich mit leichten Fieberanfällen zu Bette legte, und schon glaubte, meine Reise des andern Tages nicht fortsetzen zu können. – Doch meine kräftige Natur besiegte Alles, und um 5 Uhr Morgens war ich schon wieder bereit meine Reise zu Pferd nach Bolkesoe anzutreten.
Ich mußte so eilen, um die Abfahrt des Dampfschiffes von Christiania nicht zu versäumen. – Man hatte mir die Reise nach Delemarken viel kürzer angegeben, als ich sie in der Wirklichkeit fand; auch nimmt das ewige Warten auf Pferde, Boote, Führer u. s. w. sehr viele Zeit in Anspruch.