28. Juni.

Da ich nun den Geiser schon so oft und auch so schön hatte spielen gesehen, bestellte ich meine Pferde auf heute 9 Uhr Früh zur Weiterreise. Ich eilte um so mehr aus der Nähe des Geisers, da ein holländischer Prinz erwartet wurde, der erst kürzlich mit großem Gefolge in einer schönen Kriegsfregatte zu Reikjavik angekommen war.

Noch hatte ich das Glück, vor meiner Abreise, um halb neun Uhr, abermals einen Ausbruch zu sehen, und zwar einen beinah eben so schönen, als der erste war. – Auch dießmal war das Becken ganz und der Kessel bis auf eine Tiefe von 6 bis 7 Fuß geleert. Ich konnte daher nochmals in das Becken treten, und dem Geiser unmittelbar am Kessel selbst »Lebewohl« sagen, was ich natürlich auch that.

Ich war nun drei Nächte und zwei Tage beständig in unmittelbarer Nähe des Geisers gewesen, und hatte im Ganzen fünf Ausbrüche erlebt, von welchen zwei zu den bedeutendsten gehörten; doch kann ich auf mein Wort versichern, nicht Alles so gefunden zu haben, wie ich es mir nach den vernommenen Erzählungen und Beschreibungen vorstellte. – Ich hörte nie ein größeres Geräusch, als ich es bereits anfänglich beschrieb, und fühlte von einem Erzittern der Erde nie das Geringste, obwohl ich stets mit gespanntester Aufmerksamkeit auf Alles achtete und mein Ohr sogar während einer Explosion an den Boden hielt.

Es ist wirklich merkwürdig, wie manche Leute Alles nachreden, was sie von Andern hören, und wie Andere wieder in ihrer erhitzten Fantasie selbst Sachen zu sehen, zu hören und zu empfinden sich einbilden, die gar nicht vorhanden sind, – – und wie endlich noch Andere geradezu die unverschämtesten Lügen erzählen. – So traf ich z. B. in Reikjavik im Hause des Apothekers Möller einen Marine-Offizier von der französischen Fregatte, welcher behauptete, »er sei bis unmittelbar an den Krater des Vesuv's geritten.« – Er dachte wohl nicht in Reikjavik mit Jemanden zusammen zu treffen, der ebenfalls am Krater des Vesuv's gewesen war. – Nichts ärgert mich mehr als dergleichen Lügen und Prahlereien. Ich konnte mich daher nicht enthalten zu fragen, wie er das angestellt habe; – ich sei auch dort gewesen, scheue gewiß so wenig eine Gefahr wie er, und hätte mich doch bequemen müssen, am Kogel des Vesuv's von dem Esel zu steigen, und mich von meinen Füßen hinauf tragen zu lassen. – Er schien nun freilich ein wenig verlegen und meinte, »er habe sich versprochen, er habe nur sagen wollen, bis beinahe an den Krater«; – doch wette ich darauf daß er diese Lüge noch oft erzählen, und sie endlich selbst glauben wird.

Bevor ich den Geiser verlasse, kann ich nicht umhin, meinen Lesern einige Kleinigkeiten zu erzählen, die mir da wiederfuhren. Ich hoffe ihre Geduld nicht allzusehr zu ermüden. – Von einem so wenig bekannten Lande interessirt oft das Geringste, und aus unbedeutenden Vorfällen kann man oft am Besten auf die eigenthümlichen Eigenschaften der Bewohner schließen.

Von meinem betrunkenen Cicerone habe ich bereits erzählt; und heute noch ist es mir ein Räthsel, wie er mich in einem solchem Zustande so sicher umherführen konnte; – wäre er nicht der einzige zu haben gewesen, ich hätte mich ihm gewiß nicht anvertraut.

Als er das Zelt errichtet hatte, ließ ich mir einen Kotzen und einen Polster bringen, um der Feuchtigkeit des Bodens weniger ausgesetzt zu sein, – prosit die Mahlzeit – – es sollte mir noch schlimmer ergehen. – Aus dem Polster kroch ein ganz kleines Würmchen, in welchem ich Anfangs eine Bereicherung meiner Sammlung gefunden zu haben vermeinte, welches ich aber bei genauerer Besichtigung zu meinem Entsetzen für eine Made erkannte. – Mehrere dieser lieblichen Thierchen folgten noch nach. – Natürlich warf ich Polster und Kotzen allsogleich wieder zum Zelte hinaus.

Reinlichkeit ist bei den Isländern durchaus nicht zu finden; Alle sind im höchsten Grade ekelhaft. So zog z. B. ein zwölfjähriges Mädchen, das mir immer Schmetten (Obers) und frisches Wasser brachte, in meiner Gegenwart den Stöpsel aus der Flasche, um das daran klebende Obers mit der Zunge abzulecken, und wollte solchen dann wieder auf die Flasche thun.

Oft saß sie halbe Stunden lang an meiner Seite; da geschah es denn mitunter, daß sie vom Ungeziefer auf dem Kopfe belästiget wurde; sie suchte und fing es, sah es ganz phlegmatisch an, und wollte es gleich nebenan auf den Boden werfen. – Da ziehe ich in diesem Punkte noch die Grönländer vor, die speisen es doch sogleich auf, und man ist wenigstens vor einer Erbschaft gesichert. – Ueberhaupt haben die Isländer durchaus keinen Begriff und kein Gefühl des Schicklichen. Wollte ich alle Ekelhaftigkeiten, die ich sah, erzählen, ich könnte noch manche Seite damit füllen.

Nie werde ich begreifen können, daß dieses Volk einst durch Wohlhabenheit, durch Tapferkeit und Bildung ausgezeichnet war. – Ich setze z. B. im Schicklichkeits-Gefühle die Isländer den Beduinen und Arabern weit nach.

Meine heutige Reise ging nur sechs Meilen weit, nach Skalholt.

Die erste Meile gingen wir denselben Weg zurück, den wir gekommen waren; dann wendeten wir uns links und durchwanderten das ganze schöne und lange Thal, in welchem der Geiser liegt. – Meilenweit sahen wir von dieser Seite noch seine Dampfsäulen aufsteigen. – Die Wege waren nur gut, wo sie sich an den Seiten der Hügel und Berge fortzogen; in den Ebenen waren sie meistens sumpfig und voll Wasser. Wir verloren oft jede Spur des Weges, und ritten nur der Gegend zu, dabei mußten wir bei jedem Schritte befürchten einzusinken, so weich und nachgiebig war der Boden.

Ich fand die Trägheit der isländischen Bauern wirklich unverzeihlich. Alle Thäler, die wir durchzogen, waren eigentlich große, reich mit Gras bewachsene Sümpfe. Träten nun die einzelnen Gemeinden zusammen, um Gräben zu ziehen und sie trocken zu legen, so würden sie die schönsten Wiesen erhalten. Dieß beweisen die vielen Abhänge, wo das Wasser abläuft; – da herrscht üppiger Graswuchs, da gedeihen schöne Wiesenblumen und Kräuter, ja selbst wilder Klee. – Meist stehen auf diesen Abhängen auch einige Kothen.

Bevor wir noch das Oertchen Thorfastädir erreichten, erblickten wir schon den Hekla, umgeben von schönen Jokuln.

In Thorfastädir kam ich gerade zu einem Begräbnisse. Als ich in die Kirche trat, waren die Leidtragenden eben beschäftigt, sich gegenseitig mit Brandwein Muth und Trost einzutrinken. Freilich lautet das Gesetz, daß dieß nicht in der Kirche geschehen soll; – doch hielten sich alle Leute an das Gesetz, zu was wären die Richter? – Gewiß denken die Isländer so; sonst würden sie diesen Unfug unterlassen.

Endlich kam der Priester. – Nun wurde ein Psalm oder ein Gebet – ich verstand nichts davon, da es isländisch war – unter Anleitung eines Vorbeters von dem Priester und von mehreren Auserwählten – Bauern – derart herab geschrieen, daß die guten Leute ganz erhitzt wurden, und völlig außer Athem kamen. – Hierauf stellte sich der Priester an den Sarg, der aus Mangel an Raum auf die Lehnen der Bänke gestellt worden war, und las da mit lauter Stimme ein Gebet ab, das über eine halbe Stunde dauerte. Die Funktionen im Innern der Kirche waren hiemit beendet, und die Leiche wurde nun in Begleitung des Priesters und der Anwesenden um die Kirche herum dem Grabe zu getragen. Letzteres war von einer Tiefe, wie ich noch nirgends gesehen. – Als die Leiche hineingesenkt worden war, warf der Priester dreimal Erde darauf; von den Leidtragenden that aber dieß Niemand. – Unter der herausgegrabenen Erde befanden sich vier Todtenschädel, mehrere Gebeine, und ein Stück Brett von einem einstigen Sarg. Alles wurde dem so eben eingesenkten nachgeworfen, und das Grab im Beisein des Priesters und des Volkes zugeschaufelt. Ein Mann trat dabei die Erde fest; dann wurde ein Leichenhügel aufgerichtet, und mit Rasenstücken, die schon bereit lagen, überdeckt. Die ganze Arbeit ging mit beispielloser Raschheit von Statten.

Das Oertchen Skalholt, meine heutige Nachtstation, war in religiöser Beziehung einst so berühmt, wie Thingvalla in politischer. – Hier ward, bald nach Einführung der christlichen Religion, das erste Bisthum im Jahre 1098 gegründet; auch soll die hiesige Kirche eine der größten und reichsten gewesen sein. – Jetzt ist Skalholt ein erbärmliches Nest; es besteht aus einer mittelgroßen hölzernen Kirche – die vielleicht 100 Personen fassen mag – und 3-4 Kothen, und hat nicht einmal seinen eigenen Geistlichen, sondern gehört nach Thorfastädir.

Das Erste, als ich ankam, war, die noch vorhandenen Reste der Vergangenheit zu besehen. – Man zeigte mir vor Allem ein Bildniß in Oehl gemalt, das in der Kirche hängt und den ersten Bischof von Skalholt, Thorlakur, darstellen soll, der wegen seines strengen und frommen Lebenswandels beinahe als Heiliger verehrt wurde.

Hierauf wurden Anstalten gemacht, am Altar die großen Stufen, und mehrere Bretter vom Fußboden wegzuräumen. – Erwartungsvoll stand ich daneben und dachte an nichts anderes, als nun in eine Gruft steigen zu müssen, und darin den einbalsamirten Körper des Bischofes zu finden. – Ich muß gestehen, daß mir diese Aussicht gerade nicht sehr angenehm erschien, wenn ich an die herannahende Nacht dachte, die ich in dieser Kirche, vielleicht gerade ober dem Todten-Gerippe, zubringen mußte. – Ich hatte an dem heutigen Tage ohnehin schon zu viel mit Verstorbenen zu thun gehabt, und konnte den garstigen Leichengeruch, den ich in Thorfastädir einsog, gar nicht mehr aus meinen Kleidern und aus meiner Nase bannen.[ [1] – Wie erfreut war ich daher, statt der gefürchteten Gruft und Mumie, nur eine große Marmorplatte zu Gesichte zu bekommen, auf der die üblichen Anzeigen der Geburt, des Todes u. s. w. dieses Bischofes standen.

Noch zeigte man mir ein altes gesticktes Meßkleid, und einen einfachen goldenen Kelch, die beide aus jenen Zeiten herstammen sollen.

Dann stiegen wir in die sogenannte Rumpelkammer, die nur durch Bretter von dem untern Theile der Kirche geschieden ist, und sich bis gegen den Altar zu zieht. Hier befinden sich die Glocken und die Orgel wenn nämlich die Kirche etwas derart besitzt, die Lebensvorräthe, und eine Menge Geräthschaften verschiedener Art u. s. w. – Man öffnete da eine ungeheure Kiste, die große Stücke Talg, der in Form von Käsen gegossen war, enthielt, hob diese heraus, und kam auf die Bibliothek, in welcher ich einen sehr interessanten Fund machte. Ich fand nämlich unter mehreren sehr alten Büchern in isländischer Sprache, drei dicke Folianten, die ich ganz bequem lesen konnte; – sie waren deutsch, und enthielten Luthers Lehren, Briefe, Episteln u. s. w.

Jetzt hatte ich aber auch Alles gesehen. – Ich konnte nun auch auf meine leiblichen Bedürfnisse denken, und mir etwas heißes Wasser zum Kaffeeaufgusse bringen lassen u. s. w. Abermals pflanzten sich sämmtliche Einwohner des Oertchens vor und in der Kirche auf, vermuthlich um an mir das Studium ihrer Menschenkenntniß zu bereichern. Doch bald sperrte ich die Thür zu, und bereitete mir ein prächtiges Lager. Schon bei meinem ersten Eintritte in die Kirche hatte ich an einer der Wände einen langen Verschlag bemerkt, der ganz mit Schafwolle angefüllt war; auf diese warf ich meinen Polster, und da lag ich so warm und so weich, wie in dem besten Bette. – Des Morgens krauste ich die Wolle wieder sorgfältig auf, und kein Mensch hätte nun errathen können, wo ich eigentlich die Nacht zugebracht habe.

Nichts kam mir bei meinen derartigen Nachtquartieren komischer vor, als die Neugierde der Leute, die stets, nachdem ich des Morgens die Thür aufgeschlossen hatte, herein stürmten. Das erste, was sie zu einander sagten, war: »Kvar hefur hún sovid« (wo hat sie denn geschlafen?) Die guten Leute konnten durchaus nicht begreifen, wie es mir möglich sei, die ganze Nacht allein in einer Kirche mitten auf dem Friedhofe zuzubringen; sie hielten mich vielleicht für einen halben Geist oder wohl gar für eine Zauberin, und hätten gar zu gerne gewußt, wo denn dieses Geschöpf gehaust habe. – Wenn ich dann ihre verblüften Gesichter gesehen hatte, mußte ich mich immer umwenden, um nicht laut aufzulachen.