29. Juni.

Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit Skalholt kamen wir an den Fluß Thiorsa, der ziemlich tief und sehr reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. – Führer und Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit sie nicht wieder umkehren.

Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des Huitha. – Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe – die betrug kaum 15 bis 20 Fuß, – als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet. – Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. – Das Bett dieses Flußes besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.

Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.

Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. – Dann zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers Hekla erinnert wird.

Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne auf Lavaströme zu stoßen. – Und selbst dieser hier schien für die schönen Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. – Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.

So ging es fort bis zu dem Oertchen Struvellir, wo wir anhielten und unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große Versammlung von Menschen und Thieren.[ [2] Es war gerade Sonntag, und noch dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche großer Gottesdienst gehalten. – Nach Beendigung desselben sah ich eine recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche – ich zählte 96 Personen – eine unerhörte Versammlung für Island – theilten sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, – die Armen wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.

In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, – ein Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst, und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. – Ländlich, sittlich.

Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und dauern zwei auch drei Stunden. – Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles muß unter freiem Himmel bleiben.

Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn Horfuson; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen entfernten Oertchen Sälsun anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.

Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig durchnäßt. – Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich kenne. – Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. – Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können. – Glücklich überstand ich auch diese Feuer- – nein – Wasserprobe, und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H. aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.

Das Thal, in welchem Sälsun und der Hekla liegen, ist eben wieder eines derjenigen, die man nur in Island finden kann. – Es umfaßt die größten Contraste. Da sind wunderliebliche Fluren, wie mit einem prächtigen sammtgrünen Teppiche überzogen, dort wieder Hügel von schwarzer, glänzender Lava; – ja die Wiesen selbst sind durchschnitten von Lavaströmen und Sandflächen. Bekanntlich hat der Hekla die schwärzeste Lava und den schwärzesten Sand; hier ist nun Alles von ihm, Hügel und Berg, Lava und Sand; und man kann sich denken, wie das aussieht. Ein einziger Berg an der linken Seite des Hekla ist rothbraun, und mit Sand und Gerölle von derselben Farbe ganz bedeckt. In der Mitte ist er stark eingesunken, und scheint einen großen Krater zu bilden. – Der Hekla selbst schließt sich unmittelbar an die rund um ihn her aufgethürmten Lavaberge, und erscheint von hier gesehen auf ihnen, wie ein höherer Aufsatz. Er ist von mehreren Gletschern umgeben, deren glänzende Schneefelder sich tief herab neigen, und deren Flächen wohl nie von einem menschlichen Fuße betreten wurden. Mehrere seiner Seitenwände waren ebenfalls mit Schnee bedeckt. Links im Thale bei Sälsun, und am Fuße eines Lavahügels liegt ein lieblicher See, an dessen Ufer eine bedeutende Schafheerde gelagert war. – Unweit davon steht ein schöner Berg, so vereinzelt und abgesondert, als ob er von seinen Nachbarn verstoßen und hierher gewiesen worden wäre. – Ueberhaupt ist die Ansicht dieser ganzen Landschaft so echt isländisch, so eigen und merkwürdig, daß sie gewiß für immer meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben wird.

Das Oertchen Sälsun liegt am Fuße des Vorgebirges Hekla; man sieht es aber erst, wenn man es schon beinahe erreicht hat.

Als wir zu Sälsun angelangt waren, war das Erste, einen Führer zu suchen, und Alles zur Besteigung des Hekla vorzubereiten und auszuhandeln. Der Führer hatte für mich ein Pferd zu schaffen, und mich nebst meinem frühem Führer bis auf die Spitze des Hekla zu geleiten. – Er begehrte 5 Thaler und 2 Mark, nach unserem Gelde 5 fl. 20 kr. CM., eine unverschämte Forderung, – für das Pferd rechnete er nur 20 kr., für sich selbst 5 fl., – eine Summe, mit der er gewiß einen ganzen Monat leben konnte. – Doch was war zu machen? Ein anderer Führer war nicht zu finden, das wußte er wohl, und so mußte ich in Gottes Namen einwilligen. – Nachdem Alles geordnet war, empfahl sich mein gütiger Beschützer, mir viel Glück zur morgigen beschwerlichen Reise wünschend.

Ich sah mich nun nach einer Stelle um, wo ich die Nacht zubringen konnte; – ach, ein ekelhaftes Loch ward mir zu Theil. Man stellte mir eine Truhe hinein, die etwas kürzer war als meine Person, die sollte mir zur Schlafstelle dienen; neben ihr hing ein mehr als ellenlanger halb verfaulter Fisch, der bereits das ganze Gemach mit seinem Gestank verpestet hatte. Ich konnte kaum Athem holen, und mußte, da keine andere Oeffnung vorhanden war, die Thüre offen lassen, und derart die zahlreichen Besuche der liebenswürdigen Einwohner empfangen. – Wahrhaftig eine schöne Erholung und Stärkung für die morgende Reise!

Am Fuße des Hekla, und besonders in dieser Gegend, scheint Alles unterhöhlt zu sein. – Solch dumpfe dröhnende Töne, wie sie hier den schweren Fußtritten der Bauern nachhallten, hörte ich weder auf dem Vesuv, noch sonst wo. – Diese Töne machten einen besonders schauerlichen Eindruck auf mich, da ich in der Nacht so ganz allein in diesem finstern Loche eingeschlossen war.

Mein Hekla-Führer – ich nenne ihn so zum Unterschiede meines andern – meinte, daß wir Morgens um zwei Uhr aufbrechen sollten. Ich war vollkommen damit einverstanden, wußte aber schon voraus, daß wir um fünf Uhr auch noch nicht zu Pferde sitzen würden.

Wie gedacht, so geschehen. Erst um halb sechs Uhr waren wir vollkommen ausgerüstet, und zum Aufbruche bereit. Außerdem, daß wir Brod und Käse, eine Flasche Wasser für mich und eine Flasche Brandwein für meine Führer mitnahmen, hatten wir uns auch mit langen Stöcken, die unten in eisernen Spitzen ausgingen, versehen, um damit den Schnee sondiren, und uns auf sie stützen zu können.

Der schönste, wärmste Morgen begünstigte uns, und guten Muthes galoppirten wir über die Wiesen, und die daran stoßenden Sandflächen. Mein Führer nahm dieß schöne Wetter für eine besonders glückliche Vorbedeutung; er sagte mir, daß Herr Geimard – der bereits erwähnte französische Gelehrte und Naturforscher – drei Tage auf schönes Wetter habe warten müssen. – Dieß sei nun schon neun Jahre, und seitdem habe Niemand den Hekla erstiegen. Ein Prinz von Dänemark, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste, sei zwar auch da gewesen, aber unverrichteter Sache wieder weiter gezogen.

Der Weg führte anfänglich, wie gesagt, über eine schöne Wiese, und dann über Flächen von schwarzem Sande, die von allen Seiten von Strömen, Hügeln und Bergen aufgethürmter Lava umfangen sind. Immer mehr und mehr rücken diese furchtbaren Massen zusammen, und gewähren oft kaum den Ausweg durch eine enge Schlucht; da muß man über Lava-Blöcke klettern, Hügel und Berge erklimmen, und findet kaum ein Plätzchen, den Fuß fest zu stellen. Lava rollte neben und hinter uns, und wir mußten sehr auf der Hut sein, nicht selbst zu rollen, oder von der rollenden Lava getroffen zu werden. Das Gefährlichste waren aber die mit Schnee ausgefüllten Schluchten, über die wir setzen mußten; der Schnee war, durch die Wärme der vorgerückten Jahreszeit, doch schon erweicht worden, und so sanken wir beinahe bei jedem Schritte ein, oder was noch schlimmer war, glitten oft mehr zurück als wir vorwärts kamen. Ich glaube kaum, daß es einen zweiten Berg geben kann, bei dessen Ersteigung man mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Nachdem wir nach vierthalbstündiger Mühe den letzten Höhen des Berges nahe kamen, mußten wir auch die Pferde zurück lassen. – Ich hätte dieß zwar schon lange gethan, da mich die armen Thiere erbarmten, wie sie über die Abhänge, man könnte beinahe sagen, über diese rollenden Berge, mehr fielen als kletterten, aber mein Hekla-Führer ließ es nicht zu. Theilweise kamen doch Stellen, wo wir sie benützen konnten, und dann behauptete er, müsse ich so weit als möglich reiten, um den nachfolgenden Beschwerden gewachsen zu sein. – Und er hatte recht; – ich glaube kaum, daß ich es ausgehalten hätte, all diese Strecken zu Fuß zurück zu legen; denn wenn man schon glaubt den letzten Höhen des Berges ganz nahe zu sein, lagern sich abermals Hügel und Ströme von Lava dazwischen, und man sieht sich vom Ziele entfernter als zuvor.

Mein Führer sagte mir, daß er noch nie Jemanden zu Pferde so weit geführt habe, wie mich. – Ich glaube es gerne, – schon das Gehen war schrecklich, das Reiten aber wahrhaft fürchterlich!

Auf jeder erkämpften Höhe entrollten sich neue Bilder der ödesten, traurigsten Gegend. Alles war starr und todt, überall ausgebrannte schwarze Lava. – Es war ein schmerzliches Gefühl, so weit zu sehen, und doch nichts zu erschauen, als eine steinige Wüste, ein unermeßliches Chaos.

Noch hatten wir zwei Höhen zu erklimmen, – es waren die letzten, aber auch die schrecklichsten. Da ging es steil über Lavamassen, die ordentlich stachelig waren, und die ganze Spitze des Berges bedeckten. – Wie oft ich da fiel, und wie oft ich mir die Hände an den feinen Zacken der Lava aufritzte, kann ich gar nicht sagen. Ach! es war eine gräßliche Partie.

Die blendende Weiße des Schnees wirkte beinahe blind machend gegen die glänzend schwarze Lava daneben. Wenn ich Schneefelder ersteigen mußte, sah ich nach der Lava gar nicht hinüber; ich hatte es einigemal versucht, und hätte darauf bald meinen Weg nicht mehr gesehen, ich wäre schneeblind geworden.

Endlich nach abermaligem zweistündigem Klettern war die Spitze des Berges erstiegen. – Ich stand nun auf dem Hekla, und suchte vor Allem den Krater auf der schneelosen Spitze, und – fand ihn nicht. Ich war um so mehr erstaunt auf dem Hekla keinen Krater zu finden, da ich in einigen Reisebeschreibungen ganz ausführliche Berichte davon gelesen hatte.

Ich umging die ganze Spitze des Berges, ich kletterte bis zu dem anstoßenden Jokul – nirgends bemerkte ich eine Oeffnung, einen Riß, eine eingedrückte Wand, oder sonst irgend ein Anzeichen eines Kraters. Nur an den etwas tiefer gelegenen Seiten des Berges, aber durchaus nicht an dem eigentlichen Kogel, sah ich weite Risse und Schlünde, aus welchen sich wahrscheinlich die Lavaströme ergossen haben werden.

Die Höhe des Berges soll 4300 Fuß betragen.

Schon während der letzten Stunde unseres Hinaufklimmens hatte sich die Sonne verdunkelt. Nebelwolken stürmten von den nahen Gletschern herüber, verbargen die Ferne, und hüllten bald auch uns dermaßen ein, daß wir kaum zehn Schritte weit sehen konnten. Endlich lösten sie sich auf, – aber glücklicher Weise nicht in Regen, sondern in Schnee, der in reichlicher Menge die schwarze krause Lava mit großen Flocken überstreute. – Der Schnee blieb liegen, und der Thermometer wies 1 Grad Kälte.

Nach und nach erschien der Himmel wieder in seinem unnachahmlichen zarten Blau, und auch die Sonne säumte nicht länger uns zu erfreuen. Ich blieb oben auf der Spitze des Berges, bis die Wolken auch in der Ferne sich theilten und mir eine willkommene Rundansicht gestatteten.

Solch ein Bild, wie ich es hier sah, meinen Lesern zu versinnlichen, ihnen die Zerstörung, Ausdehnung und Anhäufung dieser Lavamassen zu beschreiben, ist leider meine Feder viel zu schwach. – Ich meinte in einem Krater zu stehen, das Ganze schien mir ein ausgebrannter Feuerherd. – Hier waren Lavamassen übereinander gethürmt zu steilen unersteigbaren Bergen, – dort füllten versteinerte Ströme, deren Breite und Länge ich gar nicht ersehen konnte, unermeßliche Thäler. – Alles war über- und durcheinander geworfen, und doch unterschied man wieder deutlich die Bahn der letzteren Ausbrüche.

Man ist in der Mitte der gräßlichsten Schluchten, Höhlen, Ströme, Thäler und Berge; man faßt es kaum, wie es möglich gewesen sei, bis hierher zu dringen, und wird von Angst und Entsetzen ergriffen bei dem unwillkührlich sich aufdringenden Gedanken, vielleicht nimmer wieder aus diesem gräßlichen Labyrinthe hinaus finden zu können.

Hier, von der Spitze des Hekla konnte ich weit hinein in das unbewohnte Land sehen – das Bild einer erstarrten Schöpfung, todt und regungslos, und doch dabei so einzig großartig, – ein Bild, das, nur einmal gesehen, nie mehr dem Gedächtnisse entschwindet, und dessen Erinnerung allein schon für alle ausgestandenen Beschwerden und Gefahren reichlich entschädiget! Eine ganze Welt von Gletschern, Lavamassen, Schnee- und Eisfeldern, Flüßen und kleinen Seen liegt da aufgeschlossen, nie hat es ein menschlicher Fuß gewagt, ihr Inneres zu betreten. – Wie muß es da gewüthet und gearbeitet haben, bis solche Gestaltungen geschaffen wurden? – Und wird es nun genug damit sein? – Hat das Element ausgetobt, oder ruht es nur, gleich der hundertköpfigen Hydra, um mit verdoppelter Kraft wieder hervor zu brechen, und auch noch jene Gegenden zu verwüsten, die ohnehin schon, so weit dem Meere zugedrängt, sich nur als bescheidener Kranz um das Innere des Landes winden. – Ich danke Gott, daß er mich dies Chaos seiner Schöpfung schauen ließ; aber doppelt danke ich ihm, daß er mich in Gefilden leben läßt, wo die Sonne mehr zu thun hat, als nur den Tag zu schaffen; wo sie wirkend und wärmend Pflanzen und Thiere belebt, und das Herz des Menschen zur Freude und zum Dank gegen den Schöpfer stimmt.[ [3]

Die Westmanns-Inseln, die man vom Hekla aus erblicken soll, konnte ich nicht finden, wahrscheinlich waren sie von Wolken verdeckt.

Schon während der Besteigung des Hekla hatte ich häufig die Lava berührt, theils unfreiwillig, wenn ich fiel, theils freiwillig, um eine heiße oder wenigstens warme Stelle zu finden. – Ich war so unglücklich auf lauter kalte zu treffen. Nichts konnte mir daher erwünschter kommen, als der so eben gefallene Schnee. Ueberall sah ich begierig herum, ein Plätzchen zu entdecken, wo ihn die unterirdische Hitze nicht dulden würde. – Dahin wäre ich dann geeilt, und das Gesuchte wäre gefunden gewesen. – Leider blieb der Schnee an allen Orten liegen. Auch Rauchwolken sah ich nirgend aufsteigen, obwohl ich stundenlang meine Augen nicht von dem Berge wendete, den ich hier auch von allen Seiten bis tief hinab ganz überschauen konnte.

Als wir hinab stiegen, fanden wir in einer Tiefe von 5-600 Fuß den Schnee im Schmelzen; noch tiefer rauchte der ganze Berg, eine Erscheinung, die ich für eine Folge der plötzlich eingetretenen Sonnenwärme hielt; mein Thermometer zeigte nämlich jetzt neun Grade Wärme. Ich beobachtete sie häufig auch an Bergen, die nicht zu den Feuerspeiern gehörten. – Die Stellen, wo der Rauch aufstieg, waren ebenfalls kalt.

Die eigentliche glatte, kohlschwarze, glänzende und durchaus nicht poröse Lava findet man nur auf dem Hekla selbst und in seinen nähern Umgebungen. Doch ist nicht alle Lava so; man sieht auch zackige, glasige und poröse; jede ist aber schwarz, so wie ebenfalls der Sand, welcher eine Seite des Hekla überdeckt. Je weiter Lava und Sand von diesem Berge entfernt sind, desto mehr verlieren sie jene Schwärze, und ihre Farbe geht ins eisenfarbige, ja sogar ins lichtgraue über; manche Lava behält jedoch, selbst bei dieser lichten Farbe, den Glanz und die Glätte der schwarzen bei.

Nach dem mühevollsten Herabsteigen, und nachdem wir zur ganzen Partie über zwölf Stunden verwendet hatten, erreichten wir glücklich wieder Sälsun, und ich wollte mich eben, etwas niedergeschlagen, in meine frühere Wohnung begeben, schaudernd bei dem Gedanken, hier abermals eine Nacht zubringen zu müssen, – da überraschte mich mein Führer sehr angenehm durch die Frage, ob ich nicht vielleicht heute noch nach Struvellir wolle? Die Pferde seien hinlänglich ausgeruht, und dort könnte ich doch im Hause des Priesters ein gutes Zimmer bekommen. – Rasch war Alles zusammen gepackt und im Kurzen saß ich wieder zu Pferde. – Als ich jetzt zum zweiten Male in die tiefe Rangaa kam, durchritt ich sie schon furchtlos, und bedurfte keines Schutzes mehr an der Seite. – So ist der Mensch; nur das erstemal schreckt ihn die Gefahr; hat er sie glücklich überwunden, denkt er das künftige Mal kaum mehr daran, und begreift gar nicht, wie er da so große Furcht haben konnte.

In der Nähe dieses Stromes sah ich eine Merkwürdigkeit, – fünf kleine Bäumchen, die auf einer Wiese standen. Ihre Stämme waren zwar schief und knotig, aber dennoch 6-7 Fuß hoch, und mochten 4-5 Zoll im Durchmesser haben.

Wie mein Führer behauptet hatte, fand ich wirklich in dem Hause des Priesters ein niedliches Zimmerchen sammt einem guten Bette. Herr Horfuson ist einer der besten Menschen, die mir im Leben vorgekommen sind. – Mit größter Freude ergriff er jede Gelegenheit mir ein Vergnügen zu machen; ich habe ihm auch mehrere schöne Mineralien, und ein isländisches Buch vom Jahre 1601 zu verdanken. – Gott lohne ihm seine Güte und Herzlichkeit.