Von Hamburg nach Berlin.
Meine Zeit war karg bemessen, und ich konnte mich dießmal leider nur einige Tage bei meinen lieben Verwandten aufhalten. Schon am 26. September ging ich mit einem kleinen Dampfboote auf der Elbe nach Haarburg, das man in dreiviertel Stunden erreicht. Hier wechselte ich die Schiffsgelegenheit mit dem Eilwagen und fuhr nach Celle (14 Meilen).
Von der Gegend ist nur wenig zu sagen; sie besteht größtentheils aus Ebenen, die theilweise zu Haiden und Sümpfen werden, – doch gibt es dazwischen auch fruchtbare Stellen mit Feldern und Wiesen.
27. September.
In der Nacht trafen wir in Celle ein. Von hier bis Lehrte (1½ Meile) muß man eine Privatgelegenheit miethen. In Lehrte besteigt man die Eisenbahn, und fährt nun ununterbrochen bis Berlin. – Man berührt auf dieser Fahrt viele Städte und größere oder kleinere Orte, kann aber nur wenig von ihnen sehen, da die Bahnhöfe überall ziemlich entfernt liegen, und man nur einige Augenblicke anhält.
Die erste Stadt, an der wir vorüber kamen, war Braunschweig. Gleich außerhalb der Stadt sieht man das artige herzogliche Schloß, das im gothischen Style erbaut ist und in einem schönen Parke liegt. – Wolfenbüttel scheint, nach der Menge der Häuser und Kirchthürme zu urtheilen, eine ziemlich bedeutende Stadt zu sein. – Eine schöne hölzerne Brücke mit elegant gearbeitetem eisernem Geländer führt hier über die Ocker. Vor der Stadt leitet eine reizende Promenade zu einem sanften Hügel, auf dessen Plateau ein wunderliebliches Gebäude, »ein Kaffeehaus« steht.
Sobald man das Gebiet von Hannover im Rücken hat, wird die Gegend zwar nicht reicher an seltenen Naturmerkwürdigkeiten, aber doch verlieren sich wenigstens die Sümpfe und Haiden, und ein fleißig cultivirtes Land ersetzt deren Stelle. – Viele Dörfer liegen zerstreut umher, und manch reizendes Städtchen erregt den Wunsch, die Gegenden nicht gar so eilig durchfliegen zu müssen.
Man kömmt nun an Schepenstadt, Jersheim und Wegersleben vorüber, welch letztere Stadt bereits zu Preußen gehört. – In Aschersleben werden die Wagen gewechselt, eben so in Magdeburg. – Bei dem Städtchen Salze sieht man schöne Gebäude, die zu den ausgedehnten hier befindlichen Salzsiedereien gehören. – Zu Jernaudau ist der Sitz einer Herrnhuter Gesellschaft. – Gerne hätte ich die Stadt Köthen besucht; man kann sich nichts Reizenderes denken, als die Lage dieses Städtchens inmitten von duftenden Gärten. Leider hielten wir nur kurze Augenblicke an. – Auch das Städtchen Dessau ist mit artigen Anlagen umgeben. Mehrere Brücken führen hier über einzelne Arme der Elbe; die über den Hauptstrom führende ruht auf mächtigen Steinpfeilern. – Von dem Städtchen Wittenberg sieht man nur Häusermassen und Kirchthürme; eben so auch von dem Städtchen Jüterbog, das so neu aussieht, als ob es erst kürzlich entstanden wäre. – Bei Lukewalde fängt die Sandregion an, in die nur eine bei Trebbin erscheinende kleine Kette bewaldeter Hügel einige Abwechslung bringt. Doch auch diese nimmt bald ihr Ende, und man fährt nun bis Berlin in einer traurigen, einförmigen Sandfläche.
Ich war heute von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends auf dem Wege, und hatte 46 Meilen zurückgelegt. – Häufig waren auf dieser Reise die Wagen gewechselt worden. – Ueberall hatte, der Leipziger Messe wegen, ein unendlicher Zudrang von Menschen statt gefunden; – oft zählte der Zug 35 bis 40 Wagen, 3 Locomotive und gewiß 7-800 Reisende, – dennoch war immer Alles in größter Ordnung geblieben. Eine große Bequemlichkeit ist es, daß man den Platz von Lehrte bis Berlin, obwohl man so vielerlei Staaten zu passiren hat, auf einmal berichtigen kann, und sich daher während der ganzen Reise, weder um sein Gepäck noch um sonst etwas mehr zu bekümmern hat. – Die bei den Eisenbahnen angestellten Leute fand ich alle sehr höflich. Wenn an einer Station angehalten wurde, verkündeten gleich die Conducteure mit lauter Stimme die Zeit des Aufenthaltes, 2-3 Minuten, ¼ Stunde u. s. w. Jeder Mitfahrende konnte sich darnach richten, in ein nahes Gasthaus oder Zelt treten und sich etwas reichen lassen. Die Wagen sind höchst bequem zum Ein- und Aussteigen eingerichtet, und zwar dadurch, daß die Räder an den Stations-Stellen in tiefen Geleisen laufen, und so der Wagen mit dem Erdboden in gleicher Höhe ist; man braucht gar keinen Wagentritt zu besteigen, sondern setzt den Fuß gleich auf die Erde. Die Wagen sind wie in breite Kutschen getheilt. Zwei Bänke stehen der Breite nach, einander gegenüber, und an jeder Seite befindet sich eine geräumige Wagenthür, bei welcher man bequem hinaus und herein kömmt. Auf der ersten und der zweiten Klasse sitzen in jeder solchen Wagenabtheilung 8 Personen, auf der dritten Klasse 10 Personen. – Die Wagen sind Alle numerirt und Jedermann findet leicht seinen Platz. – Eingesperrt ist Niemand.
Durch diese einfachen Einrichtungen ist es möglich, daß man selbst, wenn der Zug nur zwei Minuten anhält, aussteigen und Bewegung machen, oder sich mit Lebensmitteln versehen kann, ohne daß ein Gedränge oder eine Verwirrung statt hat.
Alles dieß fällt bei jenen Eisenbahnwagen weg, welche die unnatürliche Länge eines Hauses haben, und in deren jeden 60 oder gar 70 Personen eingepackt, mitunter sogar eingesperrt sind, wo die Thüren von den Conducteuren geöffnet werden, und dieser nur den Namen der Station hineinschreit, ohne die Zeit des Aufenthaltes bekannt zu machen. – Da ist es wohl keinem Reisenden zu rathen, seinen Posten zu verlassen; denn bis er sich von einem Ende des Wagens bis an das andere drängt, bis er durch das enge Pförtchen schlüpft und endlich über die hohen Stufen hinabklettert, erschallt schon wieder das Horn, und in demselben Augenblicke setzt sich der Zug in Bewegung, es ist also selbst dieß Blasen kein Zeichen für die Reisenden, um sich darnach richten zu können; es gehört nur für den Locomotivführer.
Eben so hat man in diesen Staaten, welche ich heute durchreiset hatte, nicht die geringste Plackerei mit dem Paßwesen, und mit den noch unausstehlichern Passirscheinen. Kein lästiger Polizei-Soldat kömmt in den Wagen und läßt den Reisenden erst aussteigen, nachdem er ihm von A bis Z Auskunft ertheilt hat. – Ich möchte wissen, wie viele Tage man auf dieser Reise zubringen würde, wenn man, wie in andern Staaten, die Pässe so oft abgeben müßte, die nicht einmal gleich an Ort und Stelle expedirt, sondern erst auf das Amt getragen werden.
Und solch störende Einrichtungen, man sollte es nicht glauben, haben oft im Innern eines und desselben Staates statt. – Man braucht gar nicht erst vom Auslande zu kommen; – man muß all diese Scherereien erfahren, wenn man auch nur von einer Provinz-Hauptstadt in die andere fährt.
In allen Ländern, durch welche ich bisher kam, hatte ich mich nirgends über dergleichen Sachen zu beklagen; man forderte mir den Paß nur im Gasthofe der Hauptstadt des Landes ab, wenn ich mehrere Tage daselbst zu verweilen gedachte. – Blos in Stockholm fand ich eine etwas sonderbare Einrichtung; da muß jeder Fremde, und wenn er nur 24 Stunden verweilt einen schwedischen Paß lösen, und dafür 1 fl. 20 kr. zahlen. Dieß ist, bei Licht betrachtet, doch nur eine Einführung, um dem Fremden auf eine anständige Art 1 fl. 20 kr. abzunehmen; wahrscheinlich scheut man sich, für das einfache Visiren der Pässe eine so hohe Bezahlung zu verlangen.