Abends.

Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?

Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie – der Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem Wort es auszudrücken – die Tyroler sind ein poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.

Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.