Vertrauliche Unterredung.
Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam – Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang – also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld haben.«
Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften Ehemanne.
»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, bleibt er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, ist Ihr Mann denn unsichtbar?«
»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht guter Mann.«
»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«
Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr Leon – aber das ist auch etwas Anderes – er ist ein junger Mann und in Paris erzogen worden – wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, er hätte sich geändert – er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und gediegener.«
Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das ernstlich gemeint habe – kennen Sie denn die Franzosen nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge – es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«
Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«
»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«
»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.
Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen hoch.«
»Und Herr Leon auch?«
»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten – werden Sie mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«
»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«
»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«
»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«
»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«
»Und sie lieben sich noch immer so?«
»Wo möglich noch mehr.«
»Ach, welches Glück! Und die Engländer – sind sie eben so zärtlich?«
»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller legt.«
»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und –«
»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«
Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«
»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden – was thut man nicht, um den zu erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag – ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten – die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme – mich aber würde er zu Bette finden.«
»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was antwortete Herr Hölty?«
»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«
»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«
»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.
»Was, es ist ja kaum halb neun!«
»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht – man muß nicht immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, – pflegen Sie sich recht – ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe – nochmals guten Abend.«
»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät gekommen sind.«
Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so toller, je später und – belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges – es war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie auch noch hören – das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und – weniger schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette singen möge.