Zweiter Teil. Ariadne

Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er, George, sich beklagen? Da sei Gott vor, — nicht einmal vor sich selbst tat er das, — geschweige denn dem guten Sömmerring gegenüber! Ganz im Gegenteil! Er überlas noch einmal die letzten Zeilen, — malte er da nicht ein Bild häuslichen Glücks, daß es dem armen Teufel, der immer noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mußte? Und diese Worte, die er eben geschrieben hatte: „Therese ist trotz ihres Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Körpers und des Geistes …“ die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht anders als die Feststellungen über seinen eigenen Gemütszustand, seinen Tageslauf, seine Arbeiten! Es störte ihn doch auch gar nicht, störte ihn nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, daß das Haus von früh bis spät widerhallte von Theresens Geschäftigkeit! Was tat sie jetzt wieder? War es eigentlich möglich, daß eine Frau mit zwei Mägden bei der Tätigkeit des Wäschenähens — ja, es entstanden Hemden für ihn, zwölf neue Taghemden, fühlte er mit gebührender Erschütterung, und die zwölf alten waren ausgebessert worden! — daß sie bei dieser sitzenden Tätigkeit einen derartigen Aufwand von Geräuschen machte, die für den Außenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehörten? Daß zunächst Lieder gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die Getreue, aus Göttingen in fühlender Erinnerung an den fernen Geliebten anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, — aha, Marischa, das polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die hinterher gleich mit Küssen null und nichtig gemacht werden! Therese handelte oft so — unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein Ballen Leinwand etwa, — war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und warum wälzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fußboden herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch durcheinander, — nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem Holz für den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das würde einen neuen Anlaß zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten für acht Taler Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jährlich unvollkommen erfüllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nächsten Minuten steigerte der Lärm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig, jemand begann auf einem Kamm zu blasen und — war es möglich? — wurde jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der Marischa, um den Zirkus zu vervollständigen. George wurde ein wenig unruhig. Nun Therese — Therese amüsierte sich, Therese war zwanzig Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wußte, jetzt saß sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht, warum auch nicht, — sie verlangte ja nicht, daß er, George, dabei war. Und es störte ihn nicht, o, es störte ihn nicht im geringsten, er arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, — nur, es war ihm im Augenblick nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Also: Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit … Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bösen Fall tat! Ob er doch einmal hinüberging? Nun kam der Michael wahrhaftig … Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch … Aber das ging doch nicht! George sprang erregt auf, drüben verstummte jäh der Lärm, und gleich darauf ließ sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr über den Flur ins Wohnzimmer, die Männer liefen die Treppe hinunter, Liese fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: „Wenn ich ein Vöglein wär …“ Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben. George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauenden Dämmerung die Flocken tanzten. Gedämpft durch die Schneeluft klang das Angelusläuten von der Universitätskirche herüber. Sie schneiten ein. Meilen über Meilen, grenzenlose Flächen weit breitete es sich um Wilna wie Leichentücher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George machte Licht. Es war gefährlich, in der polnischen Winterdämmerung nach Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er wollte korrespondieren, wollte weiter Sömmerrings brüderliche Seele beschwören, sich an ihr erwärmen!

„Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit …“

Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wäschestücke für das erwartete Kind, — den Jungen, natürlich, den Jungen! — nähte … Ob sie in der Küche Fleischklümpe drehte und zugleich der Marischa aufklärende Vorträge über den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt, — oho, Georgie, hätte die Miß Therese nichts gelernt, so äße die Panji Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel, selbst die Steckrüben fraßen diese Barbaren ungeschält! — Ob sie mit ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte und Le Cœur aimable ermunterte, baldigst aufs aimableste zu duften und La Beauté blanche ein wenig anbetete, — es waren auch Küchenkräuter, Kerbel, Kresse und Petersilie mit in die Töpfe gesät, die Schönheit allein macht nicht satt, Georgie! — Ob sie mit des Bischofs Gärtner, Feureißen, einem wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Pläne machte für die Bestellung der Beete im Frühjahr und Betrachtungen über die moralische Minderwertigkeit des Katholizismus einfließen ließ, — Feureißen würde doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermländerin, erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hände fallen lassen („o, Feureißen!“) — und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureißens überwältigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte („o, liebe Madam!“), es käme ihm zunächst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen (auch er erwartete einen Jungen, natürlich!), alsdann würde es jeder Sekte Ehre machen … Ob sie, mit riesigen Überschuhen bewehrt, durch den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes Geschäft abzuschließen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in Ölfarbe für die Wände, in Fleisch, — es mochte ein Edelmann seinen Wald abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wußte Therese dergleichen immer früher als andere Leute? George staunte. Ob sie ihre Möbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Möbel abrieb und blitzblank putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnächst endlich einmal eingeladen werden mußten (schon wieder? dachte George), denn freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne Geschmack, indessen, was blieb einem übrig … Ob sie Journale las oder einen neuen Roman, in die Ecke des grünen Kanapees gekuschelt, die Füße unter den Rock gezogen, die Hände ins Haar gewühlt, lachend und weinend, Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unübersehbaren Korrespondenzen … Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen Beweglichkeit des Körpers und des Geistes!

Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glücklich, wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen und unerachtet häufiger nachdrücklicher Seufzer über die geistige Einöde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von den Göttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den lächerlichen Zustand dieser Pseudo-Universität leicht und leicht den unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren Kollegen. Er war gerührt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte den großen winkligen Gebäudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie sich befand wie der Kern in der Nuß, er wollte von der Welt nichts weiter, als eben dieses Asyl seiner Zärtlichkeit. Er hatte seinen Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt, ruhend, wie Langmayer fröhlich behauptete, auf Amors Wolken und den Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der naturwissenschaftlichen Institute der Universität gehabt hatte.

Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschäftigt. Er hatte seine ganze Enttäuschung über die vorgefundene Lotterwirtschaft und den verrotteten Pfaffenbetrieb, über den Mangel an Anschauungsmaterial und den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer, der den Fuß schon über die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen. Was hätte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet hätten, anstatt seine Ansprüche zu erfüllen, hatte er nicht noch jenes Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz abgeschlossen hatte: „Sie werden in Polen nicht bleiben …“ O, Wien! Oder auch Prag, — selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begründung eines etwaigen Rücktritts hätte dienen können, hatte er dem alten Laster des Plänemachens gefrönt wie nur je und sich hinweggeholfen über die tote Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den überraschenden Erfolg seiner Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen können. Und, nun wohl, — jetzt gab es keine Pläne mehr. Jetzt war nur noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes eine seltsame Auflösung aller Lebenskräfte, bedeutete, so hatte er schwindelnd gedacht, die Mündung des Stromes in den Ozean und den Untergang der Flamme in der Glut. Über sein Pult gebeugt, fühlte er Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fühlte die eigenen Glieder wie den Körper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fühlte er erschüttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein müssen, damit dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlösung aus allem Irrsal, diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natürlich wohlig, wie das Kind die Muttermilch sog. Ach, Therese! daß er sie hatte finden dürfen, sie, die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm die Essenz aller Süßigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann merkte er, daß er sein Kabinett verließ, und lächelte. Wo war Therese? Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Küche, im Garten, bei der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses Drängen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwänden. Sie lächelte. Sie folgte ihm. Und da war dies grüne Kanapee, und da war Therese an seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er atmete ihren Duft, — da waren ihre Hände, ihre Arme … Sie wehrte ihm nicht. Er hörte sie manchmal „Georgie!“ flüstern, er fühlte ihre kleine unruhige Hand über sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie voller Tränen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. „Du weinst?“ stammelte er befremdet. „Mein Freund!“ sagte sie sanft, und während er nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefühl grenzenloser unerklärlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte, das ihn überschauert hatte, trocknete sie ihre Tränen, und ihn aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand ihm die Brauen glättend: „Ist’s auch mein Tod, an den du denken mußt, mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?“

Auch dies begriff er nicht. Therese dachte immer an ihren Tod. Therese war des Morgens vor Tage auf, trillerte wie eine Lerche, — und dachte an den Tod. Therese hielt in aller Frühe eine Heerschau über ihr Gesinde ab, gab die Losung für den Tag aus, verteilte die Arbeit, nicht ohne die Marischa in scherzhaften Wendungen, die durchs ganze Haus schallten, von ihrer Meinung über ihren mangelnden Reinlichkeitssinn unterrichtet und den Joseph ob seiner Trägheit bedroht zu haben, — und dachte an den Tod. Therese saß mit ihm am Frühstückstisch, ihre Hände bewegten eine Strickarbeit, ihre Augen hingen gebannt an den Seiten eines französischen Buches, beim Umblättern fand sie Zeit einen Bissen, einen Schluck zu nehmen, ihm einen Blick, ein Wort zu schenken, sei es „Forster, mein Engel!“ oder „Iß, mein Georgie!“ — und dachte an den Tod. Therese tanzte treppauf, treppab durchs Haus, kramte in Schränken, klimperte auf dem Klavizymbel, sortierte Sämereien, betrachtete ihre Souvenirs und Silhouetten, ordnete ihre Schmucksachen, lief mit der Langmayer in die Kirche, einem Hochamt beizuwohnen, brach in sein Kabinett ein, um sich sowohl über die Langmayer — „sie verpolackisiert, Georgie, es ist eine Schande!“ — als über den Katholizismus auszuhalten — „Pfaffenglanz, Affentanz!“ — Therese rief: „Ich störe dein Werk, vergib mir!“, eilte lachend hinaus — und dachte an den Tod. Es mochte ein Fest geben, eine der Assembleen, die ihn so schrecklich langweilten, etwa fetierte ein Würdenträger seinen Namenstag mit einer Schmauserei und Musik. Therese machte aufs sorgfältigste Toilette, Therese putzte ihn, — George, — aufs gewissenhafteste, daß er auch nicht im Kleinsten gegen die Mode verstieß, Therese strahlte an seinem Arm durch die Gemächer, war huldvoll, war graziös, funkelte vor Belustigung über die schwarzen Dohlen, die Herren Paters, die nun wahrhaftig in ihren langen Weiberröcken zur Polonaise antraten, neben sich die schillernd sich brüstenden polnischen Damen. Therese kokettierte nichtsdestoweniger wahllos, sowohl mit den Schwarzröcken als mit den polnischen Granden, wanderte von einem Arm an den andern und bezauberte selbst Monseigneur, den Bischof bis zu folgender Unterhaltung, an die sie sich in den nächsten vier Wochen unter großem Gelächter alle paar Tage erinnern mußte, die, dies war nicht zu bezweifeln, in jeden ihrer zahlreichen Briefe eingeflochten wurde:

„Mais en conscience, Madame,“ hatte Se. Eminenz hinter der scherzhaft vorgehaltenen Hand gefragt, „Quel âge avez-vous donc?“

„En dix ans, mon Prince (nein, Georgie, dieser alte violette Suitier!), je ne vous dirai plus la vérité. Aujord’hui j’ose la dire, — j’ai vingt et un ans passé.“

„Comment! Mais vous avez l’air d’un enfant de treize ans!“

„Ha ha ha, Georgie, und das mir, einer Frau, die nächstens Mutter sein wird. „Grâce à ma conduite folle, grâce à ma conduite folle, Monseigneur!“ hab ich gesagt, ha ha!!“

Solche und ähnliche Erlebnisse hatte Therese in Hülle und Fülle, — indes, sie dachte an ihren Tod. Sie litt zeitweise unter den Widerständen, die ihr Körper der Entwicklung seines neuen Zustandes entgegensetzte, unter den Anfällen von Übelkeit, unter einer krankhaften Abneigung gegen gewisse Speisen, sie beobachtete peinlich berührt, daß Hals und Arme an Fülle einbüßten, je schwerer die Last ihres Leibes ward. Sie ließ sich die Ader schlagen — „Unnützerweise, Freund, — doch es beruhigt sie und wird nicht schaden“, sagte der wackre Langmayer zu George, — sie litt an Blutandrang zum Kopf, an Schwindel, an einem Zittern der Knie. Sie litt nicht im Verborgenen, o nein, das Haus erfuhr es, daß sie litt, doch schien dies Leiden mehr oder weniger ebenso gut ein Anlaß zum Bewußtwerden der Daseinswonnen und eine Art von Genuß zu sein, als ihr niemals gebrochener Tätigkeitsdrang. Es war dies nicht der Grund, daß Therese an den Tod dachte, fühlte George, und daß sie ihre Briefe zu Abhandlungen über die letzten Dinge werden ließ, — Abhandlungen, die sie ihm gelegentlich vorlesen mußte, wenn sie besonders wohlgelungen schienen. Da saß sie vor dem geliebten kleinen Mahagonibureau, das er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, samt all den Erinnerungen bitterer und süßer Arbeitsstunden unter allen Himmelsstrichen, die es barg, — sie hatte es The Resolution getauft, um die Meere des Gefühls darauf zu befahren, — da saß sie, die Füße auf dem Kohlenbecken, vorgebeugt auf die Schreibplatte, den Blick schwimmend zum Fenster erhoben, die Feder an den Lippen. Er ging behutsam durchs Zimmer, oh, er hatte ja nicht herantreten wollen, es hätte nicht dieser Bewegung bedurft, als wollte sie das Geschriebene vor seinen Blicken schützen! Sie schrieb, sie korrespondierte, auch er tat das, gewiß, wenn schon nicht so — pflichtgetreu wie sie. Da waren die Eltern, — eine Frau, eben noch selbst Kind in der Hut zärtlicher Eltern und nun in der sarmatischen Wildnis, in dieser Lage, sie bedarf ihrer Mutter! — da waren die Freundinnen, Musen und Grazien auf dem Parnaß, der Göttingen hieß, und unter denen sie nicht die Letzte gewesen war, — da war — jener, der Assad genannt wurde. Jener, der in einer Mondnacht zwischen Cassel und Göttingen einst das seltsame Wort von dem Pol der Geburt und dem des Todes gefunden hatte, der sein schönes Gesicht so fern, so beruhigend fern von Wilna durch die Welt trug und seine Bonmots immerhin verschwenden mochte, wo es ihm beliebte, da er dann nicht darauf versessen schien, sie Briefen anzuvertrauen, grâce à Dieu! Warum aber bedurfte jener, der Assad genannt wurde, — und warum wurde er so genannt? „O, Lieber, — weil er so um sich werben ließ, wie Lessings Tempelritter, ehe er Zutrauen faßte“. — „Und das sagst du mir?“ — „Aber — Georgie …?“ Warum bedurfte jener so häufiger, so ausführlicher Berichte über das Leben, die Gefühle, die Todesnähe Theresens, Berichte, unter deren Abfassung The Resolution schwankte wie nur je im Südwestpassat? Warum mußte von ihm gesprochen werden, abends, wenn George bei Therese auf dem grünen Kanapee saß und Archenholtzs „England und Italien“, aus dem er vorgelesen hatte, sinken ließ, weil er schon seit einer Weile fühlte, daß Theresens arbeitende Hände ruhten und sie ins Kerzenlicht sah? Er hatte vielleicht gedacht, Therese sähe so still ins Kerzenlicht, weil sie müde sei und wünschte, auch er, George, möchte bald ein wenig müde werden. Wollte er nicht gerne müde sein, müde mit Therese? Aber da wandte sie ihm die Augen zu und ihr Mund hatte jenes unbestimmte fortgleitende Lächeln, als sie sagte: „Georgie, — ist das nicht zum Lachen? Assad spricht in seinem Brief, — dem Brief, weißt du, vor vier Wochen, — von meinen zukünftigen Kindern, und in demselben Brief nennt er mich eine Vestalin!“

Was, so fragte sich George, nachdem er etwas von contradictio in adjecto gemurmelt hatte, was gingen Assad, — und zum Teufel, er hieß einfach Herr Meyer! — was also gingen Herrn Meyer Theresens zukünftige Kinder an, — und meinte er etwa, sie kämen durch Überschattung des heiligen Geistes zustande? Ich kenne die Frauen nicht, erklärte George sich selbst, jetzt erst erfahre ich, mit welcher Zärtlichkeit sie der Freundschaft die Treue halten. Mochte denn das Wohnzimmer ein Tempel des Gedenkens sein, er trug die Silhouetten seiner Eltern, seiner Freunde herbei, um sie neben denen von Theresens Teueren aufzuhängen. Er war der Letzte, das Glück des Erinnerns, des Sichversenkens in die Seelen der fernen Geliebten zu verdammen, und gab es ein edleres Vergnügen als mit Therese in Wonne und Wehmut zu vergehen vor dem Bilde eines Jakobi, vor den Zügen seines Sömmerring, Tränen zu vergießen in den Gefühlen, wie sie der Anblick des Pastells heraufbeschwor, das ein Abglanz war der vom Tode berührten Schönheit jener unglücklichen Auguste, die an Theresens Herzen gestorben war? O, er wollte nicht ausgeschlossen sein von Theresens Freundschaftstempel, wollte mit ihr anbeten, schwärmen, sich entzücken, Balsam finden für die Wunden der Vereinsamung unter diesen bunten polnischen Tieren, wollte mit ihr vereinigt sich hinschwingen in den Kreis der ihm verwandten Seelen. Hatte er nicht mehr als guten Willen, sie zu begreifen, hatte er nicht dieselben Bedürfnisse des Herzens, wie sie? Sie waren doch eins, — eins auch in diesen Dingen? Indessen, — warum mußte Meyers Schattenriß dort allein in der Fensternische hängen, wo Therese ihn vor Augen hatte, wenn sie an ihrem Tischchen saß und The Resolution sie nach Deutschland trug? Warum stand ein Topf mit Immergrün auf einem Brettchen darunter, warum hauchten Hyazinthen, Goldlack und Tazetten den langen Winter und den grauen zögernden Frühling hindurch ihren Duft zu Assads schönem, hochmütigen Profil empor, wie Opferrauch? Wenn er mein Freund wäre, dachte George einmal, als er vor Tisch in das Zimmer gekommen war, und es noch leer gefunden hatte, und betrachtete das Bild mit sehnsüchtiger Erbitterung, — aber er ist nicht mein Freund! Er wußte es trotz aller Grüße und Komplimente, die ihm mit jenem unbegreiflichen Lächeln ausgerichtet wurden, — Meyer war nicht sein Freund. Nie war ein Mensch von dieser gleitend geistreichen Art und dieser Selbstverständlichkeit des eleganten Auftretens, nie war so ein beneideter sorgloser Plauderer sein Freund gewesen. Sie schienen Geheimnisse zu wissen, diese Menschen, deren Erwerbung ihn seine zwangvolle Jugend hatte versäumen lassen. Mit Aufbietung aller Kräfte konnte er ein paar Stunden, einen Abend lang Schritt mit ihnen halten, — immer aber fühlte er, daß er Blöcke wälzte, wo sie mit Bällen spielten, — ja, ihre Zustimmung, ihre Bewunderung, empfand er sie nicht meist wie Heuchelei, wie Hohn? Waren sie nicht Feinde, glatte, glänzende Feinde, die hinter der Maske des Gönners ihren Neid auf den bitter erworbenen Ruhm verbargen? Nein, Meyer war nicht sein Freund. Aber ich will ihn lieben, dachte George, mit einer fanatischen Umschaltung des Willens, ich will ihn lieben, denn ich gehöre Theresen. Ich gehöre Theresen, dachte er verzweifelt, und was wäre ich, wenn ich mein Herz nicht in ihres fügte, wohin es immer gehen möge?

Assad also, morgens, mittags und abends. Assad um Mitternacht, in Augenblicken, da die Welt völlig versunken zu sein schien vor dem Glück der gegenseitigen Nähe. Ja, Assad selbst in solchen Augenblicken! „Der arme Assad, Georgie, er ist immer so allein!“

Therese, hatte George bei Gelegenheit dieses Ausspruches sich selber innerlich zugerufen, — er mußte etwas in sich überschreien; es war da nichts zu jammern, für sein Herz, o nein! — Therese ist ein Kind, wahrhaftig, sie ist ein Kind! Und sich herumwälzend, daß er nahe neben ihr lag, den Kopf in die Hand gestützt und ihr eindringlich in die Augen blickend, sagte er: „Therese, Assad ist gar nicht allein. Du bist seine Freundin, ja, wir lieben ihn, aber wir sind nicht die einzigen, die das tun. Du weißt es doch. Assad hat viele Freunde.“

„Assad hat viele Freundinnen“, fuhr er fort, mit uneingestandener Genugtuung bemerkend, daß Theresens Augen sich weiteten und sie seinen Worten entgegensah mit einem hilflosen Beben ihres Mundes, das ihm ein sonderbares Gefühl der Macht über ihr Herz gab, ein sehr seltenes, berückendes Gefühl, — „du weißt es doch, wie wir alle in Göttingen es wußten: Assad fliegt von Blume zu Blume, er ist ein schöner Schmetterling.“

„Meinst du?“ fragte Therese tonlos und ihre Augen wanderten, — „ja, du magst recht haben …“

Sie duldete seine Liebkosungen. Er fühlte müde kleine Hände seinen Nacken streicheln und überließ sich besinnungslos der Zärtlichkeit, die aus seinem Herzen brach. Er lag, veratmend, neben ihr, die Stirn an ihrer Schulter, fühlte sein Blut so sanft, wußte: nun kommt Schlaf, — da hörte er ihre Stimme:

„George“, flüsterte sie, „du und Langmayer, ihr glaubt es nicht, — aber wenn ich dennoch stürbe …“

„Therese!“

„Ich weiß, Freund, ich weiß, — du ertrügest es nicht. Und ich muß leben, deinetwegen. Aber dennoch, — was ist unser Wille? Und wenn ich stürbe und du gehst allein nach Deutschland zurück, — geh zu Assad, George, er wird dir wohltun, er wird um mich weinen, — er kannte mich gut, — obschon ich weiß, er hat viele Freundinnen …“

Therese dachte an ihren Tod. Therese dachte an Assad. Aber nun atmete sie im Schlummer wie ein Kind, und George wachte und starrte ratlos in die Nacht.

Des Morgens frühe mit der Sonne auf, einen Gang durch das Gärtchen getan, Zwiesprach gehalten mit den guten Geistern der Erde, den Teller voll Obst mit Milch, seien’s Himbeeren, seien’s Erdbeeren geschluckt, wie es der wackere Sömmerring verordnet hatte zur Reinigung des Geblütes; ausgeruhten Kopfes alsdann am Schreibpult gestanden und bis zum Frühstück die Übersetzung der Reisebeschreibung Cooks um ein paar saubere Seiten gefördert, das war der Auftakt zu jedem fruchtbaren Arbeitstag, — oh, nun seit Monaten schon! Das kurze Beisammensein mit Therese am Tisch, von gutem Gespräch belebt, etwa über die Frage, ob Therese, die Tochter, — da war sie, da schrie sie, da näßte sie Windeln nun fast schon ein Jahr lang und war kein Junge und doch so unbegreiflich lieb, — ob dieses annoch lallende Würmchen würde Polnisch lernen müssen oder nicht. Und da Polnisch so viel hieß wie Katholisch, bewahre sie also der Himmel! Ja, die Pfaffen strichen ums Haus wie die Aasgeier, fand Therese mit großen Augen streitbar, da war besonders so ein langer, dürrer mit spitzen Ohren und knolliger Nase, der versuchte seit gestern die Liese in Gespräche zu verwickeln, wenn sie das Kind spazieren trug, — näherte sich ihr mit Blumen in der Hand …

„Es war der Pater Liborius, er brachte mir ein paar Zypressenzweige für die Raupen von Deilephila euphoribae und konnte unsere Wohnung nicht finden,“ sagte George begütigend.

„Gleichviel. Es sind alles Vorwände! Wölfe in Schafskleidern!“ grollte Therese. Nun, von solchen Gesprächen, die auch um die Politik der Kaiserin gegen die Türken, oder um die Heiratsprojekte des guten zögernden Sömmerring oder um die Anmaßung des Herrn Kant in Königsberg, über die Verschiedenheit der Menschenrassen mitreden zu wollen, oder um die Schlamperei der Langmayer, ein ergiebiges Thema! — gehen mochten, — von solchen Gesprächen also erfrischt und gestärkt nach je einem Kusse auf die Stirnen von Weib und Kind wieder das Kabinett aufgesucht, Folianten gewälzt, Papier gefalzt, mit der Feder geraschelt, kurzum betriebsam gewesen, Material zusammengetragen für die Elementarlehre des Naturreichs für Schulen, zu der der große Camper in Harlem ihn angeregt hatte, an den Ausarbeitungen der Vorlesungen über Mineralogie im kommenden Semester geschrieben … Zwischendurch auf und niederwandelnd mit sich selbst über Mendelssohns „Morgenstunden“ deraisonniert, sich im Geiste mit Lessing und Jakobi darüber auseinandergesetzt und sich in der Stille der eigenen Klarheit gefreut, — auch sich Notizen gemacht für einen Brief darüber an Sömmerring; — Lavatern abgetan, der ein Schwärmer war und blieb, zu Cagliostro gehörte, zu Schrepfer, Gaßner und ähnlichen; endlich noch vor Tische den Bisonskopf, den der junge Studiosus von Howen am Morgen gebracht hatte, zum Versand an Sömmerring präpariert und mit Langmayer ein weniges über die Struktur des Wiederkäuerschädels geschwatzt, — ha, war das nicht exemplarisch der Vormittag eines Mannes im Zenith seiner Kraft, auf der Höhe des geistigen Schaffens? Im Sommer schien auch in Polen die Sonne und reifte die Saat; ein Mann, mochte er in der Welt stehen, wo ihn das launische Schicksal hinwarf, er fand seinen Wirkungskreis, und Befriedigung quoll einzig aus dem stolzen Gefühl des eigenen Busens. Die Welt, die ihn eine Weile vergessen zu haben schien, hatte sich seiner mit Heftigkeit wieder erinnert, wie ihn dünkte, und wenn die Nachmittagsstunden nach kurzer Ruhe der Abfassung populärer gelehrter Aufsätze für die deutschen Journale, sei’s für die Göttinger Anzeigen, für Bertuchs „Journal für Luxus und Mode“ oder für Lichtenbergs Kalender, und der Erledigung der Korrespondenzen gewidmet waren, so war’s eine knappe Zeit zu nennen, gemessen an der Überfülle dieser Arbeiten. Immerhin, er beherrschte jetzt die Materie, es war Methode in seiner Art, den Stoff zu überschauen und zu gliedern, sein Stil war geschmeidig und ein brauchbares Werkzeug, um die spröde Masse der Wissenschaft in Anschauung umzusetzen. Industria lapis philosophorum! dachte er, mit einem verlorenen Lächeln auf seine Niederschrift gebeugt, — freilich, jetzt wandelte er Blei in Gold! Therese, — das Kind, — sie wollten leben und sollten es gut und sorglos. Therese brauchte nicht zu wissen, wie sehr ihn die Ansprüche des täglichen Verbrauches auf einmal überstürzten. Therese sollte leben wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel! Eine Hütte, ein Gärtchen mit Bohnen, Erbsen, Kohl und Spinat, eine Rosenlaube und Astern, ein Stückchen Feld, eine Ziege im Stall, grobe Schuhe und ein kamelottenes Kittelchen, — freilich, so schwärmte sie, dachte er gerührt, nicht besser wollte sie es haben, arbeiten wollte sie Tag und Nacht für ihn und das Kind! Wer aber kannte das Idyll von der Hütte und dem Stückchen Land und der Ziege im Stall besser als er? Oh nein, er war nicht Reinhold Forster, der sein Weib arbeiten ließ wie eine Magd, oh nein, Wilna sollte kein zweites Nassenhuben sein! Und dann, — er lächelte ein wenig, — „eine Hütte“, sprach sie, und: „Georgie, der Michal frisiert wie ein Stallknecht, ich kann seine Hände nicht an mir ertragen, und die Marischa ist so schrecklich katholisch und schmutzig, — ob wir uns nicht doch den Mühlhausen aus Cassel verschreiben?“ Und: „Georgie, ich wollte es nur gesagt haben, es steht eine Chaise zum Verkauf beim Starosten Rubinski, — sie, die Rubinska, ließ es mir sagen, — nun, ich will dir nicht zureden, aber die große Kutsche hängt so schlecht in den Federn, das Röschen weint bei den Stößen, wenn wir spazieren fahren …“ Und: „Georgie, der Schwarz fährt zur Messe nach Leipzig, ich gebe ihm Auftrag für ein Stück Bielefelder Leinen, du brauchst Nachtcamisöle, Georgie. Und, — nun ja, meinst du nicht auch, man könnte eine neue Kaninchenkatze für mich brauchen?“

Die Kaninchenkatze war Theresens Muff, sie hatte sich im vorigen Winter immer die räudige Katze schelten lassen müssen, weil sie irgendwo einen kleinen abgeschabten Fleck hatte. Die Langmayer besaß einen Zobelmuff.

„Man könnte mit der räudigen Katze einen herrlichen Fußsack füttern,“ sagte Therese nachdenklich, „man kann nicht genug Fußsäcke haben!“ Und plötzlich umschlang sie ihn von rückwärts, legte ihre Wange an seine, lachte ein wenig und: „Georgie,“ flüsterte sie, „darf die neue Kaninchenkatze aus Zobel sein?“ —

George ließ die Feder rascheln, rascheln, rascheln. George lächelte über seiner Arbeit, hustete, hielt inne, hob den Kopf und lauschte auf die Geräusche im Hause. Röschen weinte, aber nur einen Augenblick. Dann ging die Wiege, dann lachte Therese, dann jauchzte das Kind. George lächelte wieder, er lächelte bewußt und ächzte gleich darauf ein wenig, ohne es zu wissen, während er fortfuhr, zu schreiben. Der Affenbrotbaum, oh, ein ergiebiges Thema! War es nicht verdienstlich, die deutsche Leserwelt über den Affenbrotbaum und seine Eigentümlichkeiten zu unterrichten, und trug dann für ihn dieser Wunderbaum nicht seltsame Früchte, Nachtcamisöle und eine Kaninchenkatze aus Zobel?

‚Ich werde Spener um einen Vorschuß bitten müssen, wohl oder übel,‘ dachte George, während er aus der ihm mühelos gehorchenden Anschauung heraus die Sätze halb mechanisch entstehen ließ; ‚er bot es mir ja selber an.‘

Spener war der Buchhändler in Berlin, in dessen Hand die Fäden von Georges wissenschaftlichen Arbeiten zusammenliefen; ein Mann, der wohl wußte, was er an seinem Forster hatte.

‚Oh, mein Teurer,‘ dachte George weiter, ‚aber glauben Sie nicht, daß ich mich als Ihr Sklave in den Bergwerken der Wissenschaft zugrunde arbeiten werde!‘

Seitlich blickend hing er eine Minute der Erinnerung seiner Einfahrten in die Harzer Bergwerke mit Trebra nach, damals auf der wunderschönen Reise nach Wien — seltsames Labyrinth im Bauch der Erde, oh, aber still, — so still! Erzadern blinkten, irgendwo tropfte Schlaf …

Therese wußte nicht, was Arbeit war, Therese hatte hundert Handfertigkeiten, die sie übte wie Wandeln und Atemholen, Therese pflegte ihr Kind unter Tanz und Gelächter, Therese hatte geistreiche Einfälle und ließ sie spielen wie Schmetterlinge, Therese schwärmte und weinte süße Tränen und schrieb Briefe, — Briefe — Briefe …

Nein, Speners Sklave war er nicht —, Speners Sklave nicht.

Aber was wurde eigentlich aus ihm, fragte er sich manchmal dumpf staunend, aus ihm, der aus dem Reich der großen Geister, das Deutschland bedeutete, verschwunden war in die polnische Nacht, unter ein Volk von weniger als neuseeländischer Kultur, dessen geistige Gestirne bisher Pfaffen, französische Vagabunden und italienische Taugenichtse gewesen waren? Dessen Adel die unbedenklichste Roheit mit französischer Superfeinheit verbrämt zur Lebensart erhoben hatte, in seinen prunkstarrenden Assembleen das Pharao als einzige Motion der Köpfe betrieb, von Konversation nichts ahnte, Kunst und Wissenschaft verachtete, — was wurde aus ihm in dieser Atmosphäre, ohne geistig ebenbürtige Freunde, ohne Austausch, — was konnte aus ihm werden als der Sklave einer Arbeit, die, er wußte es wohl, nur zweiten Ranges war?

Ein Abendessen im kleinen Kreise guter Freunde, ein Zusammensein in Heiterkeit und Herzlichkeit bei vorzüglichem Essen und gutem Gespräch, — bis Mitternacht bei dampfendem Punsch um den summenden Samowar gesessen, gelacht, gesungen, ein Spielchen getan, — dies, sinnierte George, als er an einem Januarabend Anfang 1787 bei Kerzenlicht noch einmal an seinem Pult stand und Ordnung unter den Papieren machte, wozu er vorhin in der Eile nicht mehr gekommen war —, dies ist’s, was nach einem angestrengten Tage wahrhaft Erholung und Harmonie des Gemütes verschafft! Er pfiff mit vergnügtem Gesicht ein wenig vor sich hin, er hatte den Spleen gehabt und seine Satire gegen Polen spielen lassen, trotz der Gegenwart von Régnier und Strzecky, Langmayer hatte ihn grob und ehrlich unterstützt und wahrhaftig, Régnier hatte den früheren Kammerdiener nicht verleugnet und war geschmeidig auf den Ton des Gastgebers eingegangen, bis ihn ein Wort von Langmayer auf die Nase traf, wie die Eichel den Bauern, der unter der Eiche schlief: Oh ja, Land, miserabeles, wo es genügt, hohe Herren gut rasiert zu haben, um Professor der Chirurgie zu werden! Régnier, der ehemalige valet de chambre des Fürstbischofs und nun sein, eines Forster, Kollege an der Alma mater, haha, er hatte zum ersten Mal seiner gascognischen Schlagfertigkeit entraten und es hatte der ganzen Gewandtheit Theresens, der ganzen erschrockenen Milde des Präsidenten bedurft, um die Konversation wieder in harmlose Bahnen zu leiten, etwa, — Himmel, wie weit holte der gute alte Mann aus! — zu den Sternen der südlichen Hemisphäre und der Aurea australis. Da war George nun freilich ins Schwärmen geraten und dann hatte er wieder einmal des eigenen Wesens Schatz verspürt, aus dem heraus er unerschöpflich geben konnte, hatte wieder die Augen des ganzen Kreises gläubig und hingerissen auf sich gerichtet gesehen, besonders die der Langmayer und der Régnier, die, aufgeplustert nebeneinander auf dem grünen Kanapee sitzend, bisher unermüdlich miteinander geklatscht und gekakelt hatten und den Zwischenfall überhaupt nicht bemerkt … Lieber Gott, das waren doch gute Kinder, die Langmayer in ihrer allerliebsten Rundlichkeit, die immer so viel Heimweh nach Kipfeln und Backhähndeln hatte und ihn mit ihrer Mundart und Molligkeit immer an die kleine Mimi Born denken ließ —, die Langmayer eben, mit der alle Unterhaltungen unfehlbar auf den einen elegischen Schluß hinausliefen: „Es gibt halt nur ein Wien, — geltens, Herr Professor?“ Und die Régnier, deren erstes Kind so alt war wie das Röschen, schien schon wieder in der Erwartung, das rührte ihn heute so. Régnier war au fond doch ein braver Kerl, wenn schon mehr ein Feldscher als ein Mann der Wissenschaft, und er gönnte ihm sein häusliches Glück. Häusliches Glück überhaupt, das war’s, was einzig die Erde zur Heimat machen konnte, möge diese Zufluchtsstätte liegen, wo immer sie wolle, meinetwegen auf Feuerland —, oh, nein, unterbrach er sich selbst erschrocken, aber jedenfalls, auch in Polen ließ es sich leben und sterben, wenn einer in des andern Liebe den Schlüssel zum Paradiese besaß. Seit Therese das Kind hatte, seit sie in der körperlichen Prüfung des Wochenbettes durchaus nicht gestorben, sondern mit verdreifachten Lebenskräften daraus hervorgegangen war, war sie da nicht durchströmt von Zufriedenheit, schien sie nicht völlig aufzugehen in dieser Verzückung für das kleine Wesen, schwiegen nicht seit langer Zeit alle Wünsche nach Deutschland zwischen ihnen? Das Kind, dachte er, in Zärtlichkeit verloren, o ja, das Röschen! Freilich, es sollte nach Deutschland, wohin es gehörte, sobald seine Seele erwacht war, sollte nicht hier verkümmern zwischen Sarmaten und Römlingen! Einstweilen war ihm wohl, wo nur die Sonne schien, und — auch in Polen schien die Sonne und der Garten der Kindheit blieb hold und heimatlich im Schoße der Erinnerung. War nicht ihm selbst sein dürftiges Nassenhuben eine Insel des Friedens und der Reinheit, trotz allem?

Der späten Stunde vergessend, begann er, mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder zu schreiten. Wärme überkam ihn, Gefühl des Besitzes, der Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bücherreihen, streichelte die Geräte, die Möbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen. Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, daß sein Tag sich mit federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der Schwärmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fühlte er sich jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausübung der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der Hochzeitsreise in Halle den dazu nötigen Doktortitel geholt hatte. Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur, um Régnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten mit säuerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George vergnügt, wohl wissend, welche Art der Praxis ihm in der Gesellschaft von Stadt und Umgegend blühen würde, — Damenpraxis, leichte, aber einträgliche Fälle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten für eine glückliche Kur waren durchaus nichts Ungewöhnliches, er wußte es von Langmayer; zwanzig bis fünfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott möge ihm verzeihen, wenn er’s nicht rein aus Liebe tat, — aber Polen einst schuldenfrei verlassen zu können, war das nicht auch ein gottgefälliges Ziel?

Ich muß es Therese erzählen, daß ich mich entschlossen habe, vielleicht, daß es sie freut, dachte er, die Kerzen löschend und in der Dunkelheit den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht Strzecky, dieser alte Abbé, völlig verliebt in sie gewesen und hatten nicht die Régnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfällige Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandläufer? Am Ende hatte sie am Klavizymbel gesessen und übermütig trommelnd ihn und die ganze Gesellschaft zu unauslöschlichem Gelächter hingerissen, während die Régnier den Präsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch aus den Deux Avares durch’s Zimmer führte, verschämt-feurig mit den großen Kirschenaugen rollend, während der Alte so zierlich trat wie eine Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel der Sphären dozierte und den König David namhaft machte. „Habens eine Ahnung von ein Jesuitel!“ hatte die Langmayer atemlos gekreischt, — ja, Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die Leute durcheinander zu bringen, und daß sie glücklich war, lag auf der Hand. ‚Ich bin’s, der sie glücklich macht,‘ dachte er noch gerade voll Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrückend, nachdem ein feiner goldener Streifen am oberen Türrand ihn belehrt hatte, daß drinnen noch Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterströmung seines Wünschens, — die Régnier ist schon wieder in anderen Umständen …

„Therese!“ rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei Schritten neben ihr, „was ist dir, Kind?“

Sie saß auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer körperlichen Verzweiflung geschüttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt überlassen hat, die er sonst zu bändigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd, schreiend in einer Art bacchantischer Gelöstheit, mit den Händen schlagend, den Kopf drehend und zurückwerfend, Laute ausstoßend, hohl, drohend, anklagend, als stände sie nackt vor Gott und wiese ihm ungeheures Elend, — so schluchzte Therese, — Therese, die ein Kind war, lachend sonst, schwärmend, spielend, Therese, die glücklich war, die er glücklich machte, Therese …

George, in namenlosem Entsetzen, zurückgebogen nach dem Fußende des Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hände ineinander gerungen, erstarrt in der eisigen Strömung dieser fürchterlichen Offenbarung, George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: „Therese! Aber Therese …“

„Oh!“ rief Therese. „Oh! Oh!“

Irrsal. Verlassenheit. Beschwörung. —

Und dann weinte sie stiller.

George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er ließ seine Augen wandern und fühlte, daß er nicht wußte, was er hiervon halten sollte, daß er müde war, ja, und daß ihn fror. Da stand sein Bett, schneeweiß, einladend aufgedeckt, — wie, wenn er sich geschwind auszöge und die Erklärung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge? Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen würde, drängte er solchen Wunsch zurück und begann ganz leise den Rücken der Halbliegenden zu streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Gähnen kämpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen plötzlich aussetzte und Therese sich so schnell aufrichtete, daß seine Hand von ihr abglitt, wie abgeschüttelt.

„George!“ sagte Therese und ihre kleinen festen Fäuste mißhandelten leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. „George!“ wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er suchte mit einem scheuen Blick ihr gerötetes entstelltes Gesicht und sah schnell wieder weg. „George!“ rief sie zum dritten Mal und der Batist zerriß: „Ich — halte dies — nicht mehr aus!“

„Aber was denn, Therese, — komm doch nur!“ bat er verzweifelt und suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschränkchen, putzte mit bebenden Fingern das Licht und wiederholte: „Ich halte es nicht mehr aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, — diese Stadt, — diese Menschen! Und dies, daß du dich hier behagst! Du! George Forster!“

„Ich?“ fragte George und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, — „Ich — oh — ich …“

„Oh, Georgie!“ rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu seinen Füßen und umschlang seine Knie. „Es geht nicht länger! Oh Georgie! Laß uns …“

Das Röschen rührte sich in seiner Wiege und stieß einen kleinen Laut aus. „Still! das Kind!“ machte George.

„Das Kind!“ sagte Therese böse, stand mit einer sonderbar verächtlichen Bewegung auf und trug geschäftsmäßig das Licht in eine andere Ecke des Zimmers. Dann trat sie an das Fußende des Bettes, auf dem er saß, sodaß er sich zu ihr umwenden mußte, und die Arme aufstützend und ihn fest und beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nüchternem Ton: „Es geht nicht länger, George. Wir müssen von hier fort. Du bist es dir selber schuldig.“

„Therese,“ sagte George müde, „du vergißt, daß ich für sieben Jahre verpflichtet bin. Therese, und — wir sind doch jetzt ganz froh.“

„Froh!“ stieß sie hervor, „froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse, bin ich froh.“ Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hände öffnete und schloß, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: „Wenn ich vergesse, daß ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe, in dem das Gespräch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In dem die großen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem Tempel standen und täglich frisch bekränzt wurden. Wo Seele die Seele erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens …“

„Jawohl, — Assad!“ flüsterte ein böser Geist George ins Ohr. Und als ahnte sie seine Gedanken, schloß Therese ein wenig allzu emphatisch: „Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlözer und seine herrliche Tochter! Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Göttingen gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit — mit Assad …“

„Und,“ fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als wollte sie ihn hindern, zu antworten, „du behagst dich hier mit einem Langmayer, einem Régnier beim L’hombre und bist es zufrieden, diese polnischen Gänse in der Botanik zu unterrichten.“

Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populär-wissenschaftlicher Vorträge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der Gesellschaft hielt. Er errötete und sagte unwillig: „Du vergißt, daß es nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Gründe, derartiges nicht von der Hand zu weisen.“ Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn, sollte leben wie die Blumen auf dem Felde … Er hob den Kopf und sah sie mit einem bittenden Lächeln an.

„Therese,“ sagte er, „hab’ ein wenig Geduld! Die Jahre gehen schnell herum, glaube mir!“

„Und deine Freunde vergessen dich!“ rief sie heftig. „Die Welt stand dir offen, vor zwei Jahren noch! Wer schreibt heute noch an dich? Sömmerring, — Sömmerring, — wer sonst? Spener höchstens und die Herausgeber der Journale, für die du Fronarbeit tust …“

„Sömmerring freilich ist eine treue Seele“, murmelte George bitter. Oh, hatte Therese nicht recht?

„Georgie, Georgie,“ flüsterte Therese und war wieder zu seinen Füßen, die Arme auf seinen Knien, das Gesicht zu ihm erhoben, „laß uns fortgehen von Wilna, Georgie!“

„Deine Locken …“ er spielte mit ihrem Haar, er lächelte, süß gelöst von ihrer warmen Nähe. „Oh, Therese! Weine nie wieder so!“

„Laß uns fortgehen von Wilna!“ wiederholte sie eindringlich, die Augen mit tödlich-ernstem Flehen in seine vertiefend, die ihnen auswichen. „Ich komme um in Wilna. Ich — komme um in mir selbst.“

„Oh, Therese, — und du warst doch immer so fröhlich, seit das Röschen …“

Therese sah ihn eine Weile an, prüfend, stumm. Dann sagte sie: „Fröhlich, Georgie? Du sagst es, kein Zweifel, daß du es auch glaubst.“

Und gesenkten Hauptes, nach kurzem Schweigen, leise: „Die Mutter sagte manchmal zu mir:

‚Wenn dein Herz von Wunden blutet,

Lügt oft deine Stirne Ruh’ —‘“

„Therese!“ rief George kummervoll.

„Georgie?“ Sie hob den Kopf. Ihre Augen blickten bewegungslos, klar, rätselhaft, Spiegel tiefer Brunnen. Ein nie bemerkter Zug von Qual spannte die Brauen.

„Therese,“ dachte George erschüttert, „war doch gestern noch ein Kind. Bin ich denn blind gewesen?“

Er zog sie empor, nahm sie in die Arme, bettete ihr Haupt an seine Schulter. „Geliebte,“ flüsterte er angstvoll, „Einzige, sage doch, — ist es dies allein, was dich unglücklich macht, — dies allein?“

Therese hielt die Augen geschlossen.

„Ja, Georgie. Dies — allein …“

„Wir wollen fort von Wilna, Therese,“ redete er leidenschaftlich, und sein Atem bewegte ihr Haar, „du hast recht, ich verkomme hier, du hast recht, es ist ein übles Zeichen, wenn man anfängt, sich hier zu goutieren. Du hast recht, du hast hundertmal recht, — und ich dachte nur, — ich kalkulierte, — aber gleichviel …“

Er starrte über sie hinweg, seine Augen brannten, sein Herz hämmerte. Ein Frösteln schüttelte seinen Körper.

„Du bist müde, Guter,“ murmelte Therese auf einmal schläfrig und lächelte. Er küßte zerstreut die kleinen Finger, die ihm das Jabot lösten. Er war nachdenklich, entledigte sich der Kleider ohne es zu wissen.

„Therese,“ begann er wieder, als er neben ihr lag, und im Dunkeln zog er sie an sich, — „es ist gut, daß dies kam, oh, du hast mich geweckt. Es war etwas eingeschlafen in mir, Therese, hörst du, und vielleicht war es das, — das, was mich deiner Liebe erst würdig machte, — machen konnte, Geliebte, — dies, daß ich wagen und opfern konnte für dich. Ist es so, — Therese …“ bettelte er in der Dunkelheit und fühlte es wieder, dies müde, beschwichtigende Streicheln kleiner Hände, das alles andre tat, als ihn beruhigen. Er stemmte sich auf den Ellenbogen und neigte sein Gesicht auf ihres.

„Vor zwei Jahren, kleines Mädchen,“ prahlte er mit leisem Lachen und spielte zärtlich mit ihrem Stirnhaar, „als ich so verzweifelt war, weil ich nicht wußte, woher das Geld nehmen, um dich aus Göttingen zu holen, nicht wußte, ob mir die Erziehungskommission den Vorschuß bewilligen würde, — da war ich noch ein Kerl, da hatt’ ich noch Projekte! Ja, was meinst du, wenn der Forster nicht gekommen wäre, dich zu holen, wenn er verschwunden wäre wie die Maus im Heuhaufen …“

„Ich wollte alles verkaufen,“ fuhr er träumerisch fort und warf sich zurück, „Bücher, Mineralien, Herbarien, und dann, unter dem Vorwand, nach Deutschland zu gehen, wäre ich geradenwegs nach Konstantinopel gefahren und hätte dort mein Glück versucht, als ein Kerl, der meist alle europäischen Sprachen spricht und just nicht auf den Kopf gefallen ist.“

Er verstummte einen Augenblick und — „ein Leuchtöl, destilliert aus Hammelfett“ ging es ihm unerklärlicherweise durch den Sinn, und „man muß es dem Großtürken anbieten …“ jawohl, dies war der Studiosus Bezzel in Petersburg gewesen!

„Von Konstantinopel aus,“ sprach er langsamer, gleichsam behutsam, um nicht auf Erinnerungen zu treten, „wär’ ich weitergegangen, nach Persien, — nach Indien, — wär’ unter einem warmen Himmel wieder aufgetaut, lebendiger, geistiger, — jünger geworden, und wäre, entweder ein Wiedergeborener mit frischem Ruhm bekränzt oder gar nicht zurückgekehrt — zu dir …“

„Georgie!“ — Therese hatte sich nun ihrerseits halb aufgerichtet und tastete nach seinem Gesicht. „Georgie!“ sagte sie schmeichelnd, „ach, kenn ich dich wieder, mein Georgie?“ Und, ihre Arme um seinen Hals werfend, leidenschaftlich: „Du solltest nicht immer — nur übersetzen, Freund!“

„Nicht immer — nur übersetzen, Therese?“ fragte George sanft, „oh — kleine Therese!“

„Nicht tagelöhnern — schaffen solltest du, George, die Welt erobern, große Projekte ausführen …“

„Große Projekte, Therese?“ Er hielt sie gegen seine Brust gepreßt, er fühlte ihr schnelles hüpfendes Herz wie einen gefangenen Vogel gegen seines stoßen. Er lächelte schmerzlich, sie sah es ja nicht.

„Ich werde,“ sagte er hastig atmend, „mich bemühen, gib acht, — ich — habe Pläne, habe Aussichten. Du sollst sehen, man hat den Forster nicht so schnell vergessen, als du denkst. Therese, — bist du mir auch gut?“

Sie hatte sich zurückgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre sanften kleinen Hände.

„Ja doch, Georgie, ja!“ sagte sie, als tröste sie ein Kind, „ja, ach Georgie, — und so müde …“

Sie gähnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. „Gute Nacht!“ murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, daß sie halb schon schlief.

Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, — er war aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen worden. Kristalle wollten zusammenschießen in dampfender Mutterlauge; eine achtlose Hand hatte die Lösung gerüttelt und aufgerührt. Und so würde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, daß man nicht ausharrte in einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwärts stürmte, einem halb nur geahnten Lichtschein zu, der, — Gott mochte es wissen, — den Ausweg in die Freiheit verhieß? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der Entschluß, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tänzerin, sie wirbelte ihn hinweg über alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines Sinnes waren sie jetzt inmitten des vulgi stulti, der sie fressend und saufend in träger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Kühe, die wiederkäuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und Jugend beflügelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der Hand als stünde er an einer gut geölten Maschine, und der Cook rückte täglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine Übersetzung, dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Händen am Pult stand, — aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war, wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, — erntete in den Gärten, die nun endlich reife Früchte bieten mußten. Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fühlte er sich berufen. „Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Klötze zu schnitzen,“ schrieb er an Sömmerring, frohen Selbstgefühls voll.

Nein, er wollte nicht mehr Kraft und Zeit vergeuden. Aber freilich war es gut, immer in Amt und Brot zu sein, gut, einem freigebigen Herrn zu dienen … Es galt, einen Gönner zu finden, dem es lohnend schien, ihn hier loszukaufen, oder dessen Macht ausreichte, mit seinem Wunsch nach Forsters Diensten allein diese verfluchte Last von nahezu 6000 Gulden Vorschuß zu löschen, die er der Erziehungskommission nun einmal schuldete. Therese hatte Recht: hier mußte er als Mann von Welt politisch und mit kühler Überlegung seine Möglichkeiten und Vorteile abschätzen und gegeneinander ausspielen. Therese setzte abends „das Schachbrett“ auf, wie sie diese Beschäftigung übermütig nannte, hohe und höchste Gönner aufmarschieren zu lassen und zu prüfen. Da war, wenn man die große Zahl der ihm gnädig gesinnten Fürsten wegließ, die hier nicht in Betracht kamen, da sie höchstens Louisdors und Schnupftabaksdosen, aber keine gut dotierten Ämter zu vergeben hatten, zunächst einmal der Landgraf von Hessen, von Cassel her in unliebsamen Angedenken, — indes die Verleihung einer Professur der Naturwissenschaften an der Universität Marburg lag in seinen Händen. Die tätige Liebe des wackeren Sömmerring war am Werk, hier sowohl als bei seinem eigenen Herrn, dem Mainzer Kurfürsten, für George zu arbeiten, und, — so sagte Therese, — beide Plätze hatten ihre Meriten, Mainz freilich ungleich größere, da es sich unter dem Krummstab des Barons Erthal zu einem kleinen Musenhof, vergleichbar dem von Weimar, entwickeln zu wollen schien und — „mein Georgie!“ — es lag linksrheinisch, es war fast schon Paris! In Berlin war der vortreffliche Gleditsch verblichen, Friede seiner Asche! Gewiß war es opportun, dem Minister von Herzberg die Opera botanica zu schicken und diesem Beschützer von Kunst und Wissenschaft zu seiner Erhebung in den Grafenstand zu gratulieren, — oh, kein Wort von dem erledigten Lehrstuhl, man rief sich in Erinnerung, weiter nichts. Die größten Figuren aber, mit denen Therese agierte, saßen im Norden und im Süden auf den Thronen des deutschen Reiches und Rußlands. Und es war zweifellos, daß es auf St. Petersburg ankam und auf St. Petersburg allein! Denn, so meditierte diese erstaunliche kleine Person ihm gegenüber am Tisch ernsthaft, — wo Frauen regieren, hat ein Mann von Verdienst alle Chancen, und darum, von der großen Katharina ganz abgesehen, — kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der Fürstin Daschkow, des weiblichen Direktors der Akademie der Wissenschaften, auf sich zu lenken! In Therese, dachte George voll abgründigen Staunens, als er sich an einem dunklen Wintermorgen im Reisewagen auf der Fahrt nach Grodno sah, wo es Gelegenheit gab, sich dem Ambassadeur der Kaiserin, Herrn von Stakelberg, vorstellen zu lassen, — in Therese steckt etwas von einer Katharina, einer Daschkow und mehr von einem Diplomaten als in mir, Sömmerring, nun, und sagen wir einmal: dem Vater zusammengenommen! Und dann dachte er daran, wie der Vater im mausgrauen Rock nach Danzig gefahren war, mit der Absicht, den Vorgänger des Herrn von Stakelberg, den weiland Herrn von Rehbinder, in die Tasche zu stecken, und wie er heimgekommen war in der Überzeugung, daß ihm dies gelungen wäre. Oh, die, alten Zeiten und der Vater! Und jetzt kollidierte man mit ihm auf Schritt und Tritt, denn nicht nur um Marburg bewarb sich der Alte ebenfalls, auch in Berlin, wo, wie George jetzt durch Spener gehört hatte, er, der Sohn, auf die Liste der für Gleditschens Stelle Vorgeschlagenen gesetzt war, war Forster senior auf dem Plan erschienen und hatte bei seiner Ernennung zum auswärtigen Mitglied der Akademie die Erfahrung machen müssen, daß George diese Ehre gleichzeitig widerfuhr! O nein, ich triumphiere nicht, dachte George, sich erschrocken von seinen Gedanken abwendend, und fühlte doch, daß eine kalte Befriedigung sein Herz vorübergehend hart und glänzend gemacht hatte. —

Es gibt Dinge, die einem niemals allein und losgelöst, sondern immer nur in der Verbindung mit anderen Gegenständen einfallen, so konnte sich George nicht an den Londoner Nebel erinnern, ohne an ein gewisses kleines Federmesser zu denken, das ihm in jenen bösen Jahren vor der Südseereise ein zärtlich geliebter Besitz und ein Trost gewesen und später verlorengegangen war, — er konnte auch den Namen Surinam nicht hören, ohne die Erscheinung des Hofrats Kotelnikow vor sich zu sehen. Ebenso gab es Menschen, die ihm nur paarweise oder gar in Gruppen ins Gedächtnis traten, Larry und Porea etwa, Sömmerring mit dem Hintergrund des ganzen Casseler Kreises, der ihm einigermaßen widerwärtige Nikolai in Berlin mit seinem Gegenspiel, dem herzlich verachteten Schrepfer in Leipzig, die Musiker Neumann und Naumann in Dresden und — nun, Gott möge ihn davor bewahren, dachte George, daß er jetzt seine ganze wimmelnd bevölkerte Erinnerung wachrief, um sich die ihn ein wenig quälende Tatsache zu erklären, daß er nicht an den Vater denken konnte, ohne daß Therese dies stattliche Gestirn umkreiste, — nicht sich in das Wesen seines Weibes versenken, ohne daß die gleiche Konstellation sich ungerufen einstellte. An diesem Junimorgen, da er wie gewöhnlich mit Sonnenaufgang erwacht war und nun auf der Seite ruhend, die Hand unter die Wange geschoben, im gedämpften Licht die neben ihm Schlummernde betrachtete, stieg irgendeine nächtige Woge in ihm und wahrnehmend, wie ihre Brust sich hob und senkte und die Kante ihres Hemdes am Halse von den zuckenden Schlägen des Pulses bewegt ward, dachte er sonderbar erregt: wie wehrlos sie ist! Und sich selbst vortäuschend, dieser Gedanke stiege aus der Lust, sie an sich zu reißen, fühlte er gleich darauf erschrocken, daß etwas wie gehässige Neugier in ihm sprach und ihm zeigte, daß Therese häßlich sei, doppelt häßlich jetzt in diesem Augenblick des Schlafes mit dem haltlosen Unterkiefer und dem Ausdruck unbedingter trotziger Hingabe an die Dumpfheit der Betäubung. Sieh keinen Toten und keinen Schlafenden an, sie können sich nicht verstellen! dachte George, sich unruhig herumwälzend und die Hände hinter dem Haupte verschränkend. Und da war’s wieder. Erinnerung arbeitete in ihm, deren er sich nicht bewußt zu werden wünschte, unwillig gab er ihr endlich Raum und erkannte, — jawohl, so hatte er oft, unzählige Morgen der Vergangenheit gelegen und den schlafenden Vater angesehen, hatte gedacht, — oh, lächerliche Gedanken eines Knaben! — aber etwa so: Wenn ich nun aufstünde, leise, heimlich, — das kleine Federmesser vom Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit seiner Spitze einen sauberen behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden Adamsapfel dort zöge … Aber dies möchte Wahnsinn heißen, wenn es nicht so lächerlich wäre, sagte er sich, indem er sich nun plötzlich eilig erhob, das Gesicht zu einer unbewußten Grimasse verzerrt, — George Forster mit der Erinnerung an Mordgedanken, — George Forster mit der Lust, — und in einem letzten Nachgeben an jene dunkle Versuchung und mit einem scheuen Blick auf die Schlafende gab er es sich verzweifelnd zu, — ja, George Forster mit der Lust, sein Weib, seine Therese zu quälen. Ach, nicht zu töten! Aber einmal mit seinen Zärtlichkeiten den Blick ergebenen Duldens, den Blick unbeteiligter, stiller, ja vielleicht manchmal freundlicher Verwunderung wandeln zu können in einen gebrochenen, schwimmenden, — die in allen Lagen beherrschte Rede dieses Mundes auflösen in ein hilfloses Stammeln, — einmal Therese fühlen zu machen! Er dachte: einmal, das ist dann, als ob eine Tür endlich aufspringt! Einmal, — das heißt dann, für immer im Paradiese sein! Er zog sich hastig, geräuschlos und unglücklich an. Er verließ die Kammer und durchschritt mit gesenktem Kopf den Vorraum. Mein Gott, er war ein Narr, ein Undankbarer, sagte er sich, als er nun in seinem Kabinett hastig den Teller auslöffelte, den ihm Marischa gebracht hatte. Diese morgendlichen Verstimmungen waren ebenso eine Folge skorbutischer Schärfe in seinem Geblüt, als die fortwährenden Anfälle ziehender Schmerzen, als diese kleinen lästigen Ausschläge, die entzündeten Augen, die peinigenden Koliken. Die Säfte reinigen! Das war der Schlüssel auch zur Harmonie der Seele. Hastig schluckte er seine Erdbeeren in Milch, — Obst auf nüchternen Magen, wie es ihm Sömmerring verordnet hatte, und das Therese nie versäumte, ihm hinstellen zu lassen, in der Form, wie die Jahreszeit es bot. Oh, sorgte sie nicht rührend für ihn? Ja, er war ein Narr! Wenn jetzt der Druck der Enttäuschung auf ihr lastete, daß bisher alle Pläne, von Wilna fortzukommen, gescheitert waren, — wenn dieser Druck sie matt und teilnahmslos machte, — war das nicht nur natürlich? Was verlangte er denn von ihr? Er schob den Teller zurück. Obst am frühen Morgen, mir zuwider wie nur je, dachte er angeekelt. Ach, mein Gott, es verlangte ihn ja nur nach ein wenig Zärtlichkeit und Wärme, schrie es verzweifelt in ihm auf. Trugen sie denn die Enttäuschung nicht gemeinsam? Litt er nicht wie sie unter dieser Umgebung ohne Geist und Feuer, mußte sie nicht endlich überzeugt sein, daß er Ruhe und Gesundheit dransetzte, um aus diesem stagnierenden Froschteich herauszukommen, daß die satte Zufriedenheit der Kollegen, die kleinlichen Eifersüchteleien und Kabalen ihn bis zur Verzweiflung peinigten? Litt er denn immer noch nicht sichtbar genug, um der Gemeinschaft ihres Leidens endlich teilhaftig zu werden? Denn, — nicht wahr, — dies war’s: er wollte leiden, um ihrer würdig zu sein, um bei ihr zu sein, wohin ihr Herz sie immer trug, — nur bei ihr und mit ihr, — und um den Dämon Lügen zu strafen, der ihm so den Spiegel vorhielt und hämisch raunte: brächtest du selbst denn die Größe auf, Freund, um so zu leiden wie sie, unmittelbar aus Gottes bitterer Hand? — sprang er verzweifelnd auf und rannte hinaus, fort von den schon ausgebreiteten Büchern und Papieren, der still lockenden und drohenden Welt der Arbeit, in der Vergessen und Zufriedenheit war.

Ein botanisches Gärtchen von Qualität! ging es ihm durch den Kopf, als er in dem Schattenwinkel hinter dem Hause war, wo er die für die Demonstrationen in den Kollegien notwendigen selteneren Pflanzen ziehen sollte und wo er nun zwischen den Rabatten auf und nieder ging, dumpf eingedenk, daß die unzähligen Fenster des weitläufigen Gebäudes auf ihn niederblickten und daß hinter einem möglicherweise die Langmayer stand und in der lieben Wiener Mundart sagte: „Maria und Josef, — der arme Mann!“ Hätte er nur gewußt, warum sie ihn immer bedauerte, ihn, der vor der Welt so glücklich war! Dies aber, was ihn jetzt quälte und ruhelos machte, da er nun einmal wieder den Vater und Therese in seinen Gedanken vermengt hatte, war eine Erinnerung von der Hochzeitsreise her, die über Halle hierher gegangen war. Selbst in dem Bewußtsein, wieder in den Bannkreis des Vaters zu treten, hatte er dieses Mal ohne inneres Widerstreben, ja, mit einem gewissen Frohlocken die Schwelle des Elternhauses überschritten, er kam ja nicht allein, wer konnte ihm jetzt noch etwas anhaben? Die Erlebnisse der ersten Tage des Zusammenlebens waren noch unentwirrt um ihn und Therese, sie bedeuteten einstweilen noch die holde Unordnung zerrissener Kränze, die noch nicht verwelkt waren, es war im gesicherten Besitz noch das atemlose Zittern ungestillter Sehnsucht in ihm und sie war von jener bräutlichen Schmiegsamkeit gewesen, mit jenem weinenden Lächeln der Hingebung, der Bereitschaft, das ihn rührte und toll machte zugleich. Sie waren im Gasthof abgestiegen, Therese machte sich schön, sie hatte das Kleid aus jenem weißen Aotobast hervorgeholt, den George ihr einst geschenkt, hatte es angezogen, um, wie sie mit Munterkeit sagte, den alten Eroberer von Tahiti zu ehren. George hatte ihr geholfen, hatte Hefteln und Bänder geschlossen, die Handspiegel gehalten, damit Madame sich von allen Seiten betrachten konnte, hatte zwischendurch vor ihr gekniet und diese lieben, wunderlich kleinen Füße gestreichelt, — mußten sie nicht müde sein von der Reise? Aber ja, sie mußten doch, wenn man auch beständig gefahren war! Wie war es denn möglich, daß ein Mensch sein Leben lang auskam mit Füßchen, nicht größer als eine gewöhnliche Männerhand? — kurzum, er hatte sich verliebt und ungeschickt betragen, bis Therese: „Aber, — mein Freund!“ gesagt hatte, ja, das hatte sie schon damals zuweilen getan. Am Ende hatte er mit ihr am Arm den Gasthof verlassen und hatte sie ganz übermütig vor Stolz und Wichtigkeit durch die Straßen geführt, selbst elegant genug, wie er sich dünkte, im neuen blauen Tuchrock nach englischem Schnitt, Hut unterm Arm und Hand am Degenknauf. Blickten die Mutter und Fieken nicht schon am Fenster nach ihnen aus? Er gab Theresen noch einige Verhaltungsmaßregeln; sie sollte sich nur nicht fürchten, sagte er tröstend, der alte Herr, nun ja, er habe seine Wunderlichkeiten, aber er sei kein Menschenfresser, — sei kein Menschenfresser, wiederholte er sich selbst innerlich staunend, wer hatte ihn denn je dafür gehalten, für einen Menschenfresser? — und man brauche ja nicht mit ihm zu leben. In wenigen Tagen würden sie wieder allein miteinander sein, sagte er, nur, nicht wahr, ein paar Stunden täglich während dieser kurzen Zeit müßten der Pietät zum Opfer gebracht werden und die Mutter, ach, die Mutter würde sich so freuen! Er redete so viele Worte der Beruhigung und der Vorbereitung, daß Therese endlich ganz verwundert zu ihm aufsah und sagte: „Aber, George, ich fürchte mich doch gar nicht!“ und er sich besann, freilich, er hatte nicht bedacht, daß Therese Heyne gewohnt war, mit den sonderbarsten alten Knaben zu plaudern, daß sie, — und war das nicht einer der Züge, die er so leidenschaftlich an ihr bewunderte? — eine kleine Dame von Welt war, gewohnt, sich in alle Situationen zu schicken. Kindlich genug betrachtete er ihre Eigenschaften als eine Verstärkung, eine Erweiterung der eigenen Person, — nun, der Vater würde sehen, der Vater würde staunen, was da endgültig aus ihm, George, geworden war, er würde es nicht mehr wagen …

Was würde er nicht mehr wagen? George wußte es bald selbst nicht mehr, was eigentlich er sich von diesem Besuch für eine Wirkung versprochen hatte, — etwa die einer Parade vor dem Feind, einer friedlichen Parade in voller Rüstung mit Fahnen, Standarten und blitzend neuen Waffen: Hier das Haus Forster junior auf immerdar? Da stand ein Riesenstrauß bunter Astern mitten auf dem runden Tisch und dahinter, rötlich wie der herbstliche Mond, leuchtete Reinhold Forsters massiges Gesicht unter dem schimmernden Toupet und selbstverständlich! er hatte auch einen blauen englischen Frack an und wie füllte er ihn aus mit Brust und Schultern! Da saß er, ließ seine großen Augen rollen, blies die Backen auf wie nur je und spielte den galant-homme, sich herabneigend zu der kleinen zierlichen Schwiegertochter und seine gewaltige Hand auf ihre schmale legend, — und das schon in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft! George, an der anderen Seite des Tisches zwischen Mutter und Riekchen sitzend, sich der Verpflichtung innerlichst bewußt, sein neues Glück in die erloschenen Augen der Mutter strahlen zu müssen, die an ihm hingen, fühlte eine nie geahnte Erregung des Herzens. Plaudernd und lachend, als hätte er Wein getrunken, rief er Therese an, sie möge seine Erzählung von der Hochzeit ergänzen, was für eine Robe hatte ihre Mama getragen, wie waren die allerliebsten Carmina gegangen, die ihre kleinen Stiefgeschwister rezitiert? Dies alles interessiere brennend die Damen. Zugleich wühlte er hastig, fieberhaft nach einer Frage, die er dem Vater wie eine Schlinge umwerfen könne, — ja, — wie war das mit seiner Promotion, was für Visiten waren zu machen, welcher Anzug war angebracht? Sonderbar bemüht, der Mittelpunkt des Kreises zu werden, kein Sondergespräch aufkommen zu lassen, redete er nach rechts und links, was ihm gerade in den Sinn kam, die Augen immer wieder beschwörend auf Therese gerichtet: einen Blick, ein kleines Freimaurerzeichen des Verständnisses, der Zusammengehörigkeit wollte er haben, — oh, aber nicht dies gleichmütige, abgleitende Lächeln! Verzweifelt machte er Anspielungen auf kleine gemeinsame Erlebnisse der letzten Tage: „Weißt du noch, in Weimar …?“ sagte er, und „Therese, wie war die Aussicht aus unserem Fenster in Eisleben, du erinnerst dich, haha!“ erreichte aber nichts, als daß sie ihn erstaunt fragend und nachdenklich anblickte und daß Riekchen eifrig fragte: „Wie war das denn, erzähle doch!“ Allmählich verstummte er, zerbröckelte seinen Kuchen mit den Fingern und starrte vor sich hin aufs Tischtuch. „Mein Georgie,“ hörte er die Mutter neben sich und fühlte ihre leise Hand auf dem Ärmelaufschlag, „bist du nun froh?“

Er wandte ihr die Augen zu.

Der Vater neckte Therese. Der Vater nannte sie: „Frauenzimmerchen, charmantes, durchtriebenes!“ Der Vater reichte ihr mit Grandezza den Arm, um sie in den Garten zu führen. Die andern folgten. „Zwischen diesen ehrwürdigen Zeugen des Geistes,“ sagte Reinhold Forster im Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die Bücherborde deutend, „hat Ihr George seine ersten schüchternen Schritte auf dem Pfade der Wissenschaft getan!“ Alle waren stehengeblieben. Dort standen der Vater und Therese. Hier stand George, den Kopf ein wenig gesenkt, den Mund mit einem schmerzlichen Versuch zu lächeln halb geöffnet, die Augen schweifend; Mutter und Schwester hinter ihm in der demütigen Haltung liebender Einfalt. Der Vater aber legte den Arm plötzlich mit einer großen Gebärde um Therese, die mit einem gurrenden Lachen zu ihm aufsah, und mit der Linken erst auf sich selbst, dann auf den Sohn deutend, rief er mit dem alten wohlbekannten Dröhnen des Brustkastens: „Gegängelt, gegängelt, gegängelt ist er gegangen! Frauchen, Frauchen, nun kriegt Sie die Zügel in die Hand! — hat Sie auch die Forsche dazu?“

Versunken niederstarrend auf ein Beet mit Heilkräutern, sah er die beiden wieder stehen, mit den Köpfen nickend. Hatte nicht auch Riekchen, hatte nicht selbst die Mutter lachen müssen? Ein Scherz, mein Gott, ein Scherz im Familienkreise!

Er ging ins Haus zurück, von neuem betäubt durch diese Erinnerung, von der fürchterlichen Bedeutsamkeit, die sie in seinen Augen gewann, je öfter er sie hin- und herwandte: hier hatte er gestanden, allein, und dort — dort war Therese gewesen, — Therese neben dem Vater. — — —

Ein paar Stunden später am Fenster stehend, unfähig zu arbeiten unter dem fürchterlichen Druck des seelischen Schweigens, das zwischen ihm und Therese sich ausbreitete, einem ratlosen Zustand körperlicher Angst hingegeben und mit einem Gefühl von Abneigung und Ekel das Treiben der Gänse um den Tümpel auf dem weiten grasbewachsenen Platz zwischen seinem Wohnhause, dem Universitätsgebäude und der blendenden Fassade der Kirche gegenüber beobachtend, — in diesem Augenblick sah er durch die weiße Verödung der Mittagsstunde aus der Richtung der Posthalterei her einen Mann stracks auf sein Haus zukommen, trat einen Schritt zurück, griff sich an die Stirn, lachte glücklich auf und stammelte: „Nun, endlich!“ obgleich er sich sofort dessen ganz bewußt war, daß nicht der geringste Anlaß vorlag, in diesem Manne den Schicksalsboten zu sehen. Als er eine Stunde später das Wohnzimmer betrat und sich Therese gegenüber am gedeckten Tische niederließ, war eine Frische und Straffheit in seinen Bewegungen und lag, während sie die Suppe löffelten, ein nicht zu bändigendes Lächeln auf seinem Antlitz, daß Therese schließlich nicht umhin konnte, die Lider zu heben. „Was gibt’s, Forster?“ fragte sie ein wenig gereizt, — freilich, buchte er heimlich, was hatte er auch fröhlich zu sein, wenn es ihr zu schmollen beliebte? — und „Was ist’s mit dem russischen Kapitän? Wieder einen Gast auf den Abend? Du weißt, ich habe nichts im Hause.“

Spielerisch, als sei er gänzlich unberührt von ihrem larmoyanten Ton, gab George lächelnd zur Antwort: „Oh, wie du willst, meine kleine Therese! Es ist ein Kapitän Mulowsky aus Cherson von der Marine der Kaiserin, und gewiß ein etwas verwöhnter Herr. Ich — werde mit der Langmayer sprechen, meinst du nicht? und zum Soupieren mit ihm hinübergehen. Sie wird sich’s zur Ehre anrechnen, denk ich.“

Therese, die an ihm vorbeigesehen hatte, wie ein trotziges Kind, blickte ihn plötzlich voll und mißtrauisch an: „Zur Langmayer? Aber geh du nur, — und verdirb dir wieder den Magen an ihrem fetten Zeug! Es ist eine Sache des Geschmacks, ob man sich dabei behagt oder nicht.“ Und da das milde Strahlen gar nicht aus Georges Augen weichen wollte, blickte sie ihn noch einmal prüfend und nicht begreifend an und sagte dann langsam, mit einem Unterton ungläubiger, zögernder Ahnung: „Georgie, — was — wollte dieser Kapitän?“

„Oh — nichts …“

George zerschnitt vergnügt das Fleisch auf seinem Teller, — „gar nichts weiter Besonderes. Er — hat mir im Namen der Kaiserin — nun etwa dreitausend Rubel Gehalt versprochen und Deckung aller meiner hiesigen Schulden …“

„O George — Georgie!“

„… wenn ich mich bereit erkläre, eine Entdeckungsexpedition nach der Südsee mitzumachen. Er brachte einen schmelzenden Empfehlungsbrief vom Ambassadeur mit. So ist es! Ja, Therese!“

Glückselig lachend breitete er beide Arme aus. „So ist es!“ rief er noch einmal, „so ist es! Oh, Therese, — das Leben ist mir neu geschenkt!“ Und im selben Atemzug neben ihr kniend, sie umschlingend: „Oh, vergib! Aber verstehe, verstehe! Dies, — dies ist noch einmal eine Tür ins Freie. Und ich komme wieder, ich komme wieder, Kleine, Geliebte, — und du wirst mich lieben und wir werden selig sein!“

Therese, seltsam über diese gestammelten Worte hinweglauschend, ihm zugewandt, die Hand auf seiner Schulter, sagte langsam: „Georgie, dies ist mir wie ein Traum.“ Und nach einem Stocken, während er lächelnd zu ihr aufsah: „Wie sagtest du? Dreitausend Rubel Gehalt? Wie — ist das zu verstehn, mein Georgie?“

„Oh,“ sagte er ein wenig erstaunt, „es war eine meiner Bedingungen, es war … Nun, ich werde jährlich zweitausend Rubel unterwegs ausgezahlt bekommen, — Liebe, — es ist eine Abwesenheit von drei bis vier Jahren vorgesehen …“ er legte mit zarter, ängstlicher Gebärde den Arm um sie.

„Zweitausend,“ wiederholte sie ein wenig ungeduldig, „nun, und — und …?“

„Tausend,“ sagte George irgendwie verwundert, „wirst du jährlich bei einem noch näher zu bestimmenden deutschen Bankier für deinen und unseres Kindes Unterhalt erheben. Du wirst in Deutschland leben, selbstverständlich!“

„Ach!“ Therese beugte sich vor, um ihn zu streicheln, — oder war’s, um ein sonderbares Lächeln zu verbergen, das haltlos um ihren Mund flackerte? „Wie gut von dir! Georgie, — aber wirst du denn auch eine Pension haben, wenn du zurückgekommen bist?“

„Ich werde mir die Hälfte meines Gehaltes auf Lebenszeit ausbedingen,“ erwiderte er, bemüht, ihren wandernden Blick zu fassen, „und“ — setzte er langsam hinzu — „komme ich nicht wieder, Therese, so sollst du diese Pension bis an dein Lebensende haben. So werde ich mich bemühen, es durchzusetzen.“

„Oh, Georgie, Georgie! Wer spricht davon?“ rief sie nun und preßte seinen Kopf an ihre Brust mit einem Aufschluchzen, wie ihn dünkte. „Oh, wie kannst du an so etwas denken? Es ist nur — der Vater, — er ist immer so penibel in derlei Fragen. Du weißt ja, damals, als du um mich angehalten hattest, eh du nach Wilna gingest, er wollte nicht, daß wir uns noch einmal sähen. Erinnerst du dich?“

„Ich erinnere mich“, sagte George, plötzlich von Bitterkeit übermocht.

„Es war,“ flüsterte Therese, „daß er meinte, du würdest mich nicht erhalten können. Er dachte, du würdest es bald selber einsehen, und dann würde es gut sein, daß wir uns nicht wiedergesehen hätten, weißt du. Ach, er sprach so viel von Versorgung und Pension, da ist das so in meinen törichten Kopf gekommen. Wie, Georgie, — du weißt doch, daß deine Therese keine Rechnerin ist?“

Spielend, zärtlich, flocht sie ihre Finger in seine. „Drei bis vier Jahre? Ach, George! Aber es gilt deinen Ruhm und die Wissenschaft! Du sollst sehen, wir werden tapfere Frauen sein, das Röschen und ich!“

George hatte sich erhoben. Er sah auf sie nieder mit seinem unsichern Blick gütevollen Staunens, er wandte sich ab, er schritt im Zimmer auf und nieder.

„Tapfer? Tapfer?“ dachte er ratlos, — „sie — freut sich ja! Sie freut sich — daß ich gehe …“

Sie freute sich nicht, daß er ging, befahl George nach einer Viertelstunde der Verzweiflung in seinem Kabinett seinem Herzen zu glauben, nachdem er sich an der alten Vorspiegelung gestärkt hatte: Therese ist ein Kind! Therese war ein Kind, und das Neue dieser Aussichten, die unfaßbare Veränderung des Daseins, die bevorstand, hatten sie verwirrt. Wie hatte er sich so täuschen können? „Der Mut meiner unvergleichlichen Therese unterstützt mich in allem,“ schrieb er gleich darauf am Schluß eines in fliegender Eile an seinen Schwiegervater hingeworfenen Briefes mit den Neuigkeiten dieses Tages und fügte ein Erkleckliches an Beruhigungssätzen über die Sicherung von Gegenwart und Zukunft hinzu. Oh, wie sehr recht hatte ein Vater, sich um das Glück seiner Tochter zu sorgen! Mein Röschen! dachte er in Bewegung. Nur ein Vater konnte ein Vaterherz verstehen! Indes, nun die Rührungen beiseite geschoben, es galt, sogleich an Sömmerring zu schreiben, den er dem Kapitän als begleitenden Arzt vorgeschlagen hatte, galt, Jubel auszuströmen in die Brust des Getreuen, der wie kein anderer begreifen würde, was dies hieß, was dies zu bedeuten hatte, als wissenschaftlicher Leiter mit unbeschränkten Vollmachten einer Expedition vorzustehen, die mit fünf Schiffen ausgerüstet als eine Kriegsflotte der Aufklärung gegen die Rätsel des Erdballs ziehen würde. Rausch und Taumel überkamen ihn bei der Versenkung in die Macht, die da auf einmal in seine Hände gelegt war. Einen Astronomen, Unterärzte, Zeichner, Jäger, Ausstopfer, Gärtnerburschen, ja vielleicht auch Bergleute galt es anzuwerben, — ha, jetzt sollte manch einer es erleben, daß er gut daran getan, dem Forster Dienste zu erweisen, daß der Forster sich zu erinnern verstand! Er beschloß und notierte es sich, daß er eine gehörige Summe fordern wollte, um seinen Mitarbeiterstab durch Verleihung kleiner Geschenke und Pensionen geschmeidig zu erhalten. Schlug er etwa den guten alten Wales in London — er würde doch noch leben? — als Astronomen, — den jungen, ihm so treu ergebenen Dr. Mayr in Prag als Botaniker vor? Und welche Aussicht, dem Bruder Karl eine Stelle als surgeon’s mate zu verschaffen, konnte er als Sömmerrings Gehilfe nicht Unschätzbares profitieren!? Der Vater, dachte George, schier atemlos von dem Wirbel seiner Gedanken, der Vater wird’s nicht zugeben! Und wie ein Wolkenschatten zog die finstere Gestalt des eifersüchtigen König Minos über die Gefilde seines Glückes. Gleich darauf riß er Schiebladen auf und begann, planlos Papiere herauszunehmen, durchzusehen, zu vernichten. Aber dies hat Zeit! dachte er plötzlich beschämt und tat alles wieder an seinen Ort. Besser war’s, eine Liste der zur Fahrt nötigen Bücher und Instrumente aufzustellen, oder mit allem Fleiß seine der russischen Regierung vorzulegenden Bedingungen noch einmal durchzuarbeiten, oder ein Verzeichnis der Gegenstände zu machen, die vor der Abreise hier zu verkaufen waren, — denn natürlich dachte er nicht daran, unnötigen Ballast in die befreite Zukunft hineinzuschleppen, und was war nicht alles Ballast in diesem Augenblick, — die Hälfte seiner Bücher und Sammlungen gewiß, und der größte Teil des Ameublements! Das alles würde in den nächsten Monaten für gutes Geld loszuschlagen sein, unter der Hand und ganz ohne Aufsehen, denn er mußte seine Vorbereitungen heimlich betreiben, bis die russische Regierung mit der Erziehungskommission abgerechnet und ihn losgekauft hatte, — Himmel, Therese würde doch nicht etwa schon mit der Langmayer geschwatzt haben! Er rannte hinüber, auch in dem unbewußten Verlangen nach Röschens kleinem Apfelgesicht, — wenn ich wiederkomme, dachte er mit jähem Erschrecken, ist mein Röschen fast sechs Jahre alt! Nein, Therese hatte mit keiner Seele geschwatzt, sie saß im Gärtchen, das Kind an der Brust, den Blick ganz still auf ein Beet voll blühenden Lavendels gerichtet. „Ich will doch nicht an den Vater denken und an seine ridikülen Passionen!“ dachte George, den es von jeher ein wenig verstimmt hatte, daß Therese die Vorliebe für dieses Kraut mit dem Alten teilte und daß denn dieser Duft der Duft aller guten und bösen Tage zu sein schien.

Therese hob den Blick zu ihm und da sah er, daß ihre Augen voll Tränen standen: „Wir kommen nach Deutschland, wir kommen heim!“ flüsterte sie gebrochen, und da war es auch um seine Fassung geschehen. Er kniete neben ihr, er küßte ihre Hände, das Röschen jauchzte und griff in seine Haare, sie lachten und weinten miteinander. „Alles wird gut, alles wird wieder gut!“ zog es befreiend durch sein Herz. Unendliches wollte besprochen sein, im Umsehen war der Abend da, und mit ihm noch einmal der Kapitän, zunächst zugeknöpft wie ein Engländer. Aber der Tee schmolz sein russisches Herz, er begann zu fabulieren; Katharina war seine Himmelskönigin und er wollte ihr den Erdkreis erobern. Er sei ein natürlicher Sohn des Fürsten Czernitscheff, des Vizepräsidenten des Admiralitätskollegiums, — oh, der Herr Geheime Rat sollte nur fordern, fordern, fordern, es würde alles unterschrieben werden. Drei Küsse besiegelten den Bund, als die zukünftigen Weggesellen sich trennten. „Dieser Mann“, sprach George noch vor dem Einschlafen in die Dunkelheit hinein, von seinem aufgewühlten Herzen getrieben, „wird mir Freund und Bruder werden. Ihn und unseren Sömmerring an meiner Seite wissend kannst du getrost mich ziehen lassen, Therese. Therese, — aber schläfst du denn schon?“

Nun, da er dem Abgott seiner Jugend geopfert hatte, in dem Augenblick, da die Übersetzung der Cookschen Reisebeschreibung als ein stattliches Konvolut bereit lag, an Spener abgesandt zu werden einschließlich seines Aufsatzes über jenen Tapferen, der mehr war als eine bloße Würdigung, der eine Huldigung war und ein Dank des armen kleinen George aus den fernen Tagen, — einschließlich auch der allergnädigst akzeptierten Widmung an des Kaisers Majestät zu Wien, die Therese durchgesetzt hatte, — ja, als ob mit diesem Zeitpunkt das Schicksal freie Hand bekommen hätte, so hatte es ihn ergriffen und dorthin gestellt, wo sein Held gestanden hatte, mitten in ein Leben der Tatbereitschaft und des Wirkens. Er hatte so lange im Schweigen Gottes gelebt, daß er mit ungläubigem Staunen wahrnahm, wie alles sich so glatt abwickelte, wie die Kommission ihn, obschon mit unendlichen Ausdrücken des Bedauerns, der Höflichkeit und Versicherungen seiner Unersetzlichkeit losließ und das russische Geld einsteckte; daß er es kaum fassen konnte, als er die Kisten mit seinem persönlichen Eigentum, — — oh, welche Wäscheausstattung hatte Therese in den wenigen Wochen zustande gebracht! — nach Kopenhagen abfertigte, wo sie Mulowsky, mit seiner Flottille von Petersburg kommend, gleich an Bord nehmen sollte; daß ihm die Gedanken stockten bei der Vorstellung, daß, wenn er Therese nach Göttingen gebracht hatte, wo sie bei den Eltern bleiben sollte, er dann im Oktober zusammen mit Sömmerring nach London gehen und dort die letzten, wichtigsten Vorbereitungen treffen würde. Er, nun so großer Dinge gewürdigt, ward in diesen Wochen von einem blinden Triumphgefühl getragen, als habe er dies alles hart erkämpft und nicht nur — herangeduldet. Er vergaß alle seine körperlichen Leiden oder sie gingen unter in dem Aufstrom von Kraft, der durch seine Adern brauste. Er sang und pfiff bei der Arbeit, — ach, The Rakes of Mallow und Larry droben im Takelwerk! — seine Phantasie spielte, er spürte bis ins Mark den stählenden Atem der Wogen, roch Salzwind und Teer und Kaffeesäcke und fremde Hölzer, Gewürze und Tiere, sah vor Augen die wilden, schönen Menschen der Inseln, spürte ihre erregende Ausdünstung, dachte an die Starostin, an die Tatarin, lief zu Therese, um sie an sich zu pressen und ihr etwas ganz und gar Überflüssiges von dem häßlichen Kreischen der Papageien in den Urwäldern Surinams zu erzählen, von Schlingpflanzen, Affennestern, Giftschlangen und Vöglein Kolibris, die aus Becherblüten Honig tranken, sagte träumerisch und unverständlich: „Also so, — so war es dem Vater zumut, damals, als ich nichts begriff …“ und ward nur in den Nächten manchmal von Zaghaftigkeit überfallen, in den Nächten, wenn bei der süßen, leisen Musik der Atemzüge von Weib und Kind ihn die Vorstellung überkam, daß die großen Winde draußen über den Meeren tanzten und kein Erbarmen hatten und nicht wußten, daß einer zurückkommen mußte zu Therese und zu dem kleinen, kleinen Kinde.

Dann wieder überkam ihn das Glück ausschließlich in Gestalt der Vorstellung, daß diese Hölle von Wilna nun zu seinen Füßen lag, — „denn,“ sagte er in Langmayers runde Augen hinein, „es war eine Hölle für mich, Freund, und alle meine Anpassung an meine unwürdigen Verhältnisse nur eine Form der Verzweiflung.“

Langmayer, demütig zustimmend, wagte zu bemerken, daß jede Hölle ihm durch seine Miezi zum Paradiese werde, ein Argument, das George überhörte. Daß er nahe daran gewesen war, hier auch sein Paradies zu finden, wennschon nur in seiner Phantasie, nun, wen ging das etwas an? Er, der zurückgefunden hatte auf den harten männlichen Weg der Dalrymple und Cook, er hatte sein Paradies im Reich der Ideen und nicht zwischen Tisch und Bett. Er opferte sein Behagen der Wissenschaft, — wußte Herr Langmayer, was es damit auf sich hatte? Zugleich empfand er es Tag und Nacht mit einem Taumel des Entzückens, daß Therese einen neuen Menschen in ihm entdeckt zu haben schien, daß sie seine rastlose, beschwingte Tätigkeit mit einer heimlichen Bewunderung begleitete, die sich in kleinen Zärtlichkeiten Luft machte. Daß sie seine Pläne ausbauen half und sich nach seinem Sinne einrichtete, — so verzichtete sie ohne weiteres auf ihren Wunsch, die Jahre der Trennung in Gotha bei den Freunden Reichardt zuzubringen, da es ihm lieber war, sie in Göttingen zu wissen, — und er ging unter in der seligen Täuschung einer endlich erreichten, vollkommenen Vereinigung. Die Abschiedsvisiten lagen hinter ihnen, auch die letzte, feierlichste beim Fürsten Primas im Lustschloß Werki, eine Stunde vor Wilna, — sie verbrachten die letzte Nacht in den Gastbetten der guten Langmayers, sie konnten nicht einschlafen und zählten sich die Wonnen des Wiedersehens, die auf dem Wege bis nach Göttingen lagen, auf. Und hingerissen und verführt von der schelmischen Anmut, die die unbändige Freude ihr gab, in der hellen nordischen Sommernacht auf sie niederblickend, die in seinem Arm lag, sagte George in irgendeiner unbedachten Eingebung, so wie man ein Spielzeug vor einem Kinde tanzen läßt: „Nun, und Assad, — Assad! Therese?“ und erschrak gleich darauf vor dem Ernst, der auf ihre Züge fiel wie Reif.

„Assad?“ fragte sie langsam, „nun, — liebst denn du ihn nicht, George?“

„Assad ist mein Freund und Bruder, Kind!“ sagte George und küßte ihre Schulter, „ich weiß es ja, wem du gehörst …“

„Ich weiß es ja,“ wiederholte er tröstend und fragte sich zugleich, wen eigentlich er trösten müsse? — „wir beide lieben Assad, ja, wir beide!“

„Schwerlich, schwerlich!“ sagte George, denn ihm dünkte, dies müsse eine passende Antwort sein, auf das, was Lichtenberg soeben zu ihm gesagt hatte, etwas, das zweifellos den Inhalt gehabt hatte, daß die Familie Forster keinen Zeitpunkt hätte finden können, geeigneter zu einer festlichen Heimkehr nach Göttingen, als diese Tage des Universitätsjubiläums im September 1787 und des Taumels sämtlicher Fakultäten. Denn dies war’s doch, womit alle Menschen bisher ihre Gespräche mit ihm eingeleitet hatten, und was sollte Lichtenberg denn anders gesagt haben zu ihm, der hier an der Wand des Saales lehnte und allem Anschein nach entzückt in das Getriebe des Tanzes sah? Möglicherweise aber hatte Lichtenberg auch gefragt, warum er, George, nicht teilnähme am Tanz, und mit erhobener Stimme, um sich durch das Gefiedel der Musikanten hindurch verständlich zu machen, setzte er hinzu, während ein Lächeln an seinem Gesicht zerrte und er mit der Hand zur Schläfe fuhr, hinter der dieser boshafte Schmerz wieder einmal wütete: „Ich bin durch meinen Aufenthalt unter den Wilden denn doch um die Erwerbung einiger Vorzüge gekommen, Verehrtester, in deren Besitz der deutsche Europäer sich glücklich fühlt. So bin ich niemals konfirmiert worden und verstehe mich nicht auf die Kunst des Tanzens.“

„Ich stellte mir soeben vor,“ fuhr er einigermaßen geschwätzig fort und ließ seine brennenden Augen unruhig durch die Reihen der Tanzenden schweifen, „was für einen Effekt wohl der neuseeländische Hundetanz machen möchte, ausgeführt von den Greisen der vier Fakultäten, haha!“ Er nahm Lichtenberg am Arm und zog ihn mit sich fort. „Vergebung, Freund, ich habe heute abend ein wenig den spleen und meine Imagination ist schon wieder so ganz in der Südsee. Ich denke daran, daß ich bald die halbe Wölbung des Erdballs zwischen mein Weib und mich gelegt haben werde, und bedaure es ein wenig, nicht mit ihr tanzen zu können. Nehmen wir zusammen ein Glas Wein!“

„Nehmen wir ein Glas Wein! Nehmen wir es auf Georgia Augusta und auf Ihren neuesten Ehrendoktor! Den Sie sich wahrlich verdient haben, Freund, — oh, nicht allein durch das Faszikel dieser süperben Präparate magellanischer Pflanzen, um das Sie Ihre Sammlungen beraubt und die unseren bereichert haben! — auch nicht allein durch Ihren Vortrag, der freilich magnifique wirkte nach dem langweiligen Blumenbach! Immerhin danke ich den Göttern, daß wir den offiziellen Teil hinter uns haben!“ —

„Ich fragte Sie, lieber Freund, soeben nach dem jungen Eluyar, mit dem Sie, wie Therese mir erzählte, in Dresden zusammengetroffen sind, und Sie haben mir darauf ‚schwerlich, schwerlich‘ geantwortet“, hub Lichtenberg schmunzelnd von neuem an, als sie in einer Ecke des Nebenraumes saßen. „Sie haben mir sodann ausführlich Ihr Bedauern darüber geäußert, nicht tanzen zu können, und ich erwidere Ihnen nunmehr, sachlicher als Sie, daß ich dies Bedauern nicht teilen kann, und es nur mit Beifall begrüße, Sie gleich andern vernünftigen Männern ihre Lust beim Weine anstatt bei jenem würdelosen Gehüpfe suchen zu sehen. Der Tanz steht unter den Belustigungen den triebhaften Liebesspielen der Tiere am nächsten. Ihre Wilden bringen das zweifellos noch unbefangener zum Ausdruck als wir.“

„Sie wackeln mit dem Steiß und gehaben sich auch sonst sehr deutlich,“ sagte George und spähte düster nach der offenen Tür, an der die Paare bunt vorüberwirbelten, „aber unser Tanz ist im geheimen tausendmal schamloser, glauben Sie mir!“

„Und wie war’s mit dem jungen Eluyar?“ Lichtenberg blickte an ihm vorüber.

„Der junge Eluyar ist ein edler Mensch und mein Freund! Oh, Sie erinnern mich an göttliche Stunden“, George wandte sich dem andern nun voll zu. „Er war bei unserer Rückkehr aus dem Exil der erste Gruß eines geistigen Europa an mein verschmachtetes Herz! Gebildet im schönsten Sinne, feurig und dennoch gelassen. Ich hatte nicht erwartet, bei einem Spaniolen diese Gründlichkeit der Kenntnisse anzutreffen, diese Beschlagenheit auf allen Gebieten. Er war zudem in einer ähnlichen Lebenslage, wie ich — es kürzlich war,“ sagte George nun zögernder und starrte wieder nach der Tür, „soeben verheiratet und in den ersten Erfahrungen der Seligkeit mit einer geliebten Frau. Wir tauschten unsere Herzen aus …“

„Ihre Fähigkeit zum Enthusiasmus hat in Polen nicht gelitten.“

„Oh, er ist dort geschont worden und hatte keine Gelegenheit, sich abzunutzen, dieser Enthusiasmus. Freund, wie glauben Sie, daß mir zumute ist, wieder redliche Seelen um mich zu wissen und nicht mehr Jesuiten?“

„Ich würde an Ihrer Stelle mich dieser Gewißheit nicht allzu optimistisch überlassen,“ Lichtenberg kniff, seinen Wein kostend, vergnügt die Augen halb zu, „der Jesuitismus ist trotz Herrn Nicolai und der streitbaren Kurländerin weniger eine ausrottbare Ordensangelegenheit, als eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen Natur. Der Jesuitismus ist“, sagte dieser Filou und bewegte schalkhaft den Zeigefinger, „sonderlich ein Grundbestandteil der weiblichen Natur und ein verheirateter Mann ist dem nun einmal ausgeliefert. Der Weise rechnet damit.“

„O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre Menschenkenntnis!“ rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingespült war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der beiden einsamen Zecher in plötzlichem Zaudern stehengeblieben, als hätte es den Ort verlassen geglaubt.

„Oh, Therese!“ sagte George sonderbar langsam und erhob sich schwerfällig, „du suchtest mich? Mein lieber Meyer, — nehmt doch Platz. Ihr — seid erhitzt, — Ihr wünscht etwas zu trinken?“

Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlüssiger Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenüber von Lichtenberg saß, mit unruhigen Händen ihre Frisur ordnete und den leichten silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.

„Wir stören das erste Sichwiederfinden zweier schöner Geister, ich wette!“ rief sie aus und ließ ihre Augen zwischen Lichtenberg und George wandern.

„Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund?“ Und bemüht, dieses sonderbare Gespräch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem rätselhaften Erzengellächeln seiner blauen Augen auf den in sich gebückten George sah, drängte sie: „So setzt euch doch! Wie ist dein Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schließen wolltest, dieser kühle Luftzug tut unserm Freunde unmöglich gut! Oh, unser deutscher Walzer, George, — was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst doch, Lieber?“

Sie führte sein Glas an die Lippen, sie lächelte ihn an, ihre Hand suchte seine. Eine Woge von Entzücken sprengte den Reifen, der um seine Brust gelegen hatte; er lachte, er stürzte den Rest des Weines hinunter und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, daß es zersprang. Er saß neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig, demütig: „Ich bin glücklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean um mich brandet, wird der Gedanke mich stärken: Therese ruht im sicheren Hafen, treue Freunde schützen mein Weib und mein Kind.“

„Komm doch häufig zu uns, Teurer,“ sagte er in das seltsam ratlose Schweigen der anderen hinein, „sieh, wie wir leben, nimm dir ein Beispiel an unserm Glück! Ich werde dir dankbar sein, wenn du Therese auf ihren Spaziergängen begleitest, ich bin von meinen Reisevorbereitungen übermäßig in Anspruch genommen, — lies ihr vor, ich werde dabei sein, wenn ich kann. Höre, Assad, — aber du willst gehen, — warum geht er denn, Therese?“

Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhörte und die Menge der Tanzenden plaudernd und lachend hereinströmte. „Er scheint da doch irgendwo interessiert zu sein,“ sagte George, ihm nachblickend, „was meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die gelehrte Dorothea?“ Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug mit dem Aufruf: „Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da kann man freilich lange suchen!“ und: „So lob’ ich mir’s, Töchterchen, hast dem petit maître den Laufpaß gegeben und deinen Forster gesucht!“ so ward Therese der Antwort völlig überhoben.

Er wollte nicht zu Professor Büttner gehen, wie er daheim zu Therese gesagt hatte, er fühlte sich heute weder den Anforderungen einer gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphäre im Studio des Alten gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach tabaksqualmumwölkten philologischen Erörterungen zumute und er hatte keine Lust, sich von jedem Besucher, — und immer waren dort Besucher! — auf die Schulter klopfen und beglückwünschen zu lassen, zu seiner Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu — seinem Weibe. Warum überhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum fühlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen, sei’s im Ton der Rede oder mit der Gebärde? War er etwa jünger geworden, hatte er eingebüßt an Verdienst, an Haltung, an Würde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun des wackeren Böhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur vorübergehend nach Göttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm gesprochen, als sei er mütterlicher Betreuung bedürftig? Und: „Guter Forster!“ hieß es allenthalben, „der gute Forster“ an allen Ecken und Enden, und: „Forster, mein Guter!“ rief ihn Therese über den Tisch hinüber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung weniger wert gefühlt, als gerade eben? „Karoline freilich“, schaltete er mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, „wird wohl jeden streicheln und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, — und ich glaube, sie war mir ein wenig gut, einst, ehe ich …“

Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frühlingsgarten, sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche? Lächerlich! Sie war die Doktorin Böhmer, er war Theresens Gatte. — „Was bin ich noch?“ dachte er angestrengt, während seine Füße im Herbstlaub rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den entblätterten Wipfeln der Kastanien, und wußte im Hintergrunde seines Bewußtseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete, welches Spiegelbild er zu sehen wünschte. „Den jungen Forster“ etwa, wie einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst der Götter ausdrückte, „den Pionier der Kultur“, gewiß! und den „Bannerträger der Aufklärung in die Nacht der Barbarei“. Indessen kam nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes und seine eigene Einsicht ließ nicht ab, ihm zu versichern, er sei Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.

„Zu viel der Ehren“, höhnte er sich selber und riß den Mantel am Halse auf, denn er fühlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwüle des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten Hauptes schritt er weiter. Es war die quälende Spannung, in der ihn die Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht über die endlich erfolgte Ausreise des Kapitäns Mulowsky, die zugleich das Signal für seine und Sömmerrings Abreise nach London sein sollte, — diese quälende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun war Therese mit dem Kinde untergebracht in der hübschen kleinen Wohnung bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der ersehnten Post kam böse Zeitung über böse Zeitung, die Welt summte von Kriegsgerüchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und hier, in dem sturmgeschützten Göttingen, saß er nun, bebend vor Ungeduld, und fühlte ohnmächtig die Verwicklungen europäischer Interessen, die alle Fürstenpläne wissenschaftlicher Art im Keime erdrosseln mußten. Wie, wenn Frankreich Anschluß an Rußland suchte, — wenn Katharina diesen Augenblick zur Überrumpelung der Pforte geeignet finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich nicht ohne Glück radotierender Kannegießer, aber hatte nicht ein Mann von politischem Weltblick wie Schlözer gestern bedenklich geäußert, es sei augenblicklich die unglaublichste Konjunktur in politicis, die je gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhöfen gewonnen, England aber habe vernehmlich ausgerufen, es würde nie zugeben, daß die Türken aus Europa vertrieben würden? Was würde dies alles ihn kümmern, wenn er nicht gewußt hätte, daß Katharina in Pallas mehr die Kriegsgöttin als die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, daß — nun kurz und übel, — sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben würde, wenn die Mittel dafür einem militärischen zugute kommen konnten! Hier saß er also, mußte sich einen guten Forster heißen lassen und hätte am liebsten jedem den Rücken gekehrt, der ihn fragte: „Nun und wann brechen Sie auf, wann reisen Sie, mein Bester?“ Der Betrachtungen anstellte über sein, des guten Forster, und über Theresens Los … Da hatte er nun um die Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und ständigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rührte keine Feder. Ob er einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, — wenn doch diese aufgeregten Briefe von Sömmerring ausbleiben möchten! Eine Arbeit, jawohl, das wäre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch hier lief er auf den Wällen von Göttingen spazieren, hier lief er, weil er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft lag, eine beständige Frage, eine Enttäuschung, ein Warten, — das Warten, daß er doch gehen möge, wenn nicht in die Südsee, so doch wenigstens auf die Wälle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht aus, sie sprach es natürlich nicht aus, im Gegenteil … Aber war die einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Böhmer? Und während er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich verneigte, nicht wissend, daß die bitteren Gedanken der letzten halben Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hände einer Schwester oder einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hände auf seiner Stirn zu fühlen. Karoline lächelte an ihm vorbei: „So einsam, Freund, — und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen Ausgangspunkt hat.“

„Ich verstehe nicht ganz …“

„Oh, grübeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beißt: ich komme aus Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, — Sie kommen aus der weiten Welt und gehen wieder — hinaus …“

„Habe ich nicht auch mein Klausthal?“ fragte er, sonderbare Unruhe im Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den Weg zurück, den er gekommen war. Sie ließ den Blick seitwärts gleiten.

„Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal,“ sagte sie mit unerklärlichem Lächeln, „Klausthal ist ein Ort von großen Meriten, denn er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal, verstehen Sie, — mein Klausthal, — kann nicht leben ohne mich, und das ist’s, was mich an — Klausthal fesselt. Etwas, wie die Verantwortlichkeit eines Fürsten für ein ihm ergebenes Land. Nein, lieber Freund, — ich glaube, — ein Klausthal haben Sie nicht.“

George hörte und dachte: „Sanfte Stimme“ und „Oh, wie die gelben Blätter auf dem schwarzen Wasser schwimmen!“ Aber er antwortete nichts.

„Der Ort, der Ihnen Klausthal sein könnte oder den Sie dafür halten … Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlözer“, unterbrach sie sich heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden. „Nun, ich habe etwas von den Ideen des Herrn Kant über die Entstehung des Kosmos gehört und es hat mich amüsiert. Also Ihr Klausthal ist kein Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und flüssig, noch nicht recht bewohnbar, ist’s nicht so? Ein Ort voller Eruptionen und Lavaströmen, — für einen Naturforscher recht interessant.“

„Oh, Karoline, dies war malitiös!“

„Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht böse gemeint. Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, — sanfte Matten …“

„Pisangwälder, ich weiß …“

„Apfelbäume, Blumen, heimische Wälder, oh, nichts Exotisches, Freund!“ plauderte sie eifrig, als erzählte sie einem Kinde von Weihnachten.

„Ein Haus?“ fragte er bittend.

„Ein Haus zwischen Hecken, es gehört dem Forster allein!“ tröstete sie strahlend.

„Ein Klausthal!“ murmelte er.

„Klausthal!“ bestätigte sie zögernd und ihre Augen gingen blicklos in die Ferne. Und plötzlich fragte er wie erwachend:

„Karoline, — sind Sie glücklich in — Klausthal?“

„Wie anders?“ sagte sie ruhig und unter der Tür ihres elterlichen Hauses reichte sie ihm lächelnd die Hand, „Forster, gibt es nicht für uns eine Verpflichtung zum Glück?“ — — —

Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, daß sie einander wiedersehen würden, in Jahren, alte und weise Leute geworden, wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, — oh, endlich, endlich einmal wieder! — den federnden Schwung der Gedanken gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glück. Er, ein Mensch ohne die Fähigkeit, eine Melodie annähernd richtig wiederzugeben, verdankte dennoch der Musik gelegentlich ähnliche Wirkungen, wie sie ihm jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene Unbill, das Aufströmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens, trotzalledem. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese, welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebärde lag in diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie einen Ball! Nun, — und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu solchen Erkenntnissen? Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, — George, der Mann, er brauchte das tönende Wort. George stürmte vorwärts durch die engen dämmrigen Gassen, in denen Kinder lärmten und Frauen schwatzend vor den Haustüren standen, George fühlte dies, daß das Bewußtsein des eigenen Wertes allein zum Glück, zur Verachtung der äußeren Umstände, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefühl schon meinte er zu besitzen, was er wünschte.

Warum aber erlahmte sein Schritt, je näher er seiner Wohnung kam, warum stieg er die Treppe so zögernd, warum verharrte er auf dem letzten Absatz, den goldlackierten Knauf des Geländers mit der Hand umklammernd, und sagte sich: „das Röschen freut sich, wenn ich komme, — das Röschen wird sich freuen …“ —

Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Göttinger Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er begleitete sie in die Häuser der Freunde und pflanzte sich Keime der Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblühen und duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultäten und ihre Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewiß, das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde: Georgie! geflüstert mit einem gewissen Lächeln, das lockte und verhieß, und das ihn wehrlos machte, er wußte es wohl. Er glaubte diesem Lächeln. Er hatte Grund, ihm zu glauben, — aber warum war er denn nicht selig unter diesem lauen Sturmwind des Gefühls, der so jäh und stoßweise aus Therese aufgebrochen war und sein Blut fächelte? War es der nahende Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November, sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frühling oder bis übers Jahr. Katharina hatte den Türken den Krieg erklärt, dies war im Grunde so gut, wie die Gewißheit, daß dem wackern Mulowsky samt seinen fünf Schiffen eine andere Verwendung blühen würde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessen blieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte, mit dem jungen Eluyar Verhandlungen über ein neues Projekt anzuknüpfen und sein Geist genußreich mit der Ausarbeitung der Forderungen beschäftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfüllung ihm seines Rufes würdiger schien, als die Annahme einer höheren Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er sollte mit Weib und Kind als sachverständiger Erforscher der Bodenschätze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fähig war, die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, — oh, ihn konnte niemand mehr übervorteilen! — so forderte er so raffiniert und phantastisch, daß der junge Eluyar erschrocken zurückwich und dieser schöne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja, möglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter veränderten Umständen. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefühls bei Therese? dachte George, ungläubig und mißtrauisch, reizbar geworden in der kaum noch erträglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese heitere Geschäftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewöhnt war, daß nach seinen besonderen Wünschen gefragt wurde, — warum dieser angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und, womöglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend — mit — Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein Naturgesetz bestimmt? Er fühlte das wohlbekannte erregte Beben dieser manchmal so hilflosen kleinen Hand, fühlte, wie die Pulse in ihr zuckten und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf sich gerichtet, — auf sich und nicht etwa auf Therese, — und senkte den Kopf in ratloser Bestürzung, in quälender Beschämung für sie, die da zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhängender Linken griff als würde ihre Hand magnetisch hingerissen. „Die Kette ist gebildet“, dachte George dumpf. Spürte sie denn nichts von den Strömen, die nun durch ihre Hände aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, daß in ihm Haß gegen Haß zuckte? — Oh, aber da war kein Haß, wußte George, wieder zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr kühles Mitleid, und nur in ihm selber war dieses böse drohende Gefühl, das ihn jetzt hastig aufstehen ließ und Therese veranlassen, ihm zu folgen.

So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause, das ihm lieb war durch irgendeine unbewußte Erinnerung an die ferne Karoline. „Du bist böse, Georgie?“ hatte Therese in der Dunkelheit des Heimwegs zaghaft gefragt, — woher kam ihr dies auf einmal, diese Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezögert hatte ihn zu verletzen, weil eben sie es bisher noch nie für möglich gehalten hatte, daß ein Wort von ihr ihn verletzen könnte, so sicher war sie immer ihres guten Willens gewesen? „Therese,“ sagte George gequält, „es ist dies, daß du dich auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Göttinger Klatschmäuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, — ich weiß ja, ich bin ja sicher …“ log er und dachte dabei: „Therese ist ein Kind, Therese wußte nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn sie völlig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?“

Und wie um es zu verhindern, daß sie sich rechtfertigte, in tödlicher Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:

„Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.“

Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und süß, — so wie Theresens Gesicht und ihr Körper in diesen letzten Monaten erblüht waren wie Rosenduft im Juni, warm und süß: „Du selbst hast ihm und mir das Du vorgeschlagen und den geschwisterlichen Kuß erlaubt, Georgie, damals, an unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, — er ist mir wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, — und du ludest ihn ein, zu kommen, so oft er wollte, zum Essen täglich, und mir vorzulesen. Wo ist denn da das Böse, Georgie, — wo?“

Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese, wußte er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist dennoch mein Weib geworden, — und ich liebe sie. — —

Mulowsky schrieb so voll höflichen Bedauerns, Biedermann, der er war, und beteuerte am Schluß seines Briefes den Gewinn, den er trotz des Fehlschlagens dieser schönen Pläne durch die Bekanntschaft mit dem Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George würde einen ähnlichen Brief in gefaßtem Tone zurückschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von Heyne kommend, dem er das endgültige Scheitern seiner großen Aussichten nun doch hatte mitteilen müssen, ehe dieser böse Tag ganz zu Ende ging. Er entwarf den Brief, fieberhaft bemüht, seinen Geist zu beschäftigen und nicht in der fürchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen und einer Versuchung zur Empörung zu erliegen, auf die, er wußte es wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwürfe machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige Verzweiflung seines Herzens vor die Füße werfen, daß dies nun wieder nichts sei, daß man ihn wieder genarrt habe, — der Kaiserin Katharina etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich gestoßen hatte, — aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, daß er immer und immer auf Sandbänke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhängnis, Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen seinen Hoffnungen, — unschuldigen Hoffnungen gewiß, aus dem Willen zur Arbeit, zum Wirken, zur großen Tat geboren, — ein stummes hartes Nein entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme überschrien, als sie leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demütiger Handlangerarbeit anfing, mich glücklich zu fühlen. Denn dies ist’s, was er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, — außer vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz gelöst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe, die um ihn gewesen war, wie Frühlingssonne um den Baum. „Du wolltest nichts von mir,“ murmelte er, „du wolltest nichts, als geben dürfen …“ Und wäre dies nicht Glück? fragte er plötzlich, das Antlitz lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft empfangen, — wäre — dies — vielleicht — das Glück? — —

Ob er das Röschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hörte er die Stimme der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein fragen, kam zu sich und erkannte, daß er schon im Treppenflur des Hauses stand, auf dem Absatz vor der geöffneten Türe der Wagemannschen Küche, aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebäcks zu weihen, selbst der Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind, von denen eins das Röschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend auf die Schulter des freundlichen Würdenträgers gelegt. Oh, die Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch einen Gang machen zu müssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrätin habe ja Besuch, kam die Erklärung der Pastorin, in der George irgend etwas störte. Er machte sich klar, daß es dies unnötig eingeschobene „ja“ sei, — die Frau Geheimrätin habe ja Besuch … Aber was lag denn nur in diesem unschuldigen Wörtchen, fragte er sich in der Erschöpfung seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor das Röschen abnahm und sich auf einem hölzernen Stuhl niederließ. „Oh, hier ist es warm,“ sagte er und blickte um sich, „und so wie zuhause, wissen Sie, als ich ein Knabe war.“

„Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war“, erklärte er, bemüht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, — wenn man ihn doch nur ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch dort oben mußte doch gewiß jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht zu begegnen! — „Dort war die Küche auch so groß und niedrig und um den Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifuß stand manchmal über den Kohlen und der Schmalztiegel drauf“, sagte er zu dem ältesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhörte. „Nun, du bist schon groß und verständig, du mußt dem Herrn Papa wohl schon gehörig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein kopieren, — haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!“

Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins Leere. Der Knabe war einen Schritt zurückgewichen.

„Ich spiele lieber,“ erklärte er, mit großen Augen auf den Fremden blickend. „Der Vater hat mir einen hölzernen Degen gemacht und lehrt mich exerzieren.“

„Der Vater gedenkt selbsten gern der entschwundenen Kindheit,“ redete der Prediger verlegen und rieb die Hände ineinander, „wer ein Paradies besessen hat, wünscht es seinen Kindern auch zu schaffen, wie der Herr Geheimerat es unschwer verstehen werden.“

„Freilich, — freilich wohl,“ murmelte George und sah in Röschens schlummerndes Gesicht.

„Der Herr Geheimerat sollte in dein Kabinett eintreten, Friedrich, du solltest mit ihm hineingehen. Er sitzt hier so hart und die Kohlen rauchen und die Lampe riecht so schlecht. Und ich und mein Schmalztopf, — lieber Himmel, der Herr Geheimerat ist bessere Gesellschaft gewöhnt. Es könnte eins von den Kindern hinaufgehen, es melden, wegen dem Röschen und daß es ins Bett muß. Die Frau Geheimerätin hat ja Besuch …“

„Ich muß hinauf!“ George erhob sich hastig. Was hatte er hier unter Fremden Zuflucht gesucht? Und warum Zuflucht? Und warum ging er jetzt die Treppe so zaudernd, und doch so leise, als beschleiche er ein Wild? Und warum wankten seine Knie? Hatte Therese ihn nicht geküßt, als er ging? Und was — was hatte sie doch gesagt:

„Du bleibst zum Abendbrot bei den Eltern, George?“

Therese — erwartete ihn noch nicht zurück. —

Meyer hatte, den Pelz überwerfend, den Hut in der Hand das Zimmer verlassen, in steif aufgerichteter Haltung, mit seinem starren Blick auf ihn zutretend und sich sonderbar tief vor ihm verneigend, der regungslos, das schlafende Kind in den Armen, unter der Tür stehen geblieben war.

Therese, in dem erbarmungslosen Lichtkreis der beiden Armleuchter auf dem Kanapee sitzend, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und duckte sich zusammen, als könnte sie so den Zustand ihrer aufgelösten Frisur, den ganzen Zustand dieser selbstvergessenen Stunde verbergen.

Er war mit dem Röschen ins Nebenzimmer gegangen und hatte es auf sein Bettchen gelegt, in seinem wahnsinnig triumphierenden Schmerzgefühl, daß er recht gehabt, ja, daß er dies erwartet und gewußt habe, doch noch eine peinigende Beschämung für sie empfindend und den Wunsch, ihr Zeit zu lassen. Er hatte gemeint, entsetzlich ruhig zu sein. Er war zu ihr zurückgekehrt, die nun mit angstvollen Augen zu ihm aufblickte, hatte gesagt: „Es ist nun genug. Ihr könnt euch haben. Ich fahre morgen mit dem Postwagen nach Berlin. Du wirst dann von mir hören.“

„Oh, Georgie, — oh! Ich weiß nicht, was du willst! Verzeih mir doch!“

„Du hast die Ehe gebrochen vom ersten Tage an!“

„Ich weiß nicht, was du willst!“

„Ich, — o mein Gott! Ich war ein Narr, ein blinder Narr, weil ich vertraute.“

„Es ist Freundschaft allein!“ —

Er war um den Tisch herumgekommen, hatte sein Gesicht dem ihren genähert und, ein Lächeln zeigend, das er noch fühlte wie ein tierisches Entblößen der Zähne, hatte er in ihre entsetzten Augen hineingefragt:

„Und — war’s also auch — Freundschaft allein, daß du mir das Röschen geboren hast?“

„George!“ hatte sie aufgeschrien, „jetzt vergißt du dich!“

„Wer hat sich wohl vergessen, — wer? Und geh du nur zu deinem Vater und klage mich an! Ich werde ihm schreiben!“ —

Ich werde ihm schreiben, dachte er, während er Stunden um Stunden in der Ecke des Postwagens hockte, die Füße auf dem treuen Mantelsack, in Decken und Pelze gehüllt, ein einsamer unseliger Reisender durch den ringsum starrenden Winter. Ich werde ihm aufzählen, was ich erduldet habe, dachte er, heimgesucht und übermocht von all den Stunden furchtbarer Ahnungen und Einsichten aus den letzten zwei Jahren, deren Leiden er schweigend in sich abgetan und die er so gern verleugnet hätte. Ach, immer noch. Denn da war diese irrsinnige Sehnsucht, jetzt, gerade jetzt, Therese in seinen Armen zu halten und im Gefühl ihrer Nähe zu erblinden im Überschwang der Zärtlichkeit, da war eine Bereitschaft, zu verzeihen und zu vergessen, ja, die Schuld auf sich zu nehmen, gegen die sein wunder Stolz vergeblich stritt, — wenn nur ihre kleinen Hände sich um seinen Nacken klammern wollten, und er sie hilflos werden wußte vor ihm. Da war die weinende Erkenntnis, vorwärts zu müssen, immer noch, die Gänge wurden enger und gewundener, ihre Wände dünner und die Stimme des Minotauros wirbelte schwirrend und dröhnend, betäubend und unwiderstehlich, griff sausend nach seinem Herzen, lockte, sog, ungeheure Leere war in seinem Gehirn. „Ich bin ein nackter Mensch, — o nur ein nackter Mensch,“ dachte er, dachte es ohne Grauen, voll der Wollust des Versinkens. „Und Ariadne?“ lächelte er stier, — „sie kam, aber ihre Hand glitt aus meiner. Ich finde hinein, — sie findet hinaus, — sie findet hinaus …“

Die Räder der Diligence nahmen das Lied auf.

Zwei Monate später fand er sich auf derselben Wegstrecke, Göttingen wieder zugewandt. Gewaltsam hatte er seine Gedanken in diesen letzten Stunden vor der Ankunft mit den Ergebnissen des Berliner Aufenthaltes beschäftigt, hatte Unterhaltungen von Wert und Inhalt, wie sie sein Gedächtnis aufbewahrt hatte, memoriert und Betrachtungen daran geknüpft, hatte sich mit Biester und Nikolai in dem Handel gegen Starcke einig gewußt und in der Erinnerung an seine Besprechungen mit Spener alle guten Kräfte in sich lebendig werden gefühlt. Fuhr er nicht selbst nach den Philippinen, o, so würde er sich ungleich müheloser in diese Breiten versetzen, indem er für Spener die Geschichte vom Schiffbruch einiger Engländer auf den Pelews-Inseln, erzählt von Mr. Keates, ins Deutsche übertrug. Aber nicht etwa, daß er ausschließlich zu übersetzen gedachte! Da waren botanische Kuriosa, die auf seine Feder warteten, um liebevoll und sauber beschrieben zu werden; da war, in undeutlichen Umrissen zwar noch, aber doch schon monumental am Horizont sich aufbauend, das Werk über die Geographie der Südsee, über alles Denkwürdige, was zwischen China und Peru zu finden war, das er der Welt schuldete. Dies alles hatte er vor und noch viel mehr. Ein freier Mann nunmehr, da die Kaiserin in großmütiger Weise trotz ihres Verzichtes auf seine Dienste ihn aus seinen polnischen Verpflichtungen gelöst und ihn für seine Wartezeit entschädigt hatte, — eine Anstellung in St. Petersburg, die ihm angeboten worden war, hatte er abgelehnt —, ein Mann, dem keine Kette mehr am Fuß klirrte, hatte er seine Zukunft in der Hand und nie wieder würde er sich an die Galeere schmieden lassen. Die Stelle des Universitätsbibliothekars in Mainz war durch Müllers Aufstieg in das Ministerium des Kurfürsten soeben frei geworden, Sömmerring hatte ihn sogleich davon benachrichtigt, Müller begünstigte ihn. Er gedachte sich zu bewerben, gedachte im nächsten Monat nach Mainz zu reisen, um sich dem Kurfürsten vorzustellen, gedachte …

Ich will es ihr leicht machen, durchbrachen seine Gefühle hier endlich die mühsam aufgeworfenen Dämme der nüchternen Überlegung, will sie in meine Arme nehmen, will zu ihr sagen: Es ist alles gut, mein Liebling, weine nicht, nichts soll uns wieder trennen.

Allein im Wagen, wie er auch diesmal wieder war, drückte er den Kopf in die Fensterecke und überließ sich seinen Gefühlen.

Dies also war das Ergebnis eines mit tödlich bittrem Pathos geführten Briefwechsels zwischen ihm und dem Schwiegervater und schließlich auch zwischen ihm und Therese. Nicht nur, daß er zurückkehrte zur Versöhnung bereit, bereit, selbst Meyern zu vergeben, wenn dieser nur zunächst seinen Weg nicht kreuzen wollte, — hier saß er wiederum wie auf der Hinreise, gebrochen, nach Versöhnung seufzend, lechzend nach der Wonne, vergeben zu dürfen. Hier saß er, tränenüberströmt, sein Herz taute wie draußen die Erde, hier saß er, dem Augenblick entgegenbebend, da er sie wieder sehen, hören und fühlen würde …

In den Göttinger Gärten blühten die Veilchen. Er ahnte es, er atmete den Duft, er ging an der Mauer entlang, über die das Gartenhäuschen sein spitzes, mit dem Pinienapfel gekröntes Dach hob, ging und dachte, dachte: Ach, noch ein paar Schritte …

Sie sollten sich im Hause der Eltern wiedersehen. Nun kam die Gartenpforte, der Pfad zwischen den Buchseinfassungen der Beete, die Glasveranda, — ach, der Klingelzug …

„Meine geliebten Kinder!“ sagte der alte Heyne und erhob segnende Hände, „meine geliebten Kinder!“ O, würde er denn nicht hinausgehen? Er ging hinaus, im langen grünen Hausrock, ein wenig schwankend vor innerer Bewegung, und nun, — wo war Therese? Er hatte sie wohl beim Eintritt gesehen, ihre schlanke kleine Silhouette mit dem ein wenig zu großen Kopf gegen das helle Fenster gelehnt, jetzt erst kam sie auf ihn zu, und er erkannte, sie trug das Kleid aus tabakfarbenem Kaschmir, mit den weißen Säumchen, das er nicht sehr liebte, eine gestickte Schürze und ein Falbelhäubchen auf den à la hérisson frisierten Haaren.

Dies alles nahm er seltsam deutlich wahr und bemerkte selbst, daß die Ärmel dieses, — von ihm also nicht sehr geliebten, — Kleides nach der neusten Mode enger gemacht und verlängert worden waren, sah, daß ihre Gesichtsfarbe auffallend frisch, ihre Lippen sehr glänzend rot waren, daß da, indem sie mit einem unbegreiflichen schwebenden Tänzeln auf ihn zukam, ein Zug von süßlichem Leiden, von irgend einem unaufrichtigen Märtyrertum in ihrem Gesicht war, so stark, daß der Blick ihrer Augen ein wenig verschoß, wie das dem Blick ihres Vaters angeboren war, — sah dies alles mit einem Zurückbeben des Herzens, ahnte über sich schwebend den kommenden Schlag, machte eine Bewegung, ihrer Umarmung auszuweichen, ihr zuvorzukommen, erkannte, es sei zu spät, ergab sich und empfing die Worte: „Ich habe dir verziehen, George!“ schweigend, auf ihre Hände gebeugt, einer Versuchung, auf seine Knie zu fallen, mühsam widerstehend. — — —

Er hatte sich, so meinte er, bei der Einrichtung dieser seiner beiden Arbeitsräume in der neuen Wohnung zu Mainz — einem weitläufigen Hause in der Klarengasse, nahe der Großen Bleiche und dem provisorischen Bibliotheksgebäude, der alten Bursche, — recht eigentlich von dem Grundsatz bestimmen lassen, daß der äußere Mensch ein Symbolum, ein Ausdruck und ein Abbild des inneren sein sollte oder doch wenigstens von dem Idealzustand dieses Unsichtbaren. Kleidete er sich in diesem Sinne mit peinlicher Gewissenhaftigkeit tadellos bis ins kleinste und unterschied zwischen Haus- und Arbeitsrock, zwischen Besuchs- und Straßenanzug, als sei er durch irgendwelche ihm allein bekannte Dienstordnung an ein strenges Reglement in diesen Dingen gebunden, so wollte er auch hier unter den zur Arbeit nötigen Gegenständen die Ausstrahlungen eines Geistes wirksam sehen, der so klar und exakt tätig war wie ein segensreiches Gestirn. Er lächelte. Er ging mit gleitenden Schritten zwischen den beiden Stuben hin und her und sah sich um. Die tahitianischen Rindenmatten an den Wänden in allen Abstufungen von Weißgelb bis zu Braunschwarz mit ihrer seltsam geometrisch-phantastischen Ornamentik taten ihm wohl. Die Kästen mit den Mineralien, den Konchylien, den Insekten standen rechtwinklig aufeinander getürmt mit Inhaltsvermerken versehen da. Übersichtlich geordnet lagen in ihren neuen Gestellen, die der Meister Hefele so überaus sauber angefertigt hatte, die Mappen mit den Herbarien, den Kartenwerken. Und während George vor seinem besten Schatz, dem großen Kartenwerk von Dalrymple, ein wenig verweilte, erkannte er plötzlich und wandte sich wiederum lächelnd aus der Tiefe des Raumes den Fenstern zu: O, nun wußte er, warum hier alles stand, wie es stand, warum dort der lange Tisch vor die drei Fenster gerückt diese Einteilung trug, die eines Schreibplatzes in der Mitte, eines Ortes für die Zeichengeräte, für Winkel und Zirkel, für Stifte und Farbnäpfchen zur Rechten, für das Mikroskop zur Linken … O, er wußte ganz gut, wen er selbst sich hier vorspielte, er lächelte darüber, er, der einzige Mitwisser dieses nicht ungeschickten Darstellers der Rolle eines großen Menschen und ausgezeichneten Gelehrten …

Gleich darauf wandte er sich ärgerlich von seinen eigenen Gedanken ab und ging zu dem hölzernen Barometer an der Wand, befragte die Quecksilbersäule durch Beklopfen und stellte an ihrem ruckweisen Sinken eine Übereinstimmung mit der Bedeutung der ziehenden Schmerzen in seinem Fuß fest.

Es wurde Herbst. Es wurde Herbst und noch war es nicht erprobt, wie seine Gesundheit dem Klima des Rheinlandes standhalten würde. Das Geräusch der Haustür, die Schritte eines Ankömmlings auf den Steinfliesen des Flurs, enthoben ihn diesen sorgenvollen Betrachtungen seines müden Kopfes. Auf einmal stand er nebenan am Pult, über einen angefangenen Brief an Jakobi gebeugt. Müller, falls denn er es sein sollte, der ihn aufsuchte, nun endlich aufsuchte, durfte ihn nicht müßig antreffen. Indes, auch als Eindruck für den jungen Huber, den die Magd nun zu seiner leisen Enttäuschung anmeldete, war es günstiger, als werktätiger Forster hier zu stehen, denn als träumender.

„Ich bin enchantiert, mein lieber Freund,“ sagte George, dem Gast entgegengehend und die tintennasse Feder von der Rechten in die Linke wechseln lassend, um Hände schütteln zu können, „Sie stören mich ganz und gar nicht, — Sie erlauben nur, daß ich eine Schlußzeile …“

„Diese Bücher werden noch anders geordnet,“ redete er, eilig schreibend, Sand streuend, salzend, siegelnd, „ich habe bestimmte Prinzipien der Anordnung, die ich nun auch amtlich wirksam zur Geltung bringen kann.“

Er trat neben den Besucher, zog ein Buch aus der Reihe und reichte es ihm. Der junge Huber, schlank, von wenig guter Haltung, schwarz gekleidet wie ein Abbé, blätterte die Titelseite auf und richtete dann sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck liebenswürdiger Ratlosigkeit auf Forster.

„Übrigens sind mir einstweilen die Hände völlig gebunden,“ fuhr dieser fort. „So lange die Entscheidung über ein neues Bibliotheksgebäude höchsten Ortes nicht getroffen ist, lohnt es sich nicht, anzufangen. Mein Gott, es verkommt alles in Staub, es ist nichts zu übersehen, es existiert kein Katalog. Müller muß sich wahrhaftig kaum … Aber lassen wir das. Er hatte Besseres zu tun. In der Tat, wer hätte das nicht? Was ich Ihnen da in die Hand gab, mein Teurer,“ sagte er und nahm Huber das Buch nachsichtig wieder ab, „ist eine interessante Reisebeschreibung des Engländers George Keate, die ich zu übersetzen gedenke. Ich weiß, ich weiß, Ihre Neigungen gehören der schönen Literatur und mehr den Franzosen als den Briten.“

„Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen …“ murmelte Huber und strich sich mit der Hand verlegen über die Stirne.

„Sie meinen? Oh, Sie zitieren einmal wieder und vermutlich Ihren Abgott, diesen Herrn Schiller, von dem ich noch so wenig weiß. Nun, dem werden Sie abhelfen. Aber, was ich sagen wollte, — die schöne Literatur samt einer Tasse Tee finden wir drüben bei meiner Frau. Und außerdem vermutlich Demoiselle Dieze und den jungen Herrn von Humboldt aus Berlin, hier durchreisend nach Paris.“

„Ich bin so dankbar,“ sagte Huber mit seiner bedeckten Stimme, „so namenlos dankbar für dies Geschenk der Götter, das Ihr Wohlwollen mir bedeutet! Mainz war öde für mich, ich fand keinen Anschluß, weder bei Hofe noch in den gelehrten Kreisen. Ich bin ein Schwärmer …“ Er lächelte inbrünstig vor sich hin und hob dann die schweren Lider zu einem schnellen scheuen Blick in Forsters Gesicht. „Gewürdigt des Umgangs mit einem Körner, einem Schiller, kann ich den seichten Frivolitäten eines Heinse keinen Geschmack abgewinnen.“

„Und doch liebte ihn Fritz Jakobi!“

„Es wäre unbegreiflich, fänden sich nicht im „Woldemar“ Fingerzeige für gewisse Stationen des Geistes, die Jakobi durchlaufen hat. Er war nicht immer, der er ist.“

„Nicht immer der tiefgrabende philosophische Kopf, als den ich ihn jetzt kenne, — oh, da haben Sie recht. Aber wollen wir nicht hinübergehen?“

„Ach, ein Gespräch zu zweien ist so unendlich viel fruchtbarer!“

„Sie sind wirklich ein Schwärmer! Und garnicht neugierig auf die Dame des Hauses?“

„Ich werde mich glücklich preisen!“ sagte Huber und legte die Rechte aufs Herz, indem er seine große Gestalt sonderbar in den Schultern fallen ließ und Forster folgte, wie ein Verurteilter.

Nachdem der neue Gast der Hausfrau und der Demoiselle Dieze vorgestellt worden war, verneigten sich der Legationssekretär der sächsischen Botschaft, Herr Huber, und der Doktor beider Rechte und der Kameralwissenschaften, Herr von Humboldt aus Berlin, auf das artigste vor einander und gerieten alsbald in ein höfliches Gespräch über den Wert des Reisens, sonderlich einer Reise nach Frankreich, dem Fiekchen Dieze mit schief geneigtem Kopf und leicht geöffnetem Munde andächtig lauschte, während Therese sich an dem sausenden Samowar zu schaffen machte, um frischen Tee zu bereiten, und George unruhig im Zimmer auf und nieder wandelte. Da lehnten die Bildnisse der Großeltern Theresens und sein eigenes, von Tischbein gemaltes, immer noch in einer Ecke an der Wand. Die Gardinen waren glücklich aufgesteckt, Hammer, Nägel und Schnüre jedoch lagen noch auf Stühlen und am Fußboden herum. Die Bücherkiste mit der schönen Literatur stand noch unausgepackt am Fenster, aber es war darin gekramt worden und die letzten Göttinger Almanache waren aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen den Tassen. Das war nun einmal Therese, — er dachte es ergeben und wußte es nicht, daß seine Blicke zwischen ihr und den jungen Männern, denen sie jetzt mit ihren hastigen Bewegungen den Tee reichte, hin- und hergingen. Das war nun einmal Therese und so würde es auch noch morgen, auch noch in acht Tagen hier aussehen. Denn, nicht wahr, Umzug war Umzug und gab ein Recht auf Unordnung. Allerdings würden wie von Anfang an in allen Ecken Gläser und Vasen mit buntem Laub, Herbstastern und Veilchen stehen, „The Resolution“, aufgeklappt und mit beschriebenen Bogen bedeckt, würde von Tätigkeit und Mitteilungsbedürfnis zeugen, wie die umhergestreuten Bücher und Journale von Lesehunger, die angefangene Näharbeit dort von häuslichem Fleiß. Und ganz allmählich und schonend würde die Umzugsunordnung eben von der gewohnten, alltäglichen überwuchert und abgelöst werden, in der Therese sich nun einmal à son aise fühlte, — nun, er hatte ja seine eigenen Räume. Der junge Humboldt sah übrigens vorzüglich aus, auffallend viel besser als Huber, auf dessen weichem Enthusiastengesicht irgend ein Zug von Unfertigkeit oder Kindlichkeit lag. Dennoch, er fühlte sich zu Huber hingezogen, mehr als zu dem breit und fest gebauten Jüngling mit dem unerschütterlichen Blick der blauen Augen und diesem starken runden Kinn. O, er hatte dieser Art von Physiognomien mißtrauen gelernt, Erinnerung dunstete durch seine Gedanken wie Krankheit. Er rückte seinen Stuhl nahe an Hubers heran und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ein wahrer petit maître, ein ganzer Mann von Welt, dieser Herr aus Preußen, nicht wahr?“ flüsterte er ihm kopfnickend, mit leicht verzerrtem Munde zu und besann sich sogleich unter dem gutwilligen, aber leicht befremdeten Lächeln, dem er begegnete. Wohin geriet er immer? Er war wahrhaftig krank in seiner Seele, und nicht mehr imstande, einen Menschen rein zu genießen. Therese unterhielt sich, Therese unterhielt sich gut, und sollte er nicht froh sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen lachen zu hören? Was saß er denn hier und grübelte darüber nach, daß ihr Lachen nicht mehr so war wie früher, — daß da ein neuer Klang, ein pathetischer Ton in ihre Art zu sprechen gekommen war?

„Finden Sie Theresen verändert?“ fragte er Fiekchen halblaut. Hatte sie, die als Kind, ehe ihr Vater nach Mainz berufen worden war, Theresens Gespielin, die später als junges Mädchen häufig mit ihr zusammen gewesen war, dies auch bemerkt, dies, daß da eben nicht Therese saß, nicht Therese, die heitere, junge, lachende, glückliche, sondern ihr Haupt, ihr Haar, ihr Antlitz, ihr Körper, ihre Kleider, hinter denen ein fremder Wille, eine fremde Stimme, ein fremdes Gelächter gespenstisch agierten? Oh mein Gott, was sollte denn dieser betrübte, ratlos zustimmende Blick des guten Sophiechens, dies: „Ich kann mir nicht helfen, — ja, — ich finde es auch!“ Und George sagte laut, irgendeinem Schicksal, wie ihn dünkte, frech unter die Augen lachend: „Schöner geworden, nicht wahr, — schöner geworden, Mamsell Fiekchen!? Ja, ja, die Ehe tut Wunder! Die Ehe tut Wunder, guter Freund, und Sie sollten sich auch bald entschließen zu heiraten,“ wandte er sich an Huber, „ich höre, daß Sie mit der Demoiselle Stock verlobt sind. Ich lernte sie in Dresden kennen, — welch ein Mädchen, welche Qualitäten an Kopf und Herz! Sie sind sehr zu beglückwünschen, wissen Sie das auch?“

Huber, dunkel errötet, ließ einen hilflosen Blick zu Fiekchen und dann zu Therese gleiten. Diese, obschon in einem Wortgefecht mit Humboldt, schien gehört zu haben, um was es sich handelte, und rief mit einem sonderbar verächtlichen Ausdruck über den Tisch hinüber: „Du mußt einen artigen Sklaven nicht an seine Ketten gemahnen, George!“

„Oh, oh,“ stammelte Huber, verzückt lächelnd, „es ist nicht das, nicht das!“

„Rosenketten also?“

„Ja ja! ‚Da band ich sie, da band sie mich mit Rosenketten‘ …“

„Daß der Alte je so amoureuse war!“

„Klopstock, — Klopstock, nicht wahr?“ Fiekchen sah mit großen Augen zwingend in Hubers hinein, dieser aber, seine Augen mit einer Art stiller Standhaftigkeit auf Therese richtend, sagte langsam, von einem Lächeln durchleuchtet:

„Weisheit mit dem Sonnenblick,

Große Göttin, tritt zurück,

Weiche vor der Liebe!

Nie Erobrern, Fürsten nie,

Beugtest du ein Sklavenknie,

Beug es jetzt der Liebe!“

„Ach, das ist Ihr Schiller!“

Therese griff ungeduldig nach einem der Almanache auf dem Tisch und blätterte darin. „Ich kann den Enthusiasmus für ihn nicht teilen …“

„Und doch ist er dem Geheimnis der Glückseligkeit so nahe,“ sagte George vor sich hin. „Er läßt seine Liebe aufgehen in dem großen Brand seines Herzens für die Menschheit. Er vermag es.“

„Mein Freund?“

„Oh — du meintest?“

„Ich meinte, ob du zu Ende wärest mit dieser Meditation und ob ich um Gehör für meinen wackren Bürger bitten darf?“

Sie las. Sie las die Elegie. „Als Molly ihn verlassen hatte“, erntete ergriffenes Schweigen, einen lyrischen Seufzer Hubers, fühlte sich offensichtlich gelöst, blätterte, begehrte ein Licht, las weiter. George sah auf sie hin, fühlte seine Brust unter ihrer Stimme erzittern wie den Resonanzboden einer Geige, die Schärfe in ihm zerging, er atmete leicht und glücklich, er staunte, daß sie schön wirkte, einzig durch den jetzt seelisch entzündeten Glanz ihrer Augen. Er sah es wohl, daß sie sich wieder und allen seinen Bitten entgegen geschminkt hatte, daß ihr Anzug, dies grüne, weißgestreifte Hauskleid, im Widerspruch zu jenem Aufwand der Eitelkeit stand, — er war nicht blind dafür. Dennoch, — hier war Therese, — und hatte sie sich verändert, jetzt zeigte sie es nur im Ausdruck einer Tiefe der Empfindung, deren sie erst fähig hatte werden müssen. Und George in einem törichten Frohlocken dachte in diesen Minuten nichts, als: Sie ist mein, ich modelte ihr Herz, — und die Blicke der beiden jungen Männer, die, betroffen oder hingerissen, verrieten, daß nicht nur er allein dem rätselhaften Zauber dieser nicht schönen Frau erlag, gaben ihm ein Triumphgefühl des Besitzes. Einer jener verhängnisvollen Täuschungen nachgebend, die ihn in diesem Abschnitt des Lebens zuweilen überstürzten wie Lichtströme das Land an einem wolkentreibenden Apriltag, meinte er sich eins mit ihr zu fühlen, eins in einer reinen geistigen Luftschicht, in die sie durch den Dunst niederer Ebenen hindurch gemeinsam sich empor gekämpft hätten. Hier, nun wohl, standen sie Hand in Hand auf der Schwelle eines neuen Lebens; dieser Abend, der erste in Mainz, der ihnen Gäste zugeführt hatte, war von der Musik unsichtbarer Genien umspielt, Musen und Grazien hatten ihr Haus in ihre Hut genommen. In den Stand der Gebenden, Austeilenden, Überströmenden eintreten dürfen, ja, er war gewürdigt worden, es war nun an der Zeit! Mochten Menschen wie Müller hochmütig oder abgewendet fernbleiben! Hatte er auf ihren Umgang gehofft, er war der Enttäuschung wohl gewachsen. Wenn nur jene kamen, die noch nicht des eignen Geistes satt waren, wenn sie nur kamen, bereit, ihm seine Fülle abzunehmen, er wollte sie wohl nähren und Theresens anmutiger und schöner Geist sollte sie laben, wie der Flor eines Gartens. Huber sollte den Freund an ihm finden, den er suchte, gerührt blickte er auf ihn, der dort mit einem gläubigen Ausdruck knabenhafter Begeisterung an der Vorlesenden hing. Ihm war, als sähe er sich selbst, zehn Jahre zurück, und fast wollte es ihn mit wehmütigem Neid überkommen: hatte denn je über ihm so das Göttergeschenk der Freundschaft eines Älteren, Gereiften geschwebt, hatte er sich nicht von je einsam seinen Weg suchen müssen, führerlos und Gott allein verantwortlich? —

Da Therese nun zu lesen aufhörte, stand er auf und eilte in sein Zimmer, von dem Bedürfnis überkommen, auch etwas zu geben, und sich erinnernd, daß Humboldt ihn nach seinen eigenen Arbeiten gefragt hatte. Er hatte vorher in dem botanischen Kollegium geblättert, das er den Wilnaer Damen gelesen hatte. Es waren doch recht artige Perioden darin, besonders in den Vorlesungen, die von der Generationstheorie handelten, er traktierte das Ding so aus dem Handgelenk, leicht, fast amüsant, ohne doch im geringsten aufzuhören, der Forster zu sein. Er kehrte zurück, das Manuskript in der Hand, fand das Röschen, das inzwischen hereingebracht worden war, auf Humboldts Knien sitzend und diesen bemüht, den ernsthaften kleinen Mund des Kindes zum Aussprechen seines Namens zu bewegen: „Wilhelm!“ sagte er ihm lächelnd vor, „Wilhelm!“

„Wilhelm …“ wiederholte Therese sich vorneigend, und, im Schatten der Zimmertiefe verweilend, erkannte George im Innersten betroffen den spähenden ruhelosen Blick ihrer Augen, den bebenden Ton ihrer Stimme, und wußte plötzlich, was da vorhin ihrem Lesen Klang und Zauber gegeben hatte, es war ihr verborgenes Herz gewesen, das unablässig jenen Namen anrief, unablässig, — ihn, den er selbst so gewaltsam hinter sich in die Vergessenheit getreten hatte. — —

Er hatte nicht mehr vorgelesen. Er ging in seinem Zimmer auf und nieder, im Schein der Kerzenflamme glitt sein Schatten an der Wand entlang, der Schatten eines alten Mannes, von dem sein Auge müde abschweifte. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder waren schwer. Die anderen waren noch hinaus in die klare Herbstnacht gegangen, um die Sterne sich im Rhein spiegeln zu sehen. Er scheute die feuchte Luft, er war zurückgeblieben, er ging hier zwischen seinen Büchern auf und ab in der Gesellschaft eines müden, gebückten Schattens. „O, — du hast wieder Schmerzen, lieber Freund?“ hatte Therese gleichmütig gesagt. Ja, — glaubte sie ihm nicht einmal die Schmerzen mehr?

„Ich habe vielleicht allzuoft in meinem Leben unter derartiger Gesellschaft sein dürfen, um dies als ein besonderes Glück zu schätzen,“ erwiderte George lächelnd auf die Frage Theresens, wie er es denn ertragen könne, hier oben auf der Galerie unter den Geduldeten zu sitzen. Er hatte den Arm auf die Brüstung gestützt und blickte von der Seite in ihr Gesicht, das angeregt und unzufrieden zugleich auf die glänzende Versammlung unten im Akademiesaal des Schlosses hinabspähte. Das Scherzo einer Haydnschen Symphonie hub soeben mit den rasch sich folgenden Einsätzen der Streichinstrumente und Flöten an, als begänne ein lustiger Wettlauf leichter Kinderfüße über eine Frühlingswiese. Therese hielt eine Antwort auf der Zunge zurück, seufzte ungeduldig auf und schloß die Augen, gelangweilt oder genießend. George, musikmüde, wie stets gegen Ende eines Konzerts, sah zu Sömmerring und Wedekind hinüber, die an ihrer anderen Seite saßen, beobachtete ein wenig die amtlich gesammelten Mienen, mit denen die beiden Mediziner den Genuß dieser kurfürstlichen Samstagsveranstaltung entgegennahmen, ließ seine Augen über die andächtigen oder zerstreuten Mienen der hier oben sitzenden bürgerlichen Gesellschaft schweifen, nickte dem kleinen eleganten Professor Dorsch zu, der auf seinem Stuhl wippend mit seiner Dose spielte, tauschte mit Fiekchen Dieze einen Blick lächelnden Einverständnisses über die neben ihr sänftlich eingeschlummerte Frau Mama, geriet selbst ein wenig ins Gähnen und starrte zum Plafond des Saales empor, der, von den olympischen Ausgeburten Januarius Zickschen Geistes bedeckt, ihn einlud zum Verweilen zwischen Wolkenhügeln und den rosigen Nacktheiten unbefangener Göttinnen. Er fühlte sich irgendwie bedrängt von dem atmenden Schweigen dieser orphisch gebannten Menschheit, als sei er der einzige Wache unter lauter Bezauberten. Dennoch wußte er, da saßen sie nun und enthielten sich der Worte, der Bewegungen, schillerten in den Farben ihrer Kleider, ihrer Edelsteine, im Glanz ihrer leuchtenden Haut, wie Frau von Coudenhoven dort unten an der Seite des Kurfürsten und der Kreis ihrer Damen, — hatten scheinbar sich selbst und die Welt vergessen und verhielten sich in dem strahlenden Licht der Kronleuchter reglos, als sei die Mainzer Hofgesellschaft nichts als ein pflanzenhaftes Produkt der Natur von pfauenhafter Buntheit, — zuckten aber mit unzähligen Herzen, dachten mit unzähligen Häuptern, konnten den Augenblick der Entzauberung nicht erwarten, da das Orchester verstummen würde, brüteten über den Sätzen, mit denen sie sich selbst wieder vernehmen lassen und hören würden: ganz gut, Herr Haydn, ganz gut, aber Sie hatten allzulange das Wort!

Sieh, der Kurfürst beugte sich bereits zu seiner Freundin hinüber und flüsterte ihr etwas zu. Die Symphonie, ohne Pause in das Rondo hineinstürzend, verwirbelte in Kreiseltänzen wie ein lerchenhaft enteilender Himmelsbote, von dem in Raserei verfallenden Kapellmeister gejagt. Überall bewegten sich die Köpfe, die Schultern, kam Leben in starre Gesichter, wurde Beifall bereit gestellt. Der Coadjutor Dalberg tauschte Kennerblicke mit Heinse, und Müller, der bis jetzt in sich versunken, den chapeau bas unter dem Arm, an einem Fensterpfeiler gelehnt hatte, hob plötzlich den Kopf und sah ohne umherzusuchen zu George auf, der ihm mit einem grüßenden Lächeln begegnete. Nun, — dies war wieder etwas, wie die ab und zu gewechselten französischen Billets sachlichen Inhaltes, etwa über ein Buch aus der Bibliothek, die manchmal so überraschend emphatisch schlossen, „tout à vous, de cœur et d’âme,“ oder geheimnisvoll verhalten mit dem lateinischen „Tuus“, „Totus tuus!“, das wie eine Schwurformel der Verbundenheit klang. George, noch immer an der einsamen Gestalt dort unten hangend, die sich längst von ihm abgewandt hatte, gab sich mit einem unbewußten Seufzer nach. Er verstand diesen Mann so wenig wie nur je. Er sah ihn ab und zu im Fluge bei Frau von Coudenhoven, wenn er ins Schloß kam, um dem jungen Coudenhoven das wöchentliche Privatissimum zu lesen. Hier fand er Müller zuweilen, plaudernd und anscheinend ganz à son aise in dieser Atmosphäre höfischer Geselligkeit, in der George nur beklommen atmete. Im übrigen lebte er einsiedlerhaft, amtlichen Geschäften und wissenschaftlichen Arbeiten hingegeben, ließ jeden Besucher abweisen und — nun ja, er lächelte George zu und schrieb ihm Billets, aber er entzog sich seinem Umgang und schien es nicht wissen zu wollen, daß ungehobene Schätze in dem Gebirge lagen, das zwischen ihnen beiden sich türmte. —

„Wir werden“, flüsterte George Therese zu, „mit Huber nach Hause gehen müssen, er machte mir vorher ein Zeichen, er sieht auch jetzt hinauf. Aber du sahest wohl schon?“ Und mit uneingestandenem Befremden bemerkte er ein Lächeln in ihrem Gesicht, das dem Legationssekretär galt, der, im schwarzen Hofkleid, die Hand am Degen, hinaufgrüßte.

Therese wandte sich an Wedekind. „Wo ist Ihre Schwester, Hofrat?“ fragte sie Sömmerring ungeduldig, wenn schon mit lächelndem Kopfnicken den Umhang abnehmend, den dieser mit umständlicher Höflichkeit bemüht war, ihr um die Schultern zu legen. „Wo ist Meta? Ich wünschte sie mir für den Heimweg, — oh, wer kann immer unter Männern atmen?“

Sie lachte kurz auf, George, Sömmerring und Wedekind nacheinander mit den Blicken streifend und nun Huber entgegensehend, der heraufgekommen war und sich der abflutenden Menge entgegendrängend den Weg zu ihnen suchte. In der Umrahmung des russischen Baschliks wirkte ihr Gesicht zart, in den Augen lag noch das innerliche Lodern, das Musik hier stets entfachte. Wedekind sagte in langsamem Hannoveranisch: „Meta fühlt sich nicht disponiert unter Menschen zu gehen. Sie hatte Briefe, die sie aufgeregt haben, sie bekam Kongestionen. Ihre Affäre zieht sich hin.“

„Herr Forkel ist ein Oger“, sagte Therese leichthin, „welcher redlich Denkende besteht auf einem Besitz, der nur noch auf dem Papier Existenz hat? Oh, ist er denn ein Sklavenhalter? Was meinen Sie, Huber?“

„Daß unsere Freundin frivoler redet als sie denkt.“

„Ah, mon Dieu, — comme il est cérémonieux!“

„Ich werde Meta heute abend noch zur Ader lassen“, sagte Wedekind steif, indem sie die Treppe hinunterschritten, „es wird ihr den Kopf klären. Forkel ist in seinem Recht.“

„Ich bin nicht dafür, den Weibern so viel Blut zu entziehen“, gab Sömmerring den Auftakt zu einem medizinischen Gespräch, das auf der Straße fortgesetzt wurde. Forster schritt stumm nebenher, von unerklärlicher Traurigkeit befallen. Er dachte: „mitunter steigen Worte aus Abgründen auf und verraten alle Schrecken der verborgenen Tiefe. Sage auch ich zuweilen solche Worte?“ Er wünschte, stehen zu bleiben und sich Therese und Huber zuzugesellen, die hinter den drei Herren gingen, aber er tat es nicht. Er schritt gesenkten Hauptes, kraftlos. Sömmerring war bei seinem Lieblingsthema, der Schädlichkeit der Schnürbrüste für den weiblichen Körper, angelangt. Huber dahinten sagte soeben in seiner zögernden Sprechweise zu Therese:

„Jeder Mann, er sei denn von Natur ein Mönch, wird der geliebten Frau eher einen Fehler des Herzens oder ein Versagen des Kopfes nachsehen, als einen körperlichen Defekt, der sich dem Bewußtsein zu jeder Minute aufdrängt.“

„Und wer ist jetzt eben frivol zu nennen?“ hörte George zu seiner Befriedigung Therese fragen. In der Tat, durfte der Verlobte eines köstlichen Mädchens, wie es die ein wenig bucklige Dora Stock war, so sprechen?

„Ich bin nicht frivol. Ich bin ein Unglücklicher.“

„Und warum erzählen Sie mir das? Oh, ich verstehe. Ich scheine Ihnen stark genug, um andere zu tragen. Aber ich warne Sie, mein Freund. Ich bin weder stark noch mitleidig. Vielleicht, daß ich es einmal war. Oh, — vielleicht …“

„Warum sich immer eines kalten Herzens rühmen?“

„Werden einer Frau die Fehler des Herzens nicht leichter verziehen?“ George blieb jäh stehen.

„Du solltest in der kalten Nachtluft nicht sprechen, meine Liebe“, sagte er und zog ihren Arm durch den seinen, „der Hornung ist ein tückischer Monat für eine zarte Brust.“

Er redete hastig, sich selber unbewußt. „Huber, Sie kommen mit uns. Sie teilen unsern Abendtisch. Ich weiß, Sie haben einen neuen Akt in der Tasche, Sie brennen darauf, ihn uns mitzuteilen, wie wir es kaum erwarten können, ihn zu hören. Ist’s nicht so, Therese? Ich habe einen herrlichen Brief von Jakobi, ich muß ihn Ihnen mitteilen, er rouliert ganz auf den Begriffen des Wahren, Guten und Schönen …“

Denn dieser Huber war ein Mensch, dem man es nachsehen mußte, daß er den Inhalt seines Busens zu Tage brachte, wie das Meer Muscheln, Schätze und Leichen an den Strand schwemmt, sei dieser Strand nun inselhaft lieblich umgrünt wie das Herz einer Frau oder eingedämmt und stark wie die Brust des männlichen Freundes. Therese, meinte George zu fühlen, war ganz mit ihm einig, daß diesem Menschen geholfen werden müsse, der seine Fülle so schlecht bändigen konnte und der weder in seiner Lebensführung noch in seinen poetischen Versuchen irgendwelche Form besaß. Freilich, Therese machte absonderliche Erziehungsversuche an ihm, suchte durch Herbe und Spott zu wirken, wie ihn dünkte, belohnte zuweilen mit Lächeln und der Süße eines Augenaufschlages, wie er beobachtet zu haben meinte, aber hatte doch, dessen war er sich gewiß, nicht den richtigen Weg eingeschlagen, Wirkungen zu erreichen. Güte, Vertrauen und Hingabe waren es, die hier zu gewinnen hatten. Leise, unmerklich, mit dem magischen Flötenspiel eines freundlichen Hirten, war dieser Verirrte herauszulocken aus der Wildnis. Begann er nicht schon, den Geschmack an der wüsten Gesellschaft zu verlieren, an die er verfallen gewesen war, vermied er nicht neuerdings sein Wirtshausleben mit Schauspielern und Dichterlingen und saß Abend für Abend an Theresens Teetisch, ein schweigsamer Gast, solange anderer Besuch anwesend war, beredt, sobald man, selbdritt, das Gespräch auf ihn, auf sein Leben, seine Pläne, seine Arbeiten kommen ließ? Oh, ihn nicht verspotten, nicht an ihm zerren, ihn nicht mit ihrem raschen Witz vergrämen sollte Therese, dachte George brüderlich. Dieser da kam, um Wärme, und Rat, um Halt zu finden, und so kam er zu ihm, zu George, so war er, endlich, endlich, die in unsäglicher Einsamkeit wortlos vom Schicksal erflehte Seele, die seiner bedurfte, seiner ganz und gar. Er gab es sich selbst nicht zu, daß die eigentliche Befriedigung darin lag, vor Therese entfalten zu können, wessen er fähig war, wenn denn ein Mensch kam, der seiner bedurfte. Gab es sich nicht zu, daß er diese Rolle des Hilfreichen, Geduldigen, Unermüdlichen so eifrig spielte, damit sie erkennen sollte, er war nicht der, als den sie ihn mehr und mehr zu sehen beliebte, der unablässig Fordernde, der, dessen Liebe nichts wußte, als daß der andere ihm gehörte und ihm zu dienen hatte. Ahnte sie es, daß sein Bemühen um Fremde ein Werben um sie selber war, — ahnte sie es und ließ ihren Spott deswegen spielen, wo es sich um Huber, ihre Gleichgültigkeit, wo es sich um andere Hilfebedürftige handelte, denen er Beschäftigung vermittelte, denen seine Person, sein sanfter, tätiger Geist mählich zur wohltätigen Lebenssonne wurde, um die zu kreisen neugewonnene Ordnung bedeutete? Verneinte sie diese Menschen, die ihn nicht anders wollten, wie er war, die ihn gut hießen, weil sie ihn anders wünschte und weil sie im geheimen jede seiner Äußerungen und Taten entwertet sah in dem Lichte des Verdachtes, daß alles geschah, nicht nur, um vor ihr zu bestehen, nein, um auch als der Bessere, der Größere, der von ihr Geopferte zu erscheinen? Hatte sie es erkannt, daß in diesem Zusammenhalten aller Tugenden, in der unablässigen Ausübung von Treue, Redlichkeit und Menschenliebe der letzte verzweifelte Widerstand seiner Seele sich kundgab, gegen sie, von der er sich doch abhängig wußte wie vom täglichen Brot, in der sonderbaren, scheuen und wählerischen Not seiner Sinne vor ihr so bedürftig, wie der Verschmachtende in der Wüste vor der einzigen Oase? Wußte sie es, wie verzweifelt er sich an die Bestätigung seiner selbst klammerte, die ihm von anderen ward, weil er sonst begonnen hätte, sich mit ihren, mit Theresens Augen zu sehen, als einen Würdelosen, der bettelte oder sein Recht erzwang, wo es ihm nicht frei und liebend gewährt wurde? Und wie übte er ihn aus, diesen Zwang, fragte er sich mit einiger Bitterkeit und starrte böse grübelnd zu ihr hinüber, die dort in der Schattenecke des Zimmers saß und mit diesen nie ruhenden kleinen Händen an ihrer langen Halskette zerrte und spielte, während Huber die großtönende Phraseologie seines Dramas mit gaumiger Stimme vorüberwälzte. Hieß das Zwang ausüben, zärtlichen Wünschen nicht Halt zu gebieten, wenn sie nicht auf Willkommen, nur auf — Duldung stießen?

Oh, über die beständigen Monologe, in denen er sich rechtfertigte, die stummen Auseinandersetzungen, die kein Echo hatten, — oh, über die nicht endende Apologie, dem Forum des eigenen Gewissens gegenübergestellt, das ihn anklagte, weil er Glück nur nahm und immer nur nahm! Und warum, warum blickte Huber, nun, da er geendet hatte und nach der Anstrengung des Lesens im Stuhl zusammensank, mit einem ängstlich heischenden Blick zu Therese hinüber, deren Antlitz, jetzt vorgebeugt ins Kerzenlicht, still war, als lauschte sie den letzten Versen nach? George erhob sich, mit einem überstürzten: „Vortrefflich, lieber, teurer Freund, — indessen …“ die Aufmerksamkeit an sich reißend, und, im Zimmer auf und nieder gehend, begann er eine Kritik des Gehörten zu entwickeln. Diese Auftritte, meinte er, seien vorzüglich aufgebaut, jedoch so sehr vom Gefühl überwuchert, daß der Gang der Handlung unter Blumen, — oh, und er möge nur verzeihen! — auch unter Unkraut, blühendem Unkraut verschwände, — daß — „ist’s nicht so, Therese? Nicht wahr, da sehen Sie, sie gibt mir recht!“ — nun, daß den Hörenden eine leise Ermüdung überkäme, daß seine Gedanken abschweiften, daß — redete er, verzweifelt wahrnehmend, wie Huber Therese unablässig anblickte, und wie sie ihre Augen in seinen spielen ließ — daß er, wenigstens er, nicht hätte folgen können.

„Doch ist’s nicht schön,“ sagte Therese, in diesem Augenblick ihn ansehend mit einem Ausdruck bittender Demut, der ihn rätselhaft erschütterte, — „ist’s denn nicht schön, mein Freund, des Herzens Überfluß zu sehen?“ Und, sich mit den Schultern windend, als spüre sie Schmerz oder Druck, eine Bewegung, die ihr in den letzten Monaten zur Gewohnheit geworden war, fuhr sie fort, abgerissen, verlegen sprechend: „Das Herz, — ach, nur das Herz einmal reden zu hören, George, — ein Herz zu sehen, golden, feurig — ist das nicht besser, als Kunst?“

„Aber ich rede wie ein Kind,“ sagte sie, plötzlich sehr gefaßt, stand auf und füllte die Tassen neu, — „hören Sie nicht auf mich, Huber, hören Sie auf George, — er — weiß viel besser, was not tut.“

Sie stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, er fühlte ihre Finger heiß und bebend an seinem Halse hingleiten. Den Arm um sie gelegt, von irgendeinem Triumphgefühl durchschüttert, das unvergleichlich viel stärker war als die Einsicht, es handele sich hier um die wirksame Darstellung eines lebenden Bildes oder die Vorführung einer Parabel, lächelte George in die mit dem Ausdruck seelischer Mühsal auf ihn gerichteten Augen Hubers hinein und dozierte weiter. —

„Du solltest,“ hörte er Therese nach einer halben Stunde leise und leidenschaftlich sagen, als er das Wohnzimmer noch einmal betrat, nachdem er den Gast hinausgeleitet und die Haustür hinter ihm abgeschlossen hatte, — „du solltest diesen jungen Menschen nicht so oft kommen lassen, mein Freund! Wenn nicht um deinetwillen, so seinetwegen.“

Sie stand in der Fensterecke, als sei sie dorthin geflüchtet, den Arm auf „The Resolution“ gestützt und sah ihm blaß und feindlich entgegen. Er erkannte nur, daß ein aufgeregtes Herz ihre Augen seltsam dunkel leuchten ließ, daß sie noch in diesem weichen Kleid aus maisgelbem Seidenmusseline war, das sie zum Konzert getragen hatte. Er tat ein paar Schritte auf sie zu, blieb stehen, lächelte und sagte: „Ich verstehe dich nicht.“

„Du wirst nie zu sehen lernen!“ rief sie und schlug die Hände vors Gesicht. Dann, mit jenem unerklärlich schnellen Übergang aus der Erregung in die Ruhe, in den sie ihm gegenüber jetzt so oft verfiel, sagte sie wieder ganz leise und sehr gehalten: „Du solltest ihn nicht so oft ins Haus bringen. Siehst du denn nicht den Zustand seines Herzens? Ich habe eine unselige Anziehung, ich …“

Sie stockte, blickte George, der sich ein wenig näherte und immer noch lächelte, unsicher an und vollendete hastig: „Ich habe nichts dazu getan, George, bei Gott. Aber schaffe ihn fort, — ja? Oh,“ schloß sie ein wenig pathetisch und drängte die Hände gegen seine Schultern, denn nun war er bei ihr, „George, George, liegt denn ein Fluch auf meinem Leben?“

„Du siehst Gespenster, Therese. Er ist jung, seine Schwärmerei kennt keine Grenzen. Wie dein Herz klopft!“

Und überwältigt wie von einer endlichen Erfüllung, blind, trunken, nicht fähig, diesen Blick voll Schicksalsangst, der seinem auswich, zu deuten, murmelte er, sie an sich ziehend: „Was willst du doch? Er ist gebunden und du — du bist doch mein.“

Therese, abgewendeten Antlitzes in seinen Armen hängend, die Brauen verzerrt, flüsterte: „Ja. Ich bin dein. Und ich müßte wohl noch Kinder haben …“

In dem Schweigen, das folgte, war nichts, als das unstete Flackern der beiden niedergebrannten Kerzen, das den Raum mit dem Tanz schwankender Schatten füllte.

„Sey doch jeder vergnügt, wenn er sein kleines Plätzchen gefunden hat, aus dem er in die Welt hinausgucken und über sie lachen kann“, so las George in der zierlich behäbigen Handschrift des alten Heyne, las diesen Satz zum zweitenmal, nachdem er den kurzen Brief des Schwiegervaters, datiert von einem Frühlingstag des Jahres 1789, beendigt hatte, las in der Einsamkeit seines Kabinetts, versuchte zu lächeln und fühlte sich zugleich dermaßen geschüttelt von Abwehr, Überdruß und Herzeleid, daß er das unschuldige Papier krampfhaft mit der Hand zerknitterte, es hinwarf, das Gesicht in den Händen begrub, — und dann aufsprang, um, die Hände auf dem Rücken verschränkt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Oh, gewiß, — oh, aber ohne jeden Zweifel: er hatte sein kleines Plätzchen gefunden! Er besaß ein Weib, ein gehorsames Weib, — in zärtlichem Gehorsam ihm ergeben, war’s nicht so? — das nun, da die Stürme erster Jugend besänftigt waren, sich anschickte, in allen Stücken dem Ideal Salomonis ähnlich zu werden und das ein zweites Pfand seiner Liebe unter dem Herzen trug. Er besaß das Röschen, das ihm an den Rockschößen hing, wenn er sich nur zeigte, und das soeben — horch! — sein Stimmchen draußen mit dem Gurren der Tauben auf dem Dachfirst mischte, draußen, wo im Vorgärtchen Narzissen und Tazetten unter der Maiensonne blühten, — er besaß ein Haus und nicht nur Narzissen, Tazetten, Goldlack und dergleichen törichte Schönheit, sondern auch einen Garten vor dem Tor, wohl fünfzig Schritt im Quadrat, wo er Salat zog und Erdbeeren, von Kohl und Wurzeln ganz zu schweigen. Er besaß Malchus, den Knecht, und Mareiken, die Magd, mochten sie gleich andere Namen tragen, — besaß Tauben, auch Hühner, der Ankauf einer Ziege war geplant, — ei, hatte er nicht wahrhaftig sein kleines Plätzchen, und was hinderte ihn denn, nun, in die Welt hinauszugucken und über sie zu lachen? Klausthal, dachte er, von irgendeiner Erinnerung gestreift, — das hieße wohl, mein Klausthal gefunden haben, — indessen …

Er blieb am Fenster stehen und starrte schwermütig hinaus auf den überschwenglich blühenden Kastanienbaum und den festlich schönen Bau des Bassenheimer Hofes gegenüber. Der Geist, der solche Formen schaffen konnte, der die Quadern dem Gesetz der Schwere selig entfremdete und es ihnen verlieh, daß sie Rhythmik, heitere Ordnung, schwingende Gelassenheit ausströmten, dieser Geist, — oh, dieser Geist! Er dachte nicht ganz zu Ende. Er dachte nur mit einem verzweifelten Aufwand von Pathos: Verflucht das kleine Plätzchen und die Zumutung über eine Welt zu lachen, die ich aus den Fugen reißen möchte, um sie neu aufzubauen, reinlicher, gerechter, weiser und — beseelt von dem Glauben an mich, an meines Herzens Kraft und Würdigkeit! —

Nun, da der Andrang des Blutes zum Kopfe nachließ, sammelte er sich, wandte sich ins Zimmer zurück und versuchte, sich selbst die Gründe der Erregung klar zu machen, die ihn dermaßen überwältigt hatte. Heyne war ein alter Mann, sagte er sich begütigend, der sein Leben lang in den geschützten Niederungen der Philologie gehaust und keine anderen Stürme kennen gelernt hatte, als leidige Universitätsintrigen und kleinstädtische Familienkabalen. Er war, nun auf der Höhe seiner sechzig Jahre, geläutert genug, sich über diese Anfechtungen erhaben zu fühlen, erfreute sich seines abgeklärten Zustandes, für den er Gleichnisse fand, angemessen dem Verhältnis des Gegensatzes, den er für ihn bedeutete, — ein kleines Plätzchen also, aus dem man herausguckte und lachte, — und wünschte, denen, die er liebte, die Annehmlichkeiten einer solchen Gemütsverfassung nahe zu bringen. Aller Welt gut werden, schrieb er auch wohl einmal, das sei die Basis des inneren Friedens, und dann tat er mit ein paar lächelnden Greisenworten „die Chimäre“ ab, es müßte jeder ins Große wirken. Oh, vor ein paar Jahren noch, in Wilna, da wäre sein Wort Musik für mich gewesen, dachte George, damals, als wenigstens ein Mensch, als Therese noch, das Große von mir erwartete und mich ermüdete mit ihrer Ungeduld und ihrem ungestümen Fordern. Damals, als er, sonderbar übersättigt von frühem Ruhm, bereit war auf Lorbeeren auszuruhen, die nicht erstritten, sondern, wie es ihn jetzt dünkte, tändelnd am Wege gepflückt waren. Heute aber, — man hat sich mit mir abgefunden, das ist entsetzlich! Das ist entsetzlich! hallte es in ihm wider, während er von dem selbsttätig in ihm arbeitenden Pflichtbewußtsein getrieben die zur Übersetzungsarbeit nötigen Bücher und Bogen auf dem Tisch anordnete und auf den letzten Satz im Manuskript starrte. War es ihm nicht immer als das einzig mögliche Ziel erschienen, ins Große zu wirken, — so oder so? Er hatte nie darüber nachgedacht, freilich; sein eigener Wille, so glaubte er zu erkennen, war immer abgelöst worden, in der Jugend durch den leidenschaftlichen Tätigkeitstrieb des Vaters, in dem sein eigener aufging, wie die Kohle in der Flamme, und dann durch dies zweischneidige Geschenk der Götter, durch den Ruhm in frühen Mannesjahren. Es war süß, unter den freundlichen Augen der Menschen zu leben, süß nach so bitteren Jahren, — diese wehmütige Bestätigung der Erinnerung flüsterte er sich zu, dieser Satz hob und senkte seine Flügel über der Arbeit der nächsten halben Stunde, in der er geschäftsmäßig englischen Text in deutsche Sätze umbaute, bis er die Feder hinwarf und, verzweifelt den Kopf hebend, der Frage ins Auge blickte, deren Gegenwart er in den letzten Wochen unablässig gefühlt hatte, wie die einer unsichtbaren erbarmungslosen Gottheit. Nicht länger ließ sie sich in Nebel bannen. „Was tat ich?“ schrie er auf, — vernahm die eigene Stimme unselig fremd, sah um sich und flüsterte erschrocken, — „ja, was tat ich denn, diesen Ruhm zu rechtfertigen, — ja, was baute ich denn auf diesem kolossalischen Fundament des Glücks? Mein Gott, mein Gott, — ich sollte doch ins Große wirken, — war das denn nicht dein Ruf?“

Oh, alter Mann auf deinem Bänkchen in der Gartenlaube! — bist du je so gerufen worden? War dir die Kindheit der Vorhof der Zucht und der Entsagung, so daß du, ein Knabe noch, geschulten Geistes und männlicher Arbeit gewöhnt dort schon standest, wo für andere die Jugend gipfelt? Wurden dir da die Tore der Welt auseinandergerissen und taumeltest du hinein in die Fülle der Erde, in das Sprachengewirr der Völker, umwirbelt vom Schall ihrer tausendfältigen Musikinstrumente, vom Staub ihrer Herden, — von ihren Gerüchen umdampft, ihrer Buntheit geblendet, von ihren Weibern verlockt, von ihren Göttern bedroht? Rollten Steppe und Strom sich auf als Teppich deiner Füße, waren die großen Städte deine Herbergen, beugte das Meer gebändigt seinen Nacken, dich sanftmütig zu tragen und dir seine Inseln zu schenken? Gingen dir Helden voran und zur Seite, dir zu zeigen, wie sie gemeistert wird, die erschreckliche, wonnevolle, bestürzende Fülle, — und mehr noch: ward es dir gegeben, die Helden zu erkennen und zu wissen, daß ihnen gefolgt werden muß? — Oh, alter Mann, — dein Ziel war stets der nächste Meilenstein! Wie solltest du die wahnsinnige Raserei der Reue kennen und verstehen, die in der Brust eines Mannes tobt, wenn er sich an den Grenzmarken der Jugend sieht und endlich wahrnimmt, daß er aus allem Reichtum, der ihm zu Füßen lag, nichts errafft hat, als die Phantome der Erinnerung? — Dies war der Zustand des Herzens, in dem George Forster sich seit einigen Monaten befand. Wie bin ich hierhergekommen, fragte er sich verzweifelt, wenn er sich Tag für Tag vor dem Chaos der Bibliothek sah, das er ordnen sollte, für dessen Unterbringung er Räume, Repositorien, ja, womöglich ein ganzes Gebäude schaffen sollte, für das er rennen und laufen, mit den Universitätsprofessoren konferieren, Sitzungen anberaumen, beim Kurfürsten antichambrieren mußte. In seiner Vorstellung war ein Berg, der aus Büchern bestand und unaufhörlich von innen heraus bücherquellend wuchs. Die Bücher rollten, rutschten, wollten ihn erdrücken, er mußte sich mit beiden Armen gegen sie stemmen, sie polterten um ihn herum nieder, wölkten den Staub von Jahrhunderten, drohten ihn mit ihrer Ausdünstung zu ersticken. Er griff hinein, blätterte Titelseiten auf, schaffte irgendwo einen kleinen freien Raum, stapelte die hier, jene dort auf, kam auf den Gedanken, daß es sich lohnen würde, doppelte Exemplare auszuscheiden, um die Menge zu verringern, suchte diese Absicht durchzuführen und geriet in einen peinlichen, nagenden Kampf mit seinen Hilfskräften, mit diesem Heer der Unverantwortlichen, der tückischen, trägen Zwerge, die ihn zwingen wollten, nichts anderes in ihnen zu sehen, als die Teile einer Maschine, die, hämisch, wie es seiner trostlosen Überreizung dünkte, die Hände ruhen ließen, wenn sein Antrieb einmal aussetzte, die schlampig arbeiteten, wieder zerstörten, wo er meinte, Grund gelegt zu haben, Verzeichnisse anfertigten, die nichts taugten, nach Hause gingen, wenn die Glocke schlug, und sich nicht weiter kümmerten …

Während er bis in seine Träume hinein Bücher schmeckte, sah und fühlte, Handschriften und Erstdrucke und Widmungsstücke an tote Kurfürsten und Folianten und Elzevirs, — und da wälzte sich ein neuer Haufe heran, lebendig kriechend wie ein Heerwurm, die Bücher aus der Karthause, die der Kurfürst angekauft hatte, und die nun auch noch untergebracht werden mußten. Und niemand war bereit, ihm Platz einzuräumen, das Kuratorium der Professoren schien sich gegen ihn verschworen zu haben, — gegen den Ausländer und Protestanten, natürlich! Sein Vorschlag, die ehemalige Jesuitenkirche für diesen Zweck auszubauen, ward verworfen wie ein Angriff auf das Heiligtum, der Kurfürst bekannte seine Ohnmacht, Müller, wenn er sich denn einmal sprechen ließ, zuckte die Achseln, sagte: „Ja, mein teurer, lieber Freund …“ und redete vom Stein des Sisyphus. Und dieser Stein, er sank zurück auf seine Brust und war der Alp seiner Nächte. Ich kenne ihn aber, dachte er ächzend, ich kenne ihn doch seit ich lebe, diesen Alp der Bücher, oh, ich kenne ihn, seit ich so klein war und plötzlich lesen konnte und das Spielen aufhörte! Dennoch, — war es denn möglich, daß dies das Ziel und Ende gewesen war, sollte er sich darein ergeben, von diesem Gebirge täglich eine Handvoll abzutragen, sollte er zufrieden sein mit der satten Selbsttröstung, sein Bestes getan zu haben? Wer hatte denn sein Bestes getan, der nicht die Pfänder einlöste, die in der Jugend von Gott empfangen waren! Diese Pfänder, die er besaß in den unmittelbaren Erlebnissen der bunten glühenden Welt und des frühen Ruhms, sie quälten ihn auf einmal, wie Verpflichtungen, für die noch aufzukommen war. Ein berühmter Jüngling, und nur ein berühmter Jüngling, das ist wie eine schöne Tänzerin, dachte er angeekelt. Aber das leere Altern des Jünglings ist unverzeihlicher. Taube Blüten, Erlebnisse, die nicht Frucht und Leistung gezeugt hatten, — mit fünfunddreißig Jahren von den Zinsen einstmals mühelos oder zufällig erworbener Güter leben und sich nur noch mit kleinen Handfertigkeiten beschäftigen, mit Übersetzungen — (— o Therese! O jene Nacht in Wilna und das Wort, damals belächelt: „Nicht immer nur übersetzen, George …!“) — und mit dem Registrieren von Büchern, — diese Erkenntnisse, plötzlich hereingebrochen, vielleicht, weil die Öde seines Herzens nun dunkel genug war, nachdem die Hoffnung auf jenes unerhörte Einssein mit Therese, die fast zehn Jahre alles andere überschienen hatte, niedergebrannt und, wie er meinte, der dämmerhaften Dauerglut der Gemeinsamkeit gewichen war, — vielleicht auch nur, weil ihre Zeit gekommen war, weil eben entblätterte Bäume das Licht durchlassen, — diese Erkenntnisse schufen ihm eine Qual der Unrast, die ihn auf sich selbst zurückwarf, nun, nachdem er Jahre und Jahre die Magnetnadel seines Herzens hatte abweichen und auf andere Menschen weisen sehen, so daß er den Kurs auf das Zentrum der eigenen Bestimmung hatte verlieren müssen, — wenn er ihn denn je schon besessen hatte. Was Wunder denn aber, was Wunder! Oh, fürchterlichster Gang des Labyrinths, nun durchwandert, der nach zehn Jahren offenbarte, daß er nicht vorwärts, nicht etwa ins Freie, nein, daß er den unseligen Wanderer nur im Bogen zurückgeführt hatte, an jenen Ort zurück, wo die Wege der hundert Möglichkeiten abzweigten und wo der Nebel der Unschlüssigkeit hing! —

Der Kreis der Freunde an Theresens Teetisch fand den Hausherrn am Abend dieses Tages ungewöhnlich gesprächig. Huber, der den dritten Akt seines „Heimlichen Gerichts“ vorgelesen hatte und nun, geduckt dasitzend, in seiner Tasse rührte, bekam alles andere zu hören, als die Kritik, die er erwartete. „Gott ist ein schlechter Schauspieldirektor!“ rief George aus, sah Fiekchen Dieze erschrocken zusammenzucken, lächelte ihr begütigend zu, fügte ein: „Symbolisch gemeint! liebe Freundin“, und fuhr fort: „Wann gibt er denn je eine Rolle dem Richtigen? Mir zum Exempel gab er das Kostüm und die Rolle des Pioniers der Aufklärung und ich fühle nun einmal den Auftrag, sie unter allen Umständen zu Ende zu spielen. Ich spiele augenblicklich miserabel, ich weiß es, ich fühle mich der Aufgabe keineswegs gewachsen, — indessen ich habe nun einmal vor den Augen der Welt die Gestalt des Mannes zu agieren, in der die Südsee für Deutschland ein Stück Wirklichkeit geworden ist.“

„Sollten Sie da nicht ein wenig die Importance jener antipodischen Hemisphäre für Deutschland überschätzen?“ murmelte der Professor Dorsch, der im übrigen völlig durch die Betrachtung seines allerdings sehr kleinen und sehr eleganten Schnallenschuhs in Anspruch genommen zu sein schien.

„Lieber Freund, agieren Sie doch getrost den guten Forster und weiter nichts!“ warf die kleine Forkel ein und suchte vergebens einen Blick spitzbübischen Einverständnisses mit Therese auszutauschen.

„Es handelt sich hier um den Ausdruck des geistigen Wertes der Weltbefahrenheit!“ Dorsch wurde zornig angesehen und die Forkelin bekam einen mitleidigen Blick. „Ich habe also unbegrenzte Horizonte, Weltweite, Gelassenheit und was weiß ich zu verkörpern. Ich soll aus diesem Seeleninhalt heraus entsprechend handeln, wirken, schreiben. Nicht wahr?“ fragte er fast flehentlich und sah Therese langsam und nachdenklich nicken. Hastig trank er ein paar Schlucke aus seinem Teeglas, in das er nach polnischer Art einen Löffel Eingemachtes anstatt des Zuckers getan hatte. Dann fuhr er nachdenklich fort: „So hat der Meister es sich gedacht. Aber nicht nur, daß er den guten Forster, wie eine Stimme aus dem Publikum soeben richtig anmerkte, auf den heroischen Kothurn gestellt hat, anstatt ihn etwa für das sentimentalische Fach auszustatten, — Gott ist auch ein schlechter Theaterdichter!

Aber bitte, meine Teure, so zucken Sie doch nicht immerfort! Dies sind doch nicht Blasphemien, sondern die Resultate einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal!“

„Und was ist Schicksal?“ sagte Huber leise und eindringlich, „wieviel Quellen springen auf, um im Sande zu versickern! Dürfen wir überall Anläufe zu einem Ziel, Absichten einer höheren Macht vermuten? Hieße das nicht Anmaßung? Ach, und wenn wir einmal meinen, einer eigenen großen und furchtbaren Bestimmung gewürdigt zu sein, wie bald müssen wir erkennen, daß wir — nur in die Räder eines fremden Schicksals geraten sind!“ Er blickte düster vor sich nieder.

„Wir monologisieren da recht artig nebeneinander her“, bemerkte George trocken und fuhr fort:

„Dieser schlechte Dichter also, — ich meine den oben erwähnten Meister, — erwartet immer, daß wir selbst die Rolle zu Ende führen. Er schreibt den ersten Akt, vielleicht auch noch den zweiten, ganz selten führt er uns auf die Höhe des dritten, wie es doch unserm Freund hier mit seinen Geschöpfen nunmehr gelungen ist. Uns überlassen auf alle Fälle bleibt der Komödie Schluß, und wird das Stück dann ausgepfiffen, so macht er die Akteurs verantwortlich …“

„Warum sagst du Komödie?“ fragte Therese mit unbehaglichem Zögern.

„Du meinst, daß aus diesen Anfängen sich nur Tragödie entwickeln kann?“ fragte er auflachend zurück.

„Ich meine,“ sagte sie mit einer aufreizenden, unpersönlichen und undurchdringlichen Gelassenheit, die er nicht zu deuten wußte, „daß die tragische Muse höhere und würdigere Anforderungen stellt. Soll ich wählen zwischen Minna und Emilia, so will ich lieber mit Emilia in der Blüte meiner Jahre den Tod willkommen heißen als gleich Minna mich mit einem mittleren Glück begnügen.“

„Du vergißt, warum Emilia so sterben darf. Du mißverstehst dich selbst — und die dir zugeteilte Rolle!“

George, gleich nach diesen Worten fühlend, daß er sich von der Bitterkeit der Erinnerung hatte hinreißen lassen, wandte tödlich betroffen von der Kälte, mit der sie ihn anblickte, die Augen ab und ließ sie zur Seite gleiten mit dem Ausdruck eines, der den Boden unter sich wanken fühlt. Da war Sömmerrings breite Hand, beruhigend warm wie nur je, die ihn auf die Schulter klopfte, und des Freundes Stimme, die die Gesellschaft aufforderte, zuzugeben, daß die Forkelin wahrhaftig Recht habe und daß der Forster nichts zu tun brauche, als sein Herz zu leben, um des allgemeinsten, des innigsten Beifalls gewiß zu sein, — nun, er lächelte auch, er blickte unbefangen im Kreise herum, sah Therese ebenso unbefangen den Pflichten der Wirtin genügen, zog Huber in ein Gespräch über den Fortschritt des Dramas und die Aussichten einer Aufführung unter Iffland in Mannheim, gab Theatererinnerungen aus Berlin, Paris und Wien zum Besten, und spürte dabei unaufhörlich wie eine von neuem blutende verjährte Narbe dies entsetzte Erstaunen, weil da ein Schleier gelüftet worden war, ein Gorgonenhaupt ihn angestarrt, ein Dolch ihn bedroht hatte. — —

Da einmal erkannt worden war, worauf es ankam, war Aufschub nicht mehr Zeitverlust. Denn, nicht wahr, — das ganze Leben bis jetzt war Vorbereitung gewesen. Da George Forster denn fünfunddreißig Jahre gebraucht hatte, um einzusehen, daß er letzten Endes von niemand auf der Welt etwas zu erwarten habe, als von sich selber, daß kein Vater, kein Freund, keine Geliebte Dank wußten für Demut, Treue, rückhaltlose Hingabe, da er jetzt nach fünfunddreißig Jahren die Kraft in sich fühlte oder den Gleichmut, auf jene Bestätigung des eigenen Gemütes verzichten zu können, wie er sie bisher unablässig bebenden Herzens von der unbegrenzten Zuneigung des menschlichen Wesens gefordert hatte, das ihm jeweilig das nächste gewesen war, — da konnte er in diesem Zustand der Erkenntnis wohl ein wenig verweilen und sich sammeln, indem er sich vorsagte, das furchtbar glühende Gestirn, dessen Strahlen die Wüste erst zur Wüste machten, habe den Zenith nun überschritten und würde, mählich abwärts sinkend, bald sich mildern.

Warum also nicht auf vierzehn Tage zu Jakobi nach Düsseldorf fahren und des Freundes wie des rheinischen Frühlings genießen? Warum nicht gegen Ende Juni für zwei Monate seinen Wohnsitz ins Rheingau verlegen, nach dem heitern Eltville, wo der von Bücherdünsten, Stubenluft und Krummsitzen erschöpfte Körper sich in gelinder durchsonnter Luft und bei regelmäßigen Bädern erholte, wirksam unterstützt durch Morikis privilegierte Blutreinigungspillen, auf deren Verabreichung Therese leidenschaftlich bestand? Warum nicht Zeit verschwenden an lange philosophische Briefe, an Gespräche, warum nicht die glücklichen Stunden wahrnehmen, die sich aus dem Aufenthalt durchreisender Freunde ergaben? Ja, wahrlich, nicht umsonst lag Mainz an der Straße nach Paris, nicht umsonst als Station der great tour an dem Wasserwege von England und den Niederlanden nach Süden, — und der Besuch von Männern wie Baggesen und dem Grafen Moltke, von Wilhelm Humboldt und Campe, von Jäger aus Mitau, konnte der nicht dafür entschädigen, daß Hof und Adel von Mainz immer noch keine Anstalten machten, in ihm den zu ehren, der er für die gebildete Welt doch war? Warum nicht genießen, — warum nicht lächeln? Mochte der Kurfürst ihm gegenüber denn immer den gnädigen Herrn herauskehren oder gelegentlich den Herrn de mauvaise grace, wie neulich, als er ihn von Düsseldorf zurückbefahl wegen einer Sitzung über die leidige Bibliotheksunterbringung, die dann gar nicht stattfand. Er fühlte sich imstande, mit den Achseln zu zucken, — was unterschied denn die Großen der Erde in seinen Augen noch von andern Lebensfaktoren? Es galt sie zu behandeln wie blinde Naturmächte, sie zu nutzen, sie einzudämmen, wenn es nottat. Oh, Frankreich hatte das als Volk jetzt eingesehen, was ihm als einzelnem auch viel zu spät ein ganzes Leben voll Enttäuschungen klargemacht hatte! „Freund, sie sind verändert, — mir ist, — vergeben Sie! — als seien Sie gealtert!“ hatte Müller bei einem zufälligen Zusammentreffen neulich gesagt, den förmlichen Ton seiner Rede jäh unterbrechend und ihn einen Augenblick mit dem schwermütigen Lächeln von einst prüfend betrachtend. Auch hier gab er nur stummes Achselzucken zur Antwort. Müller, bei dessen gefährlicher Erkrankung im Frühjahr er noch einmal die volle Macht der alten Zuneigung in der ratlosen Erschütterung der Angst um sein Leben gefühlt hatte, auch Müller war dorthin entrückt, wo sie alle nun für ihn standen, jene Gleichgültigen, von deren Affektion er seine Ruhe, sein Glück, seinen Frieden abhängig gemacht hatte. Nun, er guckte zwar nirgendwo heraus auf die Welt und lachte über sie. Aber, er rechnete mit ihr, so wie sie war. Und indem er sich stillschweigend schonungslos mit den Menschen auseinandersetzte, reinliche Scheidungen vornahm, die Nützlichkeit jeder einzelnen Beziehung abwog und das, was dann an reiner Freundschaft und geistigem Gewinn dazukam, hinnahm wie ein unerwartetes Geschenk, das keine Dauer versprach, umging er in seinem Innern doch die eine Frage, als sei sie nicht vorhanden, ja, er hütete sich so sehr den Bestand seines häuslichen Glückes anzuzweifeln, daß er sich über Tisch lieber die eingelaufenen Journale und Gazetten reichen ließ und während des Essens las, wenn er nur von ferne annehmen konnte, es lagerte irgend ein Schatten auf Theresens Stimmung. Den Zustand der Gewohnheit gegenseitiger Freundlichkeit, der Selbstverständlichkeit ihrer Fürsorge und dessen, was sie sich an Hingabe abgewinnen konnte, — oh, diesen Zustand nur um jeden Preis erhalten!

Damit er denn die Ruhe behielt, so zu arbeiten, wie es fürs erste noch nötig war, — ehe der Augenblick erschien, geeignet, um endlich mit diesem neuen gehärteten Herzen hervorzutreten und den großen Wurf zu tun. Damit er denn in täglichen kleinen Erregungen nicht die Kraft einbüßte, so gebeugten Rückens dazusitzen, wie es einstweilen sein mußte, und die Feder rascheln zu lassen, rascheln, rascheln, rascheln, auf daß nicht der spärliche Zufluß der kleinen Einnahmen versiegte, mit denen der unzureichende Strom des Gehalts ständig gespeist werden mußte, um nicht vor Quartalsschluß kläglich erschöpft zu sein! Auch war der alte Satz noch in Kraft, obschon seine Begründung geändert war, — Therese, hieß er, Therese sollte leben wie die Blumen auf dem Felde … Weil sie jung, süß und heiter war, hatte George früher inbrünstig hinzugedacht, — weil es unbequem ist, ihr über die Anwendung jedes einzelnen Guldens Rechenschaft abzulegen, dachte er jetzt im geheimen und vor sich selbst kaum eingestanden. Therese bestellte das Hauswesen mit nahezu derselben Heiterkeit wie einst in Wilna, bestellte es mit Hilfe dreier Dienstboten und war ununterbrochen in Tätigkeit, kein Zweifel. Therese bat um Geld und eilte mit Luise auf den Fruchtmarkt, ein bauchiger Marktkorb begleitete sie und ward heimgebracht beladen wie ein Kauffahrteischiff von fernen Küsten. Therese, noch in Umhang und Hut, ein wenig ermattet aussehend durch die neue Schwangerschaft, kam zu ihm herein, seufzte: „O diese Hitze, mein Freund!“ bat dann aber inständig um noch ein wenig Geld, denn da waren Rosen auf dem Markt gewesen, frühe Rosen, sie hatte nicht widerstehen können, und nun hätten sie kein Brot mehr mitbringen können und die Milch sei noch zu bezahlen und — so ein paar kleine Schulden beim Kaufmann Winterstein in der Welschnonnengasse. „Ich brauche ja die fünf Gulden natürlich nicht dafür ausschließlich, Georgie,“ sagte Therese, und ließ sich am Fenster nieder, „aber es kommen doch immer wieder Kleinigkeiten …“

„Spezereiwaren,“ ging es George durch den Sinn, nach dem Text der Anzeigen in der Privilegierten Mainzer Zeitung, „Puder, gedörrte Schinken, echtes Mannheimer Wasser in Krügen, veritable englische Schuhwichse in Schopfenbouteillen, vielleicht auch Genueser Sardellen oder Feigen, Krachmandeln und Traubenrosinen, alles zu haben beim Handelsmann Schreck oder bei Sebastian Martin in seinem Gewölbe am Dom …“ Oh, eine Stadt wie Mainz bot Gelegenheit Geld auszugeben! Jedenfalls sagte er höflich etwas, wie „Selbstverständlich, meine Teure“, gab das Gewünschte mit der Gebärde, als griffe er in Fortunats Säckel und schrieb sich selbst stillschweigend auch ein paar Gulden zugute für irgendein Buch, ja, in letzter Zeit häufig auch für dies oder jenes hübsche Möbel oder einen Gegenstand des Zimmerschmucks. Er hatte sich eine Liebhaberei für englisches Mahagoni und Höchster Porzellan anerzogen und gab sich selbst kaum zu, daß seine Aufmerksamkeit auf die Kunstwerke Meister Melchiors erst durch ein Gespräch mit Müller geweckt worden war, eins jener flüchtigen Gespräche anläßlich eines Zusammentreffens bei dem jungen Coudenhoven, die ihre Stoffe in Hast aus der Anschauung der nächsten Umgebung nahmen. Immerhin gab er für Bücher und Karten aus eigenen Mitteln weniger aus als je, da sein Amt ihm Gelegenheit gab, Werke von Wert und Neuerscheinungen aller Art aus dem dafür bestimmten Fonds für die Bibliothek anzuschaffen, — und war es nicht verzeihlich, daß er von dieser Freiheit ausgiebigen Gebrauch machte, mit dem Verdienst, alte Bestände aufzuforsten, zuweilen die heimliche Befriedigung langgehegter Wünsche verbindend? „Im übrigen, lieber Freund,“ hatte Therese neulich über den Teetisch hinübergesagt, — sie hatten nun endgültig diese sonderbare façon de parler angenommen, sich lieber Freund und teure Freundin zu nennen, — also: „lieber Freund, der Kurfürst von Mainz hat die Laune, sich einen Bibliothekar von mehr als europäischer Berühmtheit zu halten. Stattet er ihn nicht genügend aus, so wird er voraussetzen, daß der Bibliothekar nicht ausschließlich in seinen Geschäften aufgeht, sondern Zeit auf den eigenen Acker verwendet.“ Dies als Antwort auf laut geäußerte Selbstvorwürfe seinerseits, daß er, anstatt seinen letzten Schweißtropfen für die Bücherei zu vergießen, halbe Tage lang eigenen Arbeiten nachhing. Und sie hatte Recht, wie meist. Nur daß sie nie mehr ein Wort fand, ihn wirklich zu eigenen Arbeiten zu ermuntern, daß sie es unbewegt mit ansah, wie er übersetzte, und nur übersetzte, — oder vielleicht bisweilen ein Artikelchen schrieb, Aufsätzchen für Kalender, für Almanache, verruchtes kleines Zeug, zu dem er das Saatgut ungeschriebener großer Werke vermahlte.

Jedoch konnte er sich mit Genugtuung sagen, daß er nunmehr endlich die einzig richtige Methode gefunden habe, die Aufgaben zu meistern, die ihm von Herausgebern und Verlegern unerschöpflich gestellt wurden. Er hatte sich einen ganzen Stab von Hilfsarbeitern gebildet, er leitete die Ausführung großer Übersetzungen wie der Meister in der Werkstatt, Huber, als sein erster Adjutant, hatte einen Teil der Briefe Dupatys über Italien unter der Feder, die kleine Forkel saß mit glühendem Eifer über den Abenteuern des Mr. Keates auf den Pelews-Inseln, drei oder vier emsige Burschen, Studenten der Universität, machten Auszüge für ihn, trugen ihm Material zu.

„Da du das Honorar mit ihnen teilen mußt, eine etwas sonderbare Ökonomie“, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das beständige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.

„Es wird sich rentieren, meine Teure“, antwortete er kurz. Es war an einem Sonntagabend, und der seltene Fall lag vor, daß keine Gäste anwesend waren. George, der das Röschen auf den Knien hatte und dem Kinde mit kleinen Muscheln Kreise und Figuren auf dem Tisch legte, fühlte in erschrockener Ratlosigkeit eine Unlust, sich auszusprechen, gleichsam das Versagen der Ausdrucksfähigkeit im Zwiegespräch. Er raffte sich auf. Dies sei eine Sache, die Zukunft habe, sagte er. In kurzer Zeit, — nun, möge es auch noch ein, zwei Jahre dauern! würde er alle jene fremdsprachigen Bücher, die er als ein redlich besorgter Volkserzieher in den Händen der Deutschen wünschen müßte, nicht mehr selbst übersetzen, sondern diese Arbeiten denen anweisen, die er der Beschädigung und der Unterstützung für würdig befunden hätte, — würde als Mittelpunkt in diesem Netz der Tätigen sitzen, alle Fäden in der Hand behalten und leiten und nicht nur des Dankes dieser wenigen, sondern vor allem der ewigen Dankbarkeit der Nationen gewiß sein, zwischen denen er Schranken einreißen, Grenzen auflösen würde. „Was ich auf diesem Wege,“ fügte er mit einem kurzen Auflachen hinzu und fuhr sich mit der Hand über die brennenden Augen, „nun ja, etwa seit fünfundzwanzig Jahren tue, seit meinem elften Lebensjahr. Indessen fehlte mir lange der Blick auf den großen Sinn der Sache, jawohl, ich ermangelte des Ausblicks.“

Er schwieg still. Nicht, als ob er eine Antwort erwartet hätte. Er war nur müde. Das Röschen schob die Muscheln hin und her, patschte darauf und warf sie zu Boden. Er hob sie geduldig auf. „Tu das nicht, Röschen, die sind von Larry“, sagte er und summte ein paar Takte vor sich hin. „Larry, Larry“, plauderte das Kind und wirtschaftete mit den runden Händchen weiter. Dann sagte es: „Der Onkel Ferdi kommt heut nicht, der Onkel Ferdi kommt heut nicht …“

„Nein, — er ist in der Favorite“, sagte Therese.

Draußen regnete es. Es war so dämmerig, daß sie kaum ihre Gesichter unterscheiden konnten. Theresens Gestalt, schon ein wenig unförmig, in dem weißen weiten Sommerkleid leuchtete regungslos in dem tiefen Stuhl am Fenster. „Und was wirst du dann tun, — wenn du nicht mehr übersetzest?“ fragte sie plötzlich leise. — — —

Er hatte sich wohl gesagt, daß ein wenig frische Luft nach Abschluß dieses heißen Arbeitstages ihm noch gut tun würde, und darum ging er hier im Staube, den die Equipagen und Chaisen der spazierenfahrenden großen Welt auf der Rheinallee aufwirbelten, ging dem fröhlichen Gedränge heimkehrender Bürger mit ihren Weibern und Kindern entgegen und sah mit trocknen entzündeten Augen auf das Bootgewimmel des abendlich belebten Stromes, in dem die Auen schwammen wie selig umbuschte Eilande, voll Gesang und Tanz. Wohl, hier ging der Hofrat Forster eiligen Schrittes durch das lustige Getümmel eines rheinischen Sommerabends, ließ seinen Schatten in den letzten schrägen Strahlen der Augustsonne seitlich zu seiner Rechten unmäßig lang hinter sich drein schleifen und zuweilen an den dicken Stämmen der alten Linden sich aufrichten, tupfte nach je ein paar Schritten seine Stirn ab, wiederholte es sich: „Ich mache mir Bewegung, dies ist gut!“ und dachte uneingestandenermaßen fortwährend Dinge wie: „Jener Mann dort vorn, — ach nein, Huber ist größer …“ oder: „Dieses Paar dort, endlich, — wieder nichts, — wo bleiben sie nur?“ so daß er bei seinem unablässigen Spähen in die von goldenem Staub erfüllte Ferne der Allee fast an Therese und Huber vorbeigelaufen wäre, die, auf dem schmalen Pfad jenseits der Baumreihe schreitend, nun stehenblieben, — das heißt, Therese blieb stehen und rief ihn an, während Huber, verstört um sich blickend, den Eindruck eines jählings erwachten Schlafwandlers machte. Therese, den langen Kaschmirschal, der sie umhüllte, ein wenig raffend, griff nach seinem Arm, sie schien keine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen zu wünschen, und, indem sie gemeinsam die ersten Schritte nach der Stadt zurück taten und er mit Beunruhigung das leise Beben ihres Armes empfand und Erregung aus ihrem Körper zu sich herübergeleitet fühlte, sagte sie mit einem leeren kleinen Gelächter und einem Seitenblick unter dem weit vorspringenden Rand ihres italienischen Strohhutes hervor zu Huber hin: „Da kommt mein Forster gerade zur rechten Zeit, um teilzuhaben an Ihren überraschenden Neuigkeiten, lieber Freund! Denn dies wurde doch nur zufällig mir allein anvertraut? Höre doch, Georgie …“

George, an ihr vorüberblickend, sah Huber mit einer unerklärlich verzweifelten Gebärde die Hand erheben, wollte Schweigen gebieten, unterließ es aber in dem eigenen Erschrecken über Theresens veränderte Stimme, über die ganze befremdende Art, mit der sie weniger sprach, als plapperte: „Er will sein Verlöbnis mit Dora lösen. Das arme Mädchen, wie soll sie es ertragen? Deformierte sind so empfindlich. Sie kann daran sterben. Ich denke mir, wenn so ein Brief ankommt, so ein grausamer Brief …“

„Aber ich verstehe nicht …“

„Oh mein Freund! Du verstehst es nicht? Dieser junge Mann meint, von einer Leidenschaft zu einer anderen Frau ergriffen zu sein. Er spricht sich nicht deutlich aus. Vielleicht hat er mehr Vertrauen zu dir …“

Therese, wieder von diesem nervösen Gelächter befallen, das einem Schluchzen glich, drängte George zu einer Bank, die am Wege stand. Sie ließ sich nieder, preßte die Hand auf ihre Brust und blickte, die Augen voll Tränen, zur Stadt hinüber. George, in ratloser Verlegenheit, wandte sich an den düster dastehenden Huber und sagte sanft: „Wenn es Sie denn entlasten sollte, sich auszusprechen, Freund, so vertrauen Sie sich uns an. Sie haben an diesem Ort, ja vielleicht auf der ganzen Welt nicht Herzen, die es aufrichtiger mit Ihnen meinen, als das meine und das meines guten Weibes.“

„Sie sehen sie übermäßig exaltiert. Ihr Zustand erfordert Schonung.“ Er ließ sich neben Therese nieder, nahm ihre Hand, die ihm willenlos überlassen wurde, und blickte vorwurfsvoll zu Huber auf, — ein lebendes Bild, o gewiß, hier war zu sehen ein einiges Ehepaar, — indessen, — wovor zitterte sein Herz? Und Huber, dessen Züge zum erstenmal nicht beherrscht waren von dem Ausdruck des Heiteren, Höflichen oder auch des Harmlos-Treuherzigen, oder des Liebenswürdig-Schwärmenden, des Selig-Traurigen, — Huber, die Nasenflügel gebläht, die Lippen und das Kinn vorgeschoben, unkenntlich, er, der Sanfte, in dieser Maske des Zürnenden, dem eine unverzeihliche Schmähung das Recht auf Zorn gab, er stieß hervor: „Lasse man mich doch wenigstens mein Herz allein aus dem Staube aufheben, in den es getreten wurde! — Freundschaft, — o vorzüglich! Aber auf dem schmalen Grat, über den mein Leben jetzt führt, kann ich keine anderen Begleiter mitnehmen, als jene, die in der Luft ihren Pfad suchen, also etwa die Geister der Entschlossenheit und der Entsagung zur Rechten und zur Linken!“ Mit einer brüsken Bewegung sich abwendend, tat er ein paar Schritte, kam zurück, beugte sich zu George nieder, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, und flüsterte rauh: „Bruder! Die Frau, um derentwillen ich mein gutes Mädchen aufgeben wollte, ist nicht nur eines anderen Weib, sondern auch eine infame Kokette!“ Er stürzte davon.

Therese weinte jetzt recht herzlich. George, von den neugierigen Gesichtern der Vorübergehenden gepeinigt, murmelte: „Laß uns gehen!“

Sie nahm das Tuch vom Gesicht, ließ mit überströmenden Augen einen Blick unnahbarer Würde über die Gaffer gleiten, erhob sich, raffte ihren Schal und griff nach seinem Arm.

„Du hast es gesehen,“ sagte sie, von Schluchzen unterbrochen, „du hast den Zustand seines Herzens gesehen. Weißt du nun, warum ich dich bat, ihn zu entfernen? Aber du wolltest ja nicht …“

„Ich wollte nicht? Um Gottes willen, soll ich die Schuld haben an diesem désastre? Und warum weinst du dermaßen, wenn ich fragen darf?“

„George! Ich kann nicht so schnell gehen!“

Er mäßigte seinen Schritt, senkte den Kopf und fühlte eine tödliche Ermattung. Nach einer Weile sagte er:

„Wir werden diesen Menschen nicht aufgeben. Kommt er wieder zu uns, — und ich denke, er wird wiederkommen, — so steht unser Haus ihm offen.“

Therese war stehengeblieben, sie sah mit halbgeöffnetem Munde zu ihm auf, sie drückte die gerungenen Hände gegen ihr Herz:

„Aber begreifst du denn nicht? Aber bist du denn blind?“

George sah zu den Türmen des Domes hin, die im letzten Licht brannten und funkelten. Eine starre Falte stand zwischen seinen Brauen:

„Ich werde nie aufhören, dir zu vertrauen, Therese.“

Müller, an den George im Laufe des Sommers einige ausführliche Schilderungen seiner Lage und seiner Geldschwierigkeiten gerichtet hatte, hatte zwar weder eine Gehaltserhöhung noch eine Zubilligung freien Holzes beim Kurfürsten durchzusetzen vermocht, jedoch war es ohne Zweifel sein Werk, daß der Geheime Hofrat Forster eine neue, geräumigere und schönere Dienstwohnung in den sogenannten Universitätshäusern an der Tiermarktstraße angewiesen bekam. Im Herbst also gab es die erbauliche Arbeit des Räumens und Wiedereinrichtens wie im vergangenen Jahr, erbaulich, weil sie einen Bruch mit überlebten Zuständen vortäuschte und den Beginn eines neuen Lebens. An dem bösesten Tage des Umsturzes, als kein Stuhl mehr zu finden war, um einen Augenblick auszuruhen, und die Blusenmänner geliebte Besitztümer ohne Unterschied mit Eimern und Besen zusammen verfrachteten und davonführten, — in diesem Zeitraum der wankenden Bodenständigkeit erschien plötzlich Huber wie ein lautloser Geist und fragte demütig an, ob er denn nicht den Tag über mit Röschen spazieren gehen dürfe. Empfangen von einem Hausherrn, der im Begriff stand, hinter einem Handwagen dreinzulaufen, der seine kostbarsten Sammelkästen entführte, — die Konchylien, man denke, eine Anhäufung unwägbarer Werte, die in Deutschland vermutlich kein zweites Mal zu finden war, es sei denn bei dem anderen Bereiser des australischen Meeres, Forster senior in Halle, — begrüßt von einer Hausfrau, deren Unbefangenheit unterstützt ward durch die Aufgabe, mit Hilfe der Demoiselle Dieze die jungen Hühner einzufangen und in einem Korb unterzubringen, gelang es ihm ganz ohne Widerstände, das Ziel seines Begehrens zu erreichen und mit einem verschämt strahlenden Röschen an der Hand das Chaos zu verlassen, wobei sein Gesichtsausdruck dem seiner Begleiterin nicht unähnlich war. Am Abend wurde ein guter Onkel Ferdi von der kleinen Hand nicht losgelassen, ehe er sich mit am Tisch in der neuen Küche niederließ und an dem Reisbrei teilnahm, der Herrschaft und Gesinde um einen riesigen Topf vereinigte. Therese war von einer nicht ganz natürlichen Munterkeit: „À la guerre, meine Freunde, tout comme à la guerre!“ rief sie und bedrohte jeden mit dem Schöpflöffel, der nach ihrer Meinung sich zierte, genug zu essen. Forster, das Röschen auf den Knien, plauderte vergnügt von der Weitläufigkeit der Wohnung, von anderen Tapeten, neuen Möbelstücken, die nötig waren, — „Freilich, — er hat es ja übrig!“ warf Therese ein und nickte Huber hastig zu, — und er verstummte erst, als der wiedergewonnene Freund zum erstenmal sein befangen-glückliches Schweigen brach und erklärte, auch er würde wohl bald umziehen müssen, aus diesen und jenen Gründen. George wurde nachdenklich. Nach Tisch nahm er den andern mit hinauf, ihm im letzten Tagesschein die Räume zu zeigen. Er mußte sich seiner freudigen Gespanntheit entladen, gesprächig, als hätte er Wein getrunken, entrollte er den Stoff, der sich seit dem letzten Zusammensein im Sommer angesammelt hatte. Da waren die Besuche von Humboldt und Campe, — und der letztere bot Anlaß zu einem Exkurs über die derzeitigen Erziehungskünstler Deutschlands, die allesamt übel wegkamen, mochten sie nun Campe, Salzmann oder Willaumez heißen, — da waren die jüngsten Schikanen des katholischen Universitätskuratoriums gegen den protestantischen Herrn Bibliothekar, der doch weiß Gott an Toleranz nichts zu wünschen übrig ließ, wie es sein Aufsatz in der Berliner Monatsschrift bewies, der die Proselytenmacherei entschuldigte, wenn nicht gar in Schutz nahm. Hatte Huber ihn gelesen? Und gehörte er etwa zu den Leuten, die den Standpunkt des Verfassers nicht billigten? O, das gab eine endlose Diskussion! Die Kerze war niedergebrannt und die Mitternacht sang vom Dom, von St. Peter und allen ihren Schwestertürmen, als Huber sich den Weg zwischen dem aufgestapelten Hausrat hindurch zur Straße suchte.

„Er ging wieder wie ein Schlafwandler,“ dachte George, „und ich redete wie ein Traumschwätzer, und hier wird Therese liegen, die Augen groß offen, und wacher sein als wir alle …“

Er öffnete leise die Tür der Schlafkammer und wie er gedacht, fiel der Schein seines Lichtes auf Theresens Gesicht, das ihm aus den Kissen mit reglosem Lächeln entgegenblickte.

„Er blieb ja so lange,“ sagte sie ohne sich zu rühren, als George neben ihr lag.

„Wir hatten höchst angenehme Konversation, — er ist ganz der alte, du kannst versichert sein. Iffland führt nun sein Stück auf, ich fahre mit ihm nach Mannheim.“ Da keine Antwort kam: „Du hast recht, — ich wollte in diesem Jahr nicht mehr reisen. Jedoch dieser Katzensprung, — und es ist Freundespflicht …“

Er drückte das Licht mit den Fingern aus, wühlte sich wohlig in die Kissen und stöhnte behaglich. Sei es Reise, sei’s Umzug, — Veränderung verjüngte sein Herz. Er hustete ein wenig.

„Ich habe ihm, — ich habe Huber die beiden Mansardenzimmer oben angeboten, von denen wir nicht wußten, wie sie verwenden …“

Dies tat ich, fühlte er unter dem rasenden Klopfen seines Herzens voll Verzweiflung, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Weil es besser ist, sich mit der Brust in ein Schicksal zu stürzen, als das Zustoßen des zaudernden Schwertes abzuwarten. Dies tat ich vielleicht, um die Götter durch Demut zu versöhnen …

„Er will es noch überlegen,“ fuhr er fort, die Hände auf die Brust gepreßt, als neben ihm kein Laut Antwort gab. „Ich denke aber, er könnte es gar nicht besser treffen. Er zahlt für Kost und Logis, er rechnet ganz zur Familie, es wird seinen Gewohnheiten gut tun und unsern Mittagstisch beleben … Nun, ich würde mich freuen.“

„Du hast ihm die beiden Mansardenzimmer angeboten! Mein Gott, — George! — mein Gott …“

„Was denn, — Therese?“

Lachte sie in der Dunkelheit?

„Laß nur gut sein, George, laß gut sein.“

Sie schwiegen. Sie rührten sich nicht mehr. Die Zeit verging. Nach einer bangen Stunde flüsterte er: „Therese!“ und noch einmal: „Therese!“ — Müde kam ein „Ja, George — was ist?“

„Ach, — wenn ich noch ein wenig Baldrian hätte …“

Sie machte Licht. Sie reichte ihm die Tropfen. Er sah ängstlich in ihr Gesicht und fand es müde, still und kühl. —

Der Professor Wedekind, sein Glas in der Rechten, die blauen Augen in dem angenehm geröteten viereckigen Gesicht schiefgeneigten Hauptes und schwimmenden Blickes empor zu dem neuen Kronleuchter erhoben, schloß seine Tischrede: „… und da denn wir Hannoveraner und anderen Ausländer, Protestanten und anderen Ketzer, Kosmopoliten und Freigeister hier unter uns sind — ich bitte denjenigen um Verzeihung, der sich nicht zu uns zählt …“ Die alte Frau Wedekind, Madame Mère genannt, wiegte mit vorgeschobenen Lippen den hochtoupierten Kopf, machte tadelnd kleine Schnalztöne und rollte die Augen nach seitwärts zu ihrem Nachbarn, dem Professor Dorsch hin, — allein Monsieur l’Abbé schien durchaus nicht anders als angenehm berührt, saß zierlich aufgestützt da, meckerte ein wenig und spielte mit Brotkügelchen, — „da wir denn heut zum erstenmal allhier versammelt sind, wo unser großer Freund und Welteneroberer nun hoffentlich die bleibende Statt gefunden, so bitte ich die geneigte Tafelrunde einzustimmen in meinen Ruf: diese Herberge der Musen, dieser Hort der Aufklärung, — das Haus Forster vivat hoch!“

Die Gläser klangen aneinander. Wedekind, der seiner Nachbarin Therese am oberen Ende der kleinen ovalen Tafel die Hand geküßt hatte, kam nun auf halbem Wege George entgegen und ward in heller Rührung umarmt.

„Freunde, ihr wißt, daß ich mit einer schweren Zunge geschlagen bin,“ redete George, über seinen Teller gebeugt und den Fuß seines Glases drehend, als die Bewegung begeisterter Zustimmung sich gelegt hatte, „ihr seht es mir deswegen auch nach, wenn ich nicht in geziemender Ansprache danke. Aber sagen muß ich es, daß ich, — ich und mein liebes Weib, — daß wir nun nach dem ersten Jahr in Mainz das Gefühl einer Heimat in uns keimen fühlen, und mich dünkt, das liegt weniger an der Gunst des Ortes als an den freundlichen Herzen, die wir uns hier bereitet fanden. Ein stilles Glas der Freundschaft!“

Er suchte Hubers Augen, während er trank, allein Huber, in ein kicherndes Geschwätz der Forkelin verflochten, blickte nicht herüber und George fand sich alsbald ein wenig beschämt von Sömmerrings treuem Hundeblick, in dem ein stiller Vorwurf zu stehen schien. „For ever!“ rief er halblaut über den Tisch, lächelte und nickte.

„Man sollte dem Herrn Geheimenrat eine schwere Zunge gar nicht glauben!“ lispelte die kleine Madame Dieze an seiner Linken und sah demütig zu ihm auf.

George, ihr zugewandt und versichernd, freilich sei es an dem und auf dem Katheder versagten ihm gar die Worte den Gehorsam, indessen, wenn er das eine oder andere Gläschen Liebfrauenmilch getrunken habe, wie soeben …

„Ei, so würd’ ich mir an des Herrn Geheimenrats Stelle des öfteren ein Gläschen Liebfrauenmilch verschreiben! Der selige Dieze nannte das medizinieren …“

George unter solchem Geplänkel der alten Dame dachte, daß die geblümte Tapete, daß die neuen punktierten Mullgardinen samt den zwei schmalen façettierten Pfeilerspiegeln und dem kleinen Kristallkronleuchter diesem Zimmer wahrlich einen Anstrich festlicher Vornehmheit verliehen, — dachte: „Therese sieht heut abend so bleich …“ dachte, die englische Mahagonistanduhr will immer noch nicht wieder schlagen, sie muß auf der Reise gelitten haben, sie muß einen andern Platz bekommen, — dachte in irgendeinem Zusammenhang: „Unsinn, Spener wird den Vorschuß schon abgesandt haben …“ und wieder: „Therese sieht heut abend so bleich …“

„Kann ich dir etwas besorgen, meine Liebe?“ rief er, sich halb erhebend, denn er bemerkte plötzlich, daß sie suchend umhersah. Aber da stand schon Huber neben ihr, empfing lächelnd einen geflüsterten Wunsch, glitt hinaus, kehrte wieder, verbeugte sich von seinem Platz aus ein wenig, bekam ein dankbares Lächeln, — die Marie erschien, brachte der Frau Rätin das Schnupftuch, das hastig benützt wurde, — oh, darum handelte es sich! — Huber bekam einen zweiten lächelnden Blick und er, George, nun auch ein Nicken, das Tüchlein verschwand im Brustausschnitt … George nahm ein paar Schlucke, dachte erschöpft: „Sömmerring trinkt zu viel, er ist schon ganz traurig geworden,“ und fühlte seinen Geist plötzlich belebt wie von einem Sporenstich durch einen Satz über Paris, den Dorsch da unten sprach. Paris, — o, freilich wohl, Paris!

„Geht es Ihnen auch so, Freund, daß Sie meinen, leichter atmen zu können, seit die Spannung dort oben sich entladen hat?“

Dorsch spähte mit seinem kleinen nackten Gesicht um den mächtigen Vorbau von Madame Mère herum.

„Ei, Verehrtester, tragen Sie ein so feines Instrument für den Luftdruck der Zeit in der Brust? Es ließ sich dies alles voraussehen, ja, mit der Uhr in der Hand vorausbestimmen. Mon dieu, nein, ich kann nicht behaupten, daß ich vorher litt und nun leichter atme.“

„Oh, Sie meinen, ich affektiere den Geisterseher und Mesmeristen, aber bei Gott, dies nicht! Ich war nie ein Politikus, mein Allerbester, ein jeder, der mich kennt, wird es Ihnen bezeugen …“ und George warf einen lächelnden Blick hinüber zu Sömmerring, der die Augen zur Decke hob und die Hand abwehrend bewegte, — „ich war also auch nie ein bewußter Beobachter der Machtströmungen und fürstlichen Machenschaften.“ —

„Aber was gibt es denn Interessanteres als mitzudichten an dem theatrum mundi?“

„Ah bah, mich langweilt das, so lange ich denken kann. Kein braverer Untertan als ich, so lange die Sache meines Fürsten die Sache der Menschheit und der Menschlichkeit ist! Hört sie auf das zu sein …“

„Dann nimmt unser Forster den Stab in die Hand und sagt: ubi bene, da Vaterland, ho ho!“ rief Wedekind kräftig, und von seinem Gelächter klirrten die Gläser auf dem Tisch. Therese bot erschrocken die Schale mit Obst noch einmal an und sagte in unterdrücktem Tone zu Sömmerring: „Wie kommen wir nur auf diese leidigen Themata? Der eine gerät ins Schwärmen, der andere verfällt auf Grobheiten.“

„Daß sie jetzt auch immer auf den Fürsten herumhacken müssen!“ schmollte die Demoiselle Dieze und gebrauchte den Fächer.

„Ich pflege mich nie politisch zu enragieren, sondern immer nur menschlich,“ fuhr George mit einem kalten Blick in die Richtung des selbstzufrieden schmunzelnden Wedekind fort, „habe da freilich mehr als mancher andere Anlaß gehabt, Despotismus und Ungerechtigkeit am eigenen Leibe zu erfahren.“

„Mein Gott, Sömmerring, so bringen Sie ihn doch auf etwas anderes! Gleich wird er bei England angelangt sein!“ murmelte Therese, und ihre Augen wanderten gleichzeitig hilfesuchend zu Huber hinüber.

„O, ein Europa ohne Fürsten, — welch eine Szene ohne Saft und Kraft, ohne Farbe und Musik!“ rief dieser bereitwillig.

„Nein doch, Huber! Sie sollen doch lieber von Stalaktiten oder Meteoren reden als von Fürsten!“ lachte Therese vorgebeugt halblaut, während George, die Stimme erhebend, ohne irgend welchen Einwurf zu beachten, fortdozierte:

„Der Einzelne, meine Freunde, der hervorragende Einzelne, der sich seiner symbolischen und stellvertretenden Bedeutung für die Menschheit bewußt ist und an vorgeschobenem Posten heftiger unter dem Druck der Knechtschaft leidet, als das arme dumpfe Volk, — nun dieser Einzelne, als der ich mich fühle, wie jeder unter uns im Namen der Menschheit sich fühlen sollte, — hat der nicht ein Recht, aufzuatmen, wenn irgendwo der Wille zur Freiheit seine Ketten sprengt und hervorbricht, um sich auszubreiten wie ein fressendes Feuer?“

„Aber was ist Freiheit?“

„Lieber Huber, Sie sind der Mann der skeptischen Seufzer! Was ist Schicksal? fragten Sie neulich …“

„Wir sollten,“ ließ sich Dorsch, nunmehr ganz verborgen hinter dem Bollwerk von Madame Mère, mit krähender Kathederstimme vernehmen, „wir sollten doch weniger über den Willen zur Freiheit als über die Freiheit des Willens disputieren!“

„Wenn Sie nur Ihren Kant anbringen können! Hier handelt es sich nicht um die Grundelemente der Vernunft …“

„Dann freilich …“

„Sondern um die Bedingungen, unter denen unsere Vernunft sich ihrer göttlichen Natur erst bewußt werden kann.“

„Ist sie göttlich, so ist sie unbedingt.“

„Mein Gott, Sie wollen mich nicht verstehen. Nehmen Sie einen Menschen von guten Anlagen, man hat ihn von Jugend aus unterdrückt, seine Kraft ausgenutzt, sein Blut gesogen, — was sag ich? — hat ihn mit Füßen getreten, ihm alle Bildungsmöglichkeiten unterbunden, ihn nur zu Fertigkeiten abgerichtet, die sich lohnten, um von der Hand in den Mund zu leben, hat Belohnungen unterschlagen, die ihm zukamen, — — o, meine Freunde, dies ist ein Gleichnis und ich spreche von dem französischen Volke, das gewiß nun bald dazu kommen wird, über die Freiheit des Willens nachzudenken, nachdem sein Wille zu dieser Freiheit sich einmal manifestiert hat.“

In das betretene Schweigen hinein, das auf diesen Ausbruch folgte, sagte Madame Mère angstvoll:

„Der Herr Geheimerat glaubt aber doch nicht, daß wir in unserm Deutschland ähnliche horreurs erleben könnten wie in Paris?“

„Ach, chère maman, dazu sind wir Deutschen doch viel zu geduldig und langweilig!“

„Silence, Dorothée!“

Frau Forkel ließ eine unehrerbietige Zunge sehen, kicherte und knackte weiter Nüsse auf, mit denen sie ihre Nachbaren Huber und Dorsch versorgte.

Therese, mit einem starren Gesichtsausdruck auf diese vergnügte Gruppe am Tischende ihr gegenüber blickend, sagte langsam, als machte das Sprechen ihr Mühe:

„Und wir Deutschen lassen Worte das Handeln ersetzen und die Schwärmerei ins Große löst den Willen zur Tat ab …“ Sie hob die Tafel auf. Im Nebenzimmer, dem Zimmer des grünen Kanapees und des Mahagonibureaus, stand die neue gläserne Servante, deren Inhalt bewundert werden mußte. George schloß auf und holte mit zärtlichen Händen die Figur der Chinesin aus der Berliner Porzellanmanufaktur heraus.

„Lassen Sie sehen, Freund!“ Dorsch, mit der Stielbrille vor den Augen, tänzelte angeregt näher. — „Ah, diese satten Farben, dieser sanfte Schmelz! Vortrefflich, exzellent! Eine kostspielige Liebhaberei! Aber sehr schön! Sehr artig! — ‚Sie haben Sauereien geschrieben, Heinse, — aber sehr schön, sehr artig!‘ hat unsere Eminenz neulich zu dem Verfasser des ‚Ardinghello‘ gesagt, — ha ha!“ Er blickte beifallsfreudig in die Runde. Huber machte ein hochmütiges Gesicht. Eine dünne kleine Stimme wurde plötzlich hörbar und übertönte klagend die Unterhaltung, die Professorin Dieze erhob lauschend den Zeigefinger und Madame Mère, neben ihr auf dem grünen Kanapee, nickte gerührt:

„O, — die jüngste Demoiselle!“

„Ich sehe, was es gibt!“

Huber hatte mit einem beruhigenden Lächeln über die Schulter zurück das Zimmer verlassen, noch ehe Therese sich hatte erheben können.

„Ein brauchbarer Page,“ bemerkte Frau Forkel irgendwo in die Luft hinein.

„Sie haben wohl einen recht angenehmen Hausgenossen an ihm?“

Madame Mère hatte Blick und Haltung eines Großinquisitors.

„Er liebt die Kinder so, — o, ich danke Ihnen, mein Lieber, — Lise ist in der Kammer, sagen Sie? Ja, ich danke Ihnen — und — wollten Sie nicht mit Fiekchen noch ein wenig musizieren?“ —

George, mit Wedekind, Sömmerring und Dorsch am Spieltisch sitzend, hob den Kopf, als Huber begann, auf dem Spinett zu präludieren. Fiekchen hielt den kleinen Göttinger Almanach in der Hand, das herausgetrennte Notenblatt stand vor Huber. Und Fiekchen sang:

„O Jüngling, warum liebst du mich?

Wie gern, wie willig liebt’ ich dich, —

Doch, ach, du kennst mein Los!

Ich fühl’, obschon du mir’s verhehlst,

Nur allzu oft, wie du dich quälst,

Und wein’ in meinen Schoß.

Ach, ziehe nicht vor meinem Blick

Den deinen so betrübt zurück

Und schone meiner Ruh’!

Oh, wäre dieses Herz noch mein,

Es sollte dein auf ewig sein

Und meine Hand dazu.“[1]

[1] „Das Mitleiden“ von W. G. Becker, Göttinger Musenalmanach 1788.

„Hm, — auch ein Seufzer nach Freiheit!“ meinte Wedekind und spielte aus.

„Zu dem die Demoiselle meines Wissens keinen Anlaß hat, — au contraire, sie scheint mir eher der Freiheit müde zu sein,“ bemerkte Dorsch mit einem pfiffigen Blick auf den mürrisch-teilnahmslosen Sömmerring.

George dachte zum drittenmal an diesem Abend: „Therese sieht so bleich“, und dachte: „das Wochenbett hat sie allzusehr angegriffen …“ Er brachte Verwirrung in das Spiel und verlor, weil er die Augen und seine Gedanken immer wieder zu der kleinen Gestalt hinüberwandern ließ, die da so hilflos in dem großen Lehnstuhl kauerte. — —

„Wann habe ich sie denn je genug geliebt?“ dachte George und ging leise durchs Haus, als läge irgendwo ein Schlafender, der nicht geweckt werden durfte. Seit dem Herbst, — ja, seit die kleine Claire auf der Welt war, versicherte er sich, — war Therese verändert, war in ihrem Wesen etwas Neues, das ihn ratlos machte und erschütterte, eine Geduld war da, eine Sanftmut, eine Bereitschaft für ihn, auf die zu hoffen er längst aufgegeben hatte, — oh, und er begriff nicht ganz, aber er war namenlos gerührt, die Tränen kamen ihm zuweilen, wenn er ihr stilles Wirken vernahm und die kleinen Lieder hörte, die sie vor sich hinsummte. Andere singen aus Fröhlichkeit, wußte er, Therese singt wohl aus einer unendlichen Wehmut des Herzens, und weil sie nicht weinen will, — aber er dachte nicht weiter, höchstens kam ihm die Erinnerung an die endlosen Lieder der Wolgaschiffer. Er war sehr krank in diesem Winter, das alte skorbutische Übel war wieder da und durchwühlte seinen Körper, ausbrechend in strömenden Katarrhen, schmerzhaften Anschwellungen aller Gelenke und Migränen, die ihn nahezu erblinden ließen in rasender Pein. Aber war es nicht gut, sich pflegen zu lassen? Anerkennung zu ernten dafür, daß man trotz aller Bresthaftigkeit am Schreibtisch saß, dafür, daß man der Geplagte, der Unermüdliche, der Tapfere war? Sie waren wohl alle drei ein wenig krank, auch Huber, der so lautlos kam und ging und so blaß war und still wie der Mond, gar nicht mehr genialisch hereinstürmte und trüb und wild in den Ecken lehnte wie einst. Es war fast unmöglich zu denken, daß er einmal bei den Mahlzeiten nicht dabeigewesen war, fand George, denn es gab nun doch eine Art des Ideenaustausches, der mit einer Frau nicht zu unterhalten war, so anmutig und unentbehrlich Theresens Einfälle auch waren. Es gab einen aufmerksamen Hörer am Tisch, einen, dessen stumme, unbedingte Bewunderung einstmaliger und gegenwärtiger Leistungen zu einem Bestandteil der häuslichen Atmosphäre wurde, ohne die nicht mehr recht zu leben war. Man hatte einen Berichterstatter vom Hof im Hause, der nun wahrlich das theatrum mundi aus erster Hand genoß und mit der Wiedergabe seiner Eindrücke nicht sparsam war; man konnte also den großen Herren ein wenig in die Karten sehen, und das war außerordentlich lehrreich. Im übrigen tauschte man seine schöngeistigen Korrespondenzen aus, und die Briefe Jakobis und Lichtenbergs, Körners und Schillers boten Anlaß zu den erbaulichsten Gesprächen. Der Ablauf des Tages war unerschöpflich an Dingen, der Erörterung wert; es war nicht nötig, von sich selbst zu sprechen. Bisweilen geschah es wohl, daß Huber schon am Teetisch anwesend war, wenn George, vor Müdigkeit taumelnd, aus seinem Kabinett herüberkam. Doch da waren die Herren Thümmel und Hermes, sonderlich aber der Herr Lafontaine mit seinen allerliebsten Erzählungen von der „Gewalt der Liebe“, oder die unschätzbare Madame Naubert mit ihren lehrreichen und poesievollen Romanen, zum Exempel dem „Alf von Dulman“. Dies waren die Herrschaften, die George immer antraf, wenn er das Zimmer des grünen Kanapees betrat und Huber dort schon am Teetisch bei Therese fand, und hörte er nicht schon vom Saal her, — das Zimmer des immer noch neuen und heimlich sehr geliebten Kronleuchters führte den Namen eines Saals, — die monotone Stimme des Vorlesers, so vernahm er die Töne des Spinetts, an dem Huber saß und leise spielte. Ja, dieses war gewiß: man hatte sich untereinander wohl vieles zu erzählen, man hatte sich aber wenig zu sagen. Ein langes Schweigen löste sich zuweilen in ein Lächeln auf, es lächelte Therese, die vielleicht lange ins Licht gesehen hatte, und beugte sich wieder über ihre Arbeit, es lächelte Huber und sah aus wie ein ertappter Knabe, es lächelte dann auch George vor sich hin. Dies alles war sehr gut, fand er. Denn was konnten Menschen einander Besseres erweisen, als sich so zu schonen, wie sie es gegenseitig taten, miteinander den Weg zu gehen, den weiten, weiten Weg, und über die Beschwerden des Tages hinweg nach dem verborgenen Ziel zu spähen? —

So war der April gekommen, und sichtbar über den Horizont stieg die Verwirklichung eines Projektes, das seit Monaten in Briefen und Unterhaltungen hin und her gewendet, nach allen Seiten erwogen und vorbereitet worden war, des Planes einer Reise in die Niederlande, nach England und nach Frankreich, auf der George als Mentor den jüngeren Bruder Wilhelm von Humboldts, Alexander, begleiten sollte. Es war unmöglich, die Vorzüge einer solchen Reisemöglichkeit für ihn zu übersehen, indessen ward George nicht müde, sie immer von neuem aufzuzählen, als müßte er sich verteidigen, daß er an solche Unternehmungen dachte, allein und ohne die Absicht, Therese mitzunehmen. Jedoch, die Kinder, — nicht wahr? Und die in diesen Zeiten nicht wieder einzubringenden Kosten, die den Luxus einer bloßen Vergnügungsreise verboten. Er hingegen, er flog eben aus, wie die Biene, die Honig sucht, Beobachtungen, die Stoffe zu ganzen Büchern enthielten, würde er einsammeln, an Ort und Stelle Eindrücke der großen französischen Umwälzung einheimsen, in den Londoner naturhistorischen Kabinetten die notwendigsten Studien zu dem großen Werk über Pithekologie machen, das er mit Sömmerring dann alsbald in Angriff nehmen würde, einem epochemachenden Werk über die Verwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt …

„Und das Descriptio Plantarum? Und die Geschichte der Südseeinseln?“ hatte Therese bei der Erwähnung dieses Reisezweckes einmal ganz beiläufig gefragt.

Dafür würde er Verleger und Unterstützung in London eher finden als in Deutschland, und nur der Aussicht auf eine erfolgreiche Drucklegung bedürfe es noch, um dieses Buch zur Kristallisierung zu bringen, da denn sein Material längst fertig daläge! Ob sie etwa geglaubt hätte, er ließe dies Lieblingskind seines Geistes einfach fallen? O, sie hatte gar nichts geglaubt, — sie hatte nur so gefragt. „Und warum dieser Seufzer?“ Aber sie hätte wirklich nicht geseufzt, ihres Wissens nicht, — sie hätte nur an den alten Herrn, an seinen Vater denken müssen. Und George, weit entfernt davon, den Gedankengängen nachzuspüren, die von seinen Projekten zu dem König Minos geführt hatten, sagte eifrig: „Du hast recht, — auch um seinetwillen ist es von Wichtigkeit, daß der Name Forster in London wieder genannt wird und an die Gewissen schlägt!“

„Ja, hoffst du denn immer noch?“

„Mein Kind, der, der sich seines Rechtes bewußt ist, hofft nicht, er weiß!“ — — —

Am Nachmittag des ersten Mai kam der kurfürstliche Leibarzt Geheimer Rat Hofmann dem in Begleitung des Legationssekretärs Huber gemächlich die Tiermarktstraße in der Richtung der Großen Bleiche hinaufschlendernden Hofrat Forster entgegen, grüßte und sagte mit dem Pathos des ironischen Plebejers: „Ich bin gewürdigt worden des Anblicks von Ihrer Eminenz, der Baronin von Coudenhoven. Sie saßen mit Erlaucht der Gräfin Ingelheim in einem karmoisinroten Staatswagen, wurden von vier fetten Apfelschimmeln gezogen und geruhten nicht, den Staub zu ihren Füßen zu bemerken, welch selbiger doch eine gewisse Vertrautheit mit jedem Hühnerauge dieser Füße nicht verleugnen kann. Ich bin gewürdigt worden des Anblicks so vieler Schönborns, Bassenheims, Eltzens, Greiffenklaus, Wolffs, Dünewalds, daß meine geblendeten Augen schmerzen und ich nun wahrlich überzeugt bin: der Frühling ist da — denn ein hoher Adel fährt wieder spazieren!“

„Die erste Piroutchade!“ rief Huber mit hochgezogenen Augenbrauen vergnügt und spähte nach der Großen Bleiche hin, wo an der Mündung der Tiermarktstraße vorüber ein ungemein buntes Gedränge von Menschen und Wagen sich schob. Pünktlich mit dem ersten Mai nahm die Hofgesellschaft den angenehmen Zeitvertreib der Korsofahrten wieder auf, und eine schillernde Schlange von Karossen, Piroutchen und englischen Kutschen wand sich die schönste und breiteste Straße der Stadt hinauf und hinunter, während die promenierende Bürgerlichkeit den Vorteil dieser großen Modeschau und der Musik der beiden Kapellen genoß, von denen die eine im Schloßgarten, die andere auf dem Münsterplatz unverdrossen blies und fiedelte. „Die erste Piroutchade!“ sagte Forster mürrisch, „also ist die Große Bleiche nicht passierbar!“ Er machte auf dem Absatz kehrt.

„Ich meine doch, wir sollten versuchen, hindurchzukommen!“ Huber blickte zögernd zurück. „Wir vermeiden den Umweg und — es ist ein so heiteres Bild …“

„Ersparen Sie es mir! Nehmen Sie an, das Gedränge sei meinem schmerzenden Kopf zu viel.“

„Nehmen Sie an,“ fuhr er fort, nachdem er den Stock heftig aufsetzend ein paar Schritte getan hatte, „ich ertrüge diesen Anblick des Müßiggangs im großen jetzt nicht. Vulgus stultum freilich betrachtet so ein Schauspiel als sein gutes Recht, — er ernährt den Adel und will das prächtige Tier, das er sich hält, nun auch einmal in Freiheit dressiert vorgeführt haben.“

„Ihre Hypochondrie, Verehrter, läßt Sie die Sache sehr schwarz sehen oder schwerer nehmen, als sie es verdient. Reisen Sie! und reisen Sie bald! Das ist mein Rezept für Ihre Grillen.“

Hofmann, den Bambus zwischen den auf dem Rücken gefalteten Händen, schritt breit, aufrecht und schmunzelnd neben dem Gebückten. Sie überquerten den Tiermarkt und schlugen die Richtung zum Dom ein. „Ich kann gleich ein paar notwendige Kommissionen machen,“ sagte George tonlos zu Huber, und wischte sich die Stirn ab, „wenn man doch einmal unterwegs ist …“

„Unsere braven Kurmainzer zumal,“ dröhnte Hofmann weiter, „fassen die Sache nicht anders als im wackeren Untertanenverstand auf und finden es natürlich, daß der Fürst wie ein Fürst lebt und der Bürger als Bürger.“

„Sie haben da eine recht moderierte Anschauung. Sollten Sie bei Ihrer exponierten Stellung noch nie unter dem Undank der Großen gelitten haben? Was sagten Sie soeben von — Ihrer Eminenz, wie Sie so witzig bemerkten? Und Seine Eminenz — il a le besoin d’être ingrat, hörte ich raunen. Denken Sie an Müller …“

Müller war nach einigen Auftritten mit dem Kurfürsten, die der Öffentlichkeit nicht entgangen waren, drauf und dran gewesen, aus dem Kabinett auszutreten und nur mit Mühe bewogen worden, zu bleiben, — wie es verlautete, durch den Einfluß seiner schönen Gönnerin von Coudenhoven.

Hofmann, stirnrunzelnd, erwiderte nachlässig die Grüße einer Studentengruppe, um gleich darauf den Hut sehr tief und devot vor einem Offizier in goldüberladener Uniform zu ziehen, der mit einer kurzen Gebärde abwinkte.

„Der Baron Erthal hat, seit er den Kurhut errungen, der Welt nicht nur zwei Gesichter gezeigt, wie der hochselige Janus, sondern mindestens deren sechs. Als er antrat, nannte das Volk ihn nicht unbegründet ‚das fromme Herrchen‘, sobald er aber fest im Sattel saß, fing er an, die Masken nach Bedarf zu wechseln, und heut ist er imstande, Ihnen etwas daherzufreigeistern, daß einem Maul und Nase offenstehen bleiben. Der alte Emmerenz Joseph, das war ein anderer Kerl …“

Der Geheime Rat Hofmann tat bei diesen Worten einen unerwarteten Schritt zur Seite und war auf einmal nicht mehr vorhanden. Forster, verwirrt um sich blickend, gewahrte einen knienden Mann, einen gebeugten breiten Rücken, darauf der schwarz umwickelte Zopf lag, ein unbedecktes Haupt: hinter vorangetragenem Kruzifix, von weihrauchfaßschwenkenden Chorknaben umgeben, war ein Priester mit dem Allerheiligsten aus einer Seitengasse gebogen. Die Fußgänger wichen zur Seite, Damen, Bauern neben ihren Gemüsekarren, Kinder, Soldaten, Bürgersfrauen sanken am Straßenrand hin wie niedergemäht.

„Schabbesdeckel runner! Verfluchter Jud!“ rief ein Schusterjunge hinter Huber und Forster drein.

„Ich muß zum Buchbinder Chulmann, auch zum Sattler Hebensperger,“ sagte George leise und nervös, „was meinen Sie, Therese wird ungeduldig werden im Gärtchen? Wollen Sie vorangehen? Ach nein, verlassen Sie mich nicht, allein bin ich den leibärztlichen Opinions nicht gewachsen.“

Er nahm Hubers Arm, fast als wollte er sich stützen.

„Und da kommt sein Namensvetter …“

Sie tauschten eine zeremonielle Begrüßung mit dem Professor der Geschichte Hofmann, der, im langen blauen Schoßrock und hohen Schaftstiefeln, kurz, breit und stämmig, von einigen Schülern umgeben, aus der Richtung der Universität her ihnen entgegenkam.

„Erthal, wollte ich nur sagen, ist von einem Kaliber mit dem starken Mann von Lüttich, für den unsere braven Burschen sich nun bald die Köpfe blutig schlagen lassen dürfen,“ sagte der Leibarzt ein wenig schnaufend, sie wieder einholend und auf einen Trupp Soldaten in feldmarschmäßiger blauer Montur deutend, die, von einer Übung auf den Schanzen kommend, die Beine ungeheuer mutig gen Himmel warfen.

„Haben Sie einmal preußisches Militär gesehen, — Infanterie des alten Fritz? Ich kenne nun doch die Soldateska aus mancher Herren Länder, aber das Bild, wenn die Wache unter den Linden in Berlin aufzieht, wird nirgends annähernd erreicht. Fleischgewordene Kantsche Philosophie …“

„Und doch schickt Preußen die Pfaffensoldaten gegen Lüttich vor!“

„Hach, mein Lieber, das ist Politik! Zudem — es ist nicht mehr das alte Preußen! Denken Sie daran, wie die Liga Wöllner und Bischofswerder den Berliner Hof unterwühlt und reden Sie nur wieder vom Zauber der Kirche, der erhalten bleiben müßte, wie neulich!“

„Sie haben mich wieder einmal so gründlich mißverstanden!“ Huber geriet in sanfte Erregung.

„Sie meinen, das wären keine Pfaffen? Oh, mein Freund! Ihnen fehlen da Einblicke! Das sind die Pfaffen in der Potenz!“

Mitten auf dem Fruchtmarkt blieb Huber stehen und rief mit einer beschwörenden Bewegung: „Hören Sie mich an! Lassen Sie es mich noch einmal auseinandersetzen!“

„Die Herren müssen gestatten, daß ich mich verabschiede! Ich habe Dienst.“ Hofmann schwenkte den Hut und steuerte mit großzügiger Eindeutigkeit auf ein kleines Kaffeehaus im Schatten des Domes zu. Huber redete leidenschaftlich: „Ich sprach davon, daß wir in Tagen des gestörten Gleichgewichtes leben, des gestörten Gleichgewichtes zwischen Macht und Masse. Zwischen diesen beiden Schalen der Wage hat der Geist den Ausschlag zu geben, und wir, wir freien Männer vom Geist sind es, die ebensowohl die Rechte des Volkes gegen die Machthabenden, als jene Macht der Regierenden und der Kirche gegen die unverständigen Anläufe des Pöbels in Schutz nehmen müßten …“

„Jawohl, — und Sie sprachen vom Zauber der Kirche. Fabelei, mein Lieber!“

„Lassen wir diesen Punkt. Immer, wo Macht und Masse einander glücklich und gleichmäßig durchdrangen, hat der Geist vermittelt. Es gab solche Zeiten. Ihr Niederschlag liegt in den Werken der Künste vor uns und zeugt von dem gesunden Verhältnis der Volksschichten untereinander. Ich wüßte nicht, wo das besser zu observieren wäre, als in einer Stadt wie Mainz!“

Er ließ seinen schwärmerischen Blick von dem zierlichen Tempelbau der Domprobstei zärtlich hinüberschweifen zum Dom, der rötlich angestrahlt von der sinkenden Sonne war. Sie gingen weiter. Forster, nachdem er für eine Minute die Universitätsbuchhandlung am Speisemarkt betreten hatte, fand beim Herauskommen den Freund gleichsam mit neugeschwellter Brust und bebend wie ein ungeduldiges Roß vor, seufzte ein wenig und ergab sich in die Rolle des Zuhörers. Vorüber an den Gemüse- und Blumenständen des Marktes gingen sie durch die Schuster- und Quintinsgasse zum Brand, unter den grauen und rötlichen Häusern mit den geschweiften Giebeln hin. Über den geschnitzten, messingbeschlagenen Haustüren flammten durchbohrte Herzen, glühten in Nischen hinter schmiedeeiserner Vergitterung rubinrot die Geheimnisse der ewigen Lämpchen. Goldene Heilige von aufgeregter Inbrunst rangen an den Eckhäusern in der Höhe des ersten Stockwerks Beterhände unter kleinen Schutzdächern, — da war am Brand die Maria, überschattet von der Taube des Heiligen Geistes, hingebend wie eine Leda, und doch anders, schmerzlicher, — Gottvater von oben sah so ruhevoll zu. George dachte fremd: „Dies alles ließe sich beschreiben etwa wie die Szenerie einer Südseeinsel“ und — „Wie, wenn ich nun Bilder aus den Niederlanden, aus England und Frankreich so schriebe, als stellte ich in Europa unerhörte Dinge dar, nie erblickte Wunder, — wir haben das Sehen verlernt, das ist wahr!“ und hörte währenddem Huber begeistert reden:

„Auf diesem Boden haben alle Volksschichten die Denkmäler ihres schönen und gesunden Einvernehmens hinterlassen, — in Kürze gesagt: hier hat das Volk als Begriff einer höchsten Einheit sich wundervoll und allseitig manifestiert. Fürsten und Geistlichkeit, — oder drücken wir es so aus: fürstliche Geistlichkeit, es mag seine Vorzüge haben, wenn diese beiden zusammenfallen, — Adel und Bürgertum haben in ihren Palästen und Wohnhäusern, in Kirchen und Zunfthallen, in den schönen Toren und Brunnen, in der geistvollen Anlage der Festungswerke die auf lange Zeit hinausredenden Zeugnisse für ein heiteres In- und Miteinanderwirken niedergelegt. Dies alles ist freilich Vergangenheit …“

„Sie meinen also ungefähr, es sei ein chemischer Prozeß im Gange, der die Elemente von Macht, Masse und Geist voneinander schiede und sie isolierte …“

„So daß der heutige Zustand das vergebliche Bemühen der drei Faktoren bezeichnet, sich neu zu durchdringen, — und die Irrwege des Geistes, der fortwährend Verbindungen eingeht, die das Gleichgewicht, anstatt es wieder herzustellen, nur noch mehr stören. So meine ich es!“

„Sehr gut! Sehr gut, in der Tat! Denken wir uns diese Bemühungen des Geistes in den Anstrengungen des edlen Mirabeau verkörpert, so ist Ihre Theorie glücklich illustriert. — Aber hier sind wir bei Hebensperger. — Nun, Meister, was ist mit meinem Mantelsack, ich brauche ihn in wenigen Tagen!“

„Gehorsamer Diener den Herren, ganz gehorsamer Diener!“

Im grünen Schurzfell, umwittert von herbem Ledergeruch und den Gerüchen nach Lack und Wagenschmiere, kam der Eifrige die Stufen von der Haustür herunter.

„Da steht man nun und sieht nach dem Himmel und freut sich über das Wetterle, Gnaden, Herr Hofrat, der Petrus ist halt ein guter Mann und weiß, daß der neue Staatswagen vom Hebensperger in der Piroutchade mitfahren tut. Mit Ihro Gnaden der Frau Gräfin von Ingelheim, Herr Hofrat! Auf englischen Federn, Herr Hofrat! Karmoisinlack und vergoldetes Gestell, goldfarbener Samt auf den Polstern — und karmoisin Blümchen, — man tut vor lauter Vergnüge lache, wenn man den Wagen sehen tut! Aber halten zu Gnaden, Herr Hofrat, wenn ich der Herr Hofrat wäre, mit dem Mantelsack tät ich doch keine Reise mehr tun! Da hätt’ ich Auswahl auf Lager, — englisches Leder, Herr Hofrat! Wenn der Herr Hofrat sich einmal hereinbemühen täten …“

George sagte errötend und schnell: „Gleichviel, wie das Ding aussieht, Meister! Ich kann nicht ohne es reisen. Flick Er den Schaden aus und schick Er mir auch den Koffer in zwei Tagen!“

„Wenn der Herr Hofrat befehlen … Aber da hat der Lehrbub im Futter etwas gefunden, vielleicht ein Souvenir, — sieht freilich aus wie eine geweihte Münze …“ Er lief ins Haus und kam mit einem kleinen Gegenstand zurück, den er in Georges Hand gleiten ließ, — ein rundes Metallplättchen mit verwischtem Gepräge. Huber beugte sich interessiert darüber.

„St. Patrick, ora pro nobis!“ las er, — „wie kommen Sie zu Irlands Heiligen? Ein zeitgemäßer Schutzpatron, allerdings, denn: die Freiheitsliebe der Irländer wird immer lauter, — wo stand das doch neulich gleich?“

George, in tiefes Sinnen versunken, reichte Larrys Souvenir an Toghiri dem Meister zurück: „Lasse Er es wieder einnähen, Meister,“ sagte er langsam, — „es gehört wohl dazu …“

Der Wackere blickte ihm kopfschüttelnd nach:

„Irgendwo spinnen tun die Ketzer doch alle …“

„Aber nun wollen wir eilen!“ George straffte seine Gestalt und schlug eine schnellere Gangart an. Die späte Nachmittagsstunde äußerte ihre Wirkung in seinem Befinden, ohne daß er sich klar darüber wurde, er pflegte erst gegen Abend völlig zu erwachen. Vom Rhein her kam ihnen der Wind angenehm fächelnd entgegen, George konnte es auf einmal nicht erwarten, Wasser zu sehen. Sie durchschritten das Tor beim eisernen Turm und George nahm den Hut ab, als grüßte er die stille Majestät des Stromes, die wimpelfrohe Fahrt der Schaluppen, Lastkähne und Segelschiffe, die ernste Lieblichkeit der Auen und drüben das sehnsüchtige Blauen der Taunusberge. An die Brüstung der Raimondi-Schanze gelehnt sprach er zaudernd, als suche er die Worte in seinem Gedächtnis zusammen: „So sollte man wohnen, — so, — einen Strom vor den Fenstern, den Tanz der Möwen, das Schwanken der Rahen vor Augen, — es wäre ein Surrogat der Meeresferne, der Reise …“

„Und Träume eine Ablösung des Handelns, würde Therese sagen, — nicht ich, mein Teurer!“ ergänzte Huber, verlegen lachend.

„Sie ist von ungeheurer Spannkraft, von rätselhafter Energie, Huber, nicht wahr? Es ist nicht immer leicht, ihr zu genügen, aber geben Sie acht! Lassen Sie mich nur erst zurück sein!“ Er schob den Arm wieder in den des Freundes, sie gingen dem Gartenfeld zu, wo Therese mit den Kindern sie in dem kleinen Mietgärtchen erwartete. George pfiff den Ruf der Schiffer auf dem Strom nach, inbrünstig und falsch. Reiseunruhe zuckte ihm im ganzen Körper.

Als sie in den Heckenweg einbogen, räusperte Huber sich. „Sie wünschen also nicht, lieber Forster, daß ich mir für die Monate Ihrer Abwesenheit ein anderes Logis suche? Oh, mein Gott, Sie sehen mich erstaunt an, — es könnte doch sein, nicht wahr, es wäre doch möglich, daß Ihre Güte es nicht selbst fordern wollte, und dennoch, der Wunsch Ihres Herzens wäre mir Befehl …“

Er verwirrte sich unter dem stillen Blick des anderen.

„Mein Freund, — ich verstehe Sie nicht,“ sagte Forster langsam.

Das Röschen sprang ihnen jubelnd entgegen, die Magd kniete auf einem Beet und schnitt Spinat, Therese saß in der frisch umgrünten Bohnenlaube, die kleine Claire an der Brust, und lächelte ihnen zu. Ach, dieser Abend lag im wehmütigen Lichte des Abschieds. Dies enge Gärtchen, sonst von ihm gering geschätzt und vernachlässigt, wie war es traut und heimatlich, eben weil es eng war! Wie blühten die Apfelbäume und wie blaute der klare Himmel so rosig-weiß umgittert durch ihr Gezweig! Wie hatten Kirschen und Stachelbeeren so lobenswert angesetzt, und wie die Erbsen keimten, wie die Salatstauden standen, — es war doch ein Staat! Der Vater würde nun mit dem Schiff wegfahren, das große Wasser entlang, und in ferne, fremde Länder, erzählte George dem aufhorchenden Kinde, die warme kleine Hand in seiner und auf den schmalen Pfaden zwischen den Rabatten spazierend. Bis er wiederkäme, würden die Kirschen rot sein und vielleicht auch schon aufgegessen. — „Ich hebe Ihnen welche auf, Papa, die allergrößten!“ beruhigte das Röschen, — das kleine Clairchen würde ein viel dickeres Clairchen geworden sein und Röschen würde den Papa am Ende ganz vergessen haben und nicht wiedererkennen. Das Kind sah ernsthaft zu ihm auf: „Wird denn so schnell alles anders, Papa?“

„Zuweilen doch, Röschen, zuweilen …“ Er wandte an der Gartenpforte um, die Gedanken um all die Möglichkeiten plötzlicher Veränderungen kreisend, die bevorstehen könnten, wenn es ihm denn gelingen sollte, Gelegenheiten wahrzunehmen. Der Garten war eng, der Garten war traut, — aber die Welt so weit und das Große noch nicht getan. Und da blickte er zu Therese hinüber in die Laube und sah sie dort sitzen, das Kind in den Armen und sah Huber an ihrer Seite und wußte nicht, was er sah und was ihn so erschreckte. „Sie sehen so — geborgen aus“, dachte er ratlos und kam zögernd näher, als Therese rief: „Kommst du denn gar nicht zu uns, Lieber?“ —

Übrigens war es nicht seine Art, einen solchen Augenblick ahnungsvoller Erkenntnis grübelnd im Gedächtnis zu tragen. Er vergaß ihn in der nächsten Stunde, und um so schneller und gründlicher, als die Reisevorbereitungen umfangreich waren und ihn ganz in Anspruch nahmen. Sein erstes Reiseziel war Aachen, dort bei Jakobi würde er den jungen Humboldt treffen. Und nun völlig von seiner nächsten Umgebung abgelenkt im Gedanken an den liebenswürdigen Schüler, der ihn erwartete, schon empfindend, wie der leere Raum im Wissen und in der Erfahrung des andern die eigene Fülle, den eigenen Überfluß unwiderstehlich ansog, bereits in der nächsten bunten wechselnden Zukunft lebend, nahm er es kaum wahr, daß Therese, stiller noch und sanfter, als sie es in den letzten Monaten gewesen war, unter dem Abschied unverhältnismäßig litt. Ihr Weinen am letzten Abend erschütterte ihn. Er saß am Schreibtisch, um noch einige amtliche Briefe zu erledigen, und fühlte auf einmal, daß sie, die sich bisher im Hintergrunde des Zimmers mit dem Koffer beschäftigt hatte, neben ihm kniete. Weiter schreibend tastete er mit der Linken nach ihr, legte die Hand auf ihren warmen Nacken, spürte das Beben ihres Körpers und legte erschrocken die Feder hin.

„Was ist dir, Kind?“

Er versuchte ihren Kopf aufzurichten, sie aber preßte die Stirn nur noch fester gegen ihn, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ unter fortwährendem Weinen minutenlang keine Worte hören, als „Georgie! — Ach, Georgie! — Bleibe doch bei mir, Georgie!“ so daß er schließlich ganz ratlos stammelte, es sei doch nun alles vorbereitet und beschlossen, und er käme doch auch wieder, und sie sei doch hier auch gar nicht so allein. Ehe er aber dazu kam, die Freunde aufzuzählen, die ihr in seiner Abwesenheit zur Seite stehen könnten, sagte sie stockend: „Lieber, lieber Georgie! Laß mich doch nach Gotha fahren mit den Kindern, zu den guten Reichardts! Ich weiß ja, nach Göttingen ist es zu weit, und der Vater fand es selber zu teuer, — aber Gotha, weißt du, Gotha, das ginge doch und Amalie würde sich so freuen …“

Da er schwieg, hob sie endlich den Kopf und blickte scheu zu ihm auf. Er sah gequält vor sich nieder. „Das hätte doch alles langer Hand vorbereitet werden müssen, Therese. Nun kommst du so in elfter Stunde … Die weite Reise mit dem kleinen Kind … Und hier der Haushalt mit den Dienstboten … Nein, ich verstehe es nun doch nicht ganz.“

„Nicht, Georgie?“

„Du sollst dich ja auch hier nicht langweilen. Fahr mit Lise und den Kindern nach Eltville und auf die Auen, so oft ihr wollt, geh einmal in die Komödie, du vernachlässigst das Theater ja ganz. Lade dir öfters Leute ein! Ach, und gute teure Freundin, — ich werde dir ja so viele Briefe schreiben! Nun?“

Er versuchte, sie lächeln zu machen. Tränen in den Wimpern und auf den Wangen blickte sie ihn tief, ernst, zweifelnd an. Dann erhob sie sich seufzend, indem sie sich auf sein Knie stützte, legte den Arm um seinen Nacken und blieb neben ihm stehen.

„Ich soll also hier bleiben, Georgie, — du willst es, — ich soll?“

Er schwieg. Er malte langsam an einer Adresse. Dann sagte er: „Ich weiß dich hier im besten Schutz der Welt.“

„Etwa in Hubers?“ fragte sie schnell.

„In deinem eigenen, Therese, in dem unserer Kinder“, sagte er leise.

Sie sah ihn mit bebenden Lippen an und hob die Hände mit einer hilflosen beschwörenden Gebärde. Aber sie blieb stumm. —

Er flog also wie beabsichtigt einer Biene gleich durch Brabant und die Niederlande, das heißt, er war der Reisende mit den offenen Augen, dem empfänglichen Herzen, das Notizbuch in der Linken, den Stift in der Rechten. Zuweilen glaubte er wahrzunehmen, daß die Empfänglichkeit des Herzens vollkommen abgelöst sei durch die Routine des Kopfes, Eindrücke abzufangen, einzuordnen und zu verarbeiten. Zuweilen glaubte er zu erkennen, daß nicht eigener, sondern der Enthusiasmus des jungen Humboldt ihn beflügelte und ihm kurze Stunden des Rausches verschaffte. Indessen hütete er sich wohl, der Sache auf den Grund zu gehen. In London, wo man beinahe fünf Wochen verweilte, fühlte er sich auf Schritt und Tritt begleitet von dem Schatten des Verfassers eines gewissen Schriftchens, das den Titel eines Tableau d’Angleterre trug, in den letzten Jahren auf dem Kontinent ziemlich viel gelesen worden war und den Anspruch erhob, ein getreues Portrait der königlichen Insel zu sein. Es war nicht eben von Zuneigung, nicht einmal von Anerkennung, kaum von Gerechtigkeitsliebe getragen, das Schriftchen, es war geradeheraus gesagt, eine hämische Karikatur, und es war durchgesickert, sein Verfasser sei ein Herr Forster, ein Deutscher mutmaßlich, und wahrscheinlich einer von den Forsters, die mit auf der „Resolution“ in der Südsee gewesen waren. Es half einem gar nichts, daß man das böse Schriftchen laut für ein obskures Machwerk, ein elendes Pasquill erklärte. In diesem Schatten also, den der König Minos von Halle aus zu werfen verstanden hatte, war die Atmosphäre in London trotz der Junisonne frostig und kalt. Es war nicht ratsam, bei dieser Witterung den Samen zärtlich gehegter Hoffnungen und Ansprüche neu auszusäen. England schien Forster sen. und Forster jun. gegenüber ein besseres Gewissen zu haben als je, ja, es schien sich ungerechtfertigterweise in dem Bewußtsein zu wiegen, Nattern an seinem Busen genährt zu haben. So glaubte George durchzufühlen. Da er aber die ganze Zeit über kläglich an seinem hinfälligen Körper litt, so ist anzunehmen, daß er überempfindlich war und auch den Einfluß des großen Sir Joe Banks überschätzte, von dem er an Therese schrieb, daß er die Südsee gepachtet habe und keinem Buchhändler erlaube, irgendein Werk über diese Breiten in Verlag zu nehmen, das nicht seinen Namen auf dem Titelblatt trage. Jedenfalls bestand der Ertrag des Londoner Aufenthaltes in wenig mehr als in einer Abmachung mit einem großen Bücherjuden, ihm die neuesten Erscheinungen auf allen Gebieten des europäischen Buchmarktes monatlich zuzusenden, ein gewissermaßen negativer Ertrag, der vielleicht in etwas wett gemacht wurde durch die Gewinnung des jungen Mr. Thomas Brand zum Schüler und Pensionär. Dieser blonde Jüngling mit der Aussicht auf den Titel und die Würden eines Lord Dacre würde, solange seine Sehnsucht, Deutsch zu lernen, anhielt, einen lieblichen Strom blanker Guineen durch das Haus Forster leiten. Aber George war entsetzlich niedergeschlagen, als er von Dover abreiste. Er ging auf dem Verdeck des Schiffes auf und nieder, dankte dem Himmel, daß Humboldt in der Kajüte Korrespondenzen erledigte und er nicht zu sprechen brauchte, und brütete ohne Aufhören und ratlos und mit gelähmten Gedanken über dieser unfaßlichen Versteinerung des Herzens.

„Italien,“ dachte er, — „Griechenland, — Indien!“ Ja, der Süden könnte ihn vielleicht noch einmal verjüngen. Und da war doch ein kleines Glück, eine wunderlich schöne Perle, die er mitnahm aus England, das war die Bekanntschaft mit den Asiatic Researches des William Jones, in denen jene seltsamen Spekulationen „On the Gods of Greece, Italy and India“ standen, verborgene Pforten entriegelnd in den glatten Mauern, die seit Jahrtausenden die Völker voneinander schieden. Uralte Stammbaumgemeinschaft erschloß sich: wer zu den gleichen Göttern fleht, stammt von den gleichen Vätern her. Und diese Offenbarung Deutschland mitteilen zu dürfen, war das nicht ein Ergebnis seiner Reise, besser als Gold, — war nicht jenes kleine Buch in seinem Mantelsack, die indische Sacontala in der englischen Übersetzung von Jones, die er ins Deutsche übertragen wollte, ein Fenster in Weltweiten, daß er berufen war aufzustoßen und so den Deutschen einen alten Horizont zu sprengen? Ach, für Minuten von Trübsal befreit, vom Aufflammen niedergesunkener Gluten befeuert, dachte er doch gleich verächtlich und bitter: was fragt Deutschland nach mir? Deutschland lagert träge am Rand seiner Meere, es fährt nur aus, um Schellfisch und Hering zu fangen. Noch nicht zu sich selbst erwacht, ohne Kern und Kristall, will es auch nicht wachsen, sich nicht dehnen, die Erde erobern und ihr seinen Geist aufprägen. Deutschland ist froh, wenn es satt wird und Stoff zu Spekulationen hat. Ob ich ihm den Stoff bringe oder ein Chinese, das ist gleich, sie nehmen alles aus Gottes Hand. Ich bin kein Engländer, ich bin kein Franzose. Nicht Volk noch Vaterland braucht mich als Waffe, als Pfeil, als Handhabe einer Sehnsucht. Was ich tue, tue ich auf eigene Verantwortung, ein Einzelner unter Vereinzelten. Die Hand am Hut, den flatternden Mantel eng um sich zusammenraffend sah er zum Horizont. Gut, — wer keinen Dank erhält, ist niemand etwas schuldig. Schiffsboden ist mein Vaterland — und the Rakes of Mallow for ever! Ein Wandermönch der Wissenschaft, ein Zigeuner der Forschung … Er ging mit breit gestellten Beinen umher und pfiff, das Herz voll Wehmut und Trotz. Auf einmal sah er, daß Humboldt vorn am Bug stand, die Arme vor der Brust gekreuzt, den Kopf zurückgeworfen, das unbedeckte Haar dem Winde preisgegeben. Der und sein Preußen, fühlte er vergrämt. Oh, war das Neid? Und plötzlich war er ganz erweicht, er wandte sich ab, Entsagung gab ein Lächeln. Jüngling, flüsterte er vor sich hin, — oh, Jüngling, Bruder, Freund — und Erbe! —

Er nahm aus Paris den Abglanz mit, den das große Feuer der begeisterten Vorbereitungen zum Föderationsfest in sein Herz geworfen hatte, er sah von den Höhen von Chaillot aus auf dem Marsfeld ein Volk vom König herab bis zum Bettler dieses Fest singend zurüsten, auf daß es schön gefeiert werden könne, und so nahm er die Überzeugung mit, daß dies Volk würdig sei, die Sache der Menschheit zu vertreten. Er sah es nicht, oder er wollte es nicht sehen, daß dies nicht mehr war, als eine Verkleidung des alten monarchischen Schäferspiels zu demokratischer Flötenbegleitung. Er labte sich schwärmerisch an dieser ungeheuren Idylle, er überhörte den schneidenden Rhythmus des „Ça ira“ und schüttelte den Kopf über den schweren Ernst, den er auf den Zügen des vergötterten Mirabeau lagern sah. Im übrigen hatte er seine Geschäfte, Besuche und Studienvorsätze mühselig genug unter namenlosem Widerwillen abgewickelt, gehemmt von Anfällen fürchterlicher Zahnschmerzen und einer Schwermut, die er ratlos halb mit der Sehnsucht nach dem Meer, von dem er sich diesmal mit unerklärlichem Leid losgerissen hatte, teils mit dem Heimweh erklärte, mit dem unstillbaren Bedürfnis nach Therese und den Kindern, — mit zwei einander widersprechenden Gefühlen also, durch die ein Dämon seinen Busen zu spalten versuchte. Er hatte unter diesen grauen Schieferdächern gelitten wie ein lebendig Begrabener und segnete jeden Abend, der sich zwischen ihn und jene Stadt legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straßburg. Von Speyer an waren sie nur noch zu Vieren in der Postkutsche, Humboldt, er, ein Jude, der in Geschäften reiste, und ein Unbekannter im grauen Habit, der zumeist schlief und sein Reiseziel nicht verriet.

„Er gleicht dem Herrn Selten aus ‚Sophiens Reise‘,“ sagte Humboldt halblaut zu George, „er sieht ebenso edel und geheimnisvoll aus. Den Juden hätten wir auch, fehlen nur noch ein paar artige Frauenzimmer, um die Gesellschaft komplett zu machen.“

Die Juliglut wogte glastend über dem Land, die reifen Kornfelder rauschten golden und schwer, die Obstbäume, überladen mit Frucht, ließen die Äste bis zur Erde hängen. Der Jude, mit unermüdlichen Mausaugen alles abschätzend, was irgend Handelswert haben konnte, und zwischendurch seine Reisegefährten beobachtend, begann alsbald, den Kurfürsten von Mainz über die Hutschnur zu loben, ihn einen weisen Herrn, einen gerechten Herrn, einen Herrn, der nicht verachtete die Handlung und das Geschäft, zu nennen und dabei George so listig anzublinzeln, daß dieser keinen Zweifel hatte, einen Mainzer Stadtjuden vor sich zu haben. „Gott Israels! Wie blüht sein Land! Wie mehren sich seine Güter!“ Da er nun von den Reichtümern des Domkapitels überging zum Glanz des kurfürstlichen Hofes, sich erstaunlich vertraut mit allerhand innerpolitischen Mainzer Vorgängen zeigte, zum Exempel mit der Entlassung des Geheimen Hofrats Müller, zu der es ja nicht gekommen sei, — „Gott sei’s getrommelt und gepfiffen! Taugt er sich mehr, der Herr von Müller, als alle Dalberg, Albini und Sickingen zusammen!“ — da er sodann anfing, die Universität zu loben, „die grausam grauße Gelehrtenschul“ und wieder sagte, der kurfürstliche Herr sei so tolerant, beschützte die Ketzer und Juden, so war George darauf gefaßt, sich in jedem Augenblick bei Namen genannt zu hören und im Hinblick auf den Reisenden in der Ecke, der soeben einmal erwacht war und ärgerlich den pulverigen Staub von seinem Rock abklopfte, erwartete er die Lüftung seines Inkognitos mit einer gewissen lustvollen Spannung. Denn Journale, ja Journale las die ganze deutsche Welt, — und wer war da noch nicht auf den Namen George Forsters gestoßen, — wenn er ihn denn sonst nicht kannte? Indes verließ der Jude sie plötzlich in einem größeren Dorf, wo sie kurze Rast machten, nicht ohne beim Abschied auf seinen Packen zu klopfen und George zuzuraunen: „Wenn die Frau Gemahlin einmal hat Bedarf in feine und andre Tücher, einfärbig und meliert, in der Wolle gefärbt, — frage der Herr Hofrat nur nach dem Isaak Bär aus Weisenau, — kennt ihn jedes Mainzer Kind und weiß, der Bär kauft ein mit Profit und verkauft zum eigenen Schaden.“

Der Fremde aber erwies sich bald als ein Armeelieferant aus Wien, ein Pole, der in österreichischen Diensten reiste, unzufrieden mit den Zeitläuften war und Krakau für den besten Ort der Welt erklärte. Und warum er nicht am besten Ort der Welt geblieben sei?

„Was will man machen, messieurs? Wir Polen haben kein Vaterland mehr …“

Über Wilna und Wien, — nein, der Fremde las augenscheinlich keine Journale und hatte keine Beziehungen zur Gelehrtenwelt! — kam man im Bogen zurück auf den Juden, da der junge Humboldt sein liebenswürdiges Gesicht in schwere Falten legte und ernsthaft erwog, warum diese Nation gleichzeitig solche Wunderblumen hervorbringe wie den Mendelssohn der „Morgenstunden“ und solche Knorze, wie den ausgestiegenen Reisegenossen. Der Fremde wiegte den Kopf und meinte, hier liege der gleiche Unterschied vor, wie zwischen den weisen Chassidim in Galizien und den schmutzigen polnischen Pracherjuden, begann nun ein wenig von den Chassidim zu erzählen, und am Ende kam man in eine ganz lebhafte Diskussion über die Eigenschaften des auserwählten Volkes, die den Weg angenehm verkürzte.

„Und schließlich, — was will man ihnen vorwerfen,“ sagte Alexander von Humboldt feurig, „bleiben sie nicht Menschen wie wir auch? Sind sie nicht die besten Untertanen, wo sie Wurzel schlagen dürfen? Was würde aus uns, wenn man uns das Vaterland nähme, von Ort zu Ort jagte, ausnutzte, verfolgte …?“

Der Pole lachte kurz auf. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’! Was will man machen, messieurs? Jeder Heimatlose wird zum Juden!

George Forster starrte in die untergehende Sonne. — — —

Die ersten kühlenden Atemstöße des Abendwindes kamen vom Rhein her über die Felder. Es roch nach reifem Korn, nach Staub, nach Leder und Pferden. Die Kutsche schwankte, das eintönige Geräusch der knirschenden Federn, der ächzenden Räder, der trottenden Hufe, war so einschläfernd. Eine Stunde vor Mainz etwa raffte George sich zusammen, machte es sich klar, daß er nun nachhause kam und sich zu freuen hatte, — rätselhafter Druck auf seinem Herzen, der Freude nicht aufkommen lassen wollte! — bürstete an sich herum, erfrischte Gesicht und Hände mit Eau de lavande und sank schließlich wieder in hoffnungsloser Ermüdung vornübergebeugt auf seinem Sitz zusammen.

Auf einmal fuhr er auf, starrte auf die Straße, blickte verstört um sich, sprang auf, lehnte sich aus dem Wagenschlag, die Strecke zurückblickend, die sie gekommen, setzte sich wieder, fuhr mit der Hand über das Gesicht und lachte.

„Wie man so lebhaft träumen kann! Schlief ich denn überhaupt?“

„Ich weiß es nicht sicher.“ Der junge Humboldt hielt mit Pflaumenessen inne und betrachtete ihn interessiert. „Träumten Sie denn schön?“

George sagte langsam:

„Es kam uns eine Kutsche entgegen. Therese saß darin — und die Kinder. Aber das Clairchen schon groß, wie zweijährig. Und noch eine Frau fuhr mit, die ich nicht erkannte. Ich dachte, wie schön, da sind sie mir entgegen gefahren! Aber indem fuhr die Kutsche sehr schnell an uns vorüber, Therese sah geradeaus und niemand sah mich an …“

Er schüttelte den Kopf und blickte tief beunruhigt auf Humboldt. Der murmelte verlegen: „Sonderbar? Nun, es war eben ein Traum und“ … er lächelte, — „unsere Sehnsucht beflügelt die Imagination.“

„Es war aber ganz anderes Wetter, es war Herbst, — oder Winter …“

Der Postillon blies und durch das neue Tor rasselte der Wagen hinein auf das Pflaster von Mainz.

Gewiß, er wäre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Sömmerrings im braunen Schoßrock und die leichtgeschürzte der Madame Forkel in überblümtem Mousseline da nicht seine Haustür flankiert hätten, wie die Penaten der Heiterkeit und des Fleißes. Auf alle Fälle wäre Humboldt zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, — einen Fremden hätte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des guten Huber, der aus Delikatesse an der Table d’hôte im Hôtel National speiste, um das Wiedersehen nicht zu stören. Immerhin hätte sich der guterzogene Reisegenosse vielleicht früh zurückgezogen, und wenn dann eben Sömmerring und die Forkel nicht dagewesen wären …

Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen Reflexionen! Hatte Therese diese Gäste zu seiner Begrüßung eingeladen, so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Türen mit Buchs bekränzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmückt hatte, aus dem sie im weißen Kleide mit Blumen in den Haaren ihm entgegengekommen war, aufgeregt fröhlich und das winzige Clairchen ihm hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, daß er wiederkam, Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, — konnte ein Fest von Therese ohne Gäste sein? Er ging durch die Räume, das glückliche Röschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen manierlich einherschritt wie eine junge Dame und zuweilen behutsam zu ihm auflächelte, — ja, er lächelte auch, aber warum fühlte er sein Lächeln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Veränderungen in den Zimmern, die er mit dem Spürsinn seines überreizten Gehirns auf den ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bücherreihen in der Wohnstube und dies, daß sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grünen Kanapee gegenüber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst oft ridikül gewesen, daß er da von der Wand herab sich selber zugesehen hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grünen Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da hätte Therese das Bild wohl hängen lassen können, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier allein gesessen hatte … Er ging umher, ruhelos, trotz der Reisemüdigkeit. Waren es diese kleinen Veränderungen, die die Wohnung so fremd erscheinen ließen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die große englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er öffnete die gläserne Tür und während er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehäuse emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt, die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem 6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, daß die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit über, daß er weg gewesen war?

Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa gedacht, er wollte sich früh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf kühle Kissen betten und dann sollte Therese in der dämmerigen Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzählen und fühlen, daß er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mußte hier in guter Haltung den liebenswürdigen Hausherrn spielen, der Forkel ein wenig die Cour machen und Sömmerring in die ärztlichen Forscheraugen blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand, das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und müde auf dem Tischtuch lag, und während Therese über den Tisch hinüber lachende Rede und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Sömmerring sprühen ließ und der Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief: „Hurtig, Mädchen, der Herr ist wieder da!“ — ja, während der ganzen Zeit fühlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hörte sich zum Essen, zum Trinken ermuntert.

„Bin ich denn auch ein Gast hier?“ dachte er in schrecklicher Benommenheit, — „was ist dies nur? Was blickt mich Sömmerring so an?“

Er trank hastig hintereinander ein paar Gläser Wein. O ja, nun war er zuhause! Er legte den Arm um Therese, fühlte das Beben ihrer Schultern und alle Müdigkeit war dahin. Eine reißende Beredsamkeit entfesseln, die Holländer loben, die Engländer schmähen, die Franzosen in alle Himmel erheben, — Ditters Gassenhauer zitieren und von der göttlichen Miß Siddons schwärmen, — aufspringen, die kleine Spieluhr aus Paris mit dem eingelegten Rosenkränzchen auf dem polierten Deckel herbeiholen, die dem Röschen mitgebracht worden war, sie aufziehen und das kleine Menuett von Rameau tränenden Auges mitsummen, — dann von den indischen Shawls der englischen Damen fabulieren und Therese anblinzeln, auch von einem weißen Kreppflor zum Kleide Andeutungen machen und von einem Teppich, der unter The Resolution liegen sollte und kleinen Füßen im Winter zur Erwärmung dienen, — kurzum, gesprächig sein, munter, munter, und Humboldt zum Trinken nötigen! Sömmerring, der vertrug das ja nicht, — aber stand da nicht Huber unter der Türe? „Endlich, endlich, teurer Freund und Bruder!“ Redete ihm Huber zu, doch Platz zu behalten, führte er ihn zu seinem Stuhl zurück, weil er ein wenig taumelte? Saß dieser Huber in seinen prall anliegenden Escarpins und im bordeauxroten Frack nun lächelnd an seiner Rechten und legte die Hand auf seine Schulter, wie Therese es im gleichen Augenblick an seiner Linken tat, und sagte sie da nicht mit überschlagender Stimme: „Huber, Huber, wie ist Ihnen? Da haben wir ihn wieder!“ Warum starrte die Forkel so töricht in ihren Schoß, warum saß Sömmerring so düster da und Humboldt so ratlos? Er, George, würde jetzt einen Scherz machen, man gebe acht. Er hob den Zeigefinger: „Huber, Huber, Sie trugen sich doch sonst so dunkel, ei, ei, sind Sie wie ein Vogelmännchen in der Brunstzeit am schönsten befiedert?“

Es lacht ja niemand sehr, dachte er, mit schweren Augen in die Runde spähend, und gleichzeitig: warum übrigens eigentlich Brunstzeit? „Und singen Sie dann auch?“ fügte er zögernd hinzu. Er erwartete durchaus keine Antwort, gab den Kreiselbewegungen seines Gehirns nach und versank in ein leeres Vorsichhinbrüten. Endlich wieder zu sich kommend erblickte er Humboldt mit Sömmerring in angelegentlicher Unterhaltung, sah die Forkel schläfrig und vereinsamt und hörte über sich weggehen ruhiges Gespräch zwischen Therese und Huber. „Wenn die Ehemänner des Mittelalters auf Reisen gingen, legten sie ihren Frauen einen Keuschheitsgürtel an, zu dem sie allein den Schlüssel besaßen …“ Oh, mein Gott, hatte er das eben laut ausgesprochen? Nein doch, nein doch, auf welche Gedanken kam er! Er hatte es nicht gesagt, nein doch, sie redeten ja alle ruhig fort, er saß da wie im Theater und hörte zu. Aber, — nochmals! — mein Gott, mein Gott! Ich bin doch selber auf der Bühne, und was ist denn hier nun meine Rolle?

Es war eine Pantomime von fürchterlicher Lautlosigkeit. Dergleichen erleben wir in Träumen. Vorgänge alltäglichster Art spielen sich um uns her ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen, es tanzen Menschen, sie winken sich zu, sie gehen Hand in Hand und trennen sich wieder, — vielleicht pflücken Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht steht irgendwo in einer rätselhaft engen Straße ein Haus in Flammen und aus den Fenstern beugen sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben, und wir stehen gelähmt in der Ferne, — holde und doch schreckliche Masken, die wir nicht deuten können, wandeln an uns vorüber. Es hat alles eine Beziehung auf uns, eine geheime wahnwitzige Bedeutsamkeit, auch die geringste Gebärde, das Fallen einer Apfelblüte vom Baum und das Zerbrechen eines Spielzeugs. Wir stehen und fühlen den Wirbel, der unsere Ebene mit allem, was unser, ach, unser, von unsern Augen, unserem Schicksalskreis allein bedingter Horizont umschließt, ergriffen hat, einen Wirbel, so rasend, daß wir ihn empfinden wie Stillstand, und nur durch den Luftdruck, der uns dem Atem benimmt, wissen, es geht abwärts, es — geht unter. Wir stehen und warten auf das Zeichen, warten auf den Fall der Apfelblüte oder ein ruchloses Lächeln oder das Nicken eines gigantischen Hauptes, — auf das Zeichen, das wir erkennen, auf das hin wir hineinschreiten werden in die stumme schreckliche Handlung, um unsere Sendung zu erfüllen. —

Durch die innersten Windungen des Labyrinthes führt uns der tödliche Wirbel der Sinnlosigkeit. —

Riesenhaft und drohend in Unberechenbarkeit wankten die Lenker des europäischen Geschicks um den äußeren Umkreis der Szene. Mirabeau versank und mit ihm fiel Bourbon, an ihrer Stelle stieg apokalyptische Ungestalt, die Souveränität des Volkes. Preußen und Österreich ballten ihre Macht zusammen. In der Affaire von Lüttich gab es ein Miniaturvorspiel, eine Ouvertüre, in der alles enthalten war, was die Zukunft bringen sollte. Die Atmosphäre war mit ungeheurer Spannung geladen, Funken zuckten hinüber und herüber, irrten ab, erschlugen in Schweden den König, ließen hier und dort winzige Aufstände aufprasseln und im grünen gespenstischen Schein des Wetterleuchtens uralte Zustände fremd und verwest daliegen, wie Tote, die man vergaß zu begraben. Die Flüchtlinge von Westen mehrten sich und fanden im Kurfürsten von Mainz einen cher père et protecteur, der seine Sonne aufgehen ließ über Condé, Artois und allem, was zu ihnen schwur, und der es völlig überhörte, daß es auch die Bezeichnungen eines Abbé de Mayence und eines Gentilhomme parvenu für ihn gab. Studenten und Zünfte prügelten sich und altgediente Professoren bekamen blutige Kopfe, die Pfaffensoldaten, die auf das Volk von Lüttich hatten schießen müssen, kamen heim und nahmen ihren alten Dienst wieder auf, bei den Prozessionen und Hoffesten Spalier zu stehen. Die Lesegesellschaft, zusammengesetzt aus Beamten und Gelehrten, Schullehrern und Kaufleuten, nährte sich nicht mehr allein vom Belles-lettres-Fach und den Naturwissenschaften, sondern von Pariser Flugschriften, und im Universitäts-Kaffeehaus in der Quintinsgasse hob der Kellner Vespery, der sich selbst gern als einen Polyhistor und Tausendsasa bezeichnete, den Moniteur neuesten Datums für seine Günstlinge auf.

Sonst aber, — noch kein Anlaß, sein Leben zu ändern! —

Es gab für George eine neue, vorteilhafte und vielversprechende Verbindung mit der Vossischen Buchhandlung in Berlin. Es gab neben der Ausarbeitung seiner jüngsten Reiseerinnerungen, die dem Publikum allmählich in drei Bändchen unter dem Titel „Ansichten vom Niederrhein“ dargeboten werden sollten, endlose Rezensionen, endlose Übersetzungen, endlose, endlose Lohn- und Frohnschreibereien. Es gab literarisch-politische Erregungen, etwa über Hohlköpfe und Perückenstöcke, die die Revolution angriffen, wie Herr Girtanner in Göttingen oder über einen englischen fat, der sein Licht gegen ihre Schattenseiten leuchten ließ und gegen sie andeklamierte, wie Burke in London, es gab zuweilen einmal Grund, sich selbst als den Mäßigen, Klugen, Gerechten zu empfinden, wenn ein Mann wie Schlosser — oder ein anderer, — die Franzosen verdammte, — gab Gelegenheit, sich als den Sparsamen, Haushälterischen, Zurückhaltenden zu loben, wenn man wahrnahm, wie ein Liebling des Publikums, der so vergötterte Goethe in Weimar, ein Ding auf den Markt zu bringen wagte, wie den „Groß-Kophta“, ein fades Machwerk ohne einen einzigen Gedanken darin! Nun wenigstens war George Forster so ausgelaugt noch nicht, wenn schon noch kein Liebling der Lesewelt. Dies würde bald kommen. Möchten nur die Herren, die für ihre Mädchen, Läufer, Lakaien und Musikanten oder Poeten (siehe den Herzog von Sachsen-Weimar!) täglich Hunderte ausgaben, möchten sie doch nur erst endlich einsehen, daß sie mehr Ruhm davon hätten, wenn sie einen Gelehrten, dessen Werk ihren Namen durch die Jahrhunderte tragen würde, dermaßen unterstützten, daß er vom Joch der Tagesschriftstellerei befreit schreiben könnte, zum ersten: das Descriptio plantarum der Südsee, und zum zweiten: die Geschichte der Südseeinseln. Weiteres würde sich einstellen. Auf der Suche nach solcher Fürstengunst schrieb man dann an Müller, an Dohm, an Voß, unter ausführlicher Darlegung aller Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hatte, erntete verlegene Gegenbriefe, Ratschläge und verhüllte Ablehnungen und hatte Anlaß, sich gegenüber einer ausgearteten Hierarchie und Aristokratie als Glied einer edleren und besseren Mittelklasse zu fühlen, — keinen Anlaß, sein Leben zu ändern.

Wollte der alte Heyne wieder erziehen? Stellte er warnende Beispiele von verschwenderischen Herren aus Göttinger Universitätskreisen auf, mit denen es dann schief gegangen war? Von lauter Herren mit Vorliebe für englische Façons und englisches Mahagoni!? Rang er von ferne die Hände über Georges politische Ansichten, die doch weiß Gott, sich milde genug äußerten, und warnte er, warnte er?! Sprach er von „dem Zentrum des Studierstübchens, von dem aus er ohne zu staunen durch ein klein Fenster oder einen Ritz das Narrenspiel der Welt mit ansähe“? Oh, wußte denn dieser alte Mann, was seine Frau Tochter bei ihrem Lilienleben auf dem Felde verbrauchte und wer im Hause es eigentlich war, der den Ofen des politischen Enragements nicht ausgehen ließ? Ei, da hatte er Anlaß, vom Geist hannöverischer Teegesellschaften zu reden und von dem Geist Englisch-Hannovers im allgemeinen, — von wo aus sich unschwer der Übergang bot, auf den Geist Alt-Englands überhaupt zu kommen und auf alte Geschichten, — Anlaß somit, sich gründlich auszusprechen, keinen Anlaß indessen, sein Leben zu ändern.

Gäste kamen und gingen durchs Haus, durchreisende und die alten in Mainz ansässigen Freunde. Zu dem Kreise um den abendlichen Teetisch gesellte sich zuweilen August Lux, ein junger Rousseau-Schwärmer, der draußen in Kostheim sein kleines Landgut bestellte, ein Kind nach dem andern zeugte und es in seliger Freiheit mit seinen Kälbern und Ferkeln aufwachsen ließ, — zuweilen der Ingenieur Eikmeyer, der Ausbauer der Festungswerke, — es gab unendliches spekulatives Raisonnement, wozu die Nachrichten und Gerüchte des Tages mehr Stoff als genügend boten.

Und da war seit dem Frühjahr 1792 Karoline Böhmer, die verwitwete Karoline, die mit ihrer kleinen Tochter einen Zufluchtsort gesucht hatte und von Therese mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit nach Mainz eingeladen worden war. Oh, Therese hatte ein so starkes Menschenbedürfnis und besaß in Mainz noch immer keine Freundin, denn Frau Forkel kam nicht in Betracht. Was war also Wunderbares an dem Wunsch, Karoline in der Nähe zu haben, Karoline, die nun täglich ins Haus kam und mit der milden Heiterkeit ihres Geistes an allem teilnahm, was die Freunde betraf?

Jedoch es kam auf alles dieses garnicht an. Auf dem Hintergrund der Tage voll Arbeit, Krankheit, Mühsal, voller verschlungener Jahreszeiten mit Blumensprießen, Ernte und Blätterfall, auf dem Hintergrund, in den die Gestalten der Freunde hineingewebt waren wie wandelnde Gobelinfiguren und auf den das europäische Geschehen Widerschein und Schatten warf, auf diesem Hintergrund spielte sich das Folgende ab. —

Es waren zwei zeitlich fast durch ein Jahr voneinander getrennte häusliche Ereignisse, aber für George schmolzen sie seltsam in eins zusammen und er vermochte sie später in der Erinnerung nicht voneinander zu trennen. Sie begannen damit, daß seine Arbeitsruhe gestört war durch eine Beobachtung, die er sich zunächst nicht eingestehen, die er nicht wahr haben wollte und vor der er sich in die Bibliothek zurückzog, um sich dort wochenlang zu vergraben. Immerhin nutzte es nichts, dann bei den Mahlzeiten und abends bis zum Einschlafen den Gesprächigen zu spielen, ja den reißend Geschwätzigen, der sich Mitteilungen des anderen in den kurzen Stunden des Beisammenseins weislich vom Leibe zu halten wußte, nutzte nichts, wenn man sich leidender gab, als man wirklich war, und in Haltung und Gebärde die verzweifelte Bitte ausdrückte, einen mit folgenschweren Mitteilungen zu verschonen. Dies alles ließ sich höchstens sechs bis acht Wochen durchführen und dann, — dann kam eben doch der Abend, an dem es Hohn gewesen wäre, sich dem Augenschein länger zu verschließen, an dem er übrigens plötzlich von Gewissensangst, Pflichten versäumt zu haben, tief beunruhigt fragen mußte: „Ist es an dem, Therese, — ist es denn wirklich an dem?“

Das Besondere war, daß Therese, die ihn in der Erwartung des Röschens und der kleinen Claire immer von ihren Hoffnungen unterrichtet hatte, fast noch ehe sie sich bestimmter Anzeichen erfreuen konnte, ihn bei diesen beiden Kindern ganz seinen eigenen Ahnungen und Wahrnehmungen überließ, daß sie die körperliche Anfälligkeit der ersten Monate in keiner Weise zur Schau trug und ihr Möglichstes tat, durch eine passende Kleidung den wachsenden Umfang ihres Leibes zu verbergen, so daß er von beiden Kindern erst erfuhr, als die Mutter ihr Leben schon fühlte und auch dann erst auf jene Frage hin, die er nicht mehr unterdrücken zu können glaubte. Dies, so stellte er über seine Arbeit gebückt aber stundenlang ohne fortzuarbeiten grübelnd fest, dies war Rücksichtnahme von Therese, ohne Zweifel. Er bewegte den Kopf leise hin und her und stöhnte, begegnete seitlich blickend, als wollte er vor irgend etwas ausweichen oder suchte etwas, seinem in der zurückgeschlagenen Scheibe des offnen Fensters gespiegelten Bilde und starrte erschrocken hin. War er denn das, der den Kopf so zwischen die Schultern zog, der so scharfe Falten von der Nase zum Munde hatte, zu diesem in Qual verzerrten und lautlos geöffneten Munde? Hatte er diese Augen mit der zerknitterten Stirn, den gewulsteten Brauen darüber, diese Augen voll Abwehr, Argwohn und Angst? Oh, abgewandt von diesem trüben Spiegelbild richtete er sich hastig auf, ordnete seine Züge durch ein Lächeln von innen heraus, wie er meinte, und sagte sich von neuem: Rücksicht war es und Rücksicht allein, der Wunsch, ihm Zukunftssorgen so lange wie möglich zu ersparen, Liebe also, für die er zu danken hatte, auf Knien zu danken! Rücksicht jedoch, hatte er seit seiner Heimkehr aus England gelernt, konnte fürchterlich, konnte erstickend, konnte zum Fluch werden. Er begriff es nicht, warum jetzt fortwährend Rücksichten auf ihn genommen wurden, auf seine Appetite, seine Launen, seine Zeiteinteilung, seine Wünsche über Kindererziehung, auf sein Befinden, seinen Geschmack in allen und jeden Dingen, — daß er fortwährend gefragt wurde, ob er zufrieden sei, ob er’s auch anders haben wollte? Daß das Röschen angehalten wurde, auf den Fußspitzen zu gehen und nicht zu plaudern, wenn er Kopfschmerzen hatte, daß das kleine törichte Clairchen dann wenn es schrie in das entlegenste Zimmer verbannt wurde; daß niemand mehr hinging und auf seinem Schreibtisch Ordnung machte, was er sich früher zu hundert Malen umsonst verbeten hatte; daß bei Tisch Gespräche fallen gelassen wurden, wenn er merken ließ, daß sie ihn verstimmten; daß er so viel angelächelt wurde; daß die Umschläge, Einreibungen und Medikamente für ihn immer vorhanden waren. Alles, alles dieses, das er früher entbehrt hatte, bis er die Entbehrung gewöhnt gewesen war, er besaß es jetzt im Überfluß, er ging wie auf Watte, seine Wände waren gepolstert, Therese pflegte ihn und Huber schonte ihn und beide waren so einig darin, daß er geliebt werden müsse. Sie blickten sich an, und dann kam ein Vorschlag, der ihm Freude machen sollte, etwa, ob er nicht einmal wieder auf den Abend die Kupfer zur Südseereise ausbreiten und ihnen erklären wolle, oder die australischen Muscheln zeigen oder aus den „Ansichten“ vorlesen, — sie blickten sich an und dann zog sich Huber zurück, und er blieb mit Therese allein, — sie blickten sich an, und dann überredeten sie ihn gemeinsam zu dem oder jenem, wozu er vorher keine Lust gehabt hatte. Und mit der Zeit blickten sie sich auch garnicht mehr erst an, sondern was der eine meinte, das sprach der andere aus, sie waren aufeinander eingespielt, waren in einem Einverständnis der Liebe zu ihm, wußten ihn zu nehmen, — oh, und er, anstatt dankbar zu sein, anstatt auf den Knien zu lobpreisen für das Himmelsgeschenk, das ihm da wurde, er knirschte, er ballte heimlich die Fäuste, er hätte gerne um sich geschlagen und Luft gemacht — und wußte doch, das wäre wie ein Schlag ins Wasser gewesen oder ein Versinken in Federkissen! Denn sie waren so unangreifbar freundlich, die beiden, ihre Gelassenheit so unzerstörbar, so ruhig der Glanz der Heiterkeit auf ihren Stirnen. Und da hatten sie es nun für gut befunden, ihm vorzuenthalten, daß er wieder Vater werden sollte, — oder nein doch, Therese hatte es für gut befunden, es ihm und aller Welt und somit auch Huber so lange zu verbergen, als es immer nur anging. Er erklärte es sich ja, er verstand, — es waren diese beiden jungen Männer am Tisch, Huber und Mr. Brand mit seiner englischen Prüderie, da durfte selbst er es nicht wissen, ehe es nicht mehr zu umgehen war, nur damit er durch Fürsorge und Aufmerksamkeiten die Blicke nicht auf sie zöge. So war es, redete er sich ein, natürlich, so war es! Was sollte es auch sonst …

Oh, Huber war der beste, treueste Freund, er nahm wie ein Bruder an allem teil, was seine Forsters anging! Er war es, der in den Nächten, wenn die Entbindungen herannahten, kaum schlief, sich höchstens angekleidet niederlegte oder stundenlang auf- und niederging, — man konnte seine leisen ruhelosen Schritte in der ehelichen Schlafkammer vernehmen. Er war es, der dann zur Hebamme lief, den weiten Weg durch die ganze Stadt zum Cöstrich, den des Nachts keine Magd allein machen wollte, während George am Bette der Leidenden saß, bereit, die erste Hilfe zu leisten, halber Mediziner, der er einmal war.

Dann waren diese Stunden des Wartens, erfüllt vom herben Duft des schnell entfachten Holzfeuers im Ofen, das sausend brannte, vom Geruch nach Fenchel und Baldrian, und unruhig gemacht von der aufgeregten Geschäftigkeit der Mägde. Da war das Stimmchen eines der Kinder, das, im Schlaf gestört, klagend weinte und mählich wieder verstummte. Da war Theresens Flüstern: „daß nur Brand nicht geweckt wird, — sie sollten doch leiser gehen …“ und wenn er dann auf den Fußspitzen auf den Flur gegangen und zur Vorsicht gemahnt hatte, ihr dankbarer Blick und dann wieder ihre Augen geradeaus gerichtet ohne Ziel oder mit einem Ziel im Unsichtbaren, bis von neuem die ratlose Angst hindurchflackerte, um gleich einem Ausbruch unbedingter Entschlossenheit zu weichen, bei dem die kleinen Hände sich ballten, der Kopf zurückgeworfen ward, der ganze Körper sich straffte und so dem Krampf der Wehe begegnete. Sie griff nicht nach seinen Händen, o nein, — aber warum wagte er es denn auch nicht, die ihren zu fassen, warum redete er ihr nicht zu, sich festzuhalten, warum stützte er sie nicht, wie er doch so gern getan hätte, — warum saß er hier und starrte aus einer entsetzlichen Ferne des Herzens hinüber in ihren Kampf? Warum konnte er nicht zu ihr, warum lag diese undurchdringliche Einsamkeit des Stolzes und der Tapferkeit um sie her?

„Therese …“ murmelte er erschüttert, wenn es vorbei war, ja, und sie lächelte ihn an mit einem vergehenden Lächeln von Güte, als sei er es, der gelitten habe. Er legte die Hand über die Augen.

„Wie lange ist er schon fort?“ flüsterte sie.

George sah auf seine Uhr: „Eine Viertelstunde, — noch ein wenig Geduld …“

Draußen schleuderte der Wind Regenschauer gegen die Fensterscheiben, — immer waren dies Frühlingsnächte. Immer murmelte Therese dann etwas wie: „Daß er nun so hinausgelaufen ist mitten in der Nacht“ und „Ist er nicht gut?“ Immer meinte George darauf antworten zu müssen wie auf einen unausgesprochenen Vorwurf, daß er ja doch auch gegangen sein würde, aber wer wäre dann bei ihr gewesen? Immer war dann dies unbegreifliche Lächeln der Güte wieder, die Hand, die seine streichelte und schnell wieder fortging. Dann hastige kleine Worte über häusliche Angelegenheiten, — daß man nicht vergessen möge, den Dachdecker kommen zu lassen, es regnete oben an einer Stelle ins Haus, die Lise würde schon wissen. Daß sein, Georges, englischer Castorhut zum Kürschner müsse, er möge daran denken und keine Visiten mehr damit machen. Daß in der Bodenkammer im Bettkasten obenauf baumwollenes Zeug zu warmen Unterröckchen für die Kinder liege und auch Strickgarn für neue Winterstrümpfchen, — ach, die Lise wisse ja Bescheid, an die Lise könne er sich in allen Fällen halten. Während sie von einer neuen Wehe gepackt verstummte, dachte er, er wisse wohl sehr gut, was sie damit meinte mit diesem „in allen Fällen“, befand es aber für gut, sich nichts merken zu lassen. Sie, erschöpft vom Schmerz, flüsterte noch: „Huber bat mich gestern abend noch, an seinem roten Frack einen Knopf anzunähen, erinnere doch Lise …“ drehte den Kopf auf die Seite und gab sich aufatmend einem leichten Schlummer hin, während er nun, die Wange in die Hand gelegt, reglos in die flackernde Kerze sah. Die sonderbare Abgelöstheit dieser Stunde aus dem Alltag gab ihm eine Art von Trunkenheit, ein Gefühl, überwach zu sein, gab ihm die Täuschung, vor Entscheidungen gestellt zu sein, oh, endlich nackt vor Gott zu stehen, vor Gott allein. In solchen Stunden schien das ganze Leben gerechtfertigt und leicht und süß, von heller weiser Lieblichkeit, wie die Quälereien einer grausamen Geliebten in der Stunde, da sie sich ergibt. In solchen Stunden war die Erinnerung an den König Minos zärtlich und ganz ohne Bitterkeit, obgleich dieser König Minos eben in diesen Jahren wieder begonnen hatte, sich alter Gewohnheiten zu entsinnen und dem Sohn in jedem Briefe seine Einnahmen nachrechnete, um sie mit den eigenen zu vergleichen. In solchen Stunden schaukelte George auf dem Gartenpförtchen zu Nassenhuben und spürte den alten Abendwind der Kindheit vor der dunklen Nacht und alles, was an dem Wege von jenem Garten bis zu dieser dunklen Frühlingsnacht gewesen war, lag in dem verzaubernden Schein der Ahnung mehr noch als im verklärenden der Erinnerung. Er träumte sich da einen fabelhaften Strom, Schiffe, von heldenhaften Männern geführt, Meerwunder, unerhörte Vögel, Pisanghaine, Türme, Paläste, Tore, Säulen, Dome, Minaretts aus edelsteinblauem, von Feuer durchglühtem Eis. Er war ein sonderbarer kleiner Knabe unter anderen sonderbaren kleinen Knaben in Deutschland, sie würden alle ihren Weg machen und im Zauberwald des Lebens große Taten tun und ihre kleinen knospenhaften Namen würden blühen. Sein Name unter den großen des Zeitalters, — er lächelte. Über das in seinen Krämpfen schwer atmende Weib hinüber dachte er an den Mann, der sich jetzt aus ihrer Erdverbundenheit zum Lichte rang, — dachte an einen Sohn aus seinem Blut und Geist. — Er schrak auf. Therese, längst erwacht, mit bangen wandernden Augen und in Bedrängung ächzend, hatte geflüstert: „Da kommt er, Gottlob!“ Hatte er die Haustür überhören können? Schritte kamen die Treppe hinauf, da waren Stimmen … „Ja, sie ist es!“ sagte er erlöst und indem er der Wittib Schippel seinen Platz am Bett einräumte, gab er sich selbst in Hubers Freundeshände. Und Huber war der beste sorgende Freund, er ließ Kaffee bereiten, er machte für den Todmüden ein Lager auf dem grünen Kanapee zurecht. George, nun wirklich in Halbschlaf versinkend, erblickte in den Pausen seiner Betäubung immer wieder den langen gebeugten Schatten des andern, der lautlos durch das Zimmer wanderte, stehen blieb, wenn das Jammern der Leidenden anschwellend herüberklang, — diesen Schatten im Zwielicht der abgeblendeten Kerze, der Seufzer ausstieß, die Hand über die Augen legte, stöhnte. „Mein Huber hat ein weiches Herz“, dachte George, flüsterte es sich innerlich eifrig und schnell zu, und beobachtete den andern durch halbgeschlossene Lider unablässig, die Knöchel der ganz verkrampften Hand gegen die Zähne gepreßt. „Mein Huber hat ein weiches Herz, das fremde Leiden rührt ihn allzusehr, — mein Huber hat ein gar zu weiches Herz …“

„Huber! Es ist eine Tochter!“ sprach er, gegen Morgen aus der Wochenstube tretend, — aber süßer klang es ihm selbst im April 1792, als er mit den Worten, — nun, Worten, die er im Überschwang des Augenblicks nicht abgewogen hatte! — an die Brust des Freundes sank:

„Mein Huber! Wir haben einen Sohn!“

Und Huber, — oh ja, er hatte wohl ein weiches Herz, er hatte mitgelitten, aber nun schluchzte er vor Freude und dann lachte er wie geschüttelt, die Arme um Georges Schultern gelegt, den Kopf abgewandt, — lachte und wurde mit einem Schlage wieder tiefernst. Er folgte George an Theresens Bett, sie hatte den Wunsch ausgesprochen, ihm zu danken, der so treu mitgewacht hatte, er stand von ferne, mit hängenden Armen und gesenktem Kopf auf sie hinblickend, die, den Neugeborenen im Arm, zu ihm auflächelte. Und da war kein Wort im Zimmer, aber etwas wie Frage und Antwort, ausgedrückt in einer unhörbaren süßen Musik, die auch George mit einem verborgenen Organ der Seele vernehmen, die er aber nicht deuten konnte, an der er herumrätselte, — und da war es auch schon vorbei, und Huber schlich auf den Zehenspitzen hinaus und er folgte ihm, und da war ein neuer grauer Tag und da lag wartend die Arbeit von gestern, — nein, diese Nacht hatte nicht vermocht, das Leben zu erneuern. — —

An Christian Friedrich Voß, den Verleger, der zum Freunde geworden war, schrieb George, — und er tat dies, als die kleine Tochter Louise schon seit sechs Monaten den guten Platz am Herzen liebender Eltern und Geschwister wieder verlassen und ihn mit einem Bettchen unter dem Rasen des St. Christoph-Friedhofes vertauscht hatte, — George also schrieb am Morgen des 24. April 1792 an den guten Voß in Berlin:

„Ich bin am Sonnabend von meiner Frau mit einem jungen Sohn beschenkt worden. Sie, mein gütiger Freund, werden Anteil an unseren Empfindungen bei dieser Gelegenheit nehmen. Sie sind Empfindungen von gemischter Art; Freude, daß der kritische Zeitpunkt glücklich überstanden ist, daß alles gut geht, Mutter und Kind gesund sind; Freude, daß der Mann, der einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hat, nun auch die Bestimmung näher vor sich sieht, gewisse Ideen- und Gedankenreihen, die in einen weiblichen Kopf nie recht passen, dennoch einem seiner Kinder übertragen zu können und zu sollen; aber dies gemischt mit den Besorgnissen aller Schwierigkeiten, welche sich zwischen jenen Zeitpunkt der vollendetsten Erziehung und diese Aussicht aus der Ferne noch häufen und sie vereiteln können, mit dem Gefühl vervielfältigter Pflichten und vermehrter Beschwerde auf dem Pfad des Lebens, — vor allem mit dem Gedanken, daß das künftige Glück und die Zufriedenheit noch eines Menschen nun wieder von unserm Handeln abhängen muß. — Ich wollte wirklich so ernsthaft nicht werden, lieber Freund, allein was sich jetzt in Kopf und Herzen regt, drängt sich auch wider Willen hervor. Sie halten mir diese Mitteilung meiner selbst zu gute. — Und nun zu unseren Geschäften …“

Der Mann, der „einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hatte“ — gleichviel, ob man jenes glänzende Glück zu keiner Zeit seines Lebens enger hätte umschreiben können, denn mit dem Begriff einer Fata Morgana, dieser Mann fragte sich in den folgenden Monaten zuweilen, ob es denn nun eingetreten sei, daß Sorge und Mühsal ihn vor der Zeit hätten altern lassen, so daß er Jugend und Frohsinn nicht mehr verstünde. Denn er saß in seinem häuslichen Kreis wie ein Fremder, wie ein tagfremder Uhu, den Singvögel umlärmten, in diesem häuslichen Kreise, den ein unbegreiflicher Taumel beherrschte. Ein Glas Wein nach Tagesschluß, gewiß, er verschmähte es nicht, es erwärmte sein langsames Blut, es belebte für eine Stunde seinen ermüdeten Geist, — mußte jedoch Abend für Abend Wein getrunken werden? Kam er nicht aus seinem eigenen Keller, so hatten Huber oder Brand ein paar Bouteillen mitgebracht. Die Fenster standen alle weit geöffnet, milde, duftschwere Mailuft wogte herein, blühende Obstbaumzweige oder Fliedersträuße schmückten das Zimmer und auf dem grünen Kanapee thronten Therese und Karoline und hielten Hof. Wie einst fühlte er jene unerklärliche Wärme von Karoline auf sich ausstrahlen, sah sie heiter, gelassen und anmutig, wo Therese sprunghaft, ungeduldig und von einer sonderbaren Bitterkeit des Ausdrucks war, versuchte zu vergleichen, — und wußte, daß er Theresen angehörte, Theresen allein und für immer, mochte sie sanft und süß sein, wie sie es in jenem ersten Winter in dieser Wohnung gewesen, oder von der geistig aufgeregten Heftigkeit, die sie jetzt ununterbrochen schöngeistern und politisieren ließ und in Betrachtung der neusten Ereignisse in Paris leidenschaftlich Partei ergreifen, — für Frankreich natürlich, für Frankreich und die Freiheit und gegen alle Despoten Europas, den unglücklichen Ludwig eingeschlossen. Karoline ließ dann nicht von ihrem spielenden Lächeln, das jeden streifte und es nicht zu begreifen schien, wieso man sich dermaßen echauffieren könne, da denn doch alles aufs Menschlichste zu erklären sei, — Karoline sprach dann zuweilen ein Wort, das erstaunlich klug und einfach den Gegenstand des Gespräches auf einmal abtat, — Karoline wandte sich manchmal ganz ihm zu, wenn er still und müde dasaß, sie lockte ihn aus sich heraus, sie war geduldig lauschend, war freundlich, — dennoch, in ihrer Gegenwart spürte er stärker als seit Jahren, daß er Theresens bedurfte und Theresens allein. Es war nicht recht von Therese, daß sie die Eifersüchtige spielte, freilich, nur spielte, nur mit kleinen Neckereien, mit verstelltem Schmollen, mit Redewendungen, wie: nun, sie wolle das tête à tête nicht stören, wenn er einmal in ein Gespräch mit der Freundin versenkt war. Es war nicht recht von ihr und entzückte ihn doch und er mußte dann nachher zu ihr kommen und sich mit vielen Worten rechtfertigen, ungeschickten kleinen Worten, die sie ungern anhörte: „Aber ich bitte dich, lieber Freund, — es war doch nur Scherz!“ und „ich gönne es dir doch wahrhaftig …“ Oh, was mißverstand sie nur? oder wollte sie mißverstehen? Sie ließ ihn mit Karoline allein, tauschte Blicke mit Huber, wenn er im allgemeinen Gespräch sich einmal ereiferte und dann ohne es zu wollen, in diese aufmerksamsten und stillsten Augen am Tisch hineinsprach, deren Ausdruck ganz allmählich in Lächeln überging. Er sprach von der „Sakontala“, er träumte redend den Traum von Indien, feurig phantasierend, unerachtet Mr. Brands skeptischen Lächelns über den Rand des Glases hinüber, — ein Deutscher konnte den Wundersamen freilich besser zum Keimen bringen als ein verknöcherter Engländer mit den Voraussetzungen des Warren-Hastings-Prozesses und den gewinnsüchtigen Spekulationen der jungen East Indian Company, die sich gierig wie ein Geier auf jene unerhörte Beute gestürzt hatte. Deutschland war bestimmt, das tausendjährige Herz des erstgeborenen Bruders wieder zu erlösen! Über seinem Schwärmen wußte er doch immer jede Bewegung Theresens und daß sie sich vom Tisch erhoben hatte und mit ihren Schritten Huber nach sich ans Spinett zog, — wußte, daß Huber sich jetzt dort vor den Tasten niederließ und zu ihr aufblickte, die über den Deckel gelehnt, das Kinn in die Hand gestützt, auf ihn einsprach, und versuchte verzweifelt den Gegenstand jenes halb flüsternd geführten Gespräches zu erraten. Sprachen sie denn wieder von dem kleinen Jungen, von seinem kleinen Jungen, mit dem so viel vor sich ging, das er nicht erfuhr, oder nur, wenn man sich allein, ohne ihn aus der Bibliothek, aus seinem Kabinett herbeizurufen, über einen neuen Krampfanfall gesorgt, mit Wedekind, dem Arzt, und mit Huber zur Seite, — aber ohne ihn, den Vater? Der Vater bedurfte der Schonung, der Rücksicht, der Arbeitsruhe. Es gab Stunden, die kämpfte ein wackeres Weib allein mit ihrem Gott durch. Nun ja, — möchte sie doch nur allein mit ihrem Gott und allenfalls mit Wedekind gewesen sein! Wenn der kleine Junge so elend war und wachsbleich, — warum mußte dann abends hier Wein getrunken, gesungen und getanzt werden? Übrigens fühlte er sich gar nicht imstande, seinem dunkeln Widerstreben Ausdruck zu leihen. Wenn sich die Unterhaltung um ihn her in Histörchen und Anekdoten auflöste, wenn Huber anfing, sich zu seinen Arien auf der Laute zu akkompagnieren, wenn die Forkel sich erbitten ließ, den einzigen Tanz zu spielen, den sie beherrschte, dieses ewige Menuett von Gossec, zu dem Karoline dann mit einem unsichtbaren Partner ihre Pas und Komplimente machte, — was hatte er also zu schaffen mit dieser tanzenden lächelnden Dame? — fragte er sich, — wenn dann um Mitternacht Wedekind auftrat, um den Lustbarkeiten ein Ende zu machen, die Forkelin nachhause zu bringen und den einmal angebrochenen Bouteillen auf den Grund zu sehen, wie er sagte, — oh, so saß George in einer Ecke des Kanapees bei der Kerze, scheinbar ins Journal des Débats oder den Moniteur vertieft, im Herzen bitter entrüstet und ratlos, weil sie alle spielen durften und mochten und immer nur spielen, — nur er nicht. Merkte es wohl ein Mensch, nahm etwa Therese es wahr, wenn er aufstand, den einen Leuchter ergriff und in die Kammer ging? Dort stand er an der Wiege, das Licht mit der Hand schützend, und starrte auf das winzige Gesicht, dessen bläuliche Lider sich beim Schlafen nie ganz schlossen, so daß die Iris reglos und erschreckend durch den Spalt schimmerte. Ein Zucken lief mitunter über die blassen Bäckchen hin und durch diese mageren Händchen, die da auf dem Deckbett lagen, ausgestreckt und ergeben, wie die Hände eines leidenden Erwachsenen. Was suchte er denn in den alten faltigen Zügen des Würmchens, warum ging er nicht wieder, da er doch sah, hier war alles in Ordnung? Der kleine George, dachte er langsam mit Erwägung jedes einzelnen Wortes, sieht unter seinen Geschwistern nur der kleinen Louise ähnlich, der kleinen Louise, wie sie dalag und tot war. Warum wurde drüben gesungen, getrunken, gelacht, wenn der kleine George dalag und aussah wie tot? Er tastete sich trotz seines Leuchters durch den Saal zurück, als ginge er durch Dunkel. Plötzlich blieb er stehen, reckte den Arm mit dem Licht hoch und starrte böse und grübelnd hinauf zu seinem eigenen Bilde, zu diesem arglos liebenswürdigen Antlitz da oben, das über ihn wegsah, als hätte es nie etwas mit ihm gemein gehabt. —

Woher dies Feuer der Beredsamkeit? dachte jetzt George zuweilen am Familientisch, — nun, saß Therese neuerdings auf kassandrischem Dreifuß? Sie hatte einen Menschen mit der cocarde tricolore durch die Gassen gehen sehen, hatte armes Volk untereinander auf die Reichen und die Pfaffen schimpfen hören, hatte sich auf dem Markt über die steigende Teuerung aufgeregt und sich die Schandtaten irgendwelcher Emigranten erzählen lassen, die sich doch wahrhaftig immer mehr gebärdeten, wie die Herren im Lande. Therese also, durch eine Belanglosigkeit angeregt, Therese dozierte etwa so: Der Krieg, der sich da vorbereitete, der schon im Gange war, er war eine interne Angelegenheit der Franzosen, — kein Zweifel bestand für den Einsichtigen! Bruder gegen Bruder kämpfte Frankreich verzweifelt um sein zerrissenes, blutendes, um sein heiliges Herz.

Dies sei sehr richtig bemerkt, mochte Huber hier einfügen. Preußen und Österreich schmeichelten sich zwar in dem Wahn für die Ruhe Europas und somit für das eigene Interesse zu rüsten, indessen …

Indessen, dies lag auf der Hand, — Therese reckte lebhaft ihre kleine feste Hand mit gespreizten Fingern aus und zog sie hastig wieder zurück, als hätte sie ein Geheimnis enthüllt, — auf der Hand lag es, daß l’ancien régime, daß Frankreich in Gestalt seines vertriebenen Adels ein deutsches Heer aufgeboten hatte, um Frankreich, um jenes rabiate Paris zu bewältigen! L’ancien régime, verachtens- und verabscheuenswürdig, — oh, was hatte Huber dagegen einzuwenden? Die kleine Faust fiel leicht und kräftig auf die Tischplatte nieder, denn Huber hatte die breiten schön umrissenen Lippen ein wenig verzogen und bewegte schmerzlich den Kopf, wie von einem krassen Forte peinlich berührt. Hatte der sächsische chargé d’affaires noch so viel aristokratische Sympathien, daß er kein wahres Wort hören konnte? Huber hob nur abwehrend die Rechte: „Ah, l’ancien régime! Es war nicht ohne charme!“ Therese, sein verzücktes Gesicht aufmerksam, fast neugierig betrachtend, streckte ihm plötzlich die Hand hin, zärtlich ausrufend: „Huber! Ich verstehe auch diesen point de vue! Im Grunde aber sind Sie unserer Meinung!“ und fuhr dann fort, im Tone der Seherin darzustellen, wie l’ancien régime nun in der Pose unwiderstehlicher Bravour dastehe, bereit, mit Strömen fremden Blutes jene ridikulen Menschenrechte hinwegzuschwemmen, — während das andere Frankreich in Gestalt eines Heeres schlecht ausgerüsteter und mangelhaft bekleideter Soldaten, deren zuverlässigste Waffe ihr Herz war …

Eines Heeres begeisterter Kreuzfahrer, wie Huber nun von dem anderen point de vue aus schwärmend einschob, die die heiligen Grabstätten einer großen Vergangenheit zu neuem Leben befreien wollten …

Während dies andere Frankreich im roten Westen unbeirrt seine Kolonnen formierte. Fühlte denn nur sie allein den Boden schon zittern unter dem Marschrhythmus der von Osten und Westen einander entgegenziehenden Armeen, war nur sie allein so prickelnd erregt von der Spannung dieser von Erwartung des Kommenden geladenen Luft, die jetzt über dem Rheinland lag? —

O nein, auch George fühlte diese Spannung. Er fühlte sie, als mündeten alle Strahlen des drohenden Sommerhimmels in der Kuppel seines unseligen Schädels, und hineingerissen in das unwiderstehliche Vibrieren des Lebens, das von Paris ausging, — mochte der Geist dort auch schon den Mord heilig gesprochen haben, — in dieser Stimmung schrieb George an den Schwiegervater, gelassen, als sei er an der Urheberschaft dieser Entwicklungen beteiligt: „Jacta est alea! Wir wollen nun aufhören, von Prinzipien zu sprechen. Die Appellation an das Recht des Stärkeren ist geschehen. Wir wollen sehen, wer der seyn wird.“ —

Der Würfel war gefallen!

Dies war der Grund jener Erregung, die einstweilen zwecklos verlodern mußte. Der Würfel war gefallen, — deshalb, — nun erkannte er es! — galt es, die Nächte aufzusitzen, zu trinken, zu lachen, zynisch und bizarr zu reden. Wenn die Staaten ins Wanken gerieten, so war nichts zu tun, als die Hände sinken zu lassen. Die Sache der Zukunft war es, der man angehörte, einer noch völlig verschleierten, dunklen, ungewissen Sache. Wieder einmal, wenn man sich prüfte, sah man sich selber als den nackten Menschen, dem Schicksal ausgeliefert, und es würde sich darum handeln, der Bestie gegenüber das Ideal zu verteidigen. Indessen lag die Bestie noch untätig da, den Kopf auf den Pranken, tückisch blinzelnd. In einer solchen entsetzlichen Spannung hatte der kleine George vor dreißig Jahren keinen anderen Ausweg gefunden, als den, seine Natur zu vergewaltigen, mit dem Janusch umherzuwildern, Äpfel zu stehlen, Heuschober anzustecken, Hunde und Katzen zu quälen. Oh, er erinnerte sich seltsam deutlich!

Gäste also ins Haus! und ein Oxhoft Nierensteiner im Pfandhaus ersteigert! —

Viele kleine Kinder litten doch an Krämpfen und überstanden es. —

Es lohnte sich nicht, in diesen Wochen viel zu arbeiten, da doch fortwährend Besuch kam und außerdem mehrere Eisen im Feuer lagen, Projekte, die sich auf die Unterstützung des Pflanzenwerkes durch den Wiener Hof, auf eine Anstellung in Preußen, auf eine Reise mit Brand nach dem Süden bezogen. Und es kamen wirklich unaufhörlich Menschen ins Haus, Offiziere, Ärzte, Feldprediger der durchziehenden Truppenteile, die an der Grenze Aufstellung nehmen sollten, — alte Bekannte aus den Casseler Jahren, mit denen man einst den lapis philosophorum gesucht hatte und die Sömmerring ungern wiedersah, — Reisefreunde aus Berlin, aus Dresden, aus Wien, aus Warschau, alles Leute von Welt und von geschmeidiger politischer Einstellungsfähigkeit, keine bramarbasierenden Preußen, Eisenfresser und Despotenbüttel. Es gab ein ungeheuer lustiges Politisieren um den Teetisch herum.

Hatte nun nicht die große Katharina mit ihren Deklamationen gegen Paris Preußen und Österreich endlich auf die Beine gebracht und so weit fort auf die Hasenjagd geschickt, daß sie selbst jetzt in Polen ungestörtes Spiel hatte? Und was sickerte alles von Preußens und Österreichs Absichten über die Teilung der Beute durch, noch ehe der Braten erlegt war? — Es war besser, nicht zu dem kleinen Jungen hineinzugehen, wenn er einmal eingeschlafen war, hatte Therese gesagt. Es störte den kleinen Jungen, — ja, Therese hatte natürlich Recht! —

Ein Glas Wein auf den Abend war gut; zwei Gläser machten sogar heiter. Hörte man auf, die Gläser zu zählen, so stellte sich ein Zustand von Zufriedenheit ein, der auf der Fähigkeit leicht, elegant und interessant zu demonstrieren basierte, einer ungewohnten Fähigkeit, die glücklich machte. Er tat es den anderen gleich, war feurig in der Verteidigung der Neufranken wie Therese, begründete sein Urteil mühelos mit Belegen aus der Historie, wie Huber, fand kleine Scherzworte, nicht wahr, war ein wenig schalkhaft wie Karoline, — spielte mit, kurzum, spielte mit und stand nicht daneben.

Der kleine Junge begann ja auch zu gedeihen. Er hatte ihn heute heimlich aus der Wiege genommen und ihn herumgetragen, als er schrie. Er war in seinem Arm still geworden, er war so warm und süß. Hatte er einmal etwas besessen, was ähnlich gewesen war, ähnlich hilflos, zart, ganz auf ihn angewiesen? Einen kleinen Vogel vielleicht? Sein kleiner Junge war sein Freund, er hatte ihn angelächelt mit diesem bebenden zahnlosen kleinen Munde. Wem glich sein kleiner Sohn doch, wenn er lächelte, — wem glich er doch? —

Archenholz kam auf der Durchreise und brachte mit seinen Berichten aus Paris Hoffnungen auf einen gemäßigten und glücklichen Verlauf der inneren Entwirrung, die jedoch bald von den Berichten neuer Greuel vereitelt wurden. Die Teuerung in dem von Emigranten und Truppen übervölkerten Rheingau wuchs von Tag zu Tag und mit ihr allgemeine rat- und ziellose Erbitterung. Nebenher wurden die Zurüstungen zu dem großen concert des puissances, das nach der Krönung des neuen Kaisers zu Frankfurt in Mainz stattfinden sollte, heiter und großartig betrieben, als gälte es schon ein Siegesfest. George fuhr in den Krönungstagen mit Huber und Brand nach Frankfurt hinüber, sah den jungen Franz, wie er so gutartig und unschuldig aussehend, die Hauskrone auf dem Haupt zu Pferde in die Kirche zog, und ließ sich von diesem Anblick bis zu Tränen rühren, was er seinem Herzen unbeschadet seiner despotenfeindlichen Grundsätze gönnen zu dürfen glaubte. Dem Schauspiel der fürstentrunkenen Mainzer, der Ehrenpforten, Illuminationen, Feuerwerke, der spalierbildenden Rotröcke, — dem Lärm der Janitscharenmusiken und feierlichen Hochämter indessen ging er aus dem Wege, indem er die guten Freunde Reichardts aus Gotha nach ihrem Reiseziel Koblenz weiterbegleitete, nachdem sie einige Tage unter seinem Dach geweilt hatten. —

Er machte es sich klar, daß er von einer fürchterlichen Müdigkeit befallen war, als er bei der Heimkehr vom Anlegeplatz des Schiffes vor dem Raimonditor durch die Stadt nachhause ging, — daß die Julihitze ihn krank gemacht habe, daß diese entsetzliche Schwermut folglich nicht böse Ahnung, sondern körperlich und im übrigen gegenstandslos sei. Die Straßen waren wie ausgestorben. In Eltville fand ein Volksfest statt, bekränzte Schaluppen mit türkischer Musik waren ihm den Rhein hinunter entgegengekommen. Die große Welt mochte in den Gärten der Favorite feiern. Die fremden Truppen lagerten im Glacis. Wie er so schlaffen Schrittes dahinschritt, den Hut in der Hand, den Kopf gesenkt und nichts empfindend, als eine peinliche Unlust, nachhause zu kommen, eine Unlust, die ihn trotz aller Ermüdung nicht den nächsten Weg suchen ließ, sondern ihn immer wieder durch fremde Straßen und Gäßchen trieb, stieß er am Karmeliterplatz fast mit einem Leichenzug zusammen, der zum St. Christophs-Friedhof wollte, — mit ein paar preußischen Grenadieren, die einen kleinen weißen Kindersarg trugen, der mit Rosenketten bekränzt, das traurig-prunkvolle Gefolge eines Priesters mit seinen Knaben und einiger preußischer Offiziere in großer Uniform hatte. George erkannte einen jungen Hauptmann von Eltz, einen geborenen Mainzer in preußischen Diensten, der, wie er wußte, auf dem Weg ins Feld seine Frau und deren Schwester, Töchter eines Generals von Tracht, mit seinem kleinen Sohn für die Dauer der Campagne zu seiner hier lebenden Mutter gebracht hatte. Betroffen verweilend und alles an sich vorüberlassend, stand er noch immer von der Ahnung eines Schicksals durchschauert da, als der Zug und die kleine Schar von Frauen und Kindern, die ihm nachlief, längst verschwunden war, — raffte sich dann plötzlich zusammen, blickte verstört um sich und preßte die Hand auf die Brust. Dies, sagte er sich, nun hastig in der Richtung auf die Große Bleiche hinstrebend und diese Straße hinauf und nachhause zu schreitend, dies war Wirklichkeit, kein Spuk und keine Vision. Es hatte keine Ähnlichkeit mit irgend etwas schon Erlebtem, denn, — so tröstete er sich sinnlos: als wir das Louischen begruben, war es an einem nebeligen Novembermorgen und Huber und ich außerdem nicht in preußischer Uniform. Dies also war nicht die Spiegelung eines mir bevorstehenden Ereignisses. Hier gurren Tauben auf dem Dach, diese Kinder spielen so vergnügt, die Frau dort hängt so friedlich Wäsche auf. Die Leute könnten doch nicht alle so ruhig sein, wenn … Ich bin außer aller Contenance, fühlte er, und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Einem Leichenzug zu begegnen, bedeutet außerdem doch immer Glück. Nun bog er in die Tiermarktstraße ein, rannte fast die letzten Schritte bis zu den Universitätshäusern, ging dann wieder langsamer, drückte zögernd, zögernd die Haustür auf. Wie kühl war doch die Luft im Flur! Ach, natürlich, — welche Einbildungen! Er atmete erleichtert auf, wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet. Er erinnerte sich, daß Therese und die Kinder nun in der Nachmittagshitze ruhten, daß die Mägde in der Küche beschäftigt waren, daß es deshalb so still, so seltsam still im Hause sei. Auch schrie kein kleines Stimmchen, wie er doch, — er war sich dessen sicher, — erwartet hatte. Um so besser, dachte er. Wir werden einen belebten Abendzirkel haben, machte er sich klar, indem er die Treppe hinaufstieg, und besann sich, daß auch der Besuch Herrn von Goethes aus Weimar, der seinen Herzog ins Feld begleitete, in Aussicht stand. Das Gespräch darf nicht auf den „Groß-Kophta“ kommen, entschied er und drückte nun mit einem Gefühl der Kälte in Wangen und Lippen, mit einem Krampf in der Brust die Klinke der Wohnstubentür hinunter.

Er sah: da stand der offene kleine Sarg. Da lag sein kleiner Junge tot. Und da saß Therese vorgebeugt, den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf die Hand gestützt mit einem auf ihrem Antlitz erstarrten Ausdruck irrer Fassungslosigkeit über diesen Sarg ins Leere starrend, und da saß Huber neben ihr, den Arm schlaff um sie gelegt, zusammengesunken, zerschlagen, furchtsam vor sich niederblickend, Tränenspuren auf den Wangen, — da saßen zwei Zusammengefesselte, zwei Miteinanderverurteilte …

Therese hatte sich erhoben. Huber stand auf. Sie schienen beide noch nicht ganz erfaßt zu haben, daß er da war, obgleich sie ihn anblickten. Plötzlich unter diesen Augen, die zwischen ihm und Therese hin- und herglitten in stummer entsetzlicher Frage, legte Huber die Hand über sein Gesicht, machte eine taumelnde Bewegung auf George zu und ging wankenden Schrittes zur Tür.

O nein, o nein, den Abgrund nicht! Den Abgrund zwischen ihnen beiden nicht! War er noch zu füllen mit dem Schutt des Alltags? Reichten die Brücken der großen Ereignisse noch von einem Rand zum anderen?

Wohnten sie denn nicht beieinander, hatten die Mahlzeiten, die Zimmer, die Kinder, die Freunde gemeinsam, gemeinsam die lauten festlichen Abende und die Nächte, Bett an Bett mit dem stundenlangen Belauschen des anderen im Finstern? Oder lauschte Therese nicht so auf ihn, wie er auf ihre Atemzüge, die ihm verrieten, daß auch sie nicht schlief, daß sie … Oh, wartete sie etwa darauf, daß er — nun endlich einschliefe? Aber ihre Hand war sanft gegen ihn gewesen, er hatte alle Pflege gehabt, deren sein kranker Leib bedurfte, er hatte das Lächeln ihrer Augen über sich gesehen und nichts war ihm verwehrt worden. Nicht wahr, jene Stunde, jene furchtbare, am Sarg des kleinen Jungen, sie hatte im höllischen falschen Lichte seiner Ermüdung und Überreizung gestanden, und sie war doch vorübergegangen, wesenlos geworden wie das furchtbare Wort, das er gesprochen hatte, — oder hatte er es nicht gesprochen? Das er hinter Huber drein gesprochen zu haben meinte, der die Türe so entsetzlich sanft geschlossen hatte: „Ihr werdet wohl nicht ruhen, bis auch ich …“ Oh, nein, nicht in seinem Herzen wohnten Worte mit solchen Widerhaken! Sein Herz war sanft, geduldig, wollte tragen. Es tat sich auf, sobald die Sonne wieder schien, und da war die geliebte Frau und da war der Freund und sie beide so voll Milde und Kraft, bereit, ihn, den Schwachen, zu stützen, ihm alles zu verzeihen …

Er war gefaßt. Er arbeitete wieder. Und was arbeitete er? Er faßte die Erinnerungen des glorreichen Jahres 1790 in Kalenderform zusammen, machte aus jenen unvergeßlichen évènements und den Silhouetten der großen Männer ein allerliebstes Büchlein im Publikumsgeschmack, das mit vorzüglichen Kupfern geziert zur Michaelismesse bei Voß herauskommen sollte. Im übrigen fügte er Bild an Bild zum dritten Bändchen der „Ansichten“, ließ sich von Karolines klugem Zureden bewegen, etwas gefälliger und weniger pathetisch zu schreiben, saß mit dieser guten Freundin und Zuhörerin über neuen Übersetzungsplänen und nahm sich täglich in den Morgenstunden sein Röschen mit ihrem Augustchen zusammen vor, um diesem kleinen Gesindel ein paar Anfangsgründe der Wissenschaften beizubringen. Sie waren keine Knaben, — allerdings …

Es war ihm, als müßte er ganz leise und behutsam weitergehen. Als könnte ein hastiger Schritt, eine heischende Gebärde, — als könnte schon ein ungeduldiger Gedanke die Schneeflocke lösen und mit ihr die Lawine, die alles begraben würde.

Lächeln also. Waren Therese und Huber nicht Kinder, liebenswürdige Kinder? War es nicht gut, mit ihnen zu leben, zu fühlen, daß sie ihn trugen und dennoch seiner nicht entraten konnten, seiner Arbeit bedurften, seiner Erfahrung, seines Rates? Lächeln, oh, und nicht mißtrauen, wenn sie auf den Spaziergängen zurückblieben, wenn sie dann Hand in Hand wie die Träumenden herankamen, — wenn sie in der Abendstunde still zusammen am Fenster saßen. War es nicht Unschuld, wenn sich ihre Hände nicht lösten? Wenn Huber den Blick nicht von Theresens über die Arbeit gesenkten Scheitel ließ, auch jetzt nicht, da George hinzugetreten war? — Lächeln also! Lächeln auch über den Klatsch, den der um des Freundes Ehre so redlich besorgte Sömmerring nicht unterließ, ihm zu hinterbringen.

„Ach, guter Sömmerring, — wir wollen lieber anderer Dinge gedenken! Die Moral des Mainzer Professorenklüngels in Ehren. Aber ich denke, für uns ist anderes maßgeblich …“

Lächeln also! Lächeln auch über jenes Gedicht im letzten Göttinger Almanach, der ihm im Oktober in der Universitätsbuchhandlung in die Hand kam, in dem er blätterte, verwundert, ihn nicht wie jedes Jahr gleich bei seinem Erscheinen von Dietrich zugesandt bekommen zu haben. Er stutzte beim Titel eines der Beiträge, der „Huberulus Murzuphlos oder der poetische Kuß“ überschrieben war, las weiter, las ein kleines, infames Machwerk voller Anzüglichkeiten, las den Verfassernamen Bajazzo Romano, meinte sich zu erinnern, daß Meyer gelegentlich unter diesem Pseudonym veröffentlichte, legte das Bändchen beiseite — und lächelte. Hatte man ihm zu Hause das Buch unterschlagen, um ihn zu schonen? Er sprach mit Karoline darüber, die er gleich darauf in ihrer Wohnung in der Welschen Nonnengasse aufsuchte, um ihr einige Journale zu bringen. Die gute Freundin errötete heftig, — o ja, sie sei mit Therese übereingekommen, den Almanach vor ihm nicht zu erwähnen, da er diesmal durch und durch faul und wurmstichig sei, von pöbelhaften, kleinen Gemeinheiten wimmele, zu denen auch Bürgers Epigramme zählten. Der „Huberulus Murzuphlos“ übrigens, sprach sie nach einer Pause mit verzweifelter Tapferkeit weiter, so wie man eine Wunde berührt, um sie zu heilen, dieser elende Angriff auf den guten Huber sei nun Gott sei Dank durchaus nicht von Meyer, wie sie zuerst mit Entrüstung hätte annehmen müssen, — oh, dazu sei Meyer nicht fähig, sagte George sehr ruhig und — lächelte; er selbst wäre nie auf diese Annahme verfallen, sprach er, bückte sich und rückte an der Schnalle seines Schuhs, — sondern von Bouterweck, der sich für Hubers herbe Kritik seines „Donamar“ in der Jenaischen Literaturzeitung in dieser feinen Weise rächte. Indem sie ihn ängstlich anblickte und — er fühlte es, — gern nach seiner Hand gegriffen und sie gestreichelt hätte, sagte sie ganz zaghaft und leise: „Lieber Forster, nicht wahr, es ist nun alles gut?“ Und als er ihr darauf mit einem kraftlosen Heben und Senken der leeren Hände sein Antlitz zuwandte, bemerkte er Tränen in ihren Augen, murmelte: „Liebe Karoline …“, und wußte es nicht, daß es seine Gebärde war und dieses arme Lächeln seines müden, gealterten Gesichtes, die jene Tränen stürzen ließen. —

Was bedeuteten übrigens auch solche, im Bereich der Belles lettres hin- und hersausenden Giftpfeile in diesen Tagen, da Mainz mehr denn je einem aufgestörten Ameisenhaufen glich, nachdem jener General Custine, der, in Landau stehend, seine Soldaten aus purer Langeweile einmal ein wenig ins Rheingau spazierengeführt und so spazierengehenderweise Worms und Speyer eingesteckt hatte, sich mit dem berühmten Appetit, der im Essen wächst, Mainz zu nähern begann und gewillt schien, des heiligen römischen Reiches Schlüssel seiner siegreichen Republik zu Füßen zu legen? Es mochte seinen besonderen Reiz haben, die Zurückwerfung der deutschen Armeen, die seit dem für die Koalitionstruppen so unseligen Tage von Valmy eine vollkommene war, mit der Eroberung der Stadt zu krönen, von der das renommistische Manifest des Braunschweigers ausgegangen war. Wer sich für den Geist jenes Manifestes irgendwie auch nur im entferntesten mitverantwortlich fühlte, dem schien das Heranziehen des Bürgergenerals jedenfalls außerordentlich peinlich zu sein und während wenige Meilen nördlich das Zurückwandern der geschlagenen deutschen Truppen über den Rhein begann, setzte über die Schiffsbrücke von Mainz eine sonderbare Piroutchade sich in Bewegung und auf einer unabsehbaren Kette von Wagen aller Art schaffte ein hoher Adel sich selbst und sein bewegliches Eigentum so eilfertig aus der Stadt, daß schon vor dem 10. Oktober die Mainzer Bürgerschaft ganz unter sich war. Denn auch die obere Geistlichkeit und die Emigranten waren nicht zurückgeblieben, beileibe, diese am allerwenigsten. Seine Eminenz hatte die Stadt nächtlicherweise und durchaus unauffällig verlassen, wie es hieß in einem Wagen, an dessen Schlägen die Wappenschilder in aller Eile abgekratzt worden waren, und hatte sich nach dem Eichsfeld begeben, baldigst gefolgt von Ihrer Eminenz, die indessen das Tageslicht nicht gescheut hatte und am frühen Morgen mit allem Pomp und großem Gepäck, gezogen von den vier Apfelschimmeln abgereist war. —

George stand am Morgen des nächsten Tages an der Brücke und sah dem Schauspiel der abrollenden Berlinen und Kaleschen zu, unter denen endlich das Kabriolett kam, in dem Huber mit dem Archiv seiner Gesandtschaft nach Frankfurt fuhr, — nicht aus Furcht, wie er zu versichern kaum nötig gehabt hätte, aber wegen dieser überflüssigen Königlich Sächsischen Staatspapiere, für die er nun einmal verantwortlich war. Da war er hingefahren, in unbegreiflicher Erregung bleicher aussehend, als sich mit dem Anlaß dieses Abschieds vertrug, und hatte fremd und ernst zu George hinübergegrüßt, als er ihn am Brückenkopf stehen sah. George war dann zurückgegangen, als sei der Zweck seines Ausgangs erfüllt: er hatte Huber abfahren sehen. Unerklärliche Befriedigung füllte schwankend sein Herz bis zum Rand. Gewiß, und er gab es sich zu: leichter war es zu lächeln, zu lächeln auch in der Vorstellung, daß nun die deutsche literarische Welt aus jenen Bajazzo-Versen hämisch die Runen seines Schicksals zu deuten suchen würde, — leichter war es zu lächeln, wenn Huber einmal für Tage, für Wochen nicht mit am Tisch saß. Es war möglich, mit der Vorstellung zu spielen, daß die Flut politischen Geschehens ihn auf Nimmerwiedersehen entführen könnte, — kamen doch schon wenige Tage nach seiner Abreise kummervolle Briefe von ihm, des Inhaltes, daß er Befehle aus Dresden habe, den gefährdeten Boden von Mainz nicht eher wieder zu betreten, bis die alte Ordnung dort hergestellt, der Kurfürst zurückgekehrt sei.

Therese nahm das so gelassen hin, sie äußerte keine Vermutungen, keine Hoffnungen für die Zukunft, — Therese war blaß, aber heiter, von einer Fassung, der er demütig begegnete. Sie folgte der Entwicklung seiner Pläne mit Aufmerksamkeit und nur mit geringen Einwänden, — gewiß, es war kein übles Projekt, baldmöglichst nach Paris überzusiedeln und dort zunächst als freier homme de lettres, später im Dienst der freiheitlichen Regierung zu leben. Sie hatte alle Auffassung dafür, daß es nun an der Zeit sei, mit einer langsam gereiften freiheitlichen Anschauung Ernst zu machen, daß es unmöglich sein würde, der alten Mainzer Regierung, die sich so verächtlich gemacht hatte, weiter zu dienen, — falls sie denn wieder ans Ruder kommen sollte. Aber der Hausstand hatte sich so vergrößert in den letzten Jahren, — wie dachte er es sich denn mit dieser Menge beweglichen Eigentums? Die Möbel sollten wieder verkauft werden? Nun ja, — ihr Herz hing nicht an Gegenständen. Immerhin möge er bedenken, daß in irregulären Zeiten die Konjunktur für derartige Verkäufe keine günstige sei. Es war Abend und sie saßen zusammen auf dem grünen Kanapee, Therese untätig in einer Sofaecke lehnend und ihr Armband am linken Handgelenk unablässig hin- und herschiebend. Ihr Blick, nur zuweilen mit scheinbarer Sammlung in seinen Augen ruhend, durchforschte unruhig die Dämmerung der unbeleuchteten Zimmertiefe und hing dann wieder wie plötzlich gebannt in nächster Nähe, an einer Fehlstelle in der Politur des Tisches, die sie spielend berührte, — an einem kleinen braunen Fleck ihres Unterarms.

„George, —“ fragte sie plötzlich, als er schon seit einer Weile von einer Bibliotheksangelegenheit sprach, — „könntest du denn daran denken, zu den Franzosen überzugehen?“

Sie sah ihn von der Seite an, — fast lauernd. Er nahm den Anlaß wahr und holte sehr weit aus. Er sei in Polnisch-Preußen geboren, habe diesen Boden verlassen, noch ehe er wieder in preußische Hände übergegangen sei, und hätte alsdann von seinem elften Jahre an nacheinander, — er zählte es an den Fingern her, — der russischen, englischen, hessen-casselschen, polnischen und nun endlich der kurfürstlich-mainzischen Regierung gedient. Hätte als Gelehrter das ungeheure russische Reich, fast alle Länder Europas und die halbe Erde bereist … Hier flocht Therese ein: „Zwischen deinem elften und zwanzigsten Jahr, — ach, Georgie, du Gelehrter!“ lachte ein kleines, gurrendes Lachen und streichelte spielend seine Rechte. Jawohl, fuhr er mit ernsthaftem Eifer fort, er habe eben auf diese Weise, wenn nicht die ganze Erde, so doch Europa als sein Vaterland betrachten gelernt und die Menschheit als sein Volk, sei zudem nie einer Kirche hörig gewesen, sondern von frühester Jugend an durchdrungen und geleitet von der königlichen Kunst, mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes und mit dem Zirkel der Pflicht in der erdumfassenden Vereinigung aller Guten zum Guten zu wirken, deren Ziele nie andere gewesen wären, als die, die nun auf den Fahnen der glücklichen Neufranken stünden …

„Mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes, mit dem Zirkel der Pflicht …“ wiederholte er sich lächelnd die alten wohlgefälligen Symbole. Therese, die übrigens keineswegs zugehört hatte, obgleich sie mit dem Ausdruck des Lauschens dagesessen hatte, aber dem eines angestrengten Lauschens über seine Ausführungen hinweg, zuckte plötzlich auf, sagte: „Horch!“ und „Also doch!“ sank aber gleich wieder in Gleichgültigkeit zurück, denn das war Sömmerrings Stimme, die jetzt nach dem Geräusch der sich schließenden Haustüre unten im Flur hörbar ward, und Sömmerrings schwerer Schritt, der da die Treppe hinauf kam.

„Sömmerring“, murmelte George, nach der Tür blickend, von einer unerklärlichen Unruhe überschauert, und dachte dabei, diese Tage seien geeignet, einen zum Geisterseher zu machen, immer dächte man, es stünde ein Schicksalsbote draußen oder auch — Huber.

„Da wären wir!“ sagte Sömmerring ein wenig schnaufend, wie er nun im Türrahmen stand, schwarz sich abhebend gegen das Licht des Lämpchens draußen auf dem Flur, „und da bringe ich die wandelnde Hieroglyphe.“ Vollends eintretend ließ er einen hohen, schmalen Schatten hinter sich ins Zimmer gleiten und, — „ja, ich wußte es!“ dachte George, — dies war Huber! Huber, der zögernd in den Lichtkreis des Armleuchters trat, mit hängenden Schultern, den dunklen Blick aus fast weißem Antlitz auf Therese geheftet, die ihn ansah, ja, die ihn ansah und lächelte, George wußte es, — Huber, der nun murmelte: „Ja, — hier bin ich wieder. Ich dachte, ihr könntet meiner bedürfen. Es braucht ja keiner zu wissen. Wem sollte es auffallen? Ich will ein paar Tage verweilen, die Ereignisse abwarten …“

War es möglich, alle diese Dinge zu sagen, als seien sie Zärtlichkeiten? Sömmerring, in seinen gewohnten Armstuhl niedergelassen, sagte mürrisch, indem er seine großen Hände ineinanderrieb: „Was ist da viel abzuwarten? Morgen oder übermorgen sind sie da.“

Huber war in das Dämmer zurückgewichen und lehnte irgendwo an der Wand. Er lachte nervös.

„Fama geht in vieler Gestalt um. Gestern ein Weisenauer Marktweib, heute ein betrunkener Weilheimer Husar. Und der Stephanstürmer stößt ins Horn, die Alarmschüsse knallen, Kriegsrat wird abgehalten und wer ein schlechtes Gewissen gegen die unterdrückte Majestät des Volkes hat, läuft, was er laufen kann. Und Custine ist längst wieder in Landau.“

„Die Stadt ist entvölkert,“ sagte Sömmerring düster, „da!“ Er hob den Finger. Unaufhörliches Wagenrollen kam fernher durch die Nacht.

„Ah bah, — der Adel geht auf Reisen und die Emigranten suchen andere Weideplätze.“ George erhob sich und begann ungeduldig auf und ab zu gehen. „Custine ist nicht wieder in Landau! Warum sollte er auch?“

„Hoffst du, daß er nicht wieder in Landau ist?“ Therese saß, das Kinn in die Hand gestützt, und zog die Augenbrauen hoch.

„Ich hoffe gar nichts. Ich vertraue der Stoßkraft dieser Idee …“

„Welcher Idee?“

„Wie kann man fragen? Der Idee der Freiheit!“

„Esterhazys Armee soll in der Bergstraße stehen,“ sagte Huber sanft, „dies dürfte die Stoßkraft dämpfen.“

„So? Und wenn die Sansculotten morgen vor unsern Toren stehn? Was nützen uns da die Esterhazys in der Bergstraße? Sollen uns unsere dreihundert Mainzer und Weilburger Kerls verteidigen? O Gott, o Gott! O Gott, o Gott! Eine Festung wie Mainz und bei solchen Zeitläuften von Truppen evacuiert! Ist es zu glauben?“ Sömmerring rang buchstäblich die Hände.

„Frankfurt schickt Sukkurs.“

„Wie unterrichtet Sie sind! Dann lassen Sie sich nur sagen und erzählen Sie es den Frankfurtern, daß man hier nicht an Verteidigung denkt, gar nicht daran denkt! Eikmeyer ist imstande und geht Custine mit den Schlüsseln der Festung nach Weisenau entgegen und die Intelligenz der Stadt schreit: Vive la nation!“

„Nun, nun, mein Alter! Und du schreist nicht mit?“

„Oh, hier ist nichts zu scherzen! Ich wünsche meinen Hausstand nicht während eines Erdbebens zu begründen. Und du bist von Demagogen verführt und hast das Gefühl für Maß und Bürgerwürde eingebüßt, — laß dir es sagen, Freund!“

Sömmerring stand im Begriffe, sich zu verheiraten. George nickte ihm mit schwermütiger Freundlichkeit zu. Seine Hand spielte mit dem kleinen globus terrae aus Kristall, den er wie auch Sömmerring an der Uhrkette trugen, einem rosenkreuzerischen Abzeichen aus der Casseler Zeit. Er zitierte träumerisch die alte Formel: „‚Wenn die Hauptzahl erfüllt sein wird, so wird der Größte der Kleinste und der Herr der Diener seines Dieners und der Knecht seines Knechtes sein … Die Sünden der Profanen werden vor den Augen des Jehova die Wagschale überwerfen und ihr Maß wird voll sein … Ein Hirt und ein Schafstall, ein Herr und ein Knecht — und die Weisen werden gehen auf Rosen aus Eden,‘ — oh, Bruder, war das nicht auf diese Zeit gesagt?“

„Willst du nicht auch wieder anfangen, Tote zu beschwören und den Sternen zu gebieten, ihren Ort zu wechseln? Still, ich will nicht erinnert werden. Der Teufel versucht dich, laß dich warnen und weck den Schwärmer Amadeus nicht auf!“

Forster lächelte wehmütig.

„Fürchte nichts!“ sagte er. „Amadeus ist tot.“

„Hätte ich wieder einen Sohn,“ sagte Therese leise, „er sollte Amadeus heißen, — oder Aimé, — Geliebter!“

Das Wort zog bunte Kreise durch den Raum. Die drei Männer lächelten. Therese blickte unbefangen auf, fand Hubers Augen mit einem leidenschaftlichen Triumphieren auf sich ruhn, lächelte verwirrt und sah auf ihre Hände. — — —

Den Prophezeiungen eines veritablen chargé d’affaires zum Trotz hatte die Idee der Freiheit in der Gestalt des Bürgergenerals Adam Philippe de Custine ihre Macht bewiesen und war am 21. Oktober ganz ohne besonderer Stoßkraft zu bedürfen, in einem Tressenrock aus Scharlachtuch, einen gewaltigen Federhut auf dem à la chien frisierten Haupte mit großem Gefolge in Mainz eingezogen. „So sieht er aus, der Wüterich, — mon dieu!“ sagte die kleine Forkel ganz enttäuscht, neben Therese und Karoline in einem Fenster der Bibliothek an der Großen Bleiche lehnend, — „ein Mann mit Haar am Mund, — fi donc und Philipopel!“ Ein stumpfnasiger, ein undämonischer Mann, fand Therese, der wie im Traum zum Ruf eines Attila gekommen sein müsse; er gliche einem gutmütigen Schlächterhund, der allzu reichlich von fettem Abfall lebte.

„Meine Lieben,“ sagte Karoline erheitert, „ich staune über eure espérancen! Seid ihr vielleicht auch enttäuscht über das ausgefallene Bombardement? Lise soll ja gesagt haben: beigewohnt haben möchte ich dem doch einmal, — und so mag wohl auch der neugierige Goethe gedacht haben, als er bei Valmy in den Kugelregen ritt!“

„Ich habe gar nichts erwartet“, sagte Therese hochmütig und zog sich vom Fenster zurück. „Ein Edelmann, der sich dieser Zeit fügt, taugt nichts, — da waren die Emigranten mir lieber!“

„Potztausend!“ Dora Forkel war pikiert. „Und Sie weinten doch vor Entzücken beim Anblick der ersten cocardes tricolores in der Schustergasse, — wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, meine Teure.“

„Und ich werde immer weinen, wo ich sie erblicke als Abzeichen einer großen Gesinnung, einer freiheitsgläubigen Seele … Wir wollen gehen, George, — wir wollen ins Lager gehen und die echten Söhne Frankreichs und der Freiheit begrüßen. Dies ist kein führender, — dies ist ein geschobener Mann!“

Sie lachte schrill. George bot ihr stumm den Arm.

Das Herz voll aufjubelnder Erinnerung an das Volk, das er vor zwei Jahren auf den Champs d’Elysée sein großes Bruderfest hatte zurüsten sehen, ja, möglicherweise in dem Gefühl, hier handele es sich um eine Fortsetzung jenes Festes, in das nun auch er und was um ihn war, einbegriffen sei, — sie waren in größerer Gesellschaft dem Zuge der vors Tor hinausströmenden Bürger gefolgt, — in dieser nicht gewöhnlichen Stimmung also, einem Rausch der Menschenliebe, des Freiheitsfrühlings, — konnte sich George nicht enthalten, einem der ersten Söhne der Freiheit, die ihm in den Weg kamen, unter Schwenkung des Hutes ein aufrichtiges: „Vive la république!“ zuzurufen. Der Soldat, ein langer brauner Kerl, auf seine Flinte gelehnt und die Vorübertreibenden nicht eben freundlich musternd, spuckte aus, strich sich den Schnauzbart und rief herzlich: „Sacré! Elle vivra bien sans vous!“ worauf er sich abwandte. In der sonderbaren, ahnungsvollen Bewegtheit seines Gemütes ging das Wort George tagelang nach. Elle vivra bien sans vous! Oh, dies war eine Warnung des Schicksals! Nein, er würde nicht dem Klub, der Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit beitreten, die sich schon am ersten Tage nach dem Einzug der Franzosen um einige allgemein bekannte Revolutionsschwärmer zu kristallisieren begann, um den Dr. Metternich etwa und den Professor Blau, einen der lebenslustigen Priester, denen das Beispiel des Kollegen Dorsch in die Augen stach, der vor einem Jahr in das freiheitliche Straßburg übergesiedelt war und dort die ihm nachfolgende Demoiselle Strohmeier, zu der er allgemein bekannte, anstößige Beziehungen unterhalten hatte, nunmehr ehelichte. Der Kollege Dorsch übrigens kam, noch ehe der Oktober um war, wieder in Mainz an und brachte die geehelichte Strohmeiern mit, desgleichen kam der Professor Böhmer angereist, ebenfalls aus Straßburg und nicht eben zum Entzücken seiner Schwägerin Karoline. Niemand wußte recht, hatte Custine diese Herren wirklich herbeigerufen, wie sie in Umlauf zu setzen nicht unterließen, oder waren sie seinen Spuren gefolgt, kleine Schakale der Fährte des Löwen? Nun, jedenfalls, sie wußten ihr air zu behaupten, waren nicht mehr Dilettanten der Sache der Freiheit gegenüber, sondern verstanden es von Grund aus, eine larmoyante und träge deutsche Bürgerschaft, die am Ende gar noch mit ihrem Despoten zufrieden gewesen war, zu elektrisieren. Dergleichen Leute also, wie jener Metternich, wie der dicke Blau mit Dorsch und Böhmer, zu denen sich etwa noch der Historiker Hofmann und Wedekind gesellten, bildeten den Kern der Mainzer Jakobinergesellschaft, — und, wie gesagt, — George verzichtete. Nicht allein, weil Marianne in Gestalt jenes Getreuen ihm einen Korb gegeben habe, sagte er lachend zu Therese und Karoline. Sei nicht der erste Korb einer Spröden immer mit den Blumen der Hoffnung gefüllt? Nein, — er verzog das Gesicht und schob die Schultern hin und her, — diese Gesellschaft war nicht sein Geschmack. Sie gebärdete sich allzu sehr wie eine Schulklasse, die der Lehrer verlassen hat. Sie war nicht durchpulst von dem ursprünglichen heißen Quell der Empörung. Sie gefiel sich in einer äffischen Nachahmung von Paris, war tollgewordnes Spießbürgertum. Huber, der ihn aufmerksam ansah, meinte zögernd, als taste er im Dunkeln nach der Klinke einer verschlossenen Tür, ob es denn nicht vielleicht gerade aus diesen Gründen die Pflicht eines Mannes von wahrem Weltbürgersinn sei, die große Sache auf deutschem Boden würdig zu vertreten? Dies sagte Huber, indem er nun nicht mehr George, sondern Therese ansah und Therese, den Blick unsicher und fragend erwidernd, nickte plötzlich mit Heftigkeit Beifall: „Freilich, George, — hier kommt es auf den Standpunkt an.“

„Ich bin kein führender Mann“, sagte George gedankenverloren, Tags zuvor gehörte Worte wiederholend, ohne es zu wissen, und nicht wahrnehmend, daß die Blicke Hubers und Theresens sich hastig kreuzten, um einander wieder zu fliehen, während Karoline ihn voll Schwermut ansah.

Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die Haustüren hinein und wallte still über die Treppen; er quoll in die Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach Nebel allein, es war nicht nur jener fast süße feuchte Geruch nach frischen modrigen Blättern und überblühten Veilchen, den man an Novemberabenden zwischen den Heckenwegen spürt, — dieser Herbst war Krankheit. Es lag Fäulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdünstungen des Heeres, seiner Menschen und Tiere, — es lag Lähmung, verzweifelte Unentschlossenheit über dem öffentlichen Leben, die den Bürger hinderten, die Stadt für den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach holländischem Tabak, nach parfümiertem Puder, waren die Dünste ungewöhnlicher Mahlzeiten, von denen die Atmosphäre durchwittert war. Es war das ständige Signalblasen der Hörner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen, die neuen Lieder und Tänze, die abends aus den Häusern schollen, der Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als quälend herbstlich empfand, als spukhaft, als eine unerträgliche, laue, schlaffe Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen Rechtes zur Sünde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der Mensch unternehmen könnte, um den fürchterlichen Stillstand des Lebens zu unterbrechen, hieß noch eben Sünde. Es war das lautlose Abbröckeln der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbäume draußen vor den Fenstern, das George fast rasend machte. —

Wünschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte sich überreden lassen als Wortführer einer Deputation von Professoren dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der Universität erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erließ dem Institut alle Zwangsabgaben und ließ sich durch Böhmer, der sich mit einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretärsdienste im Schlosse teilte, die Rede des pp. Forster in der Niederschrift ausbitten. „Hier hätten Sie hinterhaken müssen, mein Teurer, hehe! Sie hatten den Fuß im Bügel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte ein flüchtiges Interesse für Sie gefaßt, es hätte leicht ein faible werden können, — aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich fürchte, der General ist verstimmt.“ Böhmer, der George als Abschluß eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: „Es ist noch nichts verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin“, und verabschiedete sich. Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Böhmer war ein Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst dieser Regierung, deren Grundsätze er als seine eigensten, innersten fühlte, angewiesen, ging sein Herz in einem Takt mit dem großen heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld händeringenden Kurfürsten eine sentimentale Treue zu halten, — nun wohl, — was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen? Übrigens war es von eigentümlichem Reiz zu fühlen, daß erschrockene Bürgeraugen auf einen sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; daß kleine Anregungen, die man unter der Hand gab, wohltätige Folgen zeitigten, so wie etwa auf seine ursprüngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu spielen anfing, damit die französischen Offiziere sich amüsieren und das Publikum sich wieder humanisieren möge. Es war von eigentümlichem Reiz zu wissen, daß Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen wollten, ohne ihn, — denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast unwiderstehlich, zu denken, daß eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner Menschlichkeit bedurfte. „Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern die Liebe meiner Brüder“, redete er inbrünstig in Brands große blaue Kinderaugen hinein, die gläubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen fortwährend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen privater Natur abgespeist wurden. „Zudem scheint Preußen endgültig auf mich zu verzichten …“

Oh, Preußen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der König ließ den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren, denen alle staatsmännischen Künste des Grafen Herzberg nicht gewachsen waren. Dem König fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung, dessen Grundsätze, Charakter und Wandel bis dato für die Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit zur Entwicklung eines großen Überblicks, einer gesunden Einschätzung der Zeichen der Zeit geboten hätte. Einen deutschen Fürsten von weitem Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes jetzt durch vernünftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer gesunden Staatsverfassung führen zu dürfen …

„Freilich,“ unterbrach Therese sein Schwärmen und bat durch einen Blick um Brands Teller, den sie mit Suppe füllte, „da indessen weder dein Freund Voß noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den König auf sein Glück aufmerksam zu machen, so hielte ich es für ratsam, sich an das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fuß auf dem Wagentritt du — möchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen lassen.“

Eine Estafette seiner Regierung mit einem kräftigen Verweis hatte den chargé d’affaires vor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen Staatspapieren zurückbeordert.

„Meinte er das?“ George nickte grüblerisch. „Ich gebe so viel auf sein Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, — fehlt er uns nicht?“ Er aß hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb begriff. Why, — hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Tränen? Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt, die sie auf dem Schoß hielt und fütterte. Jetzt sagte sie mit etwas rauher Stimme: „Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen Individuen.“ Sie stockte und blickte vor sich hin, als dächte sie selbst erstaunt über ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten Gruß, als Karoline während ihres Redens leise eintrat.

„Du hättest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge fassen sollen, George,“ sagte sie, das Kinn in die Hand gestützt und die Augen empor gerichtet, als läse sie eine nachträgliche Weissagung von der geblümten Tapete ab, — „du hättest das diplomatische Fach ergreifen sollen und dein Glück wäre heute gemacht. Du hättest überall Freunde und Gönner, du hättest Konnexionen an allen Höfen Europas, — du hast so charmante Umgangsformen, mein George!“

Sie sah ihn mit spielender Zärtlichkeit an, vermochte es, daß sein blasses Gesicht kindhaft strahlte, überließ ihm ihre Hand und phantasierte weiter:

„Du hättest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher betreiben können, — so wie der Goethe es auch tut, — nicht wahr? Der Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe für dich, — ich weiß es. Konnte er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem törichten Carolinum? Du hättest dich für die armen hessischen Landeskinder verwenden können, die er nach Amerika verkaufte, — sieh, das wäre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wäre die Sache schon weiter gegangen und wer weiß, welchen Verlauf die europäische Politik genommen hätte, wenn …“

„Nun? Wenn was, meine geliebte Sibylle?“

„Ja, — wenn George Forster in Wien oder Paris am Steuer gesessen hätte. Nicht wahr? Nun — und für Paris — ist es ja noch nicht zu spät.“

„Ah bah, mein liebes Kind. Worauf willst du eigentlich hinaus? Was meint sie wohl, Karoline?“

„Daß — du deine Chancen nicht wieder versäumen sollst, — George.“ —

Die Suppe war abgetragen worden, die Kinder hatten Gute Nacht gesagt. George ging unruhig auf und nieder, die Hand gegen die schmerzende Stirn gepreßt. Er murmelte: „Ich dachte dieser Krise als Privatmann beizuwohnen.“ Therese, ohne vom Moniteur aufzublicken, in dem sie las, antwortete:

„Du mußt es selbst wissen, was du deinem Namen schuldig bist.“

„Mr. Forster wird mit mir fahren nach Italien als mein Mentor, wir werden studieren der Urpflanz und führen Mr. Goethe ad absurdum, — is it not, Mr. Forster?“ erinnerte Brand, in eine Sofaecke gerekelt. „He is not made for politics, Madam, not at all. Not hard enough, you know!“

„So, — und Huber, — dieser sensible Mensch mit dem Herzen einer Mimose? Oh, wir gehen alle an unsern wahren Bestimmungen vorüber! Und das ist die Erbsünde!“

„Was wäre denn Hubers Bestimmung gewesen? Oh, ich frage nur beiläufig …“ Karoline war damit beschäftigt, kleine Puppen aus Stoffresten in den französischen Farben zu machen.

Therese sah in ihren Moniteur. „Huber ist ein Dichter“, sagte sie leise. —

„Ich habe gehört, daß Dora Stock schwer kränkeln soll“, erzählte Karoline nach einer Weile unbefangen und hielt ein Püppchen gegen das Licht. „Schiller und Körner sind sehr schlecht auf Huber zu sprechen.“

„Daß Dora schwer kränkeln soll, — was heißt das?“ wiederholte George.

„Er hat ihr einen Scheidebrief geschrieben, — Huber.“

„Huber — hat Dora einen Scheidebrief geschrieben? Therese?“

„Oh — was sagst du das so fassungslos? Ja. Hat er es nicht erzählt? Dora würde auch nie einen Menschen an sich binden, der in Bezug auf sie désinteressé ist.“

„Was meint Scheidebrief?“ fragte Brand lernbegierig. „Does it mean separation?“

„Freilich, Vortrefflicher,“ lobte Karoline und fügte hinzu: „Es ist ein Ausdruck aus der deutschen Bibel.“

„Indeed!“

Er hatte Karoline durch die dampfende Nacht nach Hause begleitet und kam hustend in das Schlafzimmer. Er zog sich hastig und leise aus. Therese lag mit großen, wachen Augen, ohne sich zu rühren. Im Nachtanzug endlich kniete er an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand und küßte sie inbrünstig. Er flüsterte: „Ach Gott, du bist so traurig, mein Herzenskind, — ach, kannst du es mir nicht sagen?“

Sie flüsterte: „Du weißt es ja, George.“

Ihre Tränen stiegen, fielen, tropften lautlos über ihre Schläfen. Sie rührte sich nicht.

Der Schritt der Ronde klang auf der Straße. Der Ruf erscholl:

„Qui vive?“

Der Herbstregen klöpfelte rasend ans Fenster.

George weinte heftig, lautlos und gebrochen mit Therese. — — —

Der Geheime Staatsrat von Müller war während aller dieser Vorgänge abwesend von Mainz und auf einer Reise nach Wien gewesen. Anfang November kam er zurück, aber obgleich Custine sich angelegentlichst um ihn bemühte, gelang es ihm nicht, diesen wertvollen Mann seinerseits vom Wert der neuen Ära zu überzeugen, und nachdem Müller einige harmlose eigene Geschäfte in aller Öffentlichkeit und einige im Sinne der Franzosen vielleicht weniger harmlose in aller Stille erledigt hatte, reiste er wieder ab, nicht ohne dem Mainzer Publikum Mäßigung und eine kluge Fügung in die Absichten der Eroberer nahegelegt zu haben. Es war George nicht gelungen, ihn zu sprechen. Allein die Meinung Müllers, daß die Mainzer gut täten, nicht wider diesen Stachel zu löcken, und seine behutsamen Ratschläge an einige einflußreiche Bürger, dem Klub beizutreten, sich in die provisorische Administration wählen zu lassen, um dort den Leuten zu steuern, die beabsichtigten, im Trüben zu fischen und für den Schutz des privaten und öffentlichen Eigentums zu sorgen, — diese diplomatischen Äußerungen zur Sachlage kamen George zu Ohren und erschienen ihm bald wie eine Rechtfertigung seiner langsam gereiften Absichten. Dennoch erschien es ihm nicht anders wie eine Überrumpelung seines Geschmacks und seiner Willensfreiheit, als Blau ihm am Abend des 10. November nach einer Klubsitzung im Akademiesaal des Schlosses, der er beigewohnt hatte, das in Blech gestanzte Abzeichen der „Freunde der Freiheit und Gleichheit“ auf die Brust heftete, wozu der behäbige Riese einigermaßen schmunzelte.

„Als wir den Freiheitsbaum setzten,“ erzählte er und hielt George am Rockaufschlag fest, „hab ich gehört, wie zwei Juden sich unterhielten. ‚Gott der Gerechte!‘ sagte der eine, — es war der Bär Ingelheim aus der Judengasse, der andere war der Isaak Bär aus Weisenau, — ‚Was heißt F. G.?‘“

Blau stieß vergnügt mit dem Zeigefinger auf diese geschmackvolle Blechmarke mit den Initialen von Freiheit und Gleichheit. George, betroffen von der plötzlichen Erkenntnis, daß dies schicksalsvolle Abzeichen eine Umstellung seiner eigenen Anfangsbuchstaben enthielt, wandte sich unlustig zum Gehen, aber der andere nahm seinen Arm und kam mit.

„Sagt der Isaak Bär, dieser Patriot, hoho! Gott der Gerechte, du fragst? Heißt sich Frau Grausin …“

„Maria und Josef! Und Sie verstehen den Witz am Ende gar nicht, Herr Hofrat!“ fuhr er fort, nachdem er sich von einem ausgiebigen Heiterkeitsausbruch erholt hatte, — „haben nie für ein Hundel eine Marke bei der Grausin, der Wasenmeisterin, um zehn Kreuzer geholt?“

„Und auch sonst nie Beziehungen zu ihr unterhalten?“ sagte Dorsch an Georges anderer Seite und hüstelte.

Blau amüsierte sich unverhältnismäßig. „Der Jude ist eine witzige Kreatur!“ Die Geschichte ging noch viel weiter. Am Schluß hatte Isaak Bär sich den Freiheitsbaum, der an Stelle des uralten Mainzer Wahrzeichens, des eisernen Steins, auf dem Markt gesetzt worden war, schief angesehen und seinen Eindruck von diesem mit der roten Jakobinermütze gekrönten, bekränzten und bewimpelten Mastbaum dahin zusammengefaßt, daß er sich hinter dem Ohr kratzte und sagte: „Ei weih! Ain Baum ohne Worzel, — eine Kappe ohne Kopp!“

„Volksstimme!“ sagte Dorsch jetzt scharf. „Ich bin auch überzeugt, meine Herren, daß die Sache hier keinen Boden fassen wird. Böhmer zieht uns den Abschaum der Stadt auf den Hals und macht uns mit seinen Listen und Deklamationen vor ganz Deutschland lächerlich.“

Böhmer begann den Schreckensmann en miniature zu spielen. Er hatte neuerdings im Klub das „rote Buch der Freiheit“ und „das schwarze Buch der Sklaverei“ ausgelegt und forderte die Bürgerschaft täglich unter geheimnisvollen Androhungen oder ekstatischen Hinweisen auf „unsern Heiland, den Bürger Custine“ auf, ihren Standpunkt durch Eintragung in eins der Bücher darzutun. Er sprach die Absicht aus, „die Despotenknechte wie Staub vor sich herzujagen“ und alsdann die Bürger mit Gewalt zur Annahme der fränkischen Wohltaten zu zwingen. George, von Widerwillen geschüttelt, sagte zu Dorsch: „Freund, — jede große Sache hat ihre Affen und Narren. Sie lebt aber durch ihre Priester. Es steht jedem frei, seinen Standpunkt zu wählen.“

Er grüßte hochmütig und bog in die Tiermarktstraße ein. Seine Finger nestelten an dem gelben Medaillon und lösten es ab. Er gehörte nun zu ihnen, jawohl. Aber sie sollten ihn nicht hinunterziehen! Er, dem die Freiheit ins Herz geboren war, bedurfte keinerlei Ausweise für seine Gesinnung, weder der Kokarde noch dieser verfluchten Hundemarke. Er betrat sein Haus leise, er suchte sein Kabinett auf, er mußte allein sein, sich sammeln, seinen Weg in die Zukunft zu erkennen suchen. Und in der reinen Atmosphäre seiner Arbeitswelt, hier unter seinen Büchern, vor seinen Manuskripten, unter all den Zeugen seines dem Geist geweihten mühevollen und gebeugten Lebens, überkam ihn das Bedürfnis, sich vor einem Gleichgestellten, einem Weggenossen zum ewigen Ziel, zu rechtfertigen, sich zu reinigen in der Berührung mit einer brüderlichen Seele, so heftig, daß er den Armleuchter zum Stehpult trug und mit fliegender Feder an Müller zu schreiben begann:

„Da die Umstände mich nötigen, an der provisorischen Organisation des Mainzischen Landes, soweit es gegenwärtig in den Händen der französischen Republik ist, tätigen Anteil zu nehmen, so halte ich es für unumgänglich nötig, Ihnen, mein vortrefflicher Freund, die Gründe, die mich bewogen haben, und die Grundsätze, nach denen ich mein Verhalten einzurichten willens bin, vorzulegen.

Sie wissen, daß in meinen Augen die Freiheit immer das größte, schätzbarste von allen Gütern gewesen ist und es immer sein wird. Ohne sie gibt es nach meiner Meinung kein wahres Glück, kein öffentliches Wohl.

Aber der Philosoph kennt eine moralische und innere Freiheit, die von der politischen äußeren sehr verschieden ist, die Freiheit, welche Epiktet auch noch in Fesseln hatte, die Freiheit, welche man selbst unter der Regierung von Tyrannen behält, wenn man nur Kraft hat, es zu wollen. Nun, diese Freiheit muß der wahre Gegenstand unserer Verehrung sein! Denn sie bleibt uns übrig, wenn Klugheit uns zeigt, wie ohnmächtig die in unserer Gewalt stehenden Mittel sind, um uns den Besitz der politischen und bürgerlichen Freiheit zu verschaffen.

Wer aber kann den Zeitpunkt bestimmen, wo es dem gerechten und denkenden Mann zur Pflicht wird, die Erwerbung dieser politischen und bürgerlichen Freiheit zu versuchen, ohne welche der große Haufe des Menschengeschlechtes nie zur Vollkommenheit des intellektuellen und moralischen Wesens, zu der inneren Freiheit, dem wahren Endzweck seines Daseins, gelangen kann? Mich dünkt, man muß die Augenblicke erwarten, wo der allgemeine Wille sich erklärt, erwarten und sogar ergreifen, um hervorzubrechen und zu dem großen Werke des öffentlichen Wohles mit beizutragen …“

Dieser Zeitpunkt war nunmehr eingetreten, kein Zweifel. George hob den Blick und sann, fühlte sich feurig durchströmt von Kräften, die einem neuen großen Gefühl der Verantwortung entsprangen, — einem eben so edlen als von ihm mißverstandenen Verantwortungsgefühl, lächelte, bestürzt vor Glück, setzte die Feder wieder an, zauderte einen Augenblick und schrieb dann unaufhaltsam fort. Sein Gesicht brannte, als er fertig war, wunderliche, nie gekannte Schwingen hielten ihn schwebend über dem Alltag. Er überlas das Geschriebene.

Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich während des Schreibens erst ganz bewußt geworden zu sein glaubte, schienen ihm groß und schön und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Müller gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden über das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in Müller verkörperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte einen Scheidebrief geschrieben, er wußte es, — und wußte es doch nicht. — — —

Frauen brauchten immer längere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden, er meinte sich dieser zögernden Haltung einer fertigen Entscheidung gegenüber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntem zu erinnern, selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrängt hatte. War es nicht immer so gewesen, daß sie ein gedehntes „Ach!“ sagte und dann lange Zeit gar nichts und dann Einwände hören ließ und Zweifel vorbrachte. Oh, er suchte ängstlich in seinem Gedächtnis nach ähnlichen Fällen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlüsse dermaßen zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht maßgeblich war, an diesem Abend zur Schau trugen, veranlaßten ihn zu einer zornigen Gesprächigkeit. Was der Vater in Göttingen sagen würde? Wie, war dies auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, daß man diesseits und jenseits der Leine in Frieden lebte, äße, tränke und schliefe, — daran würde auch der Übertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes Gebiet nichts ändern, obschon es gewiß einige Lamentationen kosten würde. Sie möge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine Liebe für den alten Herrn, — seit wann aber fordere sie, daß er ihm zuliebe seine Lebenswege in der hannöverschen Tiefebene halte? Viel peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des väterlichen Vulkans in Halle, und — nun ja, er sei eben nicht in der Lage, das Praktische ganz über dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie und die Kinder nicht hungern lassen dürfe: würde der wackere Voß in Berlin sich jetzt noch zur Gewährleistung jenes Darlehns der 1500 Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden — „du entsinnst dich wohl, meine Teure!“ — so dringend bedurfte, verstehen können? — Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, daß es derlei Bedenken ja auch sein möchten, die den Hofrat Heyne möglicherweise zu Lamentationen veranlassen würden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: „Und dies hast du nicht bedacht, mein Freund, daß du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefährdest? Oh, wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages …“ Sie nickte aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.

„Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt? Vor drei Tagen redetest du anders.“

„Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?“

„Willst du mir bitte nicht erklären …“

George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinüber, die seinen Augen auswich und sagte, von einer Erkenntnis überkommen, fast ohne es zu wissen:

„Huber ist hier gewesen!“

Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und setzte hinzu:

„Und — ich sollte es nicht wissen.“

„Ich weiß nicht, warum ich es dir nicht erzählt habe.“ Therese sprach abgebrochen, in hastigen, kleinen Sätzen. „Er war vorgestern ein paar Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfürstlichen Privatbibliothek …“

„Was du drei Tage wenigstens vorher gewußt hast …“

„Bitte, — mein Freund?“

„Oh, — nichts!“ —

„Er sprach so überzeugt davon, daß die Preußen Mainz wieder nehmen würden. Er ist doch immer aus erster Hand instruiert. Er hat mich ganz kleinmütig gemacht. Er meinte, du dürftest dich nicht kompromittieren.“

„Ich sollte meine Überzeugung opfern?!“

„Lache nicht so schrecklich! Er sagte, du könntest auch in Deutschland als Republikaner leben, in Altona oder Hamburg zum Exempel …“

Sie sah ihm scheu nach, der nun nach alter Gewohnheit im Zimmer auf und abzugehen begann. Sie verfolgte sein mühseliges Wandern mit den Blicken einer befremdlichen, fast haßvollen Gespanntheit. Karoline beugte den Kopf über ihre Stickerei. Der harmlose Brand gähnte über dem „Bürgerfreund“, der neuen Zeitung des revolutionären Mainz. Therese wartete. Aber George sagte nur:

„Ich habe noch Schreibarbeit. Ich bitte mich zu entschuldigen. Willst du dafür sorgen, daß ich warme Mehlsäckchen zum Umschlag vorfinde, — mein Knie ist wieder sehr schlecht.“

Er nickte Gute Nacht und ging hinaus. — — —

Der rasende Ablauf der Tage vor einem großen Aufbruch ist bekannt. Es sind Geschäfte zu erledigen, unabsehbare Geschäfte, deren Wichtigkeit uns fast erdrückt und von denen wir nie zugeben würden, wir wüßten, daß wir sie überschätzten. Sich mit ihnen abzugeben, scheint Aufschub zu bedeuten, nicht wahr? Einer, der bisher gelebt hat wie der Mönch in seiner Zelle, auf seine Pergamente gebückt, die Füße dem Löwen des Geschicks fest auf den Nacken gestellt und nicht duldend, daß er sich erhebe, — er rast auf einmal, da die Uhr ihm zu Häupten zum Schlage schon ausholt, hinaus vor die Welt, reißt sich das Gewand vor der Brust auseinander und schreit: Hier bin ich, nehmt mich hin! während das befreite Ungeheuer hinter ihm sich erhebt und ihm die Pranken auf die Schultern legt. —

Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen zur Hand, bisher noch nicht geübt, deren Schärfe unerprobt, deren Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht, hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgeschoß brauchbar schienen; eine Zeitung gegründet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie schmachtenden Völker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, daß der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrünstig hingegeben und die unglücklichen verblendeten Bürger und Bauern nach Kräften über ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklärt, da sie denn dermaßen durch jahrhundertelangen Mißbrauch abgestumpft waren, daß sie nur blöde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht zurückverlangten. Die Emissarien des Kurfürsten schlichen im Dunkeln umher und köderten das törichte Volk mit unverantwortlichen Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!

George, in den Wirbel einer fremden Tätigkeit hineingerissen, vor die Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom Hörensagen kannte, in Fragen der städtischen und ländlichen Verwaltung, von früh bis spät von Klubgenossen, Offizieren, Bürgern und Landbewohnern überlaufen, durch seine Anstellung in der am 19. November errichteten Administration zum Leitstern für alle verzagten Seelen seines Kreises geworden, — George verlor völlig die Besinnung auf sein eigenes Leben und wußte es nicht mehr, daß er hier auf der Bühne des Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schüttelte, Arme ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und deklamierte, daß er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewußt zu werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden Gänge des Labyrinthes jagte …

Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz kommen und nächstens würde er nach Dresden zurückmüssen. Warum sollte Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewährt bekommen, warum ihm den Wunsch nach einer Zusammenkunft in Höchst abschlagen, nach der er, — und auch Therese, und auch Brand, und schließlich auch er selbst, ja, auch George! — verlangten?

Es war gar nicht nötig, daß Brand ihm dermaßen zuredete und seine Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfügung stellte. Er würde gewiß selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, hätte er nur mehr Zeit gehabt. Als Vizepräsident der Administration hatte er selbstverständlich einen Passepartout durch alle Vorposten hindurch und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstraße mainaufwärts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach dem frostigen Nebel der Frühe zu spüren, nicht reden, nicht denken zu müssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges Knabengesicht ihm gegenüber, das mit einem seltsamen Gemisch von Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die die Straße immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen Scherzworte zu den Reisenden hinüberriefen. „Sie halten uns für Mainzer, die ‚kränkelnder Umstände halber‘ für eine Weile verreisen“, wiederholte Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der jetzt dort täglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren Ehemännern aus der gefährdeten Stadt geschickt wurden. Billigte übrigens George ein solches Vorgehen von Ehemännern? Ein nervöses kleines Gelächter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder über dem Geräusch der Räder gar nicht verstanden hatte, fühlte sich der höfliche Brand bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor Schlimmerem zu beschützen! George, wie aus einem Schlaf erwachend, fragte: „Ja, befürchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten Mainz?“ Und als der Engländer stumm mit den Augen auf einen Trupp Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen mit einer alten Bäuerin um ein paar Gänse handelte, und zwar in einer Weise, die auch dem flüchtigen Beobachter keinen Zweifel über Form und Ausgang dieses Handels ließ, zuckte er die Achseln und rief: „Das Volk hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem Palmenzweige in den Händen zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die müssen mit Feuer und Schwert gesät werden!“ Indem rasselte der Wagen schon durch die Gassen von Höchst und unter der Tür des ‚Roten Ochsen‘ auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begrüßen. Das gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzählte von Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen an den Mädchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders das Clairchen. Und Röschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: „Ich will an den Onkel Ferdi denken.“ Im Wagen übrigens sei ein Paket mit Hemden und Strümpfen von ihm, die noch aus der Wäsche gekommen seien, sie seien auch schon geflickt, — „ja, lieber Brand, das müssen Sie nun schon in Kauf nehmen, daß eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strümpfen spricht!“ — und da sei außerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften, zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause würde immer lästiger. Sie hätten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den Räumen im Erdgeschoß, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht hätten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem Kamin sei in Brand geraten, man hätte Maurer ins Haus holen und mit Müh und Not löschen müssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber recht anspruchsvoll, — ja, die wohnten nun in der Mansardenstube … Ihr Geplauder versiegte allmählich unter dem drückenden Schweigen der Männer. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu können, eingeräumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wärme zu verbreiten; von dem hochaufgetürmten Bett und den bekritzelten Wänden ging die Vorstellung schlafloser Nächte aus, der unbehaglichen Nächte Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal preßte Huber die Stirn in beide Hände, stöhnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: „Ich war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies ist’s, warum ich Euch hergerufen habe …“

George machte „Ach!“ und: „Hätten Sie sich doch in Ihren Briefen deutlicher ausgesprochen! Ich wäre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu reißen!“

Indessen wußte er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da Huber verstummte und grübelnd vor sich hinstarrte, nahm er den unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurück: „Ihre Sorge um uns kann kaum größer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, daß Sie nicht imstande sind, mit den politischen Überzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn er, — vergeben Sie mir das Wort, — Ideale äußeren Verhältnissen opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn.“ Er stemmte die Knöchel der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der wandte sich gequält ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder fröstelnd um ihre Schultern zusammen und sah tief erblaßt von einem zum anderen.

„Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik“, sagte Huber endlich leise und nach Worten suchend. „Ich bin als Jüngling in eine politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser äußere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hülle, wenn die reifende Frucht sie sprengt. Da ich kein enragé bin …“

„Welcher Vernünftige wäre es?“

„Da ich kein enragé bin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragödie …“

„Wer — tut — denn das?“

Huber starrte düster vor sich hin. Dann raffte er sich auf:

„Als ich Ihnen neulich zuredete, sich frei zu Ihrer Überzeugung zu bekennen …“

„Oh, es bedurfte keines Zuredens! Wahrlich!“

„Um so besser! Oder um so schlimmer! Kurzum: nie war es meine Meinung, Sie sollten sich in eine Rolle begeben, wie Ihre heutige in Mainz es ist, sich dermaßen bloßstellen, sich vor ganz Deutschland kompromittieren. Wozu denn diese Reden auch noch drucken lassen? Wozu denn nach Frankfurt hinüberdrohen? Wissen Sie, wie man in Frankfurt über Sie spricht? Und daß wir die Preußen vor unsern Toren haben?“

„Welche Sprache! Aber ich halte es Ihrer Erregung zugute!“

„Oh, ich bin außer mir! Ich sehe mein Teuerstes in Gefahr …“ Er besann sich, atmete tief und verbesserte:

„Meine teuersten Freunde am Rande eines Abgrundes. Oh Gott, mein Freund! Noch können Sie zurück!“

Er streckte beschwörend beide Hände aus und blickte George flehend an. George sagte mit einem Gefühl, als rauchte der Eishauch seines jählings erstarrten Herzens aus seinem Munde: „Wohin bin ich geraten? Dies ist eine Verschwörung! Was wollt ihr denn von mir?

Er hatte sich erhoben und einen Schritt vom Tisch zurückweichend starrte er mit erbitterter Befremdung in diese drei ihm zugewandten Gesichter.

„George!“ bat Therese schmerzlich, „du darfst ihn nicht so mißverstehen!“

„Ihr seid alle drei im Bunde gegen mich!“

„Nonsense, Sir! It’s your own best we intend!“ murmelte Brand unbehaglich vor sich hin. Er drehte sich samt seinem Stuhl zum Fenster um. Der frühe Abend begann den Westen trübe blutig zu färben. Dämmerung schlich in die Kammer.

„Wir wollten Sie, teuerster und edelster Mann, nicht bestürmen, von Ihrer Überzeugung zu lassen“, sprach Huber nun sanft und nahezu demütig, indem er auf George zutrat und ihn umfaßte. „Wie dürften wir das unternehmen, die von Ihnen geleitet, den Weg dieser Überzeugung selbst betreten haben und gewillt sind, ihn niemals wieder zu verlassen!“

„Aber Georgie! Als ob wir nicht alle eines Sinnes wären!“

„Was ich Sie nur bitten möchte, — wozu mich mein Gewissen drängt … Oh, Forster, war es denn nötig, gleich diesen vorgeschobenen Posten zu wählen …“

„Nicht ich wählte. Die Wahl fiel auf mich.“

„Gleichviel. Oder ihn anzunehmen? Sehen Sie, auch ich, — auch ich … Ich werde mein Amt niederlegen, sobald gewisse einmal angefangene Geschäfte abgewickelt sind, sobald der schickliche Augenblick sich findet. Ich werde dann als Privatmann leben, mich als freier homme de lettres durchschlagen.“

„Sie haben nicht für eine Familie zu sorgen, — in der Tat!“

„Oh, Forster! Als ob mein Wohl und Wehe noch jemals von eurem zu trennen wäre! Wenn wir uns einen Platz in der Welt gesucht hätten, wo wir zusammen hätten weiter leben können wie in Mainz …“

George war ans Fenster getreten. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte in den traurigen Abendhimmel, als sei er allein.

„Zusammen weiter leben wie in Mainz …“ wiederholte er langsam und nickte vor sich hin. Dann wandte er sich ins Zimmer zurück. „Und warum sollte das jetzt unmöglich sein?“

„Weil, — ums Himmels willen, Freund, sind Sie denn mit Blindheit geschlagen? — weil Frankfurt morgen oder übermorgen oder meinetwegen in drei Tagen in preußischen Händen sein wird und dann ist Mainz doch auch in wenigen Tagen wieder frei!“

„Frei! Hahaha! Lieber Huber, Sie haben das Wesen der Freiheit begriffen! Sie haben es begriffen!“

„Daß Sie doch bei der Sache bleiben wollten! Man wird Ihnen mit hundert andern den Prozeß machen, Sie einkerkern, füsilieren, was weiß ich. Sie meinen, Sie werden dann mit der französischen Armee ins Innere von Frankreich fliehen, — gut …“

„Sie gehen ja von ganz falschen Voraussetzungen aus. Welche Meinung haben Sie denn von Custine und diesen herrlichen Truppen! Frankfurt wird nicht preußisch werden und Mainz erst recht nicht. Wir haben Kastel befestigt. Wir halten eine zweijährige Belagerung aus.“

Huber ging auf ihn zu, als wollte er ihn bei der Gurgel packen. Nahe vor ihm blieb er mit geballten Fäusten stehn, blickte von unten heraus böse in sein Gesicht, was er zuwege brachte, obgleich er größer war als George, und schrie:

„Und dem allen wollen Sie Ihre Frau aussetzen?“

Gleich darauf faßte er sich, kehrte sich ab und fügte mit schwacher Stimme hinzu: „Und Ihre Kinder …“

George sagte dumpf und blickte niemand an:

„Therese kann ja fliehen.“

„Oh, was beschließt ihr über mich!“

George murmelte: „Wer hat denn schon beschlossen?“

Aber nun erhob sich Brand. Seine große, etwas ungeschlachte Gestalt verdunkelte das eine Fenster völlig, niemand konnte mehr die Gesichter der andern erkennen. Brand redete mit vielen Handbewegungen, redete in seinem ungeschickten Deutsch voll gutmütiger Heftigkeit. Er wollte Mr. Forster in seine Berline packen und nach Italien entführen, kurz und gut. Er habe es auch satt, in Mainz der gentilhomme anglois zu sein, der Spionage verdächtig und unter steter geheimer Überwachung. Er würde aber nicht nach Göttingen gehen wie sein Oheim es wünschte, sondern auf eigene Faust nach Italien, über Mailand und Florenz nach Rom, wenn nur Mr. Forster Vernunft annehmen und mit ihm gehen und die Franzosen to their own damned affairs überlassen wollte! Ehe noch George ein Wort sagen konnte, rief Huber emphatisch: „Dies ist ein Wink der Götter!“

„Und Therese — und meine Kinder?“ murmelte George, die Hand an der Stirn.

„Oh, lassen Sie Ihre Freunde sorgen! Vertrauen Sie ihnen doch! Bis Sie ungefährdet zurückkehren können, tragen andre Ihre Pflichten!“

„Nur die Pflichten?“ sagte George tonlos und niemand vernahm ihn.

„Und außerdem ist dir der Vorschuß von Voß doch sicher“, hörte er Therese seltsam gelassen sagen. „Als Brands Bedienter kämest du ohne Gefahr aus Mainz heraus bis Basel.“

„Als Brands Bedienter, sagst du.“

Es war dunkel geworden. Huber ging an die Tür und rief nach Licht. Niemand sprach ein Wort. Als der Aufwärter mit der dürftig scheinenden Unschlittkerze eintrat, hob George ihm das Gesicht entgegen, ein graubleiches verfallenes Gesicht, und befahl, er möge anspannen lassen. Dann, sich Haltung gebend, in gefaßtem Plauderton, mit einem Lächeln zu Therese hinüber und dann, als er Theresens Augen ratlos ins Leere gerichtet fand, Huber fest und freundlich ansehend, sagte er: „Vielleicht werden die nächsten Tage unsere Entschlüsse reifen. Glauben Sie nicht, lieber Freund, daß ich von irgend jemand auf der Welt das Opfer fordern werde, mit mir zu leben — und zu sterben.“

Therese schluchzte auf.

„Oh, George! Welche großen Worte wieder!“

„Mein gutes Kind! Ich glaube, — jetzt hab ich ein Recht auf sie.“ — — —

Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schütze in den Sternen zielte.

Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grüner Dolman fegte hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee. Kam er durch die Dörfer, so ritt er langsamer und stieß in die Trompete: „Trahisson! Massacre! Vengeance! Die Preußen haben Frankfurt genommen! Ver—rat!“

In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein wenig dämpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an seiner Seite machte aufs artigste den Führer durch die Verschanzungen und erklärte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und Soldaten Schulter an Schulter beschäftigt waren. Hier herrschte brüderliche Tätigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende Herz getrösten konnte. George hörte Therese plaudern, hörte sie ernsthafte kleine Fragen tun; er fühlte ihre Hand seinen Arm umspannen, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, — da lächelte er und drückte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit Röschen auf den überfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und rief den grabenden Soldaten sein winziges: „Bon jour, citoyen!“ immer wieder zu, vergnügt über die Heiterkeit, die ihm antwortete. Schneegewölk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam aufregendem Licht auf den hohen Türmen der Stadt dort drüben, während hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern durch wallenden Nebel glänzte.

In schwermütigem Gedankenspiel sagte sich George, daß sein Haus jenseits des Stromes im Land der untergehenden Sonne läge, und daß er nicht über die Brücke zurück, sondern ostwärts gehen sollte, dem Lichte entgegen. Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter führend, redete er sich ein, daß der sinkenden Sonne folgen auch heißen könne, wieder mit ihr aufzugehen, — als er mit einem Male durch das grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der Arbeitenden zur Straße hinwogende Bewegung zum jähen Aufblicken vermocht, den grünen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte, wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrücke zu, deren Bohlen alsbald unter den Hufen dröhnten, während die Worte: „Francfort! Trahisson! Les Prussiens! Massacre!“ durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer, Flüche laut wurden, Fäuste sich ballten und Bruchstücke einer blutigen Geschichte, Raben eines fürchterlichen Gerüchtes durch die Luft flatterten, schreiend und Rache heischend. Und plötzlich fand sich George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden Soldaten, sah Therese hinüberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah sie die Hände auf seinen Arm legen und hörte sie rufen: „Oh, Brand, da sehen Sie, — da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht!“ — — —

In der folgenden Nacht, — einer furchtbaren, endlosen Nacht, — machte George es sich klar, daß es nun nur noch ein Vorwärts für ihn gäbe, und daß er, traumwandelnd wie er zu seinem öffentlichen Bekenntnis zur Sache der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht für sie einstehen müsse. Und da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache Frankreichs, so mußte er eben für Frankreich eintreten, war sein Blut und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, außer der Souveränität des freien Frankenvolkes und seinen Mitbürgern, insoweit sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken und den letzten Tropfen für Mainz, wenn es feurig und heldenhaft für die Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen Freiheitssöhne zu überrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu öffnen und sich mit Freudengewinsel unter den Fuß der heimkehrenden Despotie zu ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Füßen! Denn daß dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darüber würde auch der tobende Klub nicht hinwegtäuschen, der in seiner Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine Zufluchtsstätte für alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz gekommen waren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Bürger war nicht reif für die Freiheit der Selbstbestimmung! Fünfzig, ja hundert Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist für Deutschlands Fürsten, dachte George von längst begrabenen Wünschen noch einmal spukhaft berührt. Einem jener Fürsten, denen Ludwigs Schicksal jetzt wie der böse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph sein dürfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren Lettern an die Wand schrieb … Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der öffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heißen Drang nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach sichtbarer, nach hörbarer, nach ruhmvoller Wirkung, — oh, warum dann nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden hätte, den Weg der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heißen Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren draußen lauschend, denn die von Frankfurt zurückgenommenen Truppen durchzogen nächtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des Dämons der Wankelmütigkeit und es galt nichts mehr als das „Allons, enfants de la patrie“ und den Rhythmus des Ça ira in seiner wahnsinnigen Unbekümmertheit. In einer bangen Rührung hatte er längst wahrgenommen, daß auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hält sie wach, dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fühlend, daß all das unermüdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine Übung, um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hält sie wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung, die ihm anderes einflüstern wollte, die da wußte, Therese will gehen und — Therese hat nun einen Anlaß gefunden, — die Hand über die Augen legend, als könnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht verschließen, sprach er sich die Grundsätze vor, denen jetzt zu folgen war, nämlich, daß er handeln müsse als sei er der einzige unbedingt verläßliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der für sich kein Opfer forderte. Und da kam der Schlummer über ihn, der Schlummer mit der kühlen Schale des Vergessens.

Er hatte sie gefragt, — und er hatte ein Lächeln dabei gehabt und eine Liebkosung, —: „Wie ist es denn nun, liebes Kind, wärest du bereit, abzureisen, wenn nun die Preußen …“ Er vollendete den Satz nicht, er lächelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so ausgeschlossen, daß die Preußen kämen. Custine hatte Frankfurt aus den Händen gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz zurückgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht auf eine zweijährige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum Eikmeyer, das militärische Orakel des Klubs, geäußert, woher wollte der General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung einzuschließen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefährdeten Boden zu verlassen, und wenn der Vizepräsident der Administration seine Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, daß er, ein Vertreter der Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Würde das nicht heißen, die Bürgerschaft beunruhigen, den Vorsätzen also, mit denen er sein neues Amt übernommen, untreu werden?

„Nun, — diese Bürgerschaft …“ Therese wand ihre Schultern.

„Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, — freilich, da hast du recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, daß ich öffentlich erkläre, daß ich …“

„Daß du was erklärst, Georgie?“

„Nun, daß ich mich von ihnen lossage, weil sie nicht für die Freiheit sind und also wider sie, daß ich mich nur noch als fränkischer Beamter fühle und mithin handele, wie es mich gut dünkt, — und nicht, wie die Rücksicht auf ein verstocktes Publikum es erfordert.“

Therese blickte nachdenklich von ihm zu Karoline.

„Und wenn dies, — wenn diese Lossagung gerade den Erfolg hat, daß die Bürgerschaft sich besinnt, — um dich nicht zu verlieren? Nun, — nimm an, — es wäre alles möglich“ …

George zögerte. Dann lächelte er und sagte auch seinerseits dem Anschein nach zu Karoline:

„Dann freilich wärest du wohl meiner Ehre das Opfer schuldig, noch ein wenig zu verweilen. Vielleicht würdest du dann auch erleben, daß die Preußen gar nicht …“

Therese sagte hastig: „Sie kommen. Wir gehen greuelvollen Szenen entgegen. Was willst du? Brand ist bereit, mich nach Straßburg zu bringen. Er hat die Unbeirrtheit des Unbeteiligten, er sieht klarer als wir alle. Er dringt auf die Abreise!“

„Brand ist ein Knabe und glaubt alles, was Huber ihm vorspricht.“ Karoline, die Schweigsame, war auf einmal so heftig. „Mainz jetzt zu verlassen, — oh, meine Liebe, es fehlt mir an Ausdrücken … Ich habe auch ein Kind …“

Therese sah sie blaß und hochmütig an: „Und spielst va banque mit seinem Leben!“

Die beiden Frauen blickten sich in die Augen:

„Und du, — womit spielst du, Therese?“ — —

Am Montag hatte er die Rede im Klub halten wollen, in der er dem Publikum seinen Standpunkt deklarierte. Es war am Samstag abend, daß Therese, als die Kinder schliefen, zu ihm kam und bebend sagte: „Laß mich doch morgen mit den Kindern fahren, George. Weil doch auch Brand nicht länger warten kann …“

Allerdings hatte Brand fast täglich Mahnungen von dem aufgeregten Lord Dacre, die unterminierte Stadt schleunigst zu verlassen. George argwöhnte nicht ohne Grund, daß es nicht nur das vulkanische Mainz, sondern ebenso das verfehmte Haus des Jakobiners Forster war, das Sr. Lordschaft nicht mehr als Aufenthalt für den Neffen behagte. Er sagte langsam: „Weil Brand nicht länger warten kann, gewiß.“

„George, — ach, warum lächelst du jetzt nur?“

„Weil ich dich so gut verstehe, Therese. Nun, — sieh mich nicht so an, mein Liebling. Ist es nicht seltsam, Kind, daß unsere eigensten Verhältnisse so mit den großen Angelegenheiten der Zeit und der Menschheit zusammenfallen?“

„George, — ich verstehe dich nicht. Du schickst uns mit Brand nach Straßburg …“

George blickte still in sein Licht.

„Ich schicke euch nach Straßburg, — nun gut, Therese, — und …“

„Oh, George, warum sprichst du jetzt so?“

Sie ging weinend hinaus. —

Der Tag war frostig, nebelgrau und feucht. George hatte das Klärchen auf dem Arm und das Röschen an der Hand. Sie standen auf den Stufen des Hauses und sahen zu, wie der große, eilig vollgepackte Koffer hinten auf die Berline aufgeschnallt wurde.

Brand hatte sich schon verabschiedet und war gegangen. Er fuhr mit der Postchaise nach Straßburg, es vertrug sich nicht mit seinen Anstandsbegriffen, im gleichen Wagen mit der Frau seines deutschen Freundes abzureisen. Oh, Mr. Forster hatte keinen Grund, ihm zu danken. Er erfüllte nur seine Pflicht als gentleman. Da denn Mr. Forster seine Frau nicht selbst zu begleiten wünschte …

Dies war Old England, das ihn da mit den Augen einer kühlen Selbstgerechtigkeit noch einmal musterte, wußte George. Er wußte es mit Gelassenheit, wenn er es überhaupt empfand. Er fühlte die warmen kleinen Hände seiner Kinder und sonst nichts. Im Hintergrunde hörte er Theresens Stimme, die der Magd Marianne Anweisungen gab, — Lise fuhr mit nach Straßburg. Oh, beschwörende Anweisungen ohne Zahl. Und daß Marianne am Abend nur nie die warmen Umschläge für den Herrn vergessen möge, die warmen Mehlsäckchen für sein Knie! Die warmen Mehlsäckchen, — jawohl, dachte George. Er hörte ihre Schritte hinter sich. Er ging die Stufen hinunter und gab das Klärchen der Magd zu halten.

„Warum weint Sie denn, Lise, warum denn?“ murmelte er und beugte sich zu Röschen hinunter.

„Warum kommen Sie denn nicht mit, guter Papa?“ Das Kind umklammerte seine Hand. In das ängstliche kleine Gesicht hinein sagte George lächelnd, daß er noch ein wenig hier bleiben wolle, bei den guten Soldaten, und daß er sich dann auch in eine Kutsche setzen und dem Röschen nachfahren würde, zum Christfest, freilich doch, zum Christfest schon! Einen Augenblick versucht, selbst zu glauben, was seine überredende Stimme da sagte, so jammerte doch gleichzeitig sein Herz zu Gott, daß er ihm doch auch einen Trost geben möge, ein Versprechen, — ach, und wenn schon ein unmögliches Versprechen! Aber da stand Therese nun am Wagenschlag, in dem braunen Reisemantel mit den großen perlmutternen Knöpfen, — dies war der Mantel der Abreise am Hochzeitsabend in Göttingen gewesen! Torheit der Erinnerung! — den blauen Schleier fest um den hohen englischen Hut, um das weiße Gesicht geschlungen. Wie in einer wunderlichen Abwesenheit des Geistes tasteten ihre Hände am Gepäck, befahl ihre Stimme Lise, mit den Kindern einzusteigen, fragte nun tonlos: „George, — du fährst doch noch mit uns bis zum Tor?“ Und da er zauderte: „Nein, nein, — du darfst auch nicht den Anschein erwecken, — ich weiß!“ Der Kutscher möge langsam durch die Stadt fahren und am neuen Tor auf sie warten, rief sie, „Dein Hut!“ rief sie, „dein Stock!“ eilte die Stufen hinauf, der verstörten Marianne beides abzunehmen, kehrte noch einmal um, lief ins Haus und kam mit dem wollenen Halstuch zurück. Er hörte indessen den Wagen anrücken, sah die kleinen Gesichter der Kinder, ratlos, wie ihn dünkte, auf sich, auf das Haus ihrer Heimat gerichtet, bis sie entschwanden, fühlte Theresens Hände, die ihm den Schal umknüpften, bebende, kleine Hände, gewiß, er kannte dies Beben, jawohl, und nun ging er, ging mit Therese am Arm die Tiermarktstraße hinauf. Der Hofrat Forster, der Vizepräsident der Administration, hier ging er durch Mainz, seine Gattin am Arm. Kein Grund sich aufzuregen für das Publikum, nicht wahr?

„Du hast so eisige Hände, Georgie, — ich vergaß deine Handschuhe, — ach verzeih!“

„Aber ich bitte dich, Liebe, — das schadet doch nichts. Hast du auch deinen Muff im Wagen, — die Kaninchenkatze, Therese?“

„Oh, Georgie, — oh! Ich habe alles, auch Fußsäcke und den großen Pelz für die Kinder.“

„Das Klärchen hat den Schnupfen …“

„Du hast so schrecklich gehustet vergangene Nacht, Georgie. Vergiß nie den Eibischtee abends. Marianne stellt ihn dir hin, aber du mußt ihn auch trinken. Heiß, Georgie, — ganz heiß!“

„Liebe, du mußt dich nun gar nicht mehr sorgen um mich. Du wirst genug mit euch selbst … Wirst du mit dem Gelde auch reichen?“

„Ach, George!“

„Warum weinst du denn, Liebling? Sei mein tapferes Herz. Alles wird gut. Wenn du dich je in bedrängter Lage siehst, wende dich an Schweighäuser, nicht an Zaukell. Zaukell ist ein guter Geschäftsmann, aber ein zu guter Geschäftsmann.“

„Ach George, — warum an Fremde? Du bist so nah. Denk doch, zwei Tagreisen …“

„Freilich doch, Therese. Ich bin ganz nah.“

„Und du schreibst mir täglich?“

„Ich schreibe dir täglich.“

Sie bogen in die stille Weißliliengasse ein und gingen unter der Zitadelle hin. Sie gingen ganz langsam. Die Domglocken läuteten und den Nebel schwellend zu ungeheurer Klage fielen allmählich alle Kirchen ein. Trommeln rasselten aus den Schanzen.

Sie blieben stehen.

„Oh, Georgie, — du lächelst?“

„Warum soll ich — nicht lächeln, Therese?“

„Oh, George, — du hast das heiligste Herz auf der Welt.“

Er drückte sie still an die Brust. Nach einer Weile zog er sein Tuch und trocknete ihr sanft das Gesicht. „Komm nun, Therese. Die Pferde …“

Sie schritten weiter. Therese sagte stockend:

„George, ach, sei nicht so allein, jetzt, bis du nachkommst.“

„Ach, Therese, — bei so viel Geschäften — und so viel guten Bekannten …“

„Ich denke nur, — Sömmerring ist fort …“

„Ja, Sömmerring ist fort.“

„Und Müller …“

„Ach, — Müller — Aber freilich, ihn hier zu wissen, wäre ganz gut.“

„Aber der gute Lux, George. Wedekind kann dir nichts sein, aber Lux ist so lauter gesinnt. Und George, Karoline, — du sollst Karoline oft sehen.“

„Soll ich das, kleine Therese?“

„Ach, George, — ist sie dir denn gar nichts?“

Er blickte in ihr Gesicht, in dem eine fordernde Frage stand. Brauchte sie auch diesen Trost? Er sagte mitleidig: „Karoline ist mir wohl sehr viel, du Kind.“

Da stand der Wagen unförmig im Nebel. George sagte:

„Therese …“

„George?“

„Ich — möchte dich noch einmal küssen, — hier — allein …“

Ihr weißes kühles Gesicht. Ihre geschlossenen Augen. Ihr süßer, süßer, duldender Mund.

„Hab ich dich oft — ach oft — gequält, mein Herz?“

„Oh, George …“

Der Kutscher über seinen sieben Kragen fluchte schon. Der englische Bereiter sprang vom Bock und riß den Schlag auf. Im Wagen war ein warmes zwitscherndes Nest voller Kissen, Decken und Pelze, die Kinder schmausten mitgenommenen Kuchen, die biedere Lise strickte. Da stieg Therese nun hinein. George wagte es nicht mehr, nach den Kindern zu greifen. Er stand. Er lächelte.

Therese drängte den Schlag, der zufallen wollte, noch einmal zurück, Therese sprang heraus, sie warf sich an Georges Brust.

„Vergib mir, — o vergib!“

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an. Mr. Brands Berline setzte sich schwankend in Bewegung und schaukelte zum Neuen Tor hinaus, auf der Straße nach Speyer, die George vor zwei Jahren heimkehrend von Paris gekommen war. — — —

Wirbelnd hatte die Spindel getanzt; rasend rollte der Schicksalsfaden ab.

Der Deputierte des Mainzer Konvents im Nationalkonvent zu Paris, George Forster, wohnhaft in der Rue des Moulins, Maison des Patriots hollandais, war ein Freund der einsamen Spaziergänge. Dieser gewesene Deputierte eines gewesenen Konvents, nach Paris gesandt vom Vertrauen seiner Mitbürger, die ihren aufgezwungenen Freiheitstaumel seit dem Juli in den Trümmern ihrer von den Preußen zusammengeschossenen Stadt büßten, George Forster, durchwanderte unablässig die Straßen von Paris und machte es mit sich aus, was es heißen wolle, ein Sansculotte des Herzens zu sein.

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Haus und Herd. Er hat sein Zelt, sein Arbeitsgerät, seine Waffe. Sein Lager und seine Feuerstelle sind da, wo der Abend den Wandernden findet. Er ist nicht Patriot, sondern Kosmopolit; er ist Weltbürger. Weiter:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Freund und Gevatter, er vergißt, daß er Eltern und Geschwister besaß. Darum gleichviel, wer hinter ihm drein flucht, gleichviel, ob es Lippen sind, die seinen Namen einst in der Ergriffenheit von Zärtlichkeit und Zuneigung nannten! Er gehört zum heimlichen Orden der Brüder vom reinen Willen. Letztlich:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Weib und Kind. Er fragt nur nach der Idee und dankt dem göttlichen Wesen, wenn es von irdischen Banden ihn löste. —

Er hatte sich mit zwei Gefährten, Lux und Patocki, Ende März nach Paris schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie geilgewordener Spießbürgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus verlassen, den Schauplatz der fürchterlichen Monate des Einsamseins, und Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie war.

Ach, es war durchaus keine Überraschung für ihn gewesen, dies, daß Therese, kaum eine Woche in Straßburg, in ihren Briefen von Feuillants und Rolandisten zu schwärmen begann, charmanten Leuten, deren Überzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen; keine Überraschung, daß sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlägen dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, — den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwörungen des Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wußte, — mit den Kindern Straßburg verlassen und sich nach Neufchâtel, in die neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar ganz außer acht lassend, daß sie nun unerreichbar für einen französischen Staatsbeamten und Bürger geworden, dem das Überschreiten republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine Überraschung endlich, auch dies nicht, daß sie, — nicht unerreichbar für einen deutschen Untertan und sächsischen chargé d’affaires außer Diensten, — seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchâtel lebte, — oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war bei Therese in Neufchâtel, Huber sah sie täglich, Huber unterrichtete das Röschen, Huber sorgte für Theresens Unterhalt, denn wie hätte George bei seinen achtzehn Livres Diäten, die er einstweilen noch bezog, das jetzt vermocht?

Endlich, noch nicht genug, — und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese letzten Schläge erwartet hatte, — keine Überraschung war es, daß sie ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, — und Hubers Bruder, ja, freilich! — auch vor der Welt. Keine Überraschung die grausamen Enthüllungen über die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu machen den Mut endlich fand! Diese Kinder — oh, sie waren ja tot! Auch der kleine Junge — war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?

Keine Überraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine Überraschung, kein Schreck, keine Erschütterung! Er hatte dies alles gewußt. Er hatte wissend daran vorübergelebt, wehrlos, in inbrünstiger Hoffnung vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens. Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in ihm regte, was sich das lange Jahr über, — denn wieder war es Dezember, — an unüberwindlicher Sehnsucht, an unerfüllbarer Hoffnung aufgebäumt und sich Luft gemacht hatte in endlosen Briefen voller Fürsorge und Zärtlichkeit, voller Projekte und Vorschläge für ein gemeinsames Leben, ein Leben zu dreien, — schließlich voller Demut, voller Werbung, die an Bettelei grenzte, — dies alles, er täuschte sich nicht, sein eigener Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen einer sehr teuren Gewohnheit. Er wußte: dies alles würde noch eine kleine Weile so fortgehen. Es würde noch eine kleine Weile dauern und dann würde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann würde nichts sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht des kämpfenden, aber des im Martyrium lächelnden Helden —

Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttäuschung sind gefährlich für den Organismus, in dem sie wüten. Sie hatten einen Sanften und Liebenswürdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bösartig gemacht. Sie hatten für Monate vielleicht einen politischen enragé gezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich seiner politischen Tätigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorüber. Seine Züge waren nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr über starrend in das enthüllte Antlitz des unbedingt Bösen, schwer atmend im Blutdunst der Guillotine, mühte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um die hundertmal verstoßene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte Göttin.

Er war fortwährend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgültigkeit gegen seinen leidenden Körper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen gebeugten Rücken, als gegen ein Kleidungsstück, das man bald abzulegen gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, — in dieser Gleichgültigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhändler Onfroi den Heimweg durch die nebeligen Straßen suchend, ohne Überrock und in jener leisen süßen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen Abend für Abend befiel. Übrigens war ihm dabei durchaus nicht heiter zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklärlichen Angst vor solchen Ausbrüchen einer sonst gebändigten Traurigkeit entfloh und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wege und schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht, sie möchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.

Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf überschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort am Brückengeländer hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.

Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien zusammengebunden waren, seine bloßen Füße steckten in derben Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blähte den weiten, rotgestreiften Kittel und machte, daß der Mann beständig nach seiner Mütze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmütze, die er tief in die Stirn drückte. Übrigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darüber zu wundern, daß er seinen Begleiter ständig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry. Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebräuntes Knabengesicht, wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund und die Hände in den Hosentaschen, — es war Larry, wie er gewesen war, ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hängematte liegend, gelb und ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden, angstvollen Augen.

Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus:

„Beaning, belling, dancing, drinking,

Creaking windows, damning, sinking,

Ever raking, never thinking …“

Ein Lächeln trat auf Georges Lippen und er versuchte zu pfeifen, —

„Live the rakes of Mallow!“

Larry an seiner Seite tat ihm gut. Er würde ihn nicht anrufen, oh nein. Hinter seiner Stirn war das süße Gesumm vollständiger Gedankenauflösung, aber dies wußte er, daß es umsonst war, mit Boten von Larrys Art anzubinden. Er wußte wohl, daß Larry als ein Bote kam. Es war gut, ihn gesehen zu haben, — aber er vergaß ihn auch wieder und vermißte ihn nicht, als er wieder verschwand. Er hatte Larry in den letzten Monaten manchmal gesehen, — oder war es nur, daß er seiner gedacht hatte? George blickte über die gelbe Flut der Seine hinüber zur Notre Dame, die dort drüben in einer Gloriole trüben Abendgoldes, entheiligt, finster und trauervoll ragte, und ging weiter, den Stock hart auf das Pflaster setzend und in der dumpfen Erinnerung, daß er jetzt wohl etwas essen müsse, denn Therese hatte ja geschrieben, er solle sich gut pflegen, — er ging, vor sich hinsehend mit dem Blick jenes Kummers, der von sich selbst nichts mehr weiß, von Menschen gestoßen, ohne daß er es bemerkte, — ein Herr im tabakfarbenen Rock, der die linke Hand gegen die Brust preßte und dem der Hut sehr traurig über den Augen saß. Die Laternen wurden herabgelassen, angezündet und schaukelten nun droben im Nebel, trübe herabglühend, wie blutige Augen eines Himmels, der keine Sterne mehr hat. Willenlos emporblickend sah George jetzt einen Reigen um die schwankenden Feuertulpen, lautlos geschwenkt, wie einen Tanz riesenhafter Motten um das Licht: Leiber, so lang gerenkt, Wangen, bläulich gedunsen, Augen, vortretend, furchtbar, ins Nichts gerichtet. Dem einen quoll die Zunge dick aus dem Munde, dem andern klaffte die Stirn, — alle aber waren hinschwindend, aus Dunst geboren, schattenhaft und von dem armen Licht vollgeflossen, durchsichtige Gebilde, die in der Finsternis zergehen würden. Georges Nacken sank mit einem Ruck vornüber, wie unter einer plötzlich aufgelegten Last, und doch wußte er: das da hatte über ihm gehangen Abend für Abend, wenn er hier gegangen war, dieser stumme, zuckende Tanz der Toten an den Laternen, — er hatte ihn geahnt, gefühlt, und daß er ihn bis heute noch nicht mit Augen gesehen hatte, was machte das für einen Unterschied? Vielleicht sollte er sie heute alle sehen in dieser ersten Nacht der heiligen Zwölf, sie, von denen er wußte, daß sie in diesen Straßen umgingen, die Füße rot vom eigenen Blut, mit der gräßlichen Wunde im Nacken? Er hob den Kopf nicht wieder und dennoch, er sah sie, schleppenden Schrittes, aneinandergelehnt oder einsam, Männer und Frauen, wie er ihren Gang zum Schaffot mitangesehen hatte, getrieben von einer unentrinnbaren peinlichen Begierde zu erleben, wie denn das sei, wenn Menschen von Menschenhand stürben … Er hatte an Agamemnon denken müssen, wie er im Blute sich badete, — sein Weib übrigens war es, das ihn verriet, mit ihrem Liebhaber, das Weib! — an Polyphem, dem der glühende Pfahl im Auge zischte, an die Schlachtung der Freier, — Antinous, dem der Pfeil in die gespannte Gurgel fuhr und der den trompetenden Todesschrei einer Schlachtgans hören ließ, — er erinnerte sich, er erinnerte sich, er kannte sie, diese wahnsinnige, prickelnde, kitzelnde, jagende Angst, in die zu versinken uneingestandene Wollust war. Er kannte sie aus den Phantasien seiner frühesten Kindertage und war jetzt leibhaftig von ihr gepackt worden beim Anblick der Königin im zerfetzten weißen Mantel, angesichts des Leichenzugs von Marat, dessen bläulich fahle Brust mit der schwarzroten Wunde entblößt war, beim Vorüberfahren der Charlotte Corday und der unzähligen andern, die in seinem Gedächtnis namenlos geworden waren und nichts als Masken des Todes. Er sah sie alle, ob er aufblickte oder nicht, und erst als er nun schwindelnd nach der Mauer eines Hauses tastete und mit verödetem Blick in die Wirklichkeit zurückfindend, auf die vorüberdrängende Menge starrte, kam er wieder zu sich; mein Gott, waren sie das, die er als eine geifernde, heulende Meute gesehen hatte, diese hier, lachend, singend, schwatzend und pfeifend, — gezähmt, gutartig, satt vom Blute für heute und begierig nach den unschuldigen Freuden des Daseins? Und gehörte er selbst zu ihnen, konnte auch er morden und weiterleben im Dampf des Blutes wie im Atem junger Frühlingswiesen?

Wieder völlig bei sich, hatte er also Larry gänzlich vergessen und Larry war denn auch verschwunden. George stieg die Stufen des Speisehauses hinauf, wo er zu essen pflegte, ging zwischen den unsauber gedeckten runden Tischen hindurch bis in die hinterste Ecke des schlecht beleuchteten Raumes, legte Hut und Stock ab, betastete mit unruhigen Fingern sein zerknittertes Jabot und ließ einen gehetzten Blick über die anwesenden Gäste gleiten, ein oder zweimal mit einem mühsamen Lächeln den Kopf zum Gruß senkend. Obenhin wurde ihm gedankt, nur ein hageres Männchen, ein verwilderter kleiner Abbé von lumpiger Eleganz mit einer Frisur à la Titus, die ihm den Stempel eines welken Knaben gab, hob sein Glas und trank George mit übertriebener Höflichkeit zu: „Ah, M. le député de Mayence!“ Sein Gefährte, ein dicker kurzhalsiger Mann in Carmagnole und gestreiften Pantalons, ließ nur einen verächtlichen Blick hinüberwandern, ohne seine gedämpfte Rede zu unterbrechen. „Monsieur le Député de Mayence“, das war keine Empfehlung für den Herrn im tabakfarbenen Rock, welcher Rock, wie sein Besitzer es wohl wußte, nicht eben neu aussah, fadenscheinig und blank gescheuert, und der unter der Achsel eine Wunde hatte, eine geplatzte Naht, die nicht mehr zu heilen war, denn der Stoff war mürbe und faserte aus. „Monsieur le Député de Mayence“ war in der ersten Auflage bereits zur Guillotine emporgeklettert, und hatte seine unzeitgemäße Begeisterung für Charlotte Corday mit dem Tode gebüßt; wer aber im Volk war sich wohl klar darüber geworden, für welches Vergehen jener arme Lux seinen runden Schädel hatte lassen müssen, für was er so „mit Freuden“ starb? Er war ein „Député de Mayence“ gewesen, einer Stadt, die Frankreich wieder entrissen worden war, und wer konnte es wissen, vielleicht durch Verrat, wie Francfort. Mancher Pariser Mutter Sohn lag auf den Wällen von Mainz verscharrt, — eh bien, war das nicht Grund genug, einen „Député de Mayence“ feindlich zu mustern? George argwöhnte diese Feindseligkeit auf Schritt und Tritt, indessen focht sie ihn kaum noch an, er war ihrer, — oder seiner Einbildung davon, — so müde wie aller andern Umstände des äußern Lebens. Er bestellte ein wenig zu essen, er bestellte heißes Wasser und Rum und während Bürger Max, der Aufwärter, ein fetter Gascogner, die Speisen majestätisch vor ihn hinstellte, starrte er sonderbar betroffen auf eine Gruppe neuer Gäste, die mit einigem Nachdruck eingetreten war, die beflissen gegrüßt, der neugierig und flüsternd nachgeschaut wurde. Nun, daß der Bürger Robespierre hier zuweilen soupierte, war auch George nichts Neues mehr, er sah auch nicht auf den langen Mann, dessen kleines Haupt auf der hohen Halsbinde ruhte, wie der Kopf eines Reptils, sah nicht auf seine Umgebung von bekannten Journalisten und Montagnards, — er sah auf die Dame im trikoloren Taftkleid, die an seinem Arm ging, sah in dies Gesicht mit dem krankhaft roten Mund, mit den Augen, deren Farbe wie ausgelaugt schien, — und wußte. Es bedurfte nicht der getuschelten Erklärung des Bürgers Max, der, mit hochgezogenen Brauen den namenlos betroffenen Blicken des Gastes folgend, ihm zuflüsterte, dies sei die Prophetin, Madame Théos, die geistige Mutter des großen Robespierre. Eine Ahnung hatte ihm gleich gesagt, dies könne niemand anders sein, als die Seherin, von der es hieß, daß ihre Inspirationen es seien, die über Tod oder Leben entschieden, — ein müßiges Gerücht übrigens, dem Glauben schenken mochte, wer da Lust hatte! Jedoch George hatte diese trikolore Kassandra schon einmal gesehen und während er nun aufstand, um sich mit sonderbarer Feierlichkeit sehr tief zu verneigen, ging es ihm durch den Sinn, was jener mohnrote Mund damals in Cassel zu ihm gesagt hatte:

„Ah, mon pauvre ami,

Au revoir à Paris …“

Er erinnerte sich, damals gelacht zu haben, und er lächelte jetzt. Das Schicksal war eigentümlich scherzhaft, wenn es einmal eine Erfüllung für ihn hatte. Das Schicksal war scherzhaft, darum mußte man heiter sein, besonders da der große Robespierre so süßlich verwundert auf ihn herabsah, Madame Théos völlig an ihm vorüberblickte und nur ein krummbeiniges Individuum aus dem Gefolge, das sich einer roten Mütze und einer schwarzsamtnen Carmagnole rühmen konnte, vor ihm stehen blieb und seine Courteoisie erwiderte, einmal, zweimal, dreimal, die Hand auf dem Herzen, als sei es verantwortlich für die Unhöflichkeit der Dame, die am Arme ihres Begleiters bereits in einem der Nebenräume verschwunden war. „Damals“, dachte George sich einigermaßen erschöpft niederlassend, „spekulierte dieser auf die Gunst deutscher Fürsten und trug Tressenrock und Staatsperrücke. Wir sind mit der Zeit mitgegangen, Confrater!“ Er blickte dem Geschöpf nach und fuhr sich hohnvoll über sein geschorenes Haar, befühlte den bereits recht stattlichen moustache. Von den Leuten, die mit der Gesellschaft Robespierres hereingekommen waren, blieben nun zwei an seinem Tische stehen, Kerner, der Berichterstatter einer Hamburger Zeitung, und Couvé, der Redakteur des Moniteur. Der junge Kerner, von diesen beiden George am nächsten verbunden durch die Reinheit seiner Gesinnung, und seinem Beruf nach eigentlich Arzt, blickte George prüfend an und erklärte dann, an seinem Tisch essen zu wollen, falls er nichts einzuwenden habe, welchem Vorhaben Monsieur Couvé nach einem gelangweilten Blick über die andern Anschlußmöglichkeiten des Lokals auch seinerseits zustimmte.

„Unser Freund“, erklärte Kerner liebenswürdig, als sie saßen, „scheint mir heute Abend ein wenig der ärztlichen Gesellschaft bedürftig! Mein guter Forschter,“ fuhr er fort, aus dem Französischen in sein heimatliches Schwäbisch verfallend und mit den Fingern nach Georges Puls tastend, — „Sie habe hohes Fieber und gehöre heim ins Bett, samt Ihre garschtige Huste!“

George sah ihn freundlich an, aber wie aus einer fernen Fremdnis. „Heim,“ sagte er, — „ich gehöre also heim? Jawohl. Ich will es Ihnen erklären …“

Er wandte sich auf seinem Stuhl und saß nun halb dem Raume zugekehrt, die linke Hand auf dem Tisch ruhend, die Rechte schwer und umständlich bewegend, während er weiter sprach. Um ihn her wurde es plötzlich still; er achtete nicht darauf. Er schien keinen der Menschen zu sehen, die sich mit lachenden, höhnischen und verächtlichen Gesichtern ihm zuneigten, verstummten, andern Schweigen zuwinkten, aus entfernten Ecken vorsichtig näher schlichen in der Erwartung eines ausgesucht komischen Theaters. Dieser Deutsche da, — oder war es ein verfluchter Engländer, verstehen konnte man dies barbarische Idiom ja nicht! — er hatte sich übernommen und klagte nun Gott und die Welt an, wie es die Art dieser traurigen Teufel war, die Öl anstatt Blut in den Adern hatten, das sich nicht mit dem Wein zu einem neuen beseligenden Element vermischen mochte! Denn daß er klagte, — nun das war klar, man brauchte nur dem Tonfall seiner Worte zu lauschen, die in sich zusammengesunkene Gestalt zu sehen, eines alten Mannes ausgehöhlte Gestalt, auf deren hagerem Hals der Kopf mit den blatternarbigen Zügen vornüber hing wie eine unzeitig verwelkte Frucht. Ja, er klagte, — klagte, weil er betrunken war, das war der Grund, nicht wahr, und darum konnte man darüber lachen, sich anstoßen und diese Szene eines Lustspiels genießen wie etwa eine aus dem göttlichen „Eingebildeten Kranken!“ Jedoch war es denn wirklich amüsant? Die Heiterkeit erstarrte, das Lachen erschrak vor sich selbst, das Lächeln gefror auf unbehaglichen Mienen. Denn irgend etwas, — irgend ein tödlicher Hauch ging von der Stimme dieses Mannes aus, die eintönig auf- und abschwoll wie Herbstwind. Ja, er klagte, — und er klagte nicht, weil er betrunken war, alle fühlten es. Versuchten sie noch, Blicke auszutauschen und sich im Spott zu bestärken? Sie versuchten es, aber da war eine Fremdheit zwischen ihnen ausgebrochen, als sei jeder überronnen von durchsichtigem Eis, sie konnten nicht mehr zueinander, verlegen und ratlos wichen ihre Augen sich aus und sahen wieder auf den redenden Mann. Was erzählte er nur, was meinten diese schweren, unverständlichen Worte, an niemand gerichtet, als vielleicht an den gerechten Gott allein, diesen Betrüger, mit dem sie abzurechnen schienen, — leidenschaftslos, nur klagend, klagend!? Er hat Hunger gelitten, wußte auf einmal der Gast, der ihm zunächst in der Ecke saß und sich mit schweigsamer Gier seinen Bohnen gewidmet hatte, bis Georges Stimme ihn aufstörte und er erst ingrimmig wie ein beim Fraß geneckter Hund, allmählich dann dumpf betroffen hinüberstarrte. Seine Kinder haben ihn mit Füßen getreten, — oh, er weiß, wie es ist, — fühlte ein alter Mann. Man hat ihn auf die Straße gesetzt, weil er kein Geld für die Miete hatte. Er ist todkrank und sein Weib hat ihn verlassen. Er hatte Haus und Hof, und man hat ihn ausgesogen, Beere für Beere, nun ist nichts von ihm übrig als der kahle Stengel, von der Rebe losgerissen … Und wieder: Er hat Hunger gelitten! Er schläft des Nachts nicht, — es hat ihn einmal ein Mädchen schlecht behandelt, — oder sein Bruder hat ihn betrogen, — oder sein Freund hat ihn ins Gesicht geschlagen. Er hätte einmal König werden können, aber er war zu feige dazu oder zu schwach. Seine Eltern haben ihn betteln geschickt, als er klein war. Er ist einer von denen aus der Bastille, — das ist er, — sie haben ihn dort begraben, als er jung war, er hat es verlernt zu leben. Und wieder: Er hat Hunger gelitten! — Und abermals: Hunger gelitten! Der Fremde wußte jedermanns Leid und sagte es mit seiner eintönigen Stimme und jedermann hörte sich selbst reden in der Sprache seines verborgenen Herzens, die auch nie ein anderer verstanden hatte. Entsetzliche Einsamkeit drang aus jeder Brust wie ein Schwert aus der Scheide und bedrohte den Nächsten: Hebe dich weg, das ist mein Schmerz! —

Und George redete. Er hatte Kerner vergessen, er wußte nichts von seiner Umgebung. Ach, er redete! Alles, alles löste sich auf einmal, was hart wie Ureis in seiner Seele vergletschert gelegen hatte. Er redete noch, als Kerner ihn unter den Arm gefaßt, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt, den eigenen Überrock um die Schultern gelegt hatte und ihn nun hinausführte, durch neugierige und mitleidige Blicke und Flüsterworte hindurch, hinaus auf die Straße. Er verstummte unter einem schrecklichen Hustenanfall, als die naßkalte Luft ihm in die Kehle drang, und als das überstanden war, lehnte er sich auf den brüderlichen Freund und äußerte nun weiter nichts mehr als „Well, — there he is again!“ Dies konnte nun der Mann aus Schwaben freilich nicht verstehen. Es sollte aber heißen, daß Larry wieder da sei, Larry, der doch den Tod im Skorbut gefunden hatte. Da ging er vor ihnen her, ohne sich umzusehen, die Hände in den Taschen der pludrigen Hosen, vom eigenen sanften Segelwind getrieben, schwebend und lautlos, wie ein Schiff über Wasser gleitet. Er glitt durch die Haustür der Maison des Patriots hollandais, noch ehe sie aufgeschlossen war, und im Schein des dürftigen Öllämpchens konnte George ihn voran die Treppe hinauf eilen sehen, als klömme er im Takelwerk empor. Er stand auch wartend am Bett, solange Kerner sich um George bemühte und ihm beim Auskleiden half, er verschwand erst, als George sich niedergelegt hatte. Kerner schien ihn gar nicht zu bemerken, — nun, und George war ja auch so tödlich müde, er hörte es kaum noch, daß der Freund versprach, für Krankenwärter zu sorgen. —

Von dem äußeren Verlauf der nächsten Tage wußte er später nichts. Als er am Abend des 27. Dezembers ohne Fieber war und man ihm auf sein Bitten dazu verhalf, ein wenig aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen, da er meinte durch diese Veränderung etwas Erleichterung seiner in allen Gliedern wühlenden Schmerzen zu gewinnen, erzählte man dem gebückt Dasitzenden, der mit den schrecklich zitternden Händen die Knäufe der Armlehnen umklammerte, wer alles an seinem Lager gestanden habe, — Onfroi und der gute schottische Freund Christie, Mr. Wollstonecraft, der auf dem Stuhl neben dem Bett sitzend augenscheinlich gebetet habe, der große Merlin de Thionville, dieser mürrisch und unzufrieden, daß jemand, mit dem er hatte disputieren wollen, unzurechnungsfähig vor ihm lag und ganz sinnlos flüsterte, — Monsieur le Professeur Dorsch endlich, der freilich die Kammer schnell wieder verlassen habe, — und dann, das Vorzimmer füllend, die Vielen, die immer kamen, die nichts brachten, nicht nach ihm fragen wollten, sondern seinen Rat, seine Hilfe suchten, armes Volk von Literaten, emigrierte Mainzer, die ihn für ihr Schicksal zur Rechenschaft zogen, und dergleichen Leute.

George lächelte. Nein, er hatte von diesen allen nichts bemerkt. Er hatte andere Besucher gehabt, er meinte, in den letzten Tagen an die tausend Gesichter gesehen zu haben, sie hatten ihn angelächelt und angefratzt, sie waren aus Nassenhuben in Polnisch-Preußen, aus Petersburg, von der Wolga, aus England, aus Afrika und aus der Südsee, schließlich aus allen Städten eines geistigen Europa gekommen, ein summender Schwarm. Er hatte sie verzweifelt gebeten, nacheinander zu kommen, sich in Gruppen zu teilen nach Jahren und Arten, — umsonst, — was je auf den Spiegel des Gedächtnisses gefallen war, jedes Bild quoll hemmungslos hervor und der Wahnsinnsreigen der Erinnerung hatte um sein armes Haupt getobt. Nach zwei Gestalten hatte er zuweilen mit den Händen geschlagen, er wußte es; es waren Therese und der Vater gewesen. Sie sollten sich trennen, nicht fortwährend miteinander flüstern, auf ihn deuten, über ihn lachen …

Es war also viel Besuch dagewesen, oh, ja! Er blickte auf kleine Geschenke, die Kerner ihm zeigte, Wein und Pastetchen, ein allerliebster runder Schinken und eine gestickte Weste, die Christie als ein Geschenk seiner Schwester auf das Tischchen am Bett gelegt hatte. Er sagte unbeteiligt: „Womit habe ich alles das verdient?“ Und dann fragte er nach Briefen. Es waren aber keine gekommen. —

In den nächsten Tagen besserten sich die unerträglichen Schmerzen der Gelenke und des Rückens ein wenig, dafür aber stellte sich die peinlichste Form seines Leidens in Gestalt des skorbutischen Speichelflusses mit seinen widerlichen Begleiterscheinungen ein, wie er sie aus früheren Jahren kannte, und er war betrübt. Er sagte zu Herrn Haupt, einem geflohenen Mainzer, dem er aus Mitleid mit seinem Alter und seiner Ratlosigkeit den Schrecken von Paris gegenüber, durch Übertragung von Schreibarbeiten über schlimme Monate hinweggeholfen hatte und der sich nun mit Kerner und einem jungen Polen in den Krankendienst bei ihm teilte, — zu Haupt also sagte er: „Mußte auch dies noch kommen? Oh, — es ist nicht meinetwegen … Ich wollte ja gern … Oder jedenfalls: ich kenne Schlimmeres. Aber es ist wegen meiner Umgebung. Meine arme Frau litt hierunter mehr als ich selbst.“ Er hielt das Tuch vor den Mund und stützte seinen wankenden Kopf. Haupt erwiderte aufmunternd, er möge die Sache doch nicht schwer nehmen, man sei ja hier unter Männern und die Frau Hofrätin nicht anwesend. George starrte trübe nach der Tür und murmelte geistesabwesend: „Nun immerhin, — es könnte doch sein …“

Er ließ sich Papier und Tinte geben und mit Mirabeau’s „Correspondance secrète“ als Unterlage auf den Knien schrieb er in häufigen Absätzen einen mühsamen Brief. Sie mußte doch wissen, wie es ihm ging, dachte er, und fügte der enthaltsamen Schilderung seiner Leiden ängstlich die Worte hinzu, daß dies alles auf Tatsachen und nicht auf Einbildung beruhe. Denn er wußte wohl, — sie nannten ihn einen Hypochonder.

Übrigens kamen schon am nächsten Tag mehrere Briefe von Therese auf einmal, sie hatten sich durch irgend eine Poststörung verzögert und enthielten, wie immer, heitere und gefaßte Berichte über ihr Leben und das Treiben der Kinder. Therese hatte begonnen, einen Roman zu schreiben und Huber, der herzlich grüßen ließ, versprach sich allerlei Erfolg von dieser neuen Beschäftigung. Nach dem Lesen dieser Briefe legte George eine gewisse törichte Hoffnung beiseite, — dorthin, wo schon viel anderes Unbrauchbares lag, — und erkannte auch sie als einen der letzten Krämpfe jener teuren Gewohnheit des Herzens, von der er doch eigentlich schon losgekommen war. Er hatte nämlich, da die Briefe ausgeblieben waren, im stillen angenommen, Therese sei mit den Kindern unterwegs nach Paris.

Der alte Haupt erklärte ihm, diese Krankheit beruhe hauptsächlich auf Arthritis vaga, der fliegenden Gicht, und predigte mit Behagen über die viererlei Mittel, die dagegen anzuwenden seien, nämlich Kampfer, Salmiak, Opium und Balsam von Mekka. Der alte Haupt war ein unerträglicher Firlefanz. War er einmal ausgegangen, so war es wundervoll still in der Kammer. George lag auf dem Rücken, gerade ausgestreckt, die Hände auf dem Deckbett, gleichmütig hingegeben an die Schmerzen, dankbar empfindend, daß sein Kopf wenigstens frei war. Indessen dachte er nicht viel. Er baute nicht mehr Projekte aus. Es war ihm gleichgültig, ob er in Zukunft weiter in Paris leben würde, oder in England oder in Zürich oder am Ende doch in Altona, — ob der Plan, nach Indien zu gehen, zur Ausführung gelangen würde. Er grämte sich nicht mehr um seine Bücher und Sammlungen in Mainz, von denen ihm bisher kein Mensch hatte sagen können, was nach der Beschießung aus ihnen geworden sei. Er dachte sonderbarerweise manchmal an das kleine Mahagonibureau, das Therese „The Resolution“ getauft hatte, weil es mit in der Südsee gewesen war. Ja, „The Resolution“ hätte hier in der Kammer bei ihm stehen sollen! „The Resolution“ wäre wohl voll Trost gewesen. Er versuchte auch zuweilen an seine Arbeiten zu denken, — nicht an zukünftige, nur an vergangene. Aber dann wollte ihm immer nichts einfallen, als dies, daß er die „Sakuntala“ übersetzt und den Deutschen den Weg nach Indien gezeigt habe. Und wenn er so dachte, dann lächelte er.

Er dachte an die Mutter, die nun alt war. Er dachte an seine Kinder. Er wußte, daß er nicht an Therese und an den Vater zu denken brauchte, weil Larry das nicht duldete. Larry war stets im Zimmer. Manchmal in der Dämmerung ließ er sich sehen, er arbeitete in unsichtbarem Takelwerk und Wind war in seinen Haaren:

Living short but merry lives;

Going, where the wind them drives;

Having sweethearts but no wives;

Live the rakes of Mallow …

Das Leben ebbte Tag für Tag mehr von ihm zurück. Es kam nichts mehr darauf an, was Paris da draußen tat, ob die Gegenrevolution Fortschritte machte, was mit den Rebellen in der Vendée geschah und ob Camille Desmoulins oder sonst jemand neue Journale gründete. Es kam nichts darauf an, daß die Besucher ausblieben, je länger sein Krankenlager dauerte, daß er in den ersten zehn Tagen des Jahres 1794 niemand mehr um sich sah, als Kerner, Haupt und den braven kleinen Nagorsky. Alles war von ihm abgefallen, alles war sehr vereinfacht. Er war beim Minotauros in der Kammer; er war nackt und ganz allein.

George Forster lächelte. Er wußte nun:

Durch die äußeren Gänge des Labyrinthes begleiten uns Jugend und Hoffnung. Wir füllen unser Herz mit Welt und wenn wir leiden müssen, geschieht es ungläubig, als hielten wir es für einen Irrtum der Vorsehung.

Vor den inneren Windungen des Labyrinthes erwartet uns der Schmerz. Er nimmt uns in Empfang und bleibt bei uns, er heilt uns von der Anschauung, daß er ein Irrtum der Vorsehung sei und wir etwa gar nicht gemeint. Er entkleidet uns aller unsrer Hoffnungen und jagt uns nackt durch die entsetzlichen Irrgänge dem furchtbaren Rätsel zu, das da im Herzen der Finsternis die großen Baalsgesänge heult und dem er uns vorwerfen wird, — wenn wir es nicht vorziehen, selbst bis in die letzte Kammer zu gehen, freiwillig, und ohne nach des Opfers Zweck zu fragen.

Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, so haben wir heimgefunden ins Herz der Dinge und Gottes.

Das Labyrinth versinkt und wir sind frei. —

Am 12. Januar gegen vier Uhr nachmittags verließ Haupt den schlummernden Kranken, um einigen eigenen Geschäften nachzugehen. George erwachte eine halbe Stunde später unter einem furchtbaren Brustkrampf, dem er sich ächzend ergab. Mit dem Abklingen des Schmerzes kam eine wunderbare Erleichterung und ein Frieden über ihn und plötzlich sah er Larry am Fußende des Bettes stehen, von geheimnisvollem Licht umflossen und die Hand winkend erhoben. Und Larry sagte:

„Georgie, — komm nun mit!“

George hob den Kopf, — vielleicht glaubte er auch nur, es zu tun, — er streckte die Hand aus und flüsterte: „Ich komme, Larry, — aber wohin?“

Und Larry, der Leichtmatrose von The Resolution, wies nach Osten und sang:

„Nach Indien, George, — nach Indien …“

Als Haupt nachhause kam, war des Kranken Schlummer ein anderer. Er hatte die Hand über die Augen gelegt und atmete leise aus.

Inhalt

König Minos [Seite 3] / Zwischenspiel [Seite 143]
Ariadne [Seite 205]

Buchausstattung von Alphons Wölfle / Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Forsters Vorname wird in diesem Buch durchgängig George geschrieben. Einige wenige, offensichtlich unbeabsichtigte Abweichungen als Georg wurden zu George vereinheitlicht.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer anderen Schriftart markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):